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  • Ich bin ein Boomer. Wer holt …

    Ich bin ein Boomer. Wer holt …

    „Mama, hinter uns ist ein Boomer“, sagt die Kleine an der Supermarktkasse.
    Ich schaue hinter mich. Hinter mir steht keiner.
    „Das Wort hat sie im Kindergarten aufgeschnappt. Entschuldigung“, erklärt die Mutter, die sich zu mir umgedreht hat, mich bei ihrer Entschuldigung aber mit Augen ansieht, die unmissverständlich signalisieren, dass sie ihrer Tochter innerlich recht gibt.
    „Nicht der Rede wert“, sage ich und packe fettarmen Käse, kalorienreduziertes Dosenravioli und zuckerfreie Grapefruitlimo aufs Band.
    „8.23 Euro. Zahlen Sie mit Karte oder bar?“, fragt die hübsche Kassiererin.
    „Bar“, sage ich.
    „Natürlich“, sagt die hübsche Kassiererin in einem Ton, der deutlich zum Ausdruck bringt, dass es dumm ist, einen Boomer zu fragen, ob er eine EC-Karte für einen 8€23-Einkauf benutzt, sie diese Frage aber trotzdem stellen muss.

    Auf dem Weg zurück stoppe ich an der Apotheke und besorge mir dort was für den Magen, den Blutdruck, gegen Haarausfall und für ein erfülltes Sexleben. Die Apothekerin packt mir freundlicherweise noch eine Probe Krampfaderprophylaxe-Creme forte ein. „Kann man nicht früh genug mit anfangen. Sie als Boomer gehen ja schon stark auf die 60 zu“, sagt sie. Auf der Theke liegt ein Prospekt „Rollator leasen leicht gemacht“, den tut sie mir zusätzlich dazu. Im Briefkasten entdecke ich einen Flyer mit der Überschrift „Seniorenstift Elysium – Paradies für mittelprächtig verdienende Bommer“.

    Wo kommt diese inflationäre Boomer-Scheiße plötzlich her, wundere ich mich, während ich gleichzeitig überlege, zu welchem anderen Zweck man ne Krampfaderprophylaxe-Probe sonst noch verwenden kann. Mir fällt nichts Gescheites ein und deshalb werfe ich die Krampfaderprophylaxe-Probe ungeöffnet in die Schublade mit den anderen ungeöffneten Proben.

    Was genau zum Teufel ist ein Boomer?

    Boomer, was genau zum Teufel ist ein Boomer, hämmert es in meinem Kopf. Ich beschließe, eine schnelle Meinungsforschung am Telefon durchzuführen und rufe meine 3 Kinder an. Nacheinander, jeweils einzeln, sie wissen vorher nicht Bescheid, Antwort muss spontan – ohne Zuhilfenahme fremder Quellen – erfolgen.

    „Habe den Begriff noch nie gehört“, sagt Sohn Nr. 1 und legt wieder auf, weil er anderweitig beschäftigt ist und von Forschung am Telefon generell wenig hält.
    „Die sind in etwa so alt wie du und technisch völlig unbegabt“, meint Sohn Nr. 2.
    „Boomer liegen voll im Trend. Jeder will einen haben“, erklärt wiederum die Tochter.

    Damit ist schon mal bewiesen, dass meine Kinder nicht im selben Kindergarten waren wie die Kleine vorhin an der Supermarktkasse.

    Ich mache mich im Internet schlau:

    Der Ausdruck „Boomer“ bezieht sich auf die Personen, die zur Zeit des „Baby-Booms“ geboren wurden. Dieser Zeitraum umfasst ungefähr die Mitte der 1950er und 1960er Jahre, somit sind die jüngsten Personen aus dieser Generation heute um die 60 Jahre alt.
    © Netzwelt

    Die Phrase „OK Boomer“ wird als Erwiderung auf Meinungen älterer Personen, meist aus der Baby-Boomer-Generation, verwendet, die vom Aussprechenden individuell als engstirnig, veraltet, negativ-abwertend oder herablassend empfunden werden. Häufig handelt es sich dabei um Aussagen, die sich auf den technischen Fortschritt, die globale Erwärmung, die Definition von Minderheiten oder auf allgemeine Einstellungen und Wertvorstellungen der jüngeren Generation (häufig als Generation Woke oder Generation Snowflake bezeichnet) beziehen.
    © Wikipedia

    „Ok, Boomer“ ist eine Aussage, die dafür verwendet wird, um despektierliche Aussagen der Baby Boomer Generation (Personen, die nach dem zweiten Weltkrieg zwischen 1946 und 1964 geboren sind) gegenüber den Millenials (Generation Y, ab 1980er bis Mitte 1990er) und der Generation Z (ab 1997 – 2012) zu relativieren.

    Einfacher gesagt: Die Jugend von heute ist genervt von den respektlosen Aussagen und dem Schubladendenken der Eltern und Großeltern und tut diese mit den Worten „Ok Boomer“ ab. Diese beiden Worte könnten in ihrer inhaltlichen Bedeutung auch mit einem ironischen „Ok, alles klar“ oder „Spinn dich aus“ oder „Ja ne, ist klar“ übersetzt werden.
    © studihub.de

    Boomer bezeichnet also einerseits eine Geburtsdekade bzw. zwei davon und drückt mit dem Zusatz „OK“ eine Geisteshaltung aus, und zwar eine nicht so schöne: engstirnig, veraltet, negativ abwertend und herablassend.

    Das verdient eine kurze Würdigung.

    Wir konstruieren einen Beispiel-Boomer

    An unserem Geburtsjahr können wir nachträglich nicht allzu viel ändern. Wir können uns optisch aufhübschen oder aufhübschen lassen (Toupet, falsche Zähne, Dr. Juchheim, Botox oder uns bei einem Schönheitschirurg für ein Rundum-Erneuerungspaket unters Messer legen), im Darknet neue Ausweispapiere bestellen. Unsere inneren Organe haben trotzdem 60 Jahre auf der Uhr, auch wenn die Lippen aufgespritzt sind und im Fake-Perso bei Geburtsjahr 1981 vermerkt ist. Und ebenfalls das Gehirn wird durch Toupet und Dr. Juchheim nicht einen Tag jünger. Biologisch 60 ist und bleibt nun mal 60. Ärgerlich, aber bis zum 70sten gewöhnt man sich daran.

    Bei der uns 60-jährigen zugeschriebenen Geisteshaltung müssen wir allerdings ein wenig differenzieren: Es gibt zum einen Boomer, die auch wie Boomer denken (Typ A), und es gibt des Weiteren  Boomer, die nicht wie Boomer denken (Typ B). Im Folgenden beschäftigen wir uns mit Typ (A). Und zwar in der Ausprägung: männlich und weiß (den Zusatz „alt“, den man mitunter sieht, braucht es nicht. Denn wer 60 ist, ist alt und ist sich dessen aufgrund quietschender Bandscheibe und häufiger Zahnwurzelbehandlungen durchaus bewusst).

    Typ (A) sei in unserem Beispiel ein (beinahe) 60-jähriger Kolumnist aus dem Rheinland. Geschieden, 3 Kinder. Sein Geld verdient er tagsüber mit Marketing & Orga. Abends schreibt er. Zudem hängt er viel in Facebook ab. In Twitter (da stört er sich an der Textlimitierung auf 280 Zeichen) und in Instagram (da stört er sich an allem) begegnet man ihm hingegen selten. Von Tiktok und ähnlichem Nonsens lässt er komplett die Finger weg. Jetzt wollen wir die Attribute engstirnig und veraltet mal hinsichtlich der oben in Wikipedia genannten Themenbereiche unter die Lupe nehmen:

    (I) Technischer Fortschritt
    Hier gilt die Aussage von Sohn Nr. 2 „Technisch völlig unbegabt“ vollumfänglich. Unserem Kolumnisten sind neue Apps und Software-Updates grundsätzlich suspekt. Nicht selbst erklärende Programme, in die er sich einarbeiten muss, hasst er. Alexa, Siri und Cortana hasst er noch viel mehr. Wenn der Laptop nicht das tut, was er will – und der Laptop tut oft nicht das, was unser (beinahe) 60-jähriger Kolumnist will – steht er manchmal kurz davor, das Teil aus dem Fenster zu werfen. Davon hält ihn einzig der Gedanke ab, dass ein neuer Laptop teuer ist und tagelang mühsam konfiguriert werden muss.

    (II) Globale Erwärmung
    Ja, es wird wärmer. In manchen Jahren auch nicht; in denen wird es dafür nasser. Den Unterschied zwischen Wetter und Klima kennt unser Kolumnist. Zumindest oberflächlich. Er sagt, dass es in seiner Kindheit noch richtige Winter und richtige Sommer gab. Vielleicht irrt er sich aber auch, denn im Alter lässt die Gedächtnisleistung nach. Ob Holland in 20 Jahren überflutet wird, interessiert ihn vor allem unter dem Aspekt, ob dann noch mehr Holländer als sonst schon üblich die Campingplätze am Rheinufer bevölkern werden. Da er selber in 20 Jahren 80 sein wird und im Seniorenstift Elysium vor sich hindämmert, interessiert es ihn die Sache mit Holland in Not allerdings nicht so brennend. Greta Thunberg mag er. „Die ist blitzgescheit, macht ihr Ding und bleibt cool dabei. Das gefällt mir“, sagt er. „Und warum schließt du dich ihr dann nicht an?“, fragt ihn die Tochter. „Weil ich mich ja nicht jedem anschließen muss, nur weil ich ihn cool finde“, erwidert er. „Und dein ökologischer Fußabdruck, was ist mit deinem ökologischen Fußabdruck?“, hakt die Tochter nach. „Der ist gar nicht so schlecht. Vor allem weil ich wenig Sachen kaufe und die meisten Dinge so lange gebrauche, bis sie von selbst auseinanderfallen. Ressourcenschonung durch Konsumverzicht.“

    „Würdest du auch auf dein Auto verzichten?“, will die Tochter wissen.
    „Auf gar keinen Fall!“

    (III) Definition von Minderheiten
    Hier kann sich unser Kolumnist nach etlichen – zumeist ergebnislos verlaufenden – Facebook-Diskussionen zu diesem Thema des Eindrucks nicht erwehren, dass es für eine nicht unerhebliche Anzahl Mitmenschen weniger wichtig ist, ob man greifbaren Minderheiten (z.B. Flüchtlingen) in der Realität konkret helfen kann, sondern es sich zuvorderst um eine akademische Befindlichkeitsdebatte dreht. Man definiere eine x-beliebige Minderheit (z.B. Schwule Veganer in der Fußballfan-Szene), dichte sich selbst dazu und fühle sich sofort diskriminiert: Ich gehöre der Gruppe der Schwulen Veganer im BVB-Block an und finde es total ungerecht, dass ich immer der erste bin, der von den Schalkern aufs Maul bekommt.

    Wenn man dann als Typ A-Boomer einwendet …:
    (a) man muss sich als schwuler Veganer nicht unbedingt in den BVB-Ultrablock stellen
    (b) die Sache mit Schalke hat sich ja jetzt für ein paar Jahre von selbst erledigt, da Königsblau nicht mehr erstklassig ist
    … erschallt umgehend der Ruf: OK Boomer! (im Sinne von: DU Nullchecker hast wie immer gar nichts verstanden!!!).
    Vermutlich so ein Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung-Ding.

    Boomer ernähren sich von Currywurst und fahren alte Diesel

    Typ-A-Boomer sind idR. keine Veganer und legen im Sommer schon mal ein Discount-Kotelett auf den Grill. Von me2 haben sie gehört, kannten aber die meisten der „neuen“ Verhaltensregeln gegenüber Frauen schon aufgrund der Erziehung, die sie in den 60-er und 70-er Jahren bei ihren Eltern genossen hatten. Dass man Sekretärinnen nicht ungefragt an die linke Arschbacke greift (auch nicht bei der Weihnachtsfeier) und schlüpfrige Witze im Büro oft megapeinlich sind, wissen Boomer nicht erst, seit es Harvey Weinstein an den Kragen ging. Und als die Boomer in den 80ern gegen Apartheid und Rassismus in Südafrika auf die Straßen strömten und für die Freilassung von Nelson Mandela demonstrierten, waren viele von denen, die sich heute lautstark gegen jedwede Form von Diskriminierung wenden, noch gar nicht als Samenzelle im Hoden ihres nicht-gebärenden Elternteils existent.

    Die politische Gesinnung des Typ-A-Boomers ist bisher noch wenig erforscht. Man findet ihn kreuz und quer über alle Parteien verstreut. Eventuell mit leichter Schwerpunktbildung rechts von der Mitte. Mir sind allerdings Typ-A-Vertreter auch in SPD, Linker und sogar bei den Grünen bekannt. Unser Beispiel-Kolumnist verortet sich selbst im linksliberalen Spektrum, sieht sich jedoch, seit der organisierte Liberalismus sich auf Einkommensteuererklärungen, die auf Bierdeckel passen müssen und Gratis-WLAN für alle verzwergt, politisch als heimatlos an. Ein Typ-A-Boomer kann also gleichzeitig Carnivore (gerne Currywurst) und sozialisationsbedingt strikt hetero sein, einen alten Diesel fahren und Gendern meiden wie weiland seine konservativen Eltern die Mao-Bibel, aber gleichzeitig mit schwulen Kumpels im Ultrablock des BVB (beim gewählten Beispiel-Boomer wäre das jedoch die Südkurve des Effzeh) stehen und die Notwendigkeit zeitnah zu treffender klimapolitischer Maßnahmen anerkennen. Ganz so eindeutig, wie es das „OK“ signalisieren soll, ist es mit dem Typ-A-Boomer dann doch nicht. Bzw. der Typ-A-Boomer ist durchaus bunter, als es das „Ok!“ vermuten lässt.

    Dass einem die Älteren mit ihren antiquierten Ansichten oft auf den Sack gehen, ist nämlich nun wahrlich nichts grundlegend Neues bzw. keine Erleuchtung, die erst den Millenials kam. Auch mir gingen mein Vater und mein Großvater mit ihren von meiner jugendlichen Perspektive abweichenden Blickwinkeln oft ganz gehörig auf den Sack. Ich nannte sie nicht Boomer (da ich den Begriff nicht kannte, und weil das ja auch falsch gewesen wäre), sondern Neandertaler, um mir dann von meinem Vater erzählen zu lassen, dass der 30 Jahre früher seinen Vater und Großvater ebenfalls als aus der Zeit gefallen angesehen hatte. Der Ok-Boomer-Generationenkonflikt ist also so alt wie die Menschheit selber. Die Themen, über die gestritten und diskutiert wird, ändern sich, der Tenor bleibt jedoch immer dieselbe: Die Jugend sieht es anders als die Alten.

    Ganz anders der Typ-B-Boomer

    Vom Typ A- müssten wir jetzt noch den Typ B-Boomer streng unterscheiden. Da jedoch die Uhrzeit schon weit fortgeschritten ist, und es für den Typ-A-Kolumnisten langsam Zeit wird, an seinen Vor-Mitternacht-Schlaf zu denken, wollen wir an dieser Stelle stoppen. Zum B-Typ nur so viel: Der ist woker als die meisten Millenials. Surft genauso sicher auf der Zeitgeistwelle wie ein 25-jähriger Soziologiestudent der FU Berlin und gendert beidhändig fehlerfrei. Weshalb ihm auch nie ein strenges „Ok Boomer!“ entgegenschallt. Diese Kolumne sollte aber am besten von einem B-Typ-Boomer geschrieben werden.
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    Und nun wird’s Zeit für die Magenpillen (oder ist heute der Blutdruck an der Reihe?) und die Anti-Haarausfalltinktur, bevor unserem (Beispiel-) Kolumnisten bei Folge 5 (Staffel 7) von „The walking dead“ auf Netflix die Augen zufallen werden.

  • Olympia und das neue K-Wort

    Olympia und das neue K-Wort

    Seit gestern ist im Index der nicht sagbaren Wörter auch der Buchstabe K besetzt.

    Was war geschehen?

    „Beim Einzelzeitfahren der Männer kam es zu einer rassistischen Äußerung durch den deutschen Leistungssportdirektor des Bunds Deutscher Radfahrer. Patrick Moster rief Nikias Arndt bei seinem Rennen »Hol die Kameltreiber! Hol die Kameltreiber! Komm!« hinterher. Vor Arndt fuhren zu diesem Zeitpunkt Azzedine Lagab aus Algerien und Amanuel Ghebreigzabhier aus Eritrea.“
    © Spiegel online: Rassismus-Eklat um deutschen Radsportdirektor

    Die zu erwartende Empörungswelle in Print- & Onlinemedien zzgl. Soziale Plattformen nahm direkt Fahrt auf. Auch die Tagesschau berichtete in ihren 20h-Nachrichten und betonte dabei, dass sich ihr Reporter völlig korrekt verhalten habe, indem er die Äußerung des Trainers SOFORT mit dem Etikett „unterirdisch“ belegte.

    Wenn man sich die Szene auf Youtube anschaut (!Achtung Triggerwarnung: nicht tauglich für sensible Gemüter!), kommt man nicht umhin, in der Bild-Ton-Kombination eine gewisse Komik zu erkennen. Die Szene erinnert an einen Benny-Hill-Clip, in dem er als Besucher eines Windhundrennens auf einen Hund wettet, der dem Feld jedoch weit hinterherläuft, woraufhin Hill von der Tribüne in den Parcours springt, neben seinem Favoriten herläuft, den er abwechselnd anfeuert, um direkt im Anschluss die vor ihm liegenden Hunde mit wenig schmeichelhaften Tiernamen zu belegen. Das geht so munter 90 Sekunden lang hin und her. Am Ende gewinnt Benny Hill das Rennen, sein Favorit liegt röchelnd am Boden und Hill zerreißt wütend den Wettschein. (ob ich jetzt Radfahrer mit Hunden gleichsetzen möchte? Um Gotteswillen: nein! … falls der Clip nicht von Benny Hill stammen sollte, dann habe ich ihn entweder woanders gesehen oder geträumt oder frei erfunden).

    Das K-Wort im Zeitalter der Wokeness

    woke = (englisch ,erwacht‘, ,wach‘, ist ein aus dem Afroamerikanischen Englisch der 1940er Jahre stammender Ausdruck, der ein ‚erwachtes‘ Bewusstsein für mangelnde soziale Gerechtigkeit und Rassismus beschreibt.
    © Wikipedia: woke

    Im heraufdämmernden Zeitalter der 24/7-Wokeness unterscheiden wir bei den aufgrund ihrer Nicht-Sagbarkeit auf 1 Buchstaben verkürzten Wörtern 3 Empörungsgrade:

    (A) heftig: gilt demjenigen, der den indizierten Ausdruck aktiv benutzt
    (B) mittel: verwendet den Ausdruck zwar nicht, sympathisiert aber mit denjenigen, die ihn nutzen und/oder sagt zwar offiziell „Schwarzer“, denkt aber insgeheim „N“ (ist natürlich alles nicht so einfach nachzuweisen; aber sobald der Schwindel auffliegt, ist Empörung gewiss)
    (C) leicht: zitiert das Wort. Z.B. um seine Verwendung in einer Schulmaterialie anzuprangern. Aus woker Sicht ist jedoch auch das nicht zulässig. Denn das Zitat könnte eventuell darauf hindeuten, dass man es nur als Vorwand benutzt, um N endlich mal in Gänze auszusprechen. Dafür gibt’s allerdings nur einen kleinen Shitstorm. Nicht zu vergleichen mit (B) oder gar (A).

    Ich prüfe mich selber: (A) trifft bei mir nicht zu. In meinem Wortschatz, der aus max. 3000 Wörtern besteht (fürs Schreiben einer Kolumne reichen auch weniger), kommt „Kameltreiber“ nicht vor. Kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dieses Wort in den vergangenen 59 Jahren schon mal aktiv genutzt zu haben. Aber Sie tun es gerade hier, Herr Hirsch, unterbrechen Sie mich? Stimmt, antworte ich; aber ich zitiere ja bloß. Auch das darf man nicht? Das Wort sei absolut unsagbar? Okay, das handeln wir zwei Absätze später unter (C) ab. Bitte noch 20 Sekunden Geduld.
    (B) Ich denke auch nicht, wenn ich „algerischer Radfahrer“ sage, heimlich an das K-Wort. Kamele und deren Treiber tauchen ebenfalls nicht in meinen Träumen auf. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, ein bisher Kamel- & Treiber-loses Leben geführt zu haben.

    Wo liegt dann das Problem, Herr Hirsch, kommen Sie endlich zum Punkt.
    Okay; ich beeile mich.

    Bei (C) hat es mich gestern erwischt: ich habe das K-Wort ausgeschrieben und erinnerte mich daran, „Kameltreiber“ in meiner Kindheit in Karl Mays „Im Lande des Mahdi I“ gelesen zu haben, woraufhin ich dem deutschen Trainer für die Zukunft folgenden aufmunternden Satz empfahl: „Was trödelst du seit Stunden hinter den beiden elenden Urenkeln früherer Kameltreiber hinterher?“. Ich konnte dem Vorfall also – politisch natürlich völlig unkorrekt – eine komische Note abgewinnen, anstatt mich – das wäre an und für sich die politisch zwingend gebotene Vorgehensweise gewesen – sofort zu empören, was in der Konsequenz dann wieder zu Empörung über mich sorgte. Ich würde mich bei meinem Verfolgungswahn vor Sprachpolizei mittlerweile heillos verrennen, lautete einer der freundlicheren Vorwürfe an meine Adresse.

    Wehe dem, der erwischt wird

    Während bei gebildeten Menschen weitgehend Konsens herrscht, bestimmte toxische Begriffe nicht aktiv zu verwenden (bspw. das N-Wort) – (A) also unstrittig ist –, wird es bei (B) schon schwieriger: denn wer weiß schon so genau, ob der Gast. der im Wirtshaus ‚Zur fettigen Panade‘ zwar politisch korrekt ein Schnitzel ungarische Art bestellt, heimlich von einem Zigeunergulasch träumt? (was hier, weil man Gulasch nicht frittieren kann, jedoch nicht auf der Speisekarte steht). Aber auch hier gilt: Es ist äußerst unfein, das Z-Wort zwar nicht offen auszusprechen, es allerdings insgeheim zu denken, wenn man ein Wirtshaus betritt … So weit – so woke.

    Bei (C) gelangen wir nun in den kritischen Bereich der 24/7-Korrektheit: Weder ist es zulässig, die indizierten Wörter auszuschreiben, noch darf man sie – völlig egal, in welchem Kontext das geschieht – aussprechen. Folgerichtig musste sich die grüne Kanzlerkandidatin, als sie vor einigen Tagen das N-Wort in voller Länge zitierte, umgehend entschuldigen. Die muss sich in letzter Zeit eh oft entschuldigen, sagen Sie? Stimmt, das gehört jetzt aber nicht hierher. Dem Bild der von Kamelen auf Hightech-Rennräder umgestiegenen Wüstensöhne (hoffe, hierbei handelt es sich nicht um ein W-Wort) eine komische Note abzugewinnen, geht natürlich überhaupt nicht. Wer das auch nur ansatzweise lustig findet, wird ohne Zwischenstopp in (B) sofort in Kategorie (A) einsortiert. Das Komisch- bzw. Nicht-so-schlimm-finden eines vom Kamel aufs Rennrad umgesattelten Algeriers ist dann nahezu genauso verwerflich wie das, was der deutsche Trainer getan hat. Wahrscheinlich sogar noch verwerflicher, denn er tat es in der Hitze des Gefechts, während ich es mit Puls 60 auf meiner Tastatur tippte. Der Funktionär zeigte sich sofort reumütig und auch ich zeige mich reumütig: Ich werde ab sofort das K-Wort aus meinem Wortschatz streichen. Wobei (ja ja, ich wiederhole mich) ich schwör beim Grab meiner Mutter: Ich hab das Wort bis gestern NIE benutzt!!!

    Die Liste der nicht sagbaren Wörter

    Die Liste der nicht sagbaren Wörter füllt sich. Bald werden alle Buchstaben besetzt sein und wir müssen dann mit Erweiterungen arbeiten. Z.B. das K3-Wort. Denn wie alle Listen neigt auch das Das-darfst-du-auf-keinen-Fall-sagen-Verzeichnis dazu. ständig verlängert zu werden. Unter strenger Beobachtung befinden sich aktuell Perle, Torte, Schuss, Braut u.ä., die alsbald zu P-, T-, S- & B-Wörtern mutieren. Politisch völlig zurecht. Welche Frau will schon „Torte“ genannt werden? Trotzdem denke ich (-> Kategorie B.) mitunter wehmütig an die 80er zurück, als man in Köln seine Kumpels noch fragen durfte: „Habt ihr gerade den blonden Schuss mit dem geilen Arsch auf der anderen Straßenseite vorbeispazieren gesehen?“. Heute darf man das S-Wort noch nicht mal denken. Vorgezogenes PS. an dieser Stelle: seitdem ich die 30 überschritten habe, nutze ich das S-Wort nicht mehr aktiv. Alles hat/hatte seine Zeit. Ich hör’s aber nach wie vor ganz gerne, wenn ich es in Köln zufällig auf der Straße höre.

    Persiflage als letztes Mittel, das bleibt

    Wie alle Ismen ist auch der Wokismus besonders schlecht auf diejenigen zu sprechen, die ihn persiflieren. Dabei ist diese Denkschule nur durch ständige Persiflage oder eine Pulle Wodka zum Frühstück oder am besten beides kombiniert überhaupt zu ertragen. So wie sich in den 50ern Senator McCarthy und seine Jünger tagein tagaus von Kommunisten umzingelt wähnten, wähnen die heutigen Wokisten an allen Straßen- und Facebook-Ecken Rassismus, Sexismus oder eine sonstige Sauerei gegen irgendeine Minderheit, von der man bis dato gar nicht wusste, dass diese Minderheit überhaupt existiert. Jede Epoche hat den Wahn, den sie verdient.

    Zum Schluss jetzt noch die Woke-Regel: indizierte (also mit 1 Buchstaben abgekürzte) Wörter NIE aktiv verwenden! Das gilt sowohl fürs Sagen als auch fürs Schreiben. Sie ebenfalls nicht denken. Denn ein aufmerksamer Wokist bemerkt Ihr Mimikry. Hat vielen Gewerkschaftern und Filmschaffenden in den 50ern Nullkommanull genützt, dass sie beteuerten, nie Mitglied in der KP gewesen zu sein und gar nicht zu wissen, was in Marx „Das Kapital“ drinsteht. Es reichte der Verdacht, dass sie mit dem Sozialismus insgeheim sympathisieren könnten, und schon waren sie ihre Jobs los und/oder befanden sich in einem Gerichtssaal. Indizierte Wörter auch nicht zitieren oder sich gar über die ausufernde Indizierung lustig machen. (falls Sie in die Kategorie „supervorsichtig“ gehören, dann am besten sich ebenfalls empören, sobald die anderen sich empören. Auch wenn Sie nicht genau wissen, worüber und warum sich gerade wieder empört wird = Empörung zwecks Eigenschutz = das ist völlig legitim). Insofern Sie sich an diese einfache Regel halten, wird Ihnen nichts passieren. Es sei denn, Sie setzen versehentlich ein Like bei jemand, der sich über woke Themen lustig macht. Dann wird auch gegen Sie ermittelt. Denn woke Menschen sind stets wachsam und supermisstrauisch. Man könnte sagen: Woke ist auch nichts anderes als McCarthy 4.0 (was 2.0 und 3.0 sind? … habe ich vergessen).
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    Und bevor hier jetzt gleich die woke Gegenreaktion einsetzt, besorge ich mir erstmal ne Pulle Wodka.

    PS. der deutsche Trainer wurde mittlerweile vom DOSB nach Hause geschickt. Ob ich das gerecht finde? Natürlich ist das gerecht. Wenn man das K-Wort benutzt, sollte man sich nicht vor laufender Kamera dabei erwischen lassen. Die anderen Trainer sind da schlauer und sagen sowas hinter verschlossenen Türen oder halten sich zumindest die Hand vor den Mund.