Schlagwort: Wir Deutschen

  • Bewundert viel und viel gescholten: Die deutsche Leitkultur

    Jetzt ist sie wieder da, nachdem sie lange tot geglaubt war: die „deutsche Leitkultur“. Manch einer sieht sie erneut in Gefahr, weil so viele Fremde zu uns kommen, die aus einer anderen Kultur stammen und sich an die unsrige nicht gewöhnen wollen oder können. Andere meinen, dass es so etwas wie eine deutsche Leitkultur ohnehin nicht gäbe, und selbst wenn, dann wäre es nicht schade um sie, denn wir sollten sie lieber durch eine europäische, oder gar globale Leitkultur ersetzen, die dann geprägt wäre von allgemeiner Toleranz und Gleichberechtigung aller Lebensentwürfe, so lange diese selbst wieder die Toleranz und Gleichberechtigung aller akzeptieren.

    Denn eben wo Begriffe fehlen

    Hört man in die aufflammende Leitkultur-Debatte hinein, fällt auf: Weder ihre Verfechter noch ihre Feinde können präzise sagen, was der Begriff bedeutet. Es gibt keine klar abgrenzbare Menge von Verhaltensweisen, Traditionen, Normen und Regeln, die zur deutschen Leitkultur gehören. Es gibt schon gar keinen abstrakten Oberbegriff oder ein allgemeines Gesetz, aus dem sich ableiten ließe, ob etwas zu dieser Leitkultur gehört oder nicht. Und auch die Wittgensteinschen Familienähnlichkeiten, die in Fällen mangelnder begrifflicher Präzision gern hinzugezogen werden, helfen hier nicht weiter. Zu unterschiedlich sind die Felder sozialer Praxis, auf die sich die Beispiele der deutschen Leitkultur beziehen.

    Man könnte meinen, „Leitkultur“, das sei nur ein nebulöses Wort, das man gern nutzt eben wo Begriffe fehlen. Aber die „deutsche Leitkultur“ – das ist nicht nur ein Wort, das ist kein leerer Begriff. Er knüpft an die Intuition an, dass wir uns an manchen Orten heimisch fühlen und an anderen Orten fremd. Manches Verhalten ist uns vertraut, auch wenn wir den Menschen nicht kennen, den wir dabei beobachten, und anderes scheint uns befremdlich. In manchem erkennen wir uns wieder, bei anderem sind wir irritiert. „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“ schreibt Herder. Der Grund für das Heimatgefühl liegt eben darin, dass das eigene Verhalten der alltäglichen Kultur entspricht. Das entlastet, das schafft Sicherheit. (mehr …)