Schlagwort: Taugenichts

  • Kolumnisten und andere Taugenichtse

    Kolumnisten und andere Taugenichtse

    »Ihr Autoren führt doch ein superangenehmes Leben«, sagt sie und stochert auf der Terrasse eines Kölner Lokals mit schönem Rheinblick in einem Wurstsalat rum.
    »Wie meinst du das?«, frage ich.
    »Ihr hockt den ganzen Tag in Cafés, trinkt einen Espresso nach dem anderen, beobachtet die Leute und schreibt im Anschluss eine Kurzgeschichte darüber.«
    »Was soll daran verkehrt sein?«
    »Nix ist daran verkehrt. Aber so einfach wie du möchte ich mein Geld auch mal verdienen. Ich sitze vierzig Stunden in einem schlecht klimatisierten Großraumbüro, tippe mir dort die Finger wund, niemand interessiert sich für das, was ich tue, und am Ende vom Monat reicht der mickrige Scheck kaum für die Miete und eine Kühlschrankfüllung.«
    »Schreib halt selber was«, antworte ich.
    »Würde ich gerne tun, habe aber nicht so endlos viel Zeit wie du für sowas. In meinen Augen führst du das Leben eines Taugenichts, der den ganzen lieben langen Tag damit verplempert, auf den einen Einfall für ne zündende Story zu warten, die er dann abends aufs Papier schmiert. Sei dir ja von Herzen gegönnt. Aber seriöse Arbeit ist was anderes.« Sie schiebt den Salat von sich weg in die Tischmitte, und ich sehe, dass sie die Wurststreifen raussortiert und nur den Käse gegessen hat.

    Islam und Sachsen ziehen immer

    Schon mal vorab: Würde ich mit dem Kolumnenschreiben reich werden, hätte ich schon längst damit aufgehört, ein Haus im Trentino gekauft, wo ich im Sommer auf dem Gardasee windsurfe und im Winter in den Dolomiten Ski fahre. Stattdessen sitze ich in der Mittagspause auf einer Parkbank, studiere die Zeitung und zermartere mir das Hirn, welche Nachricht für eine Kolumne taugen könnte. Zur Auswahl stehen heute:

    ▪ Hässlichkeit als Programm – Der Erfolg des italienischen Innenministers liegt in seiner bodenlosen Gemeinheit
    ▪ Grüne: AfD vom Verfassungsschutz beobachten lassen
    ▪ FDP lehnt Mietpreisbremse ab
    ▪ Patin ohne Patent – Sahra Wagenknecht und die neue Sammlungsbewegung Aufstehn
    ▪ Seehofer: Migration ist die Mutter aller politischen Probleme

    Politische Themen – im Moment speziell Islam, Rechtspopulismus und Sachsen – kommen tendenziell immer gut. Die Klickzahlen sind erfreulich, die darunter stehenden Kommentare lassen zwar mitunter Zweifel an Geisteszustand und Seelenhygiene der Absender entstehen; aber was soll’s? Hauptsache, ne kontroverse Diskussion angestoßen. Beiträge übers Saufen, Buchrezis und Lyrik hingegen laufen eher schleppend. Was ja auch nicht großartig verwundert. Trinker sind den gesamten Tag mit der Beschaffung von Nachschub beschäftigt, haben deshalb weder Zeit noch den Kopf frei für schlaue Kolumnen, und der Rest der Bevölkerung verkraftet eh nur noch ultrakurze Texte mit maximal hundert Wörtern Länge, weshalb Literaturbesprechungen für diese Menschen völlig uninteressant sind. Und Lyrik ist sowieso nur was für romantische Spinner.

    Über alles wurde schon tausend Mal geschrieben

    Ich könnte ein paar Zeilen zu Chemnitz tippen Wie mir das selbst gebastelte Opferrollen-Mimimi der Besorgtbürger auf den Sack geht Aber dazu hatte ich vergangene Woche schon was geschrieben. Bloß keine Wiederholung. Auf jeden Fall nicht so eng getaktet. Wird ja nicht die letzte Fascho-Demo im Osten gewesen sein. Jetzt, wo AfD, Pegida, NPD ungeniert Seite an Seite marschieren – endlich zusammenwächst, was zusammengehört –, der Höcke in der Rolle als rachedürstender Klein-Siegfried mit Designerkrawatte vorneweg, und die betrunkenen Hools folgen. Das hat was von wagnerscher Dramatik und nibelungenscher Tragödie.

    Seehofer und sein Alterswahn: Die Migranten. Keine Ahnung, welche Dämonen diesen Mann heimsuchen, dass er die armen Flüchtlinge für sämtliches Unheil, das in unserem Land geschieht, verantwortlich macht. Altersarmut, Wohnungsnot, verfehlte Klimaziele, Dieselabgas-Skandal – alles egal. Hauptsache, mal wieder die Ausländer gedisst und fünf Asylsuchende – streng gesetzeskonform gemäß der Dublin 3-Regeln – an der bayerischen Grenze abgewiesen und nach Österreich zurückgeschickt. Wie viele Leitartikel haben diese Phobie bereits seziert? Viele.

    AfD vom Verfassungsschutz beobachten lassen: ebenfalls eine alte Kamelle, die periodisch wiederkehrend an die nicht-rechte Wählerschaft verteilt wird. Wie die Bonbons vom Kölner Karneval, die an Sankt Martin den Besitzer wechseln. Seehofer sieht, was nicht groß verwundert, keine Anhaltspunkte dafür, die Hellblauen observieren zu lassen. Die würden sich, falls es doch irgendwann gemacht würde, als Märtyrer aufführen, und am besten wäre es meiner Meinung nach sowieso, den Haufen komplett aufzulösen und Mitglieder und Sympathisanten dahin zurückzuverfrachten, wo sie hervorgekrochen sind: an die biergeschwängerten Platten der deutschen Stammtische. Da können sie sich dann in Kleingruppen über den in Kürze bevorstehenden Untergang des Abendlands die Köpfe heißreden, den Sturz des Systems herbeigrölen und sich für den kommenden Tag – sobald der Blutalkoholgehalt wieder unter die Zwei-Promille-Grenze fällt – zur konservativen Weltrevolution verabreden.

    „Hässlichkeit als Programm“ gefällt mir; ein interessanter Artikel im Feuilleton der Süddeutschen. Das allmähliche Salonfähigwerden von Lüge und Gemeinheit. Die Masse applaudiert unverhohlen und bekundet lautstark ihre Sehnsucht nach Arschlochtum und dem schleunigen Überbordwerfen lästiger humaner Prinzipien. Sicherlich spannend, aber auch schon mehrere Dutzend Male durchdekliniert.

    Wagenknechts und Lafontaines Aufstehn. Eine neue linke Bewegung, angeführt von zwei komplett humorbefreiten Galionsfiguren. Selbst wenn ich ein paar von deren Ansichten teilte – ich schlösse mich nie einer Gruppe an, bei der man zum Lachen in den Keller geschickt wird. Ein bisschen Spaß muss schon erlaubt sein. Über Griesgrame in der Politik werde ich heute hundertpro nichts schreiben.

    Bliebe noch die FDP und die Mietpreisbremse. Aber dass die Liberalen, deren Mitglieder und Wähler in Vorortvillen, schicken Lofts oder an der Côte d’Azur leben, mit erschwinglichem Wohnraum für die weniger gut verdienende Bevölkerung nichts am Hut haben, überrascht nun auch nicht gerade. Für einen Meinungsbeitrag taugt das deshalb überhaupt nicht.

    In Zukunft mehr Porno

    Die Mittagspause ist vorüber, die Zeitung durchgelesen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich mit all diesen Themen keinen Pulitzerpreis gewinnen kann. Eigentlich brauche ich heute gar keine Kolumne zu tippen: mir fällt nichts Pfiffiges ein; unlustig und schläfrig bin ich zudem. Vielleicht kommt mir morgen ein Gedankenblitz. Ich könnte ja zur Abwechslung mal was Pornografisches schreiben, oder eine Sitzung mit meiner Psychologin wiedergeben. Wobei natürlich bei Porno und Psychologin eine Schnittmenge existiert. Oder ich schildere das Grauen, das mich packt, sobald ich einen Supermarkt betrete und dort mit meinen stark übergewichtigen, fresswütigen Landsleuten konfrontiert werde. Oder, oder, oder … auf jeden Fall alles spannender als die fünf oben aufgezählten Polit-Gähner. Ich werde ein, zwei Nächte drüber schlafen in der Hoffnung, dass ich mir was Erzählenswertes zusammenträume. Falls nein, dann sauge ich mir halt irgendwas aus den Fingern. Bloß was?

    Sie sehen: 75% der Schaffenszeit verbringt der Kolumnist damit, darüber nachzudenken, was er überhaupt zu Papier bringen soll. Ein kontemplativer Vorgang, der auf Außenstehende wie meine hart arbeitende Kölner Bekannte den Eindruck fortgesetzten Nichtstuns erweckt. Das stimmt aber ganz und gar nicht.

    Und damit jetzt keiner auf die Idee kommt, mich anzupumpen: Kolumnenschreiben ist eine komplett brotlose Kunst. Wir Schreiber ernähren uns einzig von der Aufmerksamkeit des Publikums. Und nun verlasse ich die Parkbank, denn es fängt an zu regnen … ENDE dieser Nicht-Kolumne

    PS. Tschechows Novelle Der Taugenichts ist übrigens sehr unterhaltsam zu lesen

  • Die Magie des ersten Satzes

    Die Magie des ersten Satzes

    Nachdem Sören Heims Beitrag „Die Austreibung der Schönheit“, in der er die Reduktion der Sprache auf die reine Informationsvermittlung beklagt, am vergangenen Wochenende auf großes Interesse bei den Lesern stieß und im Anschluss kontrovers über die optimale Länge von Sätzen und den vibrierenden Sound einzelner Textpassagen diskutiert wurde, hatte ich das Thema für meine neue Kolumne gefunden: die Magie des ersten Satzes.

    Vor einigen Jahren trieb ich mich mehr in Autorenforen als in Facebook rum. Dort stellen Nachwuchs- und Hobbyschriftsteller Kurzgeschichten und Gedichte vor und lassen ihre (Mach-) Werke von anderen Usern beurteilen. Gibt dabei Rechtschreibungs-, Grammatik-, Füllwort-, Inhalts-, Logik- und Spannungsexperten. Die Bandbreite der Bewertungen reicht von „Super. Du findest bestimmt einen Verlag“ über „noch bist du nicht so weit. Stete Übung macht den Meister“ bis hin zu „kompletter Schrott“ oder „tu uns bitte allen einen Gefallen und lade keine neuen Stories von dir hoch“. Ein harter, teils grausamer, aber unterm Strich lehrreicher Ausleseprozess. Neben den beiden Hauptrubriken Prosa und Lyrik existiert ein weiterer Bereich: Kreatives Schreiben. Hier wird so spannenden Fragen wie „Kann mir jemand dabei helfen, eine Fantasywelt zu entwickeln?“ oder „Wie viele Wörter hast du heute aufs Papier gebracht?“ nachgegangen. Eines Morgens stand da folgende Behauptung zu lesen: „Ich lasse mich bei der Auswahl eines Romans einzig vom ersten Satz leiten. Ist der sexy, dann kaufe ich das Buch; andernfalls stelle ich es sofort ins Regal zurück“. Daraus resultierte eine der längsten Diskussionen in dieser – an ausufernden Debatten wahrlich nicht armen – Schreibwerkstatt. Schnell standen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber: die Befürworter der Ausgangsthese, die sich auf die Erste-Satz-Magie versteiften und die Gegner, die die Ad-hoc-Entscheidung nicht nur für unsinnig, sondern sogar als Frontalangriff auf das Wesen der Belletristik ansahen.

    Ich gehörte anfangs zu den Opponenten, empfand die Erste-Satz-Dogmatik als engstirnig bis hin zu realitätsfremd, freundete mich jedoch im Lauf der Monate immer stärker mit der Position der Befürworter an. Ein attraktiver Einstiegssatz hat ja was. Von der Funktion her ähnelt er einem bunten Plakat, das uns zu einem Museumsbesuch überreden, einem spannenden Trailer, der mich ins Kino lotsen soll, David Beckham mit entblößtem Oberkörper, der mir ein After Shave andrehen, einer barbusigen Blondine im schummrigen Kontakthof des Bordells, die mich gleich um 200 Euro erleichtern will, der Frau, der wir nach zehn Sekunden verfallen und bereits beim ersten Date einen Heiratsantrag stellen. Bei allen fünf Beispielen wissen wir nicht, ob das Produkt den im Teaser vorgegaukelten Erwartungen entspricht. Eventuell ist der Film todlangweilig, das Rasierwasser riecht nach gegorenem Moschus, die Hure entpuppt sich im Neonlicht ihres Zimmers als alt und habgierig, die blitzgeheiratete Angebetete macht uns das Leben bis zur nächsten Scheidung richtig sauer. Trotzdem lassen wir uns oft aufgrund eines Spontaneindrucks zum Kauf animieren. Warum sollte dieses Phänomen nicht auch für Romane gelten?

    Ich durchforstete die kleine Bibliothek in meinem Wohnzimmer auf der Suche nach Büchern mit sexy Einstiegssätzen – Sätze, die sofort ins Auge springen und dem Leser suggerieren: in dieser Art wird es bis zum finalen Punkt auf der letzten Seite weitergehen – und wurde tatsächlich fündig. Im Folgenden eine Auswahl attraktiver Einleitungen. Und zwar allesamt aus Romanen, die mich derart in ihren Bann zogen, dass ich sie binnen weniger Tage und Nächte nahezu rauschartig, dabei Essen, Trinken und Körperhygiene vergessend, durchlas.

    Preisgekrönte Sätze

    Beginnen möchte ich mit einem prämierten Beispiel: „Ilsebill salzte nach“. Der Anfang des „Butt“ von Günter Grass war gemäß einem im Jahre 2007 gefällten Urteil der Experten von Initiative Deutsche Sprache sowie Stiftung Lesen der schönste Einstiegssatz der deutschsprachigen Literatur. Und ich fragte mich damals – und tue es heute noch – warum? Was um Himmelswillen ist an diesem Satz attraktiv, abgesehen davon, dass er leicht verständlich ist? Ich finde ihn komplett fade. Was übrigens für den gesamten „Butt“ gilt, weshalb ich ihn damals nach dreißig Seiten wieder beiseite legte. Großartig hingegen Kafkas Start in „Die Verwandlung“: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Belegte aus Gründen, die niemand außer den oben genannten Fachleuten kennt, nur Rang 2. Vielleicht weil Grass damals noch lebte, Kafka jedoch schon lange tot war. Auf Platz 3 landete Siegfried Lenz: „Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging.“ (So zärtlich war Suleyken). Ganz okay, aber sexy geht anders.

    Aus meinem Bücherregal gegriffen

    Nun aber endlich zu den Romanen in meinem Bücherregal.

    Während ich schreibe, bricht die Dunkelheit herein, und die Leute gehen zum Abendessen.
    Henry Miller: Stille Tage in Clichy

    Leicht melancholischer Start in einen kurzen Roman, 1956 in der englischen Originalfassung „Quiet days in Clichy“ erschienen. Spielt im Paris des Jahres 1933. Die Geschichte erzählt von den schriftstellernden Bohemiens Carl und Joey, die ein ausschweifendes Leben führen. Ihr weniges Geld geben sie am liebsten für Nutten und Partys aus. Gilt als Meilenstein der erotischen Literatur. Aufgrund des teils pornografischen Inhalts in den USA erst 1965 und in Deutschland 1968 veröffentlicht.

    Dieses schreibe ich, Sinuhe, der Sohn Senmuts und seines Weibes Kipa – nicht um die Götter Kemets zu preisen, denn der Götter bin ich überdrüssig –, nicht um Pharaonen zu verherrlichen, denn auch ihrer Taten bin ich müde; sondern um meiner selbst willen schreibe ich es.
    Mika Waltari: Sinuhe der Ägypter (1948)

    DER Ägyptenroman schlechthin. Erzählt vom Leben des Arztes Sinuhe, der, aus bescheidenen Verhältnissen stammend, bis zum Leibarzt des Ketzer-Pharaos Echnaton aufsteigt, bevor er von den Amun-Priestern den Auftrag erhält, den König zu vergiften. Verbittert zieht er sich in die Einsamkeit der Wüste zurück und kritzelt dort in jahrelanger Arbeit seine Geschichte auf hunderte Papyrusrollen.

    Achtzig Jahre nach dem Tod ihres Propheten Mohammed hatten die Moslems ein Weltreich aufgebaut, welches sich von der indischen Grenze ununterbrochen durch Asien und Afrika die südlichen Gestade des Mittelmeers entlang bis zur Küste des Atlantischen Ozeans dehnte.
    Lion Feuchtwanger: Die Jüdin von Toledo (1955)

    Von den vielen guten historischen Romanen Feuchtwangers sticht die Jüdin von Toledo wegen der bittersüßen Love Story, die sich zwischen Raquel und dem kastilischen König Alfonso entwickelt, nochmals heraus. Als Raquel vom wütenden Mob erschlagen wird, wandelt sich der trauernde Herrscher vom Kriegsherrn zum friedliebenden Landesvater.

    Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.

    So startet Heinrich Mann in das Epos Die Jugend des Königs Henri Quatre. Erzählt wird in zwei Bänden (Nr.2.: Die Vollendung des Königs Henri IV) der Werdegang des Herzogs von Bourbon, der als Protestant im letzten Viertel des 16ten Jahrhunderts auf den französischen Thron gelangen will. Diesen kann er jedoch erst besteigen, als er zum Katholizismus konvertiert. Seine Einsicht, „Paris ist eine Messe wert“, wird auch heute noch zitiert, wenn man eine überraschende 180-Grad-Kehrtwende in Angelegenheiten der Politik und des Glaubens mit einem Bonmot umschreiben möchte. Erschienen 1935.

    Ich war 50 und hatte seit vier Jahren keine Frau mehr im Bett gehabt.
    Charles Bukowski: Das Liebesleben der Hyäne (1978)

    „Was Sie schreiben, ist so roh und direkt. Wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf. Und doch steckt so viel Humor und Zärtlichkeit dahinter“, sagte die Kritikerin, als sie den Roman studiert hatte.
    „Yeah“, antwortete Bukowski.

    Der Morgen dämmerte. Der große Caddy schoss durch die Straßen der Stadt. Meine fünf Huren schnatterten wie eine Horde betrunkener Affen.
    Iceberg Slim: Pimp

    Hier ausnahmsweise drei Sätze. Icebergs Slims – im Gefängnis getippte – Lebensbeichte. Die ungeschminkte, grausame Story eines Zuhälters, der seine Mädchen auf den Straßenstrich schickt. Veröffentlicht 1969; diente als Vorlage für zahlreiche Rap- und Hip-Hop-Texte.

    Mein Chef sagte mir: „Ich behalte Sie nur aus Rücksicht auf Ihren ehrenwerten Herrn Vater, sonst wären Sie schon längst hinausgeflogen.“
    Anton Tschechow: Der Taugenichts (1890)

    Eine der vielen schönen Novellen Tschechows, in denen er die Flucht eines Sohns aus gutbürgerlicher Familie aufs Land schildert. Als er glaubt, endlich alle einengenden Konventionen hinter sich gelassen zu haben, verlässt ihn seine Frau, und er kehrt reumütig in die Stadt zurück.

    Ein grauer gedrungener Bau, nur vierunddreißig Stockwerke hoch.
    Aldous Huxley: Schöne neue Welt (1932)

    Eine Wohlstandsgesellschaft im Jahre 632 nach Ford. Unruhe, Elend und Krankheit sind überwunden. Eine totalitäre Herrschaft mit einer strengen Drei-Klassen-Gesellschaft garantiert genormtes Glück. Jede Form von Individualismus wird als asozial gebrandmarkt. Eines der wenigen Pflichtbücher im Schulunterricht, das ich mit Begeisterung las.

    Wenn ihr das wirklich hören wollt, dann wollt ihr wahrscheinlich als Erstes wissen, wo ich geboren bin und wie meine miese Kindheit war und was meine Eltern getan haben und so, bevor sie mich kriegten, und den ganzen David-Copperfield-Mist, aber eigentlich ist mir gar nicht danach, wenn ihr’s genau wissen wollt.
    J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen (1951)

    Braucht man nichts weiter drüber zu sagen. Kennt jeder. Und wer von diesem Roman bisher tatsächlich noch nichts gehört hat, sollte ihn sich spätestens jetzt sofort besorgen.

    Das Städtchen Holcomb liegt auf der Weizenhochebene von West-Kansas, eine weite einsame Gegend, die selbst für die anderen Kansaner hinter dem Mond liegt.
    Truman Capote: Kaltblütig (1965)

    Beruht auf einer wahren Geschichte: eine dreiköpfige Familie wird bei einem Raubüberfall ermordet. Die zwei männlichen Täter werden schnell gefasst und zum Tode verurteilt. Der Autor besucht die beiden regelmäßig in ihren Zellen, führt zahlreiche Interviews mit ihnen und begleitet sie bis zum Galgen. Aus diesen Notizen entstand der erste sogenannte Tatsachenroman der Weltgeschichte.

    Mittlerweile war klar, dass die Zeiten des Wassers vorbei waren, erinnerte sich der alte Qfwfq; die Zahl derjenigen, die sich entschlossen, den großen Schritt zu tun, wurde immer größer, es gab kaum noch eine Familie, die nicht einen ihrer Lieben auf dem Trockenen hatte, und alle erzählten sich Wunderdinge vom Leben dort und holten ihre Verwandten nach.
    Italo Calvino: Das Gedächtnis der Welten/ Bd. 1 der Cosmicomics (1965)

    Fantastische Geschichte der Entstehung des Lebens von seinen Anfängen im Ozean über die Zwischenstation Amphibien und Dinosaurier bis hin zu den ersten rattenartigen Säugern. Und immer mittendrin der unsterbliche Held mit dem unaussprechlichen Namen: Qfwfq.

    Zum ersten Mal traf ich Neal, kurz nachdem mein Vater gestorben war … ich hatte gerade eine schwere Krankheit hinter mir, von der ich nicht groß reden will, bloß dass sie mit dem Tod meines Vaters zu tun hatte und mit dem scheußlichen Gefühl, dass alles tot war.
    Jack Kerouac: On the Road (1958)

    In der Urfassung 1951 binnen drei Wochen auf eine vierzig Meter lange Papierrolle getippt. Atemloser Bericht vom Leben eines Hobos: Natur, Drogen, Jazz und Sex bestimmen die Handlung. Ständig auf der Suche nach Glück. Freiheit, der großen Liebe und der ultimativen Party. Meilenstein der Beat-Literatur.

    Erster Satz: wichtig, aber für sich alleine nicht kaufentscheidend

    Das war nun ein Dutzend willkürlich zusammengestellter Kostproben aus meinem Bücherregal für magische erste Sätze, die den Leser mühelos in den Roman hineinziehen, und bei denen die nachfolgende Handlung qualitativ und vom Spannungsaspekt her auch das hält, was auf Seite 1 versprochen wird. Die Geschmäcker sind unterschiedlich: das was mich in Schwärmerei versetzt, bewirkt bei anderen vielleicht nur ein müdes Lächeln oder gar ein Gähnen. Es existieren tausend weitere Beispiele für attraktive Einstiege. Und natürlich stoppt auch niemand nach der ersten Zeile eines Buchs. Das Auge überfliegt eine Drittel bis halbe Seite, bevor im Gehirn die Entscheidung „weiterlesen oder weglegen“ getroffen wird. Das wissen auch die Anhänger der Sexy-Satz-These. Die Auswahl eines Romans geschieht in der Regel anhand der Kriterien: Genre, kenne ich den Autor?, ist es eine Empfehlung eines Freundes?, steht das Buch in einer Bestsellerliste?, Klappentext, Studium Seite 1 und einer zufällig ausgewählten Passage im Mittelteil. Auf diesen Parametern fußt die Kaufentscheidung. Trotzdem ist die Beschäftigung mit dem Startsatz aus Autorensicht sinnvoll. Denn falls dieser bereits mit der 08-15-Schablone fabriziert wurde, wird auch der Rest des Textes Standardware sein.