Schlagwort: Terror

  • Weihnachtsmarkt mit Sicherheitskonzept?

    Weihnachtsmarkt mit Sicherheitskonzept?

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    Die Meldungen häufen sich: Weihnachtsmärkte werden abgesagt, weil die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen zu teuer sind, oder sie werden nicht genehmigt, weil das Sicherheitskonzept der Veranstalter nicht ausreichend ist. Schaut man auf die Kommentare zu diesen Nachrichten, erkennt man zwei Muster: die einen spielen die Sacher herunter, indem sie darauf hinweisen, dass es sich um Einzelfälle handelt. Die anderen sehen unsere Kultur am Abgrund, sie meinen, wir knicken vor dem Terror ein, der unser Land überziehen würde.

    Nicht nur Weihnachtsmärkte brauchen ein Sicherheitskonzept

    Das Phänomen ist beileibe nicht auf Weihnachtsmärkte beschränkt. Jede Veranstaltung, bei der viele Menschen zusammenkommen, braucht heute ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept. Der Aufwand dafür beschränkt sich längst nicht mehr darauf, möglichen Amokfahrern oder Attentätern einen schweren LKW in den Weg zu stellen und an den Eingängen Sicherheitspersonal zu platzieren.

    Es geht schon damit los, dass Veranstalter ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept zu erstellen haben, das dann behördlich geprüft und mit weiteren Auflagen zurückgegeben wird. Bis es zu einem genehmigten Konzept kommt, ist ein enormer bürokratischer und konzeptioneller Aufwand zu treiben, der wiederum Expertise voraussetzt, die Weihnachtsmarktveranstalter normalerweise nicht haben. Spezialisten müssen sich mit den lokalen Gegebenheiten beschäftigen und Konzepte erarbeiten, die abgestimmt werden müssen, das kostet Geld und Zeit. Das macht die Veranstaltung nicht nur teurer – was die Gefahr mit sich bringt, am Ende Verlust zu machen –, es verdirbt auch den Spaß an der Sache.

    Wenn das Konzept genehmigt wird, ist dann eine Ausrüstung zu beschaffen, die teuer und technisch nicht einfach zu installieren ist. Am Ende wird der Veranstaltungsort zur Festung, Barrieren werden notdürftig mit Schmuck kaschiert, trüben dennoch die Stimmung und werden zugleich zu Hindernissen für Alte, Familien mit Kinderwagen und Gehbehinderte. All das schon vorab im Sicherheitskonzept zu bedenken, erhöht wieder den Aufwand, die Anzahl der einzubeziehenden Experten und Behörden sowie die Kosten, von denen keiner weiß, ob die Besucher bereit sind, diese durch eine Preiserhöhung beim Glühwein oder bei der Bratwurst zu tragen.

    Natürlich gäbe es noch eine andere Möglichkeit: Man könnte sagen, dass die Terrorabwehr doch eine staatliche Aufgabe sei, und dass der Staat, und nicht der Veranstalter, dafür Sorge zu tragen hat, dass die Weihnachtsmärkte sicher sind. Vermutlich würde dann die Polizei aber mitteilen, dass sie dazu, gerade in der Weihnachtszeit, personell nicht in der Lage sei, was dann erst recht zu Absagen von Veranstaltungen führen würde. Ganz davon abgesehen, dass es die weihnachtliche Stimmung kaum begünstigen würde, wenn schwer bewaffnete Polizisten mit gepanzerten Fahrzeugen die Buden und Karussells bewachen.

    Weihnachtsmarktbesuch – ein allgemeines Lebensrisiko?

    Da stellt sich die Frage, ob es nicht besser wäre, die Gefahr eines Anschlags als allgemeines Lebensrisiko zu betrachten, das man als Besucher eingeht und für das der Veranstalter nicht haftbar zu machen ist. Aber das passt leider nicht mit der Entwicklung der modernen Gesellschaft zusammen, die das Konzept des allgemeinen Lebensrisikos aus ihrem Denken verbannt hat. Dass es Risiken gibt, die man als einzelner Mensch kennt und beurteilt und bei denen man sich eigenverantwortlich entscheidet, ob man sie eingeht oder nicht, kommt uns eigentlich gar nicht mehr in den Sinn. Vielmehr läuft die Sache so ab: irgendwo passiert irgendwas Schreckliches in einer Situation, in die man selbst gelangen könnte. Sogleich ruft man nach staatlichen Vorschriften, die dieses Geschehen, koste es, was es wolle, verhindern. Und es wird nicht geruht, bevor nicht das letzte kleine Risiko, dass es doch geschehen könnte, ausgeschlossen wird.

  • Gerichtsshow ohne Cliffhanger

    Gerichtsshow ohne Cliffhanger

    In Österreich hat der Privatsender Puls-4 ein neues Sendungsformat erfunden: In einer Art Gerichtsverhandlung streiten Befürworter und Gegner einer gesellschaftlich relevanten Position miteinander, es gibt Anwälte beider Seiten, Zeugen, Sachverständige, Kreuzverhöre und natürlich eine Richterin, in diesem Falle sogar eine „richtige“ – nämlich eine ehemalige OGH-Richterin. Und es gibt in dieser Gerichtsshow ein „Schöffengericht“ das aus den Zuschauern besteht. Im Falle der österreichischen Sendung sind das 500 repräsentativ ausgewählte Bürgerinnen und Bürger.

    Gerichtsshow in der Tradition von „Terror“

    Na gut, die Österreicher haben’s nicht erfunden. Die Sache kommt uns aus der Fernseh-Inszenierung Terror nach dem Bühnenstück von Ferdinand von Schirach bekannt vor, die im Oktober des vergangenen Jahres im deutschen und im österreichischen Fernsehen lief. Puls-4 macht daraus nun ein Dauer-Format: Einmal im Monat soll eine Frage von gesellschaftlicher Bedeutung „vom Volk“ in einer Gerichtsshow entschieden werden. Bei der ersten Sendung ging es ums Kopftuchverbot und – Überraschung – 80% der repräsentativ ausgewählten Menschen hat fürs Verbot gestimmt. Vorausgegangen war dieser Abstimmung zwar keine Beratung des Gerichts, aber immerhin eine umfangreiche Präsentation und Diskussion der Für- und Gegenargumente.

    Diskutiert haben, wie gesagt, nicht die Schöffen, sondern nur die Anwälte, Experten, Gutachter und Zeugen. Die Schöffen sollten sich das alles nur anhören und dann entscheiden. Man weiß, dass selbst in amerikanischen Gerichtsfilmen den Schöffen Zeit zum Nachdenken, Abwägen und diskutieren bleibt. Hier ist es anders, und genau das ist das Problem.
    Vergleichen wir die Inszenierung von Terror mit der österreichischen Gerichtsshow. Wer Terror im Theater gesehen hat, weiß: Nach der eigentlichen Verhandlung, nach den Plädoyers, gibt es eine Pause, ca. 20 min, wie es im Theater üblich ist. Die Zeit ist kurz, zu kurz für eine ausführliche Diskussion, aber immerhin, man spricht, man wägt, man grübelt. Leute, die zusammen gekommen sind, rekapitulieren gemeinsam die Argumente, manchmal spricht man auch mit Fremden. Am Ende musste man sich entscheiden, sonst kam man nicht zurück in den Zuschauerraum. Alle Zuschauer, die da waren, haben also ihre Stimme abgegeben.

    Es fällt auf, dass die Quote der Zuschauer, die für einen Freispruch stimmt, fast unabhängig vom Ort der Inszenierung ist. Offenbar spielt es fast keine Rolle, wie die Regisseure und Ensembles das Stück umsetzen, ob sie eher „auf Freispruch spielen“ oder nicht. Das deutet schon darauf hin, dass die Zuschauer durch das, was sie während des Theaterabends sehen und erleben, in ihrem Urteil gar nicht beeinflusst werden. Sie kommen mit einer Meinung ins Theater, finden sich mehr oder minder bestätigt, und stimmen dieser Meinung entsprechend ab. Selbst wenn sie durch das Stück ins Grübeln kommen, reicht die Pause nicht, um die vorher gefasste Meinung „über Bord zu werfen“.

    Bei der Fernseh-Inszenierung im Oktober hatten die Zuschauer gar keine Zeit zum Nachdenken. Hier musste man schnell entscheiden, quasi sofort. Wer die Pause nicht optimal fürs Anrufen nutzte, hatte kaum eine Chance, durchzukommen. Die meisten, vor allem diejenigen, die durch die Sendung verunsichert waren, die zum Nachdenken neigen, werden nicht abgestimmt haben. Man darf deshalb die hohe Freispruchquote auch nicht überbewerten. Sie liegt interessanterweise deutlich über der Quote in den Theatern. Man kann annehmen, dass viele, die im Theater schwankend-spontan entschieden haben, vorm Fernseher eben gar nicht zum Telefon gegriffen haben.

    Bei der neuen Gerichtsshow aus Österreich entscheiden wenigstens nicht diejenigen, die selbstsicher schnell zum Telefon greifen. Das „Österreich-Panel“ entscheidet komplett, wenn auch jeder für sich, ohne langes Nachdenken und ohne Diskussion. Die Situation ähnelt also eher der im Theater.

    Dem ganzen Konzept liegt die Idee eines Menschen zugrunde, der vorurteilsfrei verschiedene Standpunkte anhört, abwägt, und dann danach entscheidet, welche Argumente ihm am meisten eingeleuchtet haben. Menschen seien, so meint man dann, dazu in der Lage, Argumente zu verstehen, zu bewerten, abzuwägen, und daraus plausible Urteile abzuleiten. Aber niemand ändert auf der Basis von Worten und Widerworten seine Meinung innerhalb von Minuten. Gerade wenn uns das neu Gehörte verwirrt oder sogar zum Nachdenken bringt, greifen wir, wenn man uns zur Entscheidung drängt, auf unsere Vor-Urteile zurück.

    Nicht drängeln, bitte

    Den Fehler machen wir auch im Alltag immer wieder: Wir diskutieren mit jemandem, präsentieren ihm Fakten und Argumente, ziehen wohl-durchdachte Schlussfolgerungen – und wundern uns, dass der andere uns trotzdem nicht zustimmen will, dass er auf seiner Meinung beharrt. Viel klüger wäre es, dem anderen Zeit zu geben, am Ende ein kühles kühlendes Bier zusammen zu trinken – und nach ein paar Tagen oder Wochen wieder mal das Gespräch auf die Sache zu bringen. Nach ein paar Wiederholungen dieses Vorgangs wundert man sich, dass der andere, oder man selbst, plötzlich seine Ansicht geändert hat.

    Im Falle der Gerichtsshow im Fernsehen ist die schnelle Abstimmung aber fatal. Denn alle irritierenden Argumente, die mich vielleicht nachdenklich machen könnten, werden vom klaren Abstimmungsergebnis überlagert. Plötzlich zählt nicht mehr, was die eine oder die andere Seite als Argument vorgetragen hat, sondern was die Mehrheit sagt. Man fühlt sich bestätigt oder vor den Kopf gestoßen vom Urteil der Masse. Weiteres Nachdenken wird dadurch nicht befördert, sondern verhindert.

    Es fehlt ein Cliffhanger

    Wenn ich mir eine Änderung des Sendungskonzepts wünschen dürfte, ginge die so: Die 500 Schöffen des Österreich-Panels dürfen sofort ihre Stimme abgeben, aber das „Urteil“ wird nicht veröffentlicht. Niemand erfährt, wer, wie abgestimmt hat. Dann beteiligen sich alle Schöffen bis zum Tag vor der nächsten Sendung an einer Online-Diskussion, und einmal pro Woche kann jeder erneut sein Urteil treffen. Zu Beginn der nächsten Sendung wird dann präsentiert, wie sich die Meinungen verändert haben. Schon der Trend würde viel aussagen: Wenn Nachdenken und Diskutieren zum Meinungswandel führt, dann kann die Minderheitsmeinung, auch wenn sie nicht zur Mehrheitsmeinung wird, doch vielleicht einiges für sich haben. Das gäbe weiteren Stoff zum Nachdenken, das Ergebnis ist kein Schlusspunkt, sondern der Beginn eines gesellschaftlichen Verständigungsprozesses.
    Aber das ist vielleicht von einem Privatsender etwas viel verlangt. Wobei so ein Cliffhanger ja durchaus etwas für sich hat.

  • Shira ist tot

    Shira ist tot

    Wir waren am 27.12. in der Negev unterwegs, um für eine Wanderung Wasservorräte im Wüstenboden zu vergraben. Es war ausnahmsweise ein regnerischer Tag. Neben der Schotterpiste stand eine Gruppe junger israelischer Soldatinnen und Soldaten in viel zu großer Regenbekleidung, und auch die Maschinenpistolen, die sie umgehängt hatten, wirkten viel zu groß. Die Frauen trugen die Haare offen, paarweise schauten sie in Landkarten und dann wieder in die Umgebung. Sie übten wohl, sich im Gelände zu orientieren.

    Man gab uns ein Zeichen, anzuhalten. Dann sahen wir dich. Idan, unser Begleiter, sprach mit dir. Du fragtest etwas in dein Funkgerät. Es ging ein paar Mal hin und her. Deine Haare wehten im Wind, du hast freundlich zu uns herübergesehen. Dann hast du ein Zeichen gegeben, und wir konnten weiterfahren.

    Dein Name war Shira. Du warst Leutnant. Heute steht dein Name in den Zeitungen, ich sehe dein Bild, das Lachen und deine wehenden Haare.

    Heute bekam ich eine Nachricht von Idan, mit einem Foto von dir und deinen drei Kameraden. Idan schrieb

    Remember the group of soldiers from the military officers school? This 4 was a part of that group. The girl in the right was the one that talked with me and let us in.

    Erinnert ihr euch an die Gruppe Soldaten von der Militärschule? Diese 4 waren Teil der Gruppe. Das Mädchen ganz rechts war die, die mit mir gesprochen hat und die uns durchgelassen hat.

    Ich möchte, und deshalb schreibe ich diesen Text, dass dein Tod, und der von Yael, Erez und Shir, nicht nur mir nahe geht, weil ich dir für ein paar Minuten begegnet bin. Ich habe in Israel viele junge Menschen in Uniform gesehen, sie saßen mit mir im Bus, sie schauten auf ihre Smartphones, sie lachten. Ich hab sie nach dem Weg gefragt und sie haben mir den Fahrplanaushang übersetzt.

    Es gibt keine Rechtfertigung für deinen Tod. Nicht, weil du noch jung warst, nicht wegen deinem Lächeln und deinen wehenden Haaren. Sondern weil du nicht im Krieg warst, als du sterben musstest. Du hast nichts weiter getan, als deine Pflicht zu erfüllen, dich bereit zu machen für die Verteidigung des Landes, in dem du lebst. In dem ihr friedlich miteinander leben könntet, wenn auch eure Nachbarn anerkennen würden, dass auch ihr ein Recht darauf habt, in dieser Gegend der Welt glücklich zu sein.

    Ich habe in diesen Tagen in Israel verstanden, warum du und deine Landsleute dort zu Hause seid. Darüber wird noch zu schreiben sein. Heute bin ich voller Trauer über deinen Tod und über den von Yael, Erez und Shir.

  • Luthers Thesen: Die Demut des Piloten

    Luthers Thesen: Die Demut des Piloten

    Die siebte These klingt in der EKD-Übersetzung etwas sperrig, dort lautet sie:

    Überhaupt niemandem vergibt Gott die Schuld, ohne dass er ihn nicht zugleich – in allem erniedrigt – dem Priester, seinem Vertreter, unterwirft.

    Andere Übersetzungen weichen davon an einer wichtigen Stelle ab: sie sprechen nicht von Erniedrigung, sondern von Demut. Vergebung der Schuld ist also nur möglich, wenn sich derjenige, der Schuld auf sich geladen hat, demütige dem Vertreter Gottes unterwirft.

    Mit dieser These stellt sich für uns hier und heute die Frage, wie eine Schuld überhaupt wirklich vergeben werden kann. Wer kann eine Schuld abschließend vergeben? Und wie können wir sicher sein, dass sie wirklich vergeben ist, und zwar so, dass sich auch der Schuldige von der Schuld entlastet fühlt?

    Ich hatte schon bei der Diskussion der sechsten These, als es darum ging, dass institutionalisierte Rechtsprechung zwar Strafen festlegen oder erlassen kann, aber keine Schuld feststellen und auch nicht von Schuld befreien kann, auf das Beispiel des Bundeswehrpiloten als dem Stück Terror von Ferdinand von Schirach verwiesen. Auch wenn das Gericht den Piloten freispricht, ihm also eine Bestrafung erlässt, so kann es ihm nicht die Schuld erlassen.

    Denken wir einmal darüber nach, wie es mit dem Piloten nach dem Freispruch weitergeht. Stellen wir uns vor, er versucht in sein altes Leben zurückzukehren, aber ihn lässt das Geschehen nicht los. Er bekommt die Schilderung der Frau, die am Flughafen vergeblich auf ihren Mann gewartet hat, nicht aus dem Kopf. Umso länger er über ihr Schicksal nachdenkt, desto mehr fühlt er sich schuldig.

    Wer kann ihn von dieser Schuld befreien? Er selbst, indem er sich immer wieder die Argumente ins Gedächtnis ruft, die ihm sagen, dass er richtig gehandelt hat? Die Erinnerung an die Tatsache, dass das Gericht ihn schließlich freigesprochen hat? Freunde, die ihm sagen, dass ihn keine Schuld trifft?

    All das wird ihm vielleicht helfen, die Schuld zu verdrängen, aber nicht, die Schuld loszuwerden.

    Bei Luther geht es auch gar nicht um das Befreien von Schuld. Es geht ums Vergeben. Voraussetzung des Vergebens ist, dass der, der die Schuld vergibt, auch denkt, dass die Schuld da ist. Jeder, der mir sagt, dass ich gar keine Schuld habe, kann mir die Schuld auch nicht vergeben. Und wenn ich die Schuld als Last nun einmal spüre, hilft es mir auch nicht, dass mir jemand einzureden versucht, da sei gar keine Schuld.

    Man sagt, die Schuld kann nur der vergeben, gegenüber dem die Schuld besteht. Aber im Fall des Piloten sind die alle tot. Infrage kommen die Hinterbliebenen, die Trauernden.

    Die Schuld besteht gegenüber allen Betroffenen, genauer, gegenüber der Gemeinschaft der Betroffenen, die in ihrer Betroffenheit auch empfindet, dass da eine Schuld ist, auch wenn keine Strafbarkeit da ist. Die unmittelbaren Angehörigen, die Eltern und Kinder, die Freunde der Toten, aber auch alle, die bestürzt und berührt sind vom Tod der Menschen, die im Flugzeug saßen.

    „Gott“ ist der Sinnzusammenhang unseres Lebens, er ist keine Person, er steht als Chiffre für den Glauben an das Gute, Schöne und Wahre, das unserem Leben Sinn gibt. Der Tod der Menschen im Flugzeug wird von der Gemeinschaft der trauernden genau in diesem Sinnzusammenhang als sinnlos erlebt. Jeder von ihnen ist in diesem Sinne Gottes Vertreter, der Schuld vergeben kann, genauer, der als Teil der trauernden Gemeinschaft dazu beitragen kann, dass die Schuld vergeben wird. Voraussetzung ist, dass der Schuldige demütig gegenüber den Trauernden seine Schuld annimmt. Darin besteht der Zusammenhang zwischen dem Vergeben der Schuld und der Demut gegenüber der Gemeinschaft, die in dem Sinnzusammenhang des Guten, Wahren und Schönen existiert, aus dem heraus die Schuld überhaupt existiert.

  • Schirach ohne Moral

    Schirach ohne Moral

    Es wird wohl das erfolgreichste Theaterstück der kommenden Spielzeit an deutschsprachigen Bühnen werden. Schon jetzt haben 125.000 Menschen das Stück gesehen, und viele Theater haben für die kommende Spielzeit die Premiere im Programm.

    Dabei ist Terror von Ferdinand von Schirach gar kein „richtiges Theaterstück“. Es ist sozusagen die Live- und Echtzeitdarstellung einer Gerichtsverhandlung, mit „Anklageverlesung“, „Zeugenvernehmungen“, „Plädoyers“ und einem „Urteil“ – und die Zuschauer, die sind bei dem ganzen Schauspiel auch nicht einfach das Publikum, sie sind die „Richter“, oder die „Schöffen“, die ein „Urteil“ sprechen, die über „Freispruch“ oder „Schuldig“ zu befinden haben.

    Ja, viele Anführungszeichen stehen in diesem ersten Absatz, viel uneigentliche Rede, das sieht absurd aus. Und irgendwie ist die ganze Sache auch absurd. Auf einer Webseite kann man verfolgen, wieviel Prozent der Zuschauer in welchem Theater auf „Schuldig“ oder „Freispruch“ plädiert haben. Dort kann man auf schwarzem Grund Statistiken in Rot und Grün abrufen, die zeigen, wie sich andere „Schöffen“ an anderen Orten „entschieden“ (ja, auch dieses Wort gehört in Anführungszeichen) haben. Spätestens dort fragt man sich, welcher Show man hier eigentlich beiwohnt.

    Keine Theaterkritik

    Ich habe Terror vor Monaten in Düsseldorf gesehen, und ich werde mir die Premiere am Wolfgang-Borchert-Theater in Münster ansehen. Der Moment, in dem ich diesen Text schreibe, hat den größtmöglichen Abstand zwischen diesen beiden Theaterabenden. Denn hier geht es nicht um konkrete Inszenierungen, hier geht es um das Stück als Text und um diese merkwürdige Einbeziehung der Zuschauer. Dies ist keine Theaterkritik.

    Das Stück macht den fiktiven Abschuss eines Verkehrsflugzeuges durch einen Bundeswehr-Piloten zum Thema. Das Flugzeug ist von Terroristen gekapert worden und diese beabsichtigen, es in einem vollbesetzten Stadion abstürzen zu lassen. Der Pilot hat sich, unabhängig von Vorgaben und Befehlen, dafür entschieden, das Flugzeug abzuschießen, die 100 oder 200 Passagiere zu opfern, um Zehntausende im Stadion zu retten.

    Die Frage ist nun also, ob er schuldig oder unschuldig am Tode der Passagiere ist, ob er deshalb zu verurteilen (und dementsprechend einzusperren) oder freizusprechen ist.

    Ich will mich hier nicht mit den Details der Argumentation von Anklage, Verteidigung, Zeugen und Angeklagtem befassen. Jeder mag da selbst ins Theater gehen und sich die einzelnen Monologe und Dialoge anhören – die sind im Detail durchaus interessant und bewegend. Mir geht es um grundsätzliche Fragen, die sich an dieser Konstellation diskutieren lassen.

    Das moralische „Dilemma“: Eine lange, aber irrige Tradition

    Über den größten Teil von Terror wird die moralische Konfliktsituation, in der sich der Pilot befindet, als Dilemma dargestellt: Das Leben der Menschen an Bord des Flugzeugs gegen das Leben der Menschen im Stadion. Dieses Dilemma wird in verschiedenen Variationen durchgespielt, an leicht abgewandelten Beispielen in einfacher oder komplizierterer Form behandelt. Damit befindet sich von Schirarch in einer bekannten, aber ganz irrigen Tradition. Die Frage, ob man das Leben Weniger für das Vieler opfern sollte oder dürfte, wird immer wieder als eine moralische Grundfrage dargestellt. Man meint, anhand solcher so genannten Dilemma-Situationen darüber reflektieren zu müssen, ob Moral etwas mit Nutzen, sogar mit größerem oder kleinerem Nutzen, mit dem Verrechnen oder Abwägen von Übel und Freude, von Tod und Leben zu tun habe.

    Von Schirach meint offenbar, dass das moralische Denken darin bestehen würde, dass die Menschen aus den bestehenden Optionen die richtige, die beste auswählen. Selbst in dem Moment, als kurz aufscheint, dass die Verantwortlichen mehr als zwei Optionen gehabt hätten, wird von diesem Paradigma nicht abgegangen. Es ist der Moment, als die Staatsanwältin fragt, warum das Stadion nicht geräumt worden ist, auch wenn doch noch fast eine Stunde Zeit gewesen sei. In diesem kurzen Moment, der jedoch auch gleich wieder überspielt wird, wird in der konstruierten Situation aus dem Dilemma ein Trilemma, aber immer noch bleibt es dabei, dass es moralisch sei, aus den bestehenden Optionen eine auswählen zu können, und dass diese Auswahl irgendwie nach mathematischen Kriterien erfolgen könnte.

    Auch bei der Beurteilung des Handelns des Piloten wird man diese „dritte Option“ außen vor lassen können, denn für die mögliche Räumung des Stadions war er ja nicht zuständig. Wenn die Zuschauer dann am Ende gefragt werden, ob er schuldig oder freizusprechen sei, bleibt eben nur die Frage: War es richtig, das Flugzeug abzuschießen, oder war es falsch?

    Vielleicht richtig, aber niemals gut

    Aber mit dieser Frage ist das Feld des Moralischen noch gar nicht betreten. Die Frage nach dem moralischen Handeln, die Frage nach der moralischen Schuld, wird gerade verdrängt durch all diese Erwägungen über das Dilemma und über die Zwänge und die Verfahren, die das politische und militärische Entscheiden beeinflussen. All diese Abschätzungen, Syllogismen, Schlussfolgerungen, Gleichnisse, Argumentationen sind nur dazu da, die Stimme des Gewissens und der Moral zum Schweigen zu bringen.

    Der moralische Mensch weiß, dass er schuldig ist, wenn er Menschen tötet. Es mag richtig sein, das zu tun, aber es ist niemals gut. Immer, wenn ich einem anderen Leid zufüge, belade ich mich mit Schuld. Auch wenn ich meine, keine andere Wahl gehabt zu haben. Ich muss diese Schuld tragen, sie wird mir nicht durch das Urteil, dass es doch aber richtig gewesen sei, abgenommen.

    Das moralische Spektrum erstreckt sich nicht zwischen Richtig und Falsch, sondern zwischen Gut und Böse. Mit dem Versuch, eine moralische Frage im Richtig-Falsch-Spektrum zu beantworten, stellen wir uns schon außerhalb der Moral auf. Wir umgehen die moralische Frage, wenn wir fragen, ob unsere Entscheidung richtig war.

    Wir halten Moral nicht mehr aus

    Denken wir zurück an die griechischen Tragödien. Auch hier werden Menschen in Dilemma-Situationen gestellt. Käme irgendein Zuschauer einer solchen Tragödie auf die Idee, die Charaktere wären unschuldig? Im Gegenteil, die Tatsache, dass sie Schuld auf sich geladen haben, dass ihr Schicksal ihnen keine andere Wahl ließ, als schuldig zu werden, ist der Kern der griechischen Tragödie. Wir Heutigen halten diese einfache Tatsache offenbar nicht mehr aus.

    Ganz unmoralisch wird das Projekt, wenn der Autor versucht, die tatsächlich unlösbare Schicksals-Situation auf eine simple Entweder-Oder-Entscheidung zu reduzieren und den Zuschauer per Abstimmung entscheiden zu lassen, ob der Pilot nun schuldig sei oder freizusprechen ist. Freizusprechen wovon? Schuldig woran? Hier werden rechtliche und moralische Fragen auch noch aufs Übelste miteinander vermischt. Aber das ist nicht das schlimmste: Mit der „Abstimmung“ erfolgt sozusagen die definitive moralische Entlastung der Zuschauer, an die Stelle der Katharsis hat von Schirach die „demokratische Entscheidung“ des Publikums gesetzt. Damit können wir, in der Pause und auf dem Heimweg, ganz intellektuell, gelehrt und sachlich die Für und Wider besprechen, die Vor- und Nachteile wägen und uns von der moralischen Belastung, die uns das ungeheuerliche Ereignis eigentlich aufbürden müsste, befreien – falls wir sie überhaupt empfunden haben. Und am Ende schauen wir ins Internet, stellen fest, dass andere Zuschauer anderswo ganz ähnlich „entschieden“ haben und kommen zu dem Schluss, dass es ja dann wohl richtig so sein wird, und schlafen ruhig ein.

    Der Pilot in Terror geht nicht an seiner moralischen Schuld zugrunde, er kann als „unschuldig“ in sein tägliches Leben zurückkehren. Er hat das „Richtige“ getan, das versichert ihm die Gemeinschaft des Publikums.

    Das ist nicht gut.

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  • Die Philosophie bei Homeland

    Die Philosophie bei Homeland

    Komplexe Fernsehserien bieten eine Fülle an Material für philosophische Reflexion. Da es bei Homeland zudem um Terrorismus, Spionage, Überwachung und Geheimdienste geht, können ethische Fragen am Geschehen der Serie gut diskutiert werden – aber die Serie bietet weit mehr als das.

    Im Folgenden Podcast geht es um ein Buch, in dem genau das passiert: Homeland wird aus einer Vielzahl philosophischer Fragestellungen betrachtet. Achtung: Der Verlag verlost drei Pakete, bestehend aus dem Buch und der DVD-Sammlung zur 5. Staffel. Also bis zum Schluss dranbleiben, es lohnt sich.

  • Wer hat Angst vorm Terrorismus?

    Wer hat Angst vorm Terrorismus?

    Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und auch einige der so genannten seriösen Medien versuchen uns in den letzten Tagen eindringlich klar zu machen: wir müssen uns nicht so doll fürchten vor den Terroristen. Es wird uns, also jedem einzelnen von uns, schon nichts passieren. Wir, also Sie, liebe Leser ganz persönlich, müssen wirklich keine Angst haben, bei einem Terroranschlag zu sterben, genauso wenig wie der Autor dieser Zeilen.

    Dazu werden Statistiken über Todesursachen bemüht und Wahrscheinlichkeiten für bestimmte schlimme Todesszenarien berechnet. In der letzten Kolumne hatten wir gesehen, dass die Berechnung solcher Wahrscheinlichkeiten im Falle von Terrorangriffen derzeit schlicht unmöglich ist. Aber sei es drum.

    Die spannende Frage ist ja eigentlich: Wer muss denn hier überhaupt beruhigt werden?

    Haben Sie Angst vor Terror?

    Wenn ich so durch die Straßen  gehe, begegne ich eigentlich nirgends Menschen, die besonders ängstlich wirken. Niemand blickt sich argwöhnisch um im Einkaufszentrum, keiner versucht ängstlich, Menschenansammlungen zu vermeiden. Alle sitzen gelassen in den Cafés, plaudern friedlich mit den Verkäufern auf dem Markt.

    Auch im vertrauten privaten Gespräch hat mir noch niemand seine Angst vor dem Terror gestanden. Dass jemand mit verzweifelt zitternden Händen, schweißnasser Stirn und zitternder Stimme flüstern würde, er habe große Angst, von einen Terroristen umgebracht zu werden – nein, das ist mir noch nicht passiert.

    Die seriösen Medien geben natürlich nichts auf meine anekdotischen Erfahrungen. Sie schicken die Meinungsforscher los, damit ihnen eine repräsentative Stichprobe von Alltagsmenschen ihre Ängste mitteilen. Meinungsforscher sind allerdings keine Psychologen, die in geduldigen Sitzungen die Ängste ihrer Interviewpartner ausloten. Sie haben statt dessen Fragebögen, auf denen man ankreuzen kann, ob man einer Aussage zustimmt oder nicht oder es nicht weiß.

    Was fragen also die Meinungsforscher? Geben Sie mal in eine Suchmaschine Ihrer Wahl „Umfrage Terror“ ein. Ignorieren Sie die skandalisierenden Überschriften, versuchen Sie statt dessen, im Text herauszufinden, was in den Umfragen wirklich gefragt wurde. Sei werden sehen, das ist gar nicht so einfach. Insgesamt ergibt sich das folgende Bild. Gefragt wird zumeist, ob man der Meinung ist oder fürchtet, dass die Terrorgefahr oder die Zahl der Terroranschläge in Deutschland oder in Europa in nächster Zeit zunehmen wird.

    Wenig überraschend antworten die meisten Menschen da mit „Ja“.

    Finden Sie irgend eine Umfrage, in der auch nur gefragt würde, ob jemand Angst habe, selbst Opfer eines Terroranschlags zu werden? Wenn ja, her mit dem Link!

    Schon die Berichte über die jeweilige Umfrage lesen sich dann aber ganz anders: Da wird dann mal eben gesagt, die Angst vor dem Terrorismus würde wachsen. Das ist, wenn man den Umfrageergebnissen traut, nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig.

    Dann kommen die Aufklärer

    Nun kommen die Experten ins Spiel, die klugen Aufklärer der Tagesschau und die Professoren der Soziologie und der Psychologie. Sie sagen uns: Leute, ihr braucht keine Angst haben. Ihr werdet nicht bei einem Terrorangriff sterben!

    Darüber wieder berichten dann auch alle diese großen seriösen Zeitungen und Rundfunkanstalten, und man denkt sich: Mensch, wenn die alle so gleichzeitig beruhigend auf das Volk einreden, all diese klugen Leute, dann muss die Angst in der Bevölkerung ja wirklich groß sein. Man fragt sich plötzlich: Warum habe ich eigentlich keine Angst? Müsste ich mich nicht auch fürchten, wenn es offenbar alle tun?

    (Wenn dann der nächste Meinungsforscher kommt, dann wissen Sie auch schon, was Sie, wenn Sie normal sein wollen, auf die Fragen zur Terrorismusangst antworten müssen. Wobei: haben Sie keine Angst, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Meinungsforscher gerade Sie befragt, ist sehr gering…)

    Sorge vor einer Zunahme von Terroranschlägen, das bedeutet nicht, dass man sich selbst in Todesangst befindet, nicht mal, dass man angst davor hat, bei einem Anschlag selbst verletzt zu werden. Es heißt einfach, dass man sich Sorgen macht, dass der Terrorismus hierzulande zukünftig eine größere Rolle spielt. Sich sorgen, das heißt auch, dass man bereit ist, dafür zu sorgen, mit dieser Gefahr umzugehen. Sorgen ist erst mal nichts Schlechtes.

    Deshalb sollte man solche Sorgen auch nicht zu Angst oder gar Panik hochschreiben und -reden, damit man dann, ganz besorgter Staat, die Sorgen wieder kleinreden kann – oder dem Bürger verspricht, durch diese und jene Maßnahmen dafür zu sorgen, dass uns nichts passiert.

    Sicher, das wollen diese Medien, die derzeit so eifrig versichern, dass wir keine Angst haben müssen, auch nicht. Sie sorgen sich nur um Einschaltquoten und Auflagezahlen. Vielleicht haben sie sogar Angst, dass die zurückgehen. Mit einer Schlagzeile: „Bürger nehmen an, dass es mehr Terroranschläge geben wird“ kann man niemanden locken. Also muss eine Angst her, möglichst gar eine Panik. Und ein besorgter Experte der uns dann sagt, dass wir die Angst, die wir nicht haben, wirklich auch nicht haben müssen.

  • Was ist das Böse?

    Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 taucht immer wieder „das Böse“ als Erklärungsmuster für Terroranschläge auf, zumindest, wenn sie in der westlichen Welt verübt werden. Auch nach den Anschlägen von Paris am Freitag meldeten sich Stimmen zu Wort, die vom Bösen sprachen, das nun einmal in der Welt sei und dessen Existenz und Wirksamkeit wir nicht verleugnen können. Unter dem Motto Das Gute ist stärker als das Böse riefen die Europäischen Staats- und Regierungschefs zu einer Schweigeminute auf.

    Aber was ist das Böse? Und ist es geeignet, um als Erklärungsansatz für Terror zu dienen, vielleicht sogar, um eine Idee zum praktischen Umgang mit den Gefahren des Terrorismus zu finden?

    Das Böse als politischer Kampfbegriff

    Der Begriff des Bösen ist auch in der modernen Welt nie ganz verschwunden. Er diente natürlich zur Kennzeichnung des Faschismus und des Holocaust. Später wurde, je nach politischer Lage, die Sowjetunion und das „sozialistische Lager“ als „Reich des Bösen“ bezeichnet.

    In diesen Fällen diente der Begriff des Bösen als politischer Kampfbegriff, mit dem Begriff des Bösen soll dann ein politischer Feind charakterisiert werden, mit dem man nicht friedlich verhandeln kann, der keinem Argument der eigenen Rationalität zugänglich ist. Der Feind, der als böse gekennzeichnet wird, gefährdet die eigene Existenz radikal, und muss deshalb ebenso radikal bekämpft und vernichtet werden.

    Umgekehrt wurde im Herrschaftsbereich des Sozialismus während des kalten Kriegs natürlich der „US-Imperialismus“ als böse bezeichnet, insbesondere dort, wo sich die USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts militärisch engagierten. Allerdings hatte die Verwendung dort vor allem pädagogische Motive, das Wort fand eher Verwendung in Kindergärten und Grundschulen, wenn es darum ging, Kindern einen „antiimperialistischen Hass“ gegen die USA und ihre Verbündeten anzuerziehen.

    Warum wurde das US-geführte kapitalistische System (wenigstens außerhalb der Kindererziehung) nicht ebenso als böse bezeichnet? Der Grund liegt wahrscheinlich im wissenschaftlichen Erklärungsanspruch für das – vorgeblich oder tatsächlich – aggressive Verhalten des politischen Feindes. Die Gefahr, die vom Kapitalismus und dessen imperialistischer Ausprägung ausging, wurde ja ökonomisch begründet – der einzelne Kapitalist musste nicht als böser Feind angesehen werden – das System als System war bösartig – etwa vergleichbar einem Krebsgeschwür.

    Das Böse ist überall

    Wenn heute Terroristen als böse bezeichnet werden, wenn gesagt wird, dass sich im Terror das Böse zeige, dann ist darin natürlich auch noch eine politische Bedeutung hörbar, insbesondere, wenn der Begriff von Regierungschefs und Präsidenten verwendet wird. Aber wenn der Begriff in der öffentliche Debatte auftaucht und wenn er von Zuhörern akzeptiert wird, dann nicht nur als Werkzeug zur eigenen Radikalisierung der Ablehnung derer, die mit dem Begriff des Bösen charakterisiert werden.

    Wenn wir versuchen, die verschiedenen Verwendungssituationen des Begriffs auf einen Nenner zu bringen, dann fallen zwei Aspekte auf: Zum einen die Irrationalität des Bösen. Dem Bösen ist, wenigstens in seinem bösen Handeln, mit keinem Argument der Vernunft beizukommen. Die Gründe, die er für sein böses Handeln vorbringt, sind innerhalb unserer Vernunft nicht akzeptabel, und zwar absolut nicht akzeptabel. Das zweite, was zum Bösen gehört, ist, dass der Böse dem anderen seinen Willen, seine Macht, sein Weltbild, seine Normen und Verbindlichkeiten aufzwingen will.

    Diese beiden Merkmale finden wir überall, wo wir ein Verhalten intuitiv als Böse bezeichnen: Das schreiende Kind, das sich im Kassenbereich des Supermarkts zornig auf den Boden wirft und von seinen Eltern mit bloßer Körperkraft zum Weitergehen gezwungen werden kann, wird als böse bezeichnet. Linke Aktivisten sehen die US-Regierung, die Wall Street oder überhaupt den Kapitalismus als böse an, wenn sie sagen, dass sie aus bloßer irrationaler Profitgier der ganzen Welt den American Way aufzwingen wollen und dabei die Lebensgrundlagen auf der Erde vernichten.

    In der Tat ist das Böse überall, in fast allen Kulturen und fast allen Epochen gibt es die irrationalen Eiferer, die versuchen, gewaltsam ihre Art zu leben anderen Menschen aufzudrängen. Es scheint eine anthropologische Konstante zu sein, das Böse scheint zum Menschen dazu zu gehören. Aber warum funktioniert das Böse? Woraus gewinnt es seine Anziehungskraft?

    Die Wirksamkeit des Bösen beruht auf dem Genuss, den es bereitet, wenn man andere Menschen, am besten zunächst gegen ihren Willen, zu einer Handlung bringen kann. Umso mehr Menschen man manipulieren kann, desto höher der Genuss. Dieser Genuss des manipulierenden Führers trifft auf den Genuss der Geführten an der kollektiven Aktion, dem Gemeinschaftserlebnis, dem Rausch der Gleichheit, die den kleinen Einzelnen plötzlich zu einem kollektiven Großen macht.

    Diese Paarung aus Führer und Masse beobachten wir im Rockkonzert ebenso wie auf der politischen Großdemonstration und eben auch im Terrorismus. Zum Bösen wird dieser Genuss dadurch, dass der Führer die manipulierte Gefolgschaft dazu bringt, sich denen gegenüber, die nicht zur Gemeinschaft gehören, als überlegen und hochwertiger anzusehen. Führerschaft und kollektive Aktion allein sind noch nicht böse, wie jedes Rockkonzert zeigt. Wird aber die Überzeugung von der eigenen Überlegenheit den Anderen gegenüber zum Kitt, der die manipulierte Gemeinschaft zusammenhält, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Bösen. Was nur noch fehlt, ist die Behauptung, dass es die Anderen sind, die mit ihrem Anderssein die überlegene Gemeinschaft bedrohen.

    Religionen sind nicht böse

    Man sieht, dass Religionen zunächst nicht böser sind als Fans einer beliebigen Musikrichtung. Auch die Überzeugung, dass der eigene Glaube besser sei als alle anderen, macht Religionsanhänger noch nicht zu bösen Terroristen.

    Allerdings liefern alle Religionen, wie auch viele andere Ideologien, die meinen, etwas vom guten und richtigen Leben an sich zu wissen, immer einen guten Nährstoff für das Böse. Jeder Anspruch, zu wissen, wie die Menschen richtig leben sollen, lässt sich radikalisieren. Jede solche Idee lässt sich zur Manipulation von Anhängern einsetzen. Und wenn man diesen Anhängern dann noch einredet, dass die Anderen, die ihrem Glauben nicht anhängen, eine Bedrohung für das eigene gute Leben sind, dann ist es zum Bösen nicht mehr weit – denn dann müssen die Anhänger der betreffenden Ideologie versuchen, ihre Lebensweise den anderen aufzudrängen, ein Versuch, der von jenen anderen als irrational empfunden werden muss.

    Böse sind immer nur die anderen

    Damit ist klar: Irrational, unvernünftig und aggressiv bedrängend sind immer nur die Anderen. Und: Die Charakterisierung des Anderen als „das Böse“ kann selbst manipulierend und radikalisierend, mithin böse sein. Allerdings empfinden wir dann nicht nur den radikalisierten Teil der Anderen als bedrohlich-böse, der sich in aggressiver Weise gegen uns selbst wendet, sondern eben auch schon das ideologische Fundament der Anderen, welches von radikalisierenden manipulierenden Führern als Mittel zur Kollektivierung gebraucht wird.

    Diese Ideologie kann aber alles sein, was irgendwie mit normativem Anspruch für die Lebensführung daherkommt – es muss keine Religion sein und jede Religion hat, wie auch alle anderen ideologisch ausgeprägten Normsysteme, das Zeug dazu, zum Bösen zu werden. Deshalb ist es gerade falsch, die Wurzel des Bösen in einer Religion zu suchen. Das Böse sucht sich seine manipulativen Werkzeuge in den Religionen und Ideologien.

    Klar wird somit auch: wer gegen das Böse kämpft, begibt sich immer in die Gefahr, selbst zum Bösen zu werden, insbesondere dann, wenn nicht nur die Bösen bekämpft werden, sondern die Ideologien, derer sie sich bedienen, als Wurzel des Bösen, als Quelle und Fundament der Radikalisierung und Aggressivität der Bösen angesehen werden. Man muss die Bösen radikal bekämpfen – so wie die Nazis bekämpft werden mussten, so müssen auch die Terroristen, ihre Organisationen und Institutionen und ihre Infrastrukturen bekämpft werden.

    Aber diese müssen von den Ideologien unterschieden werden, derer sie sich bedienen. Selbst wenn uns die religiösen Normen und die kulturellen Prägungen anderer Gesellschaften fremd sind und mit unseren eigenen Werten nicht vereinbar scheinen – unsere Ablehnung darf sich immer nur im beispielhaften Vorleben von Alternativen zeigen. Denn der beste Nährboden für das Böse ist, wenn es ihm gelingt, seine Gegner selbst böse werden zu lassen.

    Lesen Sie zu den Terroranschlägen von Paris auf DieKolumnisten auch die Debattenbeiträge von Heiko Heinisch, Sören Heim und Alexander Wallasch.