Schlagwort: Kulturkampf

  • TV-Philosoph sieht Meinungsfreiheit in Gefahr

    TV-Philosoph sieht Meinungsfreiheit in Gefahr

    Vergangene Woche hatte ich mich an dieser Stelle über die Prognosefähigkeit von Deutschlands TV-Philosoph Nummer 1 ausgelassen, weil der in 3 Jahren Alice Weidel im Kanzleramt sieht (unter der Voraussetzung natürlich, dass viele Dinge, in diesen 36 Monaten passieren, von denen jedoch keinesfalls sicher ist, ob sie jemals passieren; weswegen es durchaus sein kann, dass die Vorhersage überhaupt nicht eintritt). Bezugnehmend auf ein Interview Prechts in der NZZ. Was mir erst im Nachgang auffiel – da war meine Kolumne allerdings schon raus –: Es ging in dem Gespräch nicht nur um die Kanzlerschaft, sondern es wurde ebenfalls über die (angeblich) gefährdete Meinungsfreiheit in unserem Land geredet.

    Und da ich dieses Thema echt wichtig finde, gibt’s deshalb heute eine Draufgabe:

    Wie Rechte und TV-Philosophen ständig die Meinungsfreiheit bedroht sehen – und warum das bloß ein billiger Taschenspielertrick ist

    Es gibt diese merkwürdige, immer gleiche Szene im deutschen Debattentheater. Jemand mit sehr viel Sendezeit, sehr vielen Büchern im Schaufenster und sehr vielen Einladungen in sehr viele Talkshows erklärt mit ernster Miene: „Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr.“ Applaus brandet auf – nicht etwa von Menschen, die wirklich zum Schweigen gebracht wurden, sondern von denen, die seit Jahren zuverlässig jede Bühne bespielen, die man ihnen hinstellt.

    Aktuell ist es mal wieder Richard David Precht, der Deutschen liebster Welterklärer, der ohne auch nur eine Sekunde zu zögern in jedes Mikrofon spricht, das man ihm vor die Nase hält. „Der Philosoph sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet“, meldete die NZZ am 27.01.2026. Man könnte meinen, jemand habe ihm den Stift weggenommen, seine Bücher verboten, sein Podcast-Feed gelöscht. Doch nein: Precht ist allgegenwärtig. Er ist Talkshow-Dauergast, Bestsellerautor, Podcaster, Leitartikler. Wenn das „Gefahr“ ist, dann möchte man den Zustand der Sicherheit erst gar nicht kennenlernen.

    Der rechte Mythos vom engen Meinungskorridor

    „Meinungskorridor“, „Cancel Culture“, „Mainstream-Medien“ – diese Begriffe sind die Heilige Dreifaltigkeit eines Diskurses, der sich selbst für rebellisch hält, während er längst zum Standardprogramm der rechten Empörungsindustrie gehört. Das Narrativ ist immer gleich: Es gibt ein Kartell aus progressiven Eliten, Journalisten, Wissenschaftlern und „woken Aktivisten“, das abweichende Meinungen unterdrückt. Wer trotzdem etwas sagt, wird „gecancelt“ – also moralisch vernichtet, beruflich ruiniert, sozial geächtet.

    Das Problem: Diese Geschichte ist empirisch nicht nachweisbar. Die angeblich Mundtotgemachten sind in der Regel Menschen mit Reichweite, Macht und finanzieller Absicherung. Sie sind Kolumnisten großer Zeitungen, Professoren mit Lehrstühlen, YouTuber mit Millionenpublikum. Sie werden nicht gecancelt – ihnen wird widersprochen. Und das ist, man höre und staune, ebenfalls Meinungsfreiheit.

    Meinungsfreiheit heißt nicht Widerspruchsfreiheit

    Der zentrale Taschenspielertrick besteht darin, Kritik als Zensur umzudeuten. Wer widerspricht, wird zum Zensor erklärt. Wer protestiert, wird zum Feind der Freiheit. Wer einen Boykott fordert, gilt als totalitärer Aktivist. Dabei ist all das selbst Ausdruck von Meinungsfreiheit. Niemand hat ein Grundrecht darauf, unwidersprochen zu bleiben. Es gibt kein Menschenrecht auf Applaus.

    Die rechte Rhetorik verschiebt die Begriffe so lange, bis alles verschwimmt. „Cancel Culture“ wird zur Chiffre für jede Form sozialer Sanktion. Wenn ein Verlag ein Buch nicht drucken will: Cancel Culture. Wenn ein Sender jemanden nicht einlädt: Cancel Culture. Wenn Menschen auf Twitter sagen, dass sie jemanden unsympathisch finden: Cancel Culture. Der Staat spielt dabei oft gar keine Rolle – und genau das ist der Punkt.

    Denn Meinungsfreiheit ist primär ein Abwehrrecht gegen den Staat. Es schützt vor staatlicher Zensur, vor Verboten, vor Repression. Es schützt nicht vor den Reaktionen anderersdenkender Bürger. Wer das  nicht akzeptiert, möchte im Grunde die Gesellschaft zur Applausmaschine umbauen.

    Die Mainstream-Medien als Feindbild

    Besonders beliebt ist das Schlagwort von den „Mainstream-Medien“. Es suggeriert Gleichschaltung, Monopol, Ideologie. Tatsächlich ist die deutsche Medienlandschaft pluralistischer als je zuvor: Von linksprogressiv bis marktradikal, von öffentlich-rechtlich bis libertär, von Boulevard bis Feuilleton. Dass bestimmte Positionen häufiger vertreten sind als andere, ist kein Beweis für Unterdrückung – sondern schlicht Ausdruck gesellschaftlicher Mehrheiten.

    Doch Mehrheiten sind in diesem Narrativ per se verdächtig. Wer von Mehrheiten spricht, gilt als Konformist. Wer sich dagegenstellt, als mutiger Dissident. Das ist intellektuell bequem und moralisch lukrativ. Man kann sich als Galilei fühlen, während man im ZDF sitzt. Die Pose des verfolgten Denkers ist attraktiver als die Mühe, seine Thesen empirisch zu untermauern.

    Der Blick nach Amerika: Wenn die Bedrohung real ist

    Das wirklich Absurde an dieser Debatte ist, dass es reale Bedrohungen der Pressefreiheit gibt – nur kommen sie nicht von den üblichen Verdächtigen. Wer wissen will, wie staatliche Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit aussieht, muss nicht in deutsche Talkshows schauen, sondern in die Vereinigten Staaten unter Donald Trump.

    Dort werden Journalistinnen und Journalisten systematisch diffamiert, Medien als „Feinde des Volkes“ bezeichnet, kritische Reporter von Pressekonferenzen ausgeschlossen, staatliche Informationen selektiv verteilt. Whistleblower werden verfolgt, investigativer Journalismus behindert, unabhängige Medien delegitimiert. Das ist keine „Cancel Culture“, das ist Machtpolitik gegen die Öffentlichkeit. Wer in Deutschland ernsthaft von Diktatur des Meinungskorridors spricht, sollte einmal ein White-House-Briefing mit Trumps Pressesprecherin Leavitt besuchen.

    Precht als Symptom – und seine Mitstreiter

    Precht ist dabei allerdings weniger Ursache als Symptom. Er artikuliert ein Gefühl, das in Teilen des Bürgertums weit verbreitet ist: die Sorge, den kulturellen Ton nicht mehr anzugeben. Früher definierten die Etablierten, was sagbar ist. Heute widersprechen jüngere Generationen, Minderheiten, Aktivistinnen. Das fühlt sich für manche wie Zensur an, ist aber in Wahrheit Demokratisierung.

    Precht selbst liefert reichlich Material für dieses Narrativ. Er beklagt, die „sozialen Kosten, seine Meinung zu sagen, sind stark gestiegen“ (Berliner Zeitung). In Talkshows spricht er von einer „gesellschaftlichen Ächtung für freie Meinungsäußerungen“. Im Podcast Lanz & Precht warnt er, die Meinungsfreiheit sei „gefährdet“, und bei Markus Lanz erklärt er: „Die Grenzen der Meinungsfreiheit fangen bei der Selbstzensur an“. Selbstzensur – also die eigene Vorsicht im Umgang mit Kritik – wird zur staatlichen Repression umgedeutet.

    Prechts Co-Autor Harald Welzer hat dieses Gefühl in Buchform gegossen. In „Die vierte Gewalt“ behaupten beide, Medien und Politik erzeugten künstliche Mehrheitsmeinungen und engten den Debattenraum systematisch ein. Welzer fabuliert von einer „gemachten Mehrheitsmeinung“. Kritiker warfen dem Buch vor, es operiere im Behauptungsmodus und liefere kaum empirische Belege. Aber das ist ja gerade der Trick: Wer von Meinungskorridor spricht, muss keinen beweisen, er muss ihn nur fühlen.

    Noch direkter formuliert Ulf Poschardt seine Kulturkampf-Ängste. Über die Pandemiepolitik sagte er: „Corona hat mich eigentlich radikalisiert“ und sprach von einem moralischen „Terrorregime“ der Eliten. Wenn der Chefredakteur eines der reichweitenstärksten Blätter des Landes von Terror redet, während er täglich Leitartikel publiziert, ist das weniger Analyse als Pose.

    Auch der Medientheoretiker Norbert Bolz warnt seit Jahren vor einem Klima, in dem Abweichler mit „massiven beruflichen Sanktionen“ rechnen müssten, wenn sie vom Mainstream abweichen. Das mag sich dramatisch anhören, ist aber selten belegt – und oft vor allem Gefühlspolitik derjenigen, die es nicht gewohnt sind, dass ihnen Widerspruch entgegenbrandet.

    Das Geschäftsmodell mit der gekränkten Meinungsfreiheit

    Man sollte dabei nicht unterschätzen, wie lukrativ die permanente Beschwörung der bedrohten Meinungsfreiheit inzwischen ist. Für Precht & Co. ist das Lamento nicht nur Haltung, sondern auch Geschäftsmodell. Wer behauptet, man dürfe „nichts mehr sagen“, sagt in der Regel sehr viel – und verkauft dabei Bücher, Podcasts, Bühnenauftritte und Talkshowformate. Empörung ist eine verlässliche Währung im Aufmerksamkeitsmarkt, und nichts generiert mehr Reichweite als das Gefühl, unterdrückt zu werden. Das Narrativ vom engen Meinungskorridor ist perfekt: Es macht den Sprecher zum Dissidenten, immunisiert ihn gegen Kritik und garantiert mediale Dauerpräsenz. Der angeblich verengte Debattenraum wird so zur Bühne, auf der sich dieselben Figuren immer wieder als mutige Grenzgänger inszenieren – und aus der Pose der Bedrohten ein stabiles Einkommen ziehen. Meinungsfreiheit als Markenstrategie, Empörung als Content, Opfergehabe als Geschäftsplan.

    Warum das Opfer-Narrativ so verführerisch ist

    Warum also halten sich diese Klagen über den engen Meinungskorridor so hartnäckig? Weil sie psychologisch funktionieren. Wer sich als Opfer einer übermächtigen Mehrheit inszeniert, immunisiert sich gegen Kritik. Jede Gegenrede bestätigt die eigene These. Widerspruch wird zum Beweis für Unterdrückung. Es ist ein hermetisch abgeschlossenes Weltbild.

    Zugleich ermöglicht es moralische Selbstaufwertung. Man ist nicht einfach jemand mit einer unpopulären Meinung – man ist Freiheitskämpfer. Man ist nicht jemand, der Unsinn redet – man wird mundtot gemacht. Diese Rhetorik verwandelt jede Debatte in einen Kulturkampf und jede Kritik in eine existenzielle Bedrohung.

    Demokratisierung fühlt sich für Privilegierte wie Zensur an

    Vielleicht ist das der Kern des Problems: Demokratisierung fühlt sich für Privilegierte wie Zensur an. Wenn plötzlich mehr Stimmen gehört werden, wenn Minderheiten widersprechen, wenn Aktivisten die moralische Agenda mitbestimmen, verliert die alte Sprecherelite ihre Deutungshoheit. Was früher selbstverständlich war, wird verhandelbar. Und Verhandelbarkeit fühlt sich für diejenigen, die es gewohnt sind, Recht zu haben, wie ein Verlust an Freiheit an.

    Die Ironie der Freiheit

    Die Ironie ist, dass gerade diejenigen, die am lautesten „Meinungsfreiheit!“ rufen, häufig selbst wenig tolerant gegenüber abweichenden Meinungen sind. Freiheit wird selektiv verstanden – für sich selbst, nicht für andere. Wer gegen Migration polemisiert, argwöhnt Gesinnungsdiktatur, sobald ihm widersprochen wird. Wer Gendern ablehnt, sieht sich als Opfer eines Sprachregimes, fordert aber gleichzeitig, andere sollten gefälligst „normal“ sprechen. Die Freiheit der anderen ist oft nur lästig.

    Robuster als behauptet

    Die Meinungsfreiheit in Deutschland ist robust. Sie wird täglich genutzt – von Linken, Liberalen, Konservativen, Rechten. Sie wird manchmal strapaziert, oft missverstanden, selten wirklich gefährdet. Wer sie dennoch permanent bedroht sieht, betreibt ein rhetorisches Kunststück: Er verwandelt Privileg in Unterdrückung und Widerspruch in Zensur.

    Das ist jedoch kein philosophischer Tiefgang, sondern bloß ein rethorischer Taschenspielertrick. Und vielleicht sollte man, statt immer wieder über den angeblich engen Meinungskorridor zu klagen, einfach akzeptieren: Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden, lauter, widersprüchlicher. Das bedeutet keine Bedrohung der Freiheit. Das ist ihre Verwirklichung.
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    Genutzte Quellen:

    1. Richard David Precht, Der Philosoph sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet, Neue Zürcher Zeitung, 27. Januar 2026.

    2. Richard David Precht, mehrere Interviews in Berliner Zeitung zum Thema „Öffentlichkeit, Debattenkultur und Diskursverengung“.
    z.B.: Ich kann wunderbar damit leben, dass mich jemand Schwachkopf nennt. Interview in: Berliner Zeitung, 17. Oktober 2025.

    3. Markus Lanz und Richard David Precht: Sagen, was ist: Wie gefährdet ist unsere Meinungsfreiheit?
    Podcast Lanz & Precht, Ausgabe 194, ZDF, 2025.

    4. Richard David Precht in der Talkshow Markus Lanz, ZDF, Sendung Mai 2025 (Thema: Meinungsfreiheit, Selbstzensur, Diskursklima).
    gefunden in Münchner Merkur: Lanz und Precht sorgen sich um die Meinungsfreiheit, 31.05.2025

    5. Richard David Precht und Harald Welzer, Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist (Frankfurt am Main: S. Fischer, 2022).

    6. Ulf Poschardt, diverse Kolumnen zu Cancel Culture, Meinungsfreiheit und Illiberalisierung des Diskurses“.
    z.B.: Nur Pseudo-Liberale leiden an der Meinungsfreiheit. Die Welt, 16. April 2022.

    7. Norbert Bolz, Die Konformisten-Rebellion. Wie wir in der Konsensgesellschaft unsere Freiheit verspielen (Paderborn: Wilhelm Fink, 2017).
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    Lesen Sie auch: Facebook kann Meinungsfreiheit völlig egal sein
    Meinungfsreiheit in Facebook
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  • Und täglich grüßt der Islam

    Und täglich grüßt der Islam

    Ich hätte eine Wette drauf abschließen sollen: nach Burka, Kopftuch, (angeblicher) Gewaltbereitschaft arabischer, junger Männer und der Causa Özil & Gündogan geht’s nun los mit dem Thema „Ramadan für Jugendliche“ … als ob Muslime ihre Kinder verhungern und verdursten lassen.

    Mir geht diese dummdreiste Islamophobie des deutschen Spießbürgers, der seinen eigenen Nachwuchs mit Fastfood vergiftet, mittlerweile derartig auf den Sack. Ich kann’s gar nicht in den passenden Worten ausdrücken, ohne Gefahr zu laufen, von Facebook für mehrere Monate gesperrt zu werden

    schrieb ich am Samstagmittag in meinem Facebookprofil und erntete binnen weniger Stunden mehr als 200 Kommentare, die vom Tenor her weit streuten:

    (a) Und dann wird sich im zweiten Atemzug drüber aufgeregt, dass der Islam dauerpräsent ist und man das Thema nicht mehr sehen, lesen, hören mag. Ja, warum bloß, ihr Idioten!

    (b) Nur, dass Dehydratation und in der Folge Exsikkose, besonders bei Kindern und Jugendlichen, rein gar nichts mit Religion zu tun haben.

    (c) Fasten für Kinder ist Affenscheiße. Vegane Ernährung für Kinder ist Affenscheiße. Einseitige Fast Food Ernährung für Kinder ist Affenscheiße. Wer so etwas macht? Keine Ahnung. Wenn aber, dann Sorgerecht entziehen.

    (d) Es fasten nur die Eltern: Kinder, Kranke, Schwangere fasten nicht, jedenfalls nicht bei den Muslimen in meinem Umfeld.

    (e) Ganz ehrlich, es geht doch ohnehin keinem davon wirklich um die Kinder. Das sind meist genau die Menschen, die jubeln wenn ein solches Kind sterben würde.

    (f) Nun aber es geht auch darum das diese Kinder sich nicht im Unterricht konzentrieren können und man Rücksicht nehmen soll … keine Prüfungen (ab Mai sind aber alle Prüfungen), Kein Sport usw.

    (g) Ist doch ganz einfach geht doch in die Türkei oder einengenderen Islamischen Staat, dann müsst ihr angeblichen nicht Spießer das nicht mehr hören.

    (h) Vielleicht machst du es dir doch ein bisschen einfach , das Thema scheint doch etwas komplexer zu sein !

    (i) Und Kinder mit Nahrungsmittelentzug zu quälen ist Kindesmisshandlung. Für diese Erkenntnis muss man nicht im Gesamtpaket des braunen Dreckspacks stecken. Dafür reicht schlichter Humanismus.
    (a) bis (i) FB-User

    (j) Lieber Henning, sprich mal mit Lehrer/Innen an Schulen, an denen immer mehr Kinder und Jugendliche fasten, an denen Eltern fordern, im Ramadan keine Sportfeste zu veranstalten, keine Klassenarbeiten zu schreiben und auch ansonsten einen Monat lang auf alles zu verzichten, was ihre fastenden Kinder zusätzlich belasten könnte, an denen Kinder attackiert werden, die in den Pausen ihr Brot auspacken und an denen es – wie in diesem Jahr – fast zu Schlägereien kam, weil die türkischen Kinder schon am 16. fasteten, während die tschenischen erst am 17. mit dem Fasten begannen und am 16. noch genüßlich ihre Pausenbrote gegessen haben. Es ist nicht die sogenannte Mehrheitsgesellschaft, die solche Themen in die Öffentlichkeit trägt, sondern eine wachsende Gruppe identitärer Muslime, die den Rest der Gesellschaft mit ihren religiösen Forderungen belästigt.
    (c) Mit-Kolumnist Heiko Heinisch

    Ein Kommentator verstieg sich zu der Behauptung, ich würde mit meinem Post Volksverhetzung betreiben, da ich alle, die anders denken als ich, in die Fascho-Ecke stelle. Was natürlich voraussetzt, dass Spießer immer rechts zu verorten sind.

    Islam zieht immer

    Islam zieht halt immer. Keine andere Materie schafft es, so viel Aufmerksamkeit und Empörung zu generieren. Kein anderes Thema – hier in Köln selbst der FC nicht – wird mit dieser Hartnäckigkeit und Penetranz bespielt. Gut für uns Kolumnisten, weil wir ständig was darüber schreiben können, allerdings schlecht für die Gesellschaft. Denn losgelöst vom hellblau-braunen Wir-brauchen-einen-Sündenbock-Mantra schwappt die trübe Der-Islam-gehört-nicht-hierher-Brühe mittlerweile weit ins bürgerliche Lager hinein.

    Da erklären dann in Facebook der brandenburgische Sanitärtechniker Hubert K., der am Samstagabend betrunken gerne mal seine Familie verprügelt, dem türkischstämmigen Mehmet, weshalb das patriarchale Menschenbild des Islam nicht zum christlich-jüdischen Abendland passt. Die ihre Kinder mit Fastfood und Schokoriegeln vergiftende Hausfrau Magdalene B. aus Gelsenkirchen-Buir regt sich im Thread nebenan über die Knabenbeschneidung und das an Ramadan geltende Fastengebot auf. Ehepaar Huber aus Traunstein, sie zu Hause in Schürze und draußen im Dirndl unterwegs, weil ihr Mann das schön findet, weiß zu berichten, dass das Kopftuch ein Unterdrückungssymbol darstellt, während Oberstudienrat Meier, der im vergangenen Jahr seinen Sommerurlaub im Heiligen Land verbrachte, darauf hinweist, dass der Islam von den drei Buchreligionen die jüngste und damit zwangsläufig intoleranteste ist, was logischerweise bei seinen Anhängern zu hohem Aggressionspotenzial führt. Weshalb diese Glaubensrichtung nicht kompatibel mit unserem Grundgesetz sei. Heinz W. aus Köln-Nippes macht sich große Sorgen wegen des importierten Antisemitismus, vertritt aber im kleinen Kreis hinter vorgehaltener Hand die Meinung, dass die Juden schon auch selbst ein bisschen Schuld an ihrem Schicksal haben, weil sie sich halt partout nicht assimilieren wollen, gerne geheimbündeln und mit den Rothschilds das internationale Finanzkapital dominieren und dies zum Nachteil des deutschen Sparbuch- und Reihenhausbesitzers perfide lenken. Von den hochwissenschaftlichen Facebook-Debatten zur Burka, dem Halal-Schlachten und dem Wunsch einiger muslimischer Frauen, von Männerblicken ungestört in deutschen Hallenbädern zu schwimmen, will ich gar nicht erst anfangen. Dieser textliche Wahnsinn würde den Umfang der Kolumne sprengen.

    Deutschland: unselige Tradition von Kulturkämpfen

    Es geht den Islam-Bashern, und das sind mittlerweile erschreckend viele, allerdings gar nicht ums Einzelthema. Über das man unter vernünftigen Leuten durchaus diskutieren kann. Beispielsweise ist es wirklich übel, wenn Kinder im Hochsommer weder essen noch trinken und in der Folge in ihren schulischen Leistungen abfallen. Aber: es ist nur eine kleine Minderheit der Muslime, die so verfährt. Der Großteil liebt seine Kinder genauso wie wir Christen, Juden, Atheisten etc. es tun und lässt sie selbstverständlich auch während des Ramadans Nahrung zu sich nehmen. Aber das interessiert den gemeinen Durchschnitts-Islamophoben gar nicht. Die einzelnen Aspekte der Kritik dienen bloß dazu, negative Stimmung gegenüber einer Volksgruppe zu schüren und durch ständiges Zündeln einen Keil in die Gesellschaft hineinzutreiben. In der unseligen Tradition der Kultur- und Religionskämpfe, wie sie Bismarck gegen die Katholiken, die Nazis gegen die Juden und die Adenauer-CDU gegen die Sozialisten betrieben. Am Ende nie ein Sieger, nur Verlierer.

    Ich frage mich deshalb manchmal: Welches Ziel, abgesehen von der Lust am hemmungslösen Pöbeln und faktenfreien Diskutieren, steckt dahinter? Alle Muslime raus aus Deutschland oder gar Europa? Gute Türken sind nur diejenigen, die schweigend für wenig Geld die Arbeiten erledigen, auf die wir selbst keine Lust haben? Und sobald sie das Rentenalter erreichen, verschwinden sie wieder ohne zu murren zurück in ihre ostanatolischen Bergdörfer. Ist es das, was wir wollen? Falls ja: es wird nicht funktionieren.

    Strategischer Unsinn

    Es ist, strategisch betrachtet, kompletter Unfug, den Islam und die Umma zu künstlichen Feindbildern hochzujazzen. Sie sind viele, bekommen mehr Kinder als wir, sind fleißig, genügsam, zäh, noch fähig, an irgendwas jenseits des Bruttoinlandsprodukts zu glauben und werden uns verweichlichte und einem ungesunden Individualismus frönende Westler sicher überleben. Aber: Menschen, die an Phobien leiden oder sich gar in ihrer Politik davon leiten lassen, denken nie strategisch. Meist beschränken sie sich auf das Operative (z.B. Bau von Ankerzentren oder „ab sofort nur noch Sachleistungen für Flüchtlinge“), hin und wieder begegnet man einem Taktiker, der die negative Stimmung auffängt, kanalisiert und zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Einige Innenminister praktizieren das im Moment so. Das war’s dann aber auch schon mit Überlegungen zu diesem Thema. Über die größeren Zusammenhänge, wie schafft man es, die beiden – räumlich eng beieinander liegenden – Kulturkreise miteinander in Einklang zu bringen, darf sich dann der Papst Gedanken machen. Aber den mögen die Hardliner ja ebenfalls nicht, weil er ständig zu Versöhnung an Stelle von Spaltung aufruft.

    Anstatt also jeden Tag aufs Neue mit irgendeinem frisch aus dem hellblauen Zylinder gezauberten Thema knapp fünf Millionen Menschen, von denen 99.9% friedfertig unter uns leben, hart arbeiten und genau wie der deutsche Michel pünktlich ihre Steuern zahlen, zu belehren und deren Glauben zu beleidigen, sollten wir uns den wirklich drängenden Problemen in unserem Land zuwenden. Sie kennen kein dringenderes als den Islam? Tut mir echt leid für Sie. Ich schon.