Schlagwort: Rezension

  • Daniel-Pascal Zorn: Philosophie als Pop?

    Daniel-Pascal Zorn: Philosophie als Pop?

    Es gibt bezüglich der Philosophie eine Vielzahl von Formen der öffentlichen Darstellung und Diskussion ihrer Fragestellungen, Diskussionen, Inhalte und Ergebnisse. Es gibt Sammelbände und Fachzeitschriften, in denen akademische Philosophinnen ebenso vertreten sind wie Denker, die außerhalb der Akademie arbeiten. Es gibt Bücher, die sich vor allem an ein Fachpublikum wenden, ebenso wie solche, die an ein breites Publikum adressiert sind. Darunter sind Übersichtsdarstellungen ebenso wie anspruchsvolle Diskussionen von Einzelproblemen. Es gibt zudem Publikumszeitschriften, in denen sich wiederum unterschiedlichste Textformen finden, im denen philosophische Fragen gestellt und Antwortversuche verständlich gemacht werden. Dort finden sich neben literarischen Versuchen auch Interviews mit akademischen Meistern und professionellen Philosophinnen. Darüber hinaus gibt es Veranstaltungsformate, Fernseh- und Rundfunksendungen, in denen Hochschullehrerinnen und Privatgelehrte auftreten, vortragen, antworten und diskutieren.

    Insofern ist Daniel-Pascal Zorn zuzustimmen, wenn er auf Seite 90 seines weniger als 100 Seiten umfassenden Essays „Shooting Stars. Philosophie zwischen Pop und Akademie“ schreibt, es sei „verfehlt, von einer einfachen Gegenüberstellung von Populärphilosophie und akademischer Philosophie auszugehen“. Allerdings reibt sich der Leser an dieser Stelle, so kurz vor Schluss des Textes, verwundert die Augen und fragt sich, was er denn auf den Seiten bis dahin andererseits gelesen hätte als eben eine solche einfache Gegenüberstellung. „Wie Karikaturen stehen sie sich gegenüber“ schreibt Zorn auf Seite 24 – und verschweigt an dieser Stelle, dass es seine Karikaturen sind, die er selbst zeichnet. Daran ändert nichts, dass er diese Karikaturen selbst als „wenig sympathische Idealtypen“ (Seite 8) bezeichnet und verspricht, „diese Kategorien selbst noch einmal kritisch [zu] befragen“ (Seite 9) – ein Versprechen, das höchstens ansatzweise eingelöst wird und dessen Einlösung in der polemischen, holzschnittartigen und radikal vereinfachenden Zeichnung der Karikatur „Populärphilosophie“ untergeht.

    Dabei ist das spezielle Verhältnis zwischen akademischer Fach-Philosophie und populärphilosophischen Arbeiten durchaus der genaueren Betrachtung wert, gerade weil es in der Philosophie in Wirklichkeit eine Vielfalt gibt, die anderen Disziplinen fremd ist. In Wissenschaften wie etwa der Physik oder auch der Ökonomie können wir sehr gut zwischen akademischer Forschung und populärer Darstellung unterscheiden – und kaum jemand käme auf die Idee, einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift oder einer Fernsehsendung die Vereinfachungen anzukreiden, die mit der allgemeinverständlichen Darstellung verbunden sind. Im Verhältnis von akademischer Arbeit und populärem Verstehen kommt eine Differenz zwischen diesen Wissenschaften und der Philosophie zum Ausdruck, deren Verstehen uns helfen kann, die unterschiedliche Bedeutung beider Handlungsfelder klar zu machen.

    Zu diesem Verstehen leistet Zorns Essay durchaus Beiträge indem es verständlich macht, wie Philosophie als Fragen immer radikal – an die Wurzel gehend – sein muss und wie sehr sie deshalb immer wieder ihre eigenen Voraussetzungen und Selbstverständlichkeiten fragwürdig machen muss. Das ist der Grund dafür, können wir fortsetzen, dass es in der Philosophie im Gegensatz zu den anderen Disziplinen kein stabiles Erkenntnisfundament geben kann, auf dem sich gemeinsam weiter aufbauen ließe. Denn immer ist es notwendig, dieses Fundament wiederum radikal zu befragen, seine Voraussetzungen und Grenzen zu klären.

    Man könnte meinen, dass dies doch auch etwa in der Physik der Fall sei. Aber die Sache liegt dort eben doch anders: Auch wenn man die Grenzen der Newtonschen Mechanik kennt gefunden, erkannt und überwunden hat, bleibt diese doch immer Fundament der Physik. Diskutiert man hingegen – um ein Beispiel zu nehmen – die Grenzen einer Ethik, die die Konsequenzen des Handelns im Fokus hat, wird man sofort auf ganz andere Möglichkeiten der Begründung von Ethik verwiesen. Philosophie ist der Versuch, Widersprüche, die sich daraus ergeben, denkend auszuhalten und zu verarbeiten.

    Daniel-Pascal Zorn liegt also mit seinem zentralen Anliegen richtig, dass Philosophie gelernt werden muss als Haltung, Selbstverständliches fragwürdig zu machen und auf seine Voraussetzungen zu befragen. In dem Teil, in dem Zorn dies erläutert (Seiten 43 bis etwa 56) ist sein Essay lesenswert. Zorn übersieht aber offenbar, dass es die Angebote, die dieses Lernen unterstützen wollen, bereits gibt: es ist eben die Vielfalt der philosophischen Bücher, der Interviews und der Beiträge in Philosophiezeitschriften, die sich, mehr oder weniger gelungen, seit langem um dieses Anliegen bemühen.

    Daniel-Pascal Zorn mag in seiner Kritik an einem einzelnen sehr populären deutschsprachigen Philosophen richtig liegen – wobei er seine Kritik auch an dieser Person nur sehr dürftig belegt. Und sicherlich ist es ein gutes Anliegen, die popularisierenden Autoren von Philosophiemagazinen immer wieder mahnend daran zu erinnern, dass sie mit Vereinfachungen Gefahr laufen, nicht nur eine komplizierte Sache zu einfach darzustellen, sondern das Wesen des philosophischen Problems ganz zu verfehlen. Dazu ist aber eine polemische Zuspitzung auf Karikaturen gerade nicht hilfreich. Es mag vielleicht dem Verkauf des Büchleins förderlich sein – aber es ist eben gerade nicht philosophisch.

    Jörg Phil Friedrich schreibt selbst philosophische Bücher und Aufsätze, die möglichst einem breiten Publikum verständlich sind. Zuletzt erschien von ihm Der plausible Gott.

  • Lasst uns teilen!

    Lasst uns teilen!

    Wenn der Mensch nicht hungert, nicht Krieg und Not ausgesetzt ist, und wenn er nicht durch Naturkatastrophen, Missgeschick oder Bösartigkeit anderer um Hab und Gut gebracht ist, dann bleibt ihm doch eine große Sorge: sein eigentliches Leben zu verpassen. Andreas Weber will, dass wir deshalb mehr teilen. Manchmal, wenn wir kurz innehalten im Trott oder im Galopp des Alltags, dann fragen wir uns, ob wir unsere Lebenszeit nicht verschwenden, ob wir nicht den falschen Dingen nachjagen oder uns von den falschen Leuten treiben lassen. Und gerade in der modernen westlichen Welt, in der der Hunger und die existenzielle materielle Not selten geworden sind, verdächtigen wir die Ordnung der Gesellschaft selbst, daran schuld zu sein, dass wir ein falsches Leben führen, dass wir uns falsche Prioritäten vorgaukeln lassen und dass wir alle zusammen und jeder einzelne von uns in eine falsche Richtung rennen.

    Andreas Weber: Teilen ist eine hohle Phrase

    Andreas Weber geht in seinem Buch Sein und Teilen genau von dieser Zeitdiagnose aus. Unsere Welt sieht er von einem Kapitalismus beherrscht, dessen Devise ist „Teile nicht! Vernichte!“, wir leben seiner Meinung nach in einer „Gesellschaft zerstörerischer Egoismen“. Der Imperativ des Teilens ist für Weber zu einer „hohlen Phrase“ verkommen und durch den Imperativ des Raffens ersetzt.

    Dem will der Andreas Weber etwas entgegensetzen. Er will das Teilen attraktiv machen, denn er meint, dass moralische Appelle nichts nützen. Stattdessen will Weber ein Umdenken in Gang setzen, das es attraktiv macht, dem Raffen und Vernichten zu entsagen und zu einem teilenden Sein überzugehen.

    Man muss der fundamentalen Kapitalismuskritik nicht folgen um der empathischen Forderung nach einem Überdenken unserer Handlungsprinzipien etwas abzugewinnen. Das, was Andreas Weber hier im Kern diagnostiziert, haben schon Hegel und spätestens Marx als Entfremdung beschrieben, und Heidegger hat mit seinem Fragen nach dem „eigentlichen Seinkönnen“ in „Sein und Zeit“ eine analytische Beschreibung der defizitären Seinsmodi des modernen Menschen beigetragen. Vieles, nicht nur der Titel von Webers Streitschrift, klingt nach Heideggers Kritik der modernen Gesellschaft, die insbesondere im Spätwerk explizit geworden ist. Es ist erstaunlich, dass Weber zwar selbst im Titel seines Buchs auf Heidegger anspielt, diesen aber im ganzen Buch nicht erwähnt – vielleicht ein zeitgemäßes Zugeständnis eines Autors, der doch ganz unzeitgemäß erscheinen will.

    Was hat Andreas Weber uns zu bieten, um das Teilen attraktiv zu machen? Sein Text ist ein Rundgang durch die Möglichkeiten des Teilens. Er beginnt mit der Einsicht, dass alles Leben ein Teilen ist, ein Geben und Nehmen. Dass jeder von uns Teil ist und nur in diesem Teil-Sein auch Selbst sein kann. Das ist zugleich schon die zentrale These, das wichtigste Argument Webers, das er im Verlauf seines Gedankengangs immer aufs Neue stützen und Untermauern möchte: Ein Individuum wird der Mensch nicht durch Abgrenzung und Unterscheidung, sondern durch Teilen und Integration. Sich als Teil eines umfassenden Ganzen zu verstehen, muss nicht bedeuten, in diesem Ganzen unterzugehen oder am Ende nur ein Rädchen im Getriebe zu sein, vielmehr kann dieses Selbstverständnis uns dazu bringen, ein wirkliches individuelles Selbstbewusstsein zu gewinnen.

    Teilen bringt uns zu uns selbst

    Andreas Weber will uns ein Umdenken attraktiv machen, nicht aus einer moralischen Verantwortung heraus, sondern aus dem Argument heraus, dass jeden von uns das Teilen zu sich selbst bringt. Dazu muss aber das Denken selbst sich wandeln, es darf nicht bei der rationalen Logik beginnen, es muss beim Fühlen anfangen. Im Fühlen, sagt Weber, erfahren wir die Welt in existenzieller Betroffenheit. Fühlen ist „die eigentliche Realität des Lebendigen“ und „Lebendigsein heißt Wirklichsein“. Indem wir fühlen, kommen wir mit allem in Verbindung und gewinnen so unsere Identität.

    Das mag etwas blumig klingen und es soll wohl auch so klingen. Man könnte die gleichen Gedanken wohl auch sachlicher ausdrücken, aber möglicherweise denkt Weber, dass er uns nur durch diese Sprache aus der Sachlichkeit des Effizienzdenkens herausreißen und in das Fühlen hineinziehen kann. Dafür wird jede Leserin und jeder Leser unterschiedlich empfänglich sein. Aber wenn man sich auf den Fluss des fühlenden Denkens bei Andreas Weber einlässt, und wenn man seine radikale Kapitalismuskritik teilt oder nachsichtig übersieht, hat man ein anregendes Buch vor sind, nach dessen Lektüre man durchaus einen anderen Blick auf sich selbst und das eigene Sein gewonnen hat.

  • Faszination Suizid?

    Faszination Suizid?

    Selbstmord oder Freitod? Schon in diesen beiden verschiedenen Namen für die gleiche Handlung wird deutlich, wie unterschiedlich der Umgang einer Gesellschaft mit dem Akt der Selbsttötung eines Menschen sein kann. Thomas Macho vermeidet in seinem Buch „Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne“ beide Begriffe, er spricht lieber neutral vom Suizid.

    Die Frage nach dem Suizid sei ein Leitmotiv der Moderne, diese These will Macho auf rund 450 Seiten belegen. Die ergänzenden 80 Seiten Anmerkungen und Literaturverweise zeigen, dass Macho sich auf umfangreiche Recherchen und intensives Quellenstudium stützt. Allerdings sucht man in den zitierten Werken fast ganz vergebens nach empirischen Studien zu Suiziden, nach soziologischen oder psychologischen Untersuchungen über Ursachen der Selbsttötung. Schaut man einmal in solche Studien, etwa in die viel zitierte Metastudie „Psychiatric diagnoses in 3275 suicides: a meta-analysis“ von 2004, so stößt man auf den Befund, dass in ca. 90% der Suizide in der Gegenwart mentale Krankheiten eine Rolle spielen. Dazu gehören vor allem die Depression und andere psychische Krankheiten, aber auch Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit.

    Diese tatsächlichen Ursachen von Suiziden sind jedoch nicht Machos Thema. Macho geht es in seinem Buch gar nicht um die Frage, warum Menschen sich heute umbringen oder warum sie sich vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten umgebracht haben. Wer erwartet, dass Macho Ursachen für den Selbstmord in der modernen Gesellschaft sucht oder gar nach Wegen zur Verhinderung von Suiziden fahndet, wird enttäuscht. In seinem Buch findet man auch keine Beurteilung des Selbstmordes, weder wird dem Selbstmörder, noch seiner Umgebung ein Versäumnis zur Last gelegt oder eine Schuld zugewiesen.

    Es geht Macho um etwas anderes, nämlich um den kulturellen Umgang mit der Idee des Suizids, es geht ihm darum, wie die Kultur die Idee, dass ein Mensch seinem Leben selbst ein Ende setzt, sieht, wie sie mit diesem Phänomen umgeht. Ihn interessiert, wie der Suizid in der Kunst, im Film, in der Philosophie diskutiert und dargestellt wird, er verfolgt die metaphorische Verwendung des Begriffs etwa in der Rede vom „Selbstmord der Menschheit“. Er verfolgt die Rolle und die Bewertung des Suizids im Verlauf des 20. Jahrhunderts, im Zusammenhang mit Kriegen, mit dem Faschismus und der Judenverfolgung.

    Wie verändert es eine Kultur, wenn sie sich von der Möglichkeit des Suizids faszinieren lässt, wenn sie ihn als eine „Selbsttechnik“ auffasst? Der einzelne Mensch in der Moderne macht sich selbst zum Gegenstand eines Entwurfs, er ergibt sich nicht seinem Schicksal sondern entscheidet selbst, wie er leben – und wie er schließlich sterben will. Zunehmend kommen wir also zu einem Selbstverständnis, aus dem heraus wir auch unseren je eigenen Tod selbst bestimmen und gestalten wollen. Das hat selbstverständlich Auswirkungen auf den Umgang mit dem „assistierten Suizid“, mit der „Sterbehilfe“, die Macho ebenfalls ausführlich diskutiert. Macho reflektiert die kulturellen Reflexionen des Phänomens des Suizids, sein Ziel ist eine Gesellschaftsdiagnose anhand der Rolle, die der Suizid im Diskurs der modernen Gesellschaft spielt.

    Er unterscheidet zwischen Gesellschaften, die den Suizid ablehnen und verachten, und solchen, die vom Suizid fasziniert sind, und er konstatiert für die Moderne eine zunehmende Suizidfaszination. Ob die Zahl der Menschen, die sich selbst das Leben nehmen, dabei tatsächlich zunimmt, ist für diese Diagnose nicht relevant, entscheidend ist, wie mit dem Motiv, mit der Idee des Selbstmordes umgegangen wird. Wird der Suizid verurteilt, oder wird er als legitim angesehen, als zulässige Option der Gestaltung des eigenen Lebens? Ist es dem Einzelnen überlassen, zu entscheiden, wann sein Leben endet?

    Für die Moderne stellt Macho fest, dass es zu einer Neubewertung des Suizids kommt, die sich auf verschiedenen Gebieten beobachten lässt, in der Religion ebenso wie in der Philosophie, in der Kunst ebenso wie in der Politik. Wenn die moderne Gesellschaft das selbstbestimmte Leben propagiert, wenn mein Leben nicht dem Staat, nicht Gott, nicht einem Kollektiv und nicht der Familie, sondern mir selbst gehört, dann muss das letztlich auch für meinen Tod gelten – und dann muss die Gesellschaft und meine Umgebung auch klaglos akzeptieren, dass ich selbst entscheide, wie und wann es zu Ende geht.

    Die größte Schwäche des Buchs benennt Macho am Ende selbst, wenn er im Nachwort Wittgenstein zitiert, der sich selbst als einen schlechten Führer bezeichnet hat, weil er seinen Gästen nicht zuerst die Hauptstraßen zeige, sondern sich leicht von interessanten Nebensächlichkeiten ablenken lasse. Was bei Wittgenstein als Koketterie durchgehen mag, ist für Machos Buch leider richtig. Allzuoft verliert er sein Ziel, seine großen Thesen zu belegen, ganz aus dem Blick, um sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, die auch interessant sein mögen, aber zum Anliegen des Buchs nichts beitragen. Da hätte man sich einen strengeren Lektor gewünscht, der dem Autor beim Streichen des Überflüssigen zur Seite gestanden hätte.
    Machos Buch ist dennoch ein hilfreicher Beitrag zum Verständnis der modernen Kultur.

    Seine These von der Suizidfaszination der modernen Gesellschaft mag überspitzt sein, aber die Frage, wohin es führt, wenn wir die Idee der Selbstbestimmtheit des Einzelnen zu Ende denken und eine Kultur etablieren, die den Suizid als Option akzeptiert, wird von Macho anregend diskutiert. Dabei wird auch klar: Die Moderne ist nicht die erste Gesellschaft in der Menschheitsgeschichte, die vom Suizid fasziniert ist, und deshalb kann die Akzeptanz des Freitods auch wieder durch eine Verurteilung des Selbstmords abgelöst werden.

    Thomas Macho: Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne. Suhrkamp 2017.

  • Waltari lesen (1)

    Waltari lesen (1)

    Der Mann, der Pate stand für eine Rockband und einen Asteroiden

    Sinuhe der Ägypter

    Nachdem wir uns bei der letzten Sonntagabendredaktionssitzung darauf verständigt hatten, dass ich neben „Hank im Wohnzimmer“ und „Gesoffen wird immer“ zwischendurch auch mal eine Kolumne zu einem seriösen Thema einreichen darf und um einen Vorschlag gebeten wurde, antwortete ich spontan: Mika Waltari und erntete von den Kollegen bloß ein verständnisloses Schulterzucken: »Hä, was ist das denn? Ein neues Möbel von IKEA?« … »Ich erklär’s euch bis Dienstag«, rief ich und lief zur Tür, denn es war weit nach Mitternacht, und ich wollte zurück nach Hause, wo noch hundert unbeantwortete Facebook-Kommentare auf mich warteten.

    Mika Waltari im Jahr 1935
    (Quelle: Wikipedia. Foto gemeinfrei)

    Vor und nach Waltari

    In Anlehnung an Clemens Haas‘ Einteilung der Musikgeschichte in Vorbach, Bach und Nachbach unterscheidet man bei historischen Romanen ebenfalls drei Epochen: Vorwaltari, Waltari und Nachwaltari. Beginnen wir, weil das gut an den Anfang passt, mit seinem Kurzlebenslauf: Geboren im September 1908 als jüngster von drei Söhnen eines Pfarrers in Helsinki. Gestorben im August 1979 ebenda. Er schrieb sich an der Universität für Theologie, Literatur und Philosophie ein, beendete die Studien bereits als 21-jähriger und startete in seine Berufskarriere als Journalist, Übersetzer und Literaturkritiker. 1938 gab er sein festes Arbeitsverhältnis auf und widmete sich von nun an ausschließlich der Schriftstellerei. Er übte mit Gedichten, Erzählungen und Kriminalgeschichten, bevor er ins historische Genre wechselte. Bereits sein erster Roman, veröffentlicht 1945, bedeutete den Durchbruch: Sinuhe der Ägypter.

    Ägypten im 14ten vorchristlichen Jahrhundert, Neues Reich, 18-te Dynastie, Amenophis III stirbt, sein Sohn und Nachfolger schwört dem alten Götterglauben ab, huldigt einzig der Sonnenscheibe, nimmt den Namen Echnaton an und heiratet die bildhübsche Nofretete. Die fettgewordenen Amunpriester werden entmachtet, wandern in den Untergrund, von wo aus sie Ränke und Intrigen gegen den neuen Pharao spinnen. Der verlässt Theben, baut sich eine neue Hauptstadt 500 Kilometer flussabwärts, vernachlässigt die Außenpolitik, im Inneren bricht Bürgerkrieg zwischen den Anhängern Amuns und denen Atons aus, Hungersnöte und Seuchen breiten sich aus, die Feinde Ägyptens scharren mit den Hufen, bereiten sich auf die Invasion vor. Und von Anfang an immer dabei und mittendrin: der Arzt Sinuhe.

    Die Faszination, die Sinuhe auf den Leser ausübt, hängt stark davon ab, in welchem Alter man ihn das erste Mal in die Hand nimmt. Ich war 15, als ich das Buch von einem Mitschüler mit den Worten ausgeliehen bekam: »Da sind ein paar ganz schön schweinische Szenen drin, hö hö«. Meine Neugier war sofort geweckt. Wer aber nun auf einen Roman à la Josefine Mutzenbacher oder gar was Pornografisches spekuliert, den muss ich bereits an dieser Stelle der Kolumne enttäuschen: nichts von alledem. Hin und wieder eine kleine Orgie und einer meiner Lieblingssätze, um demokratischen Sex zu beschreiben: legten wir uns gemeinsam auf eine Matte, um uns miteinander zu erfreuen. Das war’s schon in Punkto Erotik. Geschildert werden Kindheit, Jugend, Ausbildung, Wanderjahre, Tätigkeit als königlicher Schädelbohrer und Verbannung des Protagonisten Sinuhe, der als Baby wie Moses in einem Binsenboot auf den Wellen des Nils dümpelte, wo er von seinen zukünftigen Adoptiveltern am Ostufer Thebens aus dem Fluss gefischt wird.

    Wer noch fähig ist, heiligen Schauer beim Lesen eines Textes zu empfinden, der wird schon von der Magie des ersten Satzes eingefangen:

    Dies schreibe ich, Sinuhe, der Sohn Senmuts und seines Weibes Kipa, nicht um die Götter Kemets zu preisen, denn der Götter bin ich überdrüssig, nicht um Pharaonen zu verherrlichen, denn auch ihrer Taten bin ich müde, sondern um meiner selbst willen schreibe ich es.

    Während er bei seinem Adoptivvater Senmut, einem Armenarzt, in die Lehre geht, streunt der junge Sinuhe durch das Nachtleben der 24/7 pulsierenden Hauptstadt. Dort lernt er Nefernefernefer, die Oberpriesterin der Katzengöttin Bastet kennen und verfällt dem doppelt so alten und völlig gefühlskalten Biest mit Haut und Haaren. Als Student versuchte ich mich daran, einzelne Kapitel neu zu schreiben. Hier Auszüge seiner Begegnung mit der Femme fatale:

    Im Tempel der Katzenpriesterin

    Nefer hatte mich zu einem Gastmahl geladen, das sie zu Ehren syrischer Kaufleute heute Abend in ihrem Tempel gab. Die Händler waren mit einer Karawane auf der langen Pharaonenstraße von Gaza über  Tanis und Memphis bis nach Theben gereist. Sie hatten Kupfer aus Zypern, schwere Stoffe aus Sidon, gewürzten Wein aus Ugarit, silberne Gefäße aus Babylon und das wertvolle hethitische Eisen geladen. Nach der wochenlangen Wanderung durch die Wüste und den Nil hinauf wollten sie heute Abend feiern und der Bastet ein Opfer bringen. Nefer als die oberste Priesterin der Katzengöttin hatte sie bei ihrer Ankunft in unserer Stadt herzlich willkommen geheißen. Als schlaue Krämer ehrten die Syrer sowohl ihre eigenen Götzen als auch die alten und ewigen Schutzherren Ägyptens.

    Der Verschnittene führte mich über mehrere Stufen und verwinkelte Flure in einen von zahllosen Kerzen beleuchteten Saal. Fremde Laute drangen in meine Ohren. Syrische Musiker spielten unbekannte Waisen auf ihren mitgebrachten Instrumenten. Sklavinnen in unterschiedlichen Hautfarben tanzten in feinen, nahezu durchsichtigen Gewändern. Darunter Schwarze aus dem Lande Kusch, Hellhäutige von den Meeresinseln und eine Gelbe aus einem fernen Gebiet am Ende der Welt weit hinter Euphrat und Tigris. Die vogelnasigen Kaufleute lärmten und zechten. Sie zupften an den Röcken der Mädchen und rissen ihnen die Kleider vom Leib. Die Frauen hockten sich kichernd auf die Knie der Männer und kraulten deren langen Bärte. Sie fütterten sich gegenseitig mit Trauben und kleinen Kuchenstücken. Eine berauschte Tänzerin hatte sich ihrer Kleider entledigt und Wein zwischen ihre Brüste gegossen, die sie mit beiden Händen zusammenpresste, damit die Flüssigkeit nicht herauslaufen konnte. Dann bot sie sich den Gästen an. Die tranken gierig und legten der Sklavin zur Belohnung Kupfermünzen auf die Zunge. Die fremde Musik wurde schneller. Das Blut stieg mir zu Kopf und hämmerte in meinen Schläfen.

    Wo war Nefer? Ich konnte die Priesterin nicht entdecken. Ich leerte Krug um Krug. Meine anfängliche Schwerelosigkeit verwandelte sich allmählich in eine bleierne Müdigkeit. Die ersten Syrer waren von ihren Polstern herabgesunken und schliefen auf dem harten Steinboden. Einige Kaufleute erbrachen sich und torkelten nach draußen. Die nackte Tänzerin taumelte weinend durch den Saal und suchte nach einem Mantel, um ihre Blöße zu bedecken.

    »Nefer, bist du es?«
    »Wer wagt es, das Wort an die Hohe Priesterin der Bastet zu richten?«
    »Dein Freund Sinuhe.«
    »Ich kenne keinen Sinuhe. Nur einen Knaben mit diesem Namen aus dem Tempel Amuns, der dort den Dreck vom Boden vor der göttlichen Statue aufwischen musste.«
    »Das war ich.« Meine Stimme zitterte.
    »Jetzt erinnere ich mich. Du sahst süß aus mit deinen braunen Locken. Es war ein Bild, wie es der Göttin gefiel.«
    »Du hast dich mit mir auf meine Matte gelegt.«
    »Ich tat es, um Bastet zu gehorchen. Die Katzengöttin hat meinen Körper benutzt. Und dir Sinuhe ist eine hohe Ehre zuteilgeworden, indem du mit mir schliefst. Wolltest du deine Jungfernschaft etwa für eine schmutzige Hafenhure aufbewahren? Du scheinst mir äußerst undankbar zu sein.«
    »Du hattest mich zu deinem heutigen Fest eingeladen.«
    »Wirklich? Ich kann mich nicht erinnern. Nun, du bist hier. Damit habe ich mein Versprechen eingelöst.«
    »Mehr ist es nicht? Ich verzehre mich nach dir, Nefer.«
    »Sinuhe, du bist ein dummer Junge. Deine Liebeskünste waren kläglich. Deine spitzen Knochen haben mir böse Flecken auf meiner Haut verursacht. Selbst dieser betrunkene Haremhab hat mir mehr Befriedigung verschafft als du. Und ihr seid im selben Alter.«
    »Du hast dich mit Haremhab ergötzt?«
    »Warum nicht? Ich bin die oberste Katzenpriesterin. Ich teile mein Lager, mit wem ich es möchte. Und nun nimm deinen nach Wein und Erbrochenem stinkenden Freund mit, bevor meine Diener ihn in den Fluss werfen, wo ihn die Krokodile fressen werden.«
    »Kann ich morgen wiederkommen, Nefer?«
    »Du langweilst mich, Sinuhe. Frage in drei Tagen nach mir. Am frühen Abend. Denn ich schlafe gewöhnlich bis in die Nachmittagsstunden hinein. Das Amt als Stellvertreterin der Bastet ist sehr kräfteraubend. Vielleicht kannst du mir einen Gefallen tun.«

    ….

    [zwei Seiten später]
    Die Wächter erkannten mich dieses Mal sofort und öffneten mir stumm das schwere bronzene Tor des Heiligtums. Ein feister schwarzer Sklave führte mich in die Gartenanlage des Tempels. In der Mitte, umgeben von künstlich bewässerten Blumenbeeten, befand sich ein kleines Schwimmbassin. Darin badete Nefer. Ihr glattrasierter Schädel glänzte in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Die wohlgeformten Brüste wiegten sich an der Oberfläche des in goldenen Tönen leuchtenden Wassers. Der sorgfältig enthaarte Körper schimmerte alabasterfarben. Aus ihrem Katzengesicht lächelte mir ein kirschroter Mund entgegen.
    »Sinuhe, du glotzt wie ein dummer Karpfen. Zieh dich aus und spring zu mir ins kühle Wasser.«
    »Gerne«, stammelte ich.
    »Du bringst mich zum Lachen mit deinem kindlichen Ungestüm. Fass mich nicht an! Du versündigst dich an der Göttin.«
    »Nefer, ich verglühe. Du musst mich erhören!«
    »Die Freuden, die die Katzenpriesterin dir verschaffen kann, sind nicht umsonst.«
    »Ich bin ein armer Schüler. Mehr als ein paar Kupfermünzen kann ich dir nicht geben.«
    »Du beleidigst mich. Hältst du mich für eine alte, hässliche Dirne? Meine Dienste werden in Gold aufgewogen.«
    »Über einen solchen Reichtum verfüge ich nicht«. Meine Augen füllten sich mit Tränen der Enttäuschung.
    »Du kannst mir etwas anderes verschaffen, Sinuhe. Du bist der Assistent von Ptahor, dem königlichen Schädelbohrer?«
    »Ja, der bin ich.«
    »Er operiert hin und wieder bei euch im Haus des Lebens; oder?«
    »Ja, das tut er.«
    »Dann besorge der Göttin das Gehirn eines Patienten.«
    »Das kann ich nicht. Du verlangst zu viel von mir, Nefer.«
    »Dann wirst du mein Lager nicht teilen können. Gute Nacht. Ich habe zu tun. Neue Gäste mit wertvollen Geschenken für Bastet erwarten mich.«

    In meiner Version lässt Nefer den jungen Sinuhe das Gehirn vor ihren Augen verzehren, bevor er sich entschließt, sie zu töten. In Waltaris Original zwingt sie ihn dazu, das Haus und die Grabstelle seiner Eltern zu verkaufen, woraufhin sich die beiden Alten umbringen, ihrem missratenen Sohn jedoch einen Brief hinterlassen, in dem sie Verständnis für seinen jugendlichen Leichtsinn äußern und ihm alles verzeihen. Tief zerknirscht schuftet Sinuhe neunzig Tage lang als Helfer im Haus des Todes, wo er die Leichen der Eltern selbst ausweidet, balsamiert und für die Reise gen Westen ins Totenreich des Osiris vorbereitet. Nachdem er sie in einer Nacht- und Nebelaktion im Tal der Könige verscharrt hat, verdingt er sich als ägyptischer Spion und beginnt ein unstetes Wanderleben, das ihn an alle Hot Spots der damaligen Welt führt: Babylon, Wassukanni (Hauptstadt Mitannis. Geburtsort Nofretetes), Hattusa (Reich der Hethiter. Schlimmste Widersacher Ägyptens), Kreta, Simyra (Phönizien) und die Stadt der Himmelshöhe (Jerusalem).

    Der Roman lässt nicht mehr los

    Wer den Roman einmal in die Finger bekam, den lässt die Handlung nicht mehr los, er wird ihn mehrmals lesen, denn das Buch entwickelt Suchtcharakter. Ich habe Menschen getroffen, die in der Lage waren, einzelne Passagen wortgetreu nachzuerzählen. Jeder treue Fan weiß, dass Sinuhe am Ende der Wanderjahre, zurückgekehrt in seine Heimatstadt, dort zum königlichen Schädelbohrer und engen Vertrauten Echnatons aufsteigt. Wir lachen über den pfiffigen Diener Kaptah, wissen, dass die schmackhaftesten gebratenen Gänse in Theben serviert werden, Krokodilschwanz für die antike Variante eines Doppelkorns steht, weinen über den frühen Tod seiner Verlobten Minea, die auf Kreta dem falschen Minotaurus zum Opfer fällt, freuen uns über die späte Liebe Merit, die gemeinsam mit dem kleinen Sohn vor seinen Augen vom Pöbel erschlagen wird. Alles, was Sinuhe anfasst, endet für diejenigen, die er liebt, tragisch. Einzig er überlebt und zieht am Ende desillusioniert an einen gottverlassenen Ort am Ufer des Roten Meers, wo er seine Geschichte in jahrelanger Arbeit auf Papyrus kritzelt.

    Waltari wählte als Hintergrund seiner Erzählung einen Meilenstein der Weltgeschichte: den abrupten Übergang von der Vielgötterei zum Monotheismus. Auch wenn der Versuch damals scheiterte – Echnaton über drei Jahrtausende der Damnatio memoriae anheimfiel, bis ihn die Archäologen wieder ans Tageslicht beförderten -, die Idee blieb erhalten. Freud weist in seiner Abhandlung „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ an zahlreichen Stellen auf die Wurzeln Jahwes im alten Ägypten hin. Angeregt wurde Waltari durch den sogenannten Sinuhe-Papyrus. Dieser Text aus der Zeit der 12-ten Dynastie (Mittleres Reich) schildert zwar ebenfalls Flucht und Rückkehr eines Höflings, weist aber sonst bis auf den identischen Namen des Protas keine weiteren Parallelen zu unserem Sinuhe auf.

    Mit dem Arzt Sinuhe hat Waltari einen neuen Heldentyp geschaffen: nicht stark, nicht zornig (wie Achill), nicht gebrochen, sondern schwach. Ein Held wider Willen. Ein Held, der nur dann zum Held wird, wenn die äußeren Umstände ihm keine andere Wahl mehr lassen. Der sich aus Heldentum nichts macht, sich im Anschluss an seine Taten bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, über Selbstmord nachdenkt, dann aber – nachdem er aus der Melancholie erwacht – sofort wieder Party feiert. Ein Held, der mit Geld nicht umgehen kann, es verprasst und verschenkt. Ein Held, der sich gegen sein Gewissen zur Beteiligung an einem Giftkomplott breitschlagen lässt. Ein Held, der von den Armen keine Bezahlung verlangt, wenn er sie als Arzt behandelt. Ein Held, der manchmal feige ist, der weint und am Schluss die Schnauze gestrichen voll hat vom Leben am Hof, den ständigen Intrigen, der Schlechtigkeit der Menschen und nunmehr die Einsamkeit der Wüste der schlechten Gesellschaft Thebens vorzieht.

    Einige Kritiker glaubten, im Setting Parallelen zur finnischen Gegenwart der frühen vierziger Jahre zu erkennen. Finnland war aufgrund des deutsch-russischen Nichtangriffspakts in weiten Teilen von der Roten Armee erobert, bevor 1941 die Wehrmacht einrückt und die Sowjets zurückdrängt. Die Anhänger Amuns als Faschisten und die Atonjünger als Kommunisten. Das Volk Ägyptens wie die Finnen jahrelang unentschlossen, zu welcher Partei man halten soll. Kann man sicher tun, schmälert jedoch meiner Meinung nach eher das Vergnügen, als dass diese Betrachtungsweise den Lesegenuss steigert. Was nützt es, im obersten Amunpriester Hitler und in Echnaton Stalin zu erblicken? M.E. wenig bis gar nichts. Ich sehe in Echnaton den religiös eifernden, aber letztlich unglücklichen König, in Haremhab den anfangs treuen General, der – als die Situation ausweglos erscheint – zum Verräter wird und in Eje den habgierigen Greis, der gerne Pharao anstelle des Pharao werden möchte. Im Hintergrund die stets undurchsichtige Nofretete. Und Sinuhe ist und bleibt Sinuhe. Für ihn gibt es sowieso kein entsprechendes Pendant in der Moderne.

    Die Übersetzungen

    Waltari schrieb in Finnisch. Und da dieses Idiom außer fünf Millionen Finnen und einer netten Kölner Bekannten von mir niemand beherrscht, wurde der Roman binnen kurzer Zeit in dreißig Sprachen übersetzt. Der lakonische Stil gewürzt mit Melancholie und einer guten Prise Humor blieb im Deutschen Gottseidank erhalten. Allerdings erfolgte die Übertragung, die Charlotte Lilius vornahm, nicht aus dem finnischen Original Sinuhe egyptiläinen, sondern beruht auf der leicht gekürzten schwedischen Übertragung des Publizisten Ole Torvalds.

    Waltari beherrschte die Kunst, großes Detailwissen so locker aufzubereiten und in eine spannende Handlung einzuweben, dass man das Buch – 600 bis 800 Seiten je nach Ausgabe – in einem Rutsch binnen weniger Tage verschlingt. 2014 erschien bei Bastei Lübbe endlich die vollständige Version des Romans, was ein guter Anlass ist, ihn demnächst mal wieder in die Hand zu nehmen.

    PS.: Die Verfilmung 1954 durch Regisseur Michael Curtiz mit Edmund Purdom als Sinuhe und Peter Ustinov in der Rolle des Kaptah flimmert zwar aufgrund viel Cinemascope schön bunt, ist aber im Stil eines typischen 50er-Jahre-Hollywood-Sandalenstreifens gedreht und hat mit dem Roman einzig den Titel gemeinsam.

    In Teil 2 tauchen wir ein in die stets etwas unwirkliche Welt der Etrusker: Turms der Unsterbliche

  • „Aber sie können mich nicht brauchen“

    „Aber sie können mich nicht brauchen“

    Es erscheinen noch schöne Bücher, solche, bei denen man gern über das glatte Papier streicht, bei denen das Umblättern ein ästhetisches Erlebnis ist, bei denen man die Seiten wie ein grafisches Kunstwerk betrachten kann, obwohl auf ihnen nur der Text, die Seitenzahl und die Kapitelüberschrift zu sehen sind. Die neue Serie „… und die Folgen“, deren erste Bände derzeit im Verlag J.B. Metzler erscheinen, gehört dazu. Das Buch „Hölderlin und die Folgen“, geschrieben von Rüdiger Görner, liegt vor mir, darüber hinaus ist ein Band zu Schiller sowie einer zu Heine bereits erschienen.

    So schön, wie das Buch ist, so angenehm ist der Stil des Autors. Görner versteht es, auf einem anspruchsvollen Niveau zu schreiben und dennoch eine emphatische Atmosphäre zu erzeugen, in der der Leser zunehmend ein Verständnis für den Dichter und seine Dichtung gewinnt.

    Das Buch ist sowohl eine Annäherung an Hölderlin und dessen Dichtung, mithin ein Verfolgen der „Wortspuren“ des Dichters, als auch ein Überblick über die Wirkungen, die Hölderlins Werk in den rund 200 Jahren seit seiner Entstehung in der europäischen Kultur gehabt hat. Dabei von „Folgen“ zu sprechen, wie es der Titel der Serie nun einmal erfordert, scheint dem Autor allerdings aus nachvollziehbaren Gründen schwer zu fallen. Hölderlins Dichten hat zwar Wirkungen gehabt und bewegt noch heute die Experten und Lyrik-Genießer, aber es ist auf der anderen Seite merkwürdig folgenlos geblieben.

    Was wären denn „Folgen“ einer Dichtung? Literatur kann zum Fanal für Revolutionen ebenso werden wie zum Ausgangspunkt oder wenigstens Einschnitt in der Literaturgeschichte selbst. Literarische Werke können Umstürze auslösen – wenn sie auch nie der Grund, die Ursache dafür sind, oder sie können das Werk anderer Literaten nachhaltig beeinflussen.

    All das ist dem Werk Hölderlins wohl nicht vergönnt gewesen, Görner versucht gar nicht, die Welt- oder Literaturgeschichte der letzten 200 Jahre so zu deuten, als wäre sie ohne Hölderlin anders verlaufen. Und doch, das wird deutlich, lässt Hölderlin uns nicht los.

    Philosophen wie Adorno und Heidegger haben sich seiner angenommen, haben sein Werk zum Material ihres Denkens gemacht. Die Literaturwissenschaft hat versucht, sich einen Reim auf Hölderlin zu machen, sein Werk zu deuten und sein Leben zu verstehen. Indem Görner diese Bemühungen nachzeichnet, lernt der Leser nicht nur etwas über Hölderlin, sondern auch eine ganze Menge über die Methoden, Ziele und Möglichkeiten dieser Disziplinen.

    Görners Buch steht unter dem Motto der Selbsteinschätzung Hölderlins „Aber sie können mich nicht brauchen“ – und das ganze Buch ist der Beweis des Gegenteils. Es zeigt, wie sehr wir Hölderlin brauchen können.

    Es ist ein schönes Buch, und so wird es wohl als Geschenk für Freunde schöner Bücher gut geeignet sein. Hoffentlich schlägt der eine oder andere Beschenkte es auch auf und vertieft sich darin – es lohnt sich sehr.

    Rüdiger Görner: Hölderlin und die Folgen

    Metzler-Verlag 2016, 160 Seiten, Hardcover

    ISBN: 9783476026514