Kategorie: Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer

  • Sachsen ist eh verloren, oder?

    Sachsen ist eh verloren, oder?

    Sachsen ist eh verloren, oder?

    fragte ich vor zwei Tagen in meinem Facebookprofil. Unterlegt mit dem Hashtag: #pegidawirkt. Auslöser war die Behinderung eines TV-Teams vergangene Woche durch die Dresdner Polizei gewesen. Und ich erntete damit binnen weniger Stunden eine Flut an Kommentaren. Was mir wieder mal vor Augen führte, dass ein kurzer, knackiger Satz deutlich mehr Reaktionen auslöst als eine Kolumne über Bukowski-Gedichte.

    Reaktionen in Facebook

    Die Antworten streuten breit. Reichten von:

    Ja!

    Yep. Wird wohl über kurz oder lang absaufen – und kein Westdeutscher wird Lust haben, die Pegida-Stadt nochmal zu retten. Dresden ist mein erster Gedanke nicht: „Wow, Frauenkirche!“, sondern „Scheiße, Pegida!“

    Ich würde da jedenfalls keinen Urlaub buchen wollen

    über:

    Wegen einer Minderheit?

    Pegida ist ein großes Problem, leider. Rassismus ist immer ein Problem, überall.

    Sachsen ist verloren!? Aus nordrhein-westfälischer Sicht nahezu zynisch.

    bis hin zu:

    NEIN!

    Leipzig ist großartig.

    Ich beobachte fasziniert, wie alternde, westdeutsche Männer sich hier zwischen pauschaler Verurteilung und arroganter Gönnerhaftigkeit ereifern.

    Vorab: niemand bezweifelt ernsthaft, dass im Freistaat nette Menschen leben, mit denen man sich tagsüber auf einen Cappuccino in der Eisdiele und abends zum Bier in der Eckkneipe verabreden kann. Auch soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Mehrheit der Wahlberechtigten dort ihr Kreuz (noch) bei Parteien der Mitte setzt. Allerdings sind seit Jahren besorgniserregende Entwicklungen zwischen Plauen und Görlitz nunmal leider nicht zu leugnen: die AfD stärkste Kraft bei der letzten Bundestagswahl, Pegida marschiert wöchentlich in Dresden, die Kanzlerin benötigt doppelten Personenschutz, wenn sie Frauenkirche und Semperoper besucht, CDU und FDP sind deutlich reaktionärer als im Rest der Republik, Teile von Verwaltung und Polizei gelten als Wutbürger-infiziert.

    Es scheint mir deshalb publizistisch pointiert völlig legitim zu sein, die Frage „Ist Sachsen schon verloren?“ in die mediale Arena zu werfen. Klar, klingt das sehr plakativ, aber ich habe schon weitaus polemischere Sachen in der Presse gelesen.

    Opfersprech ersetzt die Selbstkritik

    Die Antwort kann durchaus „NEIN!“ lauten. „Nein, Sachsen ist keinesfalls verloren, weil …“. Und mit diesem WEIL sollten wir uns nun ein paar Minuten beschäftigen, denn hier wird es spannend. Als mögliche Begründungen fürs Nein erfolgten nämlich nur vereinzelt belastbare Sachargumente.  Argumente, die den „arroganten“ Wessi aufgrund Plausibilität überzeugen. Stattdessen darf man sich folgende Litanei anhören:

    Das Schlimme ist, dass viele Westdeutsche sich arrogant verhalten

    Genau wegen dieser westdeutschen Arroganz sieht es heute im osten so verheerend aus. Das wäre im Westen alles nicht anders, wenn die wirtschaftliche Lage entsprechend schlecht wäre. Weiß nur im fetten Westen niemand- und interessiert keinen

    Aber mancher wird auch zum „Wutbürger“ ob dieser Herrscher Mentalität mit der über den Osten bestimmt und geurteilt wird. Da ist wirklich viel berechtigter Frust im Spiel.

    diese ständige Ost-West-Hetze, denn um was anderes geht es doch gar nicht!

    Du spielst darauf an, dass der Westen den Osten wirtschaftlich bis zum letzten Tropfen gierig ausgesaugt hat und jetzt die leere Hülle verwundert fallen lassen will?

    ja, aber die verbrechen der Treuhand sind nun einmal geschehen

    Das ist – sorry, dass ich das hier so deutlich anmerken muss – typischer Opfersprech. Erinnert mich an die Rechtfertigungen meiner Großeltern, wenn sie mir ihr Denken und Verhalten in den gruseligen zwölf Jahren von 1933 bis 45 nahebringen wollten. Als Jugendlicher, indoktriniert von linksgrün versifften Studienräten, wie es sie in den 70ern zuhauf in den Kölner Gymnasien gab, interessierte ich mich ja schon dafür, wie meine nahen Verwandten das Aufkommen des Nationalsozialismus erklären wollten. Die Antworten lauteten:
    ▪ Das Versailler Friedensdiktat war zu hart
    ▪ Die Reparationen haben uns an den Rand des Ruins gebracht
    ▪ Die bürgerlichen Parteien waren zerstritten, viele Politiker unfähig
    ▪ Es fehlte jegliche Ordnung, wir fürchteten um die innere Sicherheit
    ▪ Unser nationaler Stolz war im Eimer
    ▪ Wir haben während des Kriegs und in den Jahren danach gehungert und gefroren
    ▪ Man hat uns getäuscht.

    Man selbst war nie Täter, allenfalls kleiner Mitläufer, letztlich aber auch nur ein Opfer des Regimes und der unglücklichen Umstände. Kein Wort darüber, ob man persönlich Schuld auf sich geladen hatte. Und sei es nur dadurch passiert, dass man die NSDAP gewählt, die Beseitigung der Demokratie begrüßt und den Eintritt in den Krieg bejubelt hatte. Hatte man zwar alles getan, jedoch aufgrund einer Täuschung. Eigenverantwortung fürs persönliche Tun? Komplette Fehlanzeige.

    Am Ende von Weimar wurde ähnlich argumentiert wie heute in Dresden

    Relativ problemlos ließen sich austauschen: Versailles gegen die Treuhand, zerstrittene Bürgerliche gegen Altparteien sowie gekränkter nationaler Stolz gegen ramponiertes ostdeutsches Selbstbewusstsein.  Die Phobie, 24/7 in einem Vollkasko geschützten Raum leben zu wollen, war damals genauso verbreitet wie heute; hinters Licht geführt wurden wir in den 20ern und werden es weiterhin noch im Sommer 2018. Von wem: Politik, Lügenpresse, dem global agierenden Finanzkapital?

    An den Haaren herbeigezogene Parallelen, meinen Sie? Hoffentlich. Denn mir persönlich bereiten die Ähnlichkeiten schon Sorge. Der Wir-wollen-einfache-Antworten-Wahn ging damals nicht gut aus, ebnete den Weg zu einer Schreckensherrschaft, zog eine Spur der Verwüstung durch den Kontinent, bevor der Spuk zwölf Jahre später von den Alliierten beendet wurde.

    Es steht zu vermuten – auch wenn sich Geschichte nicht eins zu eins wiederholt –. dass wir im Osten der Republik Zeugen der Wiedergeburt einer Entwicklung werden, die wir im Westen seit langem überwunden geglaubt hatten: Rückbesinnung aufs Nationale, Abkapselung, Abwehr von allem, das fremd aussieht, gepaart mit dem Gefühl, ständiger Verlierer zu sein, ausgebeutet und nicht ernst genommen zu werden. Erschwerend kommen aus meiner Beobachtung weitgehende Unfähigkeit zur Selbstkritik und Hyperempfindlichkeit dazu.

    So lange sich Teile der ostdeutschen Bevölkerung in ihrer künstlichen Opferrolle gefallen, jede Frage und jeden Ratschlag als westliche Arroganz brandmarken, von Wahl zu Wahl mehr Kreuze bei der AfD setzen – so lange wird es mit dem emotionalen Zusammenwachsen der beiden Hälften schwierig bleiben.

  • Drei und ein Liebesgedicht

    Drei und ein Liebesgedicht

    Der Sommer ist heiß, ich schwitze tagsüber, wälze mich nachts im Bett, höre den Mücken zu, wie sie um mich herum schwirren, bevor sie zur Landung ansetzen, zähle morgens die Einstiche, der Kaffee kälter als die Temperatur in meiner Küche, duschen verschafft Linderung für maximal dreißig Minuten, dann klebt das Hemd schon wieder wie Neopren am Oberkörper. Ich bewege mich langsam, esse wenig – allerdings zu viele Zitronenbällchen in der Eisdiele Belluno –, schütte literweise Wasser, Coke Zero, Grapefruitlimo in mich rein, denke jenseits der 35 Grad bloß noch im Zeitlupentempo, habe Mühe, mehrere zusammenhängende Sätze aneinanderzureihen, stelle Wortfindungsschwierigkeiten bei mir fest. Eigentlich sollte die Republik für sechs Wochen komplett schließen und ans Meer fahren. Aber wir Kolumnisten lassen uns ja vom Wetter – oder ist es das Klima? Komme da ständig durcheinander – nicht unterkriegen und hauen sogar unter extremen Witterungsbedingungen unsere Texte raus.

    Sie wollen heute mal wieder einen politischen Beitrag von mir lesen, damit Sie sich im Anschluss in den Kommentarspalten so richtig auskotzen können? Ich muss Sie enttäuschen. Jetzt gerade ist mir mehr nach Liebesgedichten. Über die können Sie sich gerne ebenfalls auskotzen, wobei ich vermute, dass Sie einen Jambus nicht von einem Trochäus unterscheiden können, und Songtexte von DJ Ötzi für hohe Poesie halten.

    Bukowski liegt schon lange unter der Erde

    Vor drei Tagen hatte übrigens Bukowski Geburtstag. Ja ja, ich weiß, dass der schon seit zweieinhalb Jahrzehnten unter der Erde liegt. Wäre sein 98ster gewesen. Geboren am 16. August 1920 im beschaulichen Andernach, malerisch gelegen am Fuß der Vulkaneifel mit schönem Blick über den Rhein, der hier Stromkilometer 612 durchfließt, auf die am jenseitigen Ufer schroff ansteigenden Hügel des Westerwalds. Als Sohn eines polnischstämmigen US-Besatzungssoldaten und der reizenden Bürgerstochter Katarina Fett. 1923 bestieg die kleine Familie in Bremerhaven ein Schiff – Namen des Kahns habe ich vergessen – und übersiedelte nach Los Angeles, wo der Autor den Großteil seines restlichen Lebens verbrachte. An Ort und Haus seiner Geburt, in dem heute ein Karnevalsshop untergebracht ist, kehrte Bukowski erst in den späten 70ern für eine kurze Stippvisite zurück. Der alten Heimat verbunden blieb er vor allem durch den Kontakt zu seinem Onkel Heinrich – Bruder der Mutter –, der ihm jede Weihnachten einen Kasten Müller-Thurgau (lieblich) aus dem Ahrtal nach East Hollywood schickte.

    Bukowskis Œuvre ist gewaltig: vierzig Bücher und Bände mit Short Stories und Gedichten entstanden im Zeitraum von 1960 bis 94. Hinzu kommen drei Romane, von denen der erste  Der Mann mit der Ledertasche (1971) mein persönlicher Liebling ist.

    Bei all seiner vordergründigen Misanthropie, Bärbeißigkeit und offenkundigem Hang zu Alkohol und schnellem Sex hat er wunderschöne Liebesgedichte hinterlassen, von denen ich nun drei vorstellen werde. Auf Englisch, weil Sprachmelodie und Gedanken im Original klarer herauskommen als im Deutschen. Wäre heute ohnehin zu faul, die Texte zu übersetzen. Kolumnistentum ist übrigens unbezahlte Arbeit am Wochenende. Wussten Sie das überhaupt?

    3 love poems

    LAYOVER
    Making love in the sun, in the morning sun
    in a hotel room
    above the alley
    where poor men poke for bottles;
    making love in the sun
    making love by a carpet redder than our blood,
    making love while the boys sell headlines
    and Cadillacs,
    making love by a photograph of Paris
    and an open pack of Chesterfields,
    making love while other men – poor fools –
    work.

    That moment – to this …
    may be years in the way they measure,
    but it’s only one sentence back in my mind –
    there are so many days
    when living stops and pulls up and sits
    and waits like a train on the rails.
    I pass the hotel at 8
    and at 5; there are cats in the alleys
    and bottles and bums,
    and I look up at the window and think,
    I no longer know where you are,
    and I walk on and wonder where
    the living goes
    when it stops.

    Liebe auf einem Teppich roter als unser Blut, hat was. Starkes Bild.
    Uns lieben, während andere – arme Idioten – arbeiten müssen: Die kalifornische Art und Weise, La dolce vita zu sagen.

    RAW WITH LOVE
    Little dark girl
    kind eyes
    when it comes time to
    use the knife
    I won’t flinch and
    I won’t blame
    you,
    as I drive along the shore alone
    as the palms wave,
    the ugly heavy palms,
    as the living does not arrive
    as the dead do not leave,
    I won’t blame you,
    instead
    I will remember the kisses
    our lips raw with love
    and how you gave me
    everything you had
    and how I
    offered you what was left of
    me,
    and I will remember your small room
    the feel of you
    the light in the window
    your records
    your books
    our morning coffee
    our noons our nights
    our bodies spilled together
    sleeping
    the tiny flowing currents
    immediate and forever
    your leg my leg
    your arm my arm
    your smile and the warmth
    of you
    who made me laugh
    again.
    Little dark girl with kind eyes
    you have no
    knife. The knife is
    mine and I won’t use it
    yet.

    Hat er sie getötet?
    Sie ihn?
    Er sich selbst, nachdem die Liaison endete?
    Dient das Messer einzig dazu, das Band der Liebe zu zerschneiden?

    Dein Lächeln und die Wärme, die mir ein Lachen auf die Lippen zaubern: Wunderschöne Liebeserklärung.

    FOR JANE
    225 days under grass
    and you know more than I.
    They have long taken your blood,
    you are a dry stick in a basket.
    Is this how it works?
    In this room
    the hours of love
    still make shadows.

    When you left
    you took almost
    everything.
    I kneel in the nights
    before tigers
    that will not let me be.

    What you were
    will not happen again.
    The tigers have found me
    and I do not care.

    Nach 225 Tagen unter Dauerstrom verlässt sie ihn Hals über Kopf. Und er, alleine zu Hause in der ausgeräumten Wohnung sagt: „In diesem Raum werfen die Stunden unserer Liebe immer noch lange Schatten“: Wow!  Prägnanter kann man Schmerz und Leere nicht ausdrücken.
    „Die Tiger haben mich gefunden, und mir ist es egal.“ Genau so fühlt sich Liebeskummer an, der einer mittelschweren Depression gleicht.

    Ich möchte die Gedichte weder langatmig interpretieren, noch totanalysieren, sondern einzig auf mich wirken lassen. Wer noch über einen letzten Rest Empathie verfügt, spürt, dass sich hinter dem ganzen Dreck, dem Suff, dem häufig miesen Lyrischen Ich ein hochsensibler Mann verbirgt, der zeitlebens auf der verzweifelten Suche nach Nähe war. Ein kalifornischer Steppenwolf. Ein LIEBENDER! Es ging ihm niemals darum, sich in billigen Absteigen von fetten Nutten das Gehirn aus dem Schädel vögeln zu lassen; er will uns mit diesen grellen Bildern bloß das Dasein mit all seiner Härte zeigen. Niemand beschrieb den tristen Alltag der Menschen und ihre widersprüchlichen Gefühlslagen so exakt wie der misanthrope Schriftsteller aus East Hollywood. Wenn ihn der Blues packte – und der hätte ihn heute bei all den Trumps, Johnsons, Le Pens, Salvinis und Gaulands ganz sicher gepackt –, zog er sich in sein kleines Arbeitszimmer zurück und dichtete die Nächte durch. Von ihm stammt das Bonmot:

    Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel.

    Noch ein Gedicht

    Zum Schluss noch ein (Liebes-?) Gedicht aus meiner Feder:

    TACHYKARDIE
    Wenn du liebst … richtig liebst
    Herzrhythmusstörungen … Tachykardie
    Magen verkrampft … in die Toilette gekotzt
    Schweißausbrüche bei minus 20 Grad
    spring aus dem Bett und hau ab
    ihr Lächeln spiegelt in jeder Pfütze
    alle Stimmen sind ihre Stimme
    du kannst keinen anderen Mund küssen
    pack deine Sachen und verschwinde

    Die Welt ist voller Russinnen,
    Griechinnen, Äthiopierinnen
    schau dir die vollen Lippen an
    sieh, wie ihre Brüste trommeln
    im Takt der Meteoreinschläge
    stell den Koffer ins Hotelschließfach
    tanz mit dir selbst
    lass keine an dich ran
    sei wie Packeis an Grönlands Küste

    Die Milchstraße wie ein Supermarkt
    lerne zu kaufen
    biete dich an
    gib, nimm … nimm, gib
    verhandele
    laufe, kämpfe
    trinke, esse, verdaue
    mach es dir nicht in fremden Kissen bequem
    fahr mit einer Harley durch die Kalahari

    Wenn du liebst … richtig liebst
    musst du immer auf der Flucht sein
    Glut erkaltet
    Lächeln gefriert
    Sex fade wie Tütensuppe
    Schwäche wird sofort bestraft
    verlass das Haus
    atme tief ein und aus
    weine erst, sobald du alleine bist

    Und nun stoppe ich abrupt, weil mir nichts Gescheites mehr einfällt, und ich vor lauter Tipperei vergessen habe, zu duschen, mir die Zähne zu putzen, und Brötchen muss ich auch noch an der Tankstelle kaufen.

  • Mal wieder ne teutonische Neiddebatte

    Mal wieder ne teutonische Neiddebatte

    Was spricht eigentlich dagegen, Kindergeld ins Ausland zu überweisen? Unter der Voraussetzung, dass diese Kinder real – also nicht erfunden – sind.

    Gibt mMn wirklich blödere Verwendungszwecke für Geld, als es in Kinder zu investieren. Völlig egal, wo die aufwachsen,

    fragte ich gestern in einem Facebook-Post und erhielt binnen weniger Stunden mehr als hundert Kommentare zur Antwort. Die streuten breit von:

    Facebook-Reaktionen

    Versteh ich auch nicht. Es steht doch jedem Arbeitnehmer in Deutschland für seine Kinder zu. Oder nicht?

    über:
    Es geht wohl darum, dass unser Kindergeld in armen Ländern dort in etwa einem normalen Monatseinkommen entsprechen dürfte. Das animiert dazu viele Kinder zu haben

    oder:
    Kindergeld nur für die, die hier arbeiten und Steuern zahlen !

    bis hin zu:
    Der Kindergeldanspruch sollte sich grundsätzlich am Bedarf orientieren. Leben die Kinder im Ausland, dann sollten die dortigen Lebenshaltungskosten zugrunde gelegt sein, und nicht hiesige. Ich denke aber auch, dass es vornehmlich um die Eindämmung des Bandenmäßigen Betruges gehen sollte. Und der ist nunmal real existierend. Da hat nicht „der Staat Vertrauen zu haben“, sondern gegebenenfalls ist das (auch vor Ort) zu überprüfen. Wozu finanzieren wir eigentlich sowas wie Steuerfahndung?

    Kindergeld: legitimer Anspruch für ALLE Eltern

    Wenn man die Sache nüchtern – also losgelöst von der Polemik der Bild-Zeitung – betrachtet, handelt es sich um einen legitimen Anspruch sämtlicher hier tätiger Arbeitnehmer, die Steuern berappen und in das Sozialsystem einzahlen. Unabhängig davon, aus welchem EU-Mitgliedsland sie stammen.

    Polen, Rumänen, Bulgaren – wohl die Hauptgruppen der ausländischen Kindergeldempfänger – sind bei uns vor allem in der Pflege und auf dem Bau beschäftigt. Oft schlecht bezahlt, häufig mit Wochenstundenzeiten, die die einheimischen Arbeitnehmer als unmenschlich ablehnen; sind sich auch für niedere Tätigkeiten nicht zu schade. Jammern nicht rum, sondern packen an. Migrieren zu uns, weil es in ihren Regionen keine Jobs gibt, und die EU nun mal Freizügigkeit bei der Wahl des Arbeitsortes garantiert. Sie wohnen in überteuert vermieteten Schrottimmobilien, lassen Ehepartner und Kinder in der Heimat zurück, um im „Paradies“ Deutschland tagein, tagaus schuften zu dürfen. Zahlen hier Steuern; und zwar sowohl direkte als auch indirekte. Den Rest, der ihnen vom kläglichen Lohn übrigbleibt, schicken sie an die Daheimgebliebenen. Und falls sie Töchter und Söhne haben, können sie für die auch Kindergeld beantragen. Alles geregelt im BKGG.

    Staatsangehörige eines EU-/EWR-Staates benötigen keine Niederlassungserlaubnis oder Aufenthaltserlaubnis. Für sie gilt das Recht der Freizügigkeit. Sie haben unter denselben Voraussetzungen Anspruch auf Kindergeld wie Deutsche.
    Quelle: www.kindergeld.org

    „Betrug!“, schreien die Wutbürger, die mittlerweile pawlowartig schreien, sobald sie das Wort „Ausland“ hören. „Die Höhe des Kindergelds muss an die Lebenshaltungskosten im Heimatland angeglichen werden“, fordern die etwas Schlaueren; weil das ja moderater klingt; ungeachtet der Tatsache, dass die EU sofort ein Veto aufgrund des Diskriminierungsverbots einlegen würde.

    Unterschiedliche Kostenindizes innerhalb Deutschlands?

    Von flächendeckendem Betrug kann natürlich keine Rede sein. Experten taxieren den Anteil kriminell erschlichener Kindergeldtransfers im kleinen einstelligen Prozentbereich. Interessanter und perfider ist deshalb der vordergründig logisch klingende Einwand der Kopplung an den Lebenshaltungsindex. Dahinter steckt die Überlegung: Warum sollte sich eine rumänische Familie mehr vom Kindergeld kaufen dürfen als Familie Müller in Leipzig? Das sei maßlos ungerecht, meinen Sie? Die bekommen bloß so viele Kinder, um sich an unseren deutschen Sozialleistungen zu bereichern, schieben Sie noch hinterher?

    Das ist boshafter Bullshit, antworte ich Ihnen. Zum einen war und ist die Systematik des Kindergelds an die Anzahl der Kinder gekoppelt und verläuft leicht progressiv: 194€ jeweils für Kind 1 und 2, 200€ Kind 3, 225€ für jedes weitere Kind. Zum anderen variieren die Lebenshaltungskosten ebenfalls innerhalb Deutschlands stark. In Sachsen auf dem platten Land wird Wohnraum um Faktor X billiger zu kaufen und zu mieten sein als in München und Düsseldorf. Weshalb also nicht weniger Auszahlung an Familie Meier in Crimmitschau oder höhere Transfers an die Schmitz in Köln? Jetzt übertreiben Sie aber, Herr Kolumnist, sagen Sie, wenn Sie aus Crimmitschau stammen? Wieso, antworte ich. Man könnte den Gedanken noch weiter spinnen und fragen, weshalb Besserverdiener diese, das Existenzminimum des Kindes sicherstellende, Sozialleistung in Form eines steuerlichen Freibetrags erhalten. Aber: geschenkt. Das Kindergeld ist verknüpft mit der Kopfzahl und eben nicht mit Einkommen der Eltern oder den Verbraucherpreisen am Wohnort.

    Wenn wir also nicht gewillt sind, die unterschiedlichen Indizes innerhalb der Republik als Bemessungsgrundlagen heranzuziehen – weshalb sollte diese Verschlechterung dann für Arbeitnehmer aus dem EU-Ausland gelten? Die zwei Antworten, die ich Ihnen nun gebe, werden Ihnen vermutlich nicht gefallen:
    (a) Teutonische Missgunst: Weshalb kann der sich mehr dafür kaufen als ich?
    (b) Fremdenfeindlichkeit: Denn die richtet sich ja nicht einzig auf Mitbürger mit türkischem oder arabischem Hintergrund, sondern ebenfalls auf Menschen aus dem ost- und südosteuropäischen Raum. Auffallend oft fallen im Zusammenhang mit bandenmäßigem Betrug die beiden Worte „Sinti“ und „Roma“. Obwohl deren überproportionale Beteiligung an dieser kriminellen Aktivität gar nicht statistisch belegt ist. Der Antiziganismus lässt grüßen.

    (leider mal wieder) Neid gepaart mit Fremdenfeindlichkeit

    Unterm Strich bleibt festzuhalten: Es handelt sich um eine Neiddebatte, in die sich xenophobe Elemente mischen. Wir gönnen der lausig bezahlten polnischen Pflegerin und dem sechzig Stunden auf dem Bau malochenden bulgarischen Hilfsarbeiter noch nicht mal die paar Kröten, die sie für ihre Kinder erhalten und in die Heimat überweisen. Diese Denke ist asozial, und ich schäme mich ein bisschen dafür, dass gewählte deutsche Volksvertreter jenseits der AfD sowas ernsthaft propagieren.

    Ich schließe mit einem Zitat eines Facebook-Freundes, das er mir gestern in den o.g. Thread reintippte:

    Hey ich bins, der deutsche Mehrheitsotto, ich find 0,99 € für Hähnchen bei Lidl eigentlich ok, nur halt die armen Hähnchen. Aber wenn die Leute die für 3,99 € Stundenlohn hunderttausende Hühner pro Tag für mich über den Jordan schicken etwas zu viel Kindergeld bekommen hört der Spaß auf!

  • Anti-Egoismus-Jahr: eine Bananenidee?

    Anti-Egoismus-Jahr: eine Bananenidee?

    Seit Wochen ist es heiß, Sommerferien, die Menschen sind beschäftigt mit Schwimmbad, Eisdiele und Grillwürstchen, hin und wieder ein für Stirnrunzeln sorgender Post aus den Reihen der AfD, des DFB und von Christian Lindner; also alles wie immer, nur ein bisschen langsamer. Da meldet sich plötzlich die Generalsekretärin der CDU zu Wort, zaubert überraschend eine Allgemeine Dienstpflicht für junge Menschen aus der Programmkommission-Schublade und binnen weniger Stunden streitet die Republik landauf, landab über Bundeswehr und Zivildienst.

    Endlich mal wieder ein neues Thema

    Vorab: Ich bin Annegret Kramp-Karrenbauer wirklich dankbar, dass wir jetzt mal ein anderes Thema als ständig die Flüchtlinge diskutieren. Bei aller Wichtigkeit der Debatte: die Argumente sind mittlerweile in extenso ausgetauscht worden. Man wird notorisch linksgrünversiffte Gutmenschen wie mich nicht davon überzeugen können, dass Seenotrettung gleichbedeutend mit Ermunterung des Schlepperwesens und Afghanistan ein sicheres Herkunftsland ist. So wie die andere Seite halt stur auf „Unser Land ist voll. Kein Platz und Geld da für Neuankömmlinge“ sowie der Notwendigkeit von Ankerzentren beharrt. Wahrscheinlich vernünftig, wenn sich beide Parteien mal eine Auszeit gönnen, und im Hochsommer inhaltlich mit was Neuem auseinandersetzen.

    Wobei: neu ist die Wehrpflicht ja nun nicht.

    In der Bundesrepublik nach kontroverser Debatte eingeführt im Sommer 1956. Vorausgegangen waren im Mai 55 der Beitritt Westdeutschlands zur NATO und im November desselben Jahres Wiederbewaffnung und Gründung der Bundeswehr. In Kraft trat die Wehrpflicht im April 57. Die Ausweichmöglichkeit Zivildienst stand ab 1961 offen.

    Gesetzlich geregelt im Wehrpflichtgesetz sowie im dafür erweiterten Artikel 12 GG:

    12.a.: (1) Männer können vom vollendeten achtzehnten Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz oder in einem Zivilschutzverband verpflichtet werden.
    (2) Wer aus Gewissensgründen den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, kann zu einem Ersatzdienst verpflichtet werden. Die Dauer des Ersatzdienstes darf die Dauer des Wehrdienstes nicht übersteigen.

    Bundeswehr ist heute eine Berufsarmee

    Ausgesetzt – nicht: abgeschafft! – wurde die Wehrpflicht im Jahre 2011. Das geschah unter der Ägide des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Und zwar mit folgenden Begründungen:
    ♦ Nach der Bundeswehrplanung und den derzeit vorliegenden Reformvorschlägen dienen Streitkräfte nicht mehr länger der Landesverteidigung, sondern vor allem der Krisenreaktion außerhalb Zentraleuropas.
    ♦ Das zukünftige erweiterte Aufgabenspektrum der Bundeswehr erfordert eine größere Professionalität der Soldaten. Dies ist mit kurzzeitig dienenden Wehrpflichtigen nicht zu gewährleisten.
    ♦ Die politischen Umwälzungen seit 1989/1990 haben in Europa eine völlig neue sicherheitspolitische Lage entstehen lassen. Heute haben wir zum ersten Mal in unserer Geschichte nur Freunde, Verbündete und Partner als Nachbarn. Deutschland hat also am meisten davon profitiert, kann seine Streitkräfte entsprechend umstrukturieren und auf die Wehrpflicht verzichten.
    ♦ Eine Massenarmee würde weder gegen internationale politische Instabilität noch gegen Massenvernichtungswaffen helfen.
    ♦ Der Friedensumfang der Bundeswehr und damit der Bedarf an Wehrpflichtigen unterschreitet die Anzahl der zu Verfügung stehenden Männer eines Jahrganges erheblich. Wenn nur noch eine Minderheit eines Jahrgangs damit rechnen muss, zum Dienst an der Waffe herangezogen zu werden, wird die Wehrungerechtigkeit zur Regel.

    Die Gründe leuchteten mir 2011 zwar ein. Trotzdem war ich damals hin- und hergerissen, ob ich den Wegfall vollumfänglich begrüßen sollte. Denn mit dem Einkassieren der Wehrpflicht entfiel ja ebenfalls der Zivildienst. Von dessen Sinnhaftigkeit und erzieherischer Wirkung ich immer überzeugt gewesen war. Ne Menge meiner Kumpels leisteten ihre 15 Monate (so lange dauerte das Anfang der 80er) in Altersheimen, Jugendeinrichtungen und Sportvereinen ab. Und das waren beileibe nicht alles „niedere“ Tätigkeiten, die sie dort ausübten. Einige gingen zur Bundeswehr, ich wiederum entschied mich für die Variante „Zehn Jahre Katastrophenschutz“: ca. 20 Samstage im Jahr (hin und wieder kam der Sonntag dazu) bei den Berufsfeuerwehren in Köln und später in München und „diente“ dort als Funker bei Brandeinsätzen, schleppte Sandsäcke bei Hochwasser und beschäftigte mich mit Evakuierungsplanspielen, um den eventuellen ABC-Ernstfall zu proben.

    Ich empfand, das, was wir taten, stets als wertvollen (damals übrigens lausig bezahlten) Beitrag für unser Gemeinwesen und wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, diese Aktivität als Zwangsarbeit, die mich meines grundgesetzlich verbrieften Rechts auf Freiheit beraubt oder gar gegen die Menschenrechtscharta verstößt, anzusehen. Ab und an war’s schon nervig, nach langer Freitagpartynacht am Morgen darauf um 7 Uhr in einem Bunker ABC-Alarm zu proben. Aber mit viel Kaffee ließen sich auch solche Samstage überstehen. Deshalb fällt mein persönliches Fazit positiv aus, und ich hätte als Vater kein Problem damit gehabt, wenn meine beiden Söhne für ein paar Monate zu solch einem Dienst verpflichtet worden wären. Kontakt mit alten Menschen in einem Seniorenstift oder Noteinsätze mit dem Technischen Hilfswerk haben noch niemandem geschadet. Das ist verklärter Nostalgie-Kitsch eines alten Mannes, sagen Sie? Mag schon sein. Mit 56 bin ich ja tatsächlich nicht mehr der Jüngste.

    Wehrpflicht: mittlerweile obsolet

    „Wat fott es, es fott un kütt nit widder“, weiß der Kölner und dieses Schicksal ereilt wohl nun auch die vor sieben Jahren ausgesetzte Wehrpflicht. 2018 ist nicht 2011, die Dinge haben sich weiterentwickelt. So hat sich beispielsweise die Bundeswehr von einer Mitmach-Armee zu einem Berufsheer gewandelt.

    Der Wieder- bzw. Neueinführung einer Allgemeinen Dienstpflicht stünden ohnehin viele Hürden entgegen. Da sei zuallererst Art. 12 Grundgesetz genannt:

    (1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.
    (2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

    Das GG kann man zwar anpassen. Dafür sind jedoch Zweidrittelmehrheiten sowohl in Bundestag als auch Bundesrat notwendig. Und selbst im eher unwahrscheinlichen Fall, dass dies bei Artikel 12 gelingen sollte, bliebe dann immer noch die Hürde des Bundesverfassungsgerichts, das die Änderung – weil eventuell der Europäischen Menschenrechtskonvention zuwiderlaufend – flugs einkassieren könnte.

    Die Bundeswehr als moderne Berufsarmee mit knapp 200.000 Soldaten ist auf Amateur-Rekruten ohnehin nicht mehr ausgerichtet und schon gar nicht, wenn komplette Jahrgänge absorbiert werden müssen. Dann können die anderen ja in der Pflege arbeiten, regen Sie an? Das war ebenfalls mein erster Gedanke gewesen; jedoch habe ich mir von Experten folgendes anhören dürfen:

    Heutzutage sind die Voraussetzungen/Qualifikationen meist auch „härter“.

    Überall Personalmangel, da wird nicht mehr viel erklärt und aufgepasst.

    Es wäre eher eine Belastung. Eine Entlastung wären ausgebildete Fachkräfte und attraktive Löhne.

    Sowas wie die Berufsfeuerwehr wird übrigens auch nicht überall gehen, Henning: Die werden sich oft eher verarscht fühlen, wenn sie statt richtigen Planstellen dann Hilfsarbeiter bekommen auf die sie aufpassen müssen. Das ist heute nicht so wie früher.

    Was für eine Bananenidee!!

    (c) Teilnehmer unterschiedlicher Diskussionen zum Thema „Allgemeine Dienstpflicht“ vorgestern in Facebook

    Die Freiwilligen Dienste

    Die Freiwilligen Dienste – z.B. Freiwilliges Soziales Jahr, Freiwilliges Ökologisches Jahr, Freiwillige Feuerwehr (gab’s allerdings schon früher) – sind mittlerweile an die Stelle des Zivildienstes getreten, nehmen diejenigen auf, die sich – bspw. zwischen Abitur und Universität – sozial engagieren und/oder im Vorfeld des Studienbeginns schon mal in einem Krankenhaus umsehen möchten. Die Freiwilligkeit bietet unbestreitbar den Vorteil, dass sie zu größerem Engagement bei und gewissenhafterer Erledigung der Arbeit führt. Macht ja schon einen Unterschied, ob man Betten aus Pflichtgefühl oder Überzeugung heraus frisch bezieht. Oder doch nicht? Allerdings sind die Kapazitäten der Freiwilligendienste begrenzt. Wir reden von rund 50.000 Teilnehmern (ohne die Feuerwehren).

    Die Diskussion wird also über kurz oder lang damit enden, dass man aus den oben genannten Gründen heraus auf die Einführung der Allgemeinen Pflicht verzichtet. Mit einiger Wahrscheinlichkeit einigt man sich dahingehend, die Kontingente der Freiwilligen aufzustocken, die Organisationen mit größeren Budgets auszustatten und geeignete Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung der Dienste zu ergreifen. Was ja als durchaus vernünftiges Ergebnis der von Kramp-Karrenbauer angestoßenen Debatte einzustufen wäre.

    Anti-Egoismus statt Ego-Shooting

    Womit ich mich allerdings schwertue, ist die Verunglimpfung des Vorschlags als Wiederbelebung des Reichsarbeitsdienstes oder gar Anschlag auf die Menschenrechte. Hallo – geht’s eventuell auch ne Nummer kleiner? Niemand von uns fühlte sich damals grundlegend in seiner Freiheit eingeschränkt, bloß weil wir einige Monate lang zu einer Gemeinwohl-Tätigkeit verpflichtet wurden. Und wir waren 19, als wir unser Abitur machten und studierten deutlich länger bis zum Diplom, Magister oder Staatsexamen als die heutige Turbobildungsgeneration. Der Wahn „Ich muss mit 25 Vollzeit arbeiten, damit ich mit 60 in Rente gehen kann, ohne Gefahr zu laufen, dann von Altersarmut betroffen zu sein“ war in den 70ern und 80ern unbekannt. Mehr Geld hätten wir damals natürlich gerne für den „Zwangs-“ Dienst erhalten. Aber darüber ließe sich heutzutage sicher reden.

    Heribert Prantl sieht es so:

    Das soziale Pflichtjahr für alle … ist ein Beitrag für eine starke Demokratie. Warum? Demokratie ist eine Gemeinschaft, die ihre Zukunft miteinander gestaltet. Dafür braucht man Menschen, nicht Narzissten. Man braucht Menschen, die wissen und erfahren haben, dass es eine Gesellschaft gibt und dass für deren Nöte nicht ein abstrakter Staat, sondern eine konkrete Gemeinschaft zuständig ist. Ein soziales Pflichtjahr tut den jungen Menschen gut, es tut dem Gemeinwesen gut, es tut dem Land gut. Es ist ein Einstieg in die soziale Wirklichkeit, es ist ein soziales Erfahrungsjahr … das Pflichtjahr ist ein Anti-Egoismus-Jahr.
    In: Süddeutsche Zeitung, 07. August 18

    Oder, um es in den Worten J.F. Kennedys zu sagen:

    Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.

    Auf jeden Fall keine Bananenidee

    Die Debatte um einen Gemeinwohl-Dienst ist in einer Zeit zunehmender Individualisierung durchaus notwendig. Die Allgemeine Dienstpflicht wird zwar aufgrund ihr entgegenstehender rechtlicher und organisatorisch-technischer Hürden nicht kommen. Trotzdem zeigt der Vorstoß in die richtige Richtung: weg von der bereits mit 17 in Angriff genommenen Karriereplanung und stattdessen Hinwendung zu (zeitlich begrenzten) sozialen Aktivitäten – ob man die nun freudig oder nicht so gerne ausführt, ist zweitrangig –, von denen die Gesellschaft profitiert. Mehr WIR und weniger ICH. So lautet der simple Kerngedanke hinter Kramp-Karrenbauers Vorschlag. Diese Grundidee ist positiv zu sehen und weit entfernt von Banane.

  • Patriotismus 4.0 – brauchen wir den?

    Patriotismus 4.0 – brauchen wir den?

    Die WM ist vorbei, die Fahnen wurden eingerollt, die dreifarbigen Präservative von den Autorückspiegeln gepellt, das Deutschland-Make-up verschwindet in der untersten Schublade der Badezimmerkommode. Der Spuk ist vorbei. Auf ein Neues zur EM 2020.

    Seit dem Sommermärchen 2006 kennen wir nun das Phänomen des Party-Patriotismus. Die Nati spielt – bis 2016 recht ansehnlich, dieses Mal ziemlich schlecht –, und die Menschen landauf, landab, völlig egal, ob sie von Fußball Ahnung haben oder nicht, geraten für einige Wochen in einen schwarz-rot-goldenen Rausch. Public Viewing, Fanmeilen, TV-Werbung: alles kommt plötzlich patriotisch daher. Ob die Mannschaft mitreißend oder mittelmäßig kickt, sie im 4-4-2- oder 4-2-3-1-System aufläuft, Hector oder Plattenhardt hinten links verteidigen: alles egal, solange das Team gewinnt und eine Runde weiterkommt. Im Anschluss gibt’s einen Autokorso und ein Besäufnis mit den Kumpels in der Eckkneipe.

    Ich denke abwechselnd: gut, dass mich dieses Virus nicht befallen hat oder: Boh, was bin ich schon alt und griesgrämig, dass ich mich nicht mehr so ausgelassen über ein Riesendusel-Last-Minute-Tor gegen Schweden freuen kann.

    Ist das also der neue deutsche Patriotismus? Im Abstand von 24 Monaten ein Flaggen- und Wimpelmeer, Bitburger trinken, grölen, abfeiern und am Ende entweder über den Titel jubeln oder verkatert die Scherben aufkehren? Falls ja: Ist zwar nicht meins; allerdings auf den ersten Blick nicht weiter gefährlich anmutend.

    Patriotismus: Die Römer haben ihn erfunden?

    Um den deutschen Patriotismus 4.0 zu würdigen, kann ich Ihnen einen kleinen Ausflug in die Historie leider nicht ersparen. Ich werde mich kurz fassen. Versprochen!

    Wo dieses merkwürdige Gefühl zum ersten Mal ein menschliches Herz schneller schlagen ließ, kann mit abschließender Sicherheit nicht bestimmt werden. Übersetzen wir den Begriff mit „Liebe zum Vaterland“, setzt es ein solches eigentlich zwingend voraus. Weshalb sich die Gelehrten darüber streiten, ob bereits die alten Römer – weil die ewig hungrige Wölfin ja ein Stadtstaat mit hinzu erobertem riesigen Weltreich, aber kein Land im modernen Sinne war – dem Patriotismus frönten. Da aber von den Römern erbauliche Sprüche wie „Dulce et decorum est pro patria mori“ überliefert sind, sie keinerlei Berührungsängste mit unbedingtem Glauben an den Staat, strenger Gesetzlichkeit und militärischer Unterordnung zeigten, will ich sie in meiner kleinen und ganz und gar nicht wissenschaftlichen Kolumne als Erfinder des Patriotismus ansehen. In der zweiten Hälfte des Textes benötige ich sie ohnehin noch als wichtige Bezugsgröße; weshalb es für mich praktisch ist, so zu verfahren.

    Die drei deutschen Patriotismus-Experimente endeten blutig

    Im nach-napoleonischen Deutschland, das allerdings noch gar kein Deutschland, aber auch kein Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation mehr, sondern ein bunter Flickenteppich kleiner bis hin zu winzigen Fürsten- und Herzogtümer war – von Hohenzollern und Habsburg mal abgesehen –, regte sich die damals noch zarte Pflanze des Nationalgefühls zum ersten Mal während der Märzrevolution 1848, als sich Teile des Bürgertums nach einem demokratisch verfassten Nationalstaat – in Abgrenzung zum real existierenden Feudalismus – sehnten. Das war eine kurze Episode, die bereits im Sommer 1849 blutig, weil von preußischen und österreichischen Truppen gewaltsam niedergeschlagen, endete.

    Die Neuauflage, die unsere Ururgroßelten im Nachgang zur Gründung des Zweiten Reichs im Januar 1871 erlebten, kam schon nicht mehr so bescheiden und friedlich daher. Zu „Von der Maas bis an die Memel“ gesellte sich nun: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Die Liebe zur eigenen Nation bedeutete im Umkehrschluss, dass man die Nachbarn nicht als Nachbarn, sondern als potenzielle Feinde wahrnahm. Bündnisse wurden geschmiedet, bei Bedarf auch mal gewechselt, ständige Wachsamkeit war notwendig, um nicht von einem Stärkeren gefressen zu werden. Als der Lotse Bismarck 1890 von Bord ging (genaugenommen: gegangen wurde), agierten seine Nachfolger nicht immer glücklich und häufig ohne Augenmaß. Das Reich strebte nach kontinentaler Hegemonie, sah sich bereits als Weltmacht, und die deutsche Außenpolitik verirrte sich dabei im Spannungsfeld zwischen Ost und West. Im Spätsommer 1914 waren die europäischen Mächte allesamt derart hochgerüstet, sich einander spinnefeind und nicht mehr willens, Deeskalation mittels Verhandlungen zu betreiben, dass die Urkatatastrophe des – an Katastrophen nicht armen – 20sten Jahrhunderts ihren Lauf nahm. Besoffen von Patriotismus und der Gewissheit, dass nur ein kurzer Waffengang bevorstünde, brach die deutsche Jugend singend in Richtung Schlachtfelder auf, verblutete in Flandern, an der Somme und in Tannenberg.

    Bei meinem Großvater väterlicherseits erwischte es bereits im Herbst und Winter 14 die drei älteren Brüder, Der Erste saß in einem Zeppelin, als ihn die Briten über dem Kanal abschossen, der Zweite ritt an der Marne in den ausgestreckten Säbel eines Rifkabylen hinein, während der Dritte bei Gumbinnen seinen letzten Atem aushauchte. Er selbst meldete sich 17jährig freiwillig zur Armee, kämpfte in fauligen Sümpfen irgendwo im Niemandsland zwischen Bulgarien und Makedonien gegen die Engländer, den einen Tag eine Wiese vor, den nächsten Tag dieselbe Wiese retour, handelte sich dort einen zehn Meter langen Bandwurm und Malaria ein und kehrte 1918 mehr tot als lebendig in sein Elternhaus zurück. Der Krieg hatte ihn hart gemacht. Wie so viele aus seiner Generation hielt er ne Menge von dienen und Pflichtgefühl. Jammerei war ihm ein Graus. Eine Träne in seinem Auge sah ich bloß einmal – als ich ihn an einem glutheißen Augusttag 1985 als ältester Enkel mit meinem hellblauen VW-Käfer nach Verdun chauffierte, wo wir auf einem riesigen Soldatenfriedhof mit tausenden Kreuzen vor dem Grab eines seiner Brüder standen. Drei Monate später starb mein Großvater. Der Roman Im Westen nichts Neues, den ich ihm ein paar Jahre zuvor zu Weihnachten geschenkt hatte, stand unberührt in seinem Bücherschrank.

    Die Unternehmung Patriotismus 2.0 endete mit zwanzig Millionen Toten. Der Kaiser wurde abgedankt und zog sich ins holländische Exil zum Holzhacken zurück.

    Der dritte Aufguss bescherte uns den größten Führer aller Zeiten, ein tausendjähriges Reich, Rassismus, Antisemitismus, Brutalität und staatlich organisierte Bestialität bisher ungekannten Ausmaßes und noch mehr Leichen als WK1. Damit war das Konzept Patriotismus an sein vorläufiges Ende gelangt. Niemand, der in den 50er, 60er und 70er Jahren seine fünf Sinne beisammen hatte, wollte die mühsam verschlossene Büchse der Pandora wieder öffnen. Patriotismus und Nationalismus waren in Deutschland zu eng miteinander verwoben, die Trennlinie nicht scharf genug, als dass man das Experiment freiwillig ein weiteres Mal wiederholen wollte. Für mich war Patriotismus während meiner gesamten Schulzeit (1968-81) kein Thema gewesen. Ich war Kölner, liebte den FC und die blonde Birgit aus der Klasse unter mir, jeder wohlproportionierte Frauenarsch faszinierte mich mehr als Schwarz-Rot-Gold. Die Bundesrepublik war ein kleines Land mit der beschaulichen Hauptstadt Bonn, die Staatsfahne wurde an manchen Feiertagen gehisst und flatterte in ein paar Schrebergärten. Die Nati spielte überaus erfolgreich; aber kein Kicker wäre auf die Idee gekommen, die Hymne laut mitzusingen. Man blickte ernst oder schloss die Augen, sobald die melancholische Melodie erklang. Europa lautete die Vision, Deutschland ein verstaubtes Relikt aus der Vergangenheit. Hin und wieder Gesprächsthema mit dem o.g. Großvater, der WK1 knapp überlebt hatte.

    Neu entdeckte Heimatduselei

    Da aber der Mensch wohl eine Heimat braucht, auf die er stolz sein kann, die wir in der kleinen Bundesrepublik anscheinend nicht besaßen, klopfte der Patriotismus Mitte der 80er von unten an den Sargdeckel, wollte wieder auferstehen aus dem Müllhaufen der Geschichte, auf den wir ihn 1949 geworfen hatten. 1986 entbrannte im Rahmen der als Historikerstreit bekannt gewordenen geschichtspolitischen Kontroverse, die in den Feuilletons der großen Tageszeitungen geführt wurde, eine hitzige Debatte über die Frage, ob wir als Deutsche ein neues Nationalbewusstsein benötigen. Die Fraktion um Nolte, Stürmer und Hillgruber bejahte das, während Habermas prophetisch davor warnte, dieses alleine durch Abschütteln der jüngsten Vergangenheit entwickeln zu wollen.

    Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker versuchte sich an einer positiven Deutung des bis dahin übel beleumundeten Begriffs:

    Patriotismus ist Liebe zu den Seinen; Nationalismus ist Hass auf die anderen.
    Staatsakt, Vierzig Jahre Grundgesetz, Beethovenhalle, Bonn, 24.5.1989

    Verfassungspatriotismus: Lösung oder Placebo?

    Ein schlauer Mann namens Sternberger erfand in etwa zeitgleich zur o.g. Diskussion den Verfassungspatriotismus. Was ist denn das schon wieder, wollen Sie von mir wissen. Klingt irgendwie blutleer, schieben Sie noch hinterher. Voilà, hier ist die Definition:

    Identifikation des Bürgers mit den Werten und Institutionen des demokratischen Verfassungsstaates. Über den Verfassungspatriotismus können sich die universalen Prinzipien der Menschenrechte mit nationalpatriotischen Elementen verbinden.

    Hört sich an wie Doppelkorn ohne Alkohol und wirkt sicher auch ähnlich. Also bloß bei politischen Esoterikern und Liebhabern von Vanilletee. Wir sind stolz auf unser Grundgesetz und speziell auf die darin enthaltenen (universellen) Menschenrechte. Mal abgesehen davon, dass ich – mit Ausnahme meines früheren Geschichtslehrers aus der Oberprima – niemanden kenne, der das Grundgesetz mehr als einmal im Leben in die Hand genommen hat, und 95% der Bevölkerung keinen blassen Dunst davon haben, was in den ersten zehn Artikeln – von den nachfolgenden ganz zu schweigen – überhaupt drinsteht, birgt die Allgemeingültigkeit für den aufrechten Vaterländler die Gefahr, dass er die Menschenrechte in der Konsequenz nicht nur sich und seinen Landsleuten, sondern ebenfalls Fremden – z.B. Flüchtlingen – zugestehen muss. Hier bisse sich der Patriotismus jedoch in den eigenen Hintern, wird obsolet, denn die Ausdehnung auf alle Menschen widerspricht diametral dem Vaterlandsgedanken. Verfassungspatriotismus ist mithin ein theoretisches Konstrukt, anwendbar von maximal fünf Prozent erleuchteten Philanthropen, aber ganz sicher nicht massentauglich.

    Das Volk, einmal vom Bazillus des Nationalen infiziert, will natürlich mehr: Stolz, Ruhm, Spektakel, Einzigartigkeit, Abgrenzung gegenüber Zuwanderern, um die eigene Wesensart nicht zu verwässern. Hinfort mit den dunklen Stellen der Vergangenheit, die Zeit von 33 bis 45 ein Vogelschiss, was haben wir Spätergeborenen überhaupt mit den Taten unserer Großeltern zu tun? Siege müssen her, zuerst im Sport, und später schau’n wir mal, was uns dazu noch einfällt. Weltoffen ist nett, aber bitte nicht zu viel davon. Das Erscheinungsbild auf unseren Straßen sollte schon sauber und gepflegt aussehen. Am Mittwoch wird das Treppenhaus geputzt und am Samstag das Auto gewaschen. Wer kein Schweinefleisch isst, Alkohol verschmäht und Jungs die Vorhaut abschneidet, hat in unserem schönen Land nichts zu suchen. Wir brauchen dringend eine Kanon für eine verbindliche Leitkultur, rufen Sie. Was soll da drin stehen? Nun schweigen Sie, weil Ihnen außer Bratwurst und Bitburger auch nichts Gescheites einfällt. Ja ja, Goethe und Schiller waren große Dichter und Denker. Wissen wir doch. Aber die beiden Nationalheiligen liegen nun auch schon seit zweihundert Jahren unter der Erde.

    Patriotismus ist kein Chauvinismus sagen Sie? Unsere Nachbarn machen es genauso. Warum darf ich nicht dasselbe tun wie der Franzose und der Brite, fragen Sie mich? Weil die beiden keine Weltkriege angezettelt haben, und wir ja nicht alles eins zu eins nachahmen müssen, antworte ich. Oder, um es mit einem Zitat von Maxim Biller zu sagen:

    Wer über Deutschland räsoniert, wer es intellektuell bestimmen und somit auch feiern und konstituieren will, wird jedes Mal als Brandstifter und Mörder enden.

    Muss man Patriot sein, um seine Heimat zu lieben?

    Der Hirsch ist ein übellauniger Spielverderber und hasst Deutschland, flüstern Sie nun Ihrem Nachbarn – der mit den fünf schwarz-rot-goldenen Wimpeln am VW-Passat – zu. Das stimmt zur Hälfte. Übellaunig: geschenkt. Deutschland hassen: nein. Übermäßig lieben tue ich es allerdings auch nicht. Ich mag die Gegend, in der ich wohne, recht gerne. Hin und wieder stellt sich in romantischen Momenten sogar eine Ahnung von Heimat ein, wenn ich auf den Kölner Dom oder das Siebengebirge blicke. Aber (1): ich könnte auch jederzeit woanders leben und würde mich dort nach kurzer Eingewöhnungsphase ebenfalls wohl fühlen. Aber (2): Heimat ist was Regionales, kein die gesamte Nation umspannender Gedanke. Kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Oberbayer, den es beruflich in die Lausitz verschlägt, dort Heimatgefühle entwickelt.

    An dieser Stelle bemerke ich, dass ich bereits zwei Stunden an dieser Kolumne sitze und immer noch kein Ende in Sicht ist. Ich werde deshalb ein bisschen mehr Geschwindigkeit in den Text reinbringen. Was Patriotismus ist, und wo seine historischen Keimzellen zu verorten sind, dürfte ja nun jeder Leser, so er mir überhaupt bis hierher gefolgt ist, verstanden haben.

    Von Big Macs und altrömischer virtus

    Ich will nochmal zurückkehren zu den altrömischen Wurzeln der Vaterlandsliebe. Und in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam machen, dass Patriotismus – wie die meisten Dinge, die einem kindliche Freude bereiten – zwei Seiten aufweist: Die blankgewienerte, strahlende. Partyfeiern, stolz sein, sich in der großen Welt endlich verstanden und gleichberechtigt fühlen, naiv glauben, dass wir im Konzert der Großmächte mitspielen dürfen, wir wieder wer und wichtig sind. Dann drehen wir die Münze um und betrachten die verwitterte, mit blutroter Patina überzogene Kehrseite, auf die in altertümlicher Schrift der bereits zu Anfang zitierte Spruch eingraviert steht: „Dulce et decorum est pro patria mori“. Oh weh!
    Ein wahrer Patriot fährt halt nicht nur hupend nach einem Fußballsieg durch die Stadt und beschränkt sich darauf, eine Flagge im Vorgarten aufzustellen und laut die Hymne mitzusingen. Das reicht nicht. Im Verteidigungsfall eilt ein Patriot freudig zu den Waffen und kämpft für sein Vaterland. Meine beiden Großväter wussten das noch und handelten entsprechend. Ob der heutigen Spaßpatriotismus-Generation klar ist, dass man als Patriot im Ernstfall auch sterben kann?

    Fernau macht in diesem Zusammenhang in seinem unterhaltsamen Buch Cäsar lässt grüßen – die Geschichte der Römer auf die Virtus aufmerksam. Dieses mythenbehaftete Wort lässt sich übersetzen mit: Tugend, Stolz, Mannhaftigkeit, Selbstdisziplin, ständige Identifizierung des einzelnen mit dem Staat. Und er beklagt bereits Anfang der 70er, dass es diesen Menschenschlag in Westeuropa nicht mehr gibt. Für ihn sind wir verweichlicht. Das wollen Sie nicht glauben?  Folgen Sie mir bitte an einem Hochsommernachmittag in eine Fußgängerzone in einer x-beliebigen deutschen Stadt. Was sehen Sie dort?

    Zu fünfzig Prozent übergewichtige, kurzatmige, geschmacklos gekleidete, immerzu auf das Smartphone starrende Bürger beiderlei Geschlechts, über sämtliche Altersgruppen verteilt. Alle im Konsumrausch und auf ständiger Nahrungssuche. Sagen Sie mal einem von denen: »Heute gibt es nichts zu essen.« Er/ sie wird Sie zuerst fassungslos anschauen und dann in Tränen ausbrechen. Die alten Römer konnten locker drei Tage ohne Big Macs, Bounty-Eis und Cherry Coke auskommen, sie schliefen auf dem harten Boden, benötigten für ihren Stuhlgang keine beheizten Klobrillen und kein Dulcolax, und Sex funktionierte bei ihnen jederzeit ohne Viagra. Sobald der Senat sie zu Wurfspieß und Kurzschwert rief, ließen sie alles stehen und liegen und zogen in die Schlacht. Sie gewannen oft, verloren jedoch auch häufig. Es gab immer viele Tote zu betrauern. Man opferte sich und seine Söhne gerne fürs Vaterland.

    Das ist kein Plädoyer für den altrömischen Patriotismus; verstehen Sie mich jetzt bloß nicht falsch. Die Wölfin war grausam, verschlagen und gierig. Aber: die Bürger – zumindest gilt das für die Phase der Republik – waren so erzogen worden, dass Krieg, Entbehrungen und Tod auf sie keinen größeren Schrecken ausübten als der Verlust der SIM-Karte für den modernen Kevin-Normalverbraucher. Unsere komplett individualisierte und verzärtelte Gesellschaft ist derart weit entfernt von diesem Aspekt des Patriotismus, dass es beinahe schon lächerlich wirkt, ihn nun ein viertes Mal aus seinem Grab wieder auferstehen lassen zu wollen. Erkundigen Sie sich mal bei jungen Leuten, ob die freiwillig Wehr- oder Zivildienst leisten möchten. Als Reaktion werden Sie verständnisloses Kopfschütteln und ein, »Nimm dir ne Wurst vom Grill«, ernten.

    Deutschlands Zukunft liegt in Europa

    Vaterlands-Heroismus wirkt sexy auf junge Nationen und Mel Gibson in Der Patriot. Für die alte Dame Bundesrepublik ist Patriotismus hingegen ein zu flotter Tanz, der nicht zu ihr passt und bei dem sie Gefahr läuft, sich gründlich zu blamieren.

    Patriotismus 4.0 ist so erstrebenswert wie ein Tripper oder eine Zahnwurzelentzündung. Braucht kein Mensch. Deutschland sollte sich auf das konzentrieren, was es von 1955 bis 2000 war: Motor der europäischen Bewegung und Stimme der politischen Vernunft in einer an den Rändern bereits zerfasernden EU. Die Vision für uns Deutsche besteht weiterhin im geeinten Europa und nicht in einem Starker-Nationalstaat-Revival.

  • Ciao Mesut!

    Ciao Mesut!

    Nein, man muss das Erdogan-Foto vom Mai nicht gutheißen, wenn man in dieser Sache Partei für Mesut Özil ergreift. Niemand – es sei denn Verwandten in der Türkei droht Ungemach, falls man sich dem Schnappschuss verweigert – ist gezwungen, sich gemeinsam mit einem Autokraten ablichten zu lassen und dem ein handsigniertes Trikot zu überreichen. Von daher war der Termin entweder notwendig – um eben Familie in der Heimat zu schützen – oder aber ein Affront gegen das demokratische Eigenbild des deutschen Fußballs oder, in der abgemilderten Variante, eine Dummheit. Die Wogen der medial angefeuerten Empörung zwischen Garmisch und Flensburg schlugen hoch, die beteiligten Spieler Özil, Gündogan und Tosun gerieten in Erklärungsnot.

    Die Vorgeschichte

    Dem DFB, in seiner Funktion als Sommer-Arbeitgeber während der Vorbereitungsphase für die Weltmeisterschaft in Russland, standen mehrere Optionen der Reaktion offen: (a) die beiden Akteure Ö und G mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendieren (b) eine überzeugende Aussage mit gegebenenfalls nachfolgender reumütiger Entschuldigung einfordern (c) die Aktion zur Privatangelegenheit der Spieler erklären. Man entschied sich für einen Hybrid: Besuch bei BP Frank-Walter Steinmeier zuzüglich kleines Statement von Gündogan. Nachhakende Journalisten wurden mit „Den Fauxpas nicht überbewerten. Wir befinden uns kurz vor dem Turnier“, abgespeist. Es galt die Devise: Augen zu und durch.

    Als nach drei mittelmäßigen und großenteils lustlos abgespulten Partien die WM für die deutsche Mannschaft bereits in der Vorrunde zu Ende war, entluden sich Volkes Zorn und Häme in voller Wucht über Özil. Anstatt den 10er – 2009 U-21 Europa- und Weltmeister 2014 – in Schutz zu nehmen, rührte kein Übungsleiter oder Funktionär auch nur den kleinen Finger, um dem einstigen Vorzeige-Integrationsschüler beizuspringen. Nach einigen Wochen der Grabesruhe dann plötzlich Bierhoff: „Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet.“. Grindel setzt noch einen drauf und fordert per Ultimatum eine tiefschürfende Erklärung vom Spieler.

    Der öffentliche Pranger

    Und hier packt mich nun die Wut. Anstatt offen und ehrlich zuzugeben, „Wir haben durch die Bank weg Fehler gemacht. Und zwar sowohl die Teamleitung als auch die Spieler“ oder alternativ weiter zu schweigen, greift man sich einen heraus, versteigt sich gar zu der Behauptung, das Londoner Treffen hätte große Unruhe ins Team hineingebracht. Was für ein Bullshit!! Als ob Kimmich, Hector und Reus nicht schlafen, essen und trainieren konnten, weil Kollege Mesut Präsident Erdogan die Hand geschüttelt hatte.

    Özil, derart in die Ecke gedrängt, hält ein paar Tage die Füße still und hämmert dann gestern eine dreiteilige Generalabrechnung in die Tastatur. Auch dieser Text ist nicht glücklich gelungen – einer meiner Facebookfreunde bezeichnete das Konvolut als Leberwurstbriefe –: viel zu lang, viel zu vieles miteinander vermischt, keinerlei Eigenkritik. Aber zwei Sätze haben es in sich: „In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren… Gibt es Kriterien, ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle?“

    Verbaler Sprengstoff – Wie lange hält sich Grindel noch?

    Das ist verbaler Sprengstoff. Eine Lunte, die, kaum dass sie angezündet wurde, bereits droht, große Teile der selbstgerechten Funktionärsriege in die Luft zu jagen. Der DFB, der gerne Werbung mit dem Motto „Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit!“ macht, liefert ausgerechnet einen türkischstämmigen Spieler ans Messer? Warum nicht Kroos, weshalb nicht Müller, wo war Hummels? Sie spielten ALLE weit unterhalb ihrer Möglichkeiten. Was war mit der veralteten Ballbesitzstrategie, die zu ermüdendem Schlafwagenfußball führte? Dauernder Veränderung der Startelfformation, Einwechslungen, die Nullkommanichts brachten, guten Stürmern, die man zu Hause ließ? Alles nebensächlich? Die alleinige Schuld fürs Scheitern trägt Özil??

    Was sich in den sozialen Medien und den Leserbriefspalten der Zeitungen über dem Gelsenkirchener an Häme entlud, kann mit einem einzigen Wort beschrieben werden: Alltagsrassismus. Auch ich habe ihn ab und an als Schönwetterspieler tituliert, der in engen Matches gerne abtaucht, die Ärmel nicht hochkrempelt, sich auf seinem unbestreitbaren Talent ausruht. Aber: dasselbe gilt für Kroos. Letztlich gilt es für die gesamte Generation der Nivea- und Nutellakicker. Und dass es diesen stromlinienförmigen Spielertypus gibt – dafür trägt der DFB die Verantwortung.

    Der Fußballforen- und Facebook-Lynchmob schießt sich auf einen – von insgesamt 23 – Akteuren ein und niemand aus der Führungsriege springt ihm bei. Bierhoff und Grindel gießen zusätzlich Öl ins Feuer, geben Özil somit zum Abschuss frei, der um seinen Job bangende Bundestrainer hält sich bedeckt. Das ist erbärmlich.

    Jetzt hat sich der Verband die – vorhersehbare und unnötige – Diskussion „Wie Ernst ist es dir mit dem Kampf gegen den Rassismus?“ ins Haus geholt. Weil der Manager seinen eigenen Hintern aus der Schusslinie bringen will und der Oberfunktionär lieber eitle Pressekonferenzen abhält, statt das persönliche Gespräch mit dem Spieler zu suchen. Grindel und Bierhoff zerdeppern in Rekordzeit, was tausende Vereine in Jahren aufgebaut haben: Fußball als Integrationsprojekt für Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien.

    Und deshalb müssen auf Özil nun schnell die beiden Brandstifter folgen, will der DFB glaubwürdig bleiben. In der Hoffnung, dass endlich ein Profi auf dem Chefsessel des größten Sportverbands der Welt Platz nimmt. Jemand, der Krisenmanagement beherrscht und der im Sinne der Gleichberechtigung ebenfalls Matthäus zur Ordnung ruft, sobald sich der Ehrenspielführer bei Putin einschleimt. Jemand, der sich kritisch zu Austragungsorten wie Katar äußert und der es nicht lustig findet, wenn Beckenbauer behauptet, auf den dortigen Baustellen keine Sklaven gesehen zu haben. Es ist elende Doppelmoral, an Özil ein Exempel zu statuieren und in anderen, ähnlich gelagerten Fällen, inaktiv zu bleiben.

    Ciao Mesut!

    Dem scheidenden Mittelfeldstrategen rufe ich ein wehmütiges „Ciao Mesut!“ hinterher. „Du hast uns ne Menge schöner Momente beschert“. Bester 10er seit Uwe Bein, der im linken kleinen Zeh mehr Ballgefühl besitzt als die meisten seiner Kollegen in zwei Füßen. Mögest du in Zukunft besser beraten werden, dich von Erdogan-Terminen fernhalten und im Herbst deiner Karriere nochmal Erfolge mit Arsenal feiern. Der deutsche Fußball verliert mit dir einen seiner wenigen Künstler.

  • Trolle sind auch nur Idioten

    Trolle sind auch nur Idioten

    »Trolle sind genauso übel wie Katzenbilder«, sagt Jupp, als wir uns zufällig mal wieder beim Einkaufen an der Käsetheke im Supermarkt über den Weg laufen. »Habe deshalb mein Konto in Facebook deaktiviert.«
    »So schlimm?«, frage ich.
    »Ja! Habe jetzt mehr Zeit für andere Dinge, und meine Nerven werden weniger strapaziert«, antwortet mein alter Schulkumpel und entscheidet sich für 250gr Brie.

    Auf der Fahrt zurück nach Hause überlege ich, ob mich die Trolle tatsächlich stören. Also auf die Nüsse können sie einem hin und wieder tatsächlich gehen – aber deshalb gleich den Account löschen?

    Zur Etymologie eines alten Begriffs in neuem Gewand

    Der Troll entstammt der nordischen Sagenwelt und bezeichnet dort ein koboldartiges Wesen. Muss aber nicht unbedingt klein und unsichtbar sein. Gibt ebenfalls ungeschlachte Riesentrolle, die man zu jeder Tageszeit und aus der Ferne gut erkennt. Einige sind richtig hässlich, bei anderen würde eine minimalinvasive Schönheits-OP helfen. Manche verwandeln sich in Steine, der überwiegende Teil dieser Fabelwesen tut es jedoch nicht. Wenn man sie sich als Kreuzung zwischen dem Grinch, Shrek und Frankenstein vorstellt, ist man auf der sicheren Seite. Wissenschaftler würden das als (zu) laienhafte Beschreibung ansehen; aber die Wissenschaft vom Troll steckt eh noch in den Kinderschuhen.

    Eng verwandt mit dem Hauptwort Troll ist das Verb trollen: umhergehen, rollen. Über den angelsächsischen Umweg „trolling with bait“, was „mit einem Schleppnetz fischen“ bedeutet, gelangte der Begriff Anfang der 90er in die digitale Welt. Ein Troll wirft einen (vergifteten) Köder aus und wartet ab, wie die anderen User darauf reagieren bzw. ob sie sich in seinem Netz verheddern. Eine vor dem Auftauchen des Störenfrieds in ruhigem Fahrwasser ablaufende Diskussion wird also mittels Provokation langsam aufgeheizt, bis sich die Teilnehmer in Unsachlichkeit und gegenseitigen Beschimpfungen verlieren. Ist der Thread ein paar Stunden später völlig entgleist, freut sich der Troll.

    Vier Typen

    Ich unterscheide grob vier Typen von digitalen Schwachköpfen:

    (1) Der gemeine mitteleuropäische Vor-/ Kleinstadttroll
    Ihn trifft man häufig, wenn man in sozialen Foren unterwegs ist. Schmückt sich mit Namen wie Horsti, der blonde Korsar, Dortmunder Wachsbirne, Didi, die Wunderbiene oder Arbeitslosundglücklichdabei. In ständiger Alarmbereitschaft, attackiert sofort. Bringt selten Neues, drischt Uraltphrasen, zeigt große Schwierigkeiten bei der Einwandbehandlung. Vergleichbar einem Dämon der vierten Kategorie, wie man sie aus Ghost Busters kennt. Man erschrickt ein bisschen, wenn er plötzlich auftaucht, richtet dann sein verbales Gewehr auf ihn, sieht zu, wie er vor Wut zerplatzt und kann eine Wette drauf abschließen, dass gleich die nächste hässliche Fratze aus dem schier unerschöpflichen Facebook-Idioten-Tümpel hervorquillt. Besonderes Merkmal dieser Gruppe: Sie tun’s gerne gemeinsam oder: Ein Vorstadttroll kommt selten alleine. Durch digitale Präsenz soll eine Mehrheit suggeriert werden, wo im realen Leben gar keine Mehrheit ist. Lästig, aber nicht bedrohlich. Dafür fehlt ihnen schlichtweg die Intelligenz.

    (2) Der Joker
    Achtung: ein Großmeister! Beherrscht die Kunst der gepflegten Provokation aus dem Effeff. Nicks wie Deep Throat oder Dirty Harry weisen darauf hin, dass Sie es gleich mit einem langjährig geübten Profiprovokateur zu tun bekommen. Bespielt die gesamte Klaviatur. Kennt von freundlich, schmeicheln, über witzig, sticheln bis hin zu falsche Fährten legen und desavouieren jeden Kniff. Hat eine feine Nase dafür, wen er aus der normalen Kommentatorenschaft herauslösen und ebenfalls gegen den Autor in Stellung bringen kann; bis sich der Thread irgendwann giftgrün verfärbt, jeder mit jedem streitet, ihn der Inhaber schließlich entnervt auf stumm schaltet. Arbeitet zumeist alleine. Ein Solist, der sich zwar hin und wieder der gemeinen Trolle bedient, sie aber wegen ihrer traurigen Dämlichkeit insgeheim verachtet. Da vom Joker durchaus neue Argumente vorgebracht werden, kann es mitunter lohnen, ihn an der Diskussion teilhaben zu lassen. Ein waches Auge muss man trotzdem IMMER auf ihn haben.

    (3) Der Cybermobber
    Ihm geht es nicht ums Thema – er hasst den Verfasser aus ganzem Herzen. Sobald der Name des Autors irgendwo aufpoppt, sieht er automatisch Rot und zieht sofort verbal blank. Wird schnell beleidigend, was eigentlich vorteilhaft wäre, weil er in diesem Fall die Netiquette verletzt und umgehend aus einer gut moderierten Diskussion rausfliegt. Da aber die meisten Threads in Facebook lausig bis hin zu überhaupt nicht moderiert werden, muss man als 08/15-Kommentator eben auch mit solch schlecht erzogenen Zeitgenossen klarkommen. Bzw. ihnen ein fröhliches „Selbst Caligula zeigte mit seinem Pferd bessere Manieren als Sie hier“ zurufen, bevor man sich aus dem Thread ausklinkt. Cybermobber sind digitale Pitbulls und bilden die unterste Kaste innerhalb der Trollfamilie.

    (4) Der organisierte Fake-News-Verbreiter
    Kann von einem rechten Netzwerk aus agieren oder in einer Desinformationsabteilung des FSB tätig sein. Operieren häufig mit auf den ersten Blick normal anmutenden Namen. Wer kommt schon gleich darauf, dass sich hinter der 43jährigen Emma Schneidbereit, Tierschützerin aus Tübingen, die Germanistikstudentin Larissa Golubew aus St. Petersburg verbirgt, die in den Sommerferien für den russischen Propagandakanal jobbt? Nicht jeder Nazi tut uns den Gefallen und kreuzt mit Pseudonymen wie Thor_der_Zerstörer oder Wotanforever durch die Online-Welt. Normalerweise erkennt man sie nach einigen Minuten jedoch an ihrer kruden Beweisführung oder den Versuchen, die Diskussion vom Ausgangsthema weg auf anderes Terrain zu führen. Sollte man unsicher sein, lohnt ein Blick in die Profile. Spätestens nach dem dritten dort verlinkten AfD-Video weiß man Bescheid, welchem Typ Kommentator man hier gegenübersteht.

    Alle vier Untergruppen kennen den Filibuster und wenden diese – aus dem alten Rom über den US-Senat in die Moderne hinübergerettete – Technik der Ermüdungsrede obsessiv an. So lange posten, bis der Gegner entkräftet über der Tastatur zusammenbricht. Habe Trolle erlebt, die luden ihre Reaktion auf meine Antwort schon hoch, bevor ich meine Antwort zu Ende getippt hatte. Als ob sie meine Gedanken lesen könnten. Oft sind es zwar Paste-& Copy-Phrasen, die sie einstellen – was die Schnelligkeit erklärt – trotzdem mitunter beängstigend, wie hartnäckig sie am Ball bzw. am verbalen Kontrahenten dranbleiben. Hyänen und Kojoten sind im Vergleich nette Lebewesen.

    Trolle hängen gerne Verschwörungstheorien an: BRD GmbH, Chemtrails, Reptiloide, Osama bin Laden lebt und wohnt im Keller des Kanzleramts, Siri bereitet die Apokalypse vor. Beliebt sind ebenfalls: Wir werden alle seit Jahrzehnten durch unsere Regierung (besonders von der Merkel-Administration) und die von ihr gelenkte Presse belogen sowie: Die Flüchtlingsströme sind gesteuert und dienen einzig dem Zweck, die europäische Kultur aufzulösen und eine globale Einheitsrasse zu schaffen … Aber: es gibt auch völlig unpolitische Cyberwichte.

    Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym?

    Während ich lange Zeit annahm, ein Troll sei ein untersetzter, leicht reizbarer, männlicher, ü50-jähriger, schlecht rasierter, bereits zum Frühstück Bier trinkender, im Unterhemd vor dem PC sitzender ALG2-Bezieher, der seine Wut über die Ungerechtigkeit der Welt mit stündlich zunehmender Übellaunigkeit in die Tasten hämmert, geriet dieses Bild vor einigen Jahren ins Wanken, als ich in einer Impfdiskussion einem Cyberkobold namens BorisdieFönwelle begegnete, der im Verlauf der Debatte sämtliche Register der Falschinformation und Ad-Hominem-Argumentation zog, bis wir uns nach zwei Stunden erschöpft auf die Schlussformel „We agree to disagree“ einigten. Bass erstaunt war ich, als er mir einige Tage später via Messenger mitteilte, dass er bzw. sie im realen Leben Maria X. heiße, 40 Jahre alt & glücklich verheiratete Mutter mit zwei Kindern sei, als Teilzeit-Fotomodell arbeite und bereits seit geraumer Zeit mit mir in Facebook befreundet ist.
    „Warum tust du das?“, fragte ich.
    „Weil es mir ab und an Spaß macht, unter falschem Namen rumzutrollen. Das Thema ist dabei völlig egal. Hauptsache, den Thread aufmischen“, schrieb sie zurück.

    Meine Annahme, elektronische Schwachköpfe seien vor allem frustrierte XY-chromosomige Hartz4er, war somit offensichtlich falsch gewesen. Hinter Fantasienamen wie BorisdieFönwelle können sich durchaus attraktive Frauen verbergen. Vielleicht kenne ich einige meiner Lieblingstrolle sogar persönlich aus Schule, Studium, Berufsleben oder wohne mit ihnen in derselben Straße? Wer weiß das schon so genau im Internetzeitalter?

    Vor meinem geistigen Auge entstehen Schulungsmaßnahmen und Seminarangebote: „In zwölf Stunden vom Durchschnittsuser zum Powertroll. Wie Sie es garantiert schaffen, binnen weniger Minuten jede seriöse Unterhaltung zu sprengen.“

    Großraumbüros, in denen 400-Euro-Trolle dicht an dicht gedrängt fertige Textbausteine mit Falschnachrichten in den digitalen Äther versenden. Bezahlte Pöbeleien im Akkord.

    Zu weit hergeholt, meine Fantasie ginge mal wieder mit mir durch, meinen Sie?
    Sie nutzen Facebook nicht, antworte ich.

    Was treibt den Troll an?

    Mit der Psyche des Trolls beschäftigte sich im Jahre 2014 eine kanadische Studie, in der Wissenschaftler der Universität Manitoba 1200 Personen zu ihrem Verhalten im Internet befragten.

    Heraus kam – wenig verwunderlich –, dass der Großteil der Trolle ohne erkennbares Ziel trollt. Also primär das Trollen selbst als befriedigende Aktivität im Vordergrund steht. Was dem einen sein realer Orgasmus, ist dem Zweiten der abendliche Joint und dem Dritten das nächtliche Online-Pöbeln.

    Die Studie fasst das Wesen des gemeinen Vorstadt-Trolls wie folgt zusammen:
    ▪ Wird von Gefühlskälte, Selbstgerechtigkeit und Egoismus getrieben
    ▪ Ist in seiner dunklen Triade gefangen: Machiavellismus – also die Eigenschaft, persönliche Machtinteressen über die des Gemeinwohls zu stellen –, Psychopathie und Narzissmus
    -> Sadisten trollen, weil sie es genießen.

    Ob Trolle beim Pöbeln gleichzeitig onanieren, wurde bedauerlicherweise nicht in Erfahrung gebracht.

    Sinnvolle Gegenmaßnahmen

    »Oh mein Gott, so viele Trolle unterwegs. Wie kann man sich gegen die schützen?«, wollen Sie nun von mir wissen.

    Es gilt nach wie vor die einfache Regel: „Don’t feed him!“ Was nichts anderes bedeutet als: so lange ignorieren, bis es ihm langweilig wird, und er ein Profil weiterzieht. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn sich ALLE Diskussionsteilnehmer daran halten. Schert einer aus und reagiert auf den Provokateur, hat der ein Einfallstor gefunden und versprüht nun munter seine Halbwahrheiten im Thread.

    Man kann ihn blockieren. Was erfahrungsgemäß nur kurzzeitig nützt. Denn der verstoßene Blonde Korsar kehrt ein paar Stunden später als Horsti zurück und wütet schlimmer als zuvor. Merke: Trolle besitzen immer mehrere Accounts. Hin und wieder spielen sie sogar Ping Pong mit ihren Scheinidentitäten und antworten sich selbst.

    Sich kurzfassen: „Danke für Ihren Hinweis. Hat aber nichts mit dem Ausgangsthema zu tun“. Manchmal klappt das. Eine Garantie, dass der Troll den dezenten Wink versteht und sich vom Acker macht, gibt’s allerdings nicht.

    Selber die infizierte Unterhaltung verlassen. Schont zwar die Nerven; man überlässt das Spielfeld in diesem Fall allerdings dem Störenfried.

    Aaron Huertas zieht in seinem Aufsatz Constructively dealing with trolls in science communication folgende Analogie:

    Mit einem Troll zu argumentieren, ist wie ein Ringkampf mit einem Schwein. Beide werden dreckig und dem Schwein macht es Spaß.

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Einen Sonderfall stellen Diskussionen in Fußballforen dar, in denen es zum guten Ton gehört, sich gegenseitig zu beschimpfen, sobald man feststellt, dass der Gegenüber Bielefelder und kein Kölner oder Dortmunder und kein Bayer ist. Ich lese mir die Kommis an den Spieltagen gerne durch. Sie sind ein ewiger Quell für kreative Beleidigungen, die ich so noch nie gehört habe. Kann man als Autor ne Menge Inspirationen für die Dialoge seiner Romanfiguren drin aufspüren.

    Fazit oder: Wo ein Kolumnist ist, bleibt der Troll nicht lange fern

    Der Troll ist ein digitales Phänomen und hat sich binnen weniger Jahre sowohl zu einer Massenplage als auch zu einem Geschäftsmodell entwickelt. Je mehr die „seriöse“ Politik auf Fake News setzt, desto ungenierter argumentieren die Cyberkobolde. Manche sind von der Richtigkeit ihres Schwachsinns überzeugt, andere tun es aus der bloßen Lust am Provozieren heraus.

    Von daher bleiben unterm Strich nur zwei Strategien, ihnen zu begegnen. Man:
    (1) wählt – wie mein Kumpel Jupp – die Exit-Option. Verlässt also die digitale Kampfarena
    oder
    (2) akzeptiert, dass Trolle unabänderlich zum Internet dazugehören wie Schmeißfliegen zu einem frischen Haufen Kuhscheiße. Ignoriert sie, hält argumentativ dagegen, trollt mit ihnen ein paar Minuten rum, beschimpft sie oder tut was anderes, wonach einem gerade der Sinn steht, sobald einem mal wieder einer dieser digitalen Psychopathen über den Weg läuft.

    Am wichtigsten von allen ist jedoch diese Eigenschaft: die Provokation nicht allzu Ernst nehmen. Denn: Ein Troll ist letztlich auch nur ein Idiot. Und mit dem würden Sie im realen Leben keine drei Sätze wechseln. Weshalb es also in Facebook tun?

  • Nach der WM ist vor der EM

    Nach der WM ist vor der EM

    „Nie war mir eine WM egaler als diese“, könnte mein Motto für das heute zu Ende gegangene Mammutturnier in Russland lauten. 32 Mannschaften, acht Vorrundengruppen, 64 Spiele, und ich habe mir davon maximal 25 Prozent reingezogen. Das war 2014 noch ganz anders gewesen: von den ebenfalls 64 Matches hatte ich ganze drei, aufgrund von Spontanschlaf vor dem TV-Gerät, verpasst. Ich weiß auch nicht so genau, woran es dieses Mal lag, dass mich das Fußballfieber nicht derart packte wie vor vier Jahren: am frühen Aus der deutschen Mannschaft, an der seit Jahren stattfindenden Übersättigung mit der Materie, meinem kaum noch zu unterdrückenden Widerwillen gegen die Hyperkommerzialisierung des Events oder den Kopfschmerzen, weil ich wochenlang all die hässlichen Deutschlanddevotionalien erblicken musste, die meinen Sinn für Ästhetik beleidigen. Wahrscheinlich ein Mix aus den vier aufgezählten Gründen, der mir in diesem Sommer den kindlichen Spaß am Rasenballsport verleidete und mich alternativ lieber Filme in Amazon und Netflix anschauen ließen.

    Allez les Bleus!

    Frankreich ist Weltmeister. Ein bisschen glücklich mit einem erschauspielerten Freistoß und einem geschenkten Elfmeter und zugegebenermaßen vom Ergebnis her zu hoch. Die Kroaten waren bis zum Schluss nah dran. Wäre irgendwann um die 80ste herum das 3 zu 4 gefallen, hätte ich der Überraschungself sogar Verlängerung und Sieg zugetraut. So bleibt es dabei: den Titel holt am Ende immer einer der Großen. Der letzte Kleine war Uruguay im Jahr 1950. Seitdem dominieren die Länder mit den starken und zahlungskräftigen Ligen das Turnier (okay, okay: Brasilien ist jetzt nicht so reich wie Spanien, Italien oder Deutschland. Aber es ist eben Brasilien). Didier Deschamps tritt in die Fußstapfen Beckenbauers und Zagallos: Weltmeister sowohl als Spieler als auch als Trainer. Verordnete der L‘Équipe Tricolore eine defensive Grundausrichtung bei gleichzeitig pfeilschnell vorgetragenen Kontern durch die beiden Spitzen Griezmann und Mbappé. Das reichte für Tabellenplatz 1 in der Vorrunde, war das richtige Konzept im superspannenden und auf Messers Schneide balancierenden Achtelfinale gegen Argentinien und ließ die Les Bleus im Anschluss über Uruguay und die als Geheimfavorit eingestuften Belgier triumphieren. Kroatiens Weg war steiniger: zweimal Elfmeterschießen und ein Sieg in der Nachspielzeit gegen England. Das kostete ne Menge Kraft. Zudem ein Tag weniger Ruhepause als der Wettbewerber. Von schwachen Beinen sah man trotzdem nichts im Finale. Die Kicker vom Balkan scheinen zwei Lungen zu besitzen und über ein nie verzagendes Kämpferherz zu verfügen. Selten eine Mannschaft gesehen, die sich so reinwirft und bis zur letzten Sekunde fightet. Die beiden letztgenannten Fähigkeiten galten übrigens früher als typisch deutsche Tugenden. Lang ist’s her.

    Glückwunsch an Frankreich zum zweiten Titel!

    Bei keiner WM lag ich mit meinen Tipps so daneben wie bei dieser. Sowohl im Büro als auch im Bekanntenkreis jeweils Letzter im Tableau geworden. Und das mir, der ich die Spiele seit 1970 schaue und bis vor kurzem noch ehrfurchtsvoll als Orakel vom Mittelrhein bezeichnet wurde. Aber wer prognostiziert schon allen Ernstes, dass Japan gegen Kolumbien gewinnt, der Iran den hochgelobten Portugiesen ein Unentschieden abtrotzt oder Schweden die Mexikaner 3 zu 0 weghaut? Kroatien im Finale – kann man als Hochrisikospekulation natürlich abgeben; aber alte Männer wie ich tun das nicht, sondern vertrauen lieber auf Argentinien, Brasilien und Spanien. Alle drei allerdings auch nicht viel erfolgreicher bei diesem Turnier als das deutsche Team gewesen. Wobei sie schöneren und vor allem einsatzfreudigeren Fußball zelebrierten und nur haarscharf stolperten.

    Aus deutscher Sicht: Turnier des Grauens

    Deutschland hingegen hat die schlechteste WM aller Zeiten gespielt. Als bisheriger Tiefpunkt galt das Ausscheiden im Achtelfinale 1938 gegen die Schweiz. Seitdem war die Runde der letzten 8 das Minimalziel, das erreicht werden musste. 4x der Titel, 4x Vize, 3x Dritter. Die Liste der Triumphe ist lang. Vorzeitige Heimreisen bedeuteten zumeist auch die gleichzeitige Auflösung des Trainervertrags. Weil entweder der Übungsleiter von sich aus einsah, dass er mit seinen Motivationskünsten am Ende war, oder die DFB-Oberen ihn sanft nach draußen bugsierten. Dieses Mal ist alles anders: Der Nivea-Coach glaubt, (nahezu) alles richtig gemacht zu haben, der Manager – der im Falle des Rauswurfs seines wichtigsten Angestellten ebenfalls die Koffer packen müsste – stärkt ihm den Rücken, und die Funktionäre aus der Frankfurter Zentrale haben sich verzockt; keinen Plan B in der Tasche, sodass sie wider besseren Wissens am abgehalfterten Duo Bierhoff & Löw festhalten. Die Satzhülse „In schwierigen Zeiten machen wir uns nicht einfach aus dem Staub“ bedeutet übersetzt nichts anderes als: „Wir möchten unsere gut bezahlten Jobs gerne weiter behalten, weil wir so schnell keine lukrative Anschlussbeschäftigung finden werden“. Das Nicht-Reinemachen wird sich bereits im Herbst bitter rächen, wenn das mittelmäßige deutsche Team in der Nations League – ein neues Turnier im ständig weiter aufgeblähten UEFA-Kalender – auf die Hochkaräter Frankreich und Niederlande trifft und sich dabei saftige Packungen einfängt. Spätestens dann eröffnet die Presse das Feuer auf den Trainer, in dessen Flammen und dilettantischen Löschversuchen sich ebenfalls Manager und Präsident üble Brandwunden zuziehen werden. Völlig zu Recht. Wer zu lange zögert, den entsorgt der Boulevard.

    Die Defizite waren offensichtlich: unfitte Spieler, Gruppenbildung innerhalb der Mannschaft, veraltete Taktik auf dem Platz, ermüdender Schlafwagen-Ballbesitz-Fußball, hunderte – zu nichts führende – Querpässe im Mittelfeld, keine Alphatypen dabei, gute Stürmer gar nicht erst mitgenommen, sondern zu Hause gelassen, vogelwilde Defensive, kein Aufbäumen gegen drohende Niederlagen, die Akteure spulten ein Minimalprogramm ab. Schablonenfußball, der dem Auge wehtat. Und: An den Spielern alleine lag es nicht. Da waren einige Weltklasseleute dabei: Kroos, Boateng, Özil, Neuer. In ihren Vereinen fest gesetzt, die das Kicken sicher nicht mit der Ankunft in Moskau verlernt hatten. Es schien mir primär ein Problem mangelnder Inspiration und Motivation zu sein. Kombiniert mit komischen taktischen Entscheidungen und einer von Match zu Match anders zusammengewürfelten Startelf. Für sowas ist nun mal der Coach zuständig und, falls es nicht hinhaut, in der Konsequenz auch verantwortlich. Weshalb es abenteuerlich anmutet, dass ausgerechnet der Mann, der die aktuelle Misere verschuldet hat, nun ankündigt, er wolle das System grundlegend reformieren. Dafür hatte er doch seit der EM 16 – die ja aus deutscher Sicht ebenfalls nicht richtig rund lief – zwei Jahre Zeit gehabt. Und jetzt weitere sechs? Oh weh! Wobei Löw nach der Gruppenphase der Nations League eh Vergangenheit sein wird.

    Das unselige Foto in London

    Man kann die Geschichte dieser WM nicht schreiben, ohne auf die unglückliche Causa Özil/ Gündogan/ Tosun/ Erdogan einzugehen. Ein Foto aus dem Mai, in dem sich vier lächelnde Männer gegenseitig umarmen und handsignierte Trikots überreichen. Aufgenommen in London anlässlich eines (spontan arrangierten?) Treffens mit dem türkischen Staatschef. Ein Bild, das die deutsche Fußballwelt für einige Tage in ihren demokratischen Grundfesten erschütterte. Kein Außenstehender weiß bis heute so genau, was die beiden Spieler dazu bewegte, dem türkischen Autokraten die Hand zu schütteln und ihn mit „Mein Präsident“ anzuhimmeln. Waren es Verwandte in der Heimat, die es zu schützen galt, war es Eitelkeit oder doch nur Dummheit, oder bewundern die beiden gar den AKP-Vorsitzenden? Das Ganze fällt in die Rubrik: Dinge, die man besser nicht gemacht hätte. Passiert, dumm gelaufen, Shitstorm ertragen, Augen schließen, Ohren zuhalten, eine kleine Erklärung dazu abgeben und danach ins Trainingslager nach Südtirol aufbrechen. Kann man als DFB so akzeptieren oder es eben auch nicht tun. Soll heißen: vernünftiges Krisenmanagement wäre es gewesen, die beiden entweder sofort auszuladen oder von ihnen eine sattelfeste Entschuldigung zu verlangen. Im Falle der zweiten Möglichkeit hätte es danach aber auch wieder gut sein müssen. Ein Foto mit dem türkischen Staatsoberhaupt stellt ja kein Kapitalverbrechen dar.

    Aber der DFB wählte keine der beiden oben genannten Varianten. Stattdessen wurde das Thema kleingeredet, nachhakende Journalisten mit „Schwamm drüber, alles halb so wild“ vertröstet. Die Pfiffe beim Testspiel in Leverkusen zeigten jedoch, dass die Fans mit dieser wachsweichen Vorgehensweise nicht zufrieden waren. Das setzte sich fort mit der unsäglichen Diskussion, dass Özil die Hymne nicht mitsingt, er in engen Matches einfach abtaucht, nicht genug Einsatz für Deutschland zeigt, im Herzen eben ein Türke geblieben sei. Und niemand stellte sich schützend vor ihn. Stattdessen ließ der Verband, der sich gerne mit dem Spruch „Gib Rassismus keine Chance!“ präsentiert, unwidersprochen zu, dass sein einstiger Vorzeige-Integrationsschüler im Boulevard und in den sozialen Medien tagein, tagaus mit Dreck beworfen wurde. Und um dem Ganzen noch die Krone der Peinlichkeit aufzusetzen, schwadroniert Bierhoff 14 Tage nach dem blamablen Aus als Letzter der Vorrundengruppe F darüber, dass es nicht hilfreich gewesen sei, was Özil und Gündogan sich geleistet hätten, ihre Londoner Aktion große Unruhe ins Team hineinbrachte. Man mehr Integrationswillen von ihnen, speziell Özil, verlangen dürfte.

    WAS?? Das fällt ihm nach wochenlangem Schweigen erst jetzt ein? Warum wurde die Angelegenheit nicht im Vorfeld geklärt? Was für ein fadenscheiniges Ablenken vom eigenen Unvermögen! Was für eine ungenügende Ursachenanalyse. Als ob das Erdogan-Foto nun Reus, Kimmich oder Hector um den Schlaf gebracht hätte. Komplette Nonsensbehauptung eines Managers, der das Team ohnehin schon seit langem nicht mehr unter sportlichen Gesichtspunkten, sondern bloß noch als Gewinnmaximierungsverein betrachtet. Özil besitzt im kleinen Zeh, selbst wenn der verstaucht ist, mehr Ballgefühl als der Großteil seiner Mannschaftskollegen in beiden Beinen. War Dreh- und Angelpunkt der Siegertruppe von Rio. Es ist hochgradig unfair und ein Zeichen schwacher Führung, ausgerechnet ihn als Sündenbock für das Kollektivversagen herauszupicken. Weniger Bierhoffs und mehr Özils täten dem deutschen Fußball gut. Dass der farblose Oberfunktionär Grindel kurz danach ins selbe Horn stieß, lässt allerdings kein gutes Ende erahnen.

    Noch 699 Tage bis zur EM

    Die WM ist nach 32 Tagen endlich vorüber. Ob sie nun das beste Turnier aller Zeiten war, wie FIFA-Präsident Infantino im Überschwang der Gefühle und in Vorfreude des in Kürze bevorstehenden Kassensturzes behauptet, sei mal dahingestellt. Ich habe auf jeden Fall einige hochklassige uns spannende Partien gesehen, von denen mir insbesondere Spanien-Portugal, Frankreich-Argentinien, Uruguay-Portugal und die beiden Halbfinals in Erinnerung bleiben werden.

    Jetzt werde ich drei Wochen lang keinen Ball mehr anschauen und mich innerlich auf die Anfang August schon wieder startende neue Saison vorbereiten. Mit meinem FC in Liga 2, wo Partien gegen Bielefeld, Heidenheim und Sandhausen auf uns Kölner warten. Und zwar nicht nur am Wochenende, sondern ebenfalls am Montagabend. Dienstag und Mittwoch gefolgt von der CL, am Donnerstag dann Europa League. Der Fußball der Moderne als 24/7 Dauerspektakel und Umsatzoptimierungsmaschine.

    Noch 699 Tage bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels der EM 2020. Mit einem bis dahin hoffentlich jungen, unverbrauchtem Team, einem Trainer, der taktisch auf der Höhe der Zeit ist, weniger Nutella & Nivea, und einer Führungsspitze, die ihre Mitarbeiter schützt, anstatt sie der stets blutrünstigen Meute zum Fraß vorzuwerfen.

  • Zu viel Nivea, zu wenig Grasnarbe

    Zu viel Nivea, zu wenig Grasnarbe

    Ja ja, ich geb’s zu: Zuerst wollte ich als Überschrift Niveatrainer hat fertig wählen, weil das kurz und knackig klingt; fand die Headline dann aber doch eine Spur zu hart in Richtung Joachim Löw. Denn er ist als Übungsleiter zwar der Hauptverantwortliche für den sportlichen Offenbarungseid des Ausscheidens in einer einfachen Vorrundengruppe, jedoch beileibe nicht der einzige, der sich und seinen Beitrag zur aktuellen Misere des deutschen Fußballs hinterfragen muss.

    Der Unsinn, dass Weltmeister immer früh ausscheiden

    »Amtierende Weltmeister fliegen doch immer sofort raus«, sagen Sie? »Ist Spanien und Italien auch schon passiert.«
    »Mag sein«, antworte ich. »Ist aber kein unumstößliches Naturgesetz.«
    1958 erreichte das deutsche Team immerhin das kleine Finale, 1978 die zweite Runde, 1994 das VF. Brasilien wiederholte 1962 seinen Triumph von 1958. Ein Kunststück, das Italien 1934 und 38 vorgemacht hatte. England boxte sich 1970 bis ins Viertelfinale durch, wo es unglücklich gegen das deutsche Team den Kürzeren zog. Die Liste der Gegenbeispiele ließe sich mühelos verlängern. Es existiert also keine Regel, die besagt, dass der amtierende Champion vier Jahre später gar nicht erst anzureisen braucht, weil er dann eh sang- und klanglos scheitern wird. Wenn auch 1962 das bisher letzte Mal war, in der die Titelverteidigung gelang, schafften es die Weltmeister von gestern doch zumeist bis in die Runde der Top 8.

    Ein im heimischen Rasenballsport vergleichbares Desaster gab es bisher einzig bei Europameisterschaften: 2004 und 2000 jeweils Vorrundenaus. 2000 wurde aufgrund der spielerischen Defizite einiger Akteure gar der Begriff „Rumpelfußball“ erfunden. 1968 verpasste die deutsche Mannschaft die Quali für die EM, die damals allerdings noch nicht den heutigen Stellenwert besaß und als deutlich weniger prestigeträchtig als die große Schwester WM galt. Auf FIFA-Ebene spielten und kämpften sich deutsche Teams hingegen seit 1934 durchgehend zumindest bis in den Kreis der letzten 16.

    Wer nicht gut spielt, muss wenigstens leidenschaftlich kämpfen

    Das Verb „kämpfen“ bietet das Stichwort, um nun zu den augenscheinlichen Defiziten der 2018er-Mannschaft zu gelangen: gekämpft hat da keiner. Was in Ordnung geht, wenn man so gut spielt, dass der mühselige Fight Mann gegen Mann dadurch überflüssig wird. Aber auch vom bom jogo brasilianischer Prägung waren Kroos & Co. Lichtjahre entfernt. Elendes Hin- und Herpassen, ödes Kreuz- und Quergeschiebe bestimmten weite Teile der drei Matches. Die Partien wurden verwaltet statt gestaltet. Minimalismus gepaart mit Ideenlosigkeit, wo im Mittelfeld Kreativität und Risikofreude gefragt gewesen wären. Und hinten eine Abwehr, die an parallel geschaltete Schwarze Löcher erinnerte. »Für Mexiko, Schweden und Südkorea reicht das normalerweise, wenn man einen Masterplan hat«, meinen Sie? Nein, tut es nicht. Denn diese Teams, die alle drei sicher nicht der Liga der Fußballgroßmächte angehören, rennen bei globalen Turnieren um ihr Leben und verteidigen notfalls mit elf Mann im Strafraum, sprich: nehmen das Ganze ernst und erweisen der WM und ihren Fans den notwendigen Respekt. Verlieren kann man jederzeit. Davor ist keine Mannschaft gefeit. Es kommt aber immer darauf an, wie man verliert. Ob nach großem Kampf oder nach einer Ich-weiß-überhaupt-nicht-was-ich-hier-soll-Nummer. Als ich Jerome Boateng oben auf der Tribüne der Kasan-Arena entdeckte, wusste ich sofort: das wird heute nichts werden. Der Mann saß da als gelangweilter Tourist, schien nicht eine Sekunde mitzufiebern mit seinen unten planlos auf dem Rasen rumstolpernden Kollegen. War in Gedanken bereits in seinem nun halt früher beginnenden Urlaub. Einzelkämpfermentalität, wo unbedingter Teamgeist. notwendig gewesen wäre.

    Wenn ich nun höre, dass einige Spieler aufgrund früherer Triumphe wohl zu satt gewesen seien, frage ich mich, weshalb der DFB mit seinen aberhundert Experten – allen voran der Bundestrainer – dieses Negativphänomen nicht früher erkannt und rechtzeitig vor Turnierbeginn gegengesteuert hat. Was war aus dem Löwschen Mantra „bei mir spielen bloß die Besten“ geworden? Neuer und Boateng beide monatelang verletzt, Özil bei Arsenal oft zweite Wahl, der Müller früherer Tage nicht wiederzuerkennen, der ewige Gomez. Warum wurden die aufgestellt? Aufgrund vergangener Meriten? Da war Löw mit Ballack und Frings strenger. Die sortierte er unbarmherzig aus. Angeblich, weil sie von Fitness und Athletik her für Großturniere nicht mehr taugten, und man sich von Erfahrung alleine nichts kaufen kann. Wenn man dieses Kriterium zugrundelegt, hätte Khedira nicht eine Minute auf dem Rasen stehen dürfen. Der spielte ja teilweise wie mit angezogener Handbremse, und ich rieb mir ungläubig die Augen, ob das live oder doch Zeitlupe war.

    Nutellabrötchen und Niveaschleim

    Von einigen wenigen Akteuren abgesehen grenzte die Vorrundenleistung an Spielverweigerung. Bei einem Club hätte man gesagt: das Team will den Coach loswerden. Aber in der NM herrscht ja ständig Friede, Freude, Nutellabrötchen. Alles wird von einer klebrigen Niveaschleimschicht überzogen, die jede Kritik als Vaterlandsverrat einstuft und unbeantwortet von sich abtropfen lässt. Unbequeme Charaktere werden gar nicht erst in den erlauchten Kreis der nationalen Elitekicker eingeladen mit der Konsequenz, dass wir ein am Reißbrett konzipiertes Spiel serviert bekommen. Die Akteure bloß noch Erfüllungsgehilfen der Laptop-Trainer. Wehe, wenn das theoretisch erdachte System plötzlich versagt. Dann steht ein komplettes Team orientierungslos auf dem Rasen und findet sich ohne Navi dort nicht mehr zurecht. Es wird auch keiner mehr laut und treibt die anderen zu Höchstleistung an. Läuft im Moment nicht so gut? Okay, kann man halt nicht ändern. Schulterzucken, sich in sein Schicksal fügen, abhaken und die eigenen Knochen für die in ein paar Wochen startende Bundesliga schonen. Zweckrational? Ja! Aber für den Fan GRUSELIG anzuschauen. Und für die nicht optimale Kaderauswahl, die mangelnde Motivation sowie die teils vogelwild zusammengewürfelte Startaufstellung und die nicht fruchtenden Einwechslungen ist nun mal der Trainer verantwortlich. Das kann man nicht mit dem Hinweis auf das ähnliche Schicksal anderer Teams relativieren. Zumal Deutschland der einzige Hochkaräter ist, der die Vorrunde nicht überstanden hat.

    Verabschiede dich, wenn du es noch selbst in der Hand hast

    Während die Regel vom stets früh scheiternden Weltmeister offenkundiger Unsinn ist, gibt es jedoch eine zweite Gesetzmäßigkeit, die ins Auge springt – nämlich die der nachlassenden Motivationskünste von Übungsleitern, die den Zenit ihrer Schaffenskraft überschritten haben. Dem ewigen Herberger gelang nach dem 54er-Überraschungscoup kaum noch was Gescheites, weshalb er zehn Jahre später endlich von Helmut Schön beerbt wurde. Unter ihm erlebte der deutsche Fußball seine erfolgreichste Dekade, bevor 1978 ein ähnlich uninspiriertes Team wie die Versager von Kasan in der zweiten (!) Runde der WM vorzeitig die Rückreise antreten musste, und der Mann mit der Mütze seinen Hut nahm. Franz Beckenbauer war da schlauer und trat freiwillig unmittelbar nach dem 1990er Triumph zurück. Keine Ahnung, welcher missionarische Eifer Joachim Löw dazu trieb, mit dem DFB einen Endlosvertrag bis ins hohe Rentenalter zu unterzeichnen. Nach 2014 ging es auf jeden Fall mit dem deutschen Fußball nicht mehr voran, spielerische und taktische Defizite waren bereits bei der EM in Frankreich klar zu erkennen. Statt die Schwachstellen auszumerzen, das Team konsequent zu verjüngen und nicht-stromlinienförmige Spieler (Leroy Sané, Sandro Wagner) mitzunehmen, brach man lieber mit Altbewährtem zur Titelverteidigung auf und erlebte am vergangenen Mittwoch am Ufer der Wolga konsequenterweise das rasche Ende der Mission impossible. Und da es alle geahnt zu haben schienen, regte sich im Nachgang auch niemand großartig darüber auf. Betriebsunfall. Passiert eben hin und wieder. So what?

    Ob ich mich darüber aufgeregt habe? Nein. Es war schlimmer: mir war’s nahezu egal. Als alte Unke hatte ich es nach den verkorksten Testspielen kommen gesehen und die Mannschaft von vornherein für maximal VF-tauglich eingestuft. Nun waren sie halt schon in der Vorrunde ausgeschieden. Okay, aber warum soll ich als Fan mich über was ärgern, was den Großteil der Spieler anscheinend nicht großartig kratzt?

    Kommerzialisierung vergrault die Fans

    Um weiteres Unheil zu vermeiden, rate ich dazu, Herrn Löw in Würden zu verabschieden (er kann sich dann ja endlich mal an einer Clubmannschaft versuchen) und Herrn Bierhoff gleich mit dazu. Die vom Zweitgenannten ständig vorangetriebene Kommerzialisierung der Marke NM geht mir derart auf die Nüsse: sehe bloß noch Nutella, Nivea, Bitburger, Coca-Cola, Nudelsoßen, Visacard etc. etc. Sponsoren, wohin das Auge blickt. Jeder Quadratzentimeter Bande, Trikot und demnächst vermutlich auch Spielerhaut wird an den Meistbietenden verkauft bei gleichzeitigem Gefeilsche um jede Millisekunde der TV-Übertragungsrechte. Komplette Kommerzialisierung eines einstmaligen Arbeiter-Freizeitvergnügens. Wenn ich im Zusammenhang mit Fußball den Begriff Event höre, schüttelt es mich.

    Die Nationalmannschaft benötigt nicht nur dringend einen neuen Trainer, sondern ebenfalls einen Paradigmenwechsel. Weg vom geklonten Querpass-hin-und-her-Schieber, hin zum Ich-krempel-die-Ärmel-hoch-Individualisten, weg von Laptop-und-ich-halte-beim-Reden-die-Hand-vor-den-Mund-Coaches, hin zu Typen mit moderner Spielauffassung, die aber gleichzeitig berücksichtigen, dass es sich beim Fußball um eine schweißtreibende Sache handelt, bei der man hin und wieder auch Kontakt mit der Grasnarbe aufnehmen muss. Weniger Schablone und mehr Siegeswille täten dem deutschen Fußball dringend Not. Und vor allem: weg von der irrigen Idee, ein Spieler sei eine Marke, deren Wert man ständig maximieren muss. Nein, ist er nicht! Er ist ein Mensch, der gekonnt mit dem Ball umgeht und sich deshalb auf das konzentrieren sollte, was er kann: gut und mit Leidenschaft kicken. Die Fans werden es ihm danken.

    Und nun freue ich mich auf (hoffentlich) spannende KO-Partien. Denn der wahre Fan schaut die WM auch dann weiter, wenn das eigene Team (leider) schon ausgeschieden ist.

  • Geht’s raus und spielt’s Fußball!

    Geht’s raus und spielt’s Fußball!

    Als ich schon die CD mit dem Requiem rausgesucht hatte und auf „play“ klicken wollte, erwachte Toni Kroos endlich aus seiner Frühsommerlethargie und schlenzte den Schweden das Ding mit feinem Kunstschuss oben in den rechten Winkel. Die biederen skandinavischen Handwerker, die unserer Elf das (Über-) Leben wirklich schwer gemacht hatten, blickten erst erstaunt hinter sich und dann bedröppelt auf den Rasen. Ich ließ das Requiem Requiem sein, riss beide Arme hoch und brach in Jubel aus. »Nun wird alles gut«, riefen wir aus fünfzig Kehlen. »Die Mannschaft ist im Turnier angekommen.« Aber: Ist das wirklich so, oder drohen jetzt ständige Zitterpartien bis zum frühzeitigen Ausscheiden im Achtel- oder Viertelfinale? In Abhängigkeit vom Ergebnis Mexiko-Schweden sei für Deutschland von Platz 1 bis 3 in Gruppe F noch alles drin. Sollten wir Erster werden, entgehen wir im AF den bärenstarken Brasilianern. Es sei denn, die werden Zweiter in ihrer Gruppe. In diesem Fall würden wir wieder auf sie treffen. Behauptet mein Kumpel Jupp, der sich seit Tagen mit der WM und den damit verbundenen Rechenspielen intensiv beschäftigt. Ich tue das nicht, weil ich denke: das nächste Match ist immer das schwerste, und da es eh ständig anders kommt, als man die Ergebnisse vorher kalkuliert hat. Ich vertraue eher meinem Bauchgefühl, das mich zwar auch oft täuscht; aber zumindest muss ich mich nicht mit all den komplizierten Tabellen und Überkreuzwahrscheinlichkeiten auseinandersetzen.

    1982 startete ebenfalls grauenvoll

    Grottige Vorrunden, nach deren haarscharfem Überstehen das deutsche Team noch sehr weit im Turnier kam, gab’s schon. Ich erinnere mich an die WM 82 in Spanien mit diesen Ergebnissen: Auftaktmatch gegen Algerien 1 zu 2 verloren, darauf folgte ein 4-1-Sieg gegen Chile und im Anschluss das abgekartete Spiel gegen Österreich, das nach früher 1-0-Führung für Deutschland für die restlichen 80 Minuten aus zweikampflosem Rasenschachgeplänkel bestand. Auch in der zweiten Runde wurde es mit 0-0- (England) und 2-1 (Spanien) – Langweilern nicht unbedingt besser. Unvergessen die Kickbox-Einlage Toni Schumachers gegen Frankreichs Patrick Battiston im HF, das die Deutschen knapp im Elfmeter-Showdown für sich entschieden. Endstation erst im Finale, als unseren Kickern eine 1-zu-3-Klatsche von den Italienern verabreicht wurde. »Tu sei Tedesco? …. Rossi, Tardelli, Altobelli«, durfte ich mir in den darauffolgenden Jahren in meinen Sommerurlauben an den Stränden Riminis und Forte dei Marmis ungezählte Male anhören. Dieser Dreiklang hat sich mir für die Ewigkeit ins Gedächtnis eingebrannt.

    Gary Lineker und der verlorengegangene Respekt vor deutschen Teams

    Besteht also Hoffnung, dass auch die 2018er-Mannschaft nun durch den restlichen Wettbewerb marschieren wird? Dabei gemäß der Devise Gary Linekers handelnd: Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer stehen auf dem Feld und jagen einem Ball nach. Und am Ende gewinnt Deutschland. Mal abgesehen davon, dass diese Regel schon früher nicht immer zutraf, jede Menge Ausnahmen kannte – ich erinnere mich an das verlorene Finale 86 gegen Argentinien mit dem damals fulminant dirigierenden Maradona –, frage ich mich bereits seit geraumer Zeit, ob den Jungs eventuell die früheren Kardinaltugenden Siegeswille, Kampf und Effizienz abhandengekommen sind. Deutsche Mannschaften spielten häufig nicht schön, mitunter war es grausam, sich das Gebolze 90 Minuten lang anzuschauen, aber sie fighteten bis zum Umfallen, was man der Schmutzkruste ihrer Trikots und Hosen dann auch ansah. Heute hingegen habe ich oft den Eindruck, dass die Wäsche nach dem Schlusspfiff noch genauso sauber aussieht wie beim Münzwurf. Aber vielleicht täusche ich mich auch. Im Alter lässt die Sehschärfe nach.

    Zu viel Analyse tötet das Spiel

    Die NM hinterlässt bisher einen phlegmatischen Eindruck. Jeder kennt seinen Quadranten, hat vom Trainerstab einen Masterplan in die Hand gedrückt bekommen, die Spielzüge wurden vorher tausendfach einstudiert, exakte Videoanalysen jedes Gegners, stündliche Kontrolle der Laktatwerte. Ernährungsexperten, Psychologen, Physiotherapeuten, Personal Coaches alle mit dabei im Riesentross des DFB. Logiert wird nicht mehr in ordinären Trainingslagern wie weiland 1974 in Malente, sondern in 5-Sterne-Tempeln mit vorher ausgesuchten Spitzenköchen. Mancher Feldzug der Antike war weniger minutiös vorbereitet als die Reise der deutschen Mannschaft zu einem Turnier. Und trotz all dieses Heidenaufwands wirken viele Spieler uninspiriert bis hin zu konzeptlos. Wobei: Konzept wurde ihnen ja schon eins eingetrichtert. Bloß ob dieses Konzept immer hinhaut – darüber scheint sich vorher niemand ernsthafte Gedanken zu machen. Heikel wird es nämlich immer dann, sobald sich das andere Team nicht an die ihm theoretisch zugewiesene Rolle hält: Hoch- und nicht tiefsteht, angreift statt verteidigt (oder umgekehrt), 4-4-2 statt 4-3-3 befolgt, oder was sonst noch alles für Abweichungen möglich sind; sich also einen Dreck um den deutschen Masterplan schert. In diesen Fällen – die sich aus meiner laienhaften Beobachtung heraus mittlerweile häufen – weiß auf dem Platz niemand mehr, wie er mit der neuen Situation umgehen soll. Plan A ist sakrosankt, weshalb es Plan B nicht gibt, und den Akteuren, die allesamt seit früher Jugend in DFB-Nachwuchszentren geschult und schablonisiert wurden, fehlt der Instinkt des Straßenkickers. Der es von klein auf gewohnt ist, dass der Gegner prinzipiell das tut, was keiner der schlauen Analysten vorhergesehen hat, die Ärmel hochkrempelt, auf den unnützen Masterplan pfeift und das macht, was Franz Beckenbauer von seinen Teams forderte: »Geht’s raus und spielt‘s Fußball!« Die gemäß dieser simplen Vorgabe erzielte Erfolgsstatistik des Kaisers war nicht schlecht: 1x Vizeweltmeister 86, HF EM 88, Weltmeister 1990. Und das alles ohne Laptop und Sportprofessoren, die die Laufwege und den Kalorienverbrauch der Spieler aufs Komma genau ausrechnen.

    Deshalb mein Wunsch: weniger Mastergedöns und stromlinienförmige Akteure, mehr individuelle Typen, die sich nicht scheuen, vom Plan abzuweichen und, sobald es Spitz auf Knopf steht, die Ärmel hochkrempeln, die lethargischen Kollegen anschreien und am Ende in dreckverschmierten Klamotten das Feld verlassen.

    Bei Reus mache ich mir Hoffnung, dass er die Rolle des Antreibers einnehmen wird. Der Mann wirkt 90 Minuten lang hochmotiviert, was ich bisher von Kroos, Müller, Gündogan, Khedira und Özil nicht behaupten kann.

    Wo ist der neue Schweinsteiger?

    Nach dem glücklichen Ende der gestrigen Partie fachsimpelte ich noch eine halbe Stunde mit dem Mann neben mir – der ein Schweinsteigertrikot trug, weil er irrtümlich annahm, dass der Münchner immer noch mit dabei ist – über die guten alten Zeiten ohne Masterplan. Ich überlege, in welcher Umzugskiste ich meinen 1974 erworbenen Wolfgang-Overath-Dress verstaut habe. Falls ich in dieses Shirt vierzig Jahre später überhaupt noch reinpasse.