Schlagwort: Liebe

  • Drei und ein Liebesgedicht

    Drei und ein Liebesgedicht

    Der Sommer ist heiß, ich schwitze tagsüber, wälze mich nachts im Bett, höre den Mücken zu, wie sie um mich herum schwirren, bevor sie zur Landung ansetzen, zähle morgens die Einstiche, der Kaffee kälter als die Temperatur in meiner Küche, duschen verschafft Linderung für maximal dreißig Minuten, dann klebt das Hemd schon wieder wie Neopren am Oberkörper. Ich bewege mich langsam, esse wenig – allerdings zu viele Zitronenbällchen in der Eisdiele Belluno –, schütte literweise Wasser, Coke Zero, Grapefruitlimo in mich rein, denke jenseits der 35 Grad bloß noch im Zeitlupentempo, habe Mühe, mehrere zusammenhängende Sätze aneinanderzureihen, stelle Wortfindungsschwierigkeiten bei mir fest. Eigentlich sollte die Republik für sechs Wochen komplett schließen und ans Meer fahren. Aber wir Kolumnisten lassen uns ja vom Wetter – oder ist es das Klima? Komme da ständig durcheinander – nicht unterkriegen und hauen sogar unter extremen Witterungsbedingungen unsere Texte raus.

    Sie wollen heute mal wieder einen politischen Beitrag von mir lesen, damit Sie sich im Anschluss in den Kommentarspalten so richtig auskotzen können? Ich muss Sie enttäuschen. Jetzt gerade ist mir mehr nach Liebesgedichten. Über die können Sie sich gerne ebenfalls auskotzen, wobei ich vermute, dass Sie einen Jambus nicht von einem Trochäus unterscheiden können, und Songtexte von DJ Ötzi für hohe Poesie halten.

    Bukowski liegt schon lange unter der Erde

    Vor drei Tagen hatte übrigens Bukowski Geburtstag. Ja ja, ich weiß, dass der schon seit zweieinhalb Jahrzehnten unter der Erde liegt. Wäre sein 98ster gewesen. Geboren am 16. August 1920 im beschaulichen Andernach, malerisch gelegen am Fuß der Vulkaneifel mit schönem Blick über den Rhein, der hier Stromkilometer 612 durchfließt, auf die am jenseitigen Ufer schroff ansteigenden Hügel des Westerwalds. Als Sohn eines polnischstämmigen US-Besatzungssoldaten und der reizenden Bürgerstochter Katarina Fett. 1923 bestieg die kleine Familie in Bremerhaven ein Schiff – Namen des Kahns habe ich vergessen – und übersiedelte nach Los Angeles, wo der Autor den Großteil seines restlichen Lebens verbrachte. An Ort und Haus seiner Geburt, in dem heute ein Karnevalsshop untergebracht ist, kehrte Bukowski erst in den späten 70ern für eine kurze Stippvisite zurück. Der alten Heimat verbunden blieb er vor allem durch den Kontakt zu seinem Onkel Heinrich – Bruder der Mutter –, der ihm jede Weihnachten einen Kasten Müller-Thurgau (lieblich) aus dem Ahrtal nach East Hollywood schickte.

    Bukowskis Œuvre ist gewaltig: vierzig Bücher und Bände mit Short Stories und Gedichten entstanden im Zeitraum von 1960 bis 94. Hinzu kommen drei Romane, von denen der erste  Der Mann mit der Ledertasche (1971) mein persönlicher Liebling ist.

    Bei all seiner vordergründigen Misanthropie, Bärbeißigkeit und offenkundigem Hang zu Alkohol und schnellem Sex hat er wunderschöne Liebesgedichte hinterlassen, von denen ich nun drei vorstellen werde. Auf Englisch, weil Sprachmelodie und Gedanken im Original klarer herauskommen als im Deutschen. Wäre heute ohnehin zu faul, die Texte zu übersetzen. Kolumnistentum ist übrigens unbezahlte Arbeit am Wochenende. Wussten Sie das überhaupt?

    3 love poems

    LAYOVER
    Making love in the sun, in the morning sun
    in a hotel room
    above the alley
    where poor men poke for bottles;
    making love in the sun
    making love by a carpet redder than our blood,
    making love while the boys sell headlines
    and Cadillacs,
    making love by a photograph of Paris
    and an open pack of Chesterfields,
    making love while other men – poor fools –
    work.

    That moment – to this …
    may be years in the way they measure,
    but it’s only one sentence back in my mind –
    there are so many days
    when living stops and pulls up and sits
    and waits like a train on the rails.
    I pass the hotel at 8
    and at 5; there are cats in the alleys
    and bottles and bums,
    and I look up at the window and think,
    I no longer know where you are,
    and I walk on and wonder where
    the living goes
    when it stops.

    Liebe auf einem Teppich roter als unser Blut, hat was. Starkes Bild.
    Uns lieben, während andere – arme Idioten – arbeiten müssen: Die kalifornische Art und Weise, La dolce vita zu sagen.

    RAW WITH LOVE
    Little dark girl
    kind eyes
    when it comes time to
    use the knife
    I won’t flinch and
    I won’t blame
    you,
    as I drive along the shore alone
    as the palms wave,
    the ugly heavy palms,
    as the living does not arrive
    as the dead do not leave,
    I won’t blame you,
    instead
    I will remember the kisses
    our lips raw with love
    and how you gave me
    everything you had
    and how I
    offered you what was left of
    me,
    and I will remember your small room
    the feel of you
    the light in the window
    your records
    your books
    our morning coffee
    our noons our nights
    our bodies spilled together
    sleeping
    the tiny flowing currents
    immediate and forever
    your leg my leg
    your arm my arm
    your smile and the warmth
    of you
    who made me laugh
    again.
    Little dark girl with kind eyes
    you have no
    knife. The knife is
    mine and I won’t use it
    yet.

    Hat er sie getötet?
    Sie ihn?
    Er sich selbst, nachdem die Liaison endete?
    Dient das Messer einzig dazu, das Band der Liebe zu zerschneiden?

    Dein Lächeln und die Wärme, die mir ein Lachen auf die Lippen zaubern: Wunderschöne Liebeserklärung.

    FOR JANE
    225 days under grass
    and you know more than I.
    They have long taken your blood,
    you are a dry stick in a basket.
    Is this how it works?
    In this room
    the hours of love
    still make shadows.

    When you left
    you took almost
    everything.
    I kneel in the nights
    before tigers
    that will not let me be.

    What you were
    will not happen again.
    The tigers have found me
    and I do not care.

    Nach 225 Tagen unter Dauerstrom verlässt sie ihn Hals über Kopf. Und er, alleine zu Hause in der ausgeräumten Wohnung sagt: „In diesem Raum werfen die Stunden unserer Liebe immer noch lange Schatten“: Wow!  Prägnanter kann man Schmerz und Leere nicht ausdrücken.
    „Die Tiger haben mich gefunden, und mir ist es egal.“ Genau so fühlt sich Liebeskummer an, der einer mittelschweren Depression gleicht.

    Ich möchte die Gedichte weder langatmig interpretieren, noch totanalysieren, sondern einzig auf mich wirken lassen. Wer noch über einen letzten Rest Empathie verfügt, spürt, dass sich hinter dem ganzen Dreck, dem Suff, dem häufig miesen Lyrischen Ich ein hochsensibler Mann verbirgt, der zeitlebens auf der verzweifelten Suche nach Nähe war. Ein kalifornischer Steppenwolf. Ein LIEBENDER! Es ging ihm niemals darum, sich in billigen Absteigen von fetten Nutten das Gehirn aus dem Schädel vögeln zu lassen; er will uns mit diesen grellen Bildern bloß das Dasein mit all seiner Härte zeigen. Niemand beschrieb den tristen Alltag der Menschen und ihre widersprüchlichen Gefühlslagen so exakt wie der misanthrope Schriftsteller aus East Hollywood. Wenn ihn der Blues packte – und der hätte ihn heute bei all den Trumps, Johnsons, Le Pens, Salvinis und Gaulands ganz sicher gepackt –, zog er sich in sein kleines Arbeitszimmer zurück und dichtete die Nächte durch. Von ihm stammt das Bonmot:

    Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel.

    Noch ein Gedicht

    Zum Schluss noch ein (Liebes-?) Gedicht aus meiner Feder:

    TACHYKARDIE
    Wenn du liebst … richtig liebst
    Herzrhythmusstörungen … Tachykardie
    Magen verkrampft … in die Toilette gekotzt
    Schweißausbrüche bei minus 20 Grad
    spring aus dem Bett und hau ab
    ihr Lächeln spiegelt in jeder Pfütze
    alle Stimmen sind ihre Stimme
    du kannst keinen anderen Mund küssen
    pack deine Sachen und verschwinde

    Die Welt ist voller Russinnen,
    Griechinnen, Äthiopierinnen
    schau dir die vollen Lippen an
    sieh, wie ihre Brüste trommeln
    im Takt der Meteoreinschläge
    stell den Koffer ins Hotelschließfach
    tanz mit dir selbst
    lass keine an dich ran
    sei wie Packeis an Grönlands Küste

    Die Milchstraße wie ein Supermarkt
    lerne zu kaufen
    biete dich an
    gib, nimm … nimm, gib
    verhandele
    laufe, kämpfe
    trinke, esse, verdaue
    mach es dir nicht in fremden Kissen bequem
    fahr mit einer Harley durch die Kalahari

    Wenn du liebst … richtig liebst
    musst du immer auf der Flucht sein
    Glut erkaltet
    Lächeln gefriert
    Sex fade wie Tütensuppe
    Schwäche wird sofort bestraft
    verlass das Haus
    atme tief ein und aus
    weine erst, sobald du alleine bist

    Und nun stoppe ich abrupt, weil mir nichts Gescheites mehr einfällt, und ich vor lauter Tipperei vergessen habe, zu duschen, mir die Zähne zu putzen, und Brötchen muss ich auch noch an der Tankstelle kaufen.

  • Zur Abwechslung mal Liebesgedichte

    Zur Abwechslung mal Liebesgedichte

    Nachdem ich mich seit Wochen über Hartz 4, Flüchtlinge, No-Go-Areas und den Islam auslasse, werde ich heute zur Abwechslung mal eine Kolumne über Liebesgedichte zu Papier bringen. Schont die Nerven der Kommentatoren. Und natürlich auch meine eigenen. Obwohl ich mich an Kommis wie diesen:

    Meine Güte, hätte der Hirsch wenigstens einen blassen Schimmer von dem, über das er schreibt

    schnell gewöhnt habe, weil ich solche und artverwandte Sätze früher oft aus dem Mund meiner Deutschlehrer zu hören bekam.

    Heute geht’s um Poesie. Und zwar um die Spezialgattung: Liebeslyrik. Ich lese die abends nach dem Job gerne zur Entspannung, lege mich danach mit einem wohligen Gefühl ins Bett und träume angenehm. Andere tun das mit Rotwein oder einem Joint, aber meine Drogenphase habe ich vor vielen Jahren hinter mich gebracht. Ich probier’s seitdem mit Rilke, Williams (nicht die Birne, sondern der Autor) und Bukowski. Lassen Sie uns die Illias, Ovid und Walther von der Vogelweide als zu weit zurückliegend überspringen, den Barock- und Rokoko-Kitsch meiden, uns ebenfalls an Goethe, Schiller und Lessing – denn von diesen drei gab’s ja in der Schule schon eine Überdosis – vorbeilavieren und auch die, mir persönlich zu schwärmerische und mit teils komischen Worten operierende, Romantik links liegen. Dann landen wir ziemlich genau an der vorletzten Jahrhundertwende und damit bei Rilke. Für mich DER Großmeister der deutschsprachigen Lyrik.

    Rilke: filigranes Versmaß

    Geboren 1875 in Prag, Böhmen. Damals noch Bestandteil des Gebiets der KuK-Monarchie. Gestorben 1926 in einem Sanatorium in der Nähe von Montreux.

    Hier meine zwei Lieblingsgedichte aus seiner Feder:

    Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
    und keine Heimat haben in der Zeit.
    Und das sind Wünsche: leise Dialoge
    täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

    Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
    die einsamste von allen Stunden steigt,
    die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
    dem Ewigen entgegenschweigt

    Bei mir bringt vor allem die Zeile „und keine Heimat haben in der Zeit“ irgendwas, was ich aber nicht konkret in Worte fassen kann, zum Schwingen: Einsamer Wanderer, nirgendwo zu Hause, Sonderling, beschäftigt sich lieber mit seiner Kunst als mit anderen Menschen. So in diese Richtung; aber vielleicht auch komplett anders.

    | Die Kurtisane
    Venedigs Sonne wird in meinem Haar
    ein Gold bereiten: aller Alchemie
    erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
    den Brücken gleichen, siehst du sie

    hinführen ob der lautlosen Gefahr
    der Augen, die ein heimlicher Verkehr
    an die Kanäle schließt, so daß das Meer
    in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer

    mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
    weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
    die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,

    die unverwundbare, geschmückt, erholt -.
    Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
    gehen wie an Gift an meinem Mund zugrund

    Was für ein Finale furioso: Gehen wie Gift an meinem Mund zugrund. Wow!

    Interessantes Versmaß: a-b-b-b/ a-c-c-c-/ d-e-f-/ f-e-d.
    Rhythmus nicht ohne: überwiegend 10-Silber, ein eingestreuter 8er und am Schluss zwei 11er. Das ist – wenn es sich reimen soll – echt schwierig, hier durchgängig den Takt zu halten und nicht zwischendurch die Balance zu verlieren. Rilke, der natürlich über jahrzehntelange Übung in der Disziplin Liebeslyrik verfügte, gelingt dieses Kunststück schlafwandlerisch.

    Die schwermütige Russin

    Wir bewegen uns auf dem Zeitstrahl ein paar Jahre nach vorne und räumlich 1500 Kilometer Richtung Osten: Anna (Andrejewna) Achmatowa. Geboren 1889 in der Nähe von Odessa. Gestorben 1966 in Domodedowo bei Moskau. Wurde in der langen stalinschen Schreckensperiode zeitweise mit Schreibverbot belegt und dichtete in diesen Jahren privat für sich selbst:

    Als alle Welt mir ihn verhieß
    der Horizont, der trüb umsäumte
    die Brise, die zu Ostern blies
    der Traum, den ich zur Christnacht träumte

    die Rebenzweige rötlich braun
    der Park mit seinen Wasserfällen
    und auf dem rostgen Gartenzaun
    die beiden riesigen Libellen

    wie könnte ich zu jener Zeit
    an seiner Freundschaft Zweifel hegen?
    da schritt ich mit Gelassenheit
    auf brennendheißen Felsenwegen

    Ich kann mir die alleine in einer winzigen Wohnung in einer Moskauer Vorort-Mietskaserne bei flackerndem Glühbirnenlicht einen fiktiven Geliebten herbeisehnende Dichterin (bzw. ihr Lyrisches ich) lebhaft vorstellen. „Auf brennendheißen Felsenwegen“ umschreibt entweder die sie verzehrende Glut der Liebe oder verheißt ein ungutes Ende derselbigen.

    Gedicht, das auch ein Porno sein könnte

    Weiter geht es zu William Carlos Williams. In etwa zeitgleich mit der unglücklich schmachtenden Anna Achmatowa lebend. Allerdings am entgegengesetzten Ende der nördlichen Halbkugel: Rutherford, New Jersey. Jim Jarmusch hat ihm mit dem Film Paterson ein kleines Denkmal gesetzt.

    Nackte Leiber wie geschälte Stämme
    geben mitunter süßesten
    Geruch von sich. Mann und Frau

    unter den Bäumen in voller Extase
    im Einklang mit dem Kissen aus
    duftenden Kiefernadeln
    mit Fäden aus Geißblatt durchwachsen
    der Stoff für ein Sonett

    ja, Stoff für ein Sonett! Geruch von Extase
    Geruch von Kiefernadeln, Geruch
    geschälter Stämme, Geruch von keinem Geruch
    als dem des Geißblatts, das

    ohne Geruch ist, Geruch einer nackten Frau
    mitunter Geruch eines Mannes

    „Das ist als Lyrik verkleidete Pornografie, die sich nicht reimt“, sagen Sie? Stimmt. Porno ist es, und reimen tut es sich ebenfalls nicht. Und trotzdem ist es Poesie. „Geruch von Extase“ (warum auch immer in der deutschen Übersetzung mit X geschrieben) gefällt mir beinahe genauso gut wie „Geruch von keinem Geruch“. Apropos: reimen. In den Autorenforen tobt seit vielen Jahren die Diskussion, ob sich „richtige“ Poesie reimen muss. Die einen sagen apodiktisch ja, die anderen nicht weniger dogmatisch: nein. Ich oszilliere diesbezüglich in der Mitte. Soll heißen: mir ist es egal, ob sich die Zeilen eines Gedichts reimen oder nicht. Die Worte müssen was in mir zum Klingen bringen. Und das passiert mit mir sowohl beim reimenden Rilke als auch beim nicht-reimenden Williams. Ich bevorzuge allerdings klar guten Nicht-Reim vor trivialen Reim-Viersilbern, wie man sie gerne auf Hochzeiten und runden Geburtstagen serviert bekommt. Sobald ich mir einen dümmlichen Vers im Wilhelm-Busch-Gedächtnis-Rhythmus anhören muss, lasse ich den Rest des Essens stehen, weil mir der Appetit sofort vergeht.

    Und nun noch Enzensberger, Brett und Buk

    Zum Schluss der Kolumne noch Kostproben dreier (halbwegs) zeitgenössischer Lyriker:

    Später, als sich das unabsehbare Zimmer
    vollkommen verdunkelt hatte
    war niemand mehr da
    außer dem toten Mann
    und einer Unbekannten

    Freundin und Feindin
    waren zusammengeschmolzen
    zu einer Anderen

    die Unbekannte vernahm seine ruhigen Atemzüge
    beugte sich über ihn in der Dunkelheit
    verschloss ihm den Mund, küsste ihn
    und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund
    © H.M. Enzensberger

    Was da gerade los war in dem „unabsehbaren Zimmer“? Flotter Dreier, Orgasmus mit Todesfolge, geschah ein Mord aus Eifersucht? Keine Ahnung. Ist mir auch wurscht. Ich find’s ohnehin mühsam, Gedichte tot zu analysieren. Sowas tun die Oberstudienräte im Fach Deutsch und verderben mit dieser Vorgehensweise Generationen von Schülern den spielerischen Umgang mit Poesie. „Und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund“ ist super. Das reicht mir schon, um dieses kleine Meisterwerk zu mögen.

    Manchmal lässt sich
    eine schreckliche Traurigkeit
    auf mir nieder

    sie ist gewichtig
    diese Traurigkeit
    und bedeckt Gräber
    und Friedhöfe

    sie ist so schwer
    wie Quecksilber
    und flink

    sie klebt
    an meiner Haut
    und füllt
    meine Eingeweide

    sie ist dicht
    diese Traurigkeit
    als ob sich

    all die
    trostlosen Splitter

    und die entmutigten Partikel
    in
    der Luft
    verbunden hätten

    ich sitze inmitten
    dieser Traurigkeit
    und vermisse dich
    © Lily Brett

    Sie kennen das Gefühl der Traurigkeit, die ihre Eingeweide füllt, gar nicht? Sie Glücklicher. Allerdings vermute ich, dass Sie bisher noch nie richtig geliebt haben.

    Sie hat schon 200 Männer
    gehabt, in zehn Bundesstaaten
    fünf haben sich umgebracht
    drei sind durch und durch
    wahnsinnig geworden. Jedesmal
    wenn sie in eine neue Stadt zieht
    folgen ihr zehn Männer
    jetzt sitzt sie auf meiner Couch
    in einem blauen Minikleid
    sie wirkt ganz gesund und
    kregel: sogar unschuldig
    „ich verliere das Interesse an
    einem Mann“, sagt sie, „sobald
    er anfängt, was für mich zu
    empfinden“
    ich gieße ihr nach
    sie zieht das Kleid hoch und
    zeigt mir ihren schwarzen Slip
    „sexy, nicht?“, sagt sie
    „ja“, sage ich, „sexy“
    Sie steht auf, geht durchs
    Zimmer, in mein Schlafzimmer
    und von dort ins Bad
    nach einer Weile höre ich
    die Klosettspülung
    ihr Name ist Nana, und sie
    bewohnt die Erde schon seit
    5000 Jahren
    © Charles Bukowski

    „Das ist überhaupt kein Gedicht!“, sagen Sie? „Allenfalls eine Ultra-Kurzgeschichte mit komischen Zeilenumbrüchen“. DOCH, es ist ein typisches (Bukowski-) Gedicht!! Das war die Art, wie der große Alte aus East-Hollywood Lyrik interpretierte. Wem’s nicht gefällt, der lese halt Max und Moritz. Zumal Hank – so lautet sein Alter-Ego-Pseudonym – mit der 5000jährigen Nana voll ins Schwarze trifft. Wie oft bin ich solchen Frauen schon begegnet? Die Finger beider Hände reichen nicht aus, um sie zu zählen.

    Tun Sie es selbst. Also Gedichte schreiben

    Nachdem ich Ihnen in dieser Kolumne über ein halbes Dutzend teils gereimter, teil ungereimter Gedichte vorgestellt habe, sollten sie Geschmack an der Sache finden, sich heute Abend hinsetzen und selbst ein paar Strophen zu Papier bringen. Ist keine Hexerei. Ihr Partner wird sich freuen, wenn sie ihn demnächst mit selbst produzierten Versen überraschen, anstatt ständig langweilige Blumen oder noch langweiligere Küchengeräte anzuschleppen.

    Fürs Finale habe ich noch eins meiner kleinen Amateurwerke vorgesehen. Mit dem ich vor einigen Jahren bei der Adressatin allerdings keinen Erfolg erzielte.

    | Halbes Kilo Hackfleisch
    Verlieb dich nicht in hundertzehn Pfund blonde Frau
    verlieb dich nicht in weiche Kissen, Satinlaken, pinke Dildos
    die sie mit zarten Fingern berührt hat triefend von teurer Maniküre gefrorene Maracujasorbet-Lippen gebleichte Traumstrandzähne Instant-Gefühle
    verlieb dich nicht in ihre Sätze
    die sie wie Textbausteine sprudeln lässt jeder Discountfuselrausch schmeckt besser als dieses fade Blond
    verlieb dich nicht in den Gesang einer Schwänin verlieb dich nicht in durchsichtige Nylons
    unter denen blaue Adern schimmern in das Fleisch der Schenkel
    dieses stets verlockende Fleisch verlieb dich nicht in die Taxifahrerin die dich nachts nach Hause bringt aber verlieb dich auch nicht
    in Zölibat, Onanie, abstruse Fetische
    die Einsamkeit schmeichelt deiner Eitelkeit
    dabei würde jede kleine Umarmung gesünder sein als die Tonnen Pornografie, die du täglich durchblätterst
    bloß, um heuchlerisch zu sagen: „brauche ich nicht“ verlieb dich nicht in Stundenhotels, grüne Perücken Push-BHs und schwarzglänzende Nuttenstiefel verlieb dich nie in die Vergangenheit, denn sie ist unwiderruflich Geschichte
    deine Gegenwart so öde wie die graugesichtige Sekretärin
    die du jeden Morgen gedankenlos grüßt fürchte die Zukunft, die den Tod bringt panische Angst vor braunen Augen Erschrecken bei einem zarten Lächeln du hast zu lange auf der Straße gelebt
    als dass du noch Vertrauen fassen könntest verlieb dich nie in einen anderen
    es wird dein Verderben sein
    ein halbes Kilo Hackfleisch bei McDonalds stillt den Appetit für ein paar Stunden bevor der unersättliche Hunger nach Liebe von neuem in dir wütet
    hundertzehn Pfund balancierend auf High Heels können dein Ende bedeuten
    also: Mann mit der verdorrten Seele verliebe dich nie mehr
    wenn du an deinem billigen Frieden hängst wie ein Morphinist an der Nadel.

    Unmittelbar nach Erhalt dieser Zeilen brach der Kontakt mit der damals Angebeteten sang- und klanglos ab. Die Dame stand vermutlich eher auf Küchengeräte, bzw ich hatte im voreiligen Verliebtheitswahn die Situation falsch eingeschätzt.

  • Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden …

    Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden …

    Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden

    … lautet der Titel einer Kurzgeschichtensammlung aus der Feder von Raymond Carver, die mir vor ein paar Tagen mal wieder in die Hände fiel.

    In 17 Short Stories schildert der Autor alle möglichen Irrungen und Wirrungen, die sich aus intimen zwischenmenschlichen Beziehungen ergeben können. In lakonischer Sprache und minimalistischen Sätzen. Geschichten, die oft kein richtiges Ende haben, weil unsere Liebe eben auch nie so ganz endet.

    Raymond Carver, geboren 1938 in Oregon, gestorben 1988 im Nachbarstaat Washington, hat in seinem kurzen Leben ein paar Erzählbände und einige Gedichte hinterlassen. Als langjähriger Alkoholiker lenkt er das Augenmerk seiner Texte oft auf die Themen Sucht, damit verbundener Wahnsinn, Verarmung und Verwahrlosung.

    Das Personal der 17  Geschichten, das Carver in seinem dritten Band Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden vereinigte, ist dasselbe wie in allen zuvor veröffentlichten Geschichten: Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben, Arbeitslose, Säufer.

    Die Stories beginnen so:

    Ich hab so einiges gesehen. Ich wollte zu meiner Mutter und ein paar Nächte bei ihr in der Wohnung bleiben. Aber als ich oben am Treppenabsatz ankam, guckte ich, und sie saß auf dem Sofa und küsste einen Mann. Es war Sommer. Die Tür stand offen. Der Fernseher lief. Das ist eine von den Sachen, die ich gesehen habe. (Mr. Coffee und Mr. Fixit)

    oder so:

    Bill Jamison war mit Jerry Roberts immer eng befreundet gewesen. Die beiden wuchsen im Südteil der Stadt auf, nahe dem alten Messegelände, besuchten zusammen die Grundschule und die Junior High School und wechselten dann über auf die Eisenhower High School, wo sie, soweit sie konnten, dieselben Lehrer wählten; sie trugen einer des anderen Pullover und abgetragene Hosen und gingen mit denselben Mädchen, bumsten sie auch – was immer sich so ergab. (Sag den Frauen, dass wir wegfahren)

    oder so:

    Veras Auto stand da, sonst keines, und Burt war dankbar dafür. Er bog in die Einfahrt und hielt neben der Torte, die er am Abend zuvor hatte fallen lassen. Sie lag immer noch da, mit der Aluminiumform nach oben und mit einem Hof von Kürbisfüllung ringsherum auf dem Pflaster. Es war der Tag nach Weihnachten. (Ein ernstes Gespräch)

    Und immer geht es dabei um alle möglichen Facetten von Liebe:

    Terri sagte, der Mann, mit dem sie zusammenlebte, bevor sie mit Mel zusammenlebte, habe sie so sehr geliebt, dass er versucht habe, sich umzubringen. Dann sagte Terri: »Er hat mich eines Abends zusammengeschlagen. Er hat mich an den Fußgelenken durchs Wohnzimmer geschleift. Er sagte immer wieder: Ich liebe dich, ich liebe dich, du Drecksstück. Er schleifte mich weiter im Wohnzimmer herum. Mein Kopf schlug dauernd gegen Dinge. Terri blickte in die Runde am isch. Was machst du mit so einer Liebe?« (wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden)

    »Holly, du bist immer noch eine stolze Frau«, sag ich. »Du bist immer noch die Nummer eins. Komm schon, Holly.«
    Sie schüttelt den Kopf.
    »Etwas ist in mir gestorben«, sagt sie. »Es hat lange gedauert, bis es so weit war, aber es ist tot. Du hast etwas getötet, so als hättest du mit der Axt draufgeschlagen. Alles ist nur noch Schmutz.« (Pavillon)

    Nun ja, und da hab ich sie geküsst. Ich drückte ihren Kopf zurück aufs Sofa und küsste sie, und ich spürte, dass ihre Zunge es ziemlich eilig hatte, in meinen Mund zu kommen. Verstehst du, was ich meine? Da kann einer dauernd alle Regeln beachten, und auf einmal zählt das alles nicht mehr. Sein Glück verlässt ihn einfach, verstehst du? Aber es war im Nu vorbei. Und danach sagt sie: »Du musst denken, dass ich eine Hure bin oder so was«, und dann geht sie einfach. (Tüten)

    Die Stories sind wenig spektakulär und verzichten auf äußerliche Effekte. Carvers Thema, das sich durch sämtliche Erzählungen zieht, sind die Alltagsbanalitäten; unter dem zuweilen sehr amerikanischen Kolorit schimmert oft eine existentielle Leere durch. Der Autor ist ein Meister des ersten Satzes, mit dem der Leser oft mitten ins Geschehen springt.

    Ein Mann ohne Hände kam an meine Tür und wollte mir ein Foto von meinem Haus verkaufen. (Sucher)

    Die eigentlichen Erzählungen sind häufig die Tragödien, die sich hinter der vordergründigen Handlung abspielen. Dabei enthält sich Carver jeglichen Kommentars oder gar einer Wertung. Manchmal ist eine geschilderte Nebensächlichkeit das eigentlich Wichtige in der Geschichte.

    Carvers Stories werden von geborenen Verlierern bevölkert, denen es unmöglich ist, ihrem Schicksal zu entrinnen. Sobald sich ein Protagonist aus seinem gewohnten Umfeld heraus wagt, lauert an der nächsten Ecke schon die Katastrophe. Unheimlich sind diese Texte, und am unheimlichsten wirken die Geschichten, die auf geradezu rabiate Kürze reduziert sind. Auf die Frage nach dem Warum darf man keine Antwort erwarten.

    Und so enden die Kapitel oft, wie sie begonnen haben: unspektakulär.

    Mein Dad starb im Schlaf, betrunken, das ist fast acht Jahre her. Es war ein Freitagmittag, und er war vierundfünfzig. Er kam von der Arbeit in der Sägemühle nach Hause, holte sich zum Frühstück ein Stück Wurst aus dem Kühlschrank und kippte einen Liter Four Roses. (Mr Coffee und Mr Fixit)

    Aber Holly sitzt nur da, auf dem Bett, mit ihrem Glas in der Hand.
    Ich seh ihr an, dass sie es nicht begreift. (Pavillon)

    Mel stieß sein Glas um. Der Gin lief über den Tisch.
    »Gin ist alle«, sagte Mel.
    Terri sagte: »Und jetzt?«
    Ich hörte mein Herz schlagen. Ich hörte die Herzen der anderen. Ich hörte das Menschengeräusch, das wir machten, während wir dasaßen, ohne dass sich einer von uns rührte; auch nicht, als der Raum dunkel wurde.« (Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden)

    Carvers Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden ist ein Buch für Leser, die sich nicht scheuen, mehr über die teils glitschigen, teils tiefmorastigen Pfade der Liebe in US-amerikanischen Vororten erfahren zu wollen. Der emotionale Wahnsinn, der hinter der Kleinstadtidylle lauert. Erzählt in kurzen, knappen Sätzen. Stets sachlich, nie auf die Tränendrüse drückend.

    Ich habe mich vor allem in seinen minimalistischen Satzbau verliebt.

    PS. von einem Interviewer darauf angesprochen, weshalb er stets so kurze Stories zu Papier bringe, antwortete Carver, dass er keine Zeit und Lust für lange Geschichten habe.

    Raymond Carver: Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden (What we talk about when we talk about love, 1981, aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus. Fischer Taschenbuch Verlag. 2. Auflage 2013. ISBN: 978-3-596-90388-7)

  • Homöopathie und Liebe

    Homöopathie und Liebe

    Zum Dank für die vielen Kommentare zu meinem Artikel Homöopathie und Wirkung gibt es heute eine kleine Zugabe in Form einer Geschichte.

    Bob ist Anhänger der Homöopathie, und er liebt Alice. Einmal hat er Alice getroffen, sie hat mit ihm gesprochen, sie hat ihn angelächelt, und es war wunderbar. Seit diesem Tag weiß Bob, dass auch Alice ihn liebt. Am Ende hat Alice einen kleinen Zettel genommen, einen zierlichen Stift in ein Tintenfässchen getaucht und mit ihrer zarten Schrift auf den Zettel geschrieben: „Ich mag dich. D.A.“

    Immer, wenn Bob den Zettel aus seiner Brieftasche holt, erfasst ihn wieder dieser wohlige Schauer, und er ist glücklich. Er sagt, der Zettel bewirke bei ihm jedes mal einen Freuden-Glücks-Taumel.

    Bob hat seinem Freund Conrad davon erzählt, der ein Anhänger der rationalen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist. Conrad hat sich ein Tintenfässchen besorgt, genau die Marke, die Alice benutzt, und hat die Tinte auf ein Blatt Papier geschüttet. Dann hat er draufgestarrt und festgestellt, das da kein Kribbeln und kein wohliger Schauer über ihn kommt.

    Dann hat er 100 Zettel mit der Aufschrift „Ich mag dich. D.A.“ an 100 Leute verteilt. Fünfzig hat er von Alice schreiben lassen (sie wusste schon vorher, dass Conrad manchmal, nun ja, interessante Ideen hat) und fünfzig hat er selbst beschriftet. Er hat festgestellt, dass es keine besondere Kribbel-Glücks-Taumel-Häufung bei den Zetteln von Alice gab.

    Seit dem weiß er, dass sich Bob dieses tolle Gefühl nur einbildet.

    Sie, geneigte Leser, werden sich nun fragen, was mit mir ist, dem Autor dieser Geschichte. Bin ich Bob, oder bin ich Conrad?

    Nun, ich muss zugeben, ich treffe Alice so oft es geht persönlich. Über Details dieser Treffen möchte ich schweigen. In der Zeit zwischen unseren Treffen nutzen wir WhatsApp.