Schlagwort: Suchtklinik

  • Doppeldiagnose

    Doppeldiagnose

    »Ich darf nicht mehr raus.«
    »Weshalb? Du gehst doch jeden Tag für uns einkaufen, Miriam.«
    »Sie lassen mich nicht mehr vor die Tür, Henning.«
    »Das ist ärgerlich. Du warst die Einzige, der sie den Spaziergang erlaubt haben. Wer soll nun Zigaretten und Schokolade besorgen? Die Pfleger werden das nicht für uns tun. Da haben die bestimmt keinen Bock drauf.«
    Miriam begann zu weinen.
    »Was hast du denn ausgefressen?«
    »Nichts!«

    »Für ‚Nichts’ bekommst du keine Ausgangssperre. Du hast dich ja immer korrekt verhalten. Warst pünktlich zurück. Hast nicht versucht, Alkohol rein zu schmuggeln. Irgendwas muss passiert sein, dass sie jetzt so streng mit dir sind.«
    »Ich bin beim Wiegen unter vierzig Kilo gefallen.«
    »Scheiße. Wusste ich nicht. Sorry.«
    »Die Ärzte haben gesagt, dass ich dieses Mal nur ins Freie darf, wenn ich mich bemühe, zuzunehmen. Das klappt aber einfach nicht.« Miriam sah verzweifelt aus.
    »Und das, obwohl du doppelt so viel isst wie ich.«
    »Henning, du weißt, warum das so ist!«
    »Ja ja, ich hör’s ja oft genug aus dem Nachbarzimmer.«

    Trotz Astronautennahrung unter 40 Kilo

    Miriam war eine superdünne Mitdreißigerin mit leicht schwäbischem Akzent, die es vor einiger Zeit berufsbedingt in unsere Gegend verschlagen hatte. Hübsches Gesicht, dunkle Haare. Sie musste früher gut ausgesehen haben. Rolf erzählte, dass sich die Typen bis vor ein paar Jahren nach ihr umgedreht und hinterher gepfiffen hatten. Von ihrem einstigen Glanz war heute nur noch wenig zu sehen. Die Krankheit forderte ihren Tribut; ließ sie ausgemergelt – mitunter sogar knochig – erscheinen.

    An guten Tagen war sie fröhlich, um dann über Nacht in Depressionen zu verfallen, die sie zwangen, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Dort saß sie dann stundenlang und starrte an die Wand. Es war in solchen Momenten schwer, ihr zu helfen, weil sie sich komplett einkapselte und niemanden an sich heranließ. Hin und wieder spielten wir abends zusammen Mühle oder Dame. Gar nicht meins. Ich tat es, weil es sie ablenkte. Der Spaß dauerte ohnehin nur eine Stunde, weil Miriam dann ermüdete.

    Jetzt hatte sie also – trotz hoch kalorienreicher Astronautennahrung und doppelter Portionen – die Grenze von vierzig Kilo unterschritten. Dem medizinischen Personal war das Risiko, dass Miriam mit einem Kreislaufkollaps draußen auf der Straße zusammenklappte, nun zu groß geworden. Aus Sicht der Ärzte war dieses Verbot vernünftig; für sie hingegen bedeutete es eine mittlere Katastrophe. Sie kam nun nicht mehr an die frische Luft. Miriam war seit sechs Wochen in der geschlossenen Abteilung. Die ersten Tage dienten der körperlichen Entgiftung. Danach war vorgesehen, sie langsam aufzupäppeln und in die Nähe der Fünfzigkilomarke heranzuführen. Anstatt zu- nahm sie jedoch immer mehr ab. Es war ein Trauerspiel.

    Doppeldiagnose = 2-faches Leid

    Abendessen. 18.15.:
    »Ich habe noch drei Scheiben Wurst übrig. Möchte die jemand haben?«
    »Ja ich, Henning.«
    »Nimm dir ruhig auch noch das restliche Brot, Miriam.«
    »Hat sonst noch jemand was übriggelassen?« Miriam blickte forschend durch den Speisesaal.
    »Du kannst aber essen. Sieht man dir gar nicht an, Mädel. Wo lässt du das bloß alles?« Ein Neuer, den ich heute Morgen zum ersten Mal gesehen hatte, wollte seinen Senf dazugeben.
    »Ist schon alles okay. Kümmere dich um deinen eigenen Teller«, sagte ich zu ihm.

    Miriam verschwand mit einem vollgepackten Tablett in ihrem Raum. Sie schlief als einzige alleine. Wir anderen waren entweder in Doppel- oder in Dreierzimmern untergebracht. Ich legte mich kurz aufs Bett, um in Ruhe den Sportteil der Zeitung zu studieren. Von nebenan hörte ich es wieder: ein Würgen, Schluchzen, das Klatschen von Nahrung in die Kloschüssel. Miriam kotzte sich die Seele aus dem Leib. Diese grauenhafte Prozedur fand dreimal täglich statt. Immer zwanzig Minuten nach den Mahlzeiten. Miriam jagte sich zwei Flaschen Mineralwasser als Gleitmittel hinein, steckte zwei Finger in den Hals und los ging es. Anfangs dachte ich noch: Schade um das gute Essen. Bis ich die Tragweite ihres Krankheitsbildes begriff: Alkohol gepaart mit Bulimie. Rolf bezeichnete das als Komorbidität. Er war ein kluger Kopf. Würde schon stimmen, wenn er das sagte. Ich nannte es einfach: Doppeldiagnose.

    Vorher eine Runde Intensivstation

    Miriam flog öfter als Rolf, René oder ich hier ein. Und das wollte schon was heißen. Zumeist knapp unter vier Promille. Wenn’s mehr war, musste sie vorher eine Runde in der Intensivstation drehen. So lauteten die Regeln der Klinik. Galten für uns alle. Wenngleich bei ihr eine Flasche Wein dieselbe Wirkung hervorrief wie bei uns anderen eine Pulle Wodka. Mit vierzig Kilo verträgst du ja so gut wie nichts, ging es mir durch den Kopf. Kein Wunder, dass Miriam alle zweiundsiebzig Stunden hier aufkreuzte. Um diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen, hatten die Ärzte dieses Mal auf einen mehrwöchigen Einweisungsbeschluss gedrungen. So blieb sie zwar trocken, verlor aber trotzdem weiterhin an Gewicht.

    Verlegung in eine andere Klinik

    Am nächsten Morgen. 10.25.:
    »Ich muss fort, Henning.«
    »Wohin?«
    »In eine andere Klinik.«
    »Können sie hier nichts mehr für dich tun?«
    »Ich wog vorhin nur noch neununddreißig. Da hat der Oberarzt gesagt, dass sich nun Spezialisten um mich kümmern werden.«
    »Ist wahrscheinlich vernünftig.«
    »Ich habe Angst.« Miriams Mundwinkel zuckten.
    »Musst du doch nicht haben.« Ich berührte sachte ihr rechtes Handgelenk.
    »Ich will nicht sterben.«
    »Warum solltest du das tun? Du bist noch jung.«
    »Es ist das erste Mal, dass sie mich woandershin überweisen. Sonst durfte ich immer nach Hause. «
    »Und warst nach spätestens vier Tagen wieder hier. Kann verstehen, dass die Ärzte nun einen neuen Weg einschlagen wollen. Du musst echt zunehmen. Wenn’s in dieser Station nicht funktioniert, dann eben in einer Spezialklinik
    »Bringst du mich noch bis zur Tür, Henning?«
    »Klar.«

    Wir umarmten uns kurz, dann begleiteten zwei Pfleger Miriam auf den Parkplatz zum dort bereits wartenden Krankentaxi.

    »Dann bleibt für uns ja ab sofort genug zu essen übrig, Jetzt, wo dieses gefräßige Huhn weg ist«, grinste der Neue, der unsere Abschiedsszene beobachtet hatte.
    »Halt dein blödes Maul«, erwiderte ich.

    Trauriges Finale

    Geschlossene Abteilung; zwei Monate später:
    »Hast du was von Miriam gehört, Rolf? Habe sie seit Juni nicht mehr gesehen.«
    »Du weiß das gar nicht?«
    »Nein, habe mich ausnahmsweise mal acht Wochen draußen gehalten. Ist ein langer Zeitraum, in dem viel passieren kann.«
    »Da sag‘ ste was, Henning. Miriam ist tot.«
    »WAS?«Ich blickte Rolf mit aufgerissenen Augen an.
    »Die konnten ihr in der anderen Klinik anscheinend auch nicht richtig helfen. Das Essen blieb nicht drin. Künstliche Ernährung funktioniert wohl nicht unbegrenzt. Sie magerte immer mehr ab und fiel irgendwann ins Koma. Bis dann die lebenswichtigen Organe versagten.«

    »Woher weißt du das?«
    »Hat mir Pfleger Martin erzählt. Und der hatte es wiederum vom Stationsarzt. Wird schon stimmen. Die Quelle ist zuverlässig.«
    »Tut mir leid um die Kleine. Ich konnte sie gut leiden«, sagte ich nachdenklich.
    »Mal schau’n, wen es als nächstes erwischt. Vielleicht einen von uns beiden, Henning.«
    »Tja, weiß man nicht. Ist halt ein riskantes Spiel, das wir hier alle betreiben.«

    An diesem Abend verspürte ich keinen Appetit und ließ mein Essen unangerührt in die Küche zurückgehen.

  • Aufbruch aus der Einsamkeit

    Aufbruch aus der Einsamkeit

    Um mir die Zeit in der Geschlossenen jenseits von Kreuzworträtseln und Studium der Beipackzettel der diversen Medikamente, die man dort schlucken muss, einigermaßen sinnvoll zu vertreiben, habe ich mich abends an Tagebucheinträgen und (ganz kurzen) Kurzgeschichten versucht. Hier ist 1 aus den Nuller-Jahren:
    +++

    Was wissen Sie schon von Einsamkeit? Vielleicht kennen Sie das Gefühl vorübergehenden Alleinseins. Wenn Ihr Partner ausnahmsweise mal zwei Stunden später als üblich aus dem Büro zurückkehrt, und Sie deshalb nervös werden. Sie sich zwischen Job, Einkauf und Einladung zum Abendessen ein paar Minuten an der Bushaltestelle langweilen, weil Ihnen niemand eine SMS schickt. Aber Einsamkeit? Mutterseelenalleine sein. Keiner spricht Sie an. Die Menschen machen einen weiten Bogen um Sie. Niemand vermisst dich. Einigen wäre es sogar lieb, du würdest nie mehr auftauchen. Am besten für alle wäre es, du legtest dich unbemerkt zum Sterben hin und ließest dich anonym verscharren. DAS ist Einsamkeit! Und wissen Sie was: es hat mich nicht gejuckt. Ich habe den Zustand gesucht und eine Zeit lang sogar genossen.

    Als die Mütter mit ihren Kindern die Straßenseite wechselten, sobald sie mich erblickten, korpulente Omas sich zuriefen: „Wie sieht der denn aus?“, und kläffende Köter an mein Bein pinkelten, kamen mir jedoch erste Zweifel, ob das Leben im Park dauerhaft was für mich war.

    Rolf redet wie immer zu viel

    Eine Woche später …. Entzugsklinik … Station 63A, genannt: Die Geschlossene.
    „Kommst du langsam wieder zu dir, Henning?“
    „Jap.“
    „Sahst ganz schön ramponiert aus, als sie dich vor zwei Tagen eingeliefert haben.“
    „Ich bin selber hierher marschiert.“
    „Ach so; ich dachte, weil …“
    „Du denkst zu viel, Rolf.“
    „Bist anscheinend noch nicht so gut drauf, Henning. Kein Wunder bei deiner Promillezahl vorgestern.“
    „Rolf, was willst du von mir?“
    „Nichts.“
    „Hervorragend.“

    Tags darauf im Essenssaal.
    „Du isst wie ein Scheunendrescher, Henning.“
    „Ja.“
    „Wohl lange keine feste Nahrung zu dir genommen.“
    „Stimmt.“
    „Mitteilsam bist du nicht gerade.“
    „Habe mir das Quatschen im Park abgewöhnt, Rolf.“
    „Gar keine Unterhaltungen mehr?“
    „Doch.“
    „Mit wem?“
    „Mit einem fiktiven Gesprächspartner, den ich mir in meiner Fantasie zusammengebastelt habe.“
    „Du musst dringend zur Psychologin.“
    „Schon einen Termin vereinbart. Die sieht echt gut aus auf dieser Station.“
    „Soll ich dich begleiten?“
    „Kümmere dich um dich selbst.“

    Dann bin ich halt ein Misanthrop. Na und?

    Wiederum eine Woche später … Aufenthaltsraum
    „Schaust gut erholt aus, Henning.“
    „Danke.“
    „Was wirst du tun, wenn du morgen rauskommst?“
    „Keine Ahnung … irgendwas.“
    „Du weißt heute Abend nicht, was du morgen tun wirst?“
    „Genau.“
    „Ich verstehe deine Nonchalance einfach nicht.“
    „Brauchst du doch auch gar nicht.“
    „Du kennst den Begriff Misanthrop?“
    „Mal gehört.“
    „Ja oder nein.“
    „Okay, also: nein.“
    „Das ist ein Menschenfeind.“
    „Was hat das mit mir zu tun?“
    „DU bist ein typischer Misanthrop!!“
    „Ich bin ein Menschenfeind: warum?“
    „Weil du mit niemandem klarkommst. Immerzu alleine sein möchtest.“
    „Na und. Deshalb hasse ich doch die Menschen nicht.“
    „Tust du doch. Du willst es dir nur nicht eingestehen … ich als dein Freund bemühe mich seit Tagen, ein vernünftiges Gespräch mit dir zu führen. Und du gibst mir einsilbige, manchmal sogar leicht aggressive Antworten. Das ist nicht normal.“

    „Ich habe keine Freunde mehr, Rolf.“
    „Ich dachte, ich bin …“
    „Da liegt der Hund begraben, Rolf: Du denkst zu viel.“
    „Auch wenn ich deiner Ansicht nach kein Freund für dich bin – was mich verletzt –, so sage ich dir von Patient zu Patient: du bist ein Misanthrop.“
    „Von mir aus. Dann bin ich eben einer.“
    „Das macht dir nichts aus?“
    „Um ehrlich zu sein: wenig.“
    „Dir ist nicht zu helfen, Henning.“

    In den 70-ern waren wir alle jung, und der Effzeh spielte um die Meisterschaft

    „Na, ihr beiden Klugscheißer, was macht die Kunst?“ Karl-Heinz gesellte sich zu uns. 60 Jahre, schwul wie Liberace, Minimum 200 Entzüge auf dem Buckel.
    „Ich gehe jetzt lieber, bevor es zu sehr ins Triviale abrutscht.“ Rolf verschwand in seinem Zimmer.
    „Wie der dich immer volllabert, Henning.“
    „Da sagst du was.“
    „Der Effzeh hat drei Mal hintereinander verloren.“
    „So oft? Scheiße! … in diesem Laden bekommt man von der Außenwelt nichts mit.“
    „Ist halt nicht mehr der Club, der er in den 70-er und 80-ern war.“
    „Das waren glorreiche Zeiten.“ Ich seufzte.
    „Da waren wir beide noch jung und knackig.“
    „Du bestimmt mehr als ich, Kalle.“
    „Danke fürs Kompliment … wobei ich deinen Arsch ganz geil finde. Darf ich den anfassen?“
    „Komm mir nicht zu nah!“
    „War ein Scherz, Henning. Weiß, dass du chronischer Hetero bist und vor neuen Erfahrungen Angst hast.“
    „Dann ist’s ja okay.“
    „Und ausprobieren willst du es auch nicht?“
    „Nein! … frag Rolf.“
    „Da lebe ich lieber im Zölibat.“

    „Hast du gute Songs auf deinem MP3-Player?“
    „Willst du hören?“
    Paranoid von Black Sabbath … super!“
    “Hast einen ähnlichen Geschmack wie ich, Henning.”
    „Aber nur bei Musik.“

    Am späten Abend bei der Blutdruckmessung.
    „Mit dem unterhältst du dich stundenlang. Mich blockst du hingegen ab.“
    „Bildest du dir ein, Rolf.“
    „Hältst du mich für blöde?“
    „Nein … bloß für eine Spur zu empfindlich.“
    „Weißt du mittlerweile, was du mit dem morgigen Tag anfangen wirst?“
    „Um ehrlich zu sein: noch nicht zu hundert Prozent.“
    „Wie kann ein intelligenter Mann nicht wissen, was morgen sein wird? Ich kapiere dich nicht.“
    „Ich verstehe mich selbst nicht.“
    „Diese simple Feststellung reicht dir als Erklärung für dein Verhalten aus?“
    „Im Moment: ja.“

    Vielleicht ist Adaption ne Idee

    Als ich gegen Mitternacht im Bett lag und dem asynchronen Schnarchen meiner beiden Zimmernachbarn lauschte, überlegte ich, ob ich mal wieder bei meinen Eltern anklopfen sollte. Hatte sie länger nicht gesehen. Ich verwarf den Gedanken. Mutter würde sich zwar freuen, mich nach vielen Monaten Abwesenheit in die Arme zu schließen; sich jedoch – sobald ich ihr Haus verließ – neue Sorgen machen. Mein Vater war geübt darin, meinen Lebenswandel zu tadeln. Auf ein eventuelles Treffen mit meiner Schwester, die mich am liebsten jahrelang in eine geschlossene Einrichtung einsperren lassen würde, verspürte ich Null Bock. Also war Plan A ‚Familie besuchen‘ schnell ad acta gelegt. Lila stellte immer eine Option dar. Sie würde mich allerdings im Pilzrausch heftig beschimpfen, worauf ich aktuell keine Lust hatte. Blieb als Alternative C der Park. Der Spätherbst stand vor der Tür, und die Nächte wurden ungemütlich kalt. Ich merkte, dass mein unstetes Herumtreiben mich langsam selbst nervte. Vielleicht sollte ich morgen das Angebot des Sozialarbeiters annehmen und mich für das Adaptionsprogramm bewerben. Er hatte diese Möglichkeit beiläufig erwähnt und es meinem freien Entschluss überlassen, ob ich daran teilnehmen wollte. „Falls ja, dann pushe ich Sie … falls nein: dann ist es auch okay … jeder von uns muss seinen eigenen Weg gehen“, hatte er gestern gesagt. Ich vertraute ihm, weil er kein übler Moralapostel war, sondern mich wie einen Gleichgestellten behandelte. Ich würde die Entscheidung spontan morgen nach dem Frühstück treffen. So wie es meine Art war.

    Die Phase der selbst gewählten Einsamkeit, die mir eine Zeit lang sehr gut gefallen hatte, ging unweigerlich ihrem Ende entgegen. Das spürte ich, und mit diesem Gedanken schlief ich ein.

  • Tod eines Prokuristen

    Tod eines Prokuristen

    Klaus war tot; so was von tot. Daran bestand nicht der leiseste Zweifel. In diesem Moment, als er leblos am unteren Ende der steilen Kellertreppe auf dem Rücken lag, war mein neuer Freund nicht schön anzuschauen: irre nach oben verdrehte Augen, Blutfäden rannen aus seinen Mundwinkeln und tropften vom Kinn auf den lackierten Betonboden. Die Lippen schimmerten in einem ungesunden Dunkelrot, ähnlich einem Vampir. Die hintere Schädeldecke schien mir eingedrückt zu sein. Puls konnte ich weder an seinem Handgelenk noch am Hals spüren; atmen tat Klaus ebenfalls nicht mehr. Ich stand zu dieser späten Abendstunde vor einer Leiche. Zehntagebart, fettige und verfilzte Haare, vollgepisste Jeans, bis zum Bauchnabel aufgeknöpftes Hemd, zerrissene Socken. Er stank nach Urin, kaltem Schweiß und Schnaps. Neben dem schmerzverzerrten Gesicht hockte Bianca, seine geliebte Terrierdame und leckte ihm zärtlich über die Stirn. Und dieser Mann hat noch vor einem Monat in Anzug und Krawatte Kunden in der Sparkasse beraten? Unglaublich, überlegte ich, bevor von oben die weinerliche Stimme Hedwigs erschallte: »Lebt er ? Henning, sag doch was. Bitte!«

    Als Prokurist natürlich ne Chefarztbehandlung

    Ich kannte Klaus aus der Klinik. Offene Station. Als Privatpatient blieb ihm der Umweg über die geschlossene Abteilung, den ich oft einschlagen musste, erspart. Chefarztbehandlung, Einzelunterbringung, alles vom Feinsten für Klaus, während ich mich mit schnarchenden und schlafwandelnden Mitpatienten im Dreierzimmer rumärgern durfte. Sogar eine reingeschmuggelte Wodkapulle unter dem Kopfkissen verziehen ihm die Pfleger. Jemanden wie mich hätten sie bereits beim laut geäußerten Gedanken nach einer Dose Bier hochkant rausgeworfen. Wenn Klaus eingeliefert wurde, sah er arg zerrupft und verwirrt aus. Mitunter dauerte es bei ihm zweiundsiebzig Stunden, bis man ihn ansprechen und von ihm eine halbwegs vernünftige Antwort erhalten konnte. Was mich vermuten ließ, dass er seine Exzesse über Wochen und uferlos betrieb. Erfahrene Alkoholiker wussten zumeist, wann das Ende der Fahnenstange erreicht war, und es Zeit für den nächsten Entzug wurde. Bei Klaus – obwohl länger als ich im Geschäft – hatte sich diese Erkenntnis bisher nicht durchgesetzt. »Er ist tot. Nichts mehr zu machen«, rief ich die Kellertreppe hinauf und erhielt als Antwort einen markerschütternden Schrei: »NEIN!!!« Ich ging nach oben und entdeckte auf dem Flur die in sich zusammengesunkene Hedwig. »Ich bin schuld. Ich habe Klaus umgebracht«, wimmerte sie. »Wie kommst du denn auf diese blöde Idee?«, fragte ich. »Warum habe ich ihn nicht früher in die Klinik gefahren?« »Weil er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat», sagte ich und zuckte mit den Schultern.

    Klaus hatte vor einem Monat aus heiterem Himmel wieder mit dem Trinken begonnen. Anfangs heimlich und in kleiner Dosierung; Hedwig, die nachts das Ehebett mit ihm teilte, bemerkte es dennoch, weil er trotz Pfefferminzpastillen nach Wodka roch. Er leugnete, bagatellisierte, erklärte, dass er alles im Griff habe, und sie sich unnötigerweise Sorgen machen würde. Nach sieben Tagen war Klaus nicht mehr in der Lage, aufzustehen und blieb morgens schlapp und mit glasigen Augen auf dem Sofa liegen. Dann wählte Hedwig endlich meine Nummer: »Henning, komm bitte sofort vorbei. Klaus hat einen Rückfall erlitten.« »Schlimm?«, erkundigte ich mich. »Sehr schlimm«, kam es schluchzend zurück. »Bin schon auf dem Weg.« Ich stieg ins Auto und machte mich auf den Weg zu Hedwig, die am anderen Ende der Stadt in einem Bungalow wohnte, den sie von ihren Eltern geerbt hatte. Auf der Fahrt, die bei grüner Welle knapp dreißig Minuten dauerte, ließ ich meine Freundschaft mit Klaus vor meinem inneren Auge Revue passieren.

    Wir waren uns in der Klinik anfangs aus dem Weg gegangen. Zu unterschiedlich erschienen unsere Erscheinungsbilder, als dass wir Lust verspürt hätten, näher in Kontakt zu treten. Als Späthippie, der auch in nüchternem Zustand zerschlissene Jeans trug, stand ich dem versoffenen Prokuristen einer Bausparkasse, der sich nach einer Woche von seiner Frau gebügelte Oberhemden und Anzug in die Station bringen ließ, skeptisch gegenüber. Erst Dante, ein Rotwein saufender Antiquitätenhändler, den ich von früher her kannte, brach eines abends das Eis. »Henning, darf ich dich mit Klaus bekannt machen.« Er klopfte mit der Hand auf den leeren Stuhl neben sich. »Ich weiß, wer Klaus ist. Er fährt ja oft genug in die Klinik ein«, gab ich zögerlich zurück und setzte mich, denn ich wollte den alten Chianti-Liebhaber nicht vor den Kopf stoßen. »Wie wir alle«, lachte er und legte seinen Arm um meine Schulter.

    Klaus Hobbys = kochen und trinken

    Dante mochte ich gerne, denn mit ihm konnte ich mich stundenlang über Literatur und Kino unterhalten. Trotz der jahrzehntelangen Sauferei hatte er sein phänomenales Gedächtnis bewahrt und rasselte im Minutentakt Textstellen aus den Romanen von Joseph Roth und Charles Bukowski herunter. Zudem jammerte er nicht und besaß ein frohes Wesen, obwohl er seit einigen Wochen wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium. Er zechte trotzdem – oder gerade deswegen – munter weiter und ließ sich die gute Laune nicht verderben. Wohl aus dem Grunde, dass er sein nahendes Ende nicht dramatisieren wollte, zitierte er oft eine Textstelle aus der Legende vom heiligen Trinker: »Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!« Diesen nonchalanten Charakterzug schätzte ich sehr an ihm.

    Klaus hatte als Vorort-Bankier keine Ahnung von Belletristik und Musik; verfügte allerdings über trockenen Humor und einen klaren Blick aufs Leben. Zudem zeigte er sich hilfsbereit, wenn armen Mitpatienten das Geld ausging oder sie Hemden und Hosen zum Wechseln ihrer dreckigen Klamotten benötigten. Im Laufe der Tage wurden wir besser miteinander bekannt und freundeten uns allmählich an. Draußen in Freiheit gingen wir hin und wieder zusammen einen Kaffee trinken, er empfahl mir in einer vertrackten Erbschaftsangelegenheit einen guten Anwalt und lud mich mehrmals zu sich zum Essen ein. Dann stand Klaus am Herd, denn kochen konnte er besser als Hedwig. Man sah ihm dieses Hobby auch an: fünfundachtzig Kilo verteilt auf Ein-Meter-Vierundsiebzig ließen ihn untersetzt, geradezu pummelig erscheinen. Für einen Mittfünfziger wirkte er bereits greisenhaft, was unter anderem auf seine schlecht angepassten künstlichen Zähne zurückzuführen war, die seiner Mundpartie einen eingefallenen Eindruck verliehen. Das schüttere blonde Haar akkurat von links nach rechts gekämmt, um die offenen Stellen auf seinem Kopf zu verdecken. Große Ohren und wässrig blaue Augen gaben seinem Gesicht einen schelmischen Ausdruck; wenngleich ich mir unsicher war, ob ich mir von solch einem Typen einen Bausparvertrag andrehen lassen wollte.
    ***

    »Was sollen wir jetzt machen, Henning?« »Kurz nachdenken und auf Polizei und Notarzt warten. Wobei die auch nur noch den Tod feststellen können.« »Was habe ich bloß getan?« Tränen rannen ihr über die Wangen. »Säufer sind für ihr Schicksal selbst verantwortlich«, gab ich zu bedenken. Klaus hatte sich halt bis zum Schluss uneinsichtig gezeigt. Trotz des Bettelns von Hedwig, vernünftig zu sein und sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Mein Mitleid hielt sich deshalb in engen Grenzen.
    ***

    Klaus gehörte zu den wenigen, die täglich Besuch in der Station erhielten. Zwar einzig von seiner Frau, aber immerhin. Die meisten von uns hatten sich damit abgefunden, die Entzüge mutterseelenalleine durchzuziehen. Verwandte und Freunde hatten sich spätestens nach der zehnten Entgiftung abgewandt. Manche gewöhnten sich im Laufe der Zeit an ihr Dasein als Eremit, genossen es sogar; andere hingegen kamen mit der Einsamkeit überhaupt nicht zurecht und fühlten sich mies, wenn sie Klaus und sein Eheglück beobachten mussten. Auch Dante wurde zweimal am Tag von seiner Lebenspartnerin mit frischen Lebensmitteln beliefert, da er als Gourmet den Klinikfraß kategorisch ablehnte. Allerdings schimpfte sie oft mit ihm und schalt ihn vor uns allen einen üblen Trunkenbold, weshalb mir diese Szene glaubwürdiger erschien als das Händchenhalten und Wispern von Klaus und Hedwig. »Was ist das für eine Beziehung, die du führst?«, hatte ich mich an einem verregneten Abend im vergangenen November bei ihm erkundigt. »Sehr harmonisch. Wir lieben uns.« »Trinkt deine Frau?« »Keinen Tropfen.« Klaus schüttelte verneinend den Kopf. »Und erträgt stoisch deine vielen Rückfälle? Das macht doch niemand auf Dauer mit. Es sei denn, sie hat einen an der Klatsche.« Im Moment, als ich den Satz aussprach, tat er mir schon wieder leid. Ich wollte Klaus und seine Frau nicht beleidigen. »Wir würden füreinander sterben.« Er strahlte mich auf eine Art an, die mich für einige Sekunden an seinem Geisteszustand zweifeln ließ. »Natürlich. Das ist des Rätsels Lösung.« Ich stand auf, um mir im Essensraum einen Hagebuttentee zu organisieren. Für heute hatte ich genug mit Klaus geplaudert. Übertriebene Love Stories waren noch nie meins gewesen.
    ***

    Ein Rückfall jagt den nächsten

    »Und wenn die Polizei fragt, wie es passiert ist?« In Hedwigs Augen entdeckte ich Angst. Leicht panisch rüttelte sie an meinen Schultern. »Dann sagen wir ihr die Wahrheit.« »Wirklich?« »Lass mich am Anfang reden. Es wird alles gut werden. Vertrau mir.«

    Als ich vor vierzehn Tagen das erste Mal bei Klaus nach dem Rechten sah, fläzte der sich volltrunken auf der Wohnzimmercouch. Hedwig stand daneben und betrachtete ihn stumm. »Pack deine Sachen. Ich bringe dich in die Klinik«, sagte ich. »Nein«, erwiderte er mit schwerer Stimme. »Warum nicht? Du bist sternhagelvoll und musst entgiften.« »Ich habe alles unter Kontrolle.« »Einen Scheißdreck hast du. Steh jetzt auf und komm mit!« »Nein!« Ich blickte Hedwig an; die meinte: »Immer dasselbe Trauerspiel mit ihm. Er ist nicht einsichtig. Ich habe bereits den Hausarzt informiert.« »Dann warte ich eben auf den. Habe heute keine Eile.« Ich setzte mich zu ihr in die Küche und trank eine Tasse Cappuccino aus ihrer neuen, sündhaft teuren Kaffeemaschine.

    Der Arzt, ein älterer Herr mit grauem Bart, traf nach einer Viertelstunde ein, taxierte eine Minute lang schweigend den hochalkoholisierten Klaus und beugte sich dann zu ihm runter. Im Schlepptau hatte er eine bildhübsche Helferin mitgebracht, die eifrig Notizen anfertigte, während er auf den Patienten wie ein kleines Kind einredete. Es half nichts. Klaus ließ sich nicht erweichen und blieb stur auf dem Sofa liegen. »Würden Sie freiwillig mitkommen, wenn ich den Rettungswagen rufe?« »Nein!« »Nun gut. Sie zwingen mich also, härtere Bandagen anzulegen. Dann wird die Polizei direkt mit alarmiert. Denn nur die darf Sie gegen Ihren Willen anfassen.« »Mir völlig egal.« Klaus hatte den Ernst seiner Lage anscheinend nicht verstanden. Kein Wunder, wenn ich auf die vielen leeren Wodkaflaschen auf dem Fußboden schaute. Als die Beamten anrückten, erkundigten sie sich freundlich bei meinem Bekannten, ob er widerstandslos in den Krankenwagen steigen würde. Als er ihre Frage mehrmals verneinte und ebenfalls auf das Flehen seiner Frau nicht reagierte, streiften die Polizisten Handschuhe über und zerrten ihn von der Couch. Klaus, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, begann sich zu wehren und schlug wild um sich. Daraufhin warfen ihn die Schutzleute auf den Teppich, verschränkten seine Arme hinter dem Rücken und legten ihm Handschellen an. Laut fluchend und zappelnd wurde Klaus aus dem Haus eskortiert. Auf dem Bürgersteig hatten sich bereits ein paar neugierige Nachbarn versammelt. »Was bist du für ein blöder Idiot«, zischte ich. Hedwig blieb im Wohnzimmer und zog die Vorhänge zu. Ihr war die Szene peinlich.

    »Was soll ich bloß unternehmen, Henning?«, fragte sie mich zehn Minuten später, als sich der Spuk aufgelöst hatte. »Keine Ahnung. Ihr liebt euch doch. Also musst du diese Kröte wahrscheinlich schlucken.« »Nein, ich liebe dieses egoistische Arschloch schon seit vielen Jahren nicht mehr«, schrie sie nahezu hysterisch. »Warum seid ihr dann immer noch zusammen?« »Weil wir nicht voneinander loskommen.« Hedwig sprang vom Stuhl auf, knallte die Tür zu und lief in den Nachbarraum, wo ich sie hemmungslos schluchzen hörte. »Morgen wechsele ich die Schlösser aus und sage ihm, er soll sich eine eigene Bude suchen. Mir reicht es ein für allemal«, redete sie laut. Vermutlich telefonierte sie mit einer Freundin. Nachdenklich zündete ich mir eine Zigarette an, ging zu meinem klapprigen Golf 2 und fuhr langsam zurück nach Hause.

    Die schwerst co-abhängige Ehefrau

    Es handelte sich also um Co-Abhängigkeit. Dass ich nicht sofort auf diesen Gedanken gekommen war. Ich kannte dieses Phänomen bisher einzig von Paaren, bei denen beide soffen. Von einem Kranken und einer Gesunden hatte ich das jedoch bis heute nicht erfahren. Auf welche Weise setzte Klaus seine Frau derart unter Druck, dass die sich nicht traute, die Scheidung einzureichen; ihn zumindest aus dem Haus rauszuwerfen? Meine Ex-Freundinnen hatten mich jedes Mal nach dem ersten Absturz vor die Tür gesetzt oder mir eine zweizeilige SMS geschickt, dass sie auf das Zusammensein mit einem Alkoholiker keine Lust verspürten. Dafür sei ihnen ihr Leben zu schade. So weh mir das im Einzelfall auch tat: verstehen konnte ich sie. Deshalb zog ich es seit drei Jahren vor, alleine zu bleiben. Anfangs etwas schwierig, nach einigen Wochen gewöhnte ich mich daran. Reine Kopfsache.

    Klaus war seit zehn Jahren impotent. Angeblich wegen einer irreparablen Verkrümmung des Urogenitaltrakts. Hatte er mir beim letzten Mal in der Klinik unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt. Da Dante mir die Story bereits berichtet hatte, konnte die Sache nicht ganz so vertraulich sein, wie Klaus mich glauben machen wollte. Dante meinte dazu, dass Klaus deswegen keinen mehr hochkriegen würde, weil er zu viel gesoffen hätte. Ihm und vielen anderen ginge es genauso. Mir lief es heiß und kalt den Rücken runter. Auch bei mir stellte ich seit einiger Zeit einen drastischen Rückgang meines Verlangens nach Sex fest. Hatte mir jedoch über die Ursachen bisher keine großen Gedanken gemacht. Sobald ich hier raus bin, verbringe ich eine Nacht im Puff und teste meine Funktionsfähigkeit, nahm ich mir vor. Erektionsschwäche hätte mir zu all meinen Geld- und Beziehungsproblemen gerade noch gefehlt. Ist ein guter Grund, um endgültig einen Schlussstrich unter die Scheißtrinkerei zu ziehen, überlegte ich grimmig.

    Und trotzdem blieb Hedwig bei ihm. Weshalb? Es gelang mir beim besten Willen nicht, mir darauf einen Reim zu machen. Anstatt mit Kindern umgab sich das Paar mit Tieren: Riesenköter, fünf Katzen, Karnickel, ein Pferd. Die Liebe Hedwigs galt den Viechern, die sie nach Strich und Faden verwöhnte, und Klaus konzentrierte sich in den Wochen, in denen er trocken blieb, auf Geldverdienen und die Optimierung seiner persönlichen Finanzen. Als gebürtigem Schwaben waren ihm Zinsrechnung und doppelte Buchführung in die Wiege gelegt worden.

    Vor einer Woche klingelte mein Telefon erneut. Am anderen Ende der Leitung stotterte eine aufgeregte Hedwig: »Henning, ka… kannst du bitte vorbeikommen. Klaus liegt hier schon wieder betrunken rum und kann sich kaum noch rühren.« »Seit wann ist der denn aus der Klinik draußen?« »Sie haben ihn nur eine Nacht behalten.« »Nicht länger? Das darf doch nicht wahr sein.« »Er hat mit einem Anwalt gedroht, wenn sie ihn gegen seinen Willen festsetzen. Dann haben sie ihn zähneknirschend rausgelassen.« »Was für ein Drecksack. Er hätte ja freiwillig drinbleiben können.« »Wollte er partout nicht.« »Und du hast die Schlösser nicht ausgetauscht?« »Nein. Habe ich nicht übers Herz gebracht. Er hat nach seiner Rückkehr furchtbar getobt, weil ich so überreagiert hätte. Mit dir dürfte ich nicht mehr reden, weil du ihn an die Polizei verraten hast.« »Solche wirren Sätze aus dem Munde eines Sparkassenangestellten. Man glaubt es kaum. Ich bin in einer Stunde bei euch.«

    Seit Tagen komatös auf dem Sofa

    Klaus glotzte mich aus blöden Augen an und murmelte: »Verpiss dich, du Hurensohn! Ich komme bestens alleine klar.« »Das sehe ich. Soll ich dich in die Klinik begleiten oder mitsamt deinem Sofa in den Vorgarten stellen?« »Nein!« »Wir können an der nächsten Tankstelle anhalten und dir einen Flachmann besorgen, damit du die Fahrt überstehst. Ist das ein faires Angebot?« »Nein!« »Wieder das Spiel mit den Polypen?« »Nein!« Jetzt war es Hedwig, die mir ins Wort fiel. »Ich ertrage es nicht, wenn die ganze Straße gafft und über uns tuschelt. Auf keinen Fall Blaulicht vor der Haustüre.« »Wie du meinst.« Ich drehte meine Handflächen nach oben. »Noch atmet der Patient. So schlimm kann es also nicht sein. Wenn er es sich anders überlegen sollte, gib mir Bescheid. Ich organisiere dann den Transport.« Hedwigs Anrufe bei mir wiederholten sich jetzt im Abstand von vierundzwanzig Stunden. Jedes Mal dasselbe: »Ich weiß nicht mehr weiter. Bitte überzeuge du Klaus, endlich zur Vernunft zu kommen.« Abends auf dem Rückweg vom Job machte ich nun einen Umweg und fuhr in den Nordteil der Stadt, um Klaus ins Gewissen zu reden und ihn weich zu kochen. Sein Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. »Was sagt der Arzt dazu?«, erkundigte ich mich bei Hedwig. »Der hat mir erklärt, dass man niemanden daran hindern kann, sich tot zu saufen.« »Da hat er recht, der Herr Doktor. Aber wenn man sich unbedingt umbringen will, dann alleine im Wald und nicht vor den Augen der Ehefrau. Verstehst du das, Klaus? Du dämlicher Vollidiot.« Klaus stierte mich hasserfüllt an, brachte aber kein Wort über die Lippen. »Klaus, wir geben dir hundert Euro und du verlässt das Haus. Ist das in Ordnung für dich?« Er schüttelte trotzig den Kopf. »Hedwig, ich komme morgen wieder. Hat heute keinen Zweck mit dem Schwachmaten.«

    Am nächsten Abend röchelte Klaus. »Was ist mit ihm los?«, wollte ich wissen. »Er hat Spiritus getrunken.« »Warum? Ist ihm der Schnaps ausgegangen?« »Ich habe vier Flaschen Doppelkorn vor seinen Augen ins Klo gekippt.« »Und dann?« »Ist er ausgerastet und hat versucht, mich zu schlagen.« »Scheiße!« Klaus stellte für mich den Prototypen des gemütlichen Angestellten dar. Nur mit Mühe gelang es mir, ihn mit Gewaltausbrüchen in Verbindung zu bringen. Wobei seine Augen bereits in den vergangenen Tagen blutrünstig geflackert hatten. »Ich habe mich im Keller versteckt und ihn schreien hören, dass er sich jetzt mit dem Spiritus umbringen wird. Die Schuld dafür würde ich tragen.« »Tja, das ist die verquere Logik eines Säufergehirns. Musst du nicht ernst nehmen. Klaut er?« »Wie kommst du darauf?« »Weil du als besorgte Ehefrau ihm vermutlich alles Geld abgenommen hast. In der Hoffnung, er würde demütig werden, wenn ihm die Vorräte ausgehen.« »Stimmt. Gestern haben sie ihn bei Edeka erwischt, als er zwei Pullen Wodka einstecken wollte.« »Und nicht der Polizei übergeben?« »Nein. Nur ein Hausverbot erteilt. Sogar die Flaschen durfte er behalten. Die haben sich wahrscheinlich davor geekelt, ihn anzufassen.« »Da hast du ja mal wieder Schwein gehabt, du übler Schmarotzer. Eine Nacht in der Ausnüchterungszelle hätte dir gut getan. Da würdest du endlich zur Besinnung kommen.« Klaus wandte sich von mir ab, drehte mir den Rücken zu und tat so, als ob er spontan eingeschlafen wäre. »Bis morgen bereitest du alles vor, Hedwig. Notarzt und Polizei. Die sollen für ihn einen Beschluss bewirken. Minimum drei Wochen. Vorher darf er die Station auf keinen Fall wieder verlassen.«

    Ein Treppensturz mit Folgen

    »Er riecht komisch. Eine Mischung aus Pisse und Eukalyptus. Was ist das?« »Dieses Zeug hier.« Hedwig hielt mir eine grüne Plastikflasche vors Gesicht. »Einreibelotion für Pferde. Enthält zwölf Prozent Alkohol«, entzifferte ich. »Die trinkt er?« Mann, was musste Klaus für mordsmäßigen Saufdruck verspüren, dass er solch einen Dreck runterwürgte. »Nicht nur das. Er war mittlerweile am Desinfektionsmittel und dem Putzzeug dran.« »Der würde seinen eigenen Urin saufen, wenn er da Spuren von Wodka drin vermuten würde.« »Bring ihn bloß nicht auf dumme Gedanken.« »Klaus. Steh auf!« Ich rüttelte an seinen Schultern, um ihn aufzuwecken. Keinerlei Reaktion. »Ob er bereits im Delirium ist?« »Glaube ich nicht. Das sieht anders aus. Vielleicht besser, wenn er pennt. Ansonsten kommt er vielleicht auf blöde Ideen, bevor die Polizei eintrifft.« »Ich will nicht, dass die Bullen mich abholen. Zum Teufel mit euch.« Klaus hatte unsere Worte doch belauscht und war nun munter geworden. »Hättest du dir vorher überlegen sollen, du hoffnungsloser Spritkopf. Jetzt ist es zu spät. Du kannst ja trotzdem freiwillig in den Rettungswagen steigen. Wäre uns allen am liebsten.« »Niemand vertreibt mich aus meinem Haus.« »Das dir gar nicht gehört, sondern deiner Frau. Wenn du zurückkommst, wird sie die Schlösser ausgetauscht haben. Damit du endlich lernst, für dich selbst zu sorgen.« »Du dummes Flittchen.« Mit einer Behändigkeit, die ich Klaus gar nicht zugetraut hatte, sprang er vom Sofa auf und stürzte auf Hedwig zu. Die machte reaktionsschnell einen Schritt zur Seite, er lief ins Leere, geriet ins Torkeln und prallte mit dem Gesicht gegen die Wand. »Henning, tu doch was!« In Hedwig kam schon wieder der Mutterinstinkt zum Vorschein. Es fehlte nicht viel, und sie hätte die Arme um ihren Mann gelegt und ihn getröstet.

    Ich warf mich auf Klaus, riss ihn zu Boden und nahm ihn in den Schwitzkasten. »Du willst es wirklich nur auf die harte Tour verstehen, oder?« »Nein, nein. Lass mich bitte los. Ich werde lieb sein. Ich versprech’s.« Er wimmerte wie ein kleines Mädchen. Einen Moment lang schämte ich mich für Klaus und befreite ihn aus meinem Würgegriff, ließ ihn aber auf dem Teppich liegen. »Wann wird der Arzt hier sein?«, fragte ich Hedwig. »In circa zehn Minuten.« »Zusammen mit den Bullen?« »Ja.«

    Derweil krabbelte Klaus auf allen vieren durchs Wohnzimmer in Richtung Flur. »Wo will er hin?« »Vermutlich sucht er ein Versteck.« »Von mir aus. Weit wird er in dem Tempo nicht kommen.« Am Esstisch, der ihm den Weg versperrte, zog Klaus sich mühsam nach oben, bis er nach dreißig Sekunden endlich auf seinen gallertartigen Beinen stand. »Mach jetzt keinen Blödsinn«, warnte ich ihn vorsichtshalber, denn ich hatte in den vergangenen Jahren eine Menge Irrsinn von Wodka-Junkies erlebt. Mit dem letzten Tropfen der ihm verbliebenen Kraftreserven rannte er los zur Haustüre, um in der Dunkelheit der Nacht zu verschwinden. Hedwig, die in diesem Augenblick aus der Küche zurückkehrte und ihrem Mann unversehens entgegenkam, stellte ihm reflexartig ein Bein, um ihn an der Flucht zu hindern. Klaus kippte wie ein nasser Sack seitlich weg in den geöffneten Kellereingang hinein und von dort aus die steile Treppe abwärts. Von unten vernahm ich das hässliche Geräusch splitternder Knochen und einen langgezogenen Klagelaut. Danach herrschte gespenstische Stille. Ich lief die Stufen hinab, während sich Hedwig erschrocken die Hand vor den Mund hielt.

    Und am Schluss ne traurige Beerdigung

    »Wenn sie mich nun wegen Totschlags verhaften?« »Ach was; das war ein Malheur, als Klaus über dich gestolpert ist.« »Ob das ein Staatsanwalt ebenfalls so sehen würde? Ich möchte bei all dem Schlamassel nicht auch noch angezeigt werden.« »Kann ich nachvollziehen.« »Ich fühle mich total mies. Was mache ich jetzt bloß?« »Gib mir mal das Pferdezeug und Gummihandschuhe.« »Hier. Wozu brauchst du das?« »Wirst du gleich verstehen.« Ich streifte mir die Handschuhe über schüttete den Rest der etwas öligen Flüssigkeit auf die Schwelle der Kellertür. Danach ließ ich mir von Hedwig ein Paar von Klaus Pantoffeln geben und fuhr mit dem linken durch die Pfütze. Im Keller zog ich dem Toten einen Schlappen an den linken Fuß und platzierte den zweiten verkehrt herum zwei Stufen über ihm. Dann drückte ich ihm die grüne Flasche in die rechte Hand. »Jetzt sieht es so aus, als wäre er in seiner Gier und der Suche nach weiterem Spiritus in der Soße, die er selbst verkleckert hat, ausgerutscht.« »Meinst du, die Kripo glaubt uns das?« »Warum nicht? Habe schon von blöderen Todesursachen gelesen.« Ich pellte die Gummiteile von meinen Unterarmen und verstaute sie in der Jackentasche. Gerade noch rechtzeitig. In der Haustür tauchten zwei junge Polizisten und der Notarzt auf. »Kommen Sie schnell. Es ist ein furchtbarer Unfall passiert«, empfing Hedwig völlig aufgelöst die Beamten. Ich spazierte in die Küche, zündete mir eine Zigarette an und versuchte, die komplizierte Kaffeemaschine in Gang zu bringen.

    Eine Woche später – an einem nasskalten Gründonnerstag – beerdigten wir Klaus. Es war eine kleine Feier. Außer drei Kollegen, vier Familienangehörigen und zwei Patienten aus der Klinik hatte niemand den Weg auf den Friedhof gefunden.

  • Auf der Suche nach dem Urknall

    Auf der Suche nach dem Urknall

    »Sie waren also beinahe tot? Wie lange in etwa?« Die untersetzte Frau, die mir seit knapp fünfundvierzig Minuten gegenübersaß und jede Antwort aus meinem Mund mit einer neuen Frage quittierte, legte den Bleistift, mit dem sie ununterbrochen Notizen in einen Spiralblock hineingekritzelt hatte, vor sich auf die Tischplatte und taxierte mich mit zusammengekniffenen Augen. Der orange Griffel wies überall Bissspuren auf und war von ihr nahezu durchgekaut worden.

    Wer ist verrückter: Ich oder die Schneider?

    Wahrscheinlich bist du bekloppter als ich, ging es mir durch den Kopf, bevor ich ihr antwortete: »Keine Ahnung. Die Pfleger haben mir das erzählt, als ich in der geschlossenen Station aufwachte. Vermute mal zwei, drei Stunden. Länger nicht. Alles halb so wild.«
    »Halb so wild? Sie sind lustig. Wäre es Ihnen stattdessen lieber gewesen, für immer tot zu sein?« Ich kratzte mich verlegen am Ohr und zog es vor, zu schweigen.
    »Sie mussten reanimiert werden. Da hätte dieses Mal nicht viel gefehlt, und Sie wären Ihrem Herrgott gegenübergetreten. Das ist Ihnen schon klar, oder?«

    Warum hat sie ausgerechnet mich zu sich hereinzitiert? Weshalb nicht Rolf, Rene oder Petra? Oder irgendeinen x-beliebigen Säufer aus der verdammten Hardcore-Fraktion? Jedes Mal dasselbe Spiel, sobald die dusselige Kuh mich erblickt: Herr Hirsch, schön, Sie zu sehen. Können Sie bitte nachher in mein Büro kommen! Keine Frage, sondern ein Imperativ. Wie mich das abfuckte. Soll sie sich einen anderen Idioten suchen, mit dem sie ihre Psychomasche abziehen kann. Über all das dachte ich nach und erwiderte so freundlich, wie es mir an diesem elenden, tropisch schwülen Nachmittag möglich war: »Ob Sie es glauben oder nicht, Frau Schneider: in dem Moment, als ich die dritte Flasche Wodka vorgestern Abend öffnete, kurz bevor ich bewusstlos in der Küche umklappte, war es mir tatsächlich egal, ob ich abkratze oder nicht.«

    »Sie hegten also suizidale Gedanken«, schlussfolgerte die Psychologin und schrieb fieberhaft eine weitere Seite voll, bevor sie ihren Blick wieder mir zuwandte.
    »Nein; mir war es wurscht.«
    »Ist das nicht dasselbe?« Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, in ihrem ansonsten von professionellem Wissensdurst beherrschtem Gesicht eine Spur von Anteilnahme zu entdecken.
    »Nein, ist es nicht. Weil ich eben nicht von Anfang an die Absicht hatte, mich umzubringen, sondern den Tod, der sich vielleicht hätte einstellen können, zum Schluss billigend in Kauf nahm. Aber eher in der Form eines russischen Roulettespiels. Von sechs Kammern ist nur eine mit einer Patrone geladen. Und vor jedem Schuss wird neu gedreht. Die Wahrscheinlichkeit, mit heiler Haut davonzukommen, steht also gar nicht so schlecht. Bisher ist es immer glimpflich ausgegangen.«
    »Sie treffen den Nagel auf den Kopf: bisher. Und was, falls es beim nächsten Versuch nicht mehr klappt? Wenn Sie sich dann die todbringende Kugel in den Kopf jagen?«
    »Dann ist es eben so. Wir müssen alle irgendwann unserem Schöpfer gegenübertreten. Die einen nach einem langen, erfüllten Leben, die anderen halt früher.« Ich zuckte mit den Schultern und überlegte, ob ich mir nachher im Raucherzimmer von Rene eine Zigarette schnorren könnte.

    Immer wieder dieselben Fragen

    Frau Schneider und ich hatten uns in den vergangenen Monaten oft in ihrem kleinen Arbeitszimmer getroffen und über die Ursachen meines exzessiven Trinkverhaltens diskutiert. Wie alle Psychologen war sie auf der Suche nach dem Urknall: der Stunde Null, in der ich vom normalen Menschen zum Säufer mutiert war. In geradezu stupider Regelmäßigkeit verneinte ich all ihre Annahmen und Hypothesen von trübsinniger Kindheit, zu strengem Vater, unglücklichen Liebesbeziehungen in der Jugend, traumatischen Schulerlebnissen und was ihr alles sonst noch an Erklärungen in den Sinn kam und bejahte als einzige glasklare und nicht zu leugnende Auslöser meines Alkoholismus die Gene mütterlicherseits und jahrelange Gewöhnung an die Droge. »Mehr fällt Ihnen in diesem Zusammenhang nicht ein? Speziell von Ihnen hätte ich eine tiefschürfendere Analyse erwartet«, versuchte sie vergeblich, an meine vor vielen Jahren verloren gegangene Marktforscherehre zu appellieren.

    Ich beneidete Frau Schneider nicht um ihren Job. Im Gegensatz zu ihrer attraktiven Kollegin mit den pfirsichförmigen Arschbacken, der die Patienten in der offenen Station die Bude einrannten, wirkte sie zum einen mit ihrer pummeligen Figur und dem Bürstenhaarschnitt äußerlich wenig anziehend, und zum anderen betreute sie in der geschlossenen Abteilung eine hartgesottene Klientel, die sich weniger für psychologische Ursachenforschung denn für die fristgerechte Überweisung des Hartz IV- Regelsatzes interessierte. Pünktlich zum Ersten jeden Monats leerte sich die Station schlagartig, um sich dann in den folgenden Tagen bis zum spätestens Fünften allmählich wieder zu füllen. Diese zweiundsiebzig bis sechsundneunzig Stunden reichten den meisten Patienten, die dreihundertfünfundsechzig Euro, die ihnen alle vier Wochen zustanden, komplett auf den Kopf zu hauen. Frau Schneider redete auch zu akademisch daher und schaffte es einfach nicht, den zu ihrer Kundschaft passenden Tonfall anzustimmen.

    Völlig benebelt mit Tendenz zum Sekundenschlaf

    Ich gähnte herzhaft, denn am zweiten Tag der Entgiftung schwammen dreißig Valium träge wie winzige pharmazeutische U-Boote in meiner Blutbahn herum, was selbst für mich eine recht starke Dosierung bedeutete. Diese Ration war notwendig geworden, weil ich es bei der Essensausgabe weder schaffte, ein Tablett festzuhalten noch eine Tasse Kaffee zum Mund zu führen. Ich zitterte am gesamten Körper wie ein Eichhörnchen auf Koks, der Schweiß rann mir in Strömen von den Schläfen die Wangen hinab, die Blutdruckwerte bewegten sich im Bereich schwangerer Giraffen, sodass der zum Zeitpunkt meiner Einlieferung zufällig anwesende Oberarzt entschied, die an und für sich zulässige Maximalmenge von vierundzwanzig um sechs zu erhöhen. Die allmähliche Linderung der Schmerzen ging einher mit einer Form des Sekundenschlafs, der mich an den unmöglichsten Orten einpennen ließ. Vor drei Stunden erst hatte mich Pfleger Franz unsanft im Bad geweckt, wo ich mit blankem Hintern auf der Kloschüssel weggenickt war. Früher wäre mir das unsagbar peinlich gewesen. Heute jedoch ließen mich solche Vorkommnisse völlig kalt.

    »Ich habe den Eindruck, dass Sie es sich in Ihrer Nische mittlerweile ganz bequem eingerichtet haben«, versuchte Frau Schneider ein letztes Mal, mich aus meiner nachmittäglichen Lethargie wachzurütteln.

    Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks

    »Wie meinen Sie das? Verstehe ich nicht.«
    »Sie erscheinen hier mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Manchmal zu Fuß, oft liegend auf einer Trage und in letzter Zeit zumeist mit dem Umweg über die Intensivstation. Sie entgiften schnell, sind nach einer Woche wieder zu Hause, trinken dort munter weiter, zumal Sie wissen, dass Sie bei uns im Notfall sofort aufgenommen werden. Sie kennen im Krankenhaus Gott und die Welt, sind wegen Ihrer ruhigen Art bei den meisten Ärzten und Pflegern beliebt, sodass ich die Befürchtung hege, dass Sie sich hier drinnen zumindest genauso wohl fühlen wie draußen auf der Straße. Während ich im vergangenen Jahr den früheren Manager und Familienvater in Ihnen noch erkennen konnte, ähneln Sie heute einem abgerissenen Hippie, der seit Woodstock ununterbrochen säuft. Das meine ich mit bequem in der Nische einrichten.« Frau Schneider blickte mich triumphierend an in der Gewissheit, dass dieser fiese Nierenhaken mich reumütig in die Knie zwingen würde. Du kannst mich mal, dachte ich bitter, gähnte erneut, rutschte halb vom Stuhl herab und signalisierte deutlich, dass ich langsam ans Ende der Unterhaltung gelangen wollte.

    »Ich merke, dass Ihre Aufmerksamkeitspanne noch nicht für eine längere Sitzung ausreicht. Ich will Sie heute auch nicht länger foltern. Ihr sicherlich quälender Entzug ist Strafe genug. Ich würde vorschlagen, dass wir uns übermorgen wiedersehen. Ich finde Sie im Aufenthaltsraum. Vor mir weglaufen können Sie in der geschlossenen Abteilung ja nicht. Das ist praktisch.« Über Frau Schneiders Lippen huschte ein boshaftes Lächeln, und sie entließ mich mit einem kurzen Kopfnicken, derweil sie ihren Vermerk über meine mangelhafte Krankheitseinsicht zu Ende formulierte.

    Du bist ein arrogantes Großstadt-Arschloch

    »Wie war die Psychostunde bei der Gruseltante?«, empfing mich Petra draußen auf dem Flur. »Hat sie dir angeboten, bei ihr einzuziehen?« Sie trug einen knallroten Spaghetti-Top auf ihrer weißen Haut, der bei jeder Bewegung den Blick auf die Speckrollen an ihren Hüften freigab.
    »Warum sollte sie das tun?«
    »Die steht auf dich. Merkt doch jeder.« Wie zufällig streifte sie den Träger von ihrer linken Schulter ab und strich mit zwei Fingern über das freigelegte Dekolleté. Trotz meiner Müdigkeit bemerkte ich, dass ihre Brustwarzen hart und begehrlich im Neonlicht schimmerten.
    »Ich unterhalte mich eben mit ihr.«
    »Ach was. Du schleimst dich ekelerregend bei der ein.« Da meine Reaktion auf ihren Busenblitzer nicht so ausfiel, wie sie sich das vorgestellt hatte, zog sie das Shirt wieder nach oben und schaute mich missbilligend an.
    »Von mir aus.« Mir war an diesem Nachmittag tatsächlich alles egal. Ich wollte meine Ruhe haben und die Schmerzen loswerden. Deshalb stand mit der Sinn ganz und gar nicht nach komplizierten Gesprächen. Weder mit Frau Schneider noch mit Petra.
    »Du bist in den letzten Monaten völlig teflonartig geworden. Wo ist der nette Henning abgeblieben, den ich vor einem Jahr hier kennengelernt habe?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf, und ich meinte, ein Déjà-Vu der Verabschiedung mit der Psychologin zu erleben.

    Petra betrieb ein kleines Bordell am Nordrand der Eifel, an der Bundesstraße, die von Düren über Aachen weiter nach Belgien und Holland führt. Zu ihren Kunden zählten deshalb überwiegend LKW- Fahrer und Handlungsreisende, die mit Haushaltsartikeln und Versicherungspolicen unterwegs waren. Ihr bereitete es Freude, bei den Männern selbst Hand anzulegen und mit ihnen fröhlich zu bechern. Wenn sie einen im Tee hatte, konnte es passieren, dass Petra leicht reizbar und unflätig wurde. Unvorsichtigen Freiern, die es wagten, ihr in diesem hochalkoholisierten Stadium zu widersprechen, donnerte sie die Faust ins Gesicht oder traktierte sie mit Sektflaschen und dem spitzen Absatz ihrer Stilettos. Sie wurde deshalb häufig in Handschellen in der Klinik vorgeführt. Anstatt sich dankbar zu zeigen, dass sie an einen Ort gebracht worden war, an dem ihr geholfen werden konnte, beschimpfte sie die Polizisten mit Scheißbullen und bezeichnete den netten iranischen Aufnahmearzt als Dreckskanaken. Wenn sie zu sehr herumtobte und alles freundliche Beschwichtigen nicht fruchtete, hakten sich zwei muskelbepackte Pfleger bei ihr ein und eskortierten sie ins Bett. Dort wurde sie an vier Punkten fixiert, erhielt ein starkes Beruhigungsmittel und pennte danach komatös für vierundzwanzig Stunden. Sobald sie erwachte, konnte sie sich an nichts zurückbesinnen und benahm sich lammfromm und zivilisiert. Sie war eine Seele von Mensch und litt mitunter geradezu unter einem Helfersyndrom. Auch ich hatte bereits mehrmals meinen Rausch zwischen ihren wogenden Brüsten ausgeschlafen, woran sie mich hin und wieder gerne erinnerte.

    »Wann kommst du mich endlich besuchen?«, hatte sie mich beim letzten gemeinsamen Aufenthalt gefragt.
    »Weiß nicht«, antwortete ich zögerlich.
    »Was soll das heißen: weiß nicht? Du hast es tausend Mal versprochen.«
    »Ich bin Großstädter und fahre nicht gerne aufs Land.«
    »Du bist ein arrogantes Arschloch, das es nicht wert ist, mit ihm meine Zeit zu vertrödeln«, hatte sie mich damals beschimpft.

    Ich treffe Lila wieder

    »Henning, dir ist einfach nicht zu helfen«, zischte sie heute. »Anstatt an dir zu arbeiten und langsam das Jammertal zu verlassen, feierst du jeden Abend fröhlich Party, so als ob es dein letzter sein könnte. Ich verstehe dich einfach nicht.«
    Als ob du alte Wachtel seltener als ich hier aufschlägst, ging es mir durch den Kopf, und ich sagte leise: »Lass das meine Sorge sein. Ich kann gut auf mich alleine aufpassen.«

    Petra drehte mir abrupt den Rücken zu, sodass ich das bunte Kamasutra-Tattoo sehen konnte, das ihr früherer Freund kunstvoll gestochen hatte, und stiefelte den Südostflur entlang in Richtung Raucherzimmer. Sie war die Zweite innerhalb einer Stunde, die mir erklärte, dass ich mich mit meinem Trinkerleben arrangiert hätte und in der Klinik sichtbar wohlfühlen würde. Vielleicht ist da was Wahres dran, grübelte ich; beschloss aber, mich heute nicht mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzen zu wollen. Ich fühlte mich schlichtweg zu schlapp dafür.

    »Na alter Mann, was brütest du so dumpf vor dich hin? Ist dir nicht gut?« Von hinten berührte eine mir wohlbekannte Hand sanft meinen Hals. Ich wendete mich im Zeitlupentempo um und schaute in das schöne, aber leicht irre Gesicht von Lila, meiner absoluten Lieblings-Borderlinerin. »Hi, Lila. Bist du auch wieder hier?« Ich küsste sie zärtlich auf den Mund.
    »Ich kann dich schließlich nicht alleine in der Psychiatrie rumlaufen lassen. Nachher gerätst du hier noch komplett unter die Räder.«
    »Und deshalb folgst du mir bis in die geschlossene Abteilung?! Kaum zu glauben. Auf jeden Fall gut, dich zu sehen.«

    Lila kannte ich seit Anfang des Jahres. An einem bitterkalten Januarmorgen war sie barfuß und mit zerzauster Frisur in die Klinik hereingeschneit. Bis in die Haarspitzen zugedröhnt mit Pilzen und irgendeiner geheimnisvollen chemischen Substanz. Es dauerte damals ungelogen achtundvierzig Stunden, bis wir sie vernünftig ansprechen konnten. »Ich rühre Drogen aus Prinzip nicht an. Du siehst, was das Dreckszeug aus dem armen Mädchen gemacht hat«, erklärte mir Rene. »Aber eine Gallone Schnaps, die du pro Woche in dich reinschüttest, ist normal?«, fragte ich ihn mit zweifelnd hochgezogenen Augenbrauen.

    Nicht ganz ne Lolita-Nummer

    Lila und ich freundeten uns in diesem tristen Wintermonat an, und wir verbrachten viel Zeit miteinander in Aufenthaltsraum und Raucherzimmer. Sie besaß eine atemberaubende Figur, wies väterlicherseits äthiopische Wurzeln auf, und wenn sie lächelte, blitzten ihre Zähne wie blankgeputzte weiße Perlen im neonbeleuchteten Januargrau des Krankenhauses. Da wir zumeist im Doppelpack anzutreffen waren, hatten wir nach einigen Tagen unsere Spitznamen weg: Bowie und Imam.

    Draußen in Freiheit hatten wir uns einige Male getroffen. Bei ihr oder mir zu Hause. Manchmal am Bahnhof, wo wir planlos herumlungerten, anderen Patienten begegneten und mit denen Informationen und Rotweinflaschen austauschten. Ab und an schliefen wir miteinander. Obwohl mir der Sex mit Lila große Freude bereitete, nervte mich ihr anschließendes Gerede über Liebe und Zusammenziehen, und ich verließ deshalb oft mitten in der Nacht ihr Bett, um in meine kleine, unaufgeräumte Wohnung zurückzukehren und dort in Ruhe ein paar Flachmänner hinunterzuspülen, bis mich der viele Alkohol besinnungslos bis zum nächsten Nachmittag einpennen ließ. Sie verfasste lustige Kindergedichte und zeichnete monströse Comicfiguren: vierschrötige Männer mit kantigen Gesichtern und laszive Frauen mit Schmollmund und Atomtitten, denen sie obszöne Sprechblasen in den Mund legte. Wir lasen uns gegenseitig englische Kurzgeschichten und russische Novellen vor, tranken und küssten uns.

    Gelegentlich saß Lila unbekleidet neben mir auf dem rechten Rand des Schreibtisches und beobachtete mich dabei, wie ich Text in die alte Tastatur hämmerte, auf der das A und K fehlten. Ich hatte sie wegen ihrer unbekümmerten Art schnell ins Herz geschlossen, ergötzte mich an ihrer Nacktheit, den vollen Lippen und ihrer kühn geschwungenen Nase, umgab mein Innerstes jedoch mit einer dicken Eisschicht, weil ich mich auf keinen Fall verlieben wollte. Ich betrachtete sie eher wie eine Muse denn als gleichberechtigte Partnerin, was sie als einfühlsame Psychopathin natürlich registrierte. Sie schwieg jedoch, und ich sprach das Thema vorsichtshalber nicht an. In ihren Augen entdeckte ich aber einen traurigen Ausdruck.

    Eigentlich bin ich auch recht gerne alleine

    So gerne ich meine Zeit gemeinsam mit ihr verbrachte, so sehr schätzte ich ebenfalls die Stunden, die ich alleine blieb. Je älter ich wurde, und umso ausschweifender ich zechte, desto mehr floh ich die Menschen und deren Gesellschaft. Die Lektüre eines spannenden Romans und das Beobachten der Schiffe auf dem Strom, der unsere Stadt in zwei etwa gleichgroße Hälften durchschnitt, waren mir oft genauso lieb wie die Umarmungen und das heitere Geplapper Lilas. Es gab Wochen, in denen ich dermaßen gierig Buch um Buch verschlang, indessen die Welt um mich herum vergaß und meine Körperpflege vernachlässigte, dass ich im Stillen befürchtete, ebenfalls beim Lesen ins Extreme abzugleiten. Wodka und Belletristik als kombinierte Drogen, um der ungeliebten Realität zu entfliehen.

    Lila, die erheblich jünger war als ich, verstand diesen Wesenszug nicht und schalt mich scherzhaft einen alten Mann, der mit seinen amerikanischen Sportschuhen und der zerlöcherten Jeans eine längst verflossene Jugend nur vortäuschen würde. Ihretwegen könnte ich auch in Anzug und Krawatte aus dem Haus gehen, denn diese Kleidungsstücke seien ihr an mir ebenso sympathisch wie T-Shirt und Denim. Wenn sie Pilze eingeworfen hatte, wurde sie anfangs albern, kicherte und gackerte wie ein kleines Mädchen, bis nach spätestens einer Stunde ihre Stimmung umschlug, und sie Morddrohungen gegen Gott und die Welt – zumeist allerdings auf ihre Mutter zielend – aussprach. In dieser angeblich bewusstseinserweiternden Phase liebte sie es, mich bis aufs Blut zu reizen, indem sie mir wüste Beleidigungen zurief, mich einen nymphomanen Penner nannte und in die tiefste Hölle wünschte. Was sie nicht daran hinderte, zehn Minuten später auf offener Straße ihre wohlgeformten Brüste zu entblößen und mich aufzufordern, an Ort und Stelle mit ihr zu schlafen.

    Aus diesem an und für sich harmlosen Zeitvertreib ergaben sich jedoch hin und wieder brenzlige Situationen, wenn sie zornentbrannt auf die Gleise lief, sich in der Form eines Kreuzes zwischen die Schienen warf und erst im letzten Augenblick aufsprang, wenn der Zug heranbrauste. Im Mai hatte sie es auf die Spitze getrieben und war liegengeblieben, wenngleich die S6, die von Norden in die Stadt pendelte, einhundert Meter entfernt von ihr bereits schrille Warnsignale ausstieß und im Zweifelsfall nicht mehr hätte rechtzeitig bremsen können. Trotz einer Pulle Jägermeister im Bauch hechtete ich die Böschung hinab, riss sie in der allerletzten Sekunde aus dem Kiesbett heraus, verabreichte ihr erschrocken eine Ohrfeige und brüllte: »Bist du völlig durchgedreht? Wenn du dich unbedingt umbringen möchtest, dann tu es alleine.« Nach einer stummen Schreckminute, in der ich mir unsicher war, ob Lila nun weinen oder hysterisch lachen würde, knallte sie mir ihre Faust auf die Nase, die hässlich knirschte und sofort blutete, befreite sich aus meinem Griff, rannte ohne nach links und rechts zu sehen auf die vierspurige Straße, wo ein schwarzer BMW-Kombi mit quietschenden Reifen vor ihr stoppte. Bevor der verblüffte Mann das Fenster runterkurbeln konnte, öffnete Lila die Beifahrertür und schrie den überrumpelten Fahrer an: »Nimm mich bis ins Westend mit!« Während sie einstieg, spuckte sie wutbebend in meine Richtung, streckte mir den erhobenen rechten Zeigefinger entgegen und kreischte: »Fick dich, du elender Pisser. Ich will dir nie mehr begegnen. Das war’s mit uns beiden. Für immer und ewig.« Seit diesem Erlebnis hatte Funkstille zwischen uns geherrscht.

    Und sei der Ort noch so traurig

    Und nun traf ich sie acht Wochen später in der geschlossenen Abteilung. Wiewohl der Anlass eigentlich ein trauriger war, freute ich mich ehrlich darüber, Lila wiederzusehen. In ihren Augen entdeckte ich ebenfalls Zärtlichkeit und Verständnis. Wir umarmten uns innig. Ungeachtet der Tatsache, dass das Thermometer an diesem schwülheißen Nachmittag weit über dreißig Grad kletterte und die Pfleger alle Hände voll damit zu tun hatten, halbnackte Patienten einzufangen und energisch auf die Kleiderordnung aufmerksam zu machen, trug Lila lange Hosen und ein Hemd, dessen Ärmel bis zu den Handknöcheln reichten. Als Grenzgängerin fügte sie sich mit Küchenmessern tiefe Schnitte in Unterarme und Oberschenkel zu und drückte brennende Zigaretten auf ihrer Haut aus.

    »Schön, dich zu spüren. Habe Sehnsucht nach dir gehabt«, hauchte sie.
    »Wie lange bist du schon hier?«, wollte ich wissen.
    »Drei Tage.«
    »Dann hast du mitbekommen, wie sie mich gestern eingeliefert haben?«
    »Ja, und ich habe mir große Sorgen um dich gemacht.«
    »War’s so schlimm?«
    »Du bist beinahe abgenippelt, blöder Idiot.«
    »Weiß ich. Hat mir Pfleger Franz schon erzählt.«
    »Da bist du wahrscheinlich noch stolz drauf: harter Kerl, der sechs Promille überlebt. Du bist so ein bemitleidenswertes Opfer.«
    »Ich habe überhaupt nichts gesagt«, verteidigte ich mich.
    »Aber gedacht. Ich seh’s an deinem Blick.«
    »Lila, willst du dich mit mir streiten oder zur Abwechslung mal friedlich unterhalten?«

    Lauter alte Bekannte im Raucherzimmer

    In der Art einer ägyptischen Katze schmiegte sie sich an, und wir schlenderten gemeinsam zum Raucherzimmer. Beißender Qualm aus zwanzig selbst gedrehten Kippen, der gemächlich die gelben Wände emporkroch und sich unter der Decke wie schmutziger Hochnebel staute, empfing uns. Ich hustete, Lila schimpfte laut: »Könnt ihr faulen Nichtsnutze nicht mal ein Fenster öffnen! Das ist ja nicht zum Aushalten.«

    »Bowie und Imam. wieder vereint. Ich könnte kotzen.«
    »Wer war das?« Lila schnellte wie ein Pfeil von der Sehne eines stramm gespannten Bogens in die hintere Ecke des Raums, aus der die Pöbelei gekommen war. Dort krallte sie sich mit ihren spitzen Fingernägeln in der Kopfhaut Petras fest und schlug die Zähne tief in deren Schulter hinein. Es kostete mich Mühe, Lilas Kiefer so weit auseinanderzudrücken, dass Petra sich mit schmerzverzerrtem Gesicht von ihr trennen konnte. In diesem Moment ähnelte Lila eher einem Raubtier aus der ostafrikanischen Savanne denn einem menschlichen Wesen. Allerdings fühlte ich mich gerade wegen dieses im Grunde genommen wahnsinnigen Charakterzugs zu ihr hingezogen. Denn Lilas spontane Aggressivität hatte nichts gemein mit heimtückischer Angriffslust, sondern rührte daher, dass sie fälschlicherweise annahm, meine Ehre verteidigen zu müssen.

    »Beruhige dich«, raunte ich ihr zu und erkundigte mich gleichzeitig bei Petra: »Alles in Ordnung mit dir? Warum musst du sie unnötig reizen? Du weißt, wie unberechenbar die Kleine reagiert.«
    »Sie ist so eine Bitch«, fauchte Lila, die im Begriff stand, sich erneut auf ihre Widersacherin zu stürzen, sodass ich sie fest umklammerte, damit sie kein weiteres Massaker veranstalten konnte.

    Petra hielt inzwischen mit der Rechten ihren blutenden Oberarm in die Höhe und wimmerte: »Die Verrückte gehört in ein Irrenhaus.«
    »In dem befinden wir uns doch schon; oder nicht?« Aus dem Hintergrund erschallte eine mir wohlbekannte Bassstimme. »Henning mit seinem Faible für exotische Frauen.«

    Ein notorischer Klugscheißer

    Mit vom Alkohol und Valium geröteten Augen entdeckte ich hinter dem Schleier aus Nikotin und im Sonnenlicht tanzenden Staubpartikeln meinen alten Kumpel Rolf. Als ich ihm das letzte Mal begegnet war, saßen wir auf einer morschen Holzbank vor dem namenlosen Grab 147 im alten Friedhof hinter der Klinik und zechten. Als Akademiker, der andere gerne an seiner Allgemeinbildung teilhaben ließ, dozierte Rolf an diesem lauen Frühlingsnachmittag über den Sonnenglauben des Pharaos Echnaton und entrüstete sich darüber, dass ich nur wenig Interesse für den religiös eifernden König aufbrachte und mir stattdessen Gedanken über die sexuelle Ausstrahlung seiner Gattin Nofretete machte.

    »Dir ist einfach nicht zu helfen, Henning«, giftete er. »Bei dir dreht sich alles ums Saufen und Vögeln. Das widert mich wirklich an.«
    »Gut, dass du von allem Laster abstinent bist, alter Pharisäer«, lachte ich, denn ich wollte mir von ihm den gerade eingeläuteten Abend nicht verderben lassen.
    »Das ist anders als bei dir«, erwiderte er.
    »Nämlich?«, fragte ich zurück.
    »Ich trinke nicht aus Freude am Suff, sondern um meine Depressionen im Zaum zu halten.«
    »Deshalb schluckst du doch bereits kiloweise Tabletten. Die helfen nicht?«, erkundigte ich mich in gespielter Naivität bei ihm.
    »Das verstehst du nicht, denn du konsumierst nicht aus einem Gefühl des Weltschmerz heraus wie ich, sondern aus purer Lust am Rausch.«

    Auch Rolf gab sich dem Irrglauben hin, dass er soff, weil ihm in der Vergangenheit himmelschreiendes Unrecht widerfahren war. Den Verlust von Beruf, Frau und Termingeldkonten hatte er bis heute nicht verdaut. Eigentlich wäre er bei der Suche nach dem Urknall der ideale Gesprächspartner für Frau Schneider gewesen, wenn er nicht partout so rechthaberisch auftreten würde. Die Psychologin hätte sich lieber eine Woche alleine in ihrem kleinen Zimmer einsperren lassen, als nutzlose Diskussionen mit Rolf zu führen, die ohnehin zu achtzig Prozent aus Monologen, die ohne Punkt und Ende aus seinem Mund sprudelten, bestanden.

    Nachdem er zu vorgerückter Stunde die tote Whitney Houston schmähte und deren Gesangskunst in Zweifel zog, da ihre Stimme seiner Meinung nach bei weitem nicht an die der Callas heranreichte, bereute ich es, mich mit ihm verabredet zu haben und sann darüber nach, welche Alternativen die soeben angebrochene Nacht mir noch bieten könnte. Als er gegen dreiundzwanzig Uhr in betrunkenem Zustand von der Bank rutschte, ließ ich ihn deshalb auf den von Moos überwucherten Granitplatten vor Grab 147 liegen und machte mich auf den Weg zum Bahnhof, um dort nach Bekannten Ausschau zu halten.

    Erst die Depression und dann der Alkohol oder doch umgekehrt?

    Ob er den kleinen Vorfall mittlerweile abgehakt hat? überlegte ich. Wahrscheinlich nicht, denn Rolf verfügte trotz seines jahrelangen Alkoholmissbrauchs über ein ausgezeichnetes Gedächtnis und vergaß so gut wie nichts. Zudem war er nachtragend und schnell beleidigt. Nun hockte er an diesem brütend heißen Tag in dunklem Anzug und Krawatte auf einem klapprigen Stuhl im Raucherzimmer der geschlossenen Abteilung und qualmte eine dicke Zigarre. Rolfs äußere Erscheinung war schwerfällig, ungelenk und bäurisch; mit seinem durchtriebenem Gesicht, dem konturlosen Kinn und den straff nach hinten gekämmten Haaren ähnelte er einem vollgefressenen, haltlosen und groben Kneipenwirt, wie man sie in den kleinbürgerlichen Vororten der Stadt antrifft. Seine Miene konnte abwechselnd entweder überaus streng wirken, um im nächsten Moment von tausend kleinen Lachfalten durchzogen zu werden. Am meisten amüsierte er sich über seine eigenen Bonmots, von denen er glaubte, dass sie besonders geistreich seien. Eine Meinung, die nicht alle Patienten der geschlossenen Abteilung teilten.

    Früher hatte er als erfolgreicher Wirtschaftsprüfer gearbeitet, bevor ihn widrige Umstände – die er jedoch nie näher erläuterte – dazu zwangen, seine Kanzlei zu schließen und mit dem Betäuben seiner Gefühle zu beginnen. Er selbst bezeichnete sich gerne als Sekundär-Alkoholiker, um bereits mit der Wahl des Begriffs darauf hinzuweisen, dass er keinesfalls der großen Gruppe der hedonistischen Säufer angehörte, sondern einzig aufgrund seiner gottgegebenen melancholischen Ader quasi dazu gezwungen wurde, ab und an zur Flasche zu greifen. Wäre er hingegen als fröhlicher Mensch auf die Welt gekommen – an dieser Stelle seines Vortrags pflegte er mich jedes Mal streng anzublicken –, dann hätte er niemals mit dem Schnaps angefangen. Seiner Meinung nach stellte er einen Trinkertypus sui generis dar. Auf diese Weise grenzte er sich von mir und den anderen verlorenen Seelen in der Suchtstation ab. Mit seiner dozierenden Art machte Rolf sich allerdings nicht nur Freunde in der Abteilung und wurde von den meisten Alkoholikern gemieden, sodass er heute froh schien, mich zu sehen und mir die Sache auf dem alten Friedhof deshalb nicht weiter krumm nahm. Denn obwohl er sich gerne mit dem Nimbus des einsamen Wolfes umgab, kam er mit dem Alleinsein nur schlecht zurecht und suchte in der Klinik nach Unterhaltung und Ablenkung.

    »Bist du auch wieder hier aufgeschlagen«, begrüßte er mich freundlich. »Man kann beinahe die Uhr nach dir stellen, so regelmäßig kreuzt du in der Station auf.« Du natürlich nicht, dachte ich; behielt den Gedanken jedoch für mich.
    »Henning gefällt es halt in diesem Scheißladen«, krächzte Rene, der im Schneidersitz auf dem Linoleumboden hockte und in einer hellgrünen Plastikschüssel einen Brei aus Haferflocken, Puddingpulver und Himbeersirup zusammenrührte. Neben ihm dudelte ein uraltes Transistorradio, auf dem er SWR4 – den Sender mit den deutschen Schlagern – eingestellt hatte, in voller Lautstärke.

    Selbstgedrehte Kippen, laute Musik und Essenswünsche

    »Mach den Kasten leiser, oder ich trete dagegen«, zischte ich, denn am zweiten Tag der Entgiftung geriet ich schnell in Erregung, wenn man mich allzu sehr nervte.

    »Der gute Henning verliert hin und wieder die Contenance. Leider. Das kann mir aufgrund der für Freiberufler notwendigen Ruhe und Gelassenheit nicht passieren. Andenfalls hätte ich in diesem hochkomplizierten Metier nicht erfolgreich arbeiten können«, steuerte Rolf seinen Senf bei. Lila beachtete ihn nicht, sondern musterte immer noch Petra. Als Rolf ihr momentanes Desinteresse an seiner Person bemerkte, stand er auf und sagte: »Dann werde ich in der Küche mal nach dem rechten schauen, ob sie dort alles gemäß meinen Wünschen zubereiten. Denn ich bin es gewohnt, frische Qualitätsprodukte zu mir zu nehmen. Ich esse nämlich nicht aus der Mülltonne wie einige andere hier.« Daraufhin verschwand er durch die Tür.

    »Er ist so ein elender Klugscheißer«, schimpfte Petra und spuckte angewidert einen ausgelutschten Kaugummi an die Wand. Rolf hatte bei ihr aufgrund einer unbedachten Äußerung für immer und ewig verkackt, als er sie im vergangenen Winter hinter vorgehaltener Hand eine abgetakelte Puffmutter nannte. Da in der geschlossenen Abteilung keine Nachricht länger als maximal zehn Minuten geheim blieb, wurde sein herabwürdigender Kommentar Petra in Windeseile zugetragen. Zornbebend stellte sie ihn damals im Essensraum zur Rede, und als er spöttisch lächelnd versuchte, sich in gewundenem Steuerberaterdeutsch aus der Sache herauszumanövrieren, geriet sie in immer größere Wut und drosch ihm schließlich ein mit Brotscheiben, Jägerwurst und Hagebuttentee bestücktes Tablett vor die Stirn. Seit diesem Vorfall mied Rolf die Gegenwart Petras und passte höllisch darauf auf, was er sagte, sobald sie sich in der Nähe befand. Wenn er sich auch gerne den Anschein gab, dass er seit dem Tod seiner Verlobten – der allerdings dreißig Jahre zurücklag – mit den Reizen der Weiblichkeit abgeschlossen hatte, mutmaßte ich hin und wieder, dass er mich insgeheim um meine Unbekümmertheit beneidete. Im Gegensatz zu ihm konnte ich ohne falsche Scheu und spätere Gewissensbisse meinen Kopf zwischen die dicken Brüste Petras stecken und dort die ersten Stunden des Entzugs vor mich hindösen. In ihr weckte es mütterliche Instinkte, und ich überbrückte an ihrer nach Nivea und Patschuli riechenden Haut die schier endlose Zeitspanne des Abkochens auf einskommafünf Promille, bis ich die erste Ration Valium verabreicht bekam. Danach hielt ich körperlichen Abstand zu Petra, weshalb sie mich oft als undankbar und arrogant bezeichnete. Ich jedoch vertrat die Auffassung, dass ihr mein Kinn auf dem Bauchnabel genauso gut gefiel wie mir das Schnarchen an ihrem Busen, weshalb ich mir keiner Schuld bewusst war.

    Ich muss gefüttert werden

    Lila nahm meine Hand und schleifte mich hinter sich her an ihren Sechsertisch im Essensraum. »Neben mir ist noch ein Platz frei. Setz dich hin und warte«, flüsterte sie.

    Nach zwei Minuten kehrte sie zurück und stellte einen Teller mit gummiartigem Graubrot, in Dreiecken konfektioniertem Schmierkäse und einem Klecks in Mayonnaise schwimmendem Kartoffelsalat vor mich hin. Mein Magen, der zwei Wochen lang keine andere Nahrung als Bier und Wodka gesehen hatte, zog sich beim Anblick der ungewohnten festen Kost zusammen. Ein spontanes Würgegefühl schüttelte mich, und es fehlte nicht viel, dass ich Galle unter den Stuhl erbrochen hätte.

    »Soll ich dir helfen?«, fragte Lila zärtlich.
    »Schon gut; ich kann alleine essen«, brummte ich.
    »Spiel jetzt hier bloß nicht den Helden, alter Mann«, ermahnte sie mich. »Du zitterst wie eine Vogelscheuche und wirst es garantiert nicht schaffen, den Löffel unfallfrei bis zum Mund zu führen.«
    »Henning wird gefüttert wie ein Baby«, grinste Rene, der sich gerade die Reste des Puddings von den Fingern leckte. Mit seinem, von einem schütteren Zehntagebart eingerahmten, Gesicht, in dem zwei stets unruhige Pupillen flackerten, erinnerte er mich an die gierigen Frettchen, die die alten Römer zur Mäusejagd abgerichtet hatten.

    »Lass mich bloß in Ruhe, ansonsten quetsche ich deinen gottverdammten Schädel in die Plastikschüssel«, erwiderte ich ungehalten.
    »Der gute Henning vergreift sich ab und an im Ton und vergisst seine gute Kinderstube«, grinste Rolf, während er aufmerksam die Wurstscheiben durchzählte. »Gestern waren es fünf, heute nur noch vier. Wie soll ein erwachsener Mann von so wenig Kalorien satt werden?«
    »Kannst meine nehmen. Ich habe überhaupt keinen Hunger.« In diesem Moment ekelte ich mich vor jeglichem fetten Aufschnitt und der aufgrund der Hitze leicht ranzigen Butter.
    »Gerne.« Bevor Rolf es allerdings schaffte, mit seiner Gabel meinen Teller zu erreichen, schlug ihm Lila das Besteck aus der Hand. »Frag in der Küche, ob sie dir dort einen Nachschlag geben. Henning muss essen, damit er zu Kräften kommt.« Rolf schaute verdutzt, sagte aber nichts, sondern hob stumm die Gabel vom Boden auf.

    Lila mal wieder auf 180

    »Henning hat eine neue Mama. Eine Schokoprinzessin. Wie kann es aber sein, dass du selber so blass aussiehst?«, wieherte Rene und zeigte dabei sein schadhaftes Gebiss.
    »Henning hat dir erklärt, was gleich passiert«, fauchte Lila, während sie Blitze aus ihren grünen Augen in Richtung Rene schleuderte. Der fühlte sich sofort unwohl in seiner Haut und senkte unterwürfig den Blick, weil er mit dem Instinkt eines häufig geprügelten Straßenköters spürte, dass Lila es nicht bei einer Drohung belassen würde. Sie war imstande – und darin wesensgleich mit Petra – ihre Worte blitzschnell in drastische Taten umzufunktionieren. Während Lila mir die Brote in kleine Stücke schnitt und zum Mund führte, aßen Rolf und Rene schweigend ihre Teller leer. Rene rülpste, wischte die Lippen am Hemdärmel ab, griff das Transistorradio und schlurfte zurück ins Raucherzimmer, wo er sich aus den Kippen im Aschenbecher eine neue Zigarette drehen würde.

    »Na, ihr zwei Turteltauben. Macht es euch was aus, wenn ich mich aus eurer illustren Runde entferne?« Rolf hatte seins und die Hälfte meines Abendessens verzehrt, strich sich mit der Hand über den immer noch knurrenden Magen und war im Begriff, aufzustehen.
    »Sprichst du immer so gewählt, Rolf?« Zum ersten Mal redete Lila ihn freundlich an, was Rolf – der für weibliche Signale durchaus empfänglich war – schmeichelte, weshalb er sitzenblieb.
    »In dieser Station eigentlich nicht. Ich passe mein Vokabular der jeweiligen Umgebung an.«
    »Er will damit ausdrücken, dass wir anderen Alkis zu dumm sind, um ihn zu verstehen.«
    »Du hast es auf den Punkt gebracht, Henning.«
    »Jetzt streitet euch doch nicht, ihr beiden.«
    »Wir zanken uns gar nicht. Dafür müssten wir uns auf gleicher Augenhöhe befinden. Aber erlaube kurz einen neuen Gedanken: hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du ein perfektes Gesicht besitzt, Lila?«
    »Nein, Rolf.«

    Ein vergiftetes Kompliment

    »Ein italienischer Maler hat sich so geäußert: Schönheit ist die Summe der Teile, bei deren Anordnung die Notwendigkeit entfällt , etwas hinzuzufügen, zu entfernen oder zu ändern.«
    »Das hast du ganz wunderbar ausgedrückt, Rolf. Siehst du das auch so, Henning?«
    »Ich? Ja, ist schon okay.«
    »Du bist ein alter Griesgram. Nimm dir ein Beispiel an Rolf, dem Charmeur. Der behandelt Frauen sogar in der traurigen Klinik mit dem ihnen zustehenden Respekt. Er ist witzig und aufmerksam und nicht so ein gleichgültiges Monster wie du. Ich geh dann mal auf mein Zimmer. Bin müde. Bis später, ihr Zwei.« Sie brachte ihres und mein Tablett zurück in die Küche und erst jetzt bemerkte ich, dass sie barfuß herumlief.

    »Na, wie fandst du das Zitat, Henning?«
    »Scheiße.«
    »Da du es nicht kanntest?«
    »Rolf, das spricht Nicolas Cage zu Jessica Biel im Film Next. Und: Es war ein deutscher Maler, kein Italiener.«
    »Bei Hollywood bist du mehr Experte als ich. Die Quelle ist doch vollkommen egal. Hauptsache, es hat Lila gefallen. Ich glaube, sie hat sich über das Kompliment sehr gefreut.«
    »Weiß nicht.«
    »Du bist eifersüchtig, weil Du nicht selbst auf die Idee gekommen bist. Los, gib’s zu.«

    Black Mamba sorgt sich

    »Hallo, Herr Hirsch. Schön, dass Sie endlich wieder bei den Lebenden sind.« Neben mir stand unverhofft Schwester Veronika, die gerade mit ihrer Abendschicht begonnen hatte. Von uns liebevoll Black Mamba gerufen. Wegen ihrer Vorliebe für hautenge schwarze Bodies. Sie passte eher als Ninjakämpferin in einen japanischen Schwertfilm als in dieses Krankenhaus. Ich freute mich, sie zu sehen. »Wissen Sie überhaupt, wie Sie hierhergekommen sind?«
    »Habe nur dunkle Erinnerungen an die vergangenen achtundvierzig Stunden.«
    »Wir haben Sie mehr tot als lebendig vorgestern aus Ihrer Wohnung rausgeholt. Das war allerletzte Eisenbahn. Sie wären beinahe abgekratzt.«
    »Hat mir Pfleger Franz heute früh gesteckt. Klingt aber auch aus Ihrem Mund sehr übel.«
    »Da sagen Sie was. Ruhen Sie sich aus, und kommen Sie langsam wieder auf die Beine. Medikamente bringe ich Ihnen gleich vorbei.«

    In düsterer Gemütsverfassung angelte ich mir einen alten Kicker und blätterte lustlos in den mit Kaffeeflecken besprenkelten Seiten herum. Es gelang mir jedoch nicht, mich auf die kurzen Texte zu konzentrieren, und so betrachtete ich notgedrungen nur die Bilder von Fußballspielern, Trainern und Vereinsfunktionären. Irgendwann werde ich nicht mehr lesen können, argwöhnte ich. Spätestens dann werden sie mich in ein Pflegeheim einweisen. Kein schöner Gedanke, wenn man wie ich schwitzend und mit Puls 170 am frühen Abend im Aufenthaltsraum der geschlossenen Station saß und bibbernd auf die nächste Ration Pillen wartete.

    Lila ritzt sich

    »Herr Hirsch, kommen Sie schnell mit.« Die völlig aufgeregte Veronika tauchte plötzlich vor mir auf. In ihren schreckgeweiteten Augen spiegelten sich Fassungslosigkeit und Trauer.
    »Was ist los, Schwester?«
    »Die junge Frau, Ihre Freundin, hat sich was angetan.«
    »Ich bin kein Arzt.« Die waren erfahrungsgemäß nie in der Nähe, wenn was passierte.
    »Weiß ich. Aber sie fragt nach Ihnen.«

    Gemeinsam hasteten wir zu Lilas Zimmer, wobei ich eher hinkte und trotz der kurzen Strecke schnell aus der Puste geriet. Uns bot sich ein grauenerregender Anblick. Eine blutverschmierte Lila. Ein zerborstener Spiegel im Badezimmer. Sie hielt mir ihre Hand entgegen. Ich nahm sie in die meine.
    »Henning, ich habe mich bestraft.« Ich nahm sie in meine Arme, sie schluchzte hemmungslos, ihr schlanker Körper wurde von Heulkrämpfen geschüttelt.
    »Ich sehe es.«
    »Nachdem mir dein Freund das mit der Schönheit gesagt hatte, da verspürte ich mit einem Mal einen enormen Druck in mir.«
    »Ja, leider.«
    »Ich habe versucht, es zu unterdrücken. Aber dann wurde der Zwang zu groß.«
    »Das ist bei Menschen wie dir so.«
    »Ich musste mich einfach ritzen.«
    »In dein schönes Gesicht. Ich könnte weinen, wenn ich dich anschaue.«

    Fassungslos schüttelte ich den Kopf, während mir Lilas Blut über Hemd, Hose und die weißen Tennisschuhe tropfte. Ich würde meine Sachen nachher in die Mülltonne werfen. Machte ich jedes Mal so, wenn ich mit vollgepissten Jeans und zerrissenen T-Shirts in der Klinik aufschlug. Das Vernichten der verdreckten Kleidung bedeutete für mich einen wesentlichen Bestandteil meines allmonatlichen Reinigungsprozesses. Veronika und eine mir unbekannte Assistenzärztin versuchten derweil, die Verletzungen provisorisch zu behandeln und verabreichten Lila eine Spritze mit einem starken Beruhigungsmittel in die linke Armbeuge. Danach ließen sie uns alleine; ermahnten uns jedoch, weitere Dummheiten auf jeden Fall zu unterlassen.

    »Henning, wirst du mich auch lieben, wenn ich in Zukunft aussehe wie ein Zombie?«
    »Ja!«
    »Glaubst du, dass man die Narben lasern kann?«
    »Natürlich«, log ich. Was hätte ihr in diesem Moment die Wahrheit genützt?
    »Das stimmt nicht. Brauchst nicht zu flunkern. Ich weiß, dass du mich nicht unnötig aufregen möchtest.«
    »In der plastischen Chirurgie sind heute viele Dinge möglich«, antwortete ich mit schmalen Lippen.
    »Das ist nicht weiter schlimm. Mir reicht es, dass du jetzt neben mir sitzt. Geh bitte nicht weg!«. Lila versuchte, tapfer zu sein und sich ihre Verzweiflung nicht anmerken zu lassen.

    Am Abend fühle ich mich noch mieser als am Morgen

    Nach einigen Minuten, in denen wir über belangloses Zeug geplaudert hatten, kehrte die junge Ärztin zurück: »Wir werden Sie in einer Stunde in die psychosomatische Abteilung verlegen.«
    »Ich möchte aber bei ihm bleiben.« Lila bäumte sich auf und wollte aus dem Zimmer fliehen. Sachte drückte ich sie zurück in ihren Sessel.
    »Lila, sie werden es tun. Das ist eine Entgiftungsstation. Fälle wie deiner sind hier nicht richtig aufgehoben.«
    »Wirst du mich da besuchen?«
    »Klar.« Aber nicht so bald, wie du hoffst. So schnell werden sie mich aus der Geschlossenen nicht rauslassen, ging es mir durch den Kopf, verriet es Lila allerdings nicht.

    An der dick gepanzerten Ausgangstür verabschiedeten wir uns. Veronika tippte einen fünfstelligen Code in die an der Wand befestigte Tastatur, die beiden Flügel des Portals glitten mit einem leisen Summen auseinander und gaben für einige Sekunden den Blick frei in die Außenwelt. Ein bulliger Pfleger, den ich zum ersten Mal sah, packte Lila an der Schulter und bugsierte sie hinaus in die unendlich langen Korridore des psychiatrischen Krankenhauses. Sie drehte sich ein letztes Mal um, weil sie mir zuwinken wollte. Ich hatte mich jedoch bereits abgewandt, da ich tränenreiche Lebewohlszenen nicht leiden konnte.

    In noch niedergeschlagenerer Stimmung als einige Stunden zuvor schlurfte ich zurück in das Raucherzimmer. Dort warteten bereits Rolf und Rene auf mich. Vor Neugier schier platzend, um sich von mir über die jüngsten Geschehnisse informieren zu lassen. Ich aber schwieg.

    »Wie geht es Lila?«, unterbrach Rolf schließlich die Stille.
    »Sie wird’s schon überleben. Aber ihr Gesicht ist halt im Eimer«, antwortete ich einsilbig.
    »Immer dasselbe mit den Junkies.« Rene grinste, während er sich mit spinnenartigen Fingern eine Kippe drehte.
    »Ihr zwei Clowns versteht gar nichts. Lasst mich bloß in Ruhe! Heute fühle ich mich supermies.«

    Ich setzte mich in die hinterste Ecke des Raums und stierte mit inhaltsleerem Gehirn an die gelbe Tapete. Vom Sekundenschlaf übermannt döste ich an Ort und Stelle ein und wurde eine Stunde später von Veronika sanft aufgeweckt, die mich, ohne ein Wort zu sagen, in mein Bett verfrachtete.
    ENDE

  • Der todgeweihte Rotweintrinker

    Der todgeweihte Rotweintrinker

    »Was sitzt du hier seit Stunden so phlegmatisch rum?«, fragt sie.
    »Lass mich doch einfach rumsitzen«, antworte ich.
    »Rumsitzen ist sonntags grundsätzlich okay; aber muss es derart phlegmatisch sein?«
    »Dann sitz ich halt phlegmatisch rum. Na und?«
    »Schreib was. Das heitert dich im Allgemeinen schnell auf«, sagt sie.
    »Was soll ich schreiben? Wurde doch schon alles 1000-mal geschrieben.«
    »Zum Beispiel ne Kolumne. Das hat dir doch immer Spaß gemacht.«
    »Politik, Facebook, Kommentare, antworten auf Kommentare – ständig dasselbe. Stinklangweilig!«
    »Dann schreib was über Dante.«
    »Über Dante: Warum ausgerechnet über Dante?«
    »Weil sich heute zum zehnten Mal sein Todestag jährt.«
    »Ach, den Dante meinst du. Und über den soll ich heute was schreiben?«
    »Ja. Tu das. Und danach gibt’s ein leckeres Abendessen.«

    Also setze ich mich hin und schreibe was über meinen vor zehn Jahren verstorbenen Kumpel Dante.
    ++++++++++

    Geschichte vom todgeweihten Rotweintrinker

    »Hast du gesehen, dass Dante wieder bei uns ist, Henning?«
    »Den haben sie vorhin mehr tot als lebendig hier reingeschleppt. Hab’s mitbekommen, Rolf.«
    »Er lag betrunken im Eingangsbereich der Klinik.«
    »So was kommt schon mal vor.«
    »Hoffe, dass er rasch auf die Beine kommt. Er sah gar nicht gut aus dieses Mal.«
    »Wir berappeln uns doch alle spätestens am dritten Tag.«
    »Er hatte dreieinhalb Promille.«
    »Da hat er Schwein gehabt. Ab vier schicken sie dich erst Mal in die Intensivstation.«

    Dante war einer aus der Rotweinfraktion. Nicht so ein elender Wodka-, Doppelkorn- oder Biersäufer wie wir anderen. Nein, er trank ausschließlich Merlot, Cabernet Sauvignon oder Pinot Noir. Notfalls auch einen Dornfelder. Er war angeblich ein Genussmensch. Wenn ich ihn in seinen elenden Zuständen bei den Einlieferungen sah, dann wurde mir bewusst, dass die Grenze zwischen Vergnügen und Sucht fließend war. Ob ich mir nun wie Rolf zwei Pullen Schnaps vom Aldi durch die Gurgel jagte, oder mir stattdessen sechs Flaschen Valpolicella genehmigte; es lief nach spätestens zwei Wochen auf dasselbe Ergebnis hinaus: nämlich den klinischen Entzug. Seinen Spitznamen hatte Dante schon vor langer Zeit erhalten, weil er gerne aus der Göttlichen Komödie rezitierte. Zudem war er Liebhaber italienischer Opern. Früher hatte er mit dem Verkauf und der Restaurierung alter Möbel gutes Geld verdient. Louis XVI, Biedermeier, schelllackpolierte Kommoden, Kirschbaumstühle und all so ein Zeug.

    Unnötig zu sagen, dass er und Rolf dicke Kumpels waren. Zumindest, wenn sie sich in der geschlossenen Abteilung trafen. Da gab’s dann jedes Mal neapolitanische Begrüßungsszenen. Sobald die beiden wieder halbwegs klar in der Birne wurden und die Sprachzentren Fahrt aufnahmen, jagte ein geistreiches Bonmot das andere. Ich verzog mich bisweilen in die Leseecke und studierte den Kicker.

    »Dante sah ziemlich runtergekommen aus, Henning.«
    »Die besten Zeiten hat er halt hinter sich, Rolf.«
    »René hat erzählt, dass er ihn beim Durchstöbern von Papierkörben gesehen hat. Auf der Suche nach Pfandflaschen.«
    »Rotwein ist teuer. Da wird seine Rente nicht für ausreichen.«
    »Mach du nur blöde Witze. Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn.«
    »Tja, ist nicht einfach, geeignete Gesprächspartner in dieser Umgebung zu finden.«

    Am Tag darauf. 13.25. Nach dem Mittagessen.
    »Hallo Henning. Lange nicht mehr gesehen.«
    »Ist circa vier Wochen her das letzte Mal, Dante.«
    »So elend wie bei dieser Entgiftung habe ich mich noch nie gefühlt.«
    »Das ist am zweiten Tag nichts Besonderes. Morgen wird es dir besser gehen.«
    »Das ist einfach nicht das richtige Krankenhaus für mich. Ich weiß nicht, weshalb sie mich immer wieder hierher bringen.«

    Dante hatte seinen gesellschaftlichen Absturz nie so richtig verdaut. Sein Geschäft mit den billig bei Hausauflösungen und in Osteuropa eingesammelten Tischen und Schränken, die er in seiner Schreinerei renovierte und dann sündhaft teuer im Ladenlokal seiner Freundin verkaufte, war in den Achtzigern hervorragend gelaufen. Die Frauen aus den sogenannten besseren Kreisen rannten ihm die Bude ein. Zeitweilig beschäftigte er bis zu zehn Restauratoren, die aus vier verrotteten einen neuen Sekretär zusammenbastelten. Sobald ein Möbelstück dreißig Prozent alte Teile aufwies, wurde es als antik deklariert. Da seine Kundschaft aus Laien bestand, fragte auch niemand nach, wie diese wundersame Vermehrung von Rokokomöbeln zustande kam.

    Dante lebte auf großem Fuß. Dicke Villa, schöne Autos, Schmuck, teure Reisen. Alles vom Feinsten. Als Ende der Neunziger das große Sparen begann, verringerte sich sein Umsatz innerhalb eines Jahres schlagartig um achtzig Prozent. Dann folgte das Übliche: Geschäft schließen, Insolvenz, Haus weg, Bentley gegen Golf2 eintauschen, Schmuck verpfänden. Steuernachforderungen im sechsstelligen Bereich zwangen ihn endgültig in die Knie. Aus zwei Flaschen teurem Wein wurden nach einiger Zeit sechs Pullen billiger Fusel. Zwar noch kein Tetra Pack, aber preiswerte Marken von Lidl und Netto.

    »Wo möchtest du denn stattdessen hin, Dante?«
    »Es gibt hervorragende Privatkliniken in Bayern und in der Schweiz.«
    »Und was machen die dort anders?«
    »Die versetzen dich in ein künstliches Koma und wechseln dein Blut aus.«
    »Das ist aber eine kostspielige Sache; oder?«
    »Das würde ich mir den Spaß kosten lassen. Aber ich werde ja immer wieder hier eingeliefert.«
    »Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.«
    »Hast du gehört, dass sie in diesem Krankenhaus eine Geheimstation unterhalten, Henning?«
    »Höre ich zum ersten Mal. Wo soll die sein?«
    »Im sechsten Stock.«
    »Hier gibt’s nur fünf Etagen.«
    »So wird es nach außen hin dargestellt. Weil sie es eben streng vertraulich handhaben. Ist eine strikt abgetrennte Abteilung, die nur für VIPs offensteht. Die verfügen über einen extra Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach.«
    »Aha. Und da bieten sie die Bluttransfusionen und all den Schnickschnack an?«
    »Du hast es erfasst, Henning. Dort wollte ich dieses Mal auch hin. Hatte aber meine Kreditkarte zu Hause vergessen. Deshalb musste ich notgedrungen in die Geschlossene.«
    »Manchmal läuft’s halt dumm, Dante. Aber hier entgiften sie uns ja auch.«

    17.35. Im Raucherzimmer.
    »Was für einen Eindruck macht Dante auf dich, Henning?«
    »Scheint noch etwas verwirrt zu sein, Rolf.«
    »Den hat’s anscheinend übel erwischt.«
    »Er betreibt das Rein-Rausspiel in der Klinik jetzt aber auch schon seit vielen Jahren. Irgendwann, wenn du Pech hast, sind halt die Gehirnzellen dran. Ist doch vor kurzem Joe, dem pensionierten Hells Angel passiert.«
    »Der Terminator mit der Skorpiontätowierung am Hals?«
    »Exakt der. Konnte von einem Entzug zum nächsten nicht mehr laufen und sprechen. Sitzt mit fünfzig im Rollstuhl, sabbert und muss gefüttert werden.«
    »Ich höre auf mit der Sauferei. Melde mich morgen fürs Antabusprogramm.«
    »Tu das, Rolf. Erzählst du mir zum Minimum zwanzigsten Mal.«

    19.05. Nach dem Abendessen.
    »Hallo Henning. Bist du auch wieder hier?«
    »Roswitha, hast du deinen Mann besucht?«
    »Ja, habe ihm was zum Essen gebracht: Antipasti vom Italiener, Cannelloni mit Spinatfüllung und ein Stück Apfeltorte. Du weißt doch, dass er die Krankenhausküche ablehnt.«
    »Vornehm geht die Welt zugrunde. Fehlt noch eine Flasche Montepulciano fürs rundum gelungene Dinner.«

    Roswitha war Dantes Lebenspartnerin. Seit knapp dreißig Jahren. Nicht seine Ehefrau. Auf diese Unterscheidung legte er stets großen Wert. Die hatte mit ihm viel mitgemacht. Ihm auch nach dem Bankrott weiterhin die Stange gehalten. Nicht die Nummer abgezogen: »Du bist ein netter Kerl. Aber ich bin jetzt mal weg.« Sie war stets die Vernünftige in der Beziehung gewesen: Lebensversicherung, Bausparverträge, Konten in der Schweiz und in Luxemburg. War alles futsch. Die Gerichtsvollzieher hatten hart zugeschlagen. Und selbst in diesen schweren Jahren der Alkoholexzesse blieb sie bei ihm. In meinen Augen war das Liebe.

    »Das ist Dantes letzter Aufenthalt in dieser Station.«
    »Habt ihr endlich eine Schweizer Kurklinik ausfindig gemacht?«
    »Mach keine Witze, Henning. Sie werden ihn nach der Entgiftung direkt von hier aus in ein Pflegeheim überstellen. Es geht so nicht mehr weiter. Er kann kaum noch laufen. Vergisst alles. Vor einigen Tagen hat er vom Kiosk nicht mehr nach Hause zurückgefunden.«»Weiß er das schon?«
    »Ja, seit zwei Wochen. Er will es aber partout nicht wahrhaben. Er tut mir auch furchtbar leid. Aber, was soll ich machen? Seine Bauchspeicheldrüse ist auch schon im Eimer. Alleine packe ich das nicht mehr.«
    »Roswitha, du hast alles richtig gemacht. Dante hat mit dir echt Glück gehabt.«

    So langsam dezimierte sich die Hardcorefraktion. Die einen wurden zu irreparablen Pflegefällen, die anderen starben auf Parkbänken oder in den Intensivstationen. Übrig waren noch Rolf, René und ich.

  • Unseren abendlichen Glühwein gib uns heute

    Unseren abendlichen Glühwein gib uns heute

    Die Adventszeit ist angebrochen. Wir besuchen Weihnachtsmärkte, am liebsten drei pro Woche, trinken dort, sobald die Dunkelheit anbricht, was in dieser Jahreszeit Gottseidank früh geschieht, zum Aufwärmen einen Glühwein, am nächsten Stand einen Met aus Bio-Produktion, machen weiter mit einem Piccolo, bevor wir am Ende nochmal zum Glühwein zurückkehren. Mit einem wohlig warmen Gefühl in der Magengegend und in beschwingter Stimmung setzen wir uns, wenn wir klug sind, danach in die Straßenbahn oder doch lieber ans Steuer unseres japanischen SUVs; denn was soll uns in einer solchen Monsterkarre schon groß passieren? Und den Weg zurück nach Hause finden wir auch leicht angesäuselt. Soviel war’s ja schließlich gar nicht, und das meiste ist eh schon wieder verflogen. Nächste Woche steht die alljährliche Weihnachtsparty im Betrieb auf dem Kalender, auf der wir uns auf Kosten des Chefs alle mal wieder ordentlich volllaufen lassen können. Sobald wir den Megakater auskuriert haben, was je nach Promillespiegel bis zu 48 Stunden dauern kann, freuen wir uns auf Heiligabend mitsamt den ihn einrahmenden Champagner-, Rotwein- und Irischer-Whiskey-aus-Handmanufaktur-Flaschen. An den Feiertagen geht es munter weiter, Silvester ohne Schampus brauchen wir gar nicht erst zu feiern. Dezember = Stresstest für Leber und Neurotransmitter in Groß- und Kleinhirn.

    Alkohol = Volkskiller Nr. 1

    Alkohol ist die bei weitem gefährlichste Droge im westlichen Kulturraum. Gefährlich sowohl für die körperliche als auch die geistige Gesundheit der Konsumenten. Keine andere psychotrope Substanz fordert mehr Menschenleben. Jährlich gehen zigtausend Abhängige aufgrund von geplatzter Leber, Herzinfarkten, Bauchspeicheldrüsenkrebs und gebrochenem Genick nach Treppensturz in die ewigen Säuferjagdgründe ein. Und genauso wie beim Nikotin gibt es ebenfalls beim Alkohol unschuldige Opfer zu beklagen: nämlich all diejenigen, die von beschwingten Weihnachtsmarktbesuchern, die sich benebelt ans Steuer ihres SUVs setzen, nachts auf einsamer Landstraße übergemangelt oder die vom unter Alkoholeinfluss zu Gewalt neigenden Lebenspartner ins Krankenhaus geprügelt werden. Um von all den, sich in psychologischer Behandlung befindenden, Co-Abhängigen gar nicht erst zu reden. Dass Bier und Schnaps bloß den Trinker selbst schädigen, ist ein frommes Märchen, das wie ein Mantra von Alkoholindustrie und Pseudoliberalen, die jedem das Recht auf Selbstschädigung zugestehen, stets aufs Neue beschworen wird, sobald jemand aufgrund der klar ersichtlichen Missstände vorsichtige Regulierungsschritte anregt, um den exzessiven Konsum zumindest partiell einzudämmen.

    Mit dem Alkohol verhält es sich wie mit dem Klima. Die Experten warnen vor den negativen Folgen, die sich unweigerlich einstellen, wenn wir nicht so langsam mal auf die Bremse treten und über sinnvolle Maßnahmen nachdenken. Ein Teil der Bevölkerung hält das – in der gemäßigten Variante – für künstlich aufgebauschte Probleme oder befürchtet sogar Fake news. „Jetzt wollen sie uns sogar den letzten Spaß mit unserem Feierabendbier verderben. Sollen sie sich besser um die Kiffer und Junkies kümmern. Die werden viel zu sehr mit Samthandschuhen angefasst“, bekommt man zu hören, sobald man für Regulierungen bei der Volksdroge Nr. 1 eintritt. „Prohibition hilft kein bisschen weiter“, sagen die etwas Gebildeteren, die ihr Wissen über diese Zeit vor allem aus Robert-DeNiro-Filmen speisen, „Zwischen 1919 und 33 wurde in den USA mehr getrunken als in der Zeit davor, und die Beschaffungskriminalität nahm aberwitzige Ausmaße an.“ Das stimmt: allerdings nur zur Hälfte. In Wahrheit sank der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in den Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum um dreißig bis fünfzig Prozent. Das mit Al Capone, Lucky Luciano und Meyer Lansky steht wieder auf einem anderem Blatt. Denn natürlich bewirkt ein Komplettverbot mafiöse Produktions- und Vertriebsstrukturen. Weshalb bis auf fanatische Abolitionisten auch niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, ein Komplettverbot fordert.

    Ein halbes Dutzend Maßnahmen reichen aus

    Deutschland belegt Jahr für Jahr aufs Neue eine Topposition im Ranking der globalen Trinkernationen und niemanden außerhalb der 24/7 bis auf den letzten Platz ausgebuchten Suchtkliniken juckt das großartig. Obwohl der Politik natürlich bewusst ist, dass dem Alkohol zwischen Neujahr und Silvester zehntausende Menschen zum Opfer fallen, tut sie hartnäckig nichts gegen dessen Verbreitung. Dabei ist das zu ergreifende Maßnahmenbündel einfach und bereits in anderen Ländern erfolgreich erprobt:
    (a) Erhöhung der Preise (der Stoff ist bei definitiv uns zu billig)
    (b) Heraufsetzung des Bezugsalters (keine Alkopops, kein Bier an Minderjährige)
    (c) Ausdünnung der Verkaufsstellen (was um Himmelswillen hat Wodka in den Regalen von Tankstellen zu suchen?)
    (d) keine Abgabe nach 22 Uhr (mit Ausnahmeregelung für Clubs)
    (e) konsumfreie Räume (z.B. ÖPNV, öffentliche Plätze)
    (f) Promillegrenze Nullkommanull am Steuer (erspart die lästige Rechnerei nach dem zweiten Weihnachtsmarkt-Rumpunsch).

    Würde, unter der Voraussetzung, alle sechs oben genannten Instrumente gelangen zur Anwendung, zu einer merklich spürbaren Reduktion des Konsums führen. „So einfach ginge das?“, fragen Sie? „Ja, so einfach geht das“, antworte ich. Aber es muss halt auch mal konsequent durchgeführt – und ebenfalls überwacht – werden. Weshalb Tabakwerbung böse, Alkohol-Spots zur besten Sendezeit jedoch völlig okay sind, versteht außer Bitburgertrinkern und den oben genannten Pseudoliberalen auch niemand.

    Und nochmal: es handelt sich dabei nicht um Prohibition. Es geht einzig um die Erschwernis des Erwerbs und in der Konsequenz die Verringerung der alkoholverursachten Todesfälle. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Heroin frei verkäuflich in der Apotheke und Ecstasy im Drogeriemarkt anzubieten.

    Grundbedürfnis nach Rausch bleibt unangetastet

    Das Grundbedürfnis nach Rausch bleibt selbstverständlich weiterhin unangetastet. Es wird nur etwas schwieriger gemacht, sich in den Orbit zu katapultieren. Die vielen Menschen, die in Zukunft nicht wegen Alkoholexzessen in der Kühlschublade des Leichenschauhauses landen, werden es uns danken, wenn wir bei den offenkundig notwendigen Regulierungsschritten endlich auf die Stimmen der Experten hören.

    Und eine Weihnachtsfeier mit Obstsaft-Cocktails und Softdrinks ist durchaus denkbar. Ich mach’s seit knapp zehn Jahren und bin froh, wenn ich am nächsten Morgen mit klarem Kopf aufwache und mich erinnere, dass ich der hübschen Kollegin aus der Exportabteilung zu vorgerückter Stunde keine sexistischen Witze erzählt und dem Chef nicht mit schwerer Zunge endlich mal die Meinung gegeigt habe. Von anderen Weihnachtsfeierpeinlichkeiten à la mit blankem Arsch auf den Kopierer ganz zu schweigen.

    In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne, möglichst alkoholarme, Adventszeit.

  • Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol?

    … lautete die Überschrift der jüngsten Talksendung Menschen bei Maischberger, zu der ich gemeinsam mit fünf weiteren Experten als Gast eingeladen war.

    Ausgehend von folgenden Zahlen:
    – Neun bis zehn Millionen Menschen in Deutschland trinken in riskanter Weise
    – (darin: 1.5 Mio gelten als abhängig)
    – 74.000 Todesfälle/ Jahr, die auf Alkohol zurückzuführen sind
    – Knapp zehn Liter reiner Alkohol/ Kopf/ Jahr (umgerechnet in Liter: 200 Bier, 90 Wein oder 25 Whiskey)

    … diskutierten wir über die Frage, was der Staat sinnvollerweise tun kann, um den hohen Konsum einzudämmen.

    Der Prohibition redete keiner der Teilnehmer das Wort. Niemand fordert ernsthaft, dass die Deutschen in Zukunft auf ihre Lieblingsdroge Alkohol verzichten müssen. Allerdings wäre es schon begrüßenswert, wenn wir im alljährlich veröffentlichten Ranking der Säufernationen nicht ständig eine Position innerhalb der Top 5 einnehmen würden. Neun bis zehn Millionen riskant trinkende Landsleute bedeuten zwar nur zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung; trotzdem entspricht die Menge der Einwohnerzahl Chicagos oder Hongkongs oder 2.8x Berlin, die ja nun alle drei nicht gerade als kleine Provinzstädte gelten.

    Wirksame Instrumente gäbe es schon

    Als schnell greifende Maßnahmen zur Konsumreduktion bieten sich an:
    (a) Preise hoch
    (b) Anzahl Verkaufsstellen reduzieren
    (c) Abgabe nur innerhalb bestimmter Zeitfenster
    (d) Minimumalter Konsum erhöhen
    (e) flankierend: Werbeverbot, Ekelbilder auf Flaschen u Dosen u.ä.

    Dass die Kombi (a) + (b) + (c) – vorausgesetzt, es wird drastisch erhöht, stark ausgedünnt und nur noch vor Einbruch der Dunkelheit verkauft – funktioniert, ist unstrittig. Sobald ich für eine Flasche Bier zehn Euro bezahlen, zwanzig Kilometer bis zur nächstgelegenen Abgabestelle fahren und diese bis spätestens 18 Uhr erreichen muss, werde ich mir im Vorfeld fünf Mal überlegen, ob der Spaß die ganze Mühe wert ist. Als Ausweichalternativen bieten sich an: Bezug im benachbarten Ausland, selber brauen/ destillieren, Umstieg auf Ersatzdroge. Alle drei denkbar; jedoch jeweils nur für eine kleine Anzahl Konsumenten. Nicht für jeden liegen Luxemburg und Tschechien in erreichbarer Nähe, nicht jeder weiß, wie man Wodka herstellt und nicht jeder greift zu anderen Rauschmitteln. Billigen Alkohol per Internet bestellen? Gepanschten Fusel auf dem Schwarzmarkt besorgen? Sicher möglich; würde jedoch ebenfalls nur von einer Minderheit genutzt.

    Zwischenfazit 1: Die Kombi „Preise rauf & Verkaufsstellen reduzieren & Öffnungszeiten limitieren“ erzielt schnelle Wirkung.

    Die Reaktionen der Zuschauer fielen unterschiedlich aus:

    Pro Verschärfung

    Und dass die Ausgabestellen reduziert werden ist sinnvoll. Außerdem sollte das Alkoholausschenken bei Schulfesten(wie es teilweise schon gemacht wird) bei Schulen mit nur unter 16-jährigen Schülern/Schülerinnen verboten werden.

    Und sicher ist auch: die allzeitige Verfügbarkeit der billigen Droge ALK tut ein Übriges.

    Was wichtig ist, Verkaufsstellen reduzieren, gut wären sicher eine Art Liquor Stores wie in den USA.

    Solange ne Flasche Lambrusco mit 2l Inhalt günstiger als viele Säfte mit 1l Inhalt sind, muss man sich nicht wundern, wenn Menschen, vor allem junge, zu diesem Genussmittel greifen. Alkohol ist definitiv zu günstig, die Auswahl im Preissegment von 30 Cent bis 5€ erschreckend groß.

    Contra staatliche Maßnahmen

    Die meisten koennen sich nicht mal Alkohol leisten. Sind froh wenn sie zur Tafel gehen koennen ….

    Und Sie diskutieren ob die Alkoholsteuer erhöht werden soll und somit der Alkohol teurer werden muss, dass ist Diskriminierung derer die damit normal umgehen.

    Ich komme grade aus Australien eine Flasche Vodka kostet da 40Au$ das ist sehr viel Bier im Club 10$ es gibt kein günstiges Nachbarland wo man schnell hin fahren kann und etwas kaufen man muss in „Bottle shops“ was ich festgestellt habe ist das erstens. Das trozdem alle trinken die Australier. Zweitens Drogen in Clubs oder auf Partys viel öfter genommen werden da Alkohol teuer ist

    jeder soll sich sein genussmittel – egal welches – ohne künstliche einmischung des staates a la verteuerung etc beschaffen können nach eigener facon und eigener verantwortung. denn der erziehungsauftrag besteht von staatlicher seite nur gegernüber minderjährigen. alles andere ist allein dem individuum in seiner persönlicheitsrechtssphäre zu zu ordnen.

    Es träfe halt auch wieder ein weiteres „Opium des Volkes“, es wären besonders die Armen die ihren Spaß nicht mehr haben dürfen. Jugendclubs müssten fasst alle schließen, besonders die alternativen denn auch wenn Saufen nicht in Zentrum steht, keiner hat Bock auf Konzerte/Parties ohne Bier (und von Konzerten/Partys kommt oft das Geld für gute Jugendarbeit).

    Ich glaube nicht, dass wenn der Preis für Alkohol steigt, dass es dann weniger Alkoholiker gibt. Bei Zigaretten schreckt der Preis auch nicht ab, und selbst wenn übergewichtige Menschen auf Süßigkeiten abgebildet werden, wird es noch dicke geben.

    Diese und noch mehr Kommentare findet man hier:
    Menschen bei Maischberger
    Henning Hirsch

    Der Vorschlag der (drastischen) Preiserhöhung muss sich fürwahr den Vorwurf gefallen lassen, sozial nicht ausgewogen daherzukommen. Denn nur wenige werden sich dann noch die Zehn-Euro-Flasche Bitburger leisten können. Zu befürchten steht zudem, dass gepanschte Sachen auf den rasch entstehenden Schwarzmarkt gelangen. Von daher bedeuten Preiserhöhung und Verkaufsstellenverknappung ein riskantes Experiment. Niemandem wäre geholfen, wenn in der Konsequenz zwar weniger, aber dafür dreckigerer, Alkohol getrunken würde.

    Gegen die Ausdünnung der Verkaufsstellen spräche hingegen wenig. Mir hat nie eingeleuchtet, weshalb Alkohol 24/7 in jedem Supermarkt, sämtlichen Kiosken und an allen Tankstellen bundesweit verfügbar ist. Allerdings steht zu befürchten, dass sich die Fuß- und Fahrfaulen ihre Wochenration Erdinger, Soave und Jägermeister dann anliefern lassen. Einen Minimumbestellwert von 30 oder 50 Euro bekommt man ja mit Spirituosen schnell zusammen.

    Zwischenfazit 2: Preiserhöhungen träfen v.a. die ärmeren Bevölkerungsschichten. Gefahr von „Erblindungen“ aufgrund billigen selbst hergestellten Schnapses nähme zu. Wegfall von Verkaufsstellen und engere Zeitfenster könnten durch Zunahme der Haustürbelieferung konterkariert werden

    Warum kein Werbeverbot?

    Wenn nun schon die drei sehr konkreten Instrumente (a), (b) & (c) hinsichtlich ihrer Wirksamkeit als ungewiss eingestuft werden müssen – wie ist dann ein Appell mit Ekelbildern einzuschätzen? Bringt es was, Fotos von Fettlebern, entzündeten Bauchspeicheldrüsen und aufgrund Säuferdiabetes schwarz angelaufenen Füßen auf die Behältnisse zu kleben? Mich persönlich hätte das in meiner trinkenden Zeit nicht großartig gestört. Flasche umdrehen, nicht draufsehen, notfalls die Pulle in eine Verpackung stecken, sodass nur noch der Hals rausschaut. Sprüche wie: „Trinken schadet deiner Gesundheit“ oder „Wer säuft, stirbt früher“ oder gar: „Schnaps macht impotent“: geschenkt. Lässt sich niemand von abhalten.

    Zu diskutieren wäre sicherlich über Werbeverbote und die Raufsetzung des Minimumalters für SÄMTLICHE alkoholhaltigen Getränke auf 18 Jahre. Mir völlig schleierhaft, weshalb so viel Bier-, und zu vorgerückter Stunde sogar Wodka-, -Spots über unsere TV-Mattscheiben flimmern. Krombacher ist die Einstiegsdroge in Gorbatschow. Wenn wir das Zeug schon legalisieren, überall und rund um die Uhr zu Discountpreisen zum Verkauf anbieten, brauchen wir es ja nicht auch noch zusätzlich anzupreisen.

    Freiwilliger Verzicht ist nachhaltiger als staatlich verordnete Abstinenz

    Unterm Strich muss die dringend notwendige Reduktion – zehn Liter reiner Alkohol Kopf/ Jahr ist ein höllenmäßig hoher Durchschnittswert – allerdings auf freiwilliger Basis erfolgen, z.B.:
    ▪Präventionsarbeit bei jungen Menschen
    ▪Kein Bierausschank in Sportvereinen
    ▪Alkoholfreie Betriebsfeiern

    Flankiert von pfiffigen TV-Spots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die bewusst machen, dass Komasaufen alles mögliche ist, aber bestimmt NICHT cool. Es ist keine Heldentat, ohnmächtig und vollgepisst in der Ecke zu liegen, am Morgen danach auf einer Intensivstation zu erwachen und sich an nichts mehr erinnern zu können. Erst wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Abstinenz – bzw. maßvoller Umgang mit dem Stoff – in jungen Jahren nicht gleichbedeutend ist mit Langweiler oder Partyschreck, werden der Konsum und in der Konsequenz die Anzahl Alkoholkranker nachhaltig sinken.

    Da wir Deutschen seit über zweitausend Jahren saufen, ist der Alkohol bei uns mittlerweile kilometertief in unsere Volks-DNA eingedrungen, aus der er sich mit einer Hauruckaktion nicht wieder entfernen lässt. Aufgrund der vielen Toten und Abhängigen wäre es allerdings grob fahrlässig, das Problem als Gott gegeben anzusehen und lapidar mit den Schultern zuckend zu sagen: „Dagegen kann’ste eh nichts machen“.

    Die Behandlungskosten belaufen sich jährlich auf 24 Milliarden Euro. Zu überlegen wäre, ob man die Industrie prozentual daran beteiligt. Der Verursacher des Dilemmas ist ja nicht nur der Trinker alleine, sondern ebenfalls der Schnapsproduzent. V.a. die Hersteller von Spirituosen müssen härter in die Pflicht genommen werden. Dem einen sein Heroin ist dem anderen die tägliche Pulle Wodka.

    Fazit

    (1) Alle Menschen haben ein Grundbedürfnis nach gelegentlichem  Rausch
    (2) Es wird nach wie vor zu viel gesoffen: Deutschland ist definitiv ein Promille-Paradies
    (3) Bewusstseinswandel wirkt nachhaltiger als Zwangsmaßnahmen
    (4) Das Problem wird weiterhin sowohl durch die Gesellschaft als auch von Seiten des Staats verharmlost

    Weiterführende Literatur und jede Menge Zahlen findet man hier: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen sowie Drogenbeauftragte der Bundesregierung

  • Mit Bukowski bei der Darmspiegelung (2)

    Mit Bukowski bei der Darmspiegelung (2)

    Bevor die Story mit Buk und der Darmspiegelung gleich weiter geht, unterbreche ich an dieser Stelle kurz, um einen Einschub zu Andernach zu machen. Andernfalls heißt es: Der Hirsch nutzt nun schon die Kolumnen, um uns seine ollen Kurzgeschichten unterzujubeln.

    Schon Cäsar gefiel es hier. Und den Wikingern so gut, dass sie mehrmals anreisten

    Also jetzt was zu Andernach: knapp 30.000 Einwohner, landschaftlich hübsch zu Füßen der Vulkaneifel am Mittelrhein gelegen. Allerdings an dessen nördlichem Abschnitt. Das ist der ohne die Ritterburgen. Zwanzig Kilometer bis Koblenz, vierzig nach Bonn. Besitzt einen zu groß geratenen Dom aus der spätromanischen Epoche und eine gut sortierte Eisdiele mit freundlicher Bedienung in der Fußgängerzone. Cäsar ließ hier im Verlauf der gallischen Feldzüge von seinen Pionieren binnen zehn Tagen eine Pfahlbrücke über den Fluss schlagen, um den auf der anderen Seite lagernden Sueben (vielleicht waren es aber auch die Tenkterer oder Usipeter. Diese Stämme waren ja dauernd in Bewegung. Da verliert man schnell den Überblick) einen kurzen Besuch abzustatten und ihnen dabei die Überlegenheit römischer Ingenieurskunst und Kriegsführung zu demonstrieren. Im frühen Mittelalter gab’s zwei Schlachten vor den Stadtmauern. Bei der ersten verlor Karl der Kahle sowohl das Gefecht als auch große Teile seines Westreichs (heute Frankreich) an den Osten (heute: Deutschland). Zwischendurch schipperten immer mal wieder die stets beutehungrigen Wikinger den Rhein hinauf, plünderten und brandschatzten und schleppten alles an beweglicher Hehlerware (schöne und gebärfähige Frauen inklusive) fort, was sie in ihren kleinen Booten verstauen konnten.. Das war’s, was mir zur Andernacher Historie einfällt. Die Stadt befindet sich unmittelbar südlich der westgermanischen Dialektgrenze, die durch den Vinxtbach markiert wird. Von dieser Grenze haben Sie noch nie gehört? Sie sollten entweder mehr lesen oder einen Vater wie meinen gehabt haben, der mich jedes Mal, wenn wir den Vinxtbach passierten, der unterhalb der A61 in etwa auf Höhe der Ausfahrt Bad Breisig plätschert, über dessen linguistische Wichtigkeit aufklärte. Weshalb in Andernach ein moselfränkisches Idiom – im Unterschied zum ripuarischen Kölner Singsang – geredet wird. An berühmten Söhnen listet Wikipedia auf: Adolf Kolping jr., die Renaissance-Humanisten Omphalius, Winter, Hillesheim und den Profifußballer Markus Pazurek. Die kennen Sie alle nicht? Ich muss zugeben, dass ich – bis auf Kolping – von den anderen heute ebenfalls zum ersten Mal erfahre. Aber sie stammen halt aus Andernach. Der bei weitem interessanteste Spross der Stadt ist jedoch sowieso Heinrich Karl Bukowski. Hier geboren an einem schwülheißen Augusttag im Jahre 1920 als Sohn eines US-amerikanischen Besatzungssoldaten und der reizenden bzw. mit ihren Reizen nicht geizenden lokalen Bürgerstochter Katarina, die vor der Hochzeit den stolzen Nachnamen Fett trug. Die Andernacher Periode währte nur kurz. 1923 übersiedelte die Familie nach Los Angeles. Heinrich Karl – mittlerweile zu Charles Henry amerikanisiert –, der zeitlebens gerne deftig nach Hausfrauenart aß und sich von einem Onkel mütterlicherseits jede Weihnachten ein paar Pullen Müller-Thurgau aus dem Ahrtal nach East-Hollywood schicken ließ, kehrte anlässlich einer Deutschlandtournee, die er in den 70er Jahren auf Einladung seines Übersetzers und engen Freunds Carl Weissner absolvierte, ein einziges Mal für 24 Stunden in seine Geburtsstadt zurück.

    Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, können wir endlich wieder in die gestern abrupt unterbrochene Kurzgeschichte in der Suchtklinik eintauchen.

    Die Geschlossene schläft und im Schwesternzimmer wird ein Schlauch ausgerollt

    Die Uhr im Schwesternzimmer zeigte 4.17. Außer Buk, mir und Beate, die die Nachtschicht innehatte, war niemand auf den Beinen. Die Geschlossene pennte und dämmerte dem nächsten Morgen entgegen.

    »Was kann ich für die Herren tun?« Beate legte ein Sudokuheft beiseite, mit dem sie sich die Zeit vertrieb.
    »Ich nehm nochmal zwei Pillen«, sagte ich.
    »Und Sie, Herr Bukowski? Sie sind doch Herr Bukowski, oder?«
    »Klar, bin ich der. Mich kennt jedes Kind hier in Andernach.«
    »Ich komme, wie Herr Hirsch, aus Köln. Kann mich nicht erinnern, dass wir uns schon Mal begegnet sind.«
    »Was??«
    »Beruhige dich. Nicht jeder liest deine Bücher«, sagte ich.
    »Weiß ich doch. In den USA kennt mich kein Schwein. Dachte aber, hier in meiner Geburtsstadt wäre ich schon berühmter.«
    »Also, womit kann ich Ihnen dienen, Herr Bukowski: Tabletten gegen den Entzug?« Beate ließ ihre Wimpern klimpern und die Augen rollen. Fast schien es mir, sie flirtete mit meinem Kumpel.
    »Wollen Sie mich vergiften? Ich schlucke nie Pillen. Die sind was für Weicheier wie Herrn Hirsch. Aber gegen einen Whiskey hätte ich nichts einzuwenden.«
    »Den bekommen Sie draußen im Rewe, sobald man sie bei uns entlässt.«
    »Für so unbelehrbar halten Sie mich?«
    »Die Statistik besagt, dass die Hälfte der hier behandelten Alkoholiker bereits am ersten Tag rückfällig werden. Wir machen uns da wenig Illusionen.« Beate wollte freundlich sein. Der Prozentsatz lag aus meiner Erfahrung heraus eher bei 70 bis 80 Prozent.

    »Kein Whiskey, keine Weiber. Ein richtiger Scheißladen, den Sie hier managen.«
    »Ich kann gar nichts für Sie tun?«
    »Von Hämorrhoiden haben Sie zufälligerweise Ahnung? Meine schmerzen nämlich ganz fürchterlich.«
    »Sie haben unverschämtes Glück. Bevor ich in der Psychatrie anfing, habe ich in der Proktologie gearbeitet. Lassen Sie mal sehen!«
    »Das muss jetzt wirklich nicht sein, Hank«, sagte ich.
    »Was willst du?«, blaffte er zurück. »Würden deine Hämorrhoiden jucken, hättest du schon längst um Pillen gebettelt.« Er zog die Hose herunter und entblößte seinen Hintern, der dafür, dass er seit Jahrzehnten soff und keinerlei Sport betrieb, noch gut proportioniert war. Ich hatte schon weitaus traurigere Ärsche gesehen. Der von Rosi war jetzt auch nicht der Hit gewesen.
    »Was glotzt du so?«, fragte er. »Bist du im Alter schwul geworden?«

    »Stark entzündet«, sagte Beate, die hinter Bukowski kniete und mit Kennerblick seine Rosette betrachtete. »Bevor ich das in Ordnung bringe, will ich aber noch was anderes überprüfen.« Sie lief nach hinten in ihre medizinische Besenkammer und kehrte mit einem langen, grünen Schlauch zurück.
    »Was soll das werden?«, fragte ich. »Ein Einlauf?«
    »Einläufe sind etwas aus der Mode gekommen«, antwortete sie. »Ich werde jetzt eine Darmspiegelung vornehmen. Denn der Analtrakt von Herrn Bukowski gefällt mir ganz und gar nicht.«

    Buk musste sich bäuchlings auf den Behandlungstisch legen, was er zu meinem Erstaunen ohne Murren tat. Beate gefiel ihm, sonst hätte er ihr spätestens in diesem Moment einen Spruch reingedrückt.
    »Jetzt bitte nicht verkrampfen«, sagte Beate. »Denken Sie an was Schönes. Entspannen Sie sich.«
    »Wenn ich an Ihre Titten denke, bekomme ich einen Steifen«, sagte Bukowski.
    »Denk eben nicht an ihre Titten, sondern was anderes«, sagte ich.
    »Mir fällt aber gerade nichts anderes Schönes ein.«
    »Dann denk mal kurz überhaupt nichts. Das kann doch nicht so schwer sein.«

    Beate rammte ihm ohne Vorwarnung ein keilförmiges Instrument in den Arsch. Das musste höllisch wehtun. Buk stöhnte, zeigte sich aber tapfer und schrie nicht. Sie drehte an einer Kurbel und drückte damit eine Spirale mit vorne drauf installierter Kamera in seinen Dickdarm rein.
    »Ist vermutlich ein bisschen unangenehm«, sagte Beate. »Am besten schnauben Sie laut wie ein Hund. Erleichtert sehr. Das können Sie doch, oder?«
    »Ich hasse Hunde«, antwortete Buk.
    Beate drehte und drehte. Die Kamera musste mittlerweile in Bukowskis Gehirn angekommen sein, so tief steckte die Spirale schon in seinem Hintern.
    »Sie sind ein guter Patient«, lobte Beate. »Es ist gleich vorbei.« Sie kurbelte das Schlangending nun wieder heraus und begutachtete die Filmaufnahme auf ihrem Monitor.
    »Glück gehabt«, sagte sie. »Der Darm scheint in Ordnung zu sein. Aber gegen die Hämorrhoiden sollten Sie was tun. Die sind dick wie die Tentakeln eines Tintenfischs.«
    »Fein«, meinte Buk. »Mit einem gesunden Darm schläft es sich besser.«

    »Und nun Sie, Herr Hirsch!«
    »Was ist mit mir?«
    »Hose runter und mich nachschauen lassen.»
    »Ich habe keine Hämorrhoiden.«
    »Und der Stuhlgang?«
    »Der funktioniert ganz ausgezeichnet.«
    »Irgendwas ist immer in Ihrem Alter. Und wenn es bloß eine ordinäre Fettleber oder die gereizte Bauchspeicheldrüse sind. Ich werde jetzt nachsehen.« Beates Miene signalisierte, dass sie innerhalb der Wände ihres Schwesternzimmers keine Widerworte duldete.
    »NEIN!«
    »Er ist ein Feigling«, sagte Bukowski. »Fürchtet sich vor einem kleinen Schlauch, braucht Pillen gegen den Entzug, erzählt den Ärzten und Psychologen seit Jahren, dass er aufhören wird, um draußen sofort wieder zu saufen. Was für ein erbärmliches Affentheater. Und das Allerbeste: er glaubt ernsthaft, dass er schreiben kann. Dabei sind seine Gedichte allenfalls mittelmäßig.« Er hielt mich nun von hinten festumklammert wie in einem Schraubstock. Beate zog mir die Hose nach unten, grinste, während sie mit dem Schlauch vor meinem Gesicht hin und her wedelte, und ihr Grinsen glich nun aufs Haar dem Alligatorlächeln Bukowskis.

    Ich schlug die Augen auf, mein Herz klopfte mit 150 Sachen die Minute, ich war klitschnass. Neben mir stand die alte Ordensschwester von gestern Abend, kontrollierte Puls und Blutdruck, steckte mir ein Thermometer ins Ohr und fragte: »Alles in Ordnung mit Ihrem Stuhlgang, Herr Hirsch?«
    »JA!«, schrie ich.
    »Kommen Sie bitte vor dem Frühstück zu mir, um sich Ihre Tabletten abzuholen«, sagte sie und verschwand durch die Tür.

    Der Russe oder Kasache oder Usbeke stand vor dem Waschbecken, grinste mich an, drehte sich wieder um und pisste hinein. Auf meinem Bauch lag das Buch, das mir Matthias vor dem Schlafengehen in die Hand gedrückt hatte. Ich spürte plötzlichen Druck auf dem Darm und fühlte mich beschissen.

    In Teil 3 unternehme ich mit Matthias einen Ausflug zu Bukowskis Geburtshaus und mache mir dabei langsam Sorgen um meine Zukunft

    Weiterführende Literatur: Alle Arschlöcher auf der Welt und meines. In: Ein Profi – Stories vom verschütteten Leben. © Charles Bukowski, 1973

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  • Mit Bukowski bei der Darmspiegelung

    Mit Bukowski bei der Darmspiegelung

    Von allen traurigen Suchtkliniken, in die ich eingeliefert wurde, war Andernach die mit Abstand traurigste. Als ich im Raucherzimmer auf einem Holzstuhl hockte, von dem die Farbe abplatzte und auf die ersten Tabletten wartete, wusste ich nicht so genau, weshalb ich überhaupt hier gelandet war. Ich konnte mich schemenhaft an Rosi erinnern, die mein Kumpel Rolf für mich in einer Singlebörse aufgegabelt hatte, die in Koblenz eine schöne Wohnung am Rheinufer mit Blick auf den Ehrenbreitstein und einen gut bestückten Spirituosenschrank besaß, mit der ich mich 48 oder 72 Stunden lang vergnügt hatte. Rolf hatte mir sogar das Bahnticket spendiert. »Damit du mal rauskommst aus Köln und deinem Trott«, hatte er dazu gesagt. Das war wirklich nett von ihm gewesen. Na ja, Rolf konnte neben seiner nervigen Klugscheißerei auch nett sein. Als ich in der Provinz ankam, und Rosi nicht wie vereinbart am Bahnsteig stand, wollte ich schon wieder zurückfahren, denn ich hatte keine große Lust, sie nun suchen zu müssen. Ich ging zum Kiosk, um mir einen Flachmann zu besorgen, als mich eine rothaarige Frau, die vor zwanzig Jahren sicher mal gut ausgesehen hatte, deren beste Tage allerdings definitiv lange zurücklagen, von der Seite ansprach: »Bist du Henning?« – »Ja. Und du vermutlich Rosi. Bist unpünktlich. Wollte schon retour nach Köln.«
    »Nun hab dich mal nicht so wegen zehn Minuten. Scheinst ein Pedant zu sein.«
    »Alles Schnee von gestern, wenn’s bei dir zu Hause was zu trinken gibt.«
    »Keine Sorge, habe jede Menge für uns eingekauft.«

    In den nächsten 48 oder 72 Stunden taten wir nichts anderes als abwechselnd saufen und vögeln und zwischendurch dummes Zeug zu reden. Halt so ein typisches ü45-Hetero-Sexwochenende. Sie war im Bett nicht schlecht, beherrschte einige Nummern, die ich nicht kannte, und ich war Rolf dankbar, dass er die Sache für mich arrangiert hatte. Das pausenlose Gerammel wurde mir allerdings nach einem Tag schon etwas fade, und ich wollte nur noch in Ruhe weitertrinken und dabei das schöne Panorama genießen. Aber Rosi maulte, nannte mich mehrmals einen impotenten, faulen Sack, und ich überlegte, Rolf anzurufen und darum zu bitten, mich bei dieser Nymphomanin abzulösen. Ob wir uns am Ende gestritten haben, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Eigentlich macht mich Alkohol eher friedlich und freundlich. Kann aber sein, dass ich Rosi als dauergeile, alte Schlampe beschimpft habe. Falls ich es getan haben sollte, dann tut’s mir natürlich leid und ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür. Nach 48 oder 72 Stunden neigten sich ihre Alkoholvorräte dem Ende zu, weshalb ich anbot, Nachschub zu besorgen. Auf dem Weg zum Supermarkt gingen bei mir die Lampen aus, und ich kam erst wieder an Bord eines Rettungswagens zu mir. Um mich herum zwei junge Sanitäter. Keine Bullen. Das war schon mal positiv. »Wohin fahren wir?«, fragte ich. – »Andernach«, antwortete der Kleinere der beiden  »Warum nicht Köln?«, hakte ich nach. – »Weil Köln hundert Kilometer entfernt liegt.«

    Und so saß ich nun mit 3.8 Promille, einem Kasten Wasser neben mir und schlechter Laune im Raucherzimmer der Andernacher Klinik. »Pillen gibt’s erst bei 0.8«, hatte der Aufnahmearzt gesagt. »WAS?? In Köln bekomme ich die bei 1.5.« – »Wir sind aber hier nicht in Köln«, raunzte er mich an.
    Ich kippte Flasche um Flasche Mineralwasser in mich rein, rülpste, ging zum Pissen aufs Klo, trank Wasser, rülpste wieder. Die übliche Vorgehensweise, um schnell runterzukommen. Im Abstand von sechzig Minuten lief ich ins Schwesternzimmer, pustete dort ins Testgerät. »Jetzt sind Sie bei 3.2. Dauert noch eine Weile bis 0.8. Immerhin bauen Sie 0.3 pro Stunde ab.«

    Bei Unterschreiten der 3.0 setzte der Entzug ein: Herzrasen, Schwindelgefühl, Schweißausbrüche. Und es war noch elend lange hin, bis ich den vom Arzt festgelegten Schwellenwert erreichen würde. Klaglos nur deshalb zu ertragen, weil ich die Prozedur aus dem Effeff beherrschte.

    Ich weiß auch nicht, weshalb sie immer so ein Theater mit den 0.8 und 1.5 veranstalten, und uns das Zeug nicht sofort geben. Sei zu gefährlich, behaupten sie. Ich vermute ja, dass sie uns Säufer quälen wollen. So nach dem Motto: Wer viel trinkt, muss dann eben in der Konsequenz auch Schmerzen ertragen. Vielleicht soll es auch der Abschreckung dienen. Was weiß ich, was in den Köpfen der Ärzte und Pfleger vor sich geht, wenn sie den 5000sten unheilbaren Alki erblicken. Resignation, Zynismus oder gar zum Sadisten werden. Ich will’s ihnen gar nicht übel nehmen. An ihrer Stelle würde ich genauso denken.

    Ich glotzte an die Tapete, hasste Rolf, der mich mit Rosi verkuppeln wollte und hasste mich, weil ich auf seinen Vorschlag eingegangen war. Ganz besonders hasste ich Andernach und die Gestalten im Raucherzimmer. Rosi hingegen hasste ich nicht, die war mir egal.

    Die Tür schwenkte auf, ein 100-Kilo-Kerl mit Aktentasche in der Hand und verlegenem Grinsen im Gesicht kam herein. »Ist hier noch ein Platz frei?«, erkundigte er sich. Niemand würdigte ihn eines Blickes, was mich mutmaßen ließ, dass er hier zum ersten Mal aufschlug. In der Geschlossenen ist es ein bisschen wie im Knast: es gibt eine Hackordnung, und du giltst erst dann als vollwertiges Mitglied der Säuferfamilie, wenn du deinen zwanzigsten Entzug absolviert hast.
    Der Koloss ließ sich auf den Stuhl neben mir fallen. »Ist das genehm?«, fragte er.
    »Ja ja, ist okay.«
    Er öffnete die Tasche und holte eine Plastikdose mit belegten Stullen heraus. »Möchtest du ein Butterbrot? Meine Frau hat mir ein paar geschmiert, bevor sie mich hierhin gebracht hat.«
    »Nein.«
    »Vielleicht einen Schokoriegel?«
    »Nein!«
    »Ich heiße Matthias und du?«
    »Matthias, tu mir einen Gefallen und rede nicht so viel.«
    »Gedrückte Stimmung hier drinnen«, sagte er.
    »Die war ganz okay, bis du aufgetaucht bist.« Mir brach erneut der Schweiß aus, mein Hemd war klitschnass und auch unter Matthias Achselhöhlen zeichneten sich fette Kränze ab. Ich stand auf, schnorrte mir von einem Typen, der vor dem vergitterten Fenster lehnte, eine Zigarette, war kaum in der Lage, die mit meinen zitternden Fingern festzuhalten, machte drei Züge, ließ den Rest auf den Boden fallen, wo ein anderer Patient den Stummel sofort gierig aufklaubte.

    »Schlimm, der Entzug bei dir?«, fragte Matthias.
    »Genauso beschissen wie die dreißig Mal vorher.«
    »So oft warst du schon hier?«
    »Nein, in diesem traurigen Laden bin ich heute das allererste Mal.«
    »Verstehe«, sagte er.
    »Was verstehst du? Überhaupt nichts verstehst du.«
    Matthias schwieg fünf Minuten lang, dann griff er erneut in seine Tasche hinein und zog ein Buch heraus. »Weißt du, was das ist?«
    »Was soll das schon sein? Ein Buch halt.«
    »Ja, aber ein besonderes Buch.»
    »Mit Zaubersprüchen drin?«
    »Nein, von Bukowski
    »Von wem?«
    »Ein amerikanischer Schriftsteller. Kennst du den nicht?«
    »Schon mal von gehört. Der schreibt so Pornogeschichten.«
    »Vordergründig Porno. Aber eigentlich Kritik am American way of life.«
    »Klingt langweilig«, sagte ich. »Porno mit Bildern und ohne Text finde ich spannender«. In den vergangenen vier Jahren hatte ich keinen einzigen Roman in die Hand genommen. Mehr als der Sportteil des Express war nicht drin. Hatte echt große Konzentrationsschwierigkeiten.

    »Probier dieses aus. Ist ein Band mit Kurzgeschichten. Die eine, in der er von seinen Hämorrhoiden und der nachfolgenden Darmspiegelung berichtet, ist echt witzig. Wird dir gefallen.«
    »Sehe ich aus wie jemand, der sich auf eine Darmspiegelung freut?« Ich ließ mir das Buch trotzdem von ihm aufschwatzen und machte mich auf den Weg zum Schwesternzimmer. Dort war gerade Schichtwechsel gewesen. Statt der griesgrämigen Ordensfrau vom frühen Abend erwartete mich nun eine attraktive Blondine mit enormer Oberweite.
    »Ist der alte Drachen weg?«, fragte ich.
    »Ja«, antwortete sie. »Ich bin Schwester Beate. Sie sind zum ersten Mal bei uns?«
    »Nur aus Versehen. Sonst entgifte ich in Köln.«
    »Ah, Köln. Da haben wir ja was gemeinsam. Ich stamme aus Nippes.« Sie reichte mir das Testgerät. Ich blies hinein: 1.5.
    »Ich habe meine Brille verlegt. Könnten Sie für mich den Wert ablesen?«
    »0.8«, sagte ich und drückte sofort auf den Ausknopf.
    »0.8«, notierte sie laut in den vor ihr liegenden Protokollzettel. »Das ist schön. Dann können wir Ihnen ja endlich was gegen Ihre Entzugsschmerzen geben. Ich habe Distraneurin, Rivotril und Diazepam im Angebot.«
    »Mir völlig egal. Aber zwei Pillen.«
    »Ich verabreiche Ihnen Rivotril. In Ordnung für Sie?«

    Ich ließ mich auf das Sofa im Aufenthaltsraum fallen und wartete auf die Wirkung der Benzos. Die Sache mit der Brille war echt nett von Beate gewesen. Hatte mir zweieinhalb Stunden Quälerei erspart. Nach 15 Minuten beruhigte sich mein Kreislauf, das Würgegefühl ebbte ab, in den Beinen spürte ich wieder Kraft. Eine Stunde später holte ich mir zwei weitere Tabletten. »Und nun sollten Sie schlafen«, sagte Beate. »Es ist weit nach Mitternacht.«
    »Ich versuch’s«, antwortete ich.

    Im Türrahmen stand ein circa 30jähriger Galgenvogel und versperrte mir den Weg. »Was willst du?«, fragte er mit slawischem Akzent.
    »Was wohl? Pennen.« Ich schob ihn zur Seite.
    »Das ist mein Zimmer«, erwiderte er.
    »Und deshalb sind drei Betten drin.« Ich warf mich in voller Montur auf das neben der Heizung und starrte an die Decke. Das Buch hielt ich immer noch in der Hand. Der Russe oder Kasache oder Usbeke marschierte in dem kleinen Raum auf und ab, legte Kilometer um Kilometer zwischen Waschbecken und Fenster zurück, redete mit sich selbst, fuckte mich ab. Als er seine Notdurft ins Waschbecken verrichtete, war die rote Linie überschritten. »Das kannst du zu Hause machen, aber nicht hier«, sagte ich.
    »Willst du Ärger haben?«, schrie er. Dann fiel er mit geöffneter Hose auf den Linoleumboden und begann zu schnarchen. Ich ließ ihn dort liegen und versuchte, selbst zur Ruhe zu kommen.

    Als ich die Augen aufschlug, war der Russe verschwunden und Bukowski, den ich seit Studentenzeit gut kannte, saß auf meiner Bettkante.
    »Was machst du in diesem Rattenloch?«, fragte er.
    »Dasselbe wie du: einen Entzug.«
    »Entzüge sind ein großer Selbstbetrug«, antwortete er. »Weil wir danach erfahrungsgemäß weitertrinken.«
    »Stimmt. Aber für ein paar Tage fühlt man sich körperlich wieder hergestellt.«
    »Das ist aber auch das einzige, was man positiv darüber berichten kann … Hast du sie gefickt?«
    »Wen?«
    »Na, wen wohl: Rosi.«
    »Ich glaube schon.«
    »Du glaubst, du hättest sie gefickt??«
    »Am ersten Tag bestimmt. Aber danach erinnere ich mich an nichts.«
    »Es ist ein großes Elend mit der Sauferei. Selbst das Vögeln bereitet einem keinen richtigen Spaß mehr. Und jetzt laufen wir uns ausgerechnet in Andernach über den Weg. Schon komisch.« Bukowski betrachtete mich argwöhnisch mit seinen Alligatoraugen und fletschte die Krokodilszähne; als ob er mich gleich zerfetzen wollte.
    »Was ist mit Andernach?«
    »Ich bin hier geboren. Hast du das etwa vergessen?«
    »Ich weiß doch nicht von jedem Schreiber, in welchem Kaff der das Licht der Welt erblickt hat.«
    »Solltest du aber. Steht in meinen Büchern hinten in der Kurzvita drin.« Wie jeder Starautor war er eitel und erwartete von Leuten wie mir, dass ich sowohl seine Geschichten als auch die Details seines Lebenslaufs auswendig runterbeten konnte.
    »Den Abspann lese ich nie.«

    »Lass uns zu Schwester Beate gehen; neue Pillen einwerfen. Die gefällt dir, oder?«`
    »Sie ist ganz okay«, antwortete ich.
    »Du hast ihr vorhin ganz schön auf die Titten geglotzt. Aber gib dich keinen Illusionen hin. Zwischen Personal und Patienten läuft nichts. Auch wenn ich in meinen Stories was anderes erzähle. Aber das sind bloß Trinkerfantasien.«
    »Weiß ich selber.«

    Wir verließen unser Zimmer und marschierten durch den neonbeschienen Korridor in Richtung Schwester Beate.

    An dieser Stelle stoppe ich, denn Texte, die 1500 Wörter überschreiten, werden so gut wie nie bis zum Ende gelesen. In Facebook liegt die Grenze ohnehin noch deutlich darunter.

    In der Fortsetzung müssen sich Bukowski und ich bei Beate einer Darmspiegelung unterziehen, und ich erfahre nebenbei allerlei Wissenswertes über Andernach.

    PS. das ist – falls es überhaupt jemanden interessiert – meine 50ste Kolumne, wofür ich die bronzene Kolumnistennadel zugeschickt bekomme