Schlagwort: Nihilismus

  • Selbstzerstörung als letzter Wille

    Selbstzerstörung als letzter Wille

    Gehört zum abendlichen Pflichtprogramm in jeder Suchtklinik und ist auch zu Hause auf dem Sofa im Abstand einiger Jahre immer wieder sehenswert: Leaving Las Vegas – die (neben The lost weekend) cineastisch schonungsloseste Auseinandersetzung mit dem Thema Alkoholismus.  Ich habe mir den Fillm vor ein paar Tagen (zum zehnten Mal?) angeschaut und will nun endlich die seit Langem fällige Rezension zu Papier bringen:

    Worum geht es?

    In Leaving Las Vegas – basierend auf dem gleichnamigen (stark autobiografisch gefärbten) Roman von John O’Brien – reist der arbeitslose Drehbuchautor Ben Sanderson (Nicolas Cage) an der Welt berühmtesten Sehnsuchtsort der Zocker und Feierlustigen, um sich in einem billigen Motel systematisch zu Tode zu trinken. Dort begegnet er der Prostituierten Sera (Elisabeth Shue). Zwischen beiden entsteht eine fragile Beziehung – getragen von einer stillschweigenden Vereinbarung: Sie akzeptiert seinen Alkoholismus, er billigt ihren Lebenswandel. Während sich zwischen ihnen eine Form von Nähe entwickelt, schreitet seine Selbstzerstörung unaufhaltsam voran – ohne Therapie, ohne Rettung, ohne moralische Auflösung.

    Alkoholismus als radikaler Realismus

    Leaving Las Vegas gehört zu den kompromisslosesten Darstellungen von Alkoholismus im Kino, weil sich der Film konsequent weigert, die Krankheit dramaturgisch zu „lösen“. Alkoholismus erscheint hier nicht als Krise, die überwunden werden kann, sondern als Zustand, der sich verselbständigt hat. Der Protagonist trinkt nicht aus situativer Schwäche oder romantischer Melancholie, sondern aus einer inneren Entscheidung heraus, die längst jede Alternative verdrängt hat.

    Gerade diese Konsequenz erzeugt den Realismus des Films. Alkohol strukturiert jeden Moment des Tages, bestimmt Wahrnehmung, Verhalten und soziale Beziehungen. Statt spektakulärer Abstürze zeigt der Film vor allem Wiederholung: Trinken, Funktionieren, Zerfall. Diese Monotonie ist es, die die Darstellung so glaubwürdig macht – Alkoholismus erscheint nicht als dramatisches Ereignis, sondern als alltäglicher Prozess der Selbstauflösung.

    Funktionaler Alkoholiker ohne Hoffnung

    Eine besondere Stärke des Films liegt in der Darstellung eines funktionalen Alkoholikers. Der Protagonist ist kein klischeehafter Randständiger, sondern ein intelligenter, reflektierter Mensch, der sein Verhalten durchschaut – und dennoch fortsetzt. Diese Diskrepanz zwischen Einsicht und Handlung gehört zu den realistischsten Elementen des Films.

    Viele Erzählungen über Sucht setzen auf den Wendepunkt: Einsicht führt zur Veränderung. Leaving Las Vegas verweigert genau diesen Mechanismus. Es gibt keine Intervention, keine Therapie, keinen Versuch der Rettung. Stattdessen wird Alkoholismus als Entwicklung gezeigt, in der Erkenntnis ihre handlungsleitende Kraft verloren hat. Der Protagonist weiß, was er tut – und entscheidet sich dennoch dafür.

    Körperlicher Verfall und psychologische Leere

    Der Film zeigt Alkoholismus nicht nur als psychologisches, sondern auch als körperliches Phänomen. Zittern, Orientierungslosigkeit, Kontrollverlust und zunehmende Isolation erscheinen nicht als dramatische Höhepunkte, sondern als schleichender Prozess. Es ist gerade diese Unspektakularität, die die Darstellung so beklemmend macht.

    Parallel dazu wird eine tiefere Ebene sichtbar: die vollständige Entleerung von Sinn. Alkohol ist hier weder Genuss noch Flucht, sondern die letzte verbliebene Struktur im Leben. Der Protagonist trinkt nicht, um etwas zu erreichen, sondern um die Abwesenheit von Bedeutung auszuhalten. In dieser Reduktion liegt die eigentliche Radikalität des Films.

    Selbstzerstörung als bewusste Entscheidung: Parallelen zum Steppenwolf

    In seiner Konsequenz erinnert der Film an literarische Figuren wie Harry Haller aus Der Steppenwolf von Hermann Hesse. Auch dort steht ein Protagonist im Zentrum, der seine Existenz als unauflösbaren Widerspruch erlebt und den Gedanken an Selbstvernichtung als ständige Möglichkeit mit sich trägt.

    Ähnlich organisiert auch die Hauptfigur in Leaving Las Vegas ihr Leben um die eigene Auflösung. Alkohol ersetzt die punktuelle Entscheidung durch einen Prozess: nicht der plötzliche Akt, sondern die kontinuierliche Umsetzung einer inneren Haltung.

    Der Unterschied liegt jedoch im Ausgang: Während Der Steppenwolf noch eine Bewegung zur Selbsterkenntnis und Transformation offenhält, verweigert der Film jede Form von Entwicklung. Es gibt kein „magisches Theater“, keinen Ausweg, keine Dialektik. Was bei Hesse als Möglichkeit existiert, erscheint hier als bereits vollzogene Entscheidung.

    Nihilismus als gelebter Zustand

    Der Film lässt sich als Studie eines radikal gelebten existenziellen Nihilismus verstehen. Allerdings nicht im Sinne einer reflektierten Weltanschauung, sondern als Zustand, in dem Sinnfragen ihre Relevanz verloren haben. Es gibt kein „Warum“ mehr, das beantwortet werden müsste, und kein „Wofür“, das Handlungen strukturieren könnte.

    In diesem Sinne zeigt Leaving Las Vegas das Endstadium eines Prozesses, der in der Literatur oft noch verhandelt wird. Während Figuren wie im Steppenwolf zwischen Verzweiflung und Möglichkeit oszillieren, hat der Film-Protagonist dieses Stadium bereits hinter sich gelassen. Reflexion wird nicht mehr in Handlung übersetzt – sie ist bedeutungslos geworden, mutiert zum Ausdruck völliger Leere.

    Alkohol fungiert dabei als Medium dieser Haltung: nicht als Flucht, sondern als kontinuierliche Auflösung von Bedeutung. Der Film zeigt keinen denkenden Nihilismus, sondern einen, der gelebt wird.

    Beziehung ohne Rettungsfantasie

    Auch die Liebesgeschichte folgt dieser Logik. Die Beziehung basiert nicht auf Hoffnung oder Veränderung, sondern auf Akzeptanz. Sie versucht nicht, ihn zu retten, und er verspricht nicht, sich zu ändern. Gerade diese Konstellation wirkt realistischer als die in vielen Filmen dominierende Vorstellung, Liebe könne Sucht überwinden.

    Nähe entsteht hier unter Bedingungen, die ihre eigene Zukunft ausschließen. Der Film zeigt damit, wie Sucht Beziehungen nicht einfach zerstört, sondern transformiert: Zuneigung ist möglich, aber sie bleibt folgenlos. Die Krankheit setzt die Grenzen, innerhalb derer Beziehung überhaupt stattfinden kann.

    Verzicht auf moralische Botschaften

    Ein zentrales Element des Realismus liegt im völligen Verzicht auf moralische Einordnung. Der Film erklärt Alkoholismus nicht, er bewertet ihn nicht und er bietet keine Lösung an. Diese Zurückhaltung erzeugt eine fast dokumentarische Wirkung.

    Das Publikum wird nicht entlastet. Es gibt keine klare Schuld, keine pädagogische Botschaft und kein therapeutisches Narrativ. Gerade diese Leerstelle macht den Film so eindringlich, weil er die Realität von Sucht nicht in eine sinnstiftende Dramaturgie überführt.

    Was bleibt am Ende?

    Leaving Las Vegas ist eine der radikalsten filmischen Auseinandersetzungen mit Alkoholismus. Der Film zeigt Sucht nicht als überwindbare Krise, sondern als existenziellen Zustand, in dem Entscheidung, Einsicht und Handlung auseinanderfallen. In Verbindung mit literarischen Motiven, wie sie sich im Steppenwolf finden lassen, wird deutlich, dass es hier um mehr geht als um Abhängigkeit: nämlich um die Möglichkeit, sich bewusst gegen das Leben zu entscheiden.

    Gerade weil der Film auf Erlösung, Entwicklung und moralische Orientierung verzichtet, wirkt er so realistisch und verstörend. Er zeigt Selbstzerstörung nicht als Absturz, sondern als Haltung – und genau darin liegt seine nachhaltige Wirkung.

    Bewertung: 9.5 Punkte
    +++

    Steckbrief

    Titel: Leaving Las Vegas
    Regie und Drehbuch: Mike Figgis
    Jahr: 1995
    Genre: Drama
    Basierend auf dem gleichnamigen Roman von John O’Brien (1990)
    Produktionsfirmen: Initial Productions & Lumière Pictures
    Filmverleih: United Artists (USA) & Metro-Goldwyn-Mayer (international)

    Hauptdarsteller:
    Nicolas Cage – Ben Sanderson
    Elisabeth Shue – Sera

    Auszeichnungen u.a.: Academy Award für Nicolas Cage als Bester Hauptdarsteller
    +++

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  • Kolumne, die ich gar nicht schreiben wollte (1)

    Kolumne, die ich gar nicht schreiben wollte (1)

    Ich sitze am Schreibtisch und zermartere mir den Kopf, worüber ich meine neue Kolumne schreiben soll. Die nicht-zahlende Kundschaft stellt sich das immer so einfach vor: der Autor spuckt pünktlich am Stichtag einen neuen Text aus. Der wird von den Lesern kurz überflogen, dann beifällig oder ablehnend mit dem Kopf geschüttelt, bevor der Artikel in die digitale Mülltonne verschoben wird. Niemand aber macht sich Gedanken darüber, woher die Ideen für die wöchentlichen Beiträge stammen. Man kann als Kolumnist eine Rubrik beackern. Musik, Literatur, Kino und Politik bieten sich hier an. Ich hab’s mit Alkoholismus probiert. Aber mittlerweile wissen wirklich alle  darüber Bescheid, dass sich zu viel Saufen schädlich auf die Leber und das Urteilsvermögen auswirkt. Und wer es partout nicht wissen will, dem ist sowieso nicht zu helfen. Ich blättere in der Tageszeitung in der Hoffnung, dort auf was Interessantes und Vertiefenswertes zu stoßen. Komplette Fehlanzeige. Was soll ich über Lindners selbst verschuldeten Popularitätssturzflug berichten, oder Schulz‘ Beleidigte-Würselener-Diva-Attitüde oder Dobrindts ständige Pöbeleien, mit denen er jeden potenziellen Koalitionspartner in die Flucht schlägt? Das verwursten die Redaktionen ja zu eigenen Kommentaren. Einen zweiten Aufguss durch mich braucht’s nicht. Stöger gewinnt wieder. Nun allerdings mit dem BVB und nicht mit dem FC. Der verkackt weiterhin Spiel auf Spiel, worüber ich mich als Köln-Fan seit Geburt zwar jedes Mal so aufrege, dass die Nachbarn unter mir mit dem Besenstil gegen die Decke hämmern, damit ich mich wieder einkriege. Aber für den traurigen Niedergang dieses Traditionsvereins interessiert sich außerhalb des Rheinlands kein Schwein. Sophia Thomalla lässt sich ans Kreuz nageln, und ich frage mich, ist das ein Erotikbild, bei dem der Autokühler durch ein Kruzifix ausgetauscht wurde, oder hat das was mit Weihnachten zu tun? Habe ich allerdings ebenfalls keinen Bock drauf, mich damit zu beschäftigen. Eigentlich bin ich völlig bock- und ideenlos und werde deshalb in dieser Woche meine Kolumne einfach sausen lassen. Fällt eh keinem auf.

    Schwierige Fragen, unbedachte Antworten

    Früher Abend, bereits dunkel, ich gehe raus auf meine Terrasse, um mein träges Hirn durch frischen Sauerstoff auf Touren zu bringen. Es stürmt, Wolkenfetzen jagen an einem fahlen Halbmond vorbei, zu meiner Rechten, dort wo auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses die Eifel beginnt, braut sich ein Unwetter zusammen. Geruch von Lagerfeuer und gleich einsetzendem Schneefall liegt in der Luft. Stille um mich herum. Außer der dumpfen Sirene eines Schiffs auf dem Rhein kein Geräusch zu hören. Als ob der Stadtteil von den Einwohnern fluchtartig verlassen wurde; und nur ich alleine bin zurückgeblieben. Die Szene hat was Unwirkliches. Obwohl mich fröstelt, bleibe ich am Geländer stehen. Meine Gedanken schweifen zurück an einen Dezemberabend Anfang der 70er Jahre in Regenburg, wo unsere Familie eine Zeit lang wohnte. Im Süden der Stadt am steil aufsteigenden Hang einer Anhöhe. Oberhalb unseres Hauses verlief ein schmaler Weg, den mein Vater liebte. Drei Mal in der Woche brach er nach der Tagesschau auf, um seine Runde zu drehen. Bei jedem Wetter. Zumeist solo, denn weder meine Mutter noch wir Kinder verspürten große Lust auf späte Spaziergänge.

    An diesem Dezemberabend begleitete ich ihn. Von der Kuppe ein schöner Blick auf den illuminierten Dom, dahinter sind die ersten Ausläufer des Bayerischen Walds zu erahnen. Sternenklarer Himmel. Mein Vater zeigt mir den großen und den kleinen Wagen, den Polarstern. Was ein Vater halt so tut, wenn er mit seinem 10jährigen Sohn unterwegs ist.

    Ich fragte: »Gibt es Leben irgendwo da draußen?«
    Mein Vater antwortete: »Weiß niemand so genau. Ist aber unwahrscheinlich.«
    Ich fragte: »Gibt es Gott dort oben?«
    Mein Vater antwortete: »Auch das ist eher unwahrscheinlich.«
    »Aber uns gibt es doch?«
    »Wir sind eine Laune der Natur.«
    Dann setzten wir den Rundgang schweigend fort.

    In diesem kurzen Moment hatte mein Vater in mir die Pflanze des Zweifels gesät. Nicht mit Absicht, sondern spontan aus einer sich zufällig ergebenden Situation heraus. Hätten wir nicht gemeinsam in den Sternenhimmel geschaut, wäre es vielleicht nie zu meinen Fragen gekommen. Er wird seine Antworten auch nicht groß überlegt haben. Er teilte einfach mit, wie er die Dinge sah: nämlich materialistisch. Was man nicht sehen und anfassen kann, existiert nicht. Und weil er Wissenschaftler war und wusste, dass ein hundertprozentiges Nein zu dogmatisch klingt, sagte er „eher unwahrscheinlich“. Meine Mutter, wäre ihr die Sache zu Ohren gekommen, hätte mit ihm geschimpft. Sie glaubte zwar ebenfalls nicht an UFOs und Aliens, war jedoch auf eine kindlich-naive Weise von der Allmacht Gottes überzeugt, weshalb sie uns Kinder anhielt, wenigstens einmal im Monat mit ihr in die Kirche zu gehen und im Religionsunterricht zwar kritische Fragen zu stellen, aber stets gut aufzupassen.

    Die Nicht-Existenz Gottes und der Mensch als Laune der Natur schlummerten von nun an in meiner Kinderseele. Die Krankheit Nihilismus brach zwar nicht sofort aus, es würde noch ein Jahrzehnt vergehen, bis ich die Frage nach dem Sinn als die sinnloseste von allen Fragen erkannte, jedoch war der Samen gelegt.

    Kritzelei an der Schultafel sorgt für Ärger

    Einige Monate später zeichnete ich vor dem Religionsunterricht eine untersetzte Frau mit monströsen Hängetitten und gespreizten Beinen auf die Tafel und legte ihr die Sprechblase „Ich bin die dümmste Fotze von allen“ in den Mund. Eine Kritzelei wie man sie ähnlich auch an den Höhlenwänden in Altamira und Lascaux findet. Dann setzte ich mich auf meinen Platz und wartete darauf, was nun geschehen würde. Die von der Frühstückspause zurückkehrenden Mitschüler gafften, feixten und johlten. »Die sieht aus wie die Frau Sedlmayr «, sagte einer aus der Fraktion der nicht besonders Schlauen und lachte dreckig. Als Frau Sedlmayr das Klassenzimmer betrat, wurde es schlagartig ruhig. 39 Paar Augen starrten erwartungsvoll auf sie, ich schaute derweil aus dem Fenster. »Wer war das?«, fragte sie. Niemand antwortete, jedoch wanderten die 39 Augenpaare nun zu mir, sodass es für Frau Sedlmayr einfach war, mich als Täter zu identifizieren. »Komm nach vorne zu mir, Bürscherl!«, rief sie, wartete mein Aufstehen jedoch gar nicht erst ab, sondern zerrte mich aus meiner Bank heraus zur Tafel. »Warst du das?« Leugnen war zwecklos, also antwortete ich wahrheitsgemäß: »Ja«. Das Nächste, was ich spürte, war eine unangenehm brennende linke Wange. Ich ließ mir den Schmerz nicht anmerken, wollte Frau Sedlmayr nicht die Genugtuung verschaffen, mich vor Publikum in die Knie zu zwingen. »Tut es dir jetzt leid?«, hakte sie nach. »Nein.« Sie verpasste mir eine zweite Ohrfeige an exakt dieselbe Stelle, meine Wange fühlte sich jetzt taub an und im linken Ohr hörte ich ein Pfeifen. »Wir gehen jetzt zur Rektorin«, schrie Frau Sedlmayr und schleifte mich aus der Klasse hinaus.

    Als ich drei Tage danach gemeinsam mit meinen Eltern und Frau Sedlmayr im Zimmer der Rektorin saß, vereinbarten die Parteien folgendes: man suspendierte mich für den Rest des Schuljahres vom Religionsunterricht, und ich besuchte in diesen 3x 45 Minuten die zeitgleich stattfindende Mathestunde der Parallelklasse. Ich würde Frau Sedlmayr einen zwei Seiten langen Entschuldigungsbrief schreiben – diese Maßnahme fuckte mich am meisten ab –, und meine Eltern sagten zu, bei der nächsten Schulfeier aktiv bei Organisation und Durchführung mitzuhelfen. »Reden Sie Ihrem Sohn ins Gewissen«, verabschiedete uns die Rektorin, »Irgendwas scheint da momentan aus dem Ruder zu laufen«. Auf dem Rückweg nach Hause drohte meine Mutter an, mich von – aus ihrer Sicht falschen – Freunden zu trennen, während sich mein Vater darüber wunderte, seit wann ich so gut zeichnen konnte, dass Frau Sedlmayr sich in meinem Werk sofort wiedererkannte. Vielleicht käme ich als Maler eines Tages groß raus. Ich grinste, meine Mutter fand das hingegen überhaupt nicht lustig.

    Gott ist tot

    Am darauffolgenden Abend ging ich in die Küche, um mir dort aus dem Kühlschrank eine Limonade zu besorgen, als ich durch die halb geöffnete Tür von draußen Stimmen hörte und Zeuge einer Unterhaltung wurde, die meine Eltern auf dem Balkon führten:
    »Woher kennt er Worte wie Fotze?«, fragte mein Vater.
    »Bestimmt durch die Eisenmenger-Söhne«, antwortete meine Mutter. »Diese Verbindung werde ich jetzt kappen. Die Jungs sind kein Umgang für ihn.«
    »Und seit wann zeichnet er nackte Frauenkörper? Ist dir da schon mal was in seinem Zimmer aufgefallen?«
    »Nein.«
    »Wir sollten das im Auge behalten. Nicht, dass er jetzt schon mit pornografischem Material rumhantiert.«
    »Natürlich passe ich da auf.«

    Die typische Besorgte-Eltern-Platte. Sie stellten die verkehrten Fragen, wussten keine Antworten, zogen deshalb voreilige Schlüsse. Für sie kam als Auslöser einzig Frühsexualisierung aufgrund falscher Freunde in Betracht. Als ob ich oder einer meiner Kumpels so blöde gewesen wäre, unsere Pimmelzeig- und Pimmelreibspiele in großer Runde auszuposaunen. Diese Dinge blieben geheim, und wer sie zu Hause oder in der Schule ausgetratscht hätte, wäre von uns windelweich geprügelt worden.

    Die einzig richtige Frage kam meinen Eltern und der Rektorin überhaupt nicht in den Sinn: WESHALB kritzelt ein 10jähriger so ein Bild auf die Tafel? Welchen Beweggrund hat ein Viertklässler für solch eine Tat? Die Antwort, die die Erwachsenen sicher verstört zurückgelassen hätte, lautete: ich drückte auf meine Art aus, dass Gott für mich tot war. Die Schuld für mein Abfallen vom Glauben trugen zu gleichen Teilen Frau Sedlmayr mit ihrer nicht zu ertragenden Frömmelei und buchstabengetreuen Bibelauslegung und mein Vater mit seinem Satz vom vergangenen Dezember: „Dass es Gott gibt, ist eher unwahrscheinlich“. Selbstverständlich hatte ich vorher mit ein paar Freunden gewettet, die darauf spekulierten, ich würde in letzter Minute doch noch kneifen, unserer Religionslehrerin das Wort Fotze in den Mund zu legen. So waren knapp zehn Mark zusammengekommen, die ich mir in der zweiten Pause ausbezahlen ließ. Damals viel Geld für mich.

    Nun bin ich bereits bei 1500 Wörtern angelangt, was für eine Kolumne, die ich eigentlich nicht schreiben wollte, erstmal völlig ausreicht.

    In Teil 2 geht es um das schleichende Gift der Skepsis, und mit welchen Mitteln ich versuchte, meinem galoppierenden Glaubensverlust entgegenzuwirken