Schlagwort: Liebeskummer

  • Der Weltinnenraum: Wo Gefühle wohnen lernen, oder …

    Der Weltinnenraum: Wo Gefühle wohnen lernen, oder …

    Poetry is what happens when nothing else can.
    © Charles Bukowski

    Heute würde er seinen 150-sten Geburtstag feiern: René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke. Einer der größten Lyriker, den der deutschsprachige Raum an der Schwelle des 19-ten zum 20-sten Jahrhundert hervorgebracht hat. Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag –  Hauptstadt Böhmens und der habsburgischen Doppelmonarchie angehörig – als zweites Kind des Bahnbeamten Josef Rilke und seiner Frau Sophie. Die Kindheit ist überschattet vom frühen Tod der Schwester – worüber die Mutter nie hinwegkommt – und einer zunehmendem Zerrüttung der elterlichen Ehe. Mit der vom strengen Vater verordneten militärischen Ausbildung fremdelt der musische Junge und wechselt deshalb ins kaufmännische Fach, wo er ebenfalls nach kurzer Zeit die Brocken hinschmeißt. Es folgen Abitur (damals ‚Matura‘ genannt), zwei Semester Jura und ein ebenfalls nicht bis zum Abschluss durchgehaltenes Studium von Literatur und Kunstgeschichte. Bis hierhin also, von häufigem Ausbildungs-Hopping abgesehen, nichts Besonderes an dem jungen Mann zu beobachten.

    Das ändert sich schlagartig, als Rilke 1897 die 14 Jahre ältere Literatin Lou Andreas-Salomé kennen- und lieben lernt. Mit ihr – einer Schülerin Siegmund Freuds – unternimmt er ausgedehnte Reisen nach Italien und Frankreich. Das Paar übersiedelt nach Berlin, wo R.M. – der Austausch des Vornamens René in Rainer erfolgt auf den Rat der Freundin hin, weil sich das männlicher anhört – in Kontakt mit der Schreiberszene der pulsierenden deutschen Metropole gerät. Erste holprige Poesieversuche deuten Rilkes Talent zwar an, lassen aber noch nicht auf sein lyrisches Genie schließen. 1900 löst sich Lou von Rainer, der dem Trennungsschmerz mit einem spontanen Tapetenwechsel nach Worpswede – damals eine hippe Künstlerkolonie vor den Toren Bremens – zu entfliehen versucht. Ein paar Monate später heiratet er die Bildhauerin Clara Westhoff. Das emotionale Fundament der Ehe erweist sich als nicht allzu tragfähig, weshalb R.M. ein weiteres Mal flieht: dieses Mal nach Paris. In der Stadt der Liebe – und verkrachten Künstler – will er endlich den literarischen Durchbruch schaffen. Mit Prosa und vor allem Lyrik. In Gedanken immer noch der verflossenen Liebe Lou hinterhertrauernd, die er nie mehr wiedersehen wird. In den restlichen 25 Jahren seines kurzen und von mehrfachen Umzügen in neue Umgebungen geprägten Lebens entstehen knapp 1000 Gedichte (ungefähr hälftig deutsch & französisch) sowie zahlreiche Novellen (die bekannteste dürfte ‚Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‘ sein) und ein paar Dramen.

    Am 29. Dezember 1926 stirbt der Großmeister der Wehmut im Alter von nur 51 Jahren in Montreux – er hatte die letzten Jahre am Genfer See verbracht – und wird dort zur letzten Ruhe gebettet. Auf dem Grabstein steht zu lesen:

    Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
    Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
    Lidern.

    Und damit soll es an dieser Stelle genug sein mit der Biografie. Wer es ausführlicher wissen will, der kann hier nachschlagen.

    Nun ist es an der Zeit, den kleinen Gedichtband von Rilke aus dem Bücherregal hervorzuholen, darin zu blättern und uns im Anschluss der Sache zu widmen, um die es sich eigentlich dreht = immerwährende Sehnsucht nach der wahren Liebe, die in der rauen Realität nicht existiert, sondern nur im Weltinnenraum zu finden ist; oder:

    Und sowieso wird man Dichter nur durch das Mädchen, das man nicht bekommt.
    © Søren Kierkegaard

    Die Welt wird kleiner

    Wenn man Rilke heute liest, geschieht etwas Merkwürdiges: Die Welt wird kleiner, und das Innere wird größer. Dinge, die eben noch selbstverständlich schienen, beginnen zu flimmern. Gefühle, die man selbst kaum benennen kann, tauchen in seinen Sätzen auf wie alte Bekannte. Und plötzlich erkennt man: Dieser Mann lebte weniger in Ländern als in Zuständen. Weniger in Räumen als in Räumen im Raum.

    Der Weltinnenraum ist kein mystischer Nebel, keine esoterische Spielerei. Es ist Rilkes tiefstes Konzept: dass das Äußere in uns hineinwächst, und das Innere eine Landschaft wird, die man betreten kann wie ein Zimmer. Und dass die Liebe – vor allem die unerfüllte, die schmerzhafte, die schmerzlich-schöne – die Architektin dieses Raumes ist.

    Rilke war kein Liebender im klassischen Sinn. Er war ein Liebender im existenziellen Sinn. Liebe war für ihn kein Ereignis, sondern eine Bewegung. Sie hatte keine Richtung nach außen, sondern immer nach innen. Jeder Verlust schuf einen neuen Raum. Jeder Schmerz eine neue Tiefe. Jedes Begehren eine neue Tür.

    Vielleicht war das der Grund, warum er realen Beziehungen oft auswich: Der wahre Ort seines Liebens war nicht der Körper des anderen, sondern die innere Topografie, die sich um diesen anderen herum bildete.

    Man könnte sagen: Die Menschen liebte er, aber die Räume liebte er mehr. Und diese Räume entstanden, wenn er litt.

    Wenn wir ehrlich sind, kennen wir das alle. Der Moment, in dem Liebeskummer nicht nur wehtut, sondern etwas umstellt in uns. Etwas verschiebt, aufreißt, erweitert. Ein Innenraum entsteht, den es vorher nicht gab. Man wird empfindlicher, verletzlicher, aber auch wahrnehmender. Man hört den eigenen Herzschlag anders. Man spürt die Welt anders. Alles bekommt diese feine Membran.

    Rilke wusste das. Er wusste es so sehr, dass er es durch und durch fühlte, bis daraus Gedichte wurden.

    Mit Schreiben die Liebe aushalten

    Manchmal frage ich mich, ob sein Schreiben nicht ein einziger Versuch war, die Liebe auszuhalten. Nicht, sie zu besitzen – sondern zu ertragen, zu verstehen, in etwas Verwandlungsfähiges zu überführen. Er suchte nicht die Nähe der Geliebten, sondern die Durchdringung des Gefühls. Nicht die Harmonie, sondern die Schwingung. Nicht das Glück, sondern die Möglichkeit von Innerlichkeit.

    Deshalb lesen sich seine Gedichte heute, als säße er mit einer Kerze in einem unmöblierten Zimmer – und würde das Flackern studieren.

    Was mich an Rilke besonders berührt, ist diese leise, fast kindliche Zärtlichkeit gegenüber allem, was vergeht. Er hält nichts fest. Er flüchtet nicht vor der Vergänglichkeit – er richtet sich in ihr ein. Die Wehmut ist bei ihm kein Defekt, sondern ein Zustand von Klarheit. Ein Wissen darum, dass das, was schmerzt, zugleich das ist, was lebt.

    Wenn er vom Weltinnenraum spricht, spricht er von diesem Zwischenzustand: der Ort, an dem Verlust zu Bedeutung wird. An dem die Liebe nicht endet, sondern nur ihre Richtung ändert.

    Eines Tages schrieb er, der Liebende solle große Geduld mit sich haben, weil Liebe der schwierigste Auftrag des Menschen sei. Und vielleicht ist genau das die Funktion des Weltinnenraums: Er ist der Ort, an dem wir lernen, mit jener Art von Gefühl zu leben, die wir nicht lösen können — nur verwandeln.

    Um dieser Stimmung nachzuspüren, hier ein erstes Gedicht:

    DAS IST DIE SEHNSUCHT
    Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
    und keine Heimat haben in der Zeit.
    Und das sind Wünsche: leise Dialoge
    täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

    Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
    die einsamste von allen Stunden steigt,
    die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
    dem Ewigen entgegenschweigt.

    Bei mir bringt vor allem die Zeile „und keine Heimat haben in der Zeit“ irgendwas, was ich aber nicht konkret in Worte fassen kann, zum Schwingen: Einsamer Wanderer, nirgendwo zu Hause, Sonderling, beschäftigt sich lieber mit seiner Kunst als mit anderen Menschen. So in diese Richtung; aber vielleicht auch komplett anders.

    Allein sein, um wahrhaft spüren zu können

    In Rilkes Welt ist Liebeskummer kein Zustand der Schwäche, sondern eine Form von Verfeinerung. Man beginnt zu hören, was vorher stumm war. Zu spüren, was man sonst überdeckt hätte. Man entdeckt in sich Räume, die tief, schmal, hell, verworren sein können – aber immer wahr.

    Und diese Wahrhaftigkeit ist es, die Rilke auf Distanz zu vielen Menschen brachte. Er wollte lieben, aber er wollte vor allem spüren. Und das Spüren war intensiver, wenn er allein war. Lou Andreas-Salomé verstand das vermutlich besser als jeder andere: dass Rilke zwar liebte, aber nicht dauerhaft im Außen lieben konnte. Dass seine innere Sensibilität ihn in eine Welt führte, die andere zwar besuchen konnten – aber nie ganz bewohnen.

    Vielleicht macht genau das ihn so modern. Heute, wo alle über Liebe reden, aber kaum jemand über die inneren Räume, in denen sie stattfindet. Heute, wo Liebeskummer schnell überdeckt, wegtherapiert, weggescrollt wird. Rilke dagegen hielt inne. Er wartete. Er hörte zu. Er ließ zu.

    Und dadurch wuchs in ihm eine Welt, die in keine Wohnung, keinen Körper, keine Beziehung passt.

    Der Weltinnenraum ist das wahre Werk Rilkes.
    Die Gedichte sind nur die Fenster.

    Zum Schluss zweite weitere Gedichte, die diesen Gedanken weiterführen.

    Herzerreißend traurig formuliert der Poet kurz nach der Trennung von Lou:

    LÖSCH MIR DIE AUGEN AUS
    Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
    wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
    und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
    und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
    Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
    mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
    halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
    und wirfst du in mein Hirn den Brand,
    so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

    Und klingt ein paar Jahre später gefasst, aber wehmütig, wenn er sich an die Italienreisen mit der früheren Freundin erinnert:

    DIE KURTISANE
    Venedigs Sonne wird in meinem Haar
    ein Gold bereiten: aller Alchemie
    erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
    den Brücken gleichen, siehst du sie

    hinführen ob der lautlosen Gefahr
    der Augen, die ein heimlicher Verkehr
    an die Kanäle schließt, so daß das Meer
    in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer

    mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
    weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
    die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,

    die unverwundbare, geschmückt, erholt -.
    Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
    gehen wie an Gift an meinem Mund zugrund

    Was für ein Finale furioso: Gehen wie Gift an meinem Mund zugrund. Wow!

    So bleibt Rilke für uns bis heute der Dichter, der die Welt nicht beschreibt, sondern verwandelt. Der die Liebe nicht erklärt, sondern erträgt. Und der den Schmerz nicht fürchtet, weil er weiß, dass gerade er die Türen öffnet – zu jener inneren Landschaft, die er Weltinnenraum nannte:

    Den einzigen Ort,
    an dem Liebe bleibt,
    wenn sie nicht mehr da ist.

    Rubrik: Liebesgedichte, wir brauchen dringend mehr Liebesgedichte!

  • Gebrochene Herzen

    Gebrochene Herzen

    [aus der Serie: Männer und Frauen sind das nackte Grauen]

    Vorab ein bisschen Statistik

    57 Prozent meiner Bekannten leiden an periodischem Liebeskummer. Das ergab eine stichprobenartige Befragung im erweiterten Freundeskreis in den Postleitzahlbereichen 4 und 5. Das Alter der Probanden variierte zwischen 40 und 60, mit Schwerpunkt im Intervall 45-55, beide Geschlechter in etwa hälftig vertreten, sämtliche Teilnehmer in teils besser, teils schlechter bezahlten, sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen tätig, einige Freiberufler darunter. Nationalität und Migrationshintergrund egal, wobei die Kurzinterviews in deutscher Sprache geführt wurden.

    Das Ergebnis überrascht in zweierlei Hinsicht. Zum einen hätte ich den Anteil der Herzschmerzgeschädigten in der oben genannten Altersgruppe deutlich niedriger eingeschätzt. Zum anderen übersteigt der männliche Wert (61%) den der Frauen (53) mit der Differenz 8 deutlich. Was ist los mit all diesen Leuten? Warum führen sie keine harmonischen Beziehungen? Weshalb sind sie keine glücklichen Singles? Können sie sich durch ihren Job oder ein spannendes Hobby nicht genügend anderweitig austoben? Wozu überhaupt Liebeskummer, wenn doch die Auswahl an potenziellen Partnern riesig groß ist?

    Frau nach sieben Jahre Gruselehe mit einem Arbeitskollegen durchgebrannt? Für den zurückgelassenen Ehemann bricht plötzlich die Welt zusammen. Schlaf- und Appetitlosigkeit, Konzentrationsschwäche, endlose, traurige Gedankenschleifen im Kopf, das Volltexten aller Freunde sind die Folge. Warum freut er sich stattdessen nicht, dass der immerwährende Zoff mit ihrem Auszug nun endlich vorbei ist? Also ich an seiner Stelle würde die Chance nutzen, die Wohnung entrümpeln und all den kitschigen Dekokram, den sie ständig anschleppte, in die Mülltonne kloppen. Überflüssige Möbel und Küchengeräte in ebay-Kleinanzeigen verkaufen, die Bude auf minimalistisch und männlich trimmen. Notfalls, wenn sie es sich mit dem Arbeitskollegen doch noch anders überlegen und reumütig zurückkehren sollte, das Schloss auswechseln. Vorbei ist vorbei. Klingt plausibel? An und für sich ja. Aber erklären Sie das mal dem vom Herzschmerz zerfressenen Kumpel. Der will so logische Sachen überhaupt nicht hören. Bezeichnet Sie als empathielos, sobald Sie ihm ehrlich sagen: »Sei froh, dass du die Alte quitt bist«.

    89% der Befragten schoben die Schuld für ihren desolaten Gemütszustand dem Expartner in die Schuhe. Es ist zwar ein altbekanntes Phänomen, dass sich viele Menschen lieber in der Opfer- als in der Täterrolle sehen; trotzdem überraschte mich auch hier die prozentuale Höhe der Antwort. Denn aus meiner Beobachtung heraus verursachen stets beide Teilnehmer der Mesalliance das Desaster. Nicht immer ganz gleichverteilt, jedoch nie einer alleine. Der, der geht, zieht bloß die ultimative Reißleine und tut das einzig Richtige: nämlich den Beziehungsterror durch Verlassen des Schlachtfeldes beenden. Trotz dieser vernünftigen Vorgehensweise wird von den Zurückgebliebenen im Nachgang oft gejammert und das Umfeld mit negativen Informationen über den/ die Ex versorgt. Anstatt sich einzugestehen, dass die Angelegenheit auf einem Missverständnis oder gar einer strukturellen Täuschung beruhte. Man kann natürlich auch Unglücklichsein als Dauerzustand akzeptieren.

    Beziehung bedeutet oft Krieg unter einem Dach

    Viele sind zudem in einer Partnerschaft zu wenig kompromissbereit, neigen zu Nickligkeiten, reiben sich mit albernen Machtspielchen auf und – am schlimmsten von allen – lassen sich optisch hängen. Wer will es dem 40-jährigen Werner verdenken, wenn der, nachdem seine große Studentenliebe Ursula in der Ehe zwanzig Kilo zunahm und ihre lange Lockenpracht in eine praktische Wischmoppfrisur eintauschte, sie erst in Gedanken und dann konkret mit der attraktiven Bettina aus dem Fitnessstudio betrügt? Oder andersherum Verena an Rechthaberei und Jähzorn des vor der Hochzeit stets charmanten Rüdiger verzweifelt? Bis sie sich in einem Internetforum einen digitalen Brieffreund sucht, dem ihr Herz ausschüttet und eines Tages beschließt, Rüdiger zu verlassen und ihr neues Glück an einem 500 Kilometer entfernten Ort zu versuchen. Vor Jahren geschworene Liebe bedeutet keinen Freibrief für Ich-lasse-mich-gehen-bis-ich-aussehe-wie-Mutter-Flodder-morgens-um-acht-Uhr-nach-dem-ersten-Glas-Wodka oder Ich-lebe-zuhause-ALLE-meine-Launen-ungehemmt-aus.

    Statt sich damit abzufinden, dass man die grundlegenden Fähigkeiten für eine Langfristpartnerschaft überhaupt nicht besitzt, wird nach einer ultrakurzen Spanne des Wundenleckens und das Nervenkostüm der Kumpels mit der Ich-bin-das-ärmste-Schwein-im-deutschen-Hochsommer-Story Strapazierens sofort wieder in den Akquisemodus gewechselt. Die Pause, die dringend notwendig wäre, um sich zu sammeln und schonungslos selbst zu analysieren, überspringen viele, stürzen sich kopfüber in das nächste Abenteuer, ziehen nach ein paar Wochen mit dem/ der Neuen zusammen, die minimalistische Männerbude wird binnen weniger Tage wieder in einen Schöner-Wohnen-Tempel verwandelt, Friede, Freude, Eierkuchen. Die beiden Frischverliebten kleben 24/7 aneinander, strahlen um die Wette, möchten, dass jeder ihr Glück schon von Weitem sieht und daran teilnimmt. Trotzdem ist bereits in dieser frühen Phase der Keim fürs abermalige Scheitern gelegt, lautet die Frage nicht „ob“, sondern: „Wann wird das Drama seinen Lauf nehmen?“. Das Ende ist aufgrund mangelnder Fehleranalyse und zu frühen Aufgebens der räumlichen Distanz vorprogrammiert.

    Drei Kernvoraussetzungen für die erfolgreiche Partnersuche

    Ob mir das alles noch nie passiert ist, fragen Sie? Klar kenne ich Beziehungsstress und Herzschmerz. Habe darüber seitenweise rührselige Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben. Mich allerdings bei drei Kernvoraussetzungen für die erfolgreiche Partnerschaft lernfähig gezeigt:

    (.1) Nach einer Trennung erstmal eine mehrmonatige – besser: mehrjährige – Verschnaufpause einlegen, zur emotionalen Ruhe kommen. Alleinsein ist kein Makel und – sobald man sich daran gewöhnt hat – oft entspannter als der tägliche Kampf mit dem Feind im eigenen Haus.

    (.2) Auf die Große Zahl vertrauen. Frauen (Männer) gibt’s wie Sand am Meer. Wenn ich meine individuellen Parameter zugrunde lege, schränkt das die Anzahl logischerweise ein. Aber auch dann sind es noch zig Millionen. Okay, nicht jede/r passt zu mir, nicht jedem/ jeder laufe ich über den Weg. Es bleiben jedoch immer noch massig übrig, die ich kontaktieren und anflirten kann. Die Wahrscheinlichkeit, jemand Neuen zu finden oder gefunden zu werden, ist höher als die Chance, dauerhaft sein Singleleben zu genießen. Von daher ergibt es keinen Sinn, eine/r/m Verflossenen länger als maximal vier Wochen hinterherzutrauern (vom Spezialfall des frühzeitigen Ablebens mal abgesehen). Es hat nicht gepasst, besser ein Ende mit Schrecken als ein grenzenloses Grauen. Neues Spiel, neues Glück. Wobei die Tugend der Geduld bei diesem Spiel sehr hilfreich ist.

    (.3) Von der Utopie „immerwährende Liebe“ lösen. Wer für die Formel „bis dass der Tod euch scheidet“ nicht gemacht ist und sich als Single auf Dauer doch einsam fühlt, der kann in Hybridmodelle der Beziehung ausweichen. Als da wären: Serielle Monogamie und Freundschaft plus. Während bei der Erstgenannten ein Time-out nach einigen Jahren erfolgt, steht Option 2 für den Versuch, hin und wieder mit Freunden ins Bett zu gehen, ohne sich dabei in sie zu verlieben. Sowas wie Swingertum im Bekanntenkreis. Vor die Wahl gestellt bevorzuge ich eindeutig Variante 1. Aber noch bin ich (halbwegs) glücklicher Single und beabsichtige nicht, an diesem Zustand zeitnah was zu ändern. Aber: grau ist alle Theorie. Sollte ich eines Tages meiner Traumfrau begegnen, sieht die Angelegenheit schon wieder komplett anders aus. Gemäß dem rheinischen Motto, „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“, wäre ich dann eventuell doch bereit, mit ihr Tisch, Bett und Fernbedienung zu teilen und meine Aversion gegen Kommunikation vor zehn Uhr morgens zu überdenken. Man wächst mit jeder neuen Aufgabe bzw. Partnerschaft.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Herzschmerz, der länger als einen Monat und maximal drei Frustbesäufnisse andauert, lohnt nicht und ist aufgrund der theoretisch und praktisch riesengroßen Auswahlmöglichkeiten an potenziell neuen Partnern wirklich nicht notwendig.
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    PS. Für all diejenigen, die trotz dieser Kolumne weiterhin am Blues leiden, gibt’s ein Forum im Internet: Die Liebeskümmerer