Schlagwort: Wissenschaft

  • Richtig streiten #10: Warum streiten wir überhaupt?

    Richtig streiten #10: Warum streiten wir überhaupt?

    Nachdem es in der letzten Folge dieser Serie darum ging, plausibel zu machen, dass Meinungen im Streit zumeist nicht als Behauptungen zu verstehen sind, denen sich die anderen Streitenden zwingen anschließen müssten, bleibt die Frage, was es denn sonst mit diesen Meinungsäußerungen auf sich hat. Wenn wir unsere Meinungen zumeist gar nicht äußern, um andere davon zu überzeugen, warum äußern wir sie dann? Warum streiten wir überhaupt?

    Alles Spekulation

    Nun ist die Philosophie keine empirische Wissenschaft. Wir machen also keine Umfrage, befragen streitende Menschen nicht, warum sie streiten. Im Gegenteil, Philosophie pflegt ein gewisses Misstrauen gegen solche Empirie. Warum sollten die Befragten in der Umfrage „die Wahrheit“ sagen? Vielleicht steuert die Fragestellung schon das Verständnis der Befragten vom Gegenstand der Frage? Woher sollen wir überhaupt sicher sein, dass die Streitenden selbst wissen oder sagen können, warum sie streiten?

    Es könnte z.B. sein, dass die Streitenden selbst eine Vorstellung davon haben, warum man vernünftigerweise streitet. Wenn sie dann befragt werden, nennen sie gar nicht ihre eigenen Gründe (über die sie womöglich noch nie nachgedacht haben). Auf der anderen Seite haben die, die wissenschaftliche Befragen durchführen, ganz sicher schon über mögliche Antworten nachgedacht, und formulieren ihre Fragen sicherlich in Abhängigkeit von ihren Vermutungen.

    Als Philosophierender halte ich deshalb einen gewissen Abstand von den empirischen Methoden der Wissenschaft. Meine Methode ist spekulativ. Als Quelle für meine Überlegungen dienen mir meine allgemeinen Vorstellungen über die Welt, über das, was die Menschen ausmacht. Zugleich ist eine ziemlich sichere Quelle meines Nachdenkens die Beobachtung eben dieses eigenen Nachdenkens – und dessen, was ich verbunden mit diesem Nachdenken selbst tue. Aus diesem spekulierenden Reflektieren heraus gewinne ich Ideen darüber, wie sich etwas verhalten könnte. Diese Ideen kann ich dann anderen vorstellen, in der Hoffnung, dass sie sie nachsichtig prüfen, mit ihren eigenen Vorstellungen von der Welt abgleichen, und als Anregung für eigene Reflexionen nutzen können.

    Gemeinsamkeit macht stark

    Was also sind die Annahmen, die wir über die Menschen machen, mit denen wir die Lust am Meinungsstreit erklären können? Zwei Aspekte wären zu nennen: Wir Menschen sind soziale Wesen und darauf angewiesen, uns mit anderen in einer Gemeinschaft zu wissen. Es ist wichtig, dass ich zumeist sicher bin, dass andere so sind wie ich, dass sie die Welt ähnlich sehen wie ich, dass sie auf das gleiche vertrauen und dem gleichen misstrauen. Das Erleben von Übereinstimmungen macht mich sicher, dass ich nicht allein bin mit meinem Blick auf die Welt. Mit einer Meinungsäußerung hoffe ich also auf Zustimmung von anderen, und allein die Tatsache, dass andere, die ich als mir ähnlich empfinde, mir zustimmen, genügt mir, um mit größerer Sicherheit durch mein Leben zu gehen. Das Gleiche gilt natürlich auch, wenn mir von Menschen, die ich als fremd oder anders empfinde, Ablehnung entgegenschlägt. Auch das bestätigt mich: In meinem Anderssein gegenüber denen, die anderer Meinung sind ebenso, wie in meiner Gemeinsamkeit mit denen, die mit gleich sind.

    Gerade wenn ich mich in einem Umfeld bewege, das mir fremd ist und das ich ablehne, will ich also auch gar nicht „überzeugen“, dann streite ich nicht mit dem Ziel, dass die anderen einsehen, dass ich recht habe. Jeder Widerspruch bestätigt mich ja darin, dass diese eben anders sind, und diese Bestätigung sichert mein Weltbild in meinem So-Sein-Wie-Ich-Bin.

    Unsicherheit beherrschen

    Bevor man sich nun gedanklich über diejenigen erhebt, die den Streit für die Abgrenzung zwischen sich und den „Eigenen“ auf der einen Seite und „den Anderen“ oder „den Fremden“ auf der anderen Seite brauchen, um in der Weit zurecht zu kommen, kann man sich kritisch fragen, ob man selbst ohne solche Abgrenzungen auskommt. Selbst die Skeptiker, die „nichts glauben“ und „alles hinterfragen“ grenzen sich ja auf diese Weise im Meinungsstreit von anderen ab und bilden eine Gemeinschaft der „aufgeklärten kritischen Geister“.

    Wenn man sich die eigene Unsicherheit in der Komplexität der Welt wirklich eingesteht und versucht, sein Weltbild nicht nur per Übereinstimmung und Ablehnung mit anderen zu begründen, findet sich schnell ein weiterer Grund für die Beteiligung am Meinungsstreit: Die Meinungsäußerung kann dazu bestimmt sein, Argumente dafür oder dagegen zu erhalten, die mich in meiner Meinung bestärken oder weiter verunsichern.

    Die meisten Vorstellungen über die Welt gewinne ich auf der Grundlage medialer Vermittlung (Fernsehen, Zeitungen, Rundfunk sowie deren Ableger in den sozialen Medien). Daraus erzeuge ich mir ein Bild von der Welt, das vor allem auch als Befürchtungen oder Hoffnungen besteht: Ich hoffe, dass sich die Stimmung in Großbritannien noch proeuropäisch entwickelt, ich fürchte, dass es nicht mehr rechtzeitig zu einem Umsteuern in der Klimafrage kommt.

    Mit meiner Meinungsäußerung im Streit suche ich Bestätigung oder Widerspruch. Das aber nicht nur, um mich zu vergewissern, dass ich mit meiner Meinung nicht allein bin, sondern auch, um meiner Meinung überhaupt sicher zu werden, oder, um mich verunsichern zu lassen. Ich suche nach Argumenten, die meine Hoffnungen stützen, oder auch nach solchen, die meine Befürchtungen fragwürdig machen. Das alles, um in einer unsicheren Welt mit einem unsicheren Bild von der Welt halbwegs sicher zurecht zu kommen.

    Es ist klar, dass Meinungsäußerungen dieser Art nicht mit einem Wahrheitsanspruch verknüpft sind. Im Gegenteil, ich gehe immer davon aus, dass es andere gibt, die anderer Meinung sind als ich, und die ich mit meiner Meinung – und mit den Begründungen dieser Meinung – gerade nicht werde überzeugen können. Trotzdem ist es sinnvoll, den Streit zu führen: Er macht mich sicherer in meinen Hoffnungen und Befürchtungen und schafft mir damit ein besseres Fundament zum Handeln. Und er schafft Gemeinsamkeit mit Menschen, die ähnlich denken wie ich, sodass wir uns gemeinsam mit denen auseinandersetzen können, die anderer Meinung sind.

  • Wissenschaftsfreiheit als Kunstfreiheit

    Wissenschaftsfreiheit als Kunstfreiheit

    Geschätzte Lesezeit: 17 Minuten

    Der Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes ist der Freiheits-Artikel. Hier geht es um Meinungs-, Presse-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit. Man muss keine lange philosophische Debatte um den Begriff der Freiheit führen, um diesen Grundgesetzartikel zu verstehen. Es genügt, festzuhalten, dass hier offenbar die Abwesenheit von Zwang und Bevormundung, von Einschränkungen, Verboten und Reglementierung gemeint ist.

    Die Freiheiten sind im Grundgesetz nicht in einem Atemzug genannt. Wissenschaftsfreiheit steht mit der Kunstfreiheit zusammen. Das ist ein guter Anlass, einmal über die Verwandtschaft der beiden nachzudenken.

    Wissenschaftsfreiheit im Artikel 5 Grundgesetz

    Die Freiheit bezieht sich zunächst sowohl auf die Betätigung selbst, auf die verwendeten Mittel und Methoden, als auch auf die Möglichkeit der öffentlichen Präsentation, Publikation und Diskussion der Ergebnisse.

    Im Artikel 5 werden die vier Freiheiten nicht gemeinsam behandelt, im ersten Absatz geht es um die Meinungs- und die Pressefreiheit, dabei erscheint die Pressefreiheit als Erweiterung der Meinungsfreiheit. Der Absatz 2 benennt einige Einschränkungen. Erst in Absatz 3 werden Wissenschaft und Kunst genannt, wobei, merkwürdig genug, diese nicht als Freiheiten von Personen genannt werden:

    Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

    Artikel 5 Absatz 3 GG

    Freiheit wird als Attribut der Wissenschaft und der Kunst selbst zugeordnet, genauso wie den hinzugesetzten Elementen Forschung und Lehre.

    Die Freiheit der Wissenschaft wird oft als verwandt mit der Meinungsfreiheit angesehen. Wissenschaftliche Aussagen sollen demnach genauso frei sein wie Meinungen, vielleicht sogar noch ein bisschen freier, weil sie wissenschaftlich begründet und damit zuverlässiger sind als Meinungen, vielleicht auch, weil man hofft, dass den Wissenschaftlern mehr an der Wahrheit ihrer Aussagen gelegen ist als den anderen Menschen, die einfach ihre Meinung sagen.

    Es kann dahingestellt bleiben, ob das zutrifft, weil wissenschaftliche Aussagen ohnehin beanspruchen, etwas anderes zu sein als bloße Meinungen, sie sollen gerade nicht persönliche Ansichten sein, sondern systematisch gewonnenen Erkenntnisse. Sie benötigen, so könnte man sagen, ohnehin nicht den Schutz der Meinungsfreiheit.

    Zudem geht es bei der Freiheit der Wissenschaft auf den ersten Blick weniger um die Aussagen, die als Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit präsentiert werden und die frei geäußert werden sollen – es geht vor allem um die Freiheit der wissenschaftlichen Betätigung, die Auswahl der Themen und Gegenstände sowie der Methoden. Erst in zweiter Linie geht es dann darum, dass die Resultate dann auch frei publiziert und dargestellt werden dürfen, dass sie frei mit anderen Wissenschaftlern diskutiert werden dürfen und dass sie ungehindert in der interessierten Öffentlichkeit publiziert werden.

    Wissenschaftsfreiheit als institutionelle Freiheit

    Zumeist wird die Wissenschaftsfreiheit heute als eine institutionelle Freiheit aufgefasst. Es geht nicht so sehr um die Freiheit der Betätigung der einzelnen Person, die wissenschaftlich arbeitet, sondern um die der wissenschaftlichen Einrichtungen, der Universitäten und Forschungsinstitute oder des Systems dieser vernetzten Einrichtungen überhaupt, und zwar wiederum gegenüber dem Staat oder der Politik, die „der Wissenschaft“ nicht vorschreiben sollen oder dürfen, woran sie arbeitet, wie sie forscht, welche Ergebnisse sie publiziert. Hier wird Wissenschaftsfreiheit wie Pressefreiheit aufgefasst, die ja im Alltag auch nicht die Freiheit einer einzelnen Journalistin ist, sondern die Freiheit der Zeitungsredaktionen und der Rundfunksender.

    Ähnlich wie bei der Freiheit der Presse wird auch bei der Wissenschaft oft angenommen, dass ihre Institutionen dafür sorgen würden, dass die Freiheit nicht missbraucht würde. Genau genommen wird damit die Freiheit in der Praxis nicht bedingungslos gewährleistet, der Staat gewährt sie unter der Bedingung, dass die Institutionen, seien es die Redaktionen oder der Presserat, die Universitäten und Forschungseinrichtungen oder interinstitutionelle Verfahren der Prüfung und Begutachtung, dafür sorgen, dass mit der Freiheit kein Schindluder getrieben wird.

    Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland findet sich allerdings die Sicherung der Wissenschaftsfreiheit zwar im gleichen Artikel wie die der Meinungs- und der Pressefreiheit, sie wird aber im dritten Absatz dieses Artikels gemeinsam mit der Kunstfreiheit sowie der Freiheit der Lehre und der Forschung genannt. Für die Autoren des Grundgesetzes ist also die Wissenschaftsfreiheit eher der der Kunst verwandt als etwa der Meinungs- und Pressefreiheit, die gemeinsam im ersten Absatz des Artikels aufgeführt werden. Es ist deshalb naheliegend, die Freiheit der Wissenschaft eher als etwas Ähnliches wie die Kunstfreiheit anzusehen.

    Kunstfreiheit ist Freiheit von Personen

    Die Freiheit der Kunst ist primär die Freiheit der einzelnen Person, die als Künstlerin anerkannt ist. Niemand käme auf den Gedanken, dass es eine Institution geben müsse, die zunächst mal prüft, ob denn das Werk nach den Regeln der Disziplin zustande gekommen wäre und ob es sich als Ergebnis des künstlerischen Schaffens denn auch in ein Gesamtwerk der Kunstwelt korrekt einordne. Das gilt ganz selbstverständlich auch, wenn ein Künstler an einer Kunstakademie wirkt, es gilt auch für die Kunststudentin an der Akademie. Das etwas Kunst sei, wird nicht dadurch festgestellt und akzeptiert, dass es auf eine vorschriftsgemäße Weise nach den Regeln des Kunstbetriebes zustande gekommen ist, sondern dadurch, dass es von einem Künstler geschaffen ist und dass er es als sein Werk deklariert und dass das von anderen – aus welchen Gründen auch immer – akzeptiert wird.

    Selbstverständlich gibt es Schwierigkeiten bei der Akzeptanz eines Werks als Kunst. Die Versuche der Beantwortung der Frage, was Kunst ist oder als Kunst gilt, füllen philosophische Bibliotheken. Wir machen es uns hier einfach, indem wir sagen, dass wenigstens das als Kunst gilt, was eine ausgebildete Künstlerin, die an einer Kunstakademie erfolgreich studiert hat, als ihr Kunstwerk bezeichnet. Natürlich kann auch jeder andere etwas herstellen und als sein Kunstwerk bezeichnen und es ist möglich, dass es als Kunstwerk von der Kunstwelt, von der Öffentlichkeit oder vom Publikum akzeptiert wird. Denken wir uns eine Person, die Gedichte oder einen Roman schreibt: ob die Ergebnisse als künstlerisch angesehen und akzeptiert werden, hängt womöglich vom Geschmack des Publikums oder vom Urteil der professionellen Kritik ab, wobei sich beide irren können. Zu diesem Urteil kann beitragen, dass die Autorin ein Germanistikstudium absolviert oder Literaturwissenschaft studiert hat, es ist aber nicht notwendig. Eine bildende Künstlerin mit einem abgeschlossenen Studium der freien Kunst wird es auf jeden Fall leichter haben, eine Installation, eine abstrakte Skulptur oder eine Zeichnung, die sie hergestellt hat, gegenüber der Öffentlichkeit erfolgreich als ihr Kunstwerk zu präsentieren, als jemand, der nicht auf dieses Studium verweisen kann, insbesondere, wenn das Ergebnis nicht den Sehgewohnheiten und Erwartungen der Rezipienten entspricht.

    Auf jeden Fall gibt es aber für Künstler keine formalen Überprüfungsverfahren wie etwa ein Peer Review (auch wenn das ja durchaus denkbar wäre), welches verbindlich festlegt, ob ein Werk als künstlerisch akzeptiert werden sollte. Insbesondere würde wohl niemand auf die Idee kommen, dazu ein anonymisiertes Verfahren durchzuführen, bei dem nur das Werk und nicht seine Autorin oder Produzentin gesehen wird.

    Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit

    Keineswegs geht es in der Kunstfreiheit zuerst um Inhalte oder Aussagen. Die sind nämlich bereits von der Garantie der Meinungsfreiheit gedeckt. Wenn Kunst eine Aussage hat, dann ist diese die Meinung des Künstlers. Es bedarf also keiner gesonderten Betonung der Freiheit der Kunst, soweit es um eine mögliche Botschaft, eine Behauptung, eine Forderung, eine Warnung geht, die mit dem Werk zum Ausdruck gebracht wird. Kunstfreiheit besteht gerade darin, dass jede Künstlerin ihr Werk als Kunst deklarieren kann, unabhängig davon, wie es zustande gekommen ist, welche Verfahren sie angewandt hat, welche Mittel sie wählt und welches Resultat schließlich als Werk entstanden ist.

    Stellen wir uns Wissenschaftsfreiheit als Kunstfreiheit vor, also als Freiheit einer jeden Person, Aussagen über die Realität, die sie mit mehr oder weniger großem Aufwand hervorgebracht hat, als wissenschaftliche Einsicht zu deklarieren. Das klingt nach Chaos und Anarchie. Allerdings würden das Publikum und die Öffentlichkeit, aber auch die professionelle Kritik sowie die Institutionen, die Wissenschaftler als Forscher und Lehrer beschäftigen, schnell nach Kriterien suchen, nach denen sie für sich gerechtfertigt urteilen können, ob sie etwas als Wissenschaft akzeptieren oder nicht. Dazu würde dann etwa die wissenschaftliche Ausbildung gehören, auch wenn es sein kann, dass ein Autodidakt oder ein Laie durch fleißiges Selbststudium und intensive methodische Arbeit ebenfalls zu einer wissenschaftlichen Einsicht käme. Sodann würde man auf das Urteil von Leuten setzen, die Erfahrung in der professionellen kritischen Prüfung wissenschaftlicher Leistungen haben. Vielleicht würde sich so etwas wie eine Wissenschaftskritik herausbilden, so, wie es Kunstkritiker gibt, Leute, die nichts anderes tun, als Monographien und Paper auf Plausibilität und Originalität zu durchleuchten.

    Methodisch strenge Wissenschaft

    Man könnte sogleich einwenden, dass der wesentliche Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft doch darin besteht, dass letztere methodisch streng vorgeht und reproduzierbares und damit allgemeines Wissen über die Realität erzeugt, welches sozusagen nicht mehr an die einzelne Person gebunden ist, sondern ein Baustein im Gebäude der Wissenschaften ist, der zum Teil des Fundaments wird, auf dem andere später aufbauen werden. Ist dann nicht eine Prüfung nötig, die die Freiheit der einzelnen wissenschaftlich tätigen Person begrenzen muss?

    Dagegen kann man allerdings folgendes vorbringen: Es liegt in der Freiheit jedes Wissenschaftlers, die Fundamente seiner eigenen Arbeit zu prüfen. Wer die Resultate anderer Wissenschaftler in das eigene wissenschaftliche Werk einbauen will, tut gut daran, diese auf Zuverlässigkeit nach eigenen Ansprüchen zu prüfen. Dazu kann er verschiedene Kriterien und Verfahren nutzen, der Nachvollzug des methodischen Vorgehens wäre nur eine, sehr aufwändige Möglichkeit. Die Zuverlässigkeit kann eben auch durch das Zeugnis anderer, durch Erfahrung, durch das Wissen über den wissenschaftlichen Weg des Anderen und anderes mehr bestätigt sein. Letztlich sind all das bereits heute etablierte Wege, die rege genutzt werden und die zwar fehlbar, aber doch effektiv sind.

    Weiterhin kann man einwenden, dass Wissenschaftler ohnehin nur selten allein arbeiten, dass also Wissenschaftsfreiheit immer eine kollektive Freiheit sein muss und dementsprechend auch kollektiver Mechanismen der Sicherung bedarf. Das hängt allerdings von der Art der wissenschaftlichen Betätigung ab, es kommt nicht mal so sehr auf die Disziplin an. Auch eine Physikerin, die eine Theorie der Elementarteilchen, der kosmologischen Entwicklung oder der Supraleitung entwickelt, kann dies ganz allein tun, sie kann das in ihrer Freizeit und am Wochenende machen und ihren Lebensunterhalt als Kassiererin im Supermarkt verdienen, so, wie es viele Schriftstellerinnen und bildenden Künstler tun. Was sie vermutlich braucht, ist eine solide mathematische und physikalische Ausbildung, einen ruhigen Arbeitsplatz und Zugang zu Fachliteratur und aktuellen Forschungszeitschriften. Hilfreich wäre womöglich auch der regelmäßige Gedankenaustausch mit Leuten, die etwas von dem verstehen, was sie da umtreibt, mit denen sie ihre Ideen produktiv diskutieren kann.

    Eine andere Welt ist denkbar

    Wir sehen hier schon, dass eine andere wissenschaftliche Welt denkbar ist als die, die wir heute sehen, die sich im Wesentlichen in geregelten wissenschaftlichen Instituten mit Antragsverfahren, Berichtspflichten und Veröffentlichungsdruck abspielt. Wenn wir einmal beginnen, Wissenschaftsfreiheit als Kunstfreiheit zu denken, entstehen ganz neue Vorstellungen von wissenschaftlicher Freiheit und vom wissenschaftlichen Leben.

    Auch bestimmte Kunstwerke entstehen bekanntlich in kollektiver Arbeit. Zuerst ist da das Theater und der Film zu nennen, in denen eine funktionale Ausdifferenzierung wie in einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut zu finden ist. Großprojekte der Bildenden Kunst benötigen Teams, manchmal tun sich Künstler verschiedener Richtungen für gemeinsame Vorhaben zusammen. Und selbst ein Roman braucht, auch abgesehen vom Vertrieb, nicht nur eine Autorin, sondern auch einen Lektor, einen Setzer, eine Person, die den Umschlag gestaltet und andere.

    Dennoch unterscheidet sich die Idee von Kunstfreiheit hinsichtlich der Methoden der künstlerischen Arbeit und hinsichtlich der akzeptierten Ergebnisse nicht danach, ob ein Kollektiv am Werk ist, oder eine Einzelperson. Ein Theater kann ein Stück mit allen möglichen Mitteln inszenieren und damit die verschiedensten Aussagen an die Öffentlichkeit bringen, all das ist von der Kunstfreiheit gedeckt.

    Einschränkungen trotz Freiheit

    Dabei sind selbstverständlich auch Künstler in ihren Möglichkeiten eingeschränkt, ohne dass dies ihre Kunstfreiheit beschränkt. Auch eine bildende Künstlerin muss die statischen und physischen Eigenschaften ihres Materials kennen und beachten, sie kann nichts schaffen, was diese Eigenschaften nicht zulassen. Auch ein Theater ist an die räumlichen Gegebenheiten des Aufführungsortes gebunden. Zudem brauchen auch Künstler Ressourcen, die finanziert werden müssen, also brauchen sie Geldgeber, also müssen sie andere Leute, sei es das zahlende Publikum, sei es ein Publikationsunternehmen, seien es private Mäzene oder seien es staatliche Stellen, vom Sinn und Wert ihres Tuns überzeugen.

    Niemand aber würde auf die Idee kommen, für ein Kunstprojekt ein Peer Review zu fordern, in dem andere Künstler oder Kunstkollektive den künstlerischen Wert zu bewerten hätten, bevor eine Finanzierungszusage gegeben wird. Dass die Sache künstlerischen Ansprüchen genügt in dem Sinne, dass das Ergebnis als Kunst zu gelten habe, wird durch die künstlerische Biographie des Künstlers oder des Kollektivs verbürgt, die Ausbildung, die bisherigen Werke, zudem durch die Überzeugungskraft des Vorhabens.

    Stellt man sich nun Wissenschaftsfreiheit nicht analog zur Pressefreiheit vor, sondern wie die Kunstfreiheit, dann ergäbe sich auf lange Sicht ein ganz anderes Wissenschaftssystem, eine andere Existenzform der Wissenschaft, als wir sie heute kennen.

    Es gäbe kein Peer Review Verfahren mehr, nach dem zu beurteilen ist, ob das Ergebnis einer wissenschaftlichen Arbeit oder ein wissenschaftliches Vorhaben als Wissenschaft zu gelten hat, oder nicht. Grundsätzlich würde man davon ausgehen, dass das, was Leute als Wissenschaft publizieren, die eine solide wissenschaftliche Ausbildung abgeschlossen haben, auch Wissenschaft sei.

    Peer Review und Wissenschaftsfreiheit

    Man könnte sofort einwenden, dass dann aber die Qualitätssicherung des Peer Review entfallen würde. Ob das Peer Review, wie es heute tatsächlich gelebt wird, die Ansprüche einer guten Qualitätssicherung erfüllt, ob da wirklich Fehler aufgedeckt werden, kann dahingestellt bleiben. Zu guter wissenschaftlicher Praxis würde nämlich ohnehin gehören, dass sich der Wissenschaftler mit Leuten zusammentut, die seine Ergebnisse prüfen. So, wie eine gute Autorin gern mit dem Lektor im Verlag zusammenarbeitet, so, wie sich gute Künstler während ihres Schaffensprozesses der Kritik von Freunden stellen, so suchen auch Wissenschaftler Korrektur und Kritik – diese würde vermutlich fruchtbarer und reichhaltiger sein, wenn die Leute im Wissenschaftsbetrieb nicht durch die  zeitfressenden Verfahren des Peer Reviews und ähnlicher Begutachtungsprozesse davon abgehalten werden würden.

    Es gäbe überhaupt eine viel größere Vielfalt von wissenschaftlichen Lebensweisen. Niemand käme auf die Idee, nur diejenigen als Künstler anzusehen, die in staatlichen oder großen privaten Kunstinstituten und -Akademien arbeiten. Es ist ganz selbstverständlich, dass Künstler sich Stipendien suchen oder einem Teilzeitjob nachgehen, um den nötigen Freiraum für ihr Schaffen zu haben. Das klingt nach prekärem Leben, ist aber zugleich Preis und Ermöglichung der künstlerischen Freiheit.

    Bezüglich der Wissenschaft, so glaubt die Öffentlichkeit und vermutlich die ganze Gesellschaft, ist das Arbeiten fast ausschließlich innerhalb der wissenschaftlichen Institutionen möglich. Das liegt weniger daran, dass wissenschaftliche Arbeit nur als Team möglich wäre. Es liegt daran, dass die Ansicht verbreitet ist, dass Wissenschaftlichkeit dadurch gesichert werden würde, dass sich der einzelne Wissenschaftler in das System der Wissensproduktion einbringt, dass er an einem kleinen Rad im ganzen Mechanismus einer Wissensmaschine drehen würde und dass nur so überhaupt Wissenschaft entstünde. Mit Freiheit hat ein solcher Apparat aber nichts zu tun.

    Wissenschaftler als Privatgelehrte

    Gerade einmal dem Philosophen wird heute zugestanden, dass es wohl prinzipiell möglich sei, dass er als Privatgelehrter agiert. Oben hatte ich aber schon erwähnt, dass auch eine Physikerin durchaus, wenn sie ihr Studium abgeschlossen hat, an einer neuen Theorie der Elementarteilchen oder des Universums arbeiten könnte, ohne dass sie dazu in einem Forschungsinstitut oder einer Universität angestellt wäre. Natürlich täte es ihr dafür gut, sich hin und wieder mit anderen, die in der Sache ebenfalls bewandert sind, auszutauschen, wie auch ein Romanautor während des Schreibens Rückmeldungen aus dem Lektorat oder von Freunden erhält. Sie muss dazu nicht an einem Forschungsinstitut arbeiten. Der einzige Grund, weshalb sie es doch tut, ist, dass sie ohne diese Integration kaum eine realistische Chance hätte, in der Öffentlichkeit und in der Kunstwelt mit ihrer Theorie wahrgenommen zu werden. Wer ist sie denn, an welchem Institut arbeitet sie, ist sie Professorin?

    Wissenschaftsfreiheit als Kunstfreiheit hieße, dass sich diese Fragen nicht stellen, weil selbstverständlich wäre, dass Leute, die wissenschaftlich arbeiten und wissenschaftliche Resultate erzielen, in ganz unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsmodellen unterwegs sind. Das würde die Vielfalt und Kreativität der Forschungsansätze und -ziele enorm vergrößern. Das Eingespanntsein in einen wissenschaftlichen Betrieb und eingefahrene Forschungsprogramme wäre nicht mehr der Standardfall des wissenschaftlichen Arbeitsmodells, sondern nur eine von vielen Möglichkeiten.

    Selbstverständlich wäre das auch kein Paradies für Wissenschaftler, so, wie das Leben des freien Künstlers kein Paradies und oft prekär ist, hätte auch der freie Wissenschaftler kein sorgloses Dasein. Aber es bestünde wenigstens da Möglichkeit für kluge, innovative Köpfe, sich aus dem Betrieb der wissenschaftlichen Institutionen herauszulösen und auf eigene Faust zu forschen – und mit den Ergebnissen auch öffentliche und gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen, so, wie es in der freien Kunst möglich ist. Informelle Netzwerke würden sich bilden zwischen Privatgelehrten und auch zu den Institutionen, die mit den freien Wissenschaftlern gemeinsame Projekte zum gemeinsamen Nutzen machen würden.

    Die Wirklichkeit der Wissenschaftsfreiheit

    Weit ist ein solches wissenschaftliches Leben von der derzeitigen Praxis entfernt, und genau besehen entfernt sich der Wissenschaftsbetrieb immer weiter von der Möglichkeit einer solchen Welt. Das liegt nicht nur an der mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung wirklich freier Wissenschaft und freier Wissenschaftler, es liegt auch daran, dass sich die Finanzierungsmodelle der Publikationswege inzwischen genau gegen diese freie Wissenschaft entwickeln. Die wissenschaftlichen Publikationen sollen nicht mehr von ihrem Publikum, sondern vom Autor bezahlt werden. Diesen Trend gibt es im wissenschaftlichen Publizieren schon lange, Stichwort Druckkostenzuschuss, wird aber heute unter dem schönen Label „Open Access“ zum generellen Standard. Man könnte meinen, das hätte auch Vorteile für den freien Wissenschaftler, kann er doch am Ende alle wissenschaftlichen Journale und Monographien frei lesen. Ob das tatsächlich der Fall sein wird, ist fragwürdig. Bisher bestünde wenigstens die Möglichkeit, in Bibliotheken an die gewünschte Literatur recht günstig heranzukommen. Ob sich das durch Open Access wirklich für den einzelnen verbessern wird, bleibt fraglich. Nun aber wird eine hohe Publikationsschranke geschaffen: wenn der freie Wissenschaftler seine Resultate nur gegen Geld publizieren kann, entspräche das dem Selbstverlag des Romanautors, oder eben dem Druckkostenzuschussverlag. Ein freier Wissenschaftler muss sich einen finanzkräftigen Sponsor suchen, der ihm die Publikation in einem anerkannten Wissenschaftsverlag finanziert.

  • Studie ohne Hemmung

    In den letzten Tagen machte wieder einmal eine Studie Schlagzeilen. Genauer gesagt machte – wie das immer so ist – nicht die Studie die Schlagzeilen, sondern die Journalisten, die über die Studie berichteten. Wobei man in diesem Falle schon sagen muss, dass die Autoren der Studie ihren Teil zum Zeilenschlagen beigetragen haben, trug sie doch die schlagende Titelzeile: „Die enthemmte Mitte“. Der erläuternde Untertitel war dann „Autoritäre und rechtextreme Einstellungen in Deutschland“.

    Soso, die Mitte ist also „enthemmt“ – das heißt dann wohl, früher war sie mal gehemmt, ihre „autoritären und rechtsextremen Einstellungen“ zu zeigen, aber jetzt lässt sie alle Hemmungen fallen und ist womöglich ganz offen rechtsextrem und autoritär. Das ist natürlich eine ernste Sache, die besorgt auch den Philosophen. Schauen wir also mal mit einem vorsichtigen philosophischen Blick in dieses Produkt gesellschaftswissenschaftlicher Forschung.

    Die große Aufgabe

    Denn diesen Anspruch hat die Studie. Gleich zu Beginn des ersten Kapitels heißt es:

    Eine wesentliche Aufgabe der Gesellschaftswissenschaften ist die Untersuchung von rechtsextremen Einstellungen und autoritären Orientierungen.

    Da ist man ja schon gleich das erste Mal verblüfft. Dachte man doch gerade noch, dass die Wissenschaften frei sind und sich erst mal gegen jede Art von „Aufgabenzuweisungen“ wehren dürften und auch sollten, erfährt man hier, dass die Gesellschaftswissenschaften sogar eine „wesentliche Aufgabe“ haben. Die ist zudem sogar sehr speziell. Sie richtet sich nicht etwa auf alle möglichen gesellschaftlichen Phänomene und Strukturen, sondern vor allem auf „rechtsextreme Einstellungen und autoritäre Orientierungen“.

    Da fragt man sich natürlich, wer den Gesellschaftswissenschaften diese wesentliche Aufgabe gegeben hat. Leider findet sich dazu in der Studie keine Fußnote. In einem Land vor unserer Zeit hätte es ganz sicher so eine Fußnote gegeben, da wäre der entsprechende Politbürobeschluss genannt gewesen, oder wenigstens eine Rede des Generalsekretärs.

    Hier aber nichts dergleichen – zum Glück. Wir müssen vermuten, dass „die Gesellschaftswissenschaften“ sich ihre „wesentliche Aufgabe“ denn doch selbst gegeben haben – man hätte natürlich trotzdem gern gewusst, warum es gerade diese war und wie „die Gesellschaftswissenschaften“ das anstellen, sich eine solche Aufgabe zu geben.

    Was ist nochmal rechts?

    Wer sich so eine wesentliche Aufgabe gibt, der wird sicherlich genau wissen, was der Gegenstand der Aufgabe ist. Man vermutet ja als naiver Philosoph, dass „Rechtsextrem“ irgendwie so etwas ist wie „extrem weit rechts“ und ist nun gespannt darauf, einen Hinweis zu finden, was eigentlich „rechts“ (vermutlich im Gegensatz zu „links“) ist.

    Tatsächlich gibt es in der Studie sogar eine „Definition“ – die definiert aber nicht „Rechts“ sondern gleich „Rechtsextrem“. Diese Definition lautet:

    Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen.

    Da ist man schon wieder verblüfft. „Ungleichwertigkeitsvorstellungen“ sind also das „verbindende Kennzeichen“ der „rechtsextremen Einstellungsmuster“.

    Damit eine Definition gut ist, so haben wir irgendwie schon bei Aristoteles gelernt, muss sie trennscharf sein, d.h., man muss ganz gut feststellen können, was dazu gehört, und was nicht. „Ungleichwertigkeitsvorstellungen“ – naja, die Linksextremen z.B. halten die Kapitalisten wahrscheinlich auch nicht für so wertvoll wie die unterdrückten Proletarier. Und die Extremen unter den Natur- und Umweltschützern haben wohl auch klare Vorstellungen davon, was oder wer wertvoll ist und was nicht.

    Wahrscheinlich ist es ja so, dass Extreme überhaupt dadurch extrem werden, dass sie aus Unterschieden zwischen Menschen Bewertungen machen, durch die die einen wertvoller als die anderen zu sein scheinen. Während die Gemäßigten zwar Unterschiede zu ihren Gegnern sehen, ist dem Extremen der Andere weniger Wert, er ist ihm so fremd, dass er ihn, um sich selbst zu behaupten, ab-werten muss.

    Exkurs: Schmitt, Mouffe, Greven

    Dazu einen kleinen Exkurs: Ich stehe, was das Verständnis politischer Kategorien betrifft, in der Tradition von Carl Schmitt, insbesondere in der Rezeption durch Chantal Mouffe und Michael Th. Greven. In dieser Tradition scheint mir zweierlei plausibel zu sein: Unter den Gemäßigten, egal welcher Ausrichtung, gibt es natürlich einen Konsens, wie man sein muss, wenn man dazu gehören will. Die diesen Konsens nicht einhalten, sind die Extremen, oder die Extremisten. Als solche werden Leute identifiziert, die den kulturstiftenden Konsens ablehnen. Gleichzeitig kann man den Extremismusvorwurf aber auch im Kampf gegen den politischen Gegner nutzen, indem man „Politik im moralischen Register“ spielt, d.h., den politischen Gegner dann mit links- resp. rechtsextremistischen Vorwürfen überzieht. Dann wirft man ihm eben vor, nicht gegen die extremistische Version der jeweiligen Seite immun zu sein, denen Eintrittspforten zu öffnen, sodass der (jeweilige) Extremismus „in die Mitte der Gesellschaft“ vordringen kann.

    Konsequenz ist dann allerdings, dass der kulturstiftende Konsens der Gemäßigten damit aufs Spiel gesetzt wird. Ein Gegenmittel gegen diese Gefahr scheint mir zu sein, die wesentlichen Gemeinsamkeiten der verschiedenen Extremismen herauszustellen.

    Die Konsensus-Konferenz

    Also muss hier zunächst mal ein Begriff des Rechten existieren, dessen extreme Ausprägung man untersucht. Die wird aber nicht expliziert. Stattdessen werden Dimensionen aufgezählt, die man abgeleitet habe. Wie das gemacht wurde, das erkennt man weder in der Studie, noch in der Quelle (Vom Rand zur Mitte, Seite 20), dort wird nur auf die „Konsensuskonferenz“ verwiesen. Die hat nicht nur die Definition „gefunden“, sondern auch die Dimensionen „abgeleitet“. Leider wird nirgends auch nur in einer Fußnote angegeben, wie das geschah oder wo man das genauer nachlesen kann. Vielleicht muss man sich ja eine gesellschaftswissenschaftliche Konsensuskonferenz so ungefähr wie ein Pfingstwunder vorstellen.

    Was mich aber gerade interessieren würde, ist, wie diese Dimensionen – und gerade diese und keine anderen – aus dieser These von den Ungleichwertigkeitsvorstellungen in der spezifisch rechten Ausprägung folgen. Mir ist es etwa nicht intuitiv plausibel, warum Leute, die einen autoritären Staat bevorzugen, von Ungleichwertigkeitsvorstellungen geleitet sein müssen. Schon gar nicht ist mir klar, was daran „rechts“ ist. Einheitsparteien mit hierarchischen Strukturen und starken Staat sehe ich als Sehnsucht eher auf der linken Seite des politischen Spektrums.

    Das geschlossene rechtsextreme Weltbild

    Vielleicht habe ich ja irgendwas übersehen, aber die Studie belegt soweit ich das sehe nicht, dass es Korrelationen zwischen den Dimensionen gibt. Also dass etwa Leute, die einen autoritären Staat wollen, auch antisemitisch und schwulenfeindlich sind und den Nationalsozialismus verharmlosen. Nur dann würde der Begriff des Rechtsextremismus als Zuschreibung für eine Personengruppe ja durch das Modell gestützt werden können. Sonst sieht es ja so aus: Ich sammle mir mal alle Einstellungen, die ich irgendwie aus einem Konsens heraus ablehne, und klebe ihnen allen ein Etikett auf. Und dann summiere ich alle Leute, die eine dieser Einstellungen haben, unter dem Etikett, und wundere mich, dass es so viele sind.

    Tatsächlich scheint die Grafik 13 zum so genannten „geschlossenen rechtsextremen Weltbild“ die sechs Dimensionen irgendwie zusammenführen zu sollen, wobei rätselhaft bleibt, was die Formulierung „Die hier aufgeführten Befragten stimmten im Durchschnitt allen sechs Dimensionen der rechtsextremen Einstellung zu“ bedeuten soll. „Im Durchschnitt allen Dimensionen zustimmen“ – ich glaube, so eine Formulierung hätte mir kein Professor in einer Statistik-Seminararbeit durchgehen lassen. Aber nehmen wir mal an, das bedeutet irgendwie, dass die betreffenden bei wenigsten fünf der sechs Dimensionen die Fragen zustimmend beantworten. Die Dimension „Verharmlosung Nationasozialismus“ hat nur eine Zustimmungsquote von 2,1%, die Dimension „Sozialdarwinismus“ von 3,4% – wie da noch 5,4% „im Durchschnitt allen“ Dimensionen zustimmen können, ist mir mathematisch ein Rätsel.

    Die Schwulenfeindlichkeit

    Irgendwie war die Studie noch nicht dick genug und deshalb musste sie, vielleicht auch, weil sie diesen merkwürdigen Titel von der enthemmten Mitte hat, auch noch was zur Schwulenfeindlichkeit sagen. Klar, irgendwie sind Nazis bestimmt auch Schwulenhasser, und wenn wir schon nur 2,1 % der Befragten der Verharmlosung des Nationalsozialismus überführen können – vielleicht finden wir ja ein paar mehr Leute – vor allem in der „enthemmten Mitte“ – die Schwule hassen.

    Die Sache mit der angeblichen Schwulenfeindlichkeit findet sich in der Studie auf Seite 50f. Da wird dann also gefragt, ob man das „eklig findet“ wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. 40% stimmen dem irgendwie zu. Leider unterscheiden die Autoren hier plötzlich nicht mehr zwischen den fünf Stufen der Zustimmung/ Ablehnung, sodass wir überhaupt nicht wissen, wie stark die Ablehnung wirklich ist. Außerdem wird nicht zum Vergleich gefragt, wie es mit der Aussage aussieht „Ich finde es überhaupt eklig, wenn sich Leute in der Öffentlichkeit küssen.“ Der Aussage „Homosexualität ist unmoralisch“ stimmen ja weit weniger Leute zu (auch hier kennen wir den Grad der Zustimmung nicht). Daraus einen allgemeinen Schwulenhass abzuleiten, ist also fragwürdig. Vielmehr kann es sein, dass ein großer Teil der Deutschen es ablehnt, dass in der Öffentlichkeit geküsst wird.

    Merkwürdig ist auch, dass es eine Verdoppelung der Homosexuellen-Ablehnung innerhalb von zwei Jahren geben soll. Aus irgendeinem Grunde haben die Autoren nämlich Zahlen aus einer anderen Studie, die in 2014 erstellt wurde, und aus einer weiteren Quelle, die noch älter ist, hinzugezogen. Grafisch sieht es nun so aus, als sei die Schwulenfeindlichkeit enorm gestiegen. Die Studie vermerkt lapidar, dass die früheren Zahlen in Telefoninterviews erhoben wurden, während sie selbst Face-to-Face-Interviews gemacht haben. Warum aber sollte das zu einer Verdoppelung der Zustimmung zu anti-homosexuellen Aussagen führen? Wäre nicht eher das Gegenteil zu erwarten? Dazu schweigt die Studie.

    Aber was am Ende hängen bleibt: 40% der Deutschen sind Schwulenhasser. Aber das ist Quatsch, lässt sich jedenfalls mit dieser Studie nicht seriös belegen.

    Wo ist denn nun die „enthemmte Mitte“?

    Was es mit der Mitte auf sich hat, die angeblich hemmungslos geworden ist, bleibt auch nach Ende der Lektüre ein Rätsel. Das Wort „enthemmt“ kommt in der ganzen Studie fünf Mal vor: Auf dem Deckblatt, auf dem zweiten Deckblatt, auf dem dritten Deckblatt, im Inhaltsverzeichnis und auf einem weiteren Deckblatt nach dem Vorwort. Im laufenden Text ist es nicht zu finden – kein Scherz.

    Was lehrt uns das? Wenn eine wissenschaftliche Arbeit damit beginnt, dass sie die „wesentliche Aufgabe“ der Disziplin benennt, zu der sie sich rechnet, sollte man, um die Achtung vor der Wissenschaft nicht zu verlieren, das Werk schnell wieder zuklappen.

  • Macht nicht so ’ne Welle!

    Das Heute-Journal hat ihnen gestern mindestens fünf Minuten gewidmet, die FAZ hat sie heute auf der Titelseite: Gravitationswellen. Im vergangenen Jahr wurden sie erstmals gemessen, gestern haben die Physiker ihre Entdeckung mit großer Geste inszeniert und alle Medien sind begeistert darauf eingestiegen.

    Man fragt sich: Warum?

    Eigentlich ist das gar keine so große Sache. Vor 100 Jahren hat Einstein mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie ein Konzept vorgelegt, in dem Gravitationswellen ganz selbstverständlich auftauchen. Für alle, die diese Theorie inzwischen weitgehend akzeptieren, ist selbstverständlich, dass es diese Wellen gibt. Ihr Nachweis ist keine wissenschaftliche Sensation, allerdings ist es eine Meisterleistung der Technik.

    Man kann verstehen, dass die Wissenschaftler das gern feiern wollen. Denn eigentlich leben sie in dürftigen Zeiten. Die Jahrzehnte, in denen die kühnen Entwürfe der Theoretiker die Menschen verstörten und begeisterten, sind eben lange vorbei. Wir reden über Theorien, die 100 Jahre alt sind – alles, was danach kam, war nur noch Verfeinerung. Die Zeit der Revolutionen ist in der Physik lange vorbei, seit dem gibt es nur noch Normalwissenschaft – auch wenn uns manche öffentlichkeitsfreudige Wissenschaftler etwas anderes weismachen wollen.

    Auch die Zeiten der großen Diskussionen über die Frage, wie physikalische Theorien und deren experimentelle und technische Folgen unser Weltbild und unser Leben verändern, sind Geschichte. In den 1950er Jahren schrieben Physiker wie Werner Heisenberg und Philosophen wie Martin Heidegger Aufsätze, über die wir bis heute nicht hinaus sind.

    Moderne Experimentalphysik ist teuer und die Forscher haben gelernt, dass sie ihre kleinen Erfolge groß inszenieren müssen, damit sie die gesellschaftliche Akzeptanz erhalten, die Voraussetzung für ihre öffentliche Finanzierung sind. Sie drucken bunte Bildchen von Computersimulationen aus und machen Gravitationswellen „hörbar“. Ich bin ihnen sogar dankbar, dass sie das tun, denn ich glaube, dass wissenschaftliches Forschen ohne Sinn aber mit Verstand zu den schönsten und besten Hobbies der Menschheit gehört – fast so schön wie Sex oder Kunst.

    Aber ich werde davon auch nachdenklich: Das Bild, was durch diesen Rummel von den Wissenschaften und von ihren Entdeckungen gezeichnet wird, könnte falscher nicht sein. So spektakulär sind diese Wellen eben nicht, sie sind auch nicht bunt und man kann sie nicht hören. Das, was uns da präsentiert wird, ist eine Show, weil das, was die Forscher da wirklich tun, eben kaum was mit uns zu tun hat. Es ist aber Teil eines Mechanismus, der uns suggerieren soll, dass Wissenschaft das wichtigste Mittel ist, um all unsere Probleme zu lösen.

    Nur Unterhaltung?

    Vielleicht ist es aber auch alles viel einfacher. Vielleicht sind die Zeitungsredaktionen und Fernsehjournalisten nur unendlich dankbar dafür, dass es mal eine Nachricht gibt, die einfach nur gut ist. Die keine bösen Konsequenzen hat. Sie ist Teil eines Unterhaltungsprogramms, dass uns für ein paar Minuten vom Elend der Welt abschalten lässt. Und ich bin der Spielverderber – ich bitte um Vergebung.

  • Unglaublich unwissenschaftliche Unverständlichkeiten

    Ist ein Unwort eigentlich ein Wort? Eine Untat ist auch eine Tat, ein Unkraut ist ein Kraut, ein Unmensch ist ein Mensch. Also ist ein Unwort vermutlich auch ein Wort. Alles andere wäre ein Unding, das ja auch ein Ding ist. (bei der Untiefe habe ich nie verstanden, ob sie nun eine Tiefe ist oder nicht. Wikipedia hilft da auch nicht weiter, denn auch eine geringe Tiefe ist ja eine Tiefe.)

    Die Untaten der Unmenschen

    Undinge wie Unkräuter, Untaten und Unmenschen sind irgendwie zwar Dinge, aber sie benehmen sich nicht so, wie man das von den Dingen erwartet oder erhofft. Sie sind unanständig (was dann aber keine besondere Form von Anständigkeit ist). Damit können Undinge eigentlich keine Begriffe der Wissenschaften sein, denn die Wissenschaft bewertet nicht, sie beschreibt nur, wie die Dinge sind, und sie erklärt, wie sie so werden, wie sie sind. Da macht die Wissenschaft keinen Unterschied zwischen dem Kraut und dem Unkraut – das macht der Gärtner, der die einen Kräuter haben will und die anderen nicht.*

    Dem Wissenschaftler sind alle Kräuter gleich lieb, er will sie nicht essen, er will sie verstehen. Alles andere wäre unwissenschaftlich, was dann allerdings eben gerade auf keinen Fall wissenschaftlich ist, so, wie das Ungeheure nicht geheuer ist, die Unzufriedenheit nicht zufrieden ist, das Unmenschliche nicht menschlich – ach nein, stimmt nicht, das Unmenschliche ist vielleicht sogar zutiefst menschlich.

    Es ist unglaublich mit diesem un – wobei das nicht heißt, das wir es nicht glauben können, so wie wir das unverständliche nicht verstehen. Das Unglaubliche glauben wir ja sogar besonders gern – man muss uns nur beteuern, dass es unglaublich ist – aber wahr. Nur die Unwahrheit sollten wir nicht glauben, das wäre unklug.

    Unsinn und Sinn

    Sprachwissenschaftler können diese unübersichtliche Ungetüm „Un“ erforschen, beschreiben, systematisieren. Sie können Sinn in den ganzen Unsinn bringen, den ich hier bisher ausgebreitet habe. Sie bewerten dabei nicht, ob das nun gut oder schlecht ist, was diese Vorsilbe Un mit den Wörtern macht. Sie wollen es nur verstehen.

    Manchen von ihnen reicht das aber nicht. Sie wollen die guten von den bösen Wörtern trennen, sie wollen uns sagen, was wir sagen sollen und was nicht. Sie wollen festlegen, was die Unworte sind, die nur von Unmenschen für ihre Untaten benutzt werden.

    Dieses Mal ist es also der Gutmensch. Eigentlich ein spannendes Wort. Es wäre wirklich interessant, was den Gutmenschen vom guten Menschen unterscheidet. Ist es das Gleiche, wie der Unterschied des Schöngeists vom schönen Geist?  Unterscheiden sich die beiden genauso voneinander wie der Vollidiot und der volle Idiot, oder eher so wie der Neubürger von neuen Bürger? Wie kommen solche Wortverbindungen zustande, wie entwickeln sie sich, wie verändern sie Bedeutungen?

    Das alles kann Wissenschaft erforschen und uns mitteilen, damit wir – frei entscheidend – bewusster mit unserer Sprache umgehen und nicht unbewusst Unsinn reden.

    Aber uns Vorschriften zu machen, wie wir reden sollen, um gute Menschen zu sein – das ist unnützer Unfug – noch dazu zur Unzeit und alles andere als unentbehrlich.

    *(In der Kritik der vernetzten Vernunft habe ich mal geschrieben, dass die Trolle das Unkraut des Internet sind – ein oft missverstandener Satz, bei dem viele Leser ignoriert haben, dass ich direkt danach schrieb, dass es die Entscheidung des Gärtners ist, welches Kraut er liebt, und welches er vernichten will.)

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich zur Trauer um berühmte Künstler.

  • Keine Angst vor Smartphone-Sucht

    Das Abendland wird untergehen, wenn wir nicht endlich unsere Smartphone-Nutzung einschränken! Zu dieser Einschätzung kann man kommen, wenn man manchen Berufsmahnern in den Medien Glauben schenkt. Vor allem die jungen Leute starren ja nur noch auf ihre Mobiltelefone und nehmen ihre Umwelt gar nicht mehr wahr. Sie reden nicht mehr miteinander, sondern surfen nur noch im Internet. Wo soll das nur hinführen?
    So reden nicht nur die ganz alten Leute oder offensichtliche Technik-Muffel, sondern inzwischen auch Wissenschaftler. Und wenn die uns schon warnen, dann muss es doch wirklich schlimm sein, oder?

    Ein Forschungsprogramm

    Schauen wir uns einmal ein aktuelles Forschungsprogramm zu diesem Thema an. An der Universität in Bonn kam Alexander Markowetz auf eine tolle Idee, um unser Nutzungsverhalten bezüglich der Smartphones zu erforschen. Man stellte eine App zum Herunterladen bereit, die alle Nutzungs-Aktivitäten am Gerät aufzeichnet und an einen Server sendet. Diese Daten haben Markowetz und seine Kollege dann ausgewertet und sind zu erschreckenden Ergebnissen gekommen: Drei Stunden am Tag nutzen wir unser Smartphone inzwischen! Das ist nur eine von vielen alarmistischen Behauptungen, die als Forschungsresultate inzwischen die Medien erreicht haben.

    Nun ist der Ansatz der Datenerhebung zunächst mal, nun ja, überraschend. Man stelle sich vor, man stellt sich etwa an einen Zigarettenautomaten und bittet jeden, der da Zigaretten zieht, mal seinen Tabakkonsum zu protokollieren. Kann man daraus ableiten, ob die Gesellschaft dem Tabak verfallen ist oder nicht? Wohl kaum.

    So ähnlich ist es auch hier. Als Probanden kommen zunächst mal nur Smartphone-Besitzer in Frage. Aber nicht nur das: Sie müssen auch von der Möglichkeit, diese Protokoll-App herunterzuladen, gehört haben. Sie müssen dazu bereit und in der Lage sein, die App herunterzuladen und zu installieren. Sie müssen eine gewisse Vertrautheit mit dem haben, was die App macht, damit sie nicht aus Misstrauen davon absehen, sich diese App zu laden. Und sie müssen ein gewisses Interesse an den Ergebnissen haben.

    Ein ganz gewöhnlicher Smartphone-Nutzer, der vielleicht telefoniert, SMS schreibt, hin und wieder gar nach dem Wetter schaut, wird das alles nicht tun. Und jemand, der gar kein Smartphone besitzt, natürlich schon gar nicht.

    Nichtssagende Ergebnisse

    Die Ergebnisse sagen also über das allgemeine Smartphone-Benutzungsverhalten in der Bevölkerung gar nichts. Sie sagen nur: Leute, die Smartphone-Apps nutzen, nutzen Smartphone-Apps.

    Die Studie, die die Wissenschaftler um Markowetz veröffentlicht haben, ist voll von solchen tiefschürfenden Erkenntnissen. Etwa: Extrovertierte Menschen nutzen WhatsApp mehr als introvertierte Menschen. Das klingt im wissenschaftlichen Englisch natürlich viel gewichtiger:

    From a perspective of a personality psychologist, we observed that Extraversion is of high importance in understanding WhatsApp usage. In keeping with earlier smartphone studies on Extraversion and call behaviour (e.g. [16], [20]), extraverts also use WhatsApp for longer durations compared with introverts. This was hypothesized, because extraverts usually reach out more often to their social networks than introverted individuals.

    Sollen wir sie spielen lassen?

    Natürlich könnte man sagen: Lass sie doch spielen, die Wissenschaftler an den Unis. Schließlich sollen die Studenten lernen, wie man Apps baut, außerdem haben sie ein bisschen statistische Methoden angewendet und ein sauberes Paper draus gemacht, das zur Veröffentlichung kam.

    Aber die Geschichte ist damit ja leider noch nicht vorbei. Denn mit ihren bahnbrechenden und zugleich so erschreckenden Erkenntnissen haben unsere tapferen Forscher sich an die Öffentlichkeit gewandt – schließlich will man sich mit aller Macht dagegen wenden, dass wir in Digitaler Demenz versinken. Schon vor einem Jahr erschien der erste Zeitungsbericht, und in den letzten Monaten kam Markowetz in fast allen seriösen Medien zu Wort.

    Dort fand man natürlich nichts über den fragwürdigen Forschungsansatz und die dürren Resultate. Stattdessen lesen wir da Warnungen vor der Smartphone-Sucht und kluge Hinweise, wie man sich vor ihr schützen kann. Wissenschaftler haben was festgestellt, etwas sehr schlimmes noch dazu, etwas, was uns alle betrifft und wovor man warnen, warnen, warnen muss. Wer wird da kritisch nachfragen.

    Ein Buch hat er geschrieben

    Fragen kann man natürlich, warum ein junger Juniorprofessor (in den Medien wird der Junior natürlich weggekürzt, damit wir nicht auf falsche Gedanken kommen) so plötzlich allen Medien Rede und Antwort steht. Ein Buch hat er geschrieben, der tapfere Kämpfer gegen die Smartphone-Sucht! Ein „digitaler Burnout“ drohe uns nämlich. Jawohl.

    Jetzt mal ganz ehrlich: Natürlich nutze ich (obwohl ich schon 50 bin) mein Smartphone mehrere Stunden am Tag. Das liegt daran, dass ich damit so vieles machen kann, wofür ich zuvor ganz verschiedene Dinge brauchte: Briefe schreiben, mich verabreden, Zeitung und Bücher lesen, spielen, Musik hören, nach der Uhrzeit sehen, Rechtschreibung und Wortbedeutungen und Übersetzungen nachschlagen. Dann kommt dazu, dass ich mit dem Smartphone auch in Situationen etwas Sinnvolles machen kann, in denen ich früher einfach rumstand oder herumsaß und wartete. Das ist für mich wahrlich kein Grund zum Weinen.

    Soll Markowetz sich über seine mediale Präsenz freuen, bestimmt schafft er es auch noch zu Anne Will. Soll er reich werden mit seinem Buch. Ich bin sicher: Die alarmistische Allianz aus Wissenschaftlern und Medien wird uns genauso erhalten bleiben wie die Techniker und Unternehmer, die uns immer mal wieder mit einem neuen Stück Technik eine Freude machen.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über das Wesen der Religionen.