Schlagwort: Türkei

  • Europas Abschied von der Menschlichkeit

    Europas Abschied von der Menschlichkeit

    Politik ist ein zähes Geschäft. In einer Demokratie, die noch nie eine Alleinregierung sah, sondern bisher immer nur Koalitionen in unterschiedlichen Farbkombinationen kennt, sowieso. Da wird nächte- und wochenlang diskutiert, gestritten, gerungen, um am Ende den Kompromiss des kleinsten gemeinsamen Nenners zu vereinbaren, der auf der obligatorischen Pressekonferenz am darauffolgenden Morgen nach außen hin stolz als epochaler Schritt in die richtige Richtung präsentiert wird. So weit, so gut oder schlecht. Aber an die Trippelschritte Deutschlands und der EU hat man sich als langjähriger Zeitungsleser und Tagesschau-Gucker gewöhnt und mit dem Stillstand irgendwie arrangiert. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, sagt mein schlauer Studiendirektor-Nachbar gerne, wenn wir uns im Treppenhaus begegnen, um auch beim Vorüberlaufen seine humanistische Bildung herauszustreichen; wobei er allerdings unterschlägt, dass die Bauzeit Roms doch um einiges flotter über die Bühne ging, als der durchschnittliche Konsensfindungsprozess im deutschen politischen System dauert. Mitunter ist ja Langsamkeit auch eine Tugend. Speziell die aktuelle Kanzlerin mit ihrem Credo ‚Die Dinge vom Ende her denken‘ hat das Fahren mit reduzierter Geschwindigkeit auf Sicht zur Doktrin erhoben. Misstrauisch gegenüber Visionen, große Entwürfe so lange zerredend, bis sich keiner mehr daran erinnert, was anfangs eigentlich gewollt gewesen war, betreiben wir seit Jahren Politik in Oberamtsratmanier: Die Akte, die man nach dem Frühstückskaffee auf dem Schreibtisch vorfindet, wird bearbeitet und morgen kommt die nächste Akte an die Reihe. Kann man, wenn man selbst ein Oberamtsrat ist, mögen, kann man aber auch aufgrund des völligen Mangels an zukunftsgerichteten Ideen als schauderhaft empfinden.

    2015: „Wir schaffen das“

    Nun blitzte in unserer Kanzlerin im Sommer 2015 völlig unerwartet doch ein großer christlicher Gedanke auf. Nämlich der der barmherzigen Gastfreundschaft gegenüber Menschen, die aus bitterer Not zu uns fliehen. Und zwar losgelöst von deren regionaler Herkunft und Religionszugehörigkeit. Wir schaffen das lautete in der ersten Euphorie das damalige Motto, und wir schafften es ja auch. Der Großteil der Flüchtlinge wurde gut integriert, in Jobs und Ausbildungen gebracht, weder unsere Sozialsysteme noch die Ökonomie kollabierten, die Kriminalitätsrate stieg allenfalls im Promillebereich an. Mitteleuropa ist nach wie vor christlich und atheistisch dominiert, von einer schleichenden Machtübernahme durch den Islam kann keine Rede sein. Deutschland für ein paar Wochen eine Zufluchtsstätte für die Müden und Armen, die Heimatlosen, vom Sturm Getriebenen, für die geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren – so wie die Freiheitsstatue jahrzehntelang die zumeist europäischen Einwanderer in New York begrüßte. Einen kurzen Spätsommer lang vergessen das unsägliche Dublin 3-Kleinklein.

    Im Frühjahr 2016 dann der Flüchtlingsdeal mit Erdogan: Du hältst uns die Syrer, Afghanen und wer sonst noch alles auf dem Weg nach Europa dein Land durchquert vom Leib, wir entlohnen Dich im Gegenzug fürstlich dafür. Dass dieses Geschäft nicht sehr tragfähig sein würde und großes Erpressungspotenzial birgt, wussten eigentlich alle Beteiligten von Anfang an. Trotzdem wurde das Abkommen besiegelt. Heute, vier Jahre später, stehen EU und Deutschland vor dem Scherbenhaufen ihrer Weigerung, sich proaktiv mit der Problematik der globalen Migrationsströme zu beschäftigen. Geld nach Ankara überweisen, und alles wird gut. Einwanderungsgesetz? Wer braucht schon ein Einwanderungsgesetz? Und deshalb stehen wir auch völlig verdient vor diesem Scherbenhaufen, denn der Deal war immer ein schmutziger und es gab nie einen Plan B.

    Heute: „2020 lässt sich mit 2015 nicht vergleichen“

    Am kleinen Grenzfluss Evros, bereits in WK1 Schauplatz dramatischer Gefechte, spielen sich seit zwei Wochen jeden Tag aufs neue unglaubliche Szenen ab: Tausende von den Türken dorthin chauffierte Flüchtlinge begehren Einlass nach Europa, und die Griechen verrammeln und verriegeln ihren heiligen Boden, versprühen Tränengas, lassen Wasserwerfer zum Einsatz kommen, schießen in die Luft und mitunter wohl auch in die Menge. Und Europa schweigt, sieht weg oder applaudiert. In den Lagern auf den ägäischen Inseln vegetieren derweil Menschen in Behausungen, die Müllkippen ähnlicher sind als Favelas, die sanitären Bedingungen katastrophal, die medizinische Versorgung entspricht derjenigen des Südsudan. Und wir? Uns lässt das alles erstmal kalt. Hauptsache, der ÖPNV hat keine Verspätung, die GEZ erhöht nicht die Gebühren, und es werden nicht zu viele Fußballspiele aufgrund Corona abgesagt. 2015 darf sich auf keinen Fall wiederholen, heißt das neue Mantra. Selbst aus dem Mund der Kanzlerin hören wir: „2020 lässt sich mit 2015 überhaupt nicht vergleichen“. Wir reiben uns erstaunt die Augen und fragen: Was um Himmelswillen ist an der heutigen Situation so grundlegend anders als an der vor fünf Jahren? Nach wie vor fliehen Menschen aus Bürgerkriegsgebieten zu uns. Sie fliehen aus Ländern zu uns, die wir vorher üppig mit Waffen ausgestattet hatten und denen wir selbst dann nicht zu Hilfe kamen, als es dort schon lichterloh brannte. Es ist heute haargenau dasselbe wie im Sommer 2015.

    „Holt wenigstens die Kinder zu uns“, forderte Grünenchef Robert Habeck zu Weihnachten. Er wurde dafür belächelt, als Populist verunglimpft, als jemand, der partout nicht verstehen will, dass man Kinder nicht so einfach aus Lagern rausholen kann, weil erstmal über europäische Verteilquoten diskutiert werden muss. Bloß keine deutschen Alleingänge! Es ist inhuman, Kinder von ihren Müttern zu trennen, sagen die besonders Cleveren. Dann lasst doch die Mütter gleich mit einreisen, antworte ich ihnen. So simpel, wie Sie sich das vorstellen, Herr Kolumnist, ist das natürlich nicht. Da braucht’s Anträge, Gesundheitschecks und Unbedenklichkeitserklärungen. So was dauert. Vor allem bei den Griechen. Wir schicken denen aber ein Dutzend deutsche Oberamtsräte zur Unterstützung bei der Bearbeitung der Asyldokumente und zwei Container mit Kopfkissen und Teddybären für die Kinder. Das ist schon viel. Andere europäische Länder tun weniger. Halten Sie aber bloß meinen Namen geheim, ich habe mich schon genügend unbeliebt bei meinen Vorgesetzten gemacht, bittet der Regierungsrat, der die zwei Container bewilligt hat.

    Verteilquoten wichtiger als schnelle Hilfeleistung

    Nach nächtelangen Diskussionen im Kanzleramt nun endlich grünes Licht für die Einreise von 1500 Kindern. Redeten wir anfangs nicht mal von 5000 oder gar mehr? Was ist mit den restlichen 3500 passiert? Sind die plötzlich nicht mehr gefährdet? Egal, lasst uns mit den 1500 beginnen. „Moment!“, ruft der anonym bleiben wollende Regierungsrat dazwischen, „Wir müssen vorher noch die Verteilquoten präzisieren und abwarten, wie sich die Situation am Evros entwickelt“. Weshalb können wir die 1500 Kinder jetzt nicht schleunigst zu uns verfrachten, frage ich. Und von mir aus gerne morgen die 1500 dazugehörigen Mütter direkt hinterher. „Weil alles seine Ordnung haben muss. Wir können hier nicht jeden X-beliebigen reinlassen“, klärt mich der Beamte auf. „Ordnung ist die erste Bürgerpflicht. Sonst droht Chaos“, schallt es aus den Reihen von CDU und CSU, und auch viele Liberale und SPD’ler denken so. Und unsere menschenfreundliche Kanzlerin? Die hüllt sich dazu großenteils in Schweigen, streut dann plötzlich erneut, „2020 lässt sich nicht mit 2015 vergleichen“, ein und möchte sich vor allem nicht von Erdogan erpressen lassen. Frau Merkel am Spätabend ihrer Regentschaft entweder zu müde oder lustlos oder beides, um sich mit den konservativen Granden der Union ein weiteres Mal anzulegen.

    Und so bleibt am Ende dieses traurigen Textes bloß dieses tieftraurige Fazit zu ziehen: Europa hat sich mal wieder Lichtjahre von jenen christlichen und humanistischen Werten entfernt, auf die es sich in Sonntagsreden und bei Karlspreisverleihungen so gerne beruft. Der einzige Unterschied zwischen dem Evros und dem Rio Grande besteht nur noch darin, dass Trump klar ausspricht, was ihn zur Totalschließung der Grenze bewegt: KEINE Fremden! Unsere europäischen Politiker drücken sich diesbezüglich zwar diplomatischer und verklausulierter aus, wollen aber genau dasselbe wie der US-Präsident: KEINE Flüchtlinge ins Land! Kinder in Lagern dauerhaft vor sich hin vegetieren zu lassen, grenzt hart an den Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung.

  • Islamischer Feiertag: Warum nicht?

    Islamischer Feiertag: Warum nicht?

    Der Islam gehört zu Deutschland
    (c) Christian Wulff

    Der Islam gehört nicht zu Deutschland
    (c) Horst Seehofer

    Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas
    (c) Wolfgang Schäuble

    Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland
    (c) Joachim Gauck

    Sie sind verwirrt?
    Ich auch.
    Hat eine Religionsgemeinschaft wie die Muslime denn keinen Anspruch auf einen islamischen Feiertag?

    Islam ist zweitstärkste Religionsgemeinschaft

    Fest steht: In Deutschland leben aktuell knapp 5 Millionen Muslime. Tendenz steigend. Diese verteilen sich auf Sunniten (75%), Aleviten (13%), Schiiten (7%), andere (5%). Setzt man die 5 Millionen in Relation zur Gesamtbevölkerung, dann machen die Muslime 6 Prozent aus. Ins Verhältnis zu den Kirchgängern (also die Konfessionslosen subtrahiert) gebracht, steigt der prozentuale Anteil sogar auf 10. Wir kennen in Deutschland rund ein Dutzend gesetzliche Feiertage, die auf christlicher Tradition gründen. Dem gegenüber stehen Null Festtage für die Korangläubigen. Das ist schon ein ins Auge springendes Missverhältnis.

    Warum ist das so, bzw. weshalb tun wir uns so schwer damit, anderen Religionen ein gewisses Maß an Gleichberechtigung zu gewähren? Begonnen hatte die Sache mit dem Islam im Jahre 1731, als Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I seinen muslimischen Infanteristen gestattete, einen Gebetsraum in Potsdam einzurichten. In der zweiten Hälfte des 18ten Jahrhunderts siedelten bereits einige hundert Familien tatarischer Herkunft innerhalb der preußischen Grenzen. Die Männer verdienten ihre Brötchen als Lanzenreiter im Heer und wurden dort sehr geschätzt. 1866 erfolgte in Berlin die Grundsteinlegung für den ersten türkischen Friedhof auf deutschem Boden. Richtig Fahrt nahm der Zuzug im Anschluss an das im Herbst 1961 mit Ankara ratifizierte Anwerbeabkommen auf. Die Zahl der Türken in Deutschland, die 1960 bei 1500 lag, stieg binnen weniger Jahre auf eine Million Menschen an. Ursprünglich als reine Arbeitsmigranten mit temporär begrenztem Aufenthaltsstatus gedacht, blieben die Männer länger als geplant, holten ihre Frauen nach, gründeten Familien im fremden Land.

    Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen,

    meinte deshalb richtigerweise Max Frisch im Jahr 1965.

    Bürger zweiter Klasse, deshalb kein islamischer Feiertag?

    Was tun wir seitdem für unsere muslimischen Mitbürger? Hand aufs Herz: Wenig bis gar nichts. Am liebsten ist es uns, wenn sie in Schnellimbissen, Änderungsschneidereien, Putzkolonnen und auf dem Bau arbeiten, in abgetrennten Stadtvierteln leben, ihren Glauben im Verborgenen praktizieren und ansonsten möglichst nicht auffallen. Wir mögen es nicht, wenn sie in die für die Mehrheitsgesellschaft reservierten akademischen Berufe aufsteigen, und wir mögen es schon gar nicht, wenn sie sich traditionell kleiden. Nicht so einfach für Menschen aus dem türkischen und arabischen Sprachraum bei uns. Integration ist halt nach wie vor ein Fremdwort für viele Deutsche und ein von den Politikern stiefmütterlich behandeltes Aufgabenfeld.

    Im Rahmen des niedersächsischen Landtagswahlkampfs äußerte der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere auf einer Veranstaltung in Wolfenbüttel im Oktober 2017 plötzlich einen klugen Gedanken:

    Ich bin bereit, darüber zu reden, ob wir auch mal einen muslimischen Feiertag einführen.

    Zwar begrenzt auf Regionen mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil. Aber wollen wir hier nicht kleinlich sein. Ein guter Anfang wäre das.

    Der Satz war noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da erklangen bereits die Dementis aus konservativen Unionskreisen:

    Feiertage haben in Deutschland eine lange Tradition; für eine Änderung dieser gewachsenen Strukturen sehe ich keinen Bedarf.
    (c) Bernd Althusmann (damaliger CDU-Spitzenkandidat in Niedersachsen)

    Islam-Feiertage in Deutschland einzuführen, kommt für uns nicht in Frage.
    (c) Alexander Dobrindt

    Und irgendwie war das Thema, gerade erst lauwarm serviert, damit binnen Tagesfrist schon wieder vom Tisch gewischt. De Maiziere ruderte zurück, er sei falsch verstanden worden, und kein Finger rührte sich mehr in der vom Wahlkampf erschöpften und von Flüchtlingsängsten geplagten Republik für dieses sinnvolle Anliegen.

    Ein solcher Feiertag kann integrationsfördernd wirken … Er würde deutlich machen, dass Muslime Teil der Gesellschaft sind und es Verständnis untereinander für ein gutes und friedliches Zusammenleben gibt,

    meldete sich zwar noch Aiman Mazyek (Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland) zu Wort. Aber niemand schien das hören zu wollen.

    Islamischer Feiertag: dient der Arbeitsruhe und seelischen Erhebung

    Schlagen wir interessehalber mal nach, was der Gesetzgeber zum Sinn der Feiertage sagt:

    Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt. (Art. 139 WRV, übernommen in 140 GG)

    Gesetzlicher Schutz für Arbeitsruhe und seelische Erhebung also einzig für Christen? Und die fünf Millionen Muslime gehen völlig leer aus? Das hört sich für mich nach (starker) Ungleichbehandlung der Religionen an. Wer Integration befürwortet, der muss auch dem Glauben des Zugezogenen Respekt zollen. Und dieser Respekt drückt sich u.a. darin aus, dass ich ihm einen gesetzlich fixierten Festtag zugestehe. Welcher Tag das nun genau sein soll – anbieten tun sich bspw. Zucker- oder Opferfest – und wie man die unterschiedlichen Berechnungsschablonen der Sunniten, Schiiten, Aleviten dafür auf einen gemeinsamen Nenner bringt: Darüber sollen sich Experten und Muslimverbände Gedanken machen. Bei etwas gutem Willen wird das schon gelingen.

    „Ist Ihnen eigentlich klar, was ein zusätzlicher Feiertag die Wirtschaft kostet?“, fragen Sie mich. Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Falls das aber ne teure Nummer sein sollte, wäre ich persönlich gerne bereit, im Gegenzug auf einen christlichen Festtag zu verzichten. Z.B. den Pfingstmontag. Wird, außer im deutschsprachigen Raum und einem halben Dutzend weiterer Länder, nirgendwo gesetzlich vorgeschrieben und ist m.E. entbehrlich.

    „Da kann ja jeder kommen und für sich irgendwas fordern. Was ist mit Juden, Buddhisten, Hindus und Jesiden?“, lassen Sie nicht locker? Die sind, nummerisch gesehen, alle sehr kleindimensionierte Gruppen. Keine davon überschreitet die Kopfstärke 300.000 in Deutschland. Und einer Inflation der Feiertage mochte ich hier keinesfalls das Wort reden. Wobei ich mich mit Jom Kippur durchaus anfreunden könnte. Dafür streichen wir dann Allerheiligen, damit das BIP nicht über Gebühr strapaziert wird.

    „Nicht Ihr Ernst?!“, rufen Sie?
    „Doch!“, antworte ich.

    Denn entweder verabschieden wir uns als aufgeklärte Nation von sämtlichem religiösen Brauchtum und begnügen uns in Zukunft mit dem Tag der Deutschen Einheit, oder wir verteilen die Feiertage halbwegs gerecht auf die bei uns praktizierenden Glaubensgemeinschaften. Bei fünf Millionen Muslimen kann es nicht angehen, dass wir weder den Hintergrund von deren Festtagen kennen, noch ihnen einen einzigen zugestehen wollen. Umsetzen ließe sich das Ganze schnell, und es wäre ein deutliches Signal in Richtung ehrlich gemeinter Integration.

  • Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Die Szene wirkt wie ein Remake des Godfathers: Don Vito Corleone flankiert von seinen drei Söhnen Michael, Santino und Fredo. Nur dass es sich bei der Doublette um den türkischen Präsidenten Erdogan, eingerahmt von den in der Premier League kickenden Spielern Özil, Gündogan und Tosun, handelt. Die vier trafen sich am vergangenen Sonntag in London auf einen kleinen Plausch, schüttelten Hände, überreichten dem Paten handsignierte Trikots und lächelten in die Kamera. So weit, so gut bzw. schlecht.

    Kein Staatsmann ist dem deutschen Facebook-User derart verhasst wie der Herrscher vom Bosporus. Sobald sein Name erwähnt wird, ertönen pawlowartig Schimpfkanonaden, von denen „Erdolf“ und „byzantinischer Despot“ noch zwei der freundlichen darstellen. Jan Böhmermann widmete ihm vor zwei Jahren ein 24 (!!) Verse umfassendes Schmähgedicht, das der Autor dieses Beitrags damals zum Fremdschämen fand. Satire darf bekanntlich alles, und der deutsche Social-Media-Junkie pöbelt ohnehin gerne, solange er sicher ist, dass er für seinen Unflat keinerlei negative Konsequenzen befürchten muss.

    Der Pate und die Nachbarclans

    Natürlich ist das aktuelle Oberhaupt der Osmanen kein lupenreiner Demokrat westlichen Zuschnitts, unterdrückt die Opposition, schränkt die Pressefreiheit ein, hält Wahlen am liebsten dann ab, wenn er sicher ist, sie zu gewinnen, schmeißt Kritiker gerne in den Knast, und führt einen kleinen, schmutzigen Krieg gegen die Kurden. Alles nicht so schön. Klar. Aber im Vergleich zu den Ländern um ihn herum auch nicht großartig anders, als das, was Russland, Saudi-Arabien und Ägypten praktizieren. Der Pate ist in seiner Region wahrlich nicht der einzige Mafioso. Und in der Europäischen Union geht’s östlich der Oder und südlich der Donau ebenfalls nicht immer so pluralistisch-korrekt und weltoffen wie bei uns zu. Ohne dass wir Deutschen deshalb Hasslieder auf Orban und Duda anstimmen.

    Mal ganz kurz zu den Fakten: die Türkei ist NATO-Mitglied und EU-Aufnahmekandidat. Wir überweisen ne Menge Kohle dorthin, damit uns Ankara die Flüchtlinge vom Leib hält und liefern Waffen, die nicht einzig zur Verteidigung des Landes eingesetzt werden. Jedes Jahr verbringen vier bis fünf Millionen Touristen aus Castrop-Rauxel und Schwäbisch-Hall ihren preiswerten Pauschalurlaub an den Stränden der anatolischen Riviera. Das ist aus der Sicht des deutschen Steuerzahlers alles in Ordnung; oder doch nicht?

    Reaktionen in den sozialen Medien

    Aber zurück zum Auslöser der Kolumne: dem Bild des Paten mit seinen drei als Fußballlegionären sehr erfolgreichen Söhnen.

    Wer sich mit einem Despoten ablichtet , bekommt die rote Karte

    Wer sich mit solch einem Diktator fotografieren lässt und auf sein Trikot schreibt, „für meinen Präsidenten“, der hat in unserer Nationalmannschaft nichts zu suchen

    Sollen sie doch in der türkischen NM spielen
    © drei Facebook-Nutzer

    Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag
    © Cem Özdemir

    Herr Gündogan ist ein trauriges Beispiel, wie gering die Identifikation der türkischstämmigen Jugend in Deutschland mit der Wahlheimat ihrer Eltern ist
    © Alice Weidel

    Fußballer sind keine Berufsdiplomaten

    Mal völlig losgelöst vom Unsinn der Forderung, dass Özil und Gündogan das Nationalteam wechseln sollen – denn das ist gemäß FIFA-Statuten gar nicht möglich –, springen zwei Phänomene sofort ins Auge:

    (a) Das mangelhafte Einfühlungsvermögen der Ich-bin-seit-tausend-Jahren-Deutschen gegenüber Mitbürgern mit Migrationshintergrund und zwei Reisepässen
    (b) Die Illusion, dass Fußballspieler im Nebenjob Diplomaten sind

    Özil singt seit Jahren die Hymne nicht mit, gibt’s dann an jeder zweiten Ecke zu lesen. Na und? Haben Beckenbauer, Netzer und Overath ebenfalls nie getan. Und auch ich habe keine Lust auf die pathetisch-altbackenen Zeilen, und schweige, während das Lied der Deutschen im Stadion ertönt. Ich käme auch nicht auf die Idee, bei Songs der Kastelruther Spatzen mitzuträllern. Geschlossene Lippen und ernster Blick müssen ausreichen, ohne gleich als Vaterlandsverräter einsortiert zu werden.

    Was ist eigentlich mit der Meinungsfreiheit in unserem Land? Können wir uns jetzt nicht mehr gemeinsam mit fremden Staatsoberhäuptern auf einem Foto ablichten lassen, ohne ein Berufsverbot befürchten zu müssen? Wo steht überhaupt geschrieben, dass Fußballer leuchtende Vorbilder und Aushängeschilder zu sein haben? Also ich persönlich habe mich nie der Illusion hingegeben, dass Typen wie Wagner und Petersen mich auf dem internationalen Parkett besser als unser Außenminister und dessen Diplomatisches Corps vertreten. Ich bekomme allerdings auch nicht sofort nervösen Schluckauf, wenn Marco Reus ohne Führerschein im Maserati erwischt wird und Kevin Großkreutz in der Lobby eines Hotels in die Blumenrabatte pinkelt. Effenbergs Stinkefinger bei der WM 94 = Pillepalle. So sind sie halt, die jungen Leute.

    Scheinheiligkeit der Diskussion

    Man kann Erdogan als üblen Autokraten einstufen – ob er bereits ein Diktator ist: diese feine Unterscheidung überlasse ich geschulten Politologen –, sich an seiner Art des Auslandswahlkampfs stören, die PR-Aktion als völlig daneben bezeichnen, und den drei Spielern trotzdem das Recht zugestehen, dem Präsidenten die Hand zu schütteln. Kommt ja auch (noch) niemand auf die Idee, Exkanzler Schröder zum Umzug nach Moskau aufzufordern, weil der sich mit dem lupenreinen Demokraten Putin so ausgezeichnet versteht oder Seehofer ins Altersexil nach Budapest zu seinem Kumpel Orban zu verbannen.

    Es ist hochgradig scheinheilig, Ankara als politischen Partner zu hofieren, sich in Antalya mit klebrigen All-inclusive-Cocktails volllaufen zu lassen, und zurück zu Hause auf dem deutschen Sofa sofort wieder gegen dieses Land und die von dort stammenden Migranten vom Leder zu ziehen.

    Fußballer sollten primär nach ihrem Können am Ball und nicht danach, mit wem sie sich zu einem Fototermin treffen, beurteilt werden. Und da befürchte ich, dass Özil sich bei den wichtigen und engen Partien mal wieder unsichtbar machen wird. Was ich ihm dann mehr ankreide als seinen kurzen Flirt mit Erdogan oder die mangelhaften Sangeskünste. Und sollte Gündogan bei der WM ein Tor erzielen, jubeln darüber sicher auch Cem Özdemir und Alice Weidel. Denn in diesem Moment kollektiver teutonischer Freude ist die Herkunft des Schützen dann plötzlich wieder egal.

    Fazit: auch für Nationalspieler türkischer Herkunft gilt die Meinungsfreiheit. Es war deshalb weise von Bundestrainer Löw, sich von der medial aufgeheizten Stimmung nicht beirren zu lassen und Özil und Gündogan am heutigen Tag in den vorläufigen Kader mit aufzunehmen.