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  • Corto Maltese – ZACKs stiller Held

    Corto Maltese – ZACKs stiller Held

    An regnerischen Tagen stöbere ich mitunter in den Comics meiner Kindheit und Jugend, die bei mir 3 Regalreihen füllen. Also den Comics, die diverse Umzüge und durch Wasserrohrbrüche verursachte Schäden überlebt haben. Fronleichnam – für Nicht-Katholiken an dieser Stelle kurz erklärt: das sog. Hochfest des Leibes und Blutes Christi, das auf eine Vison der heiligen Juliana von Lüttich (13. Jhrd.) zurückgeht– war wettertechnisch recht durchwachsen, weshalb ich den ursprünglich geplanten Spaziergang durchs Siebengebirge verwarf und mich stattdessen dem Regal mit den Comics näherte und wahllos eine ältere Ausgabe des Magazins ZACK herauszog, in dem unter anderem die Fortsetzungsgeschichte Corto Maltese: Südseeballade von Hugo Pratt abgedruckt ist.

    Sofort poppten Erinnerungen auf: Rasen des Nachbarn gemäht, den Lohn (3 Mark) hälftig für Colafläschchen & Lakritz und die neueste Ausgabe ZACK verausgabt. Zu Hause im Heft geblättert: Mit Bruno Brazil und Luc Orient gestartet, um mich dann über Leutnant Blueberry und Valerian zu Mick Tangy vorzuarbeiten. Das Beste hob ich mir für den Schluss auf: Corto Maltese.

    Der Fin de Siècle-Globetrotter ist kein Held, der einen bestimmten Ort sucht. Er bleibt unterwegs, folgt dem Horizont, verschwindet nach jedem Abenteuer wieder hinter der nächsten Küstenlinie. Diese Unrast macht ihn bis heute einzigartig. Grund genug, einen Blick auf die Figur und ihren Schöpfer zu werfen. Beginnen wir mit dem kreativen Kopf der Reihe:

    Als gute Comics noch Comics, und nicht Graphic Novel, hießen

    Hugo Pratt (eigentlich: Ugo Eugenio Prat) wurde 1927 im italienischen Rimini geboren und wuchs in Venedig auf – einer Stadt, die mit ihren Häfen, Seefahrern und Geschichten aus aller Welt kaum passender zu seinem späteren Werk hätte sein können. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs prägten ihn früh. Nach dessen Ende arbeitete er zunächst als Comiczeichner in Italien, bevor er mehrere Jahre nach Buenos Aires übersiedelte. Dort entwickelte er gemeinsam mit dem Autor Héctor Germán Oesterheld seinen unverwechselbaren Stil weiter.

    Pratt war Zeit seines Lebens ein Reisender. Er lebte und arbeitete unter anderem in Argentinien, England, Frankreich und der Schweiz, bereiste Afrika und Südamerika und sammelte historische Stoffe mit der Neugier eines Abenteurers. Viele seiner Geschichten speisen sich aus diesen Erfahrungen. 1967 schuf er schließlich mit Corto Maltese jene Figur, die ihn weltberühmt machen sollte: einen Seemann ohne festen Heimathafen, der seinem Schöpfer in vielem erstaunlich ähnlich war.

    Pratt starb 1995 in Lausanne. Sein Werk gilt heute als Meilenstein des europäischen Comics und hat Generationen von Zeichnern und Autoren beeinflusst – deren Arbeiten man heute kaum noch schlicht „Comic“ nennen würde, sondern bevorzugt als Graphic Novels bezeichnet.

    Ein radikal neuer Held

    Als Hugo Pratt 1967 die erste Corto-Maltese-Geschichte veröffentlichte, ahnte wohl niemand, dass daraus eine der bedeutendsten Figuren der europäischen Comicgeschichte werden würde. Die Erzählung Die Südseeballade (Una Ballata del Mare Salato) erschien zunächst als Fortsetzungsserie und unterschied sich radikal von vielem, was damals im Abenteuercomic üblich war.

    Der Held trat nicht als strahlender Sieger auf. Als die Leser Corto Maltese erstmals begegnen, treibt er gefesselt auf einem Floß im Pazifik. Bereits dieser Auftritt verrät viel über die Figur: Corto ist kein Eroberer, sondern ein Überlebender. Er wird von den Ereignissen nicht beherrscht, sondern lässt sich durch sie hindurchtragen – mit einer Mischung aus Gelassenheit, Ironie und Unabhängigkeit.

    Pratt schuf seinen Helden aus vielen Quellen. Da war die romantische Tradition der großen Abenteuerliteratur von Autoren wie Robert Louis Stevenson, Joseph Conrad und Jack London. Da waren aber auch historische Berichte über Seefahrer, Entdecker, Revolutionäre und Glücksritter, die Pratt sein Leben lang sammelte. Hinzu kamen eigene Reiseerfahrungen und seine Faszination für Kulturen, die sich an den Rändern großer Imperien entwickelten.

    Corto Maltese selbst ist eine Figur zwischen den Welten. Geboren 1887 auf Malta als Sohn eines britischen Seemanns und einer andalusischen Mutter mit Roma-Wurzeln, besitzt er keine eindeutige nationale Identität. Das macht ihn zu einem idealen Begleiter durch die Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts. Er gehört keiner Nation vollständig an, keinem politischen Lager und keiner Ideologie. Er bewegt sich durch die Geschichte wie ein unabhängiger Beobachter, der sich seine Freiheit um jeden Preis bewahren will.

    Die Abenteuer spielen vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse. Corto begegnet Revolutionären, Spionen, Kolonialbeamten, Piraten und Dichtern. Er reist durch den Pazifik, die Karibik, Südamerika, Afrika, China, Irland und Sibirien. Immer wieder kreuzen tatsächliche historische Persönlichkeiten seinen Weg. Pratt verknüpft Fakten und Fiktion so geschickt, dass die Grenzen oft verschwimmen. Wer Corto Maltese liest, bewegt sich durch eine Welt, in der Legenden und Geschichte gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

    Besonders bemerkenswert ist dabei der historische Blick des Autors. Pratt interessierte sich weniger für die großen Sieger der Geschichte als für ihre Randfiguren: Seeleute, Exilanten, Rebellen, Abenteurer und Heimatlose. Seine Geschichten spielen häufig in den letzten Jahren des europäischen Kolonialzeitalters, einer Epoche, in der alte Gewissheiten zerfielen und neue Konflikte entstanden. Corto Maltese ist Zeuge dieser Veränderungen, ohne sich jemals vollständig von ihnen vereinnahmen zu lassen.

    Darin liegt bis heute die Faszination des Charakters. Während viele Comic-Protagonisten für bestimmte Werte oder Weltbilder stehen, verkörpert Corto Maltese vor allem eines: die Freiheit des Einzelnen. Er kämpft nicht für Ruhm, Macht oder Vaterland. Er folgt seiner Neugier, seinem Gerechtigkeitsempfinden und gelegentlich auch einfach dem Wind. Vielleicht wirkte er deshalb auf viele junge Leser des Magazins ZACK so anders als die übrigen Helden ihrer Comicwelt. Er war kein Sieger, sondern ein Suchender – und seine Abenteuer waren weniger actiongetriebene Stories als Reisen durch die verborgenen Winkel der Weltgeschichte.

    Die Südseeballade: Geburt einer Legende

    Die erste Begegnung mit Corto Maltese ist ebenso ungewöhnlich wie die Figur selbst: Gefesselt auf einem Floß dümpelt er in den unendlichen Weiten des Pazifiks, wo ihn der skrupellose Pirat Rasputin aus dem Meer fischt. Vor dem Hintergrund der Friktionen unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg entspinnt sich ein vielschichtiges Abenteuer zwischen Freibeutertum, Kolonialpolitik und persönlichen Loyalitäten. Im Mittelpunkt stehen auch die jungen Cousins Pandora und Cain Groovesnore, die unfreiwillig in die Machenschaften des geheimnisvollen „Mönchs“ geraten. Was als Südseeabenteuer beginnt, entwickelt sich zu einer melancholischen Erzählung über Macht, Freundschaft und den Verlust von Unschuld.

    Unter dem Zeichen des Steinbocks: Südamerika voller Geheimnisse

    In seiner zweiten großen Reise verschlägt es Corto nach Südamerika und in die Karibik. Gemeinsam mit dem exzentrischen Professor Jeremiah Steiner begleitet er den jungen Tristan Bantam auf der Suche nach dem sagenhaften versunkenen Kontinent Mu. Die Reise führt durch die Guayanas, nach Brasilien und auf die Inseln der Karibik. Dabei gerät Corto in Erbstreitigkeiten, politische Intrigen, Revolten und Voodoo-Mysterien. Die eigentliche Handlung tritt dabei oft hinter die surreale Atmosphäre zurück: Pratt zeichnet ein faszinierendes Bild eines Kontinents voller Legenden, kultureller Vielfalt und historischer Bruchlinien.

    Immer ein Stück weiter: Freiheit als Kompass

    Die dritte Abenteuer führt Corto Maltese erneut durch die Karibik und entlang der Küsten Mittel- und Südamerikas. Revolutionäre, Schmuggler, gescheiterte Idealisten und Verfolgte kreuzen seinen Weg. Anders als klassische Abenteuerhelden verfolgt Corto dabei selten ein konkretes Ziel. Er hilft, vermittelt, verschwindet wieder und gerät immer neu in die Strömungen der Geschichte. Die einzelnen Episoden wirken wie lose verbundene Reiseerzählungen, doch sie kreisen alle um dasselbe Thema: die Suche nach Freiheit in einer Welt voller politischer Umbrüche und persönlicher Schicksale. Hier wird besonders deutlich, dass der Maltese weniger ein Held als ein Wanderer durch die Randzonen der Weltgeschichte ist.

    Als der Wind nachließ

    Über fast drei Jahrzehnte hinweg schickte Hugo Pratt seinen Seemann durch die Häfen, Krisengebiete und Legenden der Welt am Anfang des 20-sten Jahrhunderts. Insgesamt entstanden rund drei Dutzend Geschichten, anfänglich kurze Episoden entwickelten sich zu umfangreiche Alben, und aus einer zunächst ungewöhnlichen Comicfigur wurde eine Ikone der europäischen Comickultur.

    1992 erschien mit die letzte Odyssee aus der Feder Pratts. Drei Jahre später, 1995, starb der Zeichner 68-jährig am Ufer des Genfer Sees. Mit ihm endete auch jene einzigartige Verbindung aus Abenteuerroman, Geschichtserzählung und gezeichneter Poesie, die Corto Maltese geprägt hatte.

    Für die Leser des Magazins ZACK war das jedoch nie wirklich ein Abschied. Die Geschichten blieben im Regal, zwischen vergilbten Heften und Erinnerungen an eine Zeit, in der man Woche für Woche gespannt auf die nächste Fortsetzung wartete. Wer heute wieder zu Corto Maltese greift, begegnet deshalb nicht nur einem Comichelden. Er begegnet einem Stück eigener Vergangenheit – und einem Erzähler, der gezeigt hat, dass Comics weit mehr sein können als triviale Unterhaltung.

    Das Vermächtnis von Hugo Pratt liegt vor allem darin, dass seine Geschichten die Welt nicht erklären sollten. Sie wollten Lust machen, sie zu entdecken. Und irgendwo hinter dem nächsten Horizont segelt Corto Maltese noch immer weiter – mit schief sitzender Schirmmütze, einem ironischen Lächeln und dem festen Vorsatz, sich von niemandem vereinnahmen zu lassen.
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    Lesen Sie auch: Der partout nicht sterben wollende Gallier – zum 60sten einer Comic-Ikone


    Asterix wird 60 und wäre besser bereits mit 18 abgetreten. Ein nostalgischer Rückblick auf einen Comic-Helden seiner Jugend von Kolumnist Henning Hirsch. (21. Okt. 2019)

  • Der ComiXjunkie (1)

    Der ComiXjunkie (1)

    Valerian & Veronique

     

    Science Fiction ist eine wunderbare Möglichkeit, der Realität zu entfliehen
    Pierre Christin

    Im Reich der 1000 Planeten

    »Du bist doch Comic-Junkie?«, erkundigt sich Ulf bei mir auf der letzten Redaktionssitzung.
    »Warum?«, antworte ich vorsichtig, weil nach solchen Fragen erfahrungsgemäß Arbeit verteilt wird.
    »Dann schreib darüber doch mal was.«
    »Dir schwebt bestimmt schon was vor, oder?«
    »Du kennst Valerian, den neuen Film von Luc Besson?«
    »Klar.«
    »Und hast auch ein, zwei der Alben gelesen?«
    »ALLE 22.«
    »Fein, also bist du genau der Richtige, dazu eine Rezi zu tippen.«

    Zurück zu Hause krame ich die Sammlung aus einem Umzugskarton hervor: Valerian & Veronique (V&V) In der Hardcover-Ausgabe des Carlsen Verlags: jeweils drei Erzählungen in einem Band zusammengefasst. Eine meiner Lieblingslektüren aus Kindheit und Jugend. Das erste Mal kennengelernt hatte ich den Raumzeitagenten im Jahre 1972, als die Geschichte „Stadt der tosenden Wasser“ im damals neuen Magazin ZACK abgedruckt war, und ich die Serie, die sich über zehn Ausgaben hinzog, geradezu verschlang. Chronologisch korrekt ging es allerdings fünf Jahre zuvor in der von René Goscinny geleiteten, französischen Comiczeitung Pilote los: „Schlechte Träume“; und zwar mit diesen Einstiegssätzen:

     

    Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie.

    Arbeit hat für die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Nur einige hundert Raumzeitagenten und Technokraten des Raum-Zeit-Service sind noch aktiv.

    Die Raumzeitmaschine ermöglicht sowohl Reisen über riesige Distanzen als auch Sprünge in der Zeit. Dennoch ist zu Beginn des 28sten Jahrhunderts noch nicht das komplette Universum erforscht, entdecken die Agenten ständig neue Sonnensysteme und stoßen dabei auf unbekannte Lebensformen.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Autor und Zeichner: seit Kindheit befreundet

    Pierre Christin (*1938, Text) und Jean-Claude Mézières (*1938, Zeichnungen) lernen sich als Kinder in einem, im Osten von Paris gelegenen Luftschutzkeller kennen, während die Stadt im Sommer 1944 bombardiert wird. Nach dem Krieg trennen sich ihre Wege: Christin studiert Politologie und Literatur an der Sorbonne, Mézières besucht das Institut des Artes Appliquès. Mitte der 60er Jahre beschließen beide unabhängig voneinander, ein Auslandsjahr in den USA einzulegen und verabreden sich Monate später in Salt Lake City am Rande des Großen Salzsees für einen Erfahrungsaustausch. In diesen Tagen wird die Idee geboren, eine Science-Fiction-Geschichte in Comicform zu erzählen. Pate standen unter anderem Filme wie „This Island Earth“, „Forbidden Planet“ „Barbarella“ sowie Romane von Isaac Asimov, Alfred E. van Vogt, Jack Vance und John Wyndham. Christin und Mézières kehren nach Frankreich zurück, üben ein Jahr lang mit gezeichneten Short Stories, bevor 1967 ihr Valerian-Erstling in Pilote erscheint und ihnen sofort zum Durchbruch verhilft. Weitere 21 Erzählungen folgen bis 2007.


    Pierre Christin – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg


    Jean-Claude Mézières – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Start der Serie im Summer of love

    In „Les mauvais rêves (Schlechte Träume)“ wird Valerian weit zurück in die Vergangenheit katapultiert – ins mittelalterliche Frankreich im Jahr 1000 –, um dort den flüchtigen Traumaufseher Kombul zu stellen. Der plant, Hexen und Dämonen nach Galaxity zu importieren, Chaos zu verursachen, einen Umsturz herbeizuführen und sich zum Alleinherrscher der Erde krönen zu lassen. Bei der Suche erfährt Valerian Unterstützung vom Bauernmädchen Laureline [kein Mensch kann einem heute noch erklären, warum sie in der deutschen Version in Veronique umgetauft wurde]. Sie begleitet ihn beim Zeitsprung zurück in die Moderne, erhält einen Crashkurs unter der sogenannten Gedankenhaube und fungiert von nun an als seine neue (Agenten-) Partnerin. Die Figuren in „Schlechte Träume“ sind noch im Funnystyle gezeichnet, die Erzählung verläuft linear und ein bisschen simpel. Aber man lernt hier die für die ersten Folgen wichtigen Akteure kennen: Valerian, Veronique, Kombul und den Obersten Technokraten.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Band 2, der zwölf Monate später erscheint, ist da schon ein ganz anderes Kaliber: „Die Stadt der tosenden Wasser“. New York im Jahre 1986; am Nordpol explodiert ein Depot mit Wasserstoffbomben, Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt an, Städte und Länder versinken, das Ende der Zivilisation des 20sten Jahrhunderts. Danach drei Säkula finstere Epoche, bis sich gegen 2300 die Moderne aus der Dunkelheit herausschält. Wer mit dem Wissen Kombuls ins Jahr 1986 zurückreist, kann dort den Verlauf der Geschichte drastisch verändern und Galaxity gar nicht erst entstehen lassen. Für Valerian und Veronique beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr. Sie jagen Kombul durch die überfluteten und von dschungelartiger Vegetation überwucherten Straßen New Yorks. Mit etwas Fantasie ähneln die Bilder denjenigen im Blockbuster „Die Klapperschlange“, in dem Snake Plissken (Kurt Russell) durch das apokalyptische Gewirr im Big Apple hetzt. Wobei der Comic zehn Jahre vor dem Film entstand.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    1967/68 gezeichnet, vom Summer of love inspiriert, ähneln viele Figuren Hippies. Ein Wissenschaftler trägt das Gesicht von Jerry Lewis, ein Revolutionär das des Jazzkomponisten Sun Ra. Die Konturen der beiden Protagonisten werden in Band 2 schärfer, nehmen nun halbreale Züge an.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    In Teil 3 der Saga „Im Reich der tausend Planeten“ (1969 veröffentlicht) plötzlich ein gewaltiger Sprung: weg von der Erde mitten hinein in die unendlichen Weiten des Universums – Syrtis Magnificus. Hier kann der Autor seiner Fantasie endlich freien Raum lassen, der Zeichner neue Formen und Farben ausprobieren. Ganz stark die Szene, als V & V in einem Wasserfall herunterregnender Blumen stehen, bevor der Boden unter ihren Füßen wegbricht, und sie sich gegen eine Urweltschlange zur Wehr setzen müssen.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    In einer weit entfernten Galaxie steht ein Stern im Zentrum eines unermesslichen Sonnensystems. Es ist Syrtis Magnificus, Mittelpunkt des Reiches der tausend Planeten.

    Das viele Jahrhunderte wohlhabende Reich verfällt zunehmend. Der Herrscher hat sich in seinen Palast zurückgezogen, zeigt sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Die Kundigen – eine mysteriöse Priesterkaste – übernehmen die Regierungsgeschäfte. Die einst mächtige Kaufmannsgilde, die nun ein Schattendasein fristet, bittet die zwei Raumzeitagenten um Unterstützung. Die Geschichte erinnert ans alte Ägypten, als die Amunpriester einige Jahrzehnte lang die Geschicke des Landes lenkten, und die Rolle des Pharaos sich aufs Repräsentative beschränkte, bis das Pendel wieder umschlug, und die weltliche Gewalt zurück in die Hände des Königs wanderte.

    „Im Reich der tausend Planeten“ ist ein richtiger Comicklassiker mit einer wunderschönen Poesie. In der spannenden Atmosphäre fremdartiger Kulturen, Rassen und Religionen gelingt Mézières die glaubwürdige Darstellung sowohl von schmutzigen Gassen wie von prächtigen Palästen. Christin dagegen kann mit einer Vielzahl toller Wortschöpfungen glänzen. Ihm haben wir die Namen der Schamlis, Spiglis oder Bluxte zu verdanken, und er ist der Erfinder der lebenden Steine von Arphal.
    © Stan Barets

    Aktuelle Verfilmung: eher für Kinder geeignet

    Die aktuelle Verfilmung von Luc Besson mit dem leicht anderslautenden Titel „Die Stadt der tausend Planeten“ ist leider Gottes bloß ein müder Abklatsch des Originals. Zum einen quirlt der Drehbuchautor Fragmente verschiedener Bände zu einem grellbunten und Sodbrennen verursachenden Cocktail zusammen; zum anderen erliegt der Regisseur der Versuchung, Bilder und Spezialeffekte in den Vordergrund zu stellen; bei gleichzeitiger Vernachlässigung des Storytellings. So sitzt man zwei Stunden im Kino, denkt, wann nimmt der Streifen endlich Fahrt auf, wundert sich über die Fehlbesetzung der männlichen Hauptrolle [ein Milchbubi statt eines kernigen Zeitraumagenten], das Theater mit den militärischen Rängen, die es im Comic-Valerian überhaupt nicht gibt und hofft, dass es irgendwann nochmal spannend wird. Vergeblich, denn der Film plätschert ideenlos bis zum dümmlichen Finale vor sich hin. Besonders fatal ist es, dass die intelligente Handlung des Originals von Besson auf Walt-Disney-Niveau geschrumpft wird. Selbst vor dem Einsatz von Weltraum-Teletubbies und Plagiatszenen aus dem „5ten Element“ schreckt er nicht zurück. Der Schwertkampfauftritt à la Luc Skywalker auf Speed ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Fazit: „Stadt der tausend Planeten“ ist eher was für Kinder, die nach „Die Schöne und das Biest“ einen neuen Nervenkitzel suchen und nicht für erfahrene Comicjunkies geeignet.

    Parallelen zwischen V&V und Star Wars

    Interessanter als Bessons kraftlose Adaption sind die Anleihen, die George Lucas bei Valerian gemacht hat. In Star Wars wimmelt es von Figuren und Kostümen, die Christin und Mézières viele Jahre vorher entworfen hatten: die Bandbreite reicht dabei von Prinzessin Leias Kostümen, die sie in Veroniques Kleiderschrank ausgeliehen zu haben scheint, über die Gesichtsverbrennungen und die Maske von Darth Vader (wie bei den Kundigen im „Reich der tausend Planeten“), das Einfrieren von Han Solo (ebenfalls in den „tausend Planeten“), die Konturen des Schrotthändlers Watto (die Shinguz aus dem Band „Botschafter der Schatten“) bis hin zum identischen Design der Raumschiffe. Christin und Mézières haben also in Teilen die Blaupause für die erfolgreichste SciFi-Saga Hollywoods geliefert. Im Unterschied zu Besson erzählt Lucas allerdings eine überzeugende Geschichte, sodass die Ähnlichkeiten einiger Figuren eher das Vergnügen des Wiedererkennens denn Kopfschmerzen bereiten. Obwohl Star Wars seiner eigenen Handlung folgt, glaubt man doch an manchen Stellen, Ideen aus V & V aufblitzen zu sehen. So sind beispielsweise die beiden künstlichen Städte Central City und Coruscant nahezu identisch gestaltet. Bei genauerer Betrachtung lassen sich noch zahlreiche weitere Parallelen entdecken, deren Erörterung in diesem kurzen Beitrag jedoch zu weit führen würde.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    V & V ist ein Comiczyklus, den man sowohl als Jugendlicher als auch ü40 in die Hand nehmen kann. Christin und Mézières haben Pionierarbeit in Sachen SciFi-Storytelling, Figurenentwicklung und Weltraumszenerie geleistet.  Die Erzählung genießt man am besten als Gesamtwerk, die Bände lassen sich aber auch einzeln gut lesen. Die Folgen bauen zwar aufeinander auf, es ist jedoch nicht zwingend notwendig, die Vorgeschichte zu kennen. Die Handlungen sind stets in sich abgeschlossen. Die Protas wurden im Lauf der Jahre erwachsen, nehmen ständig realere Züge an. Bis hin zu dem Vorwurf, dass Veronique mittlerweile zu sexy und Valerian zu muskulös wirken. Mich stört das nicht; ganz im Gegenteil: die beiden erscheinen dadurch menschlicher. Die Saga  bleibt durchgängig intelligent und aufregend, und man fiebert bis zum Finale mit, ob die Erde nach der Zerstörung des Raum-Zeit-Service ein weiteres Mal von den zwei Helden gerettet werden kann.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Sämtliche Bilder mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags