Schlagwort: Mesut Özil

  • Ciao Mesut!

    Ciao Mesut!

    Nein, man muss das Erdogan-Foto vom Mai nicht gutheißen, wenn man in dieser Sache Partei für Mesut Özil ergreift. Niemand – es sei denn Verwandten in der Türkei droht Ungemach, falls man sich dem Schnappschuss verweigert – ist gezwungen, sich gemeinsam mit einem Autokraten ablichten zu lassen und dem ein handsigniertes Trikot zu überreichen. Von daher war der Termin entweder notwendig – um eben Familie in der Heimat zu schützen – oder aber ein Affront gegen das demokratische Eigenbild des deutschen Fußballs oder, in der abgemilderten Variante, eine Dummheit. Die Wogen der medial angefeuerten Empörung zwischen Garmisch und Flensburg schlugen hoch, die beteiligten Spieler Özil, Gündogan und Tosun gerieten in Erklärungsnot.

    Die Vorgeschichte

    Dem DFB, in seiner Funktion als Sommer-Arbeitgeber während der Vorbereitungsphase für die Weltmeisterschaft in Russland, standen mehrere Optionen der Reaktion offen: (a) die beiden Akteure Ö und G mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendieren (b) eine überzeugende Aussage mit gegebenenfalls nachfolgender reumütiger Entschuldigung einfordern (c) die Aktion zur Privatangelegenheit der Spieler erklären. Man entschied sich für einen Hybrid: Besuch bei BP Frank-Walter Steinmeier zuzüglich kleines Statement von Gündogan. Nachhakende Journalisten wurden mit „Den Fauxpas nicht überbewerten. Wir befinden uns kurz vor dem Turnier“, abgespeist. Es galt die Devise: Augen zu und durch.

    Als nach drei mittelmäßigen und großenteils lustlos abgespulten Partien die WM für die deutsche Mannschaft bereits in der Vorrunde zu Ende war, entluden sich Volkes Zorn und Häme in voller Wucht über Özil. Anstatt den 10er – 2009 U-21 Europa- und Weltmeister 2014 – in Schutz zu nehmen, rührte kein Übungsleiter oder Funktionär auch nur den kleinen Finger, um dem einstigen Vorzeige-Integrationsschüler beizuspringen. Nach einigen Wochen der Grabesruhe dann plötzlich Bierhoff: „Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet.“. Grindel setzt noch einen drauf und fordert per Ultimatum eine tiefschürfende Erklärung vom Spieler.

    Der öffentliche Pranger

    Und hier packt mich nun die Wut. Anstatt offen und ehrlich zuzugeben, „Wir haben durch die Bank weg Fehler gemacht. Und zwar sowohl die Teamleitung als auch die Spieler“ oder alternativ weiter zu schweigen, greift man sich einen heraus, versteigt sich gar zu der Behauptung, das Londoner Treffen hätte große Unruhe ins Team hineingebracht. Was für ein Bullshit!! Als ob Kimmich, Hector und Reus nicht schlafen, essen und trainieren konnten, weil Kollege Mesut Präsident Erdogan die Hand geschüttelt hatte.

    Özil, derart in die Ecke gedrängt, hält ein paar Tage die Füße still und hämmert dann gestern eine dreiteilige Generalabrechnung in die Tastatur. Auch dieser Text ist nicht glücklich gelungen – einer meiner Facebookfreunde bezeichnete das Konvolut als Leberwurstbriefe –: viel zu lang, viel zu vieles miteinander vermischt, keinerlei Eigenkritik. Aber zwei Sätze haben es in sich: „In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren… Gibt es Kriterien, ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle?“

    Verbaler Sprengstoff – Wie lange hält sich Grindel noch?

    Das ist verbaler Sprengstoff. Eine Lunte, die, kaum dass sie angezündet wurde, bereits droht, große Teile der selbstgerechten Funktionärsriege in die Luft zu jagen. Der DFB, der gerne Werbung mit dem Motto „Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit!“ macht, liefert ausgerechnet einen türkischstämmigen Spieler ans Messer? Warum nicht Kroos, weshalb nicht Müller, wo war Hummels? Sie spielten ALLE weit unterhalb ihrer Möglichkeiten. Was war mit der veralteten Ballbesitzstrategie, die zu ermüdendem Schlafwagenfußball führte? Dauernder Veränderung der Startelfformation, Einwechslungen, die Nullkommanichts brachten, guten Stürmern, die man zu Hause ließ? Alles nebensächlich? Die alleinige Schuld fürs Scheitern trägt Özil??

    Was sich in den sozialen Medien und den Leserbriefspalten der Zeitungen über dem Gelsenkirchener an Häme entlud, kann mit einem einzigen Wort beschrieben werden: Alltagsrassismus. Auch ich habe ihn ab und an als Schönwetterspieler tituliert, der in engen Matches gerne abtaucht, die Ärmel nicht hochkrempelt, sich auf seinem unbestreitbaren Talent ausruht. Aber: dasselbe gilt für Kroos. Letztlich gilt es für die gesamte Generation der Nivea- und Nutellakicker. Und dass es diesen stromlinienförmigen Spielertypus gibt – dafür trägt der DFB die Verantwortung.

    Der Fußballforen- und Facebook-Lynchmob schießt sich auf einen – von insgesamt 23 – Akteuren ein und niemand aus der Führungsriege springt ihm bei. Bierhoff und Grindel gießen zusätzlich Öl ins Feuer, geben Özil somit zum Abschuss frei, der um seinen Job bangende Bundestrainer hält sich bedeckt. Das ist erbärmlich.

    Jetzt hat sich der Verband die – vorhersehbare und unnötige – Diskussion „Wie Ernst ist es dir mit dem Kampf gegen den Rassismus?“ ins Haus geholt. Weil der Manager seinen eigenen Hintern aus der Schusslinie bringen will und der Oberfunktionär lieber eitle Pressekonferenzen abhält, statt das persönliche Gespräch mit dem Spieler zu suchen. Grindel und Bierhoff zerdeppern in Rekordzeit, was tausende Vereine in Jahren aufgebaut haben: Fußball als Integrationsprojekt für Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien.

    Und deshalb müssen auf Özil nun schnell die beiden Brandstifter folgen, will der DFB glaubwürdig bleiben. In der Hoffnung, dass endlich ein Profi auf dem Chefsessel des größten Sportverbands der Welt Platz nimmt. Jemand, der Krisenmanagement beherrscht und der im Sinne der Gleichberechtigung ebenfalls Matthäus zur Ordnung ruft, sobald sich der Ehrenspielführer bei Putin einschleimt. Jemand, der sich kritisch zu Austragungsorten wie Katar äußert und der es nicht lustig findet, wenn Beckenbauer behauptet, auf den dortigen Baustellen keine Sklaven gesehen zu haben. Es ist elende Doppelmoral, an Özil ein Exempel zu statuieren und in anderen, ähnlich gelagerten Fällen, inaktiv zu bleiben.

    Ciao Mesut!

    Dem scheidenden Mittelfeldstrategen rufe ich ein wehmütiges „Ciao Mesut!“ hinterher. „Du hast uns ne Menge schöner Momente beschert“. Bester 10er seit Uwe Bein, der im linken kleinen Zeh mehr Ballgefühl besitzt als die meisten seiner Kollegen in zwei Füßen. Mögest du in Zukunft besser beraten werden, dich von Erdogan-Terminen fernhalten und im Herbst deiner Karriere nochmal Erfolge mit Arsenal feiern. Der deutsche Fußball verliert mit dir einen seiner wenigen Künstler.

  • Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Die Szene wirkt wie ein Remake des Godfathers: Don Vito Corleone flankiert von seinen drei Söhnen Michael, Santino und Fredo. Nur dass es sich bei der Doublette um den türkischen Präsidenten Erdogan, eingerahmt von den in der Premier League kickenden Spielern Özil, Gündogan und Tosun, handelt. Die vier trafen sich am vergangenen Sonntag in London auf einen kleinen Plausch, schüttelten Hände, überreichten dem Paten handsignierte Trikots und lächelten in die Kamera. So weit, so gut bzw. schlecht.

    Kein Staatsmann ist dem deutschen Facebook-User derart verhasst wie der Herrscher vom Bosporus. Sobald sein Name erwähnt wird, ertönen pawlowartig Schimpfkanonaden, von denen „Erdolf“ und „byzantinischer Despot“ noch zwei der freundlichen darstellen. Jan Böhmermann widmete ihm vor zwei Jahren ein 24 (!!) Verse umfassendes Schmähgedicht, das der Autor dieses Beitrags damals zum Fremdschämen fand. Satire darf bekanntlich alles, und der deutsche Social-Media-Junkie pöbelt ohnehin gerne, solange er sicher ist, dass er für seinen Unflat keinerlei negative Konsequenzen befürchten muss.

    Der Pate und die Nachbarclans

    Natürlich ist das aktuelle Oberhaupt der Osmanen kein lupenreiner Demokrat westlichen Zuschnitts, unterdrückt die Opposition, schränkt die Pressefreiheit ein, hält Wahlen am liebsten dann ab, wenn er sicher ist, sie zu gewinnen, schmeißt Kritiker gerne in den Knast, und führt einen kleinen, schmutzigen Krieg gegen die Kurden. Alles nicht so schön. Klar. Aber im Vergleich zu den Ländern um ihn herum auch nicht großartig anders, als das, was Russland, Saudi-Arabien und Ägypten praktizieren. Der Pate ist in seiner Region wahrlich nicht der einzige Mafioso. Und in der Europäischen Union geht’s östlich der Oder und südlich der Donau ebenfalls nicht immer so pluralistisch-korrekt und weltoffen wie bei uns zu. Ohne dass wir Deutschen deshalb Hasslieder auf Orban und Duda anstimmen.

    Mal ganz kurz zu den Fakten: die Türkei ist NATO-Mitglied und EU-Aufnahmekandidat. Wir überweisen ne Menge Kohle dorthin, damit uns Ankara die Flüchtlinge vom Leib hält und liefern Waffen, die nicht einzig zur Verteidigung des Landes eingesetzt werden. Jedes Jahr verbringen vier bis fünf Millionen Touristen aus Castrop-Rauxel und Schwäbisch-Hall ihren preiswerten Pauschalurlaub an den Stränden der anatolischen Riviera. Das ist aus der Sicht des deutschen Steuerzahlers alles in Ordnung; oder doch nicht?

    Reaktionen in den sozialen Medien

    Aber zurück zum Auslöser der Kolumne: dem Bild des Paten mit seinen drei als Fußballlegionären sehr erfolgreichen Söhnen.

    Wer sich mit einem Despoten ablichtet , bekommt die rote Karte

    Wer sich mit solch einem Diktator fotografieren lässt und auf sein Trikot schreibt, „für meinen Präsidenten“, der hat in unserer Nationalmannschaft nichts zu suchen

    Sollen sie doch in der türkischen NM spielen
    © drei Facebook-Nutzer

    Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag
    © Cem Özdemir

    Herr Gündogan ist ein trauriges Beispiel, wie gering die Identifikation der türkischstämmigen Jugend in Deutschland mit der Wahlheimat ihrer Eltern ist
    © Alice Weidel

    Fußballer sind keine Berufsdiplomaten

    Mal völlig losgelöst vom Unsinn der Forderung, dass Özil und Gündogan das Nationalteam wechseln sollen – denn das ist gemäß FIFA-Statuten gar nicht möglich –, springen zwei Phänomene sofort ins Auge:

    (a) Das mangelhafte Einfühlungsvermögen der Ich-bin-seit-tausend-Jahren-Deutschen gegenüber Mitbürgern mit Migrationshintergrund und zwei Reisepässen
    (b) Die Illusion, dass Fußballspieler im Nebenjob Diplomaten sind

    Özil singt seit Jahren die Hymne nicht mit, gibt’s dann an jeder zweiten Ecke zu lesen. Na und? Haben Beckenbauer, Netzer und Overath ebenfalls nie getan. Und auch ich habe keine Lust auf die pathetisch-altbackenen Zeilen, und schweige, während das Lied der Deutschen im Stadion ertönt. Ich käme auch nicht auf die Idee, bei Songs der Kastelruther Spatzen mitzuträllern. Geschlossene Lippen und ernster Blick müssen ausreichen, ohne gleich als Vaterlandsverräter einsortiert zu werden.

    Was ist eigentlich mit der Meinungsfreiheit in unserem Land? Können wir uns jetzt nicht mehr gemeinsam mit fremden Staatsoberhäuptern auf einem Foto ablichten lassen, ohne ein Berufsverbot befürchten zu müssen? Wo steht überhaupt geschrieben, dass Fußballer leuchtende Vorbilder und Aushängeschilder zu sein haben? Also ich persönlich habe mich nie der Illusion hingegeben, dass Typen wie Wagner und Petersen mich auf dem internationalen Parkett besser als unser Außenminister und dessen Diplomatisches Corps vertreten. Ich bekomme allerdings auch nicht sofort nervösen Schluckauf, wenn Marco Reus ohne Führerschein im Maserati erwischt wird und Kevin Großkreutz in der Lobby eines Hotels in die Blumenrabatte pinkelt. Effenbergs Stinkefinger bei der WM 94 = Pillepalle. So sind sie halt, die jungen Leute.

    Scheinheiligkeit der Diskussion

    Man kann Erdogan als üblen Autokraten einstufen – ob er bereits ein Diktator ist: diese feine Unterscheidung überlasse ich geschulten Politologen –, sich an seiner Art des Auslandswahlkampfs stören, die PR-Aktion als völlig daneben bezeichnen, und den drei Spielern trotzdem das Recht zugestehen, dem Präsidenten die Hand zu schütteln. Kommt ja auch (noch) niemand auf die Idee, Exkanzler Schröder zum Umzug nach Moskau aufzufordern, weil der sich mit dem lupenreinen Demokraten Putin so ausgezeichnet versteht oder Seehofer ins Altersexil nach Budapest zu seinem Kumpel Orban zu verbannen.

    Es ist hochgradig scheinheilig, Ankara als politischen Partner zu hofieren, sich in Antalya mit klebrigen All-inclusive-Cocktails volllaufen zu lassen, und zurück zu Hause auf dem deutschen Sofa sofort wieder gegen dieses Land und die von dort stammenden Migranten vom Leder zu ziehen.

    Fußballer sollten primär nach ihrem Können am Ball und nicht danach, mit wem sie sich zu einem Fototermin treffen, beurteilt werden. Und da befürchte ich, dass Özil sich bei den wichtigen und engen Partien mal wieder unsichtbar machen wird. Was ich ihm dann mehr ankreide als seinen kurzen Flirt mit Erdogan oder die mangelhaften Sangeskünste. Und sollte Gündogan bei der WM ein Tor erzielen, jubeln darüber sicher auch Cem Özdemir und Alice Weidel. Denn in diesem Moment kollektiver teutonischer Freude ist die Herkunft des Schützen dann plötzlich wieder egal.

    Fazit: auch für Nationalspieler türkischer Herkunft gilt die Meinungsfreiheit. Es war deshalb weise von Bundestrainer Löw, sich von der medial aufgeheizten Stimmung nicht beirren zu lassen und Özil und Gündogan am heutigen Tag in den vorläufigen Kader mit aufzunehmen.