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  • !Fußball around the clock?

    !Fußball around the clock?

    Wieder einmal ist eine Fußball-Weltmeisterschaft fast vorbei. Zeit für einen Rückblick, wobei wir den gar nicht neu schreiben müssen, denn Henning Hirsch hat schon am Ende der WM in Katar einen Rückblick geschrieben, der noch heute aktuell ist und den wir deshalb als Perle des Kolumnismus noch einmal aus dem Archiv geholt haben. Lesen Sie selbst:

    Das Turnier in Katar ist ausgespielt, Messi hat den Titel im fünften Anlauf in einem ab Minute 70 wirklich spannenden bis hin zu hochdramatischen Finale gegen bärenstarke Franzosen geholt, Weihnachten und der Gaspreisdeckel können nun endlich kommen. Der Ball ruht jetzt eine kurze Zeit lang. In vier Wochen geht es weiter mit der Bundesliga, wo wir alle – so wir nicht Bayern-Fans sind – auf ein Überraschungsteam à la Marokko hoffen, das den Münchnern das Dauerabo auf die Meisterschale entreißen könnte. Aber so wie es Marokko nicht über Platz 4 hinaus geschafft hat, wird es auf absehbare Zeit auch niemand in der Buli schaffen, die Münchner vom Thron zu stoßen. Langeweile ist also angesagt in Deutschland, aber zumindest brauchen wir hier nicht darüber zu diskutieren, wie viele Arbeiter beim Bau unserer Stadien vom Gerüst fielen oder ob Mannschaftskapitäne bunte Armbinden tragen dürfen. Gäbe es eine Weltmeisterschaft für tadellose Haltung – Deutschland würde ganz sicher die Vorrunde überstehen. Aber leider geht’s beim Fußball unterm Strich halt immer darum, vorne mehr Tore als der Gegner zu schießen und hinten Tore zu verhindern. Und in diesen beiden klassischen Disziplinen ist das deutsche Team seit einigen Jahren nur noch bedingt wettbewerbsfähig.

    !Beste WM aller Zeiten?

    Die WM in der Wüste ist seit gestern Geschichte, und auch jemand wie ich, der von den Spielern keine Regenbogenbinden und Hand-vor-den-Mund-halte-Gesten verlangt, sondern einfach nur interessiert zuschaut, wie viele Tore vorne erzielt und hinten verhindert werden, ist froh, dass es jetzt vorbei ist. Die Melancholie nach dem Finale, die Angst vor der K.o.-Runden-leeren Zeit, die sich früher bei mir nach dem letzten Schlusspfiff oft einstellte, gibt es dieses Mal nicht. Aus zwei einfachen Gründen: Weder passt eine WM in den Winter – zumal in einen so kalten Winter wie diesen –, noch sollte sie in Ländern, die über Null Fußballhistorie verfügen, abgehalten werden. Weltmeisterschaften spielt man in West- & Südeuropa, Brasilien und Argentinien. Ausnahmsweise auch mal in Mexiko oder Japan. Aber auf gar keinen Fall am Westrand des Persischen Golfs.

    Ob die FIFA das verstanden hat? Deren Chef Gianni Infantino verkündete am vergangenen Freitag auf einer Pressekonferenz in Doha ein paar durchaus staunenswerte Sachen:

    Die WM …
    (A) … in Katar sei das beste Turnier seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte gewesen (Minimum seit der ersten Olympiade 776 vuZ … Frage des Autors dieser Kolumne: Wie wird das überhaupt gemessen?)
    (B) … müsse in noch viel mehr bisher Fußball-freie Länder exportiert werden (ganz aktuell = 2026 in die USA und Kanada)
    (C) … könne locker mit 48 und mehr Teilnehmern ausgespielt werden (das 48er-Feld für 2026 ist bereits beschlossen).
    Und überhaupt bräuchte es (D) sowieso viel mehr FIFA-Wettbewerbe. Weshalb nun eine Klub-WM mit 32 Teams und zusätzliche Interkontinental-Vergleiche zwischen europäischen, südamerikanischen, afrikanischen etc. Mannschaften in Planung sind.

    Mal abgesehen vom Umstand, dass das aktuelle Turnier stets zum besten aller Zeiten erklärt wird, bevor es dann in vier Jahren vom nächsten allerallerbesten abgelöst wird, Infantino diesbezüglich nur guter alter Funktionärseuphemismus-Tradition folgt, lässt der Rest doch aufhorchen. Noch mehr Teams, noch mehr Wettbewerbe, noch mehr Vergaben in (aus Fußballperspektive) exotische Länder? Was kommt als nächstes: die Reduzierung des zeitlichen Abstands zwischen den Weltmeisterschaften? Weshalb sollte der Titel nicht alle zwei Jahre ausgespielt werden? Beim Eishockey beträgt das Intervall nur 12 Monate. Die WM der Geräteturner:innen findet im 24-Monate-Rhythmus statt. Warum müssen ausgerechnet wir Fußballfans immer geschlagene 4 Jahre auf das nächste globale Event warten? Das ist voll unfair.

    Demnächst in Thailand & Malaysia?

    Da tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf: 128 Mannschaften kämpfen 2034 in Thailand & Malaysia in einem drei Monate andauernden Turnier um die Krone des Weltfußballs. In FIFA-internen Expertenzirkeln muss bloß noch geklärt werden, ob die Vorrunde aus 32 4er- oder 42+ zwei Drittel 3er-Gruppen bestehen wird. Ins 64stel-Finale gelangen dann die 32 Erst- und Zweitplatzierten bzw. die 42,67 Erstplatzierten sowie 21.33 Zweitplatzierte, die sich in einem kleinen Vorrunden-shoot-out gegeneinander im Elfmeterschießen durchgesetzt haben. Direkt im Anschluss folgt eine Klub-WM, zu der die ersten 5 Vereine sämtlicher nationaler Ligen eingeladen sind u die ein halbes Jahr lang als Wanderzirkus in China abgehalten wird. Kurz darauf EM und Copa América, bevor dann – nunmehr im 2-Jahres-Rhythmus –, die nächste Weltmeisterschaft auf Kuba u Jamaika ihre Stadiontore öffnet. Dort dürfen auch erstmals 10 Frauen-Teams mit dabei sein, von denen die besten 2 auf jeden Fall bis ins VF vorrücken, egal ob sie die Vorrunde überstehen o nicht. So viel Gleichberechtigung u Diversity müssen sein. Die Vision der FIFA lautet: Soccer around the clock (inkl. lebenslange Präsidentschaft für Infantino).

    Und ich, der ich zugegebenermaßen gerne Fußball schaue, frage mich, ob der (zumindest mein eigener) Sättigungsgrad mittlerweile nicht schon erreicht ist, eventuell bereits überschritten wurde. Nie habe ich so wenig Partien angesehen wie bei dieser WM. Ob mein Interesse wieder wächst, wenn der Wettbewerb weiter aufgebläht und vielleicht demnächst im 24-Monatsturnus ausgespielt wird, wage ich zu bezweifeln. Und von Turnieren in Ländern, die über Null Fußballhistorie verfügen, halte ich ohnehin wenig. Soll heißen: das, was Infantino als Vision vorschwebt, sehe ich eher als Albtraum = die 24/7-Berieselung mit Partien wie Singapur vs. Andorra. Wer will so was ansehen? Also ich definitiv nicht.

    Hauptsache, der Effzeh steigt nicht ab

    Jetzt freue ich mich tatsächlich auf vier Fußball-lose Wochen, bevor es Ende Januar mit dem Effzeh (zu Hause gegen Werder Bremen) weitergeht. Köln steckt – mal wieder – mitten im Abstiegskampf und das Mitfiebern, ob’s zum Klassenerhalt reicht, wird mich bis Spieltag 34 voll in Anspruch nehmen. Für andere Sachen wie bspw. Vorbereitungsmatches der Nationalmannschaft oder Qualifikationsspiele zur Asienmeisterschaft bleibt da echt keine Zeit.

    Ob Bayern Meister wird, wollen Sie noch wissen? Ja, Bayern wird zum 123sten Mal Meister. Ob ich mir die EM in anderthalb Jahren anschauen werde? Ja, werde ich. Ob ich den Deutschen da Titelchancen einräume? Nein, tue ich nicht. Und was ich von der nächsten WM mit 48 Teilnehmern in den USA und Kanada halte? Da halte ich recht wenig von. Aber zumindest findet sie im Sommer statt und ein paar Spiele sind in Mexiko. Es besteht also ein bisschen Hoffnung, dass auch die WM 26 zum allerallerbesten Turnier der Menschheitsgeschichte avancieren wird. Fragen Sie mich das bitte erneut im Juli 2026. Aktuell bin ich doch etwas fußballmüde.

    Fazit
    Oft ist weniger (16 Mannschaften, die alle 4 Jahre um den Titel spielen) dann doch mehr.

  • Vorrunde ist das neue Halbfinale

    Vorrunde ist das neue Halbfinale

    Man kann es drehen und wenden, wie man will und versuchen, die Sache schön zu reden: viel Ballbesitz, oft im gegnerischen Strafraum, teils atemberaubende Dribblings, häufig aufs Tor geschossen, interessante Mischung aus Routiniers und jungen Wilden etc. etc. – ändert aber alles nichts an der ernüchternden Tatsache, dass es zu mehr als dem dritten Platz in Gruppe E nicht gereicht hat. Und es hat v.a. zum dritten Mal hintereinander zu nicht mehr als 2x Vorrunde und 1x Achtelfinale gelangt. Das ist für eine große Fußballnation, als die wir uns ja nach wie vor begreifen, schon blamabel.

    Nicht, dass ich mich über die Titelchancen unserer Mannschaft vorab großen Illusionen hingegeben hätte. Für mich heißen die Favoriten Frankreich, Brasilien, Argentinien, Niederlande. Aber aufs Erreichen des Viertelfinales hatte ich schon spekuliert. Wie lauten die Gründe, weshalb wir Deutsche mittlerweile aus jedem Turnier, das größer ist als der Rheinland-Pfalz-Cup, so früh rausfliegen? Versuch einer Analyse aus dem Blickwinkel eines 08/15-Fans.

    Das Personal

    Da waren dieses Mal solche und solche dabei. Topspieler wie Rüdiger, Gündogan, Havertz vermischt mit einigen No Names (Füllkrug, Raum, Klostermann) und ner Menge Mittelmaß. Kann funktionieren, wenn das Mischungsverhältnis richtig angerührt wird; hat aber im deutschen Fall ganz augenscheinlich nicht funktioniert. Ich frag mich, wenn ich Schlotterbeck und Süle über den Ball stolpern sehe, weshalb Hummels nicht mitgenommen wurde. Bei den ergebnislosen Slaloms von Musiala geht mir durch den Kopf, warum Füllkrug nicht mehr Einsatzzeit erhält. Aus welchem Grund sitzt der torgefährliche Havertz auf der Bank? Wo ist überhaupt ein Führungsspieler, der die Sache bei engen Matches in die Hand nimmt und seine Kollegen zu mehr Leistung anspornt? Aber ich denk mir dann schulterzuckend, dass der Bundestrainer und sein Stab sich 24/7 mit so was beschäftigen und deshalb mehr Ahnung davon haben als ich der 08/15-Fan. Wobei ich mir manchmal ebenfalls denke, dass der Trainer und sein Stab auch nur Menschen sind, die halt hin und wieder irren u/o aus irgendeiner Strategiedogmatik heraus merkwürdige Entscheidungen treffen. In die Kategorie „verstehe ich nicht“ fällt bspw. die Nibelungentreue zum Bayernblock, bei dem einige Akteure ihren Zenit mittlerweile erkennbar überschritten haben, weshalb Leistung nicht das Kriterium gewesen sein kann, sie immer wieder aufzustellen. Während einige der No Names durchaus positiv überraschten, aber trotzdem nur wenig Einsatzzeit erhielten.

    Die Einstellung

    Deutschland war mal DIE Turniermannschaft. Linekers Bonmot, „und am Ende gewinnen immer die Deutschen“, stimmte zwar nie zu hundert Prozent, aber zu achtzig war es schon zutreffend. Davon ist das aktuelle Team allerdings Lichtjahre entfernt. Mittlerweile gilt ja eher die Beobachtung: Die Deutschen spielen streckenweise ganz hübsch anzuschauen, sobald es eng wird, geraten sie aber sofort ins Strudeln und zu mehr als maximal nem Achtelfinale reicht es nicht. Da ne Menge Topspieler im Team sind, kann es an der Qualität der einzelnen nicht liegen; scheint also eher eine Mentalitätssache zu sein. Geht so ein bisschen in die Richtung: Wir wollen zwar einen guten Job machen, uns dafür jedoch nicht quälen. Wenn’s läuft, dann läuft es und wenn es nicht läuft, läuft es eben nicht. Kein Grund Trübsal zu blasen, denn wir sind alle talentiert, in der Mannschaft herrscht beim Training eine Superstimmung und wenn es bei diesem Turnier nicht klappt, klappt es halt in 2 oder 4 Jahren. Try and error. Davon geht die Fußballwelt nicht unter. Hauptsache, wir waren überhaupt dabei und hatten Spaß. Gewinnen ist nicht alles. Und als Boomer erwischt man sich dabei, wie man sich insgeheim Typen wie Matthäus, Effenberg, Sammer und Kahn zurückwünscht, die bei der von Deutschland zelebrierten Variante des Schönwetterfußballs in jedem Match Minimum 10 veritable Wutanfälle bekommen hätten. Auch mich, den 08/15-Fan, hätte das ziellose Für-die-Galerie-Gekicke früher wütend gemacht. Heute zucke ich nur noch mit den Schultern und besorge mir in der Küche eine starke Tasse Kaffee, um in der zweiten Halbzeit nicht einzuschlafen. Mein Puls lag, selbst als Costa Rica zwischenzeitlich führte, unterhalb von 80. In der Spitze, kurz vor Ende vergeblich auf das späte Ausgleichstor der Spanier hoffend, maximal bei 90. Und als es vorbei war, dachte ich wie die Spieler: blöd gelaufen, aber da konnte man eben heute nichts machen. Fatalismus statt Fan-atismus.

    Das hypermoralische Habitat

    Deutschland, zumindest große Teile davon, hat diese WM nicht gemocht, über Monate hinweg schlecht geredet und die Mannschaft mit Sachen überfrachtet, die mit Fußball nichts zu tun haben. Wenn wir uns vor dem ersten Spiel ernsthaft länger mit der Frage beschäftigen, welche Armbinde der Kapitän tragen soll als mit der Aufstellung und ständig Forderungen nach Nicht-Teilnahme bzw. Rückzug ertönen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn genau das nun eingetreten ist = der Rückzug. Allerdings nicht ganz freiwillig, sondern aufgrund mangelhafter Leistung in der Vorrunde. Ich habe bis heute nicht verstanden, weshalb es uns nicht gelingt, die Veranstaltung vom Ausrichter zu trennen. Niemand im deutschen Team ist verantwortlich dafür, dass in Katar andere Regeln herrschen als bei uns, und niemand aus der Mannschaft hat sich dafür stark gemacht, das Turnier am Ostrand der großen Arabischen Wüste stattfinden zu lassen. Warum ist es nicht möglich, die Fußballer einfach ihren Job machen zu lassen? Ist das so ein deutsches Ding, anderen ungebeten unsere (angebliche) kulturelle Überlegenheit demonstrieren zu müssen? Falls ja: weder das eine (gesellschaftlicher Umschwung in Arabien) noch das andere (Erfolg bei der WM) hat funktioniert. Aber Hauptsache, unsere Offiziellen streifen ne Regenbogenbinde über, wenn sie in Doha auf der Tribüne sitzen. Wem sie damit konkret helfen? Niemand. Aber aufs konkrete Helfen kommt es bei der deutschen Zeichensetzerei ja auch gar nicht an. Zeichen werden gesetzt, weil Zeichen eben gesetzt werden müssen. Vor allem in Katar.

    Mehr Amateurfußball schauen ist auch keine Lösung

    Bei mir hinterlässt das Ganze einen schalen Geschmack: zum dritten Mal hintereinander in einem Turnier früh gescheitert. Eine WM in der Wüste, wo sie definitiv nicht hingehört und zu Hause ein Volk voller Heuchler, die kein Problem mit katarischem Öl & Gas und Geld (v.a. wenn es bei uns investiert wird) haben, aber laut aufheulen, sobald da Fußball gespielt wird. Und ein DFB, der es allen Seiten recht machen will und damit eine krachende Bruchlandung erlebt. Wäre ich nicht Fan seit Geburt (allerdings mehr des Effzeh als der Nationalmannschaft), würde ich mich jetzt so langsam abwenden vom deprimierenden Profigeschehen u mir in Zukunft bloß noch ehrliche Kreis- und Bezirksligapartien ansehen. Wo’s nicht um Kohle, sondern nur um den Sport geht. Wo die Trikots am Ende vor Dreck starren, wo man als Zuschauer die meisten der Spieler persönlich kennt. Wo man auf der Tribüne – falls es überhaupt eine gibt – noch ne Bratwurst für 3 Euro verzehrt u am Ende 10€ für die Vereinskasse spendet. Aber in meinem fortgeschrittenen Alter werde ich den Schwenk weg vom Profi- hin zum Amateurfußball wahrscheinlich nicht mehr hinbekommen. Leider.

    Ob ich glaube, dass wir in eineinhalb Jahren bei der (Heim-) EM was reißen werden? Nein, glaube ich nicht. Auch da wird im Achtelfinale Schluss sein. Denn im deutschen Fußball herrscht ein strukturelles Problem, das sich nicht lösen lässt, wenn man nicht willens ist, auf der Trainerbank und im Management neue Köpfe zu installieren und alles wieder auszusitzen versucht, wie schon vergeblich nach 2016 und 2018 geschehen. Ob ich mir nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft noch weitere Partien anschauen werde? Klar werde ich das tun. Die WM wird ja jetzt mit Beginn der K.o.-Phase erst richtig interessant. Und der Boykott, was ist mit dem Boykott, fragen Sie mich? Ich hatte nie vor, dieses Turnier zu boykottieren, denn mir gelingt es, das Event fein säuberlich vom Ausrichter zu trennen. Und ich habe noch nicht mal Gewissenbisse bei diesem Spagat.

    Fazit: (aus deutscher Perspektive) eine Gurken-WM.

  • Keine Binde macht’s auch nicht schlimmer

    Keine Binde macht’s auch nicht schlimmer

    Die Partie Deutschland-Japan endete heute Nachmittag 1 zu 2. Das deutsche Team hat dabei eine durchwachsene Leistung gezeigt. Die erste Halbzeit war okay, während sich in der zweiten Hälfte die unnötigen Ballverluste häuften, die Defensive erschreckende Fehler zeigte und vorne ganz augenscheinlich die Offensivkraft fehlte. In der Folge kam Japan immer besser ins Spiel, drückte aufs deutsche Tor und gewann am Ende völlig verdient. In der guten alten Zeit hätten wir jetzt über die Aussetzer von Schlotterbeck, die schönen, aber erfolglosen Dribblings von Musiala und den fehlenden Torriecher von Gnabry diskutiert, oder uns die Köpfe heißgeredet, ob Füllkrug früher hätte eingewechselt werden müssen. Wie stehen die Chancen, jetzt überhaupt noch ins Achtelfinale zu gelangen? Welcher Gegner würde uns da erwarten? Und so weiter und so Fußballstammtisch.

    One Love und Turnier der Schande

    Aber das ist mittlerweile alles komplett nebensächlich. Heute geht’s ja nicht mehr um das Spiel, sondern um so Sachen wie Regenbogen- – auch One-Love- genannt – Binden und ob man sich dieses „Turnier der Schande“ überhaupt anschauen darf. Um es vorneweg zu nehmen: Ich schaue mir das Turnier an. So wie ich mir alle EM- & WM-Turniere seit 1972 zzgl. der wöchentlichen Bundesligapartien anschaue. Ich werde mir bei dieser WM vermutlich nur ein paar Spiele angucken: die der eigenen Nationalmannschaft und dann die Highlights ab dem Achtelfinale. Das Finale – egal, wer da gegen wen spielt – auf jeden Fall.

    Zurück zu Regenbogen und Boykott. Beginnen wir mit der Armbinde. Ja, die Situation der LGBTQ Community in Katar ist prekär. Wie in den meisten islamischen Ländern. Ist jetzt aber zum einen nichts Neues und zum anderen ist nicht bekannt, dass diese Situation in Katar prekärer wäre als bspw. in Dubai, Abu Dhabi oder Ägypten, wo wir Deutschen ja sehr gerne zum Shoppen und Schnorcheln hinfliegen. Dass die Situation prekär ist, wusste man auch schon 2010 bei der Vergabe des Events an den Ostrand der Großen Arabischen Wüste und diese Kenntnis hat damals trotzdem keinen FIFA-Funktionär davon abgehalten, seine Stimme pro Katar abzugeben. Der Aufschrei in der Presse war moderat. Es ging dabei auch mehr um Aspekte wie mangelnde Fußballhistorie und mörderisches Klima im Hochsommer. Das LGBTQ-Thema hatte 2010 anscheinend niemand auf dem Schirm gehabt. Das kam erst vor kurzem auf die WM22-ist-pfui-Liste. Und nun sollten wir uns folgende Fragen stellen:
    (a) Weshalb hat uns die Situation der Schwulen & Lesben in Katar bis weit ins Jahr 2022 hinein nicht interessiert?
    (b) Warum muss der Fußball richten, was die Politik nicht hinbekommt?
    (c) Welchen nachhaltigen Nutzen hätte das Tragen einer solchen Binde bei 1 Spiel?

    Man könnte dann noch weitere Fragen stellen. Bspw. Weshalb fordert niemand von unseren Politikern, wenn sie an den Golf reisen – was sie ja häufig tun –, dort mit einer Regenbodenbinde zur Audienz beim Emir zu erscheinen? Warum kümmern wir uns nicht erst mal um die Rechte der Schwulen & Lesben in unseren eigenen Breitengraden? (zur Erinnerung: bis 1994 waren homosexuelle Handlungen bei uns unter Strafe gestellt). Wie sieht es überhaupt mit unserem eigenen Engagement hinsichtlich der Gleichberechtigung queerer Menschen aus?

    Gelbe Karte ist was anderes als Geldstrafe

    Dass es bei der angekündigten Sanktionierung nicht um eine Geldzahlung ging – die hätte der DFB wohl akzeptiert –, sondern eine gelbe Karte für den Kapitän drohte, mag für die Moralisten nebensächlich sein: Was ist schon 1 Gelbe Karte? Wer etwas mehr Ahnung hat, weiß aber, dass bei der zweiten gelben Karte schon der Ausschluss vom weiteren Turnierverlauf zu befürchten steht, weshalb Spieler unnötige Gelbe Karten ebenso zu vermeiden trachten wie Moralisten zu lange Sperren in Facebook, wenn sie bei einem Trigger-Thread mal wieder hyperventilieren.

    Von der Regenbogenbinde nun zum Boykott. Jetzt sei endgültig klar, wie korrupt und menschenverachtend die FIFA ist, es würde höchste Zeit, unser Team zurückzuziehen und der DFB möge sich darum kümmern, entweder die FIFA schnellstmöglich zu grundlegend reformieren oder gemeinsam mit anderen Europäern einen neuen Weltverband ins Leben zu rufen, lese ich in Posts von Facebook-Bekannten, die ich bisher als intelligente Zeitgenossen wahrgenommen hatte. Und ich reibe mir verwundert die Augen und denke: Wie naiv oder dreist kann man sein (suchen Sie es sich aus, was für Sie zutrifft), solche Forderungen zu erheben? Der DFB, dessen Hauptdaseinszweck neben der Förderung des Amateursports (der Profibereich braucht den Verband nicht. Der hat seine DFL) darin besteht, mit seinen Nationalteams an Turnieren teilzunehmen und dort eine möglichst gute Platzierung zu erreichen, soll in diesem Jahr darauf verzichten? Weil der Kapitän keine bunte Armbinde tragen darf. Echt jetzt? Wie realitätsfern und moralbesoffen ist denn solch ein Ansinnen? Weil Hetero Heinz Kowalski aus Oer-Erkenschwick, der bis heute nicht weiß, wofür das Kürzel LGBTQ überhaupt steht (ja ja, ich muss das auch regelmäßig googlen), der felsenfesten Überzeugung ist, dass wir den Kataris und der FIFA jetzt demonstrieren müssen, wo der deutsche LGBTQ-Hammer hängt?

    Fernbereichsethik geht einfach

    Folgendes Gedankenspiel: Herr Kowalski arbeitet bei einem mittelständischen Maschinenbauer, der u.a. Teile produziert, die in der Öl- und Gasförderung eingesetzt werden. Da der russische Absatzmarkt aktuell zusammengebrochen ist, hat der Vertrieb nun alternativ einen Großauftrag aus Katar an Land gezogen. Die Arbeitsplätze in Oer-Erkenschwick sind fürs Erste gerettet. In ein paar Tagen steht die Vertragsunterzeichnung in Doha auf dem Programm. Herr Kowalski fordert nun in einer Mail, die an sämtliche Mitarbeiter adressiert ist, Folgendes: (a) das deutsche Management muss ab Ankunft in Doha International Airport bis zum Abflug durchgängig eine gut sichtbare Regenbogenbinde überstreifen (b) falls das deutsche Management daran gehindert wird, hat es Katar umgehend zu verlassen und den Deal platzen zu lassen … was der Betriebsrat Herrn Kowalski darauf antworten wird, brauche ich hier nicht zu schreiben. Das überlasse ich Ihrer eigenen Fantasie. Herr Kowalski würde solch eine Mail mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gar nicht verschicken. Weil die Konsequenzen viel zu nah an ihm selbst dran wären. Er wäre nämlich vermutlich zeitnah arbeitslos. Deshalb löscht Herr Kowalski seine Mail schnell wieder und ruft stattdessen lautstark in Facebook zum Boykott der WM auf. Schlaue Menschen (also nicht ich) haben das mal als Fernbereichsethik bezeichnet. Die praktischer als die des Nahbereichs ist, weil moralische Forderungen, die man nicht selbst erfüllen muss, einem einfach über die Lippen gehen.

    So ein Beispiel dürfen Sie nicht bringen, Herr Hirsch, sagen Sie? Das ist unredlich?
    Doch genau so ein Beispiel bringe ich, um zu demonstrieren, wie realitätsfremd dieser treudeutsch-romantische Boykottaufruf ist.

    Warum eigentlich immer die Fußballer?

    Die Überfrachtung des Sports mit Symbolen, die der jetzt dauernd senden soll, geht in eine komplett falsche Richtung. Sportler sollen ihren Sport ausüben. Wenn sich einer davon berufen fühlt, gegen irgendwas zu demonstrieren, möge er das jederzeit gerne tun. Hindert ja niemand bspw. Herrn Goretzka daran, dem Emir mal ordentlich die Meinung zu geigen (und im Anschluss vermutlich sofort zurück nach Hause fliegen zu dürfen). Aber komplette Mannschaften dafür in Sippenhaft nehmen zu wollen, dass Funktionäre grundlegend falsche Entscheidungen treffen – wie die Vergabe der WM in die Wüste –, und unsere Politiker sich nicht trauen, vor Ort Tacheles zu reden, kann nun wirklich nicht die Lösung sein. Und warum immer die Fußballer? Weshalb nicht ebenfalls die Leichtathleten oder die Beachvolleyballer? Was, wenn demnächst wieder Eishockey-Turniere in Russland stattfinden: Müssen unsere Spieler dort Putin-muss-weg-Plakate in die Höhe halten, bevor sie auf den Puck schlagen dürfen? Bei der kommenden WM in Mexiko dann Armbinden, um auf die Diskriminierung der Indigenen aufmerksam zu machen und bei den Partien in den USA knien alle nieder, um sich mit Black Lives matter solidarisch zu zeigen? Und so rigide bis unbarmherzig, wie sich die Amerikaner mit ihrer Border Patrol gegen Migranten aus Mittel- und Südamerika geben, dürften wir eigentlich gar nicht dort antreten. Das ist was völlig anderes bzw. das ist ein unredlicher Vergleich, sagen Sie? Ja ja, ich weiß. Hatten Sie weiter oben ja auch schon angemerkt.

    Manchmal hilft ein Kompromiss

    Eventuell können wir uns auf einen Kompromiss einigen: Wer die WM in Katar boykottieren will, boykottiert sie. Wer sich die Spiele anschauen möchte, schaut sie sich an. Und beide Seiten sichern der jeweils anderen zu, ihr während der kommenden vier Wochen nicht auf die Nerven zu gehen. Und nach diesem Turnier setzen wir uns zusammen und überlegen gemeinsam, welche Reformen die FIFA dringend benötigt, um ihren Nimbus als geldgeiler und (in Teilen) korrupter Verband zu überwinden. Nur Herrn Infantino in die Wüste zu schicken – wo er ohnehin seit Anfang dieses Jahres dauerhaft wohnt –, wird dabei nicht ausreichen. Die Vergabepraktiken müssen auf den Prüfstand, damit sich so was wie Katar nicht wiederholt.

    Aber bis dahin sollten wir uns auf die kluge Formel „Das Event vom Ausrichter trennen“ einigen.

    PS. mein Turnierfavorit war bis gestern übrigens Argentinien, falls das am Ende dieser Kolumne überhaupt noch jemanden interessiert.
    PPS. die deutschen Spieler haben sich beim Mannschaftsfoto alle die Hand vor den Mund gehalten. Ob das als Zeichen des guten Willens ausreicht, um ihre Kritiker zu besänftigen, weiß ich nicht. Mir persönlich sind solche belanglosen Gesten eher egal.

  • Mal wieder ein Boykott

    Mal wieder ein Boykott

    „WAS trinkst du da?“, fragt meine Freundin.
    „Orangensaft“, sage ich, „Warum?“
    „Hast du auf das Etikett geschaut, wo der herkommt?“
    „Nein.“
    „Aus SÜDAFRIKA!“
    „Stimmt, da steht Südafrika auf dem Etikett“, sage ich.
    „Produkte aus Südafrika kauft man NICHT!“
    „Weshalb das denn?“
    „Weil da Apartheid herrscht. Anständige Menschen boykottieren dieses System.“
    „Indem wir keinen Orangensaft mehr trinken?“
    „KEINEN Orangensaft aus SÜDAFRIKA. Hast du das jetzt verstanden?“
    „Ja, habe ich verstanden.“
    © Dialog, der Mitte der 80-er Jahre in der Küche einer Münchner Studenten-WG stattfand (= mein erster Kontakt mit einem Boykottaufruf)
    +++

    Bevor wir nun gleich etwas tiefer in die wundersame Welt des Boykotts eintauchen, wollen wir kurz die Herkunft dieses Wortes beleuchten. Es stammt nicht aus dem lateinischen, griechischen oder mesopotamischen Sprachraum, sondern ein Engländer des 19. Jahrhunderts fungierte als Namensgeber:

    Das Wort Boykott geht auf Charles Cunningham Boycott zurück, einen in Irland lebenden englischen Grundstücksverwalter. Während des Land Wars nach 1870 rief der irische Nationalistenführer Charles Stewart Parnell seine Landsleute zum gewaltlosen Widerstand auf. Infolge der 1880 von Parnell und der Irischen Landliga organisierten Aktion fand Boycott keine Pächter mehr, er wurde „boykottiert“. Dieser erste erfolgreiche Boykott gab allen anderen den Namen.
    © Wikipedia, Stichwort „Boykott“

    Prall gefüllte Briefumschläge und klimatisierte Stadien

    Nachdem wir das geklärt haben, springen wir 150 Jahre in die Jetztzeit und landen im heißen Wüstensand des kleinen Emirats Katar. Dieses Zwergland erhielt im Jahr 2010 auf einem FIFA-Kongress in Zürich den Zuschlag, die WM-Endrunde 22 austragen zu dürfen. Welche Kriterien damals für diese Entscheidung ausschlaggebend waren, weiß man bis heute nicht genau. Angeblich ging es darum, den Fußball zur Abwechslung auch mal in die arabische Welt zu bringen, eventuell ging’s aber einfach bloß ums Geld. Katar ist reich, besitzt einige europäische Clubs, sponsort die Trikots zahlreicher weiterer Vereine, verfügt über ne Menge Einfluss in der UEFA. Und hatte bei der Abstimmung vielleicht ein paar Stimmen gekauft. Bevor Sie sich jetzt vorschnell über Letztgenanntes empören – das hatte Deutschland bei der Vergabe des Turniers 2006 angeblich auch getan. Dass mit Dollars (oder Euro oder Schweizer Franken) gefüllte Briefumschläge am Vorabend der Entscheidung unter Hoteltüren durchgeschoben werden, ist anscheinend alter FIFA-Brauch.

    Als nächster Kritikpunkt kam das Klima an die Reihe: links und rechts des Persischen Golfs herrschen im Hochsommer mörderische Temperaturen. Hätte man im Juni und Juli gespielt, wären Hitzetote auf dem Spielfeld und auf den Rängen zu befürchten gewesen. Also verschob man das Turnier auf den Winter – wofür die Spielpläne der europäischen und südamerikanischen Ligen geändert werden mussten – und baute klimatisierte Stadien. Was mit diesen Stadien nach der WM passiert, wollen Sie wissen? Die werden entweder wieder abgerissen oder verrotten. Aber ebenfalls hier bitte nicht vorschnell empören: auch das ist guter Brauch bei WM-Ausrichtern. Siehe bspw. Südafrika und Brasilien.

    Aber Katar hat NULL Fußballhistorie, sagen Sie jetzt? Stimmt, jedoch verfügten ebenfalls die USA 1994 (erneut 2026), Japan & Südkorea (2002) sowie Südafrika (2010) über keinerlei Fußballgeschichte. Ginge es einzig um die Historie, dann dürfte das Turnier bloß in Europa und Südamerika stattfinden. Aber es geht halt nicht einzig um die Geschichte, sondern um Teilhabe möglichst vieler Weltregionen an diesem globalen Sportspektakel Nr. 1 und deshalb wird das Event hin und wieder an exotisch anmutende Ausrichter vergeben. Finde ich vom Grundgedanken her auch nicht verkehrt und schlage deshalb für 2030 Thailand & Vietnam vor.

    Zwischenfazit (eventuell) gekaufte Stimmen, mangelnde Fußballhistorie, Hitze und Stadien, die nach Ende des Turniers niemand mehr braucht, reichen für einen Boykott erst mal nicht aus. Da muss also noch was kommen.

    Boykott: die dicken Bretter

    Beginnen wir damit, dass Katar keine Demokratie westlichen Zuschnitts ist. Das ist korrekt, aber das waren Argentinien 1978 (okay, schon was länger her) und Russland (2018) ebenfalls nicht. Vom zweifachen Olympia-Ausrichter China wollen wir hier erst gar nicht anfangen. Dass Sportgroßereignisse nur in Rechtsstaaten stattfinden dürfen, wäre zwar einerseits begrüßenswert, andererseits existiert diese Vorschrift nicht und würde zudem zwei Drittel der Länder auf unserem Planeten von vornherein als potenzielle Veranstalter ausschließen.

    Die Rechte der Schwulen und der Frauen: was ist mit denen, wollen Sie jetzt von mir wissen? Die sind beide prekär (also diese Rechte) in Katar. Wobei es mit den Rechten der Schwulen in Russland ebenfalls nicht allzu weit her ist (China weiß ich nicht. Müsste ich googlen). Das war bei der Vergabe 2010 hinreichend bekannt gewesen. An einen Aufschrei damals kann ich mich jedoch nicht erinnern. Das mit den mangelhaften Schwulen- und Frauenrechten am Persischen Golf scheint mir ein recht neuer Boykottgrund zu sen. Btw. wie ist eigentlich Tourismus in Dubai und Abu Dhabi – wo es um diese Rechte nicht besser bestellt ist – zu bewerten? Das ist was völlig anderes? Weiß nicht. Für mich ist das recht ähnlich gelagert.

    Kommen wir nun zum gravierendsten Boykott-Auslöser: der Todesrate auf den katarischen Baustellen. Hier schwanken die Angaben enorm. Die Bandbereite reicht von 3 über 6.000 bis hin zu 15.000. Experten verweisen darauf, dass es kaum möglich ist, eine belastbare Zahl zu ermitteln, da schlichtweg keine Statistik existiert. Soll heißen: man weiß zwar, wie viele Ausländer/Bauarbeiter in Katar pro Jahr sterben. Woran genau sie sterben bzw. wo sie sterben (Baustelle, Hotelzimmer, Krankenhaus), wird von amtlicher Seite nicht erhoben. Sind sie alle auf den WM-Baustellen verunglückt, oder gab’s weitere Tote bei den anderen Großprojekten, die zeitgleich aus dem Sand der Wüste in die Höhe gestampft wurden? Die Menge der wegen der WM verschiedenen Arbeiter wird sicher nicht 3 sein – wie die Behörden in Doha behaupten –, ob es 6.000 oder gar 15.000 sind, weiß jedoch niemand genau. Aber das ausbeuterische Kafala-System, was ist mit dem, fragen Sie jetzt? Ja, das ist großer Mist, eine Form moderner Sklaverei; allerdings üblich auf der Arabischen Halbinsel. In den VAE und Saudi-Arabien geht es genauso zu: da werden die Pässe der ausländischen Arbeiter ebenfalls einbehalten. Macht’s nicht besser, schon klar. Wurde aber alles bereits zum Zeitpunkt der Vergabe 2010 praktiziert. Die FIFA entschied in vollem Wissen des Kafala-Systems pro Katar. Die berechtigte Kritik daran kommt hauptsächlich aus den westlichen Industrienationen. Dass sich Pakistan, Indien, Bangladesch – also die Länder, aus denen die Arbeiter überwiegend stammen – daran stören – davon hört man so gut wie nichts.

    Wer würde davon getroffen?

    Nachdem wir die Gründe für den Boykott aufgelistet haben, wenden wir uns nun der Frage zu, wen wir mit unserem Ich-schau-mir-diese-WM-nicht-an-Protest treffen wollen. Wir können 3 Zielobjekte unterscheiden:

    (A) Katar
    (B) Die FIFA
    (C) Die Sponsoren

    Für Katar wäre es sicher bedauerlich, wenn weltweit die TV-Geräte ausbleiben. Ist ja schon bitter, wenn man höllenmäßig viel Geld für Einkauf und Organisation eines Events ausgibt, das nachher niemand sehen will. Allerdings bezweifele ich stark, dass das im Nachgang zu einem Umdenkprozess hin in Richtung Demokratie & Gewaltenteilung und mehr Rechte für Frauen und Schwule führen würde. Vielmehr steht zu befürchten, dass Katar den Spieß umdreht und dem (christlichen) Westen Arroganz oder gar Diskriminierung der arabischen Kultur und islamischer Werte vorhält. Ein Vorwurf, der in der muslimischen Welt sicher auf fruchtbaren Boden fallen wird.

    Für die FIFA wäre es SEHR ärgerlich, falls die Einschaltquoten in den Keller gingen. Gemäß der einfachen Formel: kleinere Reichweite = weniger Werbeeinnahmen & reduzierte TV-Gelder. Jedoch wird das so nicht eintreten. Dafür schauen dann doch noch zu viele Menschen aus Ländern zu, die sich für unseren deutschen Boykott Nullkommanull interessieren.

    Und die glorreiche Idee, keine Produkte der Sponsoren mehr zu kaufen, was halten Sie davon Herr Kolumnist? Weiß nicht. Die Liste der Sponsoren ist LANG. Stelle mir das von der praktischen Umsetzung her schwierig vor, bei jedem zukünftigen Besuch im Supermarkt erst mal zu überprüfen, ob ich Coca-Cola in meinen Einkaufswagen legen darf und mir im Anschluss einen Big Mac bei McDonald’s reinziehen kann. Was ist mit meinen Sportschuhen von adidas und dem Hyundai-SUV des Nachbarn? Und meine Visa-Card soll ich ab sofort auch nicht mehr benutzen? Kann man natürlich alles fordern, ob’s in der Realität von Erfolg gekrönt ist, gehört stark in die Rubrik Wunschdenken.

    Boykott: Pro & Contra

    Wollen wir abschließend festhalten: Ja, es existieren gute Gründe, die WM 22 zu boykottieren. Egal, ob dieser Boykott in der Praxis das bewirken wird, was den Boykotteuren damit vorschwebt.

    Es gibt allerdings auch Gründe für den Nicht-Boykott. Z.B.:
     Man sollte das Event vom Ausrichter trennen
     Der Otto-Normalo-Fan muss nicht ausbügeln, was die FIFA-Funktionäre verbockt haben
     Und auch die Spieler, für die die Teilnahme an einem WM-Turnier einen Höhepunkt ihrer Karriere darstellt, sollten nicht durch kollektiven Unsere-Mattscheibe-bleibt-schwarz-Aktionismus bestraft werden.

    Wo ich persönlich zwischen diesen beiden Positionen stehe? Ich werde mir die Spiele angucken. Nicht ALLE, wie ich das bei einigen früheren Turnieren (zuletzt 2014 Brasilien, davor 2006 Deutschland) getan habe, aber schon die, die ich spannend finde. Große Vorfreude spüre ich nicht, das Gefühl des Der-ersten-Partie-entgegenfieberns hat sich bisher nicht eingestellt. Ich sehe zum einen aus Gewohnheit (tue ich seit der EM 72) und zum anderen, weil’s mich tatsächlich interessiert. So wie ich seit 50 Jahren ebenfalls an JEDEM Wochenende die Bundesliga schaue und bei der morgendlichen Zeitungslektüre zuerst den Sportteil mit den aktuellen Fußball-News aufschlage. An wilden Partys u/o Autocorsos nach evtl. deutschen Siegen werde ich mich hingegen nicht beteiligen (bin ich mittlerweile eh zu alt für). Und Fahnen oder Wimpel-schwenken war noch nie meins. Bin mehr der stille Fan (Ausnahme: der Effzeh spielt).

    Den Boykott wahrer Fußballfans (wenn sie ihn denn auch tatsächlich bis zum Finale durchhalten) bewerte ich höher als die Boykottaufrufe derjenigen, die keine Ahnung von diesem Sport haben. Merke: je weniger ich mich für Fußball interessiere, desto einfacher fällt mir natürlich die Verweigerung. Bei den Katar-Gegnern lohnt deshalb immer die Frage: wie viel Ahnung hast du jenseits der WM 22 eigentlich vom Fußball?

    Ich respektiere den Boykott, werde also keinen Protestler davon überzeugen wollen, sich gemeinsam mit mir das Spiel Deutschland vs. Spanien anzugucken. Bin mir auch darüber im Klaren, dass die Boykotteure das andersherum nicht so tolerant auffassen und mich zum Sklavenhalter-Regime-Befürworter stempeln werden. Aber ganz ehrlich: mir ist das völlig wurscht. Mein schlechtes Gewissen, weil ich mir ein paar Partien anschauen werde, tendiert gegen Null.

    Ein gewisses Maß an Scheinheiligkeit

    Am Ende dieser Kolumne kann ich es mir allerdings nicht verkneifen, auf eine gewisse Scheinheiligkeit des WM22-Embargos hinzuweisen: denn mit Öl und Gas aus Katar haben wir keinerlei Problem, betteln förmlich darum, dass wir das dort kaufen dürfen und von Protestaufrufen gegen Russland 2018 und Peking 2022 habe ich nichts mitbekommen. Was mich schlussfolgern lässt, dass wir lieber kleine als große Schurkenstaaten boykottieren. Mit Atommächten wollen wir es uns nicht verscherzen, während wir einem kleinen arabischen Ausrichter mal demonstrieren möchten, wo der westlich-aufgeklärte Hammer hängt?

    Diese WM hätte nie an den Golf vergeben dürfen. Nun ist sie aber dort und sollte halbwegs in Ruhe durchgeführt werden können, ohne Fans und Spieler in Sippenhaft für merkwürdige Entscheidungen der Funktionäre zu nehmen. Und ja: die Vergabepraxis der FIFA gehört dringend auf den Prüfstand.

    Und nun wünsche ich den Boykotteuren eine sinnvolle Alternativbeschäftigung und uns Fans spannende vier Wochen.

    PS. Orangensaft aus Südafrika trinke ich weiterhin nicht. Was aber v.a. daran liegt, dass der Supermarkt, in dem ich meinen Orangensaft kaufe, die Orangen aus anderen Herkunftsländern bezieht.

  • Zu viel Nivea, zu wenig Grasnarbe

    Zu viel Nivea, zu wenig Grasnarbe

    Ja ja, ich geb’s zu: Zuerst wollte ich als Überschrift Niveatrainer hat fertig wählen, weil das kurz und knackig klingt; fand die Headline dann aber doch eine Spur zu hart in Richtung Joachim Löw. Denn er ist als Übungsleiter zwar der Hauptverantwortliche für den sportlichen Offenbarungseid des Ausscheidens in einer einfachen Vorrundengruppe, jedoch beileibe nicht der einzige, der sich und seinen Beitrag zur aktuellen Misere des deutschen Fußballs hinterfragen muss.

    Der Unsinn, dass Weltmeister immer früh ausscheiden

    »Amtierende Weltmeister fliegen doch immer sofort raus«, sagen Sie? »Ist Spanien und Italien auch schon passiert.«
    »Mag sein«, antworte ich. »Ist aber kein unumstößliches Naturgesetz.«
    1958 erreichte das deutsche Team immerhin das kleine Finale, 1978 die zweite Runde, 1994 das VF. Brasilien wiederholte 1962 seinen Triumph von 1958. Ein Kunststück, das Italien 1934 und 38 vorgemacht hatte. England boxte sich 1970 bis ins Viertelfinale durch, wo es unglücklich gegen das deutsche Team den Kürzeren zog. Die Liste der Gegenbeispiele ließe sich mühelos verlängern. Es existiert also keine Regel, die besagt, dass der amtierende Champion vier Jahre später gar nicht erst anzureisen braucht, weil er dann eh sang- und klanglos scheitern wird. Wenn auch 1962 das bisher letzte Mal war, in der die Titelverteidigung gelang, schafften es die Weltmeister von gestern doch zumeist bis in die Runde der Top 8.

    Ein im heimischen Rasenballsport vergleichbares Desaster gab es bisher einzig bei Europameisterschaften: 2004 und 2000 jeweils Vorrundenaus. 2000 wurde aufgrund der spielerischen Defizite einiger Akteure gar der Begriff „Rumpelfußball“ erfunden. 1968 verpasste die deutsche Mannschaft die Quali für die EM, die damals allerdings noch nicht den heutigen Stellenwert besaß und als deutlich weniger prestigeträchtig als die große Schwester WM galt. Auf FIFA-Ebene spielten und kämpften sich deutsche Teams hingegen seit 1934 durchgehend zumindest bis in den Kreis der letzten 16.

    Wer nicht gut spielt, muss wenigstens leidenschaftlich kämpfen

    Das Verb „kämpfen“ bietet das Stichwort, um nun zu den augenscheinlichen Defiziten der 2018er-Mannschaft zu gelangen: gekämpft hat da keiner. Was in Ordnung geht, wenn man so gut spielt, dass der mühselige Fight Mann gegen Mann dadurch überflüssig wird. Aber auch vom bom jogo brasilianischer Prägung waren Kroos & Co. Lichtjahre entfernt. Elendes Hin- und Herpassen, ödes Kreuz- und Quergeschiebe bestimmten weite Teile der drei Matches. Die Partien wurden verwaltet statt gestaltet. Minimalismus gepaart mit Ideenlosigkeit, wo im Mittelfeld Kreativität und Risikofreude gefragt gewesen wären. Und hinten eine Abwehr, die an parallel geschaltete Schwarze Löcher erinnerte. »Für Mexiko, Schweden und Südkorea reicht das normalerweise, wenn man einen Masterplan hat«, meinen Sie? Nein, tut es nicht. Denn diese Teams, die alle drei sicher nicht der Liga der Fußballgroßmächte angehören, rennen bei globalen Turnieren um ihr Leben und verteidigen notfalls mit elf Mann im Strafraum, sprich: nehmen das Ganze ernst und erweisen der WM und ihren Fans den notwendigen Respekt. Verlieren kann man jederzeit. Davor ist keine Mannschaft gefeit. Es kommt aber immer darauf an, wie man verliert. Ob nach großem Kampf oder nach einer Ich-weiß-überhaupt-nicht-was-ich-hier-soll-Nummer. Als ich Jerome Boateng oben auf der Tribüne der Kasan-Arena entdeckte, wusste ich sofort: das wird heute nichts werden. Der Mann saß da als gelangweilter Tourist, schien nicht eine Sekunde mitzufiebern mit seinen unten planlos auf dem Rasen rumstolpernden Kollegen. War in Gedanken bereits in seinem nun halt früher beginnenden Urlaub. Einzelkämpfermentalität, wo unbedingter Teamgeist. notwendig gewesen wäre.

    Wenn ich nun höre, dass einige Spieler aufgrund früherer Triumphe wohl zu satt gewesen seien, frage ich mich, weshalb der DFB mit seinen aberhundert Experten – allen voran der Bundestrainer – dieses Negativphänomen nicht früher erkannt und rechtzeitig vor Turnierbeginn gegengesteuert hat. Was war aus dem Löwschen Mantra „bei mir spielen bloß die Besten“ geworden? Neuer und Boateng beide monatelang verletzt, Özil bei Arsenal oft zweite Wahl, der Müller früherer Tage nicht wiederzuerkennen, der ewige Gomez. Warum wurden die aufgestellt? Aufgrund vergangener Meriten? Da war Löw mit Ballack und Frings strenger. Die sortierte er unbarmherzig aus. Angeblich, weil sie von Fitness und Athletik her für Großturniere nicht mehr taugten, und man sich von Erfahrung alleine nichts kaufen kann. Wenn man dieses Kriterium zugrundelegt, hätte Khedira nicht eine Minute auf dem Rasen stehen dürfen. Der spielte ja teilweise wie mit angezogener Handbremse, und ich rieb mir ungläubig die Augen, ob das live oder doch Zeitlupe war.

    Nutellabrötchen und Niveaschleim

    Von einigen wenigen Akteuren abgesehen grenzte die Vorrundenleistung an Spielverweigerung. Bei einem Club hätte man gesagt: das Team will den Coach loswerden. Aber in der NM herrscht ja ständig Friede, Freude, Nutellabrötchen. Alles wird von einer klebrigen Niveaschleimschicht überzogen, die jede Kritik als Vaterlandsverrat einstuft und unbeantwortet von sich abtropfen lässt. Unbequeme Charaktere werden gar nicht erst in den erlauchten Kreis der nationalen Elitekicker eingeladen mit der Konsequenz, dass wir ein am Reißbrett konzipiertes Spiel serviert bekommen. Die Akteure bloß noch Erfüllungsgehilfen der Laptop-Trainer. Wehe, wenn das theoretisch erdachte System plötzlich versagt. Dann steht ein komplettes Team orientierungslos auf dem Rasen und findet sich ohne Navi dort nicht mehr zurecht. Es wird auch keiner mehr laut und treibt die anderen zu Höchstleistung an. Läuft im Moment nicht so gut? Okay, kann man halt nicht ändern. Schulterzucken, sich in sein Schicksal fügen, abhaken und die eigenen Knochen für die in ein paar Wochen startende Bundesliga schonen. Zweckrational? Ja! Aber für den Fan GRUSELIG anzuschauen. Und für die nicht optimale Kaderauswahl, die mangelnde Motivation sowie die teils vogelwild zusammengewürfelte Startaufstellung und die nicht fruchtenden Einwechslungen ist nun mal der Trainer verantwortlich. Das kann man nicht mit dem Hinweis auf das ähnliche Schicksal anderer Teams relativieren. Zumal Deutschland der einzige Hochkaräter ist, der die Vorrunde nicht überstanden hat.

    Verabschiede dich, wenn du es noch selbst in der Hand hast

    Während die Regel vom stets früh scheiternden Weltmeister offenkundiger Unsinn ist, gibt es jedoch eine zweite Gesetzmäßigkeit, die ins Auge springt – nämlich die der nachlassenden Motivationskünste von Übungsleitern, die den Zenit ihrer Schaffenskraft überschritten haben. Dem ewigen Herberger gelang nach dem 54er-Überraschungscoup kaum noch was Gescheites, weshalb er zehn Jahre später endlich von Helmut Schön beerbt wurde. Unter ihm erlebte der deutsche Fußball seine erfolgreichste Dekade, bevor 1978 ein ähnlich uninspiriertes Team wie die Versager von Kasan in der zweiten (!) Runde der WM vorzeitig die Rückreise antreten musste, und der Mann mit der Mütze seinen Hut nahm. Franz Beckenbauer war da schlauer und trat freiwillig unmittelbar nach dem 1990er Triumph zurück. Keine Ahnung, welcher missionarische Eifer Joachim Löw dazu trieb, mit dem DFB einen Endlosvertrag bis ins hohe Rentenalter zu unterzeichnen. Nach 2014 ging es auf jeden Fall mit dem deutschen Fußball nicht mehr voran, spielerische und taktische Defizite waren bereits bei der EM in Frankreich klar zu erkennen. Statt die Schwachstellen auszumerzen, das Team konsequent zu verjüngen und nicht-stromlinienförmige Spieler (Leroy Sané, Sandro Wagner) mitzunehmen, brach man lieber mit Altbewährtem zur Titelverteidigung auf und erlebte am vergangenen Mittwoch am Ufer der Wolga konsequenterweise das rasche Ende der Mission impossible. Und da es alle geahnt zu haben schienen, regte sich im Nachgang auch niemand großartig darüber auf. Betriebsunfall. Passiert eben hin und wieder. So what?

    Ob ich mich darüber aufgeregt habe? Nein. Es war schlimmer: mir war’s nahezu egal. Als alte Unke hatte ich es nach den verkorksten Testspielen kommen gesehen und die Mannschaft von vornherein für maximal VF-tauglich eingestuft. Nun waren sie halt schon in der Vorrunde ausgeschieden. Okay, aber warum soll ich als Fan mich über was ärgern, was den Großteil der Spieler anscheinend nicht großartig kratzt?

    Kommerzialisierung vergrault die Fans

    Um weiteres Unheil zu vermeiden, rate ich dazu, Herrn Löw in Würden zu verabschieden (er kann sich dann ja endlich mal an einer Clubmannschaft versuchen) und Herrn Bierhoff gleich mit dazu. Die vom Zweitgenannten ständig vorangetriebene Kommerzialisierung der Marke NM geht mir derart auf die Nüsse: sehe bloß noch Nutella, Nivea, Bitburger, Coca-Cola, Nudelsoßen, Visacard etc. etc. Sponsoren, wohin das Auge blickt. Jeder Quadratzentimeter Bande, Trikot und demnächst vermutlich auch Spielerhaut wird an den Meistbietenden verkauft bei gleichzeitigem Gefeilsche um jede Millisekunde der TV-Übertragungsrechte. Komplette Kommerzialisierung eines einstmaligen Arbeiter-Freizeitvergnügens. Wenn ich im Zusammenhang mit Fußball den Begriff Event höre, schüttelt es mich.

    Die Nationalmannschaft benötigt nicht nur dringend einen neuen Trainer, sondern ebenfalls einen Paradigmenwechsel. Weg vom geklonten Querpass-hin-und-her-Schieber, hin zum Ich-krempel-die-Ärmel-hoch-Individualisten, weg von Laptop-und-ich-halte-beim-Reden-die-Hand-vor-den-Mund-Coaches, hin zu Typen mit moderner Spielauffassung, die aber gleichzeitig berücksichtigen, dass es sich beim Fußball um eine schweißtreibende Sache handelt, bei der man hin und wieder auch Kontakt mit der Grasnarbe aufnehmen muss. Weniger Schablone und mehr Siegeswille täten dem deutschen Fußball dringend Not. Und vor allem: weg von der irrigen Idee, ein Spieler sei eine Marke, deren Wert man ständig maximieren muss. Nein, ist er nicht! Er ist ein Mensch, der gekonnt mit dem Ball umgeht und sich deshalb auf das konzentrieren sollte, was er kann: gut und mit Leidenschaft kicken. Die Fans werden es ihm danken.

    Und nun freue ich mich auf (hoffentlich) spannende KO-Partien. Denn der wahre Fan schaut die WM auch dann weiter, wenn das eigene Team (leider) schon ausgeschieden ist.

  • Geht’s raus und spielt’s Fußball!

    Geht’s raus und spielt’s Fußball!

    Als ich schon die CD mit dem Requiem rausgesucht hatte und auf „play“ klicken wollte, erwachte Toni Kroos endlich aus seiner Frühsommerlethargie und schlenzte den Schweden das Ding mit feinem Kunstschuss oben in den rechten Winkel. Die biederen skandinavischen Handwerker, die unserer Elf das (Über-) Leben wirklich schwer gemacht hatten, blickten erst erstaunt hinter sich und dann bedröppelt auf den Rasen. Ich ließ das Requiem Requiem sein, riss beide Arme hoch und brach in Jubel aus. »Nun wird alles gut«, riefen wir aus fünfzig Kehlen. »Die Mannschaft ist im Turnier angekommen.« Aber: Ist das wirklich so, oder drohen jetzt ständige Zitterpartien bis zum frühzeitigen Ausscheiden im Achtel- oder Viertelfinale? In Abhängigkeit vom Ergebnis Mexiko-Schweden sei für Deutschland von Platz 1 bis 3 in Gruppe F noch alles drin. Sollten wir Erster werden, entgehen wir im AF den bärenstarken Brasilianern. Es sei denn, die werden Zweiter in ihrer Gruppe. In diesem Fall würden wir wieder auf sie treffen. Behauptet mein Kumpel Jupp, der sich seit Tagen mit der WM und den damit verbundenen Rechenspielen intensiv beschäftigt. Ich tue das nicht, weil ich denke: das nächste Match ist immer das schwerste, und da es eh ständig anders kommt, als man die Ergebnisse vorher kalkuliert hat. Ich vertraue eher meinem Bauchgefühl, das mich zwar auch oft täuscht; aber zumindest muss ich mich nicht mit all den komplizierten Tabellen und Überkreuzwahrscheinlichkeiten auseinandersetzen.

    1982 startete ebenfalls grauenvoll

    Grottige Vorrunden, nach deren haarscharfem Überstehen das deutsche Team noch sehr weit im Turnier kam, gab’s schon. Ich erinnere mich an die WM 82 in Spanien mit diesen Ergebnissen: Auftaktmatch gegen Algerien 1 zu 2 verloren, darauf folgte ein 4-1-Sieg gegen Chile und im Anschluss das abgekartete Spiel gegen Österreich, das nach früher 1-0-Führung für Deutschland für die restlichen 80 Minuten aus zweikampflosem Rasenschachgeplänkel bestand. Auch in der zweiten Runde wurde es mit 0-0- (England) und 2-1 (Spanien) – Langweilern nicht unbedingt besser. Unvergessen die Kickbox-Einlage Toni Schumachers gegen Frankreichs Patrick Battiston im HF, das die Deutschen knapp im Elfmeter-Showdown für sich entschieden. Endstation erst im Finale, als unseren Kickern eine 1-zu-3-Klatsche von den Italienern verabreicht wurde. »Tu sei Tedesco? …. Rossi, Tardelli, Altobelli«, durfte ich mir in den darauffolgenden Jahren in meinen Sommerurlauben an den Stränden Riminis und Forte dei Marmis ungezählte Male anhören. Dieser Dreiklang hat sich mir für die Ewigkeit ins Gedächtnis eingebrannt.

    Gary Lineker und der verlorengegangene Respekt vor deutschen Teams

    Besteht also Hoffnung, dass auch die 2018er-Mannschaft nun durch den restlichen Wettbewerb marschieren wird? Dabei gemäß der Devise Gary Linekers handelnd: Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer stehen auf dem Feld und jagen einem Ball nach. Und am Ende gewinnt Deutschland. Mal abgesehen davon, dass diese Regel schon früher nicht immer zutraf, jede Menge Ausnahmen kannte – ich erinnere mich an das verlorene Finale 86 gegen Argentinien mit dem damals fulminant dirigierenden Maradona –, frage ich mich bereits seit geraumer Zeit, ob den Jungs eventuell die früheren Kardinaltugenden Siegeswille, Kampf und Effizienz abhandengekommen sind. Deutsche Mannschaften spielten häufig nicht schön, mitunter war es grausam, sich das Gebolze 90 Minuten lang anzuschauen, aber sie fighteten bis zum Umfallen, was man der Schmutzkruste ihrer Trikots und Hosen dann auch ansah. Heute hingegen habe ich oft den Eindruck, dass die Wäsche nach dem Schlusspfiff noch genauso sauber aussieht wie beim Münzwurf. Aber vielleicht täusche ich mich auch. Im Alter lässt die Sehschärfe nach.

    Zu viel Analyse tötet das Spiel

    Die NM hinterlässt bisher einen phlegmatischen Eindruck. Jeder kennt seinen Quadranten, hat vom Trainerstab einen Masterplan in die Hand gedrückt bekommen, die Spielzüge wurden vorher tausendfach einstudiert, exakte Videoanalysen jedes Gegners, stündliche Kontrolle der Laktatwerte. Ernährungsexperten, Psychologen, Physiotherapeuten, Personal Coaches alle mit dabei im Riesentross des DFB. Logiert wird nicht mehr in ordinären Trainingslagern wie weiland 1974 in Malente, sondern in 5-Sterne-Tempeln mit vorher ausgesuchten Spitzenköchen. Mancher Feldzug der Antike war weniger minutiös vorbereitet als die Reise der deutschen Mannschaft zu einem Turnier. Und trotz all dieses Heidenaufwands wirken viele Spieler uninspiriert bis hin zu konzeptlos. Wobei: Konzept wurde ihnen ja schon eins eingetrichtert. Bloß ob dieses Konzept immer hinhaut – darüber scheint sich vorher niemand ernsthafte Gedanken zu machen. Heikel wird es nämlich immer dann, sobald sich das andere Team nicht an die ihm theoretisch zugewiesene Rolle hält: Hoch- und nicht tiefsteht, angreift statt verteidigt (oder umgekehrt), 4-4-2 statt 4-3-3 befolgt, oder was sonst noch alles für Abweichungen möglich sind; sich also einen Dreck um den deutschen Masterplan schert. In diesen Fällen – die sich aus meiner laienhaften Beobachtung heraus mittlerweile häufen – weiß auf dem Platz niemand mehr, wie er mit der neuen Situation umgehen soll. Plan A ist sakrosankt, weshalb es Plan B nicht gibt, und den Akteuren, die allesamt seit früher Jugend in DFB-Nachwuchszentren geschult und schablonisiert wurden, fehlt der Instinkt des Straßenkickers. Der es von klein auf gewohnt ist, dass der Gegner prinzipiell das tut, was keiner der schlauen Analysten vorhergesehen hat, die Ärmel hochkrempelt, auf den unnützen Masterplan pfeift und das macht, was Franz Beckenbauer von seinen Teams forderte: »Geht’s raus und spielt‘s Fußball!« Die gemäß dieser simplen Vorgabe erzielte Erfolgsstatistik des Kaisers war nicht schlecht: 1x Vizeweltmeister 86, HF EM 88, Weltmeister 1990. Und das alles ohne Laptop und Sportprofessoren, die die Laufwege und den Kalorienverbrauch der Spieler aufs Komma genau ausrechnen.

    Deshalb mein Wunsch: weniger Mastergedöns und stromlinienförmige Akteure, mehr individuelle Typen, die sich nicht scheuen, vom Plan abzuweichen und, sobald es Spitz auf Knopf steht, die Ärmel hochkrempeln, die lethargischen Kollegen anschreien und am Ende in dreckverschmierten Klamotten das Feld verlassen.

    Bei Reus mache ich mir Hoffnung, dass er die Rolle des Antreibers einnehmen wird. Der Mann wirkt 90 Minuten lang hochmotiviert, was ich bisher von Kroos, Müller, Gündogan, Khedira und Özil nicht behaupten kann.

    Wo ist der neue Schweinsteiger?

    Nach dem glücklichen Ende der gestrigen Partie fachsimpelte ich noch eine halbe Stunde mit dem Mann neben mir – der ein Schweinsteigertrikot trug, weil er irrtümlich annahm, dass der Münchner immer noch mit dabei ist – über die guten alten Zeiten ohne Masterplan. Ich überlege, in welcher Umzugskiste ich meinen 1974 erworbenen Wolfgang-Overath-Dress verstaut habe. Falls ich in dieses Shirt vierzig Jahre später überhaupt noch reinpasse.

  • Als es noch ständig müllerte

    Als es noch ständig müllerte

    Eigentlich wollte ich eine Kolumne über CR7 schreiben. Niemand spielt, jammert und polarisiert so schön wie der berühmteste Sohn Madeiras. Die drei Dinger, die er gestern Abend seinen spanischen Nachbarn reingehämmert hat, waren schon ne Hausnummer. Er gehört zu der Sorte Fußballer, die alleine ein Match entscheiden können. Viele sind es nicht, die diese Kunst beherrsch(t)en. Messi, Schweinsteiger – bevor er in die amerikanische Operettenliga wechselte –, Zidane, Maradona, Netzer, Overath, Pelé und sicher noch ein Dutzend mehr, die mir aber im Moment nicht einfallen, und wo wir nun bereits in den 70er Jahren angelangt sind: Gerd Müller.

    Was hat der in dieser Aufzählung zu suchen, fragen Sie? Der war doch nur ein kleiner, pummeliger Stürmer, zwar mit einer unglaublichen Spürnase fürs Toreschießen gesegnet, aber ganz sicher kein Spielentscheider. Doch, war er. Hören wir dazu folgende Worte aus dem Mund Franz Beckenbauers:

    Ohne ihn würden wir uns heute noch in der alten Holzhütte aus den 60er Jahren am Trainingsplatz an der Säbener Straße umziehen. Ohne seine Tore stünde der FC Bayern heute nicht da, wo er ist.

    Paul Breitner ergänzt:

    Gerd Müller ist der wichtigste und größte Fußballer, den Deutschland nach 1954 gehabt hat. Gerd Müller ist der FC Bayern, Gerd Müller ist die deutsche Nationalmannschaft. Oder andersrum: Der FC Bayern und die Nationalelf sind das, was sie geworden sind, durch Gerd Müller. Weil er derjenige war, der die Pokale und die Titel gebracht hat – kein anderer.

    Sehe ich genauso.

    So wie man eine Kolumne nicht mit dem Partikel „eigentlich“ beginnen sollte, dürfte ich auch nicht das Ausgangsthema wechseln. Ich tue es aber trotzdem. Und zwar aus folgenden zwei Gründen: Ich habe zum einen vorhin im Magazin der Süddeutschen einen hochinteressanten, aber gleichzeitig tieftraurigen Beitrag über den Bomber der Nation gelesen. Zum anderen will ich anhand des Manns aus dem Ries an die Zeiten des Spiels erinnern, als der Fußball noch nach Männerschweiß, langen, verfilzten Haaren und schwarzen Adidastretern roch, und die Typen, die auf dem Platz herumliefen noch Typen und keine gefönten Playmobilfiguren waren.

    Statistik für die Ewigkeit

    Beginne ich mit der Geschichte vom Müller, Gerd (Abkzg. seines Taufnamens Gerhard). Eigentlich (hier ergibt das Wort Sinn) kennt die jeder, der die 50 überschritten hat und sich von Kindheit an für das Spiel interessiert. Geboren 1945 als fünftes und jüngstes Kind von Johann Heinrich und Christina Karoline Müller. In Nördlingen, dort wo Bayern an Ba-Wü grenzt und bayerisch Schwaben ins Württembergische übergeht. Mit 18 zum FC Bayern, für den er sage und schreibe 15 Jahre durchgängig die Schuhe schnürte, bevor ihn Pál Csernai 1979 erst auf die Bank setzte und dann nach Florida vergraulte. Unglaubliche Erfolgsagenda: 4x Deutscher Meister, 4x Pokalsieger, 1x Europapokal der Pokalsieger, 3x Europapokal der Landesmeister, 1x Weltpokal, Europameister 1972, Weltmeister 1974 (er schoss, nach feinem Zuspiel von Bonhof, aus der Drehung heraus in der 43sten Minute das entscheidende 2 zu 1 gegen die Niederlande), Torschützenkönig bei der WM 1970 mit zehn Treffern (die Turniere damals bestanden aus weniger Partien als die heutigen aufgeblähten Events), 7x erhielt er die Kanone in der Bundesliga ausgehändigt  (in der Saison 1971/ 72 erzielte er bis heute unerreichte 40!! Tore). Seine Statistik in der Nationalmannschaft: 68 Buden in 62 Spielen. Eine Quote für die Ewigkeit.

    Es liegt an seinem niedrigen Körperschwerpunkt, behaupteten die Experten damals; was man, wenn man bösartig ist – was wir hier aber auf keinen Fall sein wollen – auch mit kurzen Beinen übersetzen kann, aber grau ist alle Theorie. Niemand antizipierte den kommenden Ball so exakt wie Müller, keiner – von Ente Lippens mal abgesehen – konnte das Leder derart gekonnt mit dem Hintern annehmen und dann blitzschnell aus der Drehung heraus einnetzen. Ein Jahrhunderttalent, aber eines, das nicht ewiges Talent – wie bspw. Namensvetter Hansi Müller oder Mario Götze – blieb, sondern nach dem Gesellenbrief 1965 – Aufstieg der Bayern in die Bundesliga – ständig lieferte, 365x (!!) in der Buli  traf und mit dem WM-Titel 74 sein Meisterstück abgab.

    Dabei stets bescheiden blieb. Keiner, der in jedes Mikrophon reinplapperte, in jede Kamera lächelte, auf jeder TV-Couch Platz nahm. Das mag auch an seinen, im Gegensatz zu den eloquenten Kollegen Beckenbauer, Maier, Breitner und Hoeneß, geringeren sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten gelegen haben. Jedoch gehörte der Bomber ganz sicher zu jener Sorte Mensch, der trotz all seiner Erfolge das gleißende Rampenlicht lieber meidet, abends gerne zu Hause mit Kumpels schafkopft (Müller war darin genauso gut wie beim Fließbandtoreschießen), als durch die Talkshows der Republik zu tingeln.

    Von ihm stammen zeitlose Sätze wie diese:

    Wenns denkst, is eh zu spät.

    Als Torjäger musst du wissen, wo das Tor steht. Und das habe ich gewusst.

    Ich drehe mich ein wenig und plötzlich war der Ball drin

    Ich habe ihn in seiner aktiven Zeit 5x in Köln spielen sehen. Stehplatz Südkurve, 4 Mark Schülerkarte. 4x gewann der FC, beim letzten Aufeinandertreffen, an dem Müller teilnahm, endete die Partie 1 zu 1, der Bomber erzielte das Tor für die Bayern. Um ihn komplett kaltzustellen, benötigte man oft zwei oder gar drei Verteidiger. Für den FC übernahmen diese schwere Aufgabe damals abwechselnd Zimmermann, Konopka, Weber und Strack. Wie ich es vierzig Jahre später schaffe, mich noch an alle Ergebnisse und die Spielernamen zu erinnern? Ganz einfach: ich recherchiere in der Online-Fußballdatenbank.

    Vom stillen Star zum Pflegefall

    Und jetzt muss ich leider zum traurigen Kapitel seiner Vita kommen: Alkohol und Demenz. Dass er eine Zeit lang (zu) viel getrunken hatte, wusste ich. Dass die Bayern ihn nach dem völlig misslungenen Amerikaabenteuer und Entziehungskur wieder in ihre Reihen aufnahmen und als Cotrainer der Amateurmannschaft beschäftigten, muss man dem Verein hoch anrechnen. Bin mir unsicher, ob die ständig heulenden Dortmunder so sozial mit ihren gefallenen Stars umgehen. Falls doch, dann entschuldige ich mich bereits an dieser Stelle bei allen BVB-Fans, bevor die mir nachher eine Flut von Hasskommentaren hinterlassen. Aber dass Müller seit einigen Jahren dement in einer Pflegeeinrichtung untergebracht und dort völlig von der Öffentlichkeit abgeschirmt ist, war komplett an mir vorübergegangen.

    Sich an nichts mehr erinnern können – was für ein Schicksal mit 70! Meine Mutter ereilte es ebenfalls. Sie war jedoch immerhin schon 80, als sie niemanden mehr erkannte, ihren eigenen Namen vergessen hatte und sich auf dem Flur des Altersheims, in dem sie ihre letzten Jahre verbrachte, nicht mehr zurechtfand. Wir Kinder philosophierten hin und wieder darüber, was schlimmer ist: früh zu sterben oder im Alter bloß noch vor sich hinzudämmern? Eine müßige Frage, die außer Gott – so man an ihn glaubt – und dem Betroffenen selbst – der allerdings nicht mehr fähig ist, seine Gedanken in klare Worte zu packen – niemand von uns beantworten kann. Sie sollten Müller in München ein Denkmal setzen und/ oder das Stadion in ihn umbenennen! Allianzarena klingt ohnehin wie Glasbruch mit Selbstbeteiligung und nicht nach einem kernigen Männersport.

    Fußball war mal ne coole Sache

    Kernig ist das Stichwort für den zweiten Schwerpunkt dieser Kolumne: Wehmut nach der Zeit, als Fußball noch ne schweißtreibende und coole Sache war. Hier muss ich ein bisschen aufpassen. Denn mit meinen Kindern gilt die Verabredung, dass sie mich, falls ich zu oft von der guten alten Zeit schwärme, in einem Seniorenstift anmelden dürfen. Für das ich mich aktuell aber noch ein paar Jahre zu jung finde. Nun war ja früher nicht alles besser und schöner, aber der Fußball war definitiv unterhaltsamer. Ich habe mich an vieles gewöhnt: die bunten Schuhe, Frisuren, die keine Haarschnitte, sondern Kunstwerke oder gar Statements sind, Tattoos, wohin das Auge blickt, die ständigen Übersteiger, Tiki-taka, Gehälter und Transfersummen, die einen mitunter am Sinn des Kapitalismus zweifeln lassen, Eintrittskarten, die dem Preis einer mittelschweren Autoreparatur entsprechen, Söldnertum als Normalzustand und nicht die Ausnahme, der einzelne Fußballer als Marke und nicht mehr als ordinärer Spieler, Berichterstattung und Werbung around the clock etc. etc. Woran ich mich aber nie gewöhnen werde – oder, um aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen, was mir sogar tierisch auf den Sack geht –, sind die vorformulierten Textbausteine, mit denen Spieler und Trainer seit gefühlt dreißig Jahren auf Journalistenfragen antworten. Welch ein standardisiertes, stromlinienförmiges Kauderwelsch. Boh!

    »Ich danke erstmal dem gesamten Team, das mich großartig unterstützt hat«, sagt der Dreifachtorschütze. »Das müssen Sie den Coach fragen. Ich akzeptiere aber selbstverständlich die Entscheidung«, meint der langjährige Stammstürmer, der sich plötzlich auf der Bank wiederfindet. »Wir haben unser Bestes gegeben und unglücklich verloren. Wir lassen uns davon aber nicht unterkriegen«, heißt es nach einer 0-zu-5-Klatsche. Und dann sehe ich zu allem Überdruss seit einigen Tagen auf allen Kanälen auch noch Nivea-Werbung mit Jogi Löw und bin restlos bedient.

    Sprüche aus der Fußballvergangenheit

    Warum reden die Jungs nicht mehr wie in den 70ern und 80ern? Als solche Sätze zu hören waren:

    Ich bin immer noch am überlegen, welche Sportart unsere Mannschaft an diesem Abend ausgeübt hat. Fußball war’s mit Sicherheit nicht.
    © Franz Beckenbauer

    Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben… Den Rest habe ich einfach verprasst.
    © George Best

    Ich bin bis 5 Uhr in meiner Stammkneipe erreichbar
    © Ansgar Brinkmann

    Manni Bananenflanke, ich Kopf, Tor!
    © Horst Hrubesch

    Eine Straßenbahn hat mehr Anhänger als Uerdingen.
    © Max Merkel

    Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt.
    © Rolf Rüssmann

    Legendäre Wutausbrüche von Spielern und Trainern vor laufender Kamera. Damals zwar nicht Standardrepertoire, aber doch nicht unüblich. Heute hingegen völlig undenkbar. Alle dreimal teflonbeschichtet, von PR-Profis gebrieft und ständig dieselben Worthülsen wiederholend. Textbausteine in Dauerschleife. Stinklangweilig. Ich zappe nach dem Schlusspfiff mittlerweile sofort weiter, weil ich ohnehin schon auswendig weiß, was die Akteure gleich sagen werden. Ätzend dieser globale Verbalkonformismus!

    Okay, okay, ich höre nun auf mit meiner Nörgelei. Übrigens ein typischer Charakterzug älterer, männlicher, misanthropischer Kolumnisten. Ob ich mir die WM ungeachtet all meines Gemeckers trotzdem ansehe? Natürlich tue ich das. Was glauben Sie denn? Ich schaue die Spiele bereits seit 1970. Damals noch im Schwarz-Weiß-Röhrengerät, das wie ein Tabernakel in der Ecke hinten links im Wohnzimmer meiner Eltern platziert war. Wer dieses Mal den Titel holt? Ich tippe auf Brasilien. Ich bin als Orakel auch nicht schlechter als Tintenfische oder Schildkröten.

    PS. Den Text zu CR7 schreibe ich sofort, falls Portugal ins Finale einziehen sollte. Versprochen. Notfalls mich daran erinnern, denn auch mein Gedächtnis ist nicht mehr das allerfrischeste. Danke!