Kategorie: Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer

  • Krieg der Welten – Hörspiel mit Nachspiel

    Krieg der Welten – Hörspiel mit Nachspiel

    Niemand hätte in den letzten Jahren des 19ten Jahrhunderts daran geglaubt, dass das menschliche Leben genau und scharf von Wesen, intelligenter als Menschen, aber genauso sterblich, beobachtet würde; dass, während die Menschen ihrem Tagwerk nachgingen, sie belauscht und erforscht würden, fast ebenso eindringlich, wie ein Mann mit seinem Mikroskop jene vergänglichen Lebewesen erforscht, die in einem Wassertropfen ihr Wesen treiben und sich darin vermehren.
    © H.G. Wells: Der Krieg der Welten, erstes Buch: Die Ankunft der Marsmenschen

    In der Nacht vom 30sten auf den 31sten Oktober 1938 war an der Ostküste der USA plötzlich der Teufel los: Gläubige strömten in die Kirchen zum letzten Gebet, in den Notaufnahmen der Krankenhäuser wurden reihenweise Menschen eingeliefert, die unter schweren Schocks standen, auf den Highways standen die Autos Stoßstange an Stoßstange in endlosen Staus, die Nationalgarde machte mobil, in Pittsburgh konnte ein Ehemann seine Frau im letzter Sekunde mit Gewalt davon abhalten, sich mit Salzsäure zu überschütten. Symptome einer Massenpanik, von der am frühen Abend noch niemand im Entferntesten geahnt hatte, dass sie eintreten würde.

    Neues Medium mit großer Reichweite oder: Hörspiel mit Nachspiel

    Was war geschehen bzw. welches Ereignis hatte Fluchtbewegungen und Sekundenwahnsinn ausgelöst? (Theater-) Schauspieler Orson Welles und Drehbuchautor Howard Koch waren auf die Idee gekommen, im damals noch jungen Medium Radio mit einer fiktiven Horror-Reportage zu experimentieren. Angeregt durch die unter die Haut gehenden Live-Schaltungen vom Absturz des Luftschiffs Hindenburg im Jahr zuvor, verlegte er kurzerhand die im London der Jahrhundertwende angesiedelte Marsmenscheninvasion des Autors H.G. Wells ins New Jersey der Jetztzeit. Und zwar in den kleinen, beschaulichen Ort Grover’s Mill.

    Ihr Körper war wuchtig wie der eines Bären, die Augen tellergroß und glühend, ihr unkontrollierter Speichelfluss immerhin befremdlich. Menschen im Umkreis von dreißig Metern töteten sie augenblicklich durch einen enormen Hitzestrahl. Und ihre dreibeinigen Kriegsmaschinen, die die meisten Häuser um ein Vielfaches überragten, waren vollkommene Städtezerstörer,

    heißt es im Original von Wells.

    Als  CBS gegen 20 Uhr ein Tanzkonzert aus einem New Yorker Hotel angekündigt hatte, unterbrach man die Sendung nach fünf Minuten mit diesem Intro in die nun folgende mehrstündige Schauergeschichte:

    Meine Damen und Herren, das ist der aufregendste Moment, den ich je erlebt habe … da kommt jemand gekrochen. Jemand oder besser: etwas … Ich sehe zwei leuchtende Scheiben, die aus diesem Loch hervorspähen … könnten es Augen sein? Ob das ein Gesicht ist? Es könnte … gütiger Himmel, da windet sich etwas aus dem Schatten, wie eine graue Schlange. Jetzt noch eine zweite. Ich kann kaum hinschauen, es ist so furchtbar!

    Kein Wunder, dass die Hälfte der Zuhörer von Grusel, der sich binnen weniger Minuten zu Schrecken bis hin zu Panik steigerte, erfasst wurde und in den vor der Haustür parkenden Ford, Buick oder Plymouth sprang, um möglichst schnell wegzukommen. Allerdings: wohin? Denn die Marswesen schienen ja bereits die gesamte Ostküste zu kontrollieren. Nach Norden Richtung Kanada, in den Süden, gen Westen? Egal, Hauptsache erstmal weg von zu Hause, wo die Aliens sicher als nächstes auftauchen würden. Was für eine gewaltige Wirkung diese frei erfundene Geschichte ausgelöst hatte … die beiden Macher waren selbst völlig überrascht von der Wucht, die ihr frei erfundenes Märchen entfaltete:

    Das war für uns ein Schock, dass H.G. Wells‘ alter Klassiker, Vorbild für so viele Stories und sogar Comic Strips, bei den Hörern solche Reaktionen auslöste. Die Invasion von Mars-Monstern war für uns nur ein Märchen.“
    Orson Welles

    Dass die Zuhörer Fiktion und Realität nicht mehr unterscheiden konnten, lag u.a. daran, dass Welles eine neue Art der Einspielung benutzte:  Er nahm das Hörstück am Tag vorher auf und ließ es dann mit Musik unterlegen. Dadurch wirkten die Aufnahmen wie das normale Radioprogramm, in dem der Moderator ab und zu unterbricht, um die neusten Nachrichten zur Invasion zu verbreiten. Eine Falschnachricht im Gewand einer fingierten authentischen Reportage.

    Als die restliche Welt am Tag darauf von der Massenpanik erfuhr, schwankten die Reaktionen zwischen Gelächter, Betroffenheit und Schelte über die verlogene (Mainstream-) Presse:

    Der Grund für diese Furcht [vor Kriegen] liegt ausschließlich in einer ungezügelten, ebenso verlogenen wie niederträchtigen Pressehetze, in der Verbreitung übelster Pamphlete über fremde Staatsoberhäupter, in der künstlichen Panikmache, die am Ende so weit führt, daß selbst Interventionen von Planeten für möglich gehalten werden und zu heillosen Schreckensszenen führen.
    (c) Adolf Hitler (in seiner Reichtagsrede vom 28. Apr 1939)

    Fake News: So alt wie die Menschheit

    Nun sind Fake News ja keine Erfindung des Duos Welles und Koch. Die erste Fantasiegeschichte dürfte im Paläolithikum darin bestanden haben, dass unser Ururgroßvater Fred seiner Frau Wilma das unangekündigte Wegbleiben über Nacht gebärdenreich mit dem Satz erklärte: „Ich war da einem Riesenmammut auf der Spur“, anstatt ihr reinen Wein (den es damals natürlich noch nicht gab) einzuschenken: „Ich habe mich mit der hübschen Witwe Betty in der Nachbarhöhle vergnügt“. Diese Falschnachricht kennen wir allerdings einzig aufgrund mündlicher Überlieferung, weshalb wir nicht mit letzter Gewissheit beweisen können, ob sich die Story tatsächlich so oder eventuell doch leicht abweichend zugetragen hat. Etwas anders stellt sich die Sache mit der ersten schriftlich fixierten (Wand-) Zeitungsente der Geschichte dar. Zu bewundern als großformatiges Relief in einem Tempel im oberägyptischen Karnak. Pharao Ramses II widmete seine Niederlage – zumindest war es ein wenig zum Ruhm gereichender Rückzug – in der Schlacht bei Kadesch nachträglich in einen Sieg um. Der gottgleiche König als Bezwinger der barbarischen Hethiter. Ob ihm das die Priester, Generäle und hohen Beamtem abgekauft haben – geschenkt! Das Volk glaubte es. Und einzig darauf kam es bei dieser Realitätsklitterung an. Ramses regierte im Anschluss noch weitere sechs friedliche Jahrzehnte und wurde von der Nachwelt mit dem Titel „Der Große“ geehrt.

    Die Historie kennt zig Fake News, die zu fatal falschen Einschätzungen der Lage führten. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang: Cäsars De bello gallico, in dem ein Ausrottungs- in einen Verteidigungskrieg umgewidmet wurde. Die konstantinische Schenkung, Marie-Antoinettes nie getätigter Ausspruch, „Dann sollen sie doch Kuchen essen“, die Protokolle der Weisen von Zion sind weitere bekanntere Beispiele für politische Manipulation und Propaganda. Zum Teil lange her, in dunklen Jahrhunderten geschehen, in Vergessenheit geraten und nur noch dem bekannt, der liest und sich für Geschichte interessiert. Wenn Sie es etwas aktueller haben möchten – voilà: Dolchstoß-Legende und Saddam Husseins nie gefundene Massenvernichtungswaffen.

    Sind wir klüger als unsere Ururgroßeltern?

    Welles‘ Hörstück von den menschenfressenden Marsbewohnern waberte hingegen erst vor achtzig Jahren durch den Äther: 1938. Geburtsstunde von Großtante Hildegard und des VW-Käfers. In der aufgeklärten US-amerikanischen Ostküstengesellschaft. Und selbst die fiel auf das Märchen rein. Befinden wir uns also, trotz Abitur, Studium und zwei Tageszeitungen im Abo, immer noch auf dem Bewusstseinslevel des mittelalterlichen oder gar steinzeitlichen Menschen? Können wir, obwohl wir den halben Tag in TV, Internet und Netflix rumzappen, geschickt zurechtgebogene Lügen nicht von der Wahrheit unterscheiden? Sind wir genauso leicht steuerbar wie der römische Plebs und die Untertanen von Ramses II? Sind wir ein knappes Jahrhundert nach der Alien-Massenpanik und geschult in Faschismus- & Kommunismuspropaganda heute wesentlich immuner gegen – z.T. hanebüchene – Fake News als unsere Vorfahren? Fallen wir nicht mehr auf „falsche“ Bilder und Erzählungen rein? Der Optimist in mir will JA rufen. Mein pessimistisches Ich hingegen sagt: Durchs weltweite Netz und dessen soziale Medien wird es ständig schlimmer mit unserer Leichtgläubigkeit. Und der Pessimist behält leider oft Recht.

    Als mir meine Großmutter – ob es die väterlicher- oder die mütterlicherseits gewesen war, habe ich leider vergessen  – in den 70ern lächelnd von der Naivität der Amerikaner und deren Marsmenschenparanoia erzählte, vergaß sie, von der deutschen Einfalt mit dem frei erfundenen polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz und dem Trugschluss, einem Gefreiten in einen nicht gewinnbaren Weltkrieg zu folgen, zu berichten. So fallen auf Fake News halt immer nur die anderen rein. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

    Hollywood und eine weitere Falschnachricht

    Den beiden jungen, experimentellen Radio-Machern gelang mit der fiktiven Reportage über eine Invasion, die einzig im Studio stattfand, der große Durchbruch. Orson Welles drehte im Anschluss Citizen Kane und Der dritte Mann. Koch schrieb das Drehbuch für Casablanca.

    Wem der Roman von H.G. Wells zu lang ist, dem empfehle ich die beiden Verfilmungen:
    Kampf der Welten (1953). Regie: Byron Haskin
    Krieg der Welten (2005). Regie: Steven Spielberg. Mit Tom Cruise in der Hauptrolle

    PS. einige Wissenschaftler behaupten übrigens, dass die US-Ostküsten-Alien-Massenpanik genauso frei erfunden sei wie die Handlung des Hörspiels. Da ich nicht dabei war, kann ich das nicht abschließend beurteilen. Sollten die Skeptiker Recht haben, dann würde es sich bei dieser Geschichte um eine doppelte Falschnachricht handeln.

  • Tanzverbot an Halloween?

    Tanzverbot an Halloween?

    »Wusstest du, dass an Halloween neuerdings Tanzverbot herrscht?«, fragt mein ältester Sohn.
    »Bitte?« Ich bin gerade mit dem Samstagmorgenhausputz beschäftigt, und der alte Staubsauger macht einen Höllenlärm.
    »AN HALLOWEEN DÜRFEN WIR NICHT MEHR TANZEN!«
    »Brauchst nicht so zu schreien. Bin ja nicht taub«, antworte ich und stelle den Staubsauer beiseite. »Liegt vermutlich daran, dass wir am Tag darauf Allerheiligen feiern.«
    »Kommt das immer direkt nach Halloween?«
    »Klar. Halloween bedeutet ja nichts anderes als Abend vor Allerheiligen.«
    »Und an Allerheiligen darf nicht getanzt werden?« Mein Ältester schaut mich ungläubig an.
    »Anscheinend nicht.«
    »Dann macht die Party gar keinen Spaß.«
    »Dafür bekommst du einen Feiertag geschenkt und kannst ausschlafen. Auch nicht so schlecht«, sage ich.
    »Warum können wir das nicht selbst bestimmen, ob wir feiern? Was mischt sich der Staat da ein?«

    Das alljährliche Tanzverbotsmimimi

    Nun ist mein Sohn mit seinem Wunsch nach 52×24/7 selbstbestimmtem Tanzen und (LAUT) Musikhören nicht alleine. Erregte Diskussionen über diese Frage kann man vor allem in der Woche vor Ostern verfolgen – das alljährliche Karfreitagstanzverbotmimimi. Und jetzt muss also aufgrund von Allerheiligen ebenfalls in der Nacht vom 31sten Oktober auf den 1sten November irgendwann die Musik runtergedreht werden. Dann ist das eben so. Mich juckt das nicht. Zum einen lege ich mich gewohnheitsmäßig gegen 24 Uhr ins Bett. Zum anderen mache ich mir aus Halloween Nullkommanichts, vom wirklich sehenswerten Carpenterfilm mit Jamie Lee Curtis mal abgesehen. Dieses aus den USA importierte [ich weiß, dass das Original aus Irland stammt. Brauchen Sie mir also nicht langatmig zu erklären] Konsumankurbelungsspektakel rangiert in meiner persönlichen Wertschätzungsskala auf demselben Level wie Cherry Coke und per App fernsteuerbare Jalousien. Braucht alles kein Mensch.

    An dieser Stelle lässt sich gut der Bogen schlagen zum Homo consumens & saltans 2.0. Diese postmoderne Spezies will alles überall verfügbar, zu jeder Tages- und Nachtzeit, schnell zu entsorgen, preiswert und vor allem selbstbestimmt. Als Highlights gelten Wochenendausflüge in Outletcenter, Kindergeburtstage bei McDonalds, All-inclusive-Urlaube an der türkischen Riviera und Flatsaufen in Diskotheken. Versuchen Sie mal, mit diesen Menschen über die Schönheit der Sonntagsruhe zu diskutieren. Die Entschleunigung, die an diesem Tag eintritt. Zeit, um spazieren zu gehen, oder auf einer Parkbank ein Buch zu lesen. »Das können Sie alter Langweiler gerne tun. Aber ich will auch am Wochenende shoppen und nachts sowieso. Damit kurbele ich die Wirtschaft an, wovon Sie keine Ahnung haben«, wird der Homo consumens erwidern. Und ich frage mich wiederum, was um Himmelswillen benötigt man an Feiertagen und nachts so dringend, dass dafür die Supermärkte 24/7 geöffnet haben müssen? Spontan fallen mir nur Präservative und (für Alkoholiker) Wodka ein. Alles andere lässt sich doch prima werktags zwischen 7 und 21 Uhr einkaufen.

    Religion ist Privatsache und tanzen tue ich, wann es mir passt

    Tanzen wiederum dürfen Sie an 360 Tagen/ Jahr. Reicht das nicht? Müssen es tatsächlich 365 sein? Weil Religion Privatsache ist, antworten Sie? Stimmt; aber trotzdem kann man ja aus Rücksicht anderen gegenüber auch mal für kurze Zeit mit Spaß und Lärm innehalten. Warum gönnen Sie sich und uns nicht mal eine kurze Verschnaufpause? Oder geht’s bloß ums Prinzip? Das Ich-bestimme-selbst-was-gut-für-mich-ist-Mantra und lasse mir dabei von niemandem reinreden. Von der Kirche schon gar nicht. Es ist übrigens dieselbe Kirche, die Sie mitunter für Taufe, Kommunion/ Konfirmation, Hochzeiten und die Trauerfeier von Oma Gertrud nutzen. Natürlich selbstbestimmt, sobald es IHNEN in den Kram passt. Das ist was völlig anderes, meinen Sie? Na ja, konsequent wäre es m.E., wenn Sie als aufgeklärter Atheist, der Sie auf die Religion pfeifen, dann auch auf die damit verbundenen Feiertage verzichteten und sich an Ihren Büroschreibtisch setzten, anstatt Allerheiligen bis mittags im Bett rumzulümmeln und im Anschluss in Roermond nach günstigen Weihnachtsgeschenken zu suchen.

    Der Hirsch als übellauniger Misanthrop und Minimalist hat gut reden, sagen Sie? Der braucht ja nichts außer Schreibtisch, Laptop, mittags eine Dose Ravioli, und zum Lachen geht der am liebsten auf den Friedhof. Was versteht der schon vom berauschenden Freiheitsgefühl des 24/7-Shoppens und 365-Tage-Partymarathons? Da haben Sie natürlich Recht. Mir reichen tatsächlich oft Laptop und Ravioli (mit Tabasco verfeinert, schmecken die gar nicht schlecht) Aber ich bin halt auch kein Homo consumens 2.0, und nehme am Sonntag lieber einen guten Roman in die Hand, als im Rewe Zahnpasta und Toastbrot zu besorgen. Das tue ich nämlich bereits am Freitagabend, weil mir Wochenendsupermarktbesuche ein Gräuel sind.

    Um nun zum Schluss der Kolumne Entwarnung zu geben: Das Allerheiligen-Tanzverbot tritt in Rheinland-Pfalz um 4h morgens und in Nordrhein-Westfalen sogar erst um 5h in Kraft. Bis dahin darf also fröhlich gefeiert, Halloween-gelärmt und dem Nachbarn vor die Haustür gekotzt werden.

  • Darf ein Politiker ne teure Uhr tragen?

    Darf ein Politiker ne teure Uhr tragen?

    Ob wir hier über ein C- oder gar D-Thema reden?
    Klar!
    Gibt meiner Meinung nach kaum was Blöderes, als Politiker danach beurteilen zu wollen, ob ihre privaten Handlungen stets im Einklang mit ihren (ver-) öffentlich(t)en Positionen stehen. Sobald wir diese strenge Messlatte anlegen, werden sich Parlamente und Regierungsbänke schlagartig leeren. Und zwar fraktionsübergreifend. Weshalb sollte ein Grüner keinen SUV fahren, ein Sozi keine teuren Zigarren rauchen, ein Linker nicht in einen Oldtimer-Porsche steigen, der Konservative zu Hause im Schlafzimmer kein Che-Guevara-Poster aufhängen oder ein AfD-Kreisvorsitzender nach Dienstschluss nicht (heimlich) einen Ladyboy-Puff aufsuchen? Wer sein politisches Urteil davon abhängig macht, ob Abgeordneter Meier am Samstagabend zu tief ins Glas schaut oder Staatssekretärin Müller in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt, der hat die Spielregeln einer freien demokratischen Gesellschaft nicht verstanden. An dieser Stelle könnte ich deshalb mit der Kolumne stoppen und mich stattdessen mit was Vernünftigem beschäftigen.

    Steile Karriere

    Aber es geht mal wieder um Frau Chebli. Und hier lohnt sich schon ein kleiner Exkurs. Geboren 1978 in (West-) Berlin als zwölftes – von insgesamt 13 – Kind/ern palästinensischer Asylsuchender. Die Familie lebt beengt in Zwei- und Dreizimmerwohnungen. 1993 erhält sie die deutsche Staatsbürgerschaft, 1999 Abitur und Aufnahme des Politikstudiums an der Freien Universität. 2001 Eintritt in die SPD, 2004 Abschluss als Diplom-Politologin. Sie sammelt erste berufliche Erfahrungen als wissenschaftliche Mitarbeiterin von sozialdemokratischen MdBs. Mit einer Zwischenstation in der Senatsverwaltung wechselt sie 2014 ins Auswärtige Amt, wo der damalige Chefdiplomat Steinmeier sie zur stellvertretenden Sprecherin der Behörde ernennt. Nach knapp drei Jahren scheidet Chebli auf eigenen Wunsch im AA aus und kehrt zum Berliner Senat zurück, in dem sie im Range einer Staatssekretärin die Position der Bevollmächtigen des Landes beim Bund bekleidet. Bis hierhin eine zwar steile, aber nicht außergewöhnliche Karriere.

    Was aber macht die Causa Chebli derart außergewöhnlich, dass so viele Kommentatoren sich ständig an ihr reiben? Da wäre zum einen ihr Aufstieg aus ärmsten Einwandererverhältnissen anzuführen. Des Weiteren ist sie eine der an den Fingern einer Hand abzählbaren Muslima, denen der Sprung in ein politisches Spitzenamt gelingt. Sie sieht gut aus – okay, über Geschmäcke (das ist übrigens die korrekte Pluralform) lässt sich streiten –, weiß sich medienwirksam in Szene zu setzen und vertritt offensiv ihr Glaubensbekenntnis. Mit Sätzen wie, „Ja, das Kopftuch ist für mich eine religiöse Pflicht, aber nein, ich trage es nicht, weil es für mich nicht das Wichtigste im Islam ist“ oder: „Ich trage kein Kopftuch, weil ich es nicht möchte. Ich will aber, dass jede Frau das für sich selbst entscheiden kann“, eckt sie schnell bei Konservativen und Besorgtbürgern an. 2016 äußert sie in einem FAZ-Interview: „Die Scharia regelt zum größten Teil das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen. Es geht um Dinge wie das Gebet, um Fasten, um Almosen. Das stellt mich als Demokratin doch vor kein Problem im Alltag, sondern ist absolut kompatibel, wie es für Christen, Juden und andere auch der Fall ist“ und konkretisiert diese Aussage, nachdem ein Shitstorm über sie hereinbrach, ein paar Tage später dahingehend:

    Scharia beinhaltet rituelle Vorschriften für das Gebet und das Verhalten gläubiger Menschen, darunter die Verpflichtung zu Almosen. Das alles fällt unter die Religionsfreiheit. Andere Vorschriften der Scharia widersprechen ganz klar dem Grundgesetz und haben in einem demokratischen Staat nichts zu suchen.

    Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist Chebli zu einem Lieblingshasssubjekt der Rechten avanciert.

    (Alltags-) Rassismus & Sexismus als ständige Begleiter

    Als sie es im Herbst 2017 wagt, den zum Fremdschämen peinlichen Satz, „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön“, mit dem sie ein älterer Versammlungsleiter bei einer Diskussionsrunde begrüßt, als typisches Beispiel für Alltagssexismus zu bezeichnen, bricht erneut eine Welle an verbalem Unflat über sie herein. Dabei hat sie völlig Recht. Genau das ist Alltagssexismus. Und nun also die Rolex an ihrem Handgelenk. Auf einem vier Jahre alten Foto. „Typisch Soze. Wasser predigen und Wein saufen“, lautet noch einer der harmlosen Kommentare, den sie sich dafür einfängt.

    Gelangen wir nun zur grundlegenden Frage: Warum gerät der gemeine mitteleuropäische Socialmedia-Troll speziell bei dieser Frau so in Wallung? Mir kommen spontan ein paar Antworten in den Sinn, die Sie wahrscheinlich nicht alle erfreuen werden:

    Muslima, bekennt sich zu ihrem Glauben, fordert selbstbestimmtes Recht fürs Kopftuchtragen: Damit hat jeder dritte Deutsche ein Problem, weil Kopftuch pawlowartig mit Zwang und Ablehnung unserer abendländischen Kultur gleichgesetzt wird.

    Fastet an Ramadan: Das ruft die besorgte deutsche Hausfrau auf den Plan. Den ganzen Tag nichts essen und trinken – das ist mega-ungesund. Und die armen Kinder, die das auch tun müssen. Wie kann eine Religion nur so grausam sein, etwas derart Unmenschliches wie stundenweisen Nahrungsverzicht von ihren Anhängern zu fordern? Auf den Schreck schnell ein Stück Käsekuchen und einen Latte macchiato.

    Kritisiert alte weiße Männer für deren alltagssexistisches Vokabular, für das gönnerhafte, „Na du kleines ausländisches Mädchen, was willst du uns denn Neues aus deinem Berufsleben erzählen? Oder sollen wir deinen Vortrag gleich ganz überspringen und direkt zum geselligen Teil der Veranstaltung wechseln? Brauchst jetzt gar nicht so zu schauen. Obwohl dir der entrüstete Ausdruck gut steht.“

    Leicht übertrieben von mir dargestellt?
    Klar! Es ist eine Kolumne.

    Religiöse Toleranz:
    In Deutschland immer noch unterentwickelt

    Machen wir uns nichts vor. 90 Prozent der Kritik, die wir an Politikerinnen wie Sawsan Chebli oder Aydan Özoğuz richten, hat nullkommanichts mit deren Sacharbeit zu tun, sondern speist sich aus (alltags-) rassistischen, islamophoben, multikulti-verteufelnden Denkschablonen, wie wir sie täglich zigtausendfach in den beiden großen Internetkloaken namens Facebook und Twitter niedergeschrieben sehen. Von Toleranz und Gelassenheit anderen Kulturen und Religionen gegenüber ist ein nicht gerade kleiner Teil der Bevölkerung noch Lichtjahre entfernt. Muslime wollen wir im Anatol-Grill und in der Änderungsschneiderei – nicht aber als Politiker oder Anwälte – sehen. Auch auf diesen Feldern nehmen sie uns jetzt schon die Jobs weg? Wo soll das alles noch hinführen?

    Um am Ende des Textes die Ausgangsfrage „Darf eine sozialdemokratische Politikerin ne teure Uhr tragen?“, zu beantworten: Natürlich darf sie das. Genauso wie Sie, der Sie Ihrer Frau und den beiden Kindern ständig Sparsamkeit predigen, den neuen Mercedes C-Klasse auf Pump finanzieren dürfen, ohne dass wir sofort Ihr Credo „Bleibt bescheiden!“ in Abrede stellen. Alles erlaubt.

  • Das große Dieselmärchen

    Das große Dieselmärchen

    Der wochenlang angekündigte und mit Spannung erwartete Dieselgipfel im Kanzleramt kreißte eine Nacht lang und gebar außer sichtlich ermüdeten Teilnehmern ein mehrseitiges Abschlusspapier, das vom Verkehrsminister am Morgen danach als ultimativer Kompromiss und Befreiungsschlag angepriesen wurde: Partielle Kostenübernahme im Falle der Hardware-Nachrüstung oder Umtauschprämie beim Kauf eines Neuwagens. Gesetzlich nicht verpflichtend, sondern als Appell an die Autobauer gerichtet, von denen die meisten sofort nach Bekanntwerden des Ergebnisses schon dankend abwinkten.

    Die sogenannten Umtauschprämien ersetzen eigentlich nur die schon heute geltenden hohen Rabatte. Sie sollen die getäuschten Käufer veranlassen, ein neues Auto zu kaufen. Es gibt keinerlei Sicherheit, ob die von den Gerichten geforderten Werte durch die Umtauschaktion erreicht werden.
    (c) der frühere Bundesinnenminister Gerhart R. Baum dazu in einem Interview

    Mit einiger Wahrscheinlichkeit steht deshalb zu erwarten, dass im Nachgang zu Gipfel Nr. 2 Nullkommanichts passieren wird. Unverbindliche Absichtserklärung und Placebo-Politik der GroKo, anstatt die die Hersteller härter an die Kandare zu nehmen. Denn flächendeckend – und mit voller Kenntnis des Topmanagements – betrogen wurde jahrelang, ohne dass im Stammland der Schummelkonzerne bisher irgendwelche nennenswerten Strafen ausgesprochen wurden. Ein Skandal? Ja!

    Vorgeschichte

    Wer zu Hause auf dem Sofa Netflix schaut, kennt vielleicht die Serie „Dirty money“. Folge 1 trägt den plakativen Titel „Tödliches NOx“ und widmet sich knapp eineinhalb Stunden lang der Frage, was ein renommiertes Weltunternehmen wie VW dazu veranlasste, Kunden und Behörden derart hinters Licht zu führen. Schnelle Antwort: Steigerung der Absatzzahlen, Kostenreduktion, Gewinnmaximierung – also letztlich Gier.

    Der Dieselmotor, jahrzehntelang mit dem Odium von landwirtschaftlichem Forstverkehr und Rentner mit Prinz-Wilhelm-Mütze behaftet, gerät Mitte der 70er Jahre in den Fokus von Managern und Ingenieuren. Idee: eine kompakte Kleinausgabe soll her. Dies gelingt 1976 mit dem Golf Diesel; den Durchbruch erzielt man Ende der 80er mit dem TDI-Motor. Nachteil: Die Maschine stößt zu viel Feinstaub und nitrose Gase (NOx) aus, die die menschliche Lunge schädigen, Smog und sauren Regen auslösen. Technische Gegenmaßnahmen am Auto, wie die Verbrennung der Feinstaubpartikel, sind zu teuer. Aufgrund der ständig strenger werdenden Abgasbestimmungen bestand für die Technologie die durchaus ernstzunehmende Gefahr des frühzeitigen Endes. VW kontert ab 2010 erfolgreich mit neuen Diesel-PKWs, die sparsam, schadstoffarm und zugleich preiswert sein sollen. Ein Wunder, das selbst die eigenen Manager in Erstaunen versetzt. Und die Verkaufszahlen steigen plötzlich wieder.

    Schummelsoftware statt Clean Diesel

    Als im Herbst 2015 bekannt wird, dass die US-Prüfbehörden den Konzern des Betrugs mittels manipulierter Software überführt haben, ist das Entsetzen bei Kunden und Öffentlichkeit groß. Die sogenannte Abschalteinrichtung/ Defeat device unterscheidet intelligent zwischen In- und Outdoor-Betrieb. Während im Labor die vorgeschriebenen Abgaswerte eingehalten werden, stoßen die Autos auf freier Strecke ein Vielfaches an Schadstoffen aus.

    Statt einen Clean Diesel zu fahren, sitze ich am Steuer einer Killermaschine,

    macht die Käuferin eines Jettas in Columbus/ Ohio ihrem Unmut bei der Rückgabe an den Händler Luft. Vor die Wahl gestellt, sämtliche Zulassungen in den USA zu verlieren, gesteht VW nun die Manipulation ein, ruft einen Teil der betroffenen Wagen zwecks Nachrüstung oder Umtausch zurück ins Werk. Es kommt zu ersten Anklagen gegen Verantwortliche aus dem mittleren Management. Konzernchef Winterkorn, der angeblich nichts vom Betrug gewusst hat, nimmt Ende 2015 seinen Hut.

    Europäische Käufer: Kunden zweiter Klasse?

    VW bietet den geschädigten US-Kunden nun eine freiwillige Kompensationszahlung (Goodwill package) in Höhe von 5000 USD an. Zusätzlich muss der Hersteller die Rekordsumme von 20 Mrd. USD an Strafzahlung berappen. Jenseits des Atlantiks zeigt sich der Konzern mithin – wenn auch nicht ganz freiwillig – bereit, den angerichteten Schaden flächendeckend zu begleichen.

    Ganz anders das Vorgehen im Stammland. Hier räsoniert Winterkorn-Nachfolger Matthias Müller im November 2016 öffentlich über die Gier der Kunden und beteuert mit gespielter Unschuldsmiene, dass ein Schaden für den deutschen Käufer gar nicht eingetreten sei. Vor dem Hintergrund schon damals im Raum stehender Fahrverbote und teils dramatischer Wertverluste der betroffenen Fahrzeuge war das natürlich bereits zum damaligen Zeitpunkt eine freche Falschbehauptung. Anstatt den Dieseltricksern spätestens jetzt behördliche und politische Daumenschrauben anzulegen, spielen KBA und Bundesverkehrsministerium Billard über drei Banden, rufen zwar Modellreihen zurück, wollen sich aber nicht grundlegend und eindeutig zu den Schummelmotoren EA 189 und EA 288 äußern.

    Auf ständig steigenden Druck der Medien erklärt sich VW im Sommer 2016 zur Einspielung einer neuen Software bereit. Diese soll die Abschalteinrichtung außer Kraft setzen. In der Praxis resultieren aus diesem Update jedoch häufig Tempodrosselung , Mehrverbrauch und schnellerer Verschleiß. Freiwillige Entschädigungszahlungen wie in den USA und Kanada bietet VW allerdings in Europa nicht an. Hier müssen sich die geschädigten Kunden anwaltlicher Hilfe bedienen, um ihre berechtigten Ansprüche gegen den Goliath aus Wolfsburg geltend zu machen. In der Folge reichen rund 25.000 Käufer Individualklagen vor deutschen Amts- und Landgerichten ein. Insofern der Betroffene über keine Rechtsschutzpolice verfügt, besteht für ihn als Selbstzahler natürlich ein hohes Prozesskostenrisiko. VW beauftragt seinerseits Großkanzleien mit Abwehr und Verzögerungstaktik, gibt die Leitlinie vor, sich niemals außergerichtlich, sondern frühestens in der ersten Instanz zu einigen. Garniert mit einer Schweigeverpflichtung, damit ein erfolgreicher Kläger keine Mund-zu-Mund-Propaganda betreiben und weitere Dieselkäufer zum Tätigwerden animieren kann.

    VW fährt hier also eine glasklare Anti-Verbraucher-Strategie. Entschädigt wird nur in den Fällen, in denen sich die Schadensregulierung definitiv nicht vermeiden lässt. Kundenfreundlich geht anders.

    MFK: Eher Placebo als Verbraucherschutz

    Auf massives Drängen von Verbänden (VZBV, ADAC) und der Verbraucherschutzminister der Länder hin wird im kommenden Monat die Musterfeststellungsklage (MFK) gegen VW eröffnet. Deren einziger Zweck besteht darin, ein generelles Feststellungsurteil zu treffen. Die MFK hemmt zwar die Frist der Verjährung – die andernfalls in der Silvesternacht 2018/19 eintritt –; das Verfahren wird jedoch gemäß Expertenprognose zwei bis vier Jahre andauern, bevor mit einem Richterspruch gerechnet werden kann. Viel Zeit, in der der Wert des Fahrzeugs ständig weiter verfällt, wenn es zwischendurch nicht sowieso schon in der Schrottpresse gelandet ist. Sollte es in diesem Geduldsspiel nicht zu einem Generalvergleich kommen, wird den geschädigten Käufern nichts anderes übrig bleiben, als ihre Ansprüche in den Wind zu schreiben, oder nun doch den Weg der Individualklage zu beschreiten. Denn ein positives Urteil bedeutet bei der MFK nichts weiter als die generelle Aussage: Ja, VW hat getrickst. Das war’s aber auch schon. Wer sich mit dieser folgenfreien Erklärung nicht zufrieden gibt, muss auf eigene Faust aktiv werden. Die Chancengleichheit zwischen Konzern und Kunden, wie sie das US-Vorbild Class Action herbeiführt, wird bei der kleinen deutschen Sammelklagekopie mitnichten erreicht.

    Fahrverbote werden kommen

    Das erste Fahrverbot wurde in diesem Sommer in Hamburg erlassen, zusätzliche drohen ab 2019 ebenfalls in Berlin, Frankfurt, Stuttgart und einem Dutzend weiterer deutschen Großstädten. Davon betroffen sind nicht nur die Euro-4-, sondern ebenfalls die Euro-5-Diesel. Das Software-Update hat sich als nutzlos erwiesen, um auch nur annähernd in den Bereich der zulässigen Grenzwerte zu gelangen. Abhilfe schaffen kann – wenn überhaupt – einzig die Hardware-Nachrüstung, – z.B. in Form eines Katalysators –, die jedoch teuer ist.

    Da den Herstellern die Problematik des erhöhten Schadstoffausstoßes seit vielen Jahren bekannt ist, fragt man sich, weshalb die deutsche Automobilindustrie nicht schon zur Milleniumswende entsprechend geplant und umweltschonendere Motoren entwickelt hat. Eventuell aufgrund zu lang anhaltender Fehlanreize von Seiten der Politik?

    Kunden und Öffentlichkeit wird von den Produzenten von Anbeginn an ein Dieselmärchen erzählt. Die Motoren seien sauber, Emissionen unterhalb der Grenzwerte, Fahrverbote bloß ein Gerücht, dauerhaft billiger Sprit und lukrative Wiederverkaufswerte. Bis uns im Herbst 2015 die raue Wirklichkeit einholt: Emissionen weit höher, als von den Marketingabteilungen in die bunten Verkaufsbroschüren hineingeschrieben, die Kommunen planen zukünftig mit Diesel-freien Innenstädten, Zwangsstilllegungen drohen, die Preise der betroffenen Autos auf dem Gebrauchtwagenmarkt sinken dramatisch.

    Und die Hersteller? Statt eine Charmeoffensive zu starten, sich generös bei Rückgabe, Umtausch, Nachrüstung zu zeigen, feilschen um jeden Euro. Zwingen die Käufer in Individualprozesse, einigen sich in erster oder gar erst in zweiter Instanz. Halten so – vor dem Hintergrund von potenziell 2.5 Millionen geschädigten Dieselfahrern allein in Deutschland – zwar die Insgesamt-Schadenzahlung gering, erweisen sich jedoch als das, was ihnen die Kritiker immer schon vorwarfen: habgierig, halsstarrig, beratungsresistent und technologisch rückwärtsgewandt.

    Die deutsche Politik, im Würgegriff der Autolobby, schaut großenteils tatenlos zu und streut den geprellten Kunden mit einer zu Nullkommanichts verpflichtenden Musterfeststellungsklage, die zudem noch zum spätest möglichen Zeitpunkt eröffnet wird, weiter Sand in die Augen, indem man wider besseren Wissens den Eindruck erweckt, hier nun endlich was im Sinne der Verbraucher zu tun. Dem ist jedoch mitnichten so. Weiterhin gilt: Wer nicht selbst aktiv wird und individuell klagt, wird am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit leer ausgehen.

    Fazit

    Deutsches Dieselmärchen dauert an, und immer noch kein Happy End in Sicht.

  • Wie der Osten vor dem Zusammenbruch gerettet wurde

    Wie der Osten vor dem Zusammenbruch gerettet wurde

    Am Jahrestag der Einheit entdecke ich mal wieder Kommentare, die der Treuhand die Hauptschuld am (angeblichen) Misslingen des reibungslosen Zusammenwachsens der beiden deutschen Staaten in die Schuhe schieben wollen. Vom Ausverkauf des ostdeutschen Tafelsilbers lese ich da bis hin zu flächendeckenden betrügerischen Machenschaften, die von den Mitarbeitern der Behörde begangen worden seien. Das ist Bullshit. Wird höchste Zeit für eine kleine Gegendarstellung.

    Vorgeschichte

    Die Treuhandanstalt als Holding der volkseigenen Betriebe wurde am 1. März 1990 vom damaligen Ministerrat der DDR als Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums ins Leben gerufen. Die Hauptaktivität bestand in dieser ersten Phase in der Entflechtung der Kombinate und Umwandlung der herausgelösten Einheiten in Kapitalgesellschaften. Die drei Monate später nachgelieferte Grundlage bildete das von der Volkskammer am 17. Juni 90 beschlossene Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens. Die neu geschaffene Holding umspannte im Sommer 1990 rund 8500 (bis 1992 wuchs die Zahl aufgrund weiterer Abspaltungen auf circa 14.000) Gesellschaften, in denen vier Millionen Menschen beschäftigt waren. Bei einer Bestandsaufnahme, die unmittelbar nach dem Tag der Wiedervereinigung erfolgte, stellte sich heraus, dass Personal- und Sachmittelausstattung völlig unzureichend waren, sodass Bonn sofort erfahrene Spitzenbeamte und Manager nach Ostberlin entsandte. Die Behörde wurde dem Bundesfinanzministerium angegliedert. Organisiert mit einer Kopfstelle in der Berliner Wilhelmstraße und 15 Niederlassungen. Die Zentrale war aufgeteilt in sechs Unternehmensbereiche, die wiederum in Direktorate untergliedert wurden. Das Aufgabenfeld der THA – das ist wichtig – erstreckte sich einzig auf das betriebsnotwendige Vermögen der neu geschaffenen Unternehmen. Die nicht-betriebsnotwendigen Immobilien wurden in die TLG (Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft) überführt. Diese handelte großenteils eigenständig und war den operativen Direktoraten der THA gegenüber nicht weisungsgebunden.

    Frisch vom Studium in eine neue Welt

    Da die Regierung Kohl auf rasche Erledigung der Mammutaufgabe drängte, wozu eine Menge ökonomisch und juristisch ausgebildeter Fachkräfte benötigt wurden, akquirierte die Personalabteilung der THA nun verstärkt an den BWL- und rechtswissenschaftlichen Fakultäten der alten Bundesländer nach schnell einsetzbaren Berufsanfängern. Auf diesem Weg verschlug es auch mich an einem nebligen Herbstabend 91 direkt im Anschluss an meine letzte Klausur nach Ostberlin.  Aus dem Schwabinger Studentenviertel in die für mich völlig fremde Welt des wilden Ostens. »Gewöhnen Sie sich an frühes Aufstehen«, sagte mein neuer Chef, den ich an der Bar des Hotels, in dem wir alle monatelang untergebracht waren, kennenlernte. »Was bedeutet früh?«, fragte ich. »Die Ostmitarbeiter beginnen um sechs. Bei Ihnen reicht 7«, sagte er. »Oh!«, antwortete ich. Dass die Arbeitszeiten für uns Westler oft bis 22 Uhr dauern sollten, verschwieg er. Aber sowas ist ja alles nur ne Sache der Gewöhnung. »Wo soll ich mich melden?«, erkundigte ich mich noch. »U6, Direktorat Chemie, Abteilung Pharmazie. Sehe Sie dann morgen zur ersten Lagebesprechung«. Ich trank ein Bier, stellte den Wecker auf 5.30, denn ich wollte auf keinen Fall zu spät zu meinem ersten richtigen Job erscheinen. Die Einarbeitungsphase dauerte drei Monate und bestand zu 90 Prozent aus Praxis: Ich begleitete meinen Boss, einen erfahrenen Bayer-Manager, der für ein Jahr von Leverkusen an die Spree gewechselt war, zu täglich wechselnden Verhandlungen. Wir reisten über Land, lernten jede Region und jede Stadt des Ostens kennen, inspizierten die Firmen, unterhielten uns mit Geschäftsführung, Betriebsrat, Lokalpolitikern, Bankern, möglichen Investoren, Erbengemeinschaften. »Streng genommen müsste man all diese Unternehmen schließen. Keins von ihnen würde auf unserem freien Markt von sich aus überleben«, meinte der altgediente Chemieprofi, während wir irgendwo im Niemandsland zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt über schlecht asphaltierte Straßen rollten.

    Zehn Prozent des Kurztraineeprogramms bestanden aus Tagesseminaren zu gesellschaftsrechtlichen Vertragsfragen und Aktenstudium. Nach einem Vierteljahr wurde ich aus der Ausbildung entlassen, erhielt meine eigenen Firmen nebst Deadlines für deren Privatisierung sowie ein Einzelzimmer im vierten Stock des Südflügels der Treuhandzentrale mit Blick auf den Innenhof zugeteilt. Da saß ich nun mit ner Menge neuer Akten, Telefon und PC und durfte mir gemeinsam mit zwei anderen Referenten – so lautete unsere offizielle Bezeichnung – eine Sekretärin teilen. Am kommenden Tag schon die erste eigenständige Verhandlung: mit einer Erbengemeinschaft, die eine schmuddelige Pillenfirma, die dem Großvater Anfang der 50er weggenommen war, zurückhaben wollte. Natürlich nicht nur den Betrieb als solchen, sondern ebenfalls ordentlich Anschubfinanzierung sowie nicht-betriebsnotwendige Immobilien rückübereignet. Das Übliche halt. Würden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit alles bekommen und dann den Laden sofort nach Ablauf der Sperrfrist schließen. Erben waren die Schlimmsten. Bei denen drehten sich die Gespräche ständig nur um Kohle. Investoren waren mir lieber. Die wollten zwar ebenfalls Geld für ihre Arbeitsplatzgarantien, aber bei denen bestand wenigstens Hoffnung, dass sie ihr Augenmerk tatsächlich auf Gesundung und Fortführung der Firma richteten und es ihnen nicht bloß um den schnellen monetären Vorteil ging.

    Aber als Privatisierer konnte man sich seine Verhandlungspartner nicht aussuchen. War ja jetzt nicht so, dass die Interessenten für die maroden Buden Schlange standen. Sobald sich Erben meldeten, deren Ansprüche juristisch plausibel erschienen, mussten wir uns mit denen zusammensetzen. Ob uns die Nasen nun gefielen oder nicht. Intern rechneten wir: Was kostet uns diese Privatisierung? Und zwar in Relation zu: Arbeitsplatz, Branche und Region. Ich war in den drei Jahren meiner Tätigkeit in der THA bei keinem einzigen Deal dabei, in dem über einen tatsächlichen Kaufpreis verhandelt wurde. Vom Kaufpreis – falls es überhaupt mal einen gab – wurde stets die notwendige Anschubfinanzierung subtrahiert, sodass es am Ende IMMER ein Zuschussgeschäft für die Treuhand war. Die Kunst für uns Privatisierer bestand darin, die Finanzierung möglichst gering – oder besser gesagt: in erträglichen Grenzen – zu halten. Weshalb wir schnelle Deals bevorzugten.

    Denn mit fortdauernder Verhandlungsdauer wuchs der Einigungsdruck und zwang uns, das Portemonnaie noch weiter zu öffnen, als es unsere internen Richtlinien eigentlich erlaubten. In diesem Fall drohten langwierige Unterhaltungen mit der Innenrevision, auf die keiner von uns große Lust verspürte, denn von diesen humorlosen Jungs wurde man behandelt wie in einem FBI-Verhör. »Warum haben Sie den Deal nicht gestoppt, als Sie an die Finanzierungsgrenze gelangten? Sind Sie mit den Investoren persönlich bekannt, hat man Ihnen irgendwelche Vorteile angeboten?« … »Verhandelt lieber selbst, anstatt mir solch blöde Fragen zu stellen«, hatte ich beim letzten Mal geantwortet. Und mit den Erben morgen würde dasselbe Spiel drohen. Das wusste ich schon, als ich mir die Akte durchgelesen hatte.

    Ohne Treuhand hätte sich der Osten in eine Industriebrache verwandelt

    Von meinen persönlichen Erfahrungen zurück zur Funktion der Treuhand. Ohne diese Behörde wäre die Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft nie und nimmer gelungen. Anders ausgedrückt: ohne die Milliardenzahlungen des Bundes, die in vorverkaufliche Sanierung und Anschubfinanzierung bei Übernahme investiert wurden, hätte kein einziger ostdeutscher Betrieb die Wende überlebt: Gebäude- und Maschinenbestand vorsintflutlich, die Böden teils heftig kontaminiert, Produkte wie aus den 50er Jahren, keine Eigenmittel, Management mit Null Erfahrung in Marketing und Vertrieb. Das wäre, hätte man die Firmen alleine vor sich hin wurschteln lassen, ein Desaster geworden. Entgegen landläufiger Meinung arbeiteten 99.9% der THA-Mitarbeiter sauber. Controlling und Innenrevision waren streng und standen den Privatisierern ständig auf den Füßen. Die überwiegende Mehrzahl der Deals wurde seriös und hart verhandelt. Und zwar solange, bis beide Seiten an ihre ultimativen Schmerzgrenzen gelangt waren. Zurück am Schreibtisch in der Zentrale musste alles minutiös dokumentiert werden. Sobald eine Zahl oder ein Satz nicht stimmten, erhielt man am darauffolgenden Tag schon Besuch von einem internen Kontrolleur. Dass die Geschäfte windig waren, ist deshalb ein übles Gerücht, bar jeglicher Substanz.

    Aber auch von einem Ausverkauf, der sich ja durchaus juristisch wasserfest durchführen lässt, kann keine Rede sein. Ohne die Treuhand gäbe es heute keinen Chemiepark Bitterfeld-Wolfen, kein Leuna, keine Berlin Chemie und kein Jenoptik. All diese Unternehmen existieren bloß noch deshalb, weil Anfang der 90er VIEL Geld in die Hand genommen wurde, um deren Industriebrachen flott für den Verkauf zu machen.

    Worüber man allerdings durchaus diskutieren kann, ist die Frage, ob mit der Privatisierungsphase derart überstürzt begonnen werden musste. Ob man eventuell ein, zwei Jahre der Sanierung hätte vorschalten sollen. Hier verlassen wir jedoch die operative Ebene (THA) und begeben uns auf politisches Terrain. Die Geschwindigkeit des Prozesses bestimmte Bonn bzw. die Regierung Kohl. Berlin war damals bloß ausführendes Organ. Und in der Retrospektive muss man neidlos anerkennen, dass die Treuhand ihren Job außerordentlich gut erledigt hat. Die Freisetzung von Arbeitnehmern wäre ohne die Aktivitäten der Behörde weitaus dramatischer ausgefallen. Negativ zu Buche schlagen natürlich schiefgelaufene Deals: Investoren, die sich nicht an die Verträge hielten oder insolvent gingen, Erben, die Betriebe schlossen, um an die Immobilien zu gelangen. Der Prozentsatz der Privatisierungen, bei denen die Unternehmensfortführung vor Ende der Vertragslaufzeit scheiterte, dürfte sich dennoch unterhalb der 20-Prozent-Marke bewegt haben. Von daher wundert es nicht, dass nahezu sämtliche GUS-Staaten versuchten, dieses Modell zu kopieren. Mit logischerweise reduziertem Erfolg, weil sie über keinen solventen Geldgeber wie Westdeutschland verfügten. Weltbank und IWF konnten nie in dieser Größenordnung einspringen. Eine Neuauflage wird man eines Tages vielleicht in Ostasien erleben, falls der arme Norden und der reiche Süden Koreas irgendwann in ferner Zukunft zusammenfinden sollten.

    Ob es klug war, vorschnell blühende Landschaften zu versprechen, steht auf einem völlig anderen Blatt.

    Fazit: Ohne die Treuhand wäre Deutschlands Osten binnen Jahresfrist in eine industrie- und gewerbefreie Zone mutiert.

  • Wiederholt sich 1930?

    Wiederholt sich 1930?

    Vor einigen Tagen habe ich mal wieder Sebastian Haffners kurzes, von Anfang bis Ende knackig formuliertes Buch „Anmerkungen zu Hitler“ in die Hand genommen und an einem verregneten Wochenende in einem Rutsch durchgelesen. Bereits zum dritten Mal. Zuerst zum Abitur hin Anfang der 80er. Erneut vor zehn Jahren in einer Alki-Klinik, wo ich aufgrund von 25 Valium, die wie träge pharmazeutische U-Boote in meiner Blutbahn dümpelten, hinsichtlich Aufnahme- und Merkfähigkeit doch arg verlangsamt war. Es fühlte sich deshalb wie Neuland an, als ich den kleinen Band am vergangenen Samstag aus dem Regal rausfischte, wo er seit meiner Rückkehr aus der Geschlossenen vor sich hinstaubte.

    Die TB-Ausgabe von Kindler umfasst 200 Seiten, gegliedert in sieben Kapitel: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat.

    Aufgrund des seit fünf Jahren zu beobachtenden Aufstiegs einer Rechtsaußengruppierung, die 2013 von ein paar europakritischen VWL-Professoren als Anti-Euro-Partei ins Leben gerufen und kurze Zeit später von konservativ-nationalen bis hin zu völkischen Kräften gekapert wurde, interessierte ich mich besonders für die Passagen, in denen Haffner die der Machtergreifung vorangehenden Jahre seziert. Die Frage – genauer gesagt: die Sorge – die mich umtreibt lautet: Kann sich sowas wie 1933 bei uns in Deutschland wiederholen? Bzw. erleben wir im Moment eine ähnliche Vorgeschichte wie die, die damals das Finale der Weimarer Republik einläutete?

    Groko wackelt – extreme Ränder erstarken

    Im Kapitel „Erfolge“ führt Haffner dazu aus:

    Sie (die stabile Phase der Weimarer Republik … Anm. d. Verf.) hielt vor, solange (von 1925 bis 28) eine Mitte-Rechts-Koalition aus Katholiken, Rechtsliberalen und Konservativen die Reichsregierung bildete. Damit war vorübergehend das staatstragende Parteiensystem zum ersten und einzigen Mal auf die ganze Breite des Rechts-Links-Spektrums ausgedehnt …. denn an der Staatstreue der nunmehrigen Opposition aus Sozialdemokraten und Linksliberalen war ohnehin nicht zu zweifeln.

    Aber das blieb Episode. Als 1928 die Reichsregierung die Wahlen verlor und, zum ersten Mal seit 1920, ein Sozialdemokrat wieder Reichskanzler wurde, war alles schon wieder verloren. Die Konservativen – unter einem neuen Führer Hugenberg – gingen wieder auf stramm antirepublikanischen Kurs … So etwas wie das Wahlergebnis von 1928 sollte der Rechten nie wieder passieren können, die Regierung – eine ewige Rechtsregierung – sollte von Parlament und Wahlen unabhängig gemacht werden … die Parlamentsherrschaft sollte weg, ein Präsidialsystem her.

    Im Zuge der Ende 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise, die Deutschland besonders schwer trifft, zerbricht im März 1930 die Große Koalition (SPD, Zentrum, DVP und DDP) über der Frage, wie die Lasten der unter Kostendruck geratenen Arbeitslosenversicherung gerecht verteilt werden können. Kanzler Müller (SPD) tritt zurück; sein Nachfolger Brüning (Zentrum) regiert mittels Notverordnungen. Bei den vorgezogenen Wahlen im September 30 erzielt die NSDAP mit 18,3 Prozent das zweitbeste Ergebnis aller angetretenen Parteien.* Brüning wurschtelt sich – mal mehr, mal weniger von den konservativen Fraktionen unterstützt – bis zum Mai 1932 durch. Dann ist er mit Latein, Spardiktat und Notverordnungen am Ende.

    Ihm folgen mit jeweils kurzen Gastspielen von Papen und Schleicher, deren Hauptaugenmerk statt auf die Mühen des politischen Tagesgeschäfts vor allem auf den Umbau der parlamentarischen Demokratie in eine Präsidialdiktatur gerichtet ist. Bei der – wiederum vorgezogenen – Wahl im Juli 32 verdoppeln die Nationalsozialisten ihren Stimmenanteil auf 37,3 Prozent und stellen nun die stärkste Fraktion im Reichstag. Ohne die Erzdemokratiehasser geht nichts mehr in Berlin. Papen, der gerade Schleicher gestürzt hat, verfällt auf die glorreiche Idee, sich Hitler als Juniorpartner anzudienen. Allerdings mit der Vorgabe, dass bloß drei Nationalsozialisten dem Kabinett angehören dürfen. Der Rest der Mannschaft solle aus DNVP-Ministern bestehen. Bei diesem Schachzug spekuliert man darauf, Hitler einzurahmen und zu befrieden. Der, wissend, dass er den längeren Atem und die besseren Karten besitzt, lässt sich auf den Deal ein. Hindenburg – zugegebenermaßen etwas widerwillig – ernennt den böhmischen Gefreiten zum Kanzler, zwei Tage darauf wird der Reichstag aufgelöst. Etappe 1 der Machtergreifung erfolgreich abgeschlossen. Der Rest, der jetzt zwölf Jahre lang folgt, ist allseits bekannte Zombieapokalypse.

    Hitler käme heute in modernem Gewand daher

    Das kann man nicht miteinander vergleichen, meinen Sie? Geschichte wiederholt sich nicht, schieben Sie noch hinterher? Ja und nein, antworte ich. Natürlich wiederholt sich Geschichte nie eins zu eins. Auch Hitler, erwachte er morgen aus dem künstlichen Kälteschlaf, in dem er seit 1945 in einem streng geheimen CIA-Labor im paraguayanischen Urwald gehalten wird, ginge im Herbst 2018, nachdem er gefrühstückt und die Tageszeitung gelesen hat, den Sturz der Demokratie auf modernen Wegen an. Allerdings würde er sich bei seiner Mission Tyrannis 2.0 ebenfalls hin und wieder probater Mittel aus Weimar bedienen.

    Zurück zur Ausgangsfrage: Können sich 1930, 32 und 33 in Deutschland wiederholen? Ähneln sich die Umfeldparameter?

    Der damaligen Massenarbeitslosigkeit und den Suppenküchen würden heute Dauer-Hartz4-Prekariat und Discounter-Tiefkühlpizzen entsprechen. Die Wut auf die Versailler Verträge korrespondiert mit dem Hass auf die EU und ihre undurchschaubare Bürokratie. Die Groko lag in Weimar genauso wie heute in Berlin in Scherben. Mit etwas Kopfkino gelingt es mir, Seehofer als Reinkarnation Hugenbergs zu begreifen. Die CSU streift das lästig gewordene C ab und wandelt sich zur DNVP, die endlich keinerlei Berührungsängste mit der extremen Rechten mehr zeigen muss. Sachsens CDU macht ja bereits erste Avancen in Richtung möglicher Koalitionen auf Landesebene. ZU weit hergeholt, unterbrechen Sie mich? Vielleicht haben Sie recht. Aber hin und wieder überkommt mich abgrundtiefer Pessimismus, wenn ich zu lange in Facebook unterwegs bin.

    Wiederholt sich Geschichte?

    Hören wir, was Haffner dazu sagt:

    Man fragt oft: Würde ein Hitler dieselbe Chance wie 1930 haben, wenn er heute in der Bundesrepublik aufträte – besonders wenn Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit ein ähnliches Ausmaß gewönnen wie damals in der Weimarer Republik?

    Die Antwort folgt einen Absatz später:

    Nein, Hitler würde nicht dieselbe Chance haben, und zwar deswegen nicht, weil es in der Bundesrepublik keine staatsablehnende Rechte gibt, die den Staat vorbereitend für ihn zu zerstören bereit wäre.

    Die Erklärung für diesen, uns Wohlstandskindern fremd anmutenden, Gedanken liefert Haffner sofort:

    Ein Staat zerfällt ja nicht ohne weiteres durch Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit, sonst hätte zum Beispiel auch das Amerika der Großen Depression … zerfallen müssen. Die Weimarer Republik ist nicht durch Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit zerstört worden, obwohl sie natürlich zur Untergangsstimmung beigetragen haben, sondern durch die schon vorher einsetzende Entschlossenheit der Weimarer Rechten, den parlamentarischen Staat zugunsten eines unklar konzipierten autoritären Staats abzuschaffen. Sie (die Republik) ist auch nicht durch Hitler zerstört worden, Er fand sie schon zerstört vor, als er Reichskanzler wurde, und er entmachtete nur die, die sie zerstört hatten.

    Das ist ja erstmal beruhigend, denke ich und wische mir den Schweiß von der Stirn. Die Rechten müssen unsere Institutionen entern und die wichtigen Schaltstellen besetzen, bevor sie den Staat von innen heraus zerschreddern können. Das kann ja noch ewig dauern. Bis es soweit ist, liege ich friedlich in einem anonymen Grab auf dem schönen Poppelsdorfer Friedhof in Bonn. Aber, aber, was weiß ich, wie weit die Infiltration inzwischen schon vorangeschritten ist? Lange genug an der Macht waren die Konservativen ja seit Kohls geistig-moralischer Wende 1982. Knapp vier Jahrzehnte müssten reichen, um einige Behörden von links auf rechts umzukrempeln. Unübersehbar ist die Sehnsucht der Spahns, Dobrindts und Kretschmers nach einem kräftigen Rechtsschwenk, sobald die ewige Merkel demnächst Geschichte sein wird. Der Kampfruf lautet: Konservative Revolution. Weg mit den 68ern! Mit Volldampf zurück in die Heile-50er Jahre-Romantik, als Männer noch Männer sein durften, Schwulsein verboten war und man nicht ständig an die Gräuel des Nationalsozialismus erinnert wurde. Weitgehend ungestört von der Opposition, denn die wäre schwach und großenteils mit sich selbst beschäftigt. Darauf zu wetten, dass sich die SPD bei der nächsten Bundestagswahl wieder kraftvoll aus ihrem Jammertal erhebt, ist genauso riskant, wie auf Köln als übernächsten Deutschen Meister zu tippen.

    Wie wär’s für den Übergang mit einem Kabinett der nationalen Wiedergeburt, angeführt von einem Kanzler Spahn, assistiert von einer Innenministerin v. Storch und einem Chefdiplomaten, der gerne Krawatten mit Hundemuster trägt? Jetzt schwelgen Sie aber in Fieberträumen, Herr Kolumnist, rufen Sie? Mag durchaus so sein. Ich messe mir gleich mal vorsichtshalber die Temperatur.

    Von der Vergleichbarkeit des vermeintlich Unvergleichbaren

    Um jetzt aber endlich zum Ende dieser Kolumne zu gelangen, wissend , dass lange Texte die Leser nur unnötig anstrengen – lassen sich die Stationen, die das Ende der Weimarer Republik einläuteten und die Situation heute miteinander vergleichen? Bzw. ähneln sie sich? Vergleichen kann man natürlich beinahe alles miteinander. So auch das Auseinanderbrechen der Groko 1930 mit dem desolaten Zustand der aktuellen Neuauflage, Seehofer oder seinen jüngeren Alter ego Dobrindt mit Hugenberg oder die AfD mit den italienischen Faschisten. Wenngleich der erstgenannten Truppe bisher begnadete Rhetoriker vom Format Mussolinis und Goebbels – vom diabolischen Charisma Hitlers ganz zu schweigen – völlig abgehen. Ein Höcke macht noch keine Machtergreifung. Gottseidank! Ob das bloß fruchtlose Gedankenspiele sind, hängt vom politischen Standpunkt des Betrachters ab. Für die einen bedeuten zwanzig Prozent Rechtspopulisten im Parlament eine erfrischende Abwechslung, für mich hingegen eine tägliche Bedrohung. Halt, wie so vieles im Leben, eine Sache der individuellen Grundausrichtung. Worüber ich mich nämlich keinerlei Illusion hingebe, ist der Umstand, dass ein Fünftel meiner Mitbürger reaktionär und demokratiefeindlich eingestellt ist. Tendenz im Moment weiter steigend.

    Deshalb hier mein Kompromissvorschlag: Ausgangslagen und handelnde Akteure sind bei streng wissenschaftlicher Betrachtung unterschiedlich. Für einen fantasiebegabten Kolumnisten hingegen schimmern jede Menge Parallelen durch. Ich hoffe, Sie können mit diesem Mittelweg leben. Also, ich kann’s.

    Was ich aber genau weiß: Sollte ich eines Morgens aufwachen und im Radio die Nachricht hören: „Kanzler Spahn gestürzt. Weidel folgt ihm nach und löst als erste Amtshandlung zum Schutz des Volkes den Bundestag auf“, werde ich mich noch am selben Tag auf den Weg zur nächstgelegenen Geschäftsstelle der Antifa machen. Wenn es dann dafür nicht bereits zu spät ist.

    * Nachtrag: Gemäß aktueller Sonntagsumfrage erzielt die AfD auf Bundesebene 17%, überholt die SPD und würde mit diesem Stimmenanteil die zweitstärkste Fraktion im BT stellen. Die Groko landet addiert bei 43% und entfernt sich mit jedem Tag ihres Fortbestehens weiter vom Mehrheitswillen der wählenden Bevölkerung.
    ……………………………………………….

    Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler. 4te Aufl., 1978, Verlag Kindler.

    Hier geht’s zur Replik von Leonid Luks

  • „Ich trage Kopftuch. Na und?“

    „Ich trage Kopftuch. Na und?“

    Solange unsere Mütter und Großmütter in deutschen Krankenhäusern putzten und in Großküchen Kartoffeln schnibbelten, hat sich kein Mensch für das Kopftuch interessiert. Erst jetzt, wo eine selbstbewusste Generation junger Muslima mit Kopftuch in den Universitätsvorlesungen sitzt und in akademische Berufe drängt, wird dieser kleine Fetzen Stoff zum Riesenthema aufgebauscht.
    (c) Raja A. (33 Jahre, Rechtsanwältin)

    Es ist ein schöner Spätsommertag, an dem Raja A. und ich uns für ein Interview verabreden. Wir arbeiten gemeinsam in einer auf Verbraucherschutz spezialisierten Düsseldorfer Kanzlei. Sie als Anwältin im Bereich Mandanten-Support, ich als Mann fürs Kaufmännische, der für sämtliche Zahlen zuständig ist, auf die Juristen bekanntermaßen keine Lust verspüren. Raja stieß vor zwei Monaten zu uns, ist ein quirliger, fröhlicher Typ. Worte und Sätze sprudeln unaufhörlich aus der zierlichen Person heraus. Ich taxiere sie auf die doppelte Sprechgeschwindigkeit im Vergleich zu meiner. Raja erscheint jeden Tag mit einem andersfarbenen Kopftuch, muss ein paar Dutzend dieser Stoffteile besitzen. Sie trägt es in der Variante Hidschab. Das ist ein langer Schal, der um Hals und Kopf geschlungen wird und dabei Haare, Ohren, Schultern und Ausschnitt bedeckt. Immer modisch abgestimmt auf den Rest der Kleidung. Sie ist Deutsche mit marokkanischen Wurzeln – der Begriff „Migrationshintergrund“ klingt ihr zu bürokratisch –, zweite Generation. Die Familie stammt aus Tanger; mir bestens bekannt als Schauplatz von Teil 3 der Bourne-Trilogie. Raja spricht Deutsch als Muttersprache und beherrscht ebenfalls den marokkanischen Dialekt des Arabischen. In ihrer Freizeit reist sie gerne und hält sich abends nach dem Job in einem Sportstudio fit.

    Wir nutzen die Mittagspause, um uns auf einer Parkbank im Benrather Schlosspark über das Kopftuch, die Beweggründe, es zu tragen und ihre Erfahrungen mit Diskriminierung zu unterhalten.
    —-

    Hir: Raja, lass mich mit dieser Frage beginnen: Trägst du das Kopftuch aus Familientradition oder aus religiöser Überzeugung?

    Raja A.: Das Kopftuch ist für mich kein Symbol, sondern ein Teil meiner religiösen Identität. Ich habe mich mit 23 dafür entschieden, es zu tragen. Vorher hatte ich mich intensiv mit den religiösen Geboten meines Glaubens beschäftigt. Es gab keinerlei familiären Druck, es zu tun. Meine Schwester und meine Schwägerin tragen es nicht. Für mich persönlich hat das nichts mit familiären oder traditionellen Strukturen zu tun, sondern es ist meine freie Entscheidung aufgrund religiöser Überzeugung.

    Hir: Könntest du das bitte nochmal etwas präzisieren. Womit könnte man das bei einem Christen vergleichen?

    Raja A.: Das Kopftuch hat viel mit religiösen Werten zu tun: Frömmigkeit, Zufriedenheit, Bescheidenheit. Das Kopftuch vermittelt diese Werte, gibt mir einen gewissen Schutz, gibt Distanz zu gewissen Sachen.

    Hir: meint genau was?

    Raja A.: Mit einem Kopftuch würde man nicht unbedingt an einer Stange tanzen. Es gibt Schutz vor dem eigenen Ich, bedeutet Keuschheit. Es bedeckt einen Teil meiner Schönheit, gibt mir Respekt vor meiner eigenen Schönheit.

    Hir: Kennst du irgendwas im Christentum, das damit korrespondiert?

    Raja A.: Bei Frauen nein. Im modernen Christentum ist mir kein Gebot bekannt, das Frauen auferlegt, sich zu bedecken. Existiert aber im Judentum. Auch hier bedecken sich die Frauen mitunter mit einem Schleier.

    Hir: Das zugrundeliegende Gebot heißt wie?

    Raja A.: Bedecke deine Haare, Schultern und Brüste mit einem Schleier.

    Hir: Dieses Gebot entstammt direkt dem Koran?

    Raja A.: Ja … in den Hadhiten wird nur beschrieben, wie sich die Frauen in der frühislamischen Zeit kleideten. Das zugrundeliegende Gebot steht aber im Koran selbst.

    Viel freierer Umgang mit dem Thema in Großbritannien

    Hir: Warum hast du diese Entscheidung gerade mit 23 getroffen? Weshalb nicht früher oder später?

    Raja A.: Der Entschluss reifte in mir während meines Jurastudiums. Im Sommer 2008 unternahm ich dann mit einer muslimischen Jugendgruppe eine Reise nach England. Speziell während unseres Aufenthalts in London bemerkte ich, dass dort viel freier mit dem Thema Kopftuch umgegangen wurde als bei uns. Niemand schien sich darum zu scheren. Keine komischen Blicke wie in Deutschland. Sogar auf Plakaten wurde mit Kopftuch tragenden Frauen geworben. Sowas kannte ich aus der Heimat überhaupt nicht. Als gläubige Muslima, die ich damals schon war, war das das letzte Puzzlestück, das mir zu meiner endgültigen Entscheidung gefehlt hatte. Mich überkam während dieser Reise das starke Gefühl: Das ist jetzt der richtige Zeitpunkt, es zu tragen.

    Hir: Was bedeutet gläubig für dich sonst noch?

    Raja A.: Meine persönliche Interpretation von Glauben lautet: Den Glauben den man gewählt hat ganzheitlich zu leben. Güte, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Zufriedenheit, mit Bedürftigen teilen, Engagement für Tiere … ich bin Vegetarierin.

    Die 5 Pflichtelemente des Islams lauten: Glaube an den einzigen Gott und an seinen letzten Propheten, fünf Mal am Tag beten, Fasten im Ramadan, spenden und pilgern.

    Für mich ist es wichtig, ein ehrlicher Mensch zu sein und durch mein Dasein die Welt etwas besser zu machen.

    Bei diesen Werten gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten mit anderen Religionen und Kulturen.

    Ich persönlich habe mich mit 18 für den religiösen Weg entschieden.

    Hir: Deine Mutter trägt Kopftuch?

    Raja A.: Ja. Aber erst seit ihrem 40sten Lebensjahr.

    Hir: Was ist gut am Kopftuch? Bietet es beispielsweise Schutz vor ungewollter männlicher Anmache?

    Raja A.: Das Kopftuch ist eher ein Schutz vor mir selbst als den Männern gegenüber. Das Kopftuch schützt mich nicht davor, ob mich ein Mann attraktiv findet oder nicht. Es ist abhängig von meinem Verhalten – egal, ob ich Kopftuch trage oder nicht – wie ich auf Männer wirke.

    Es ist für mich ein guter Reminder, ich werde täglich daran erinnert, wer ich bin; sicherlich hat es auch Einfluss auf mein Verhalten.

    Hir: Würdest du dich in der Interaktion Frau-Mann anders verhalten, wenn du dein Haar offen trügst?

    Raja A.: Ich glaube nicht. Das Kopftuch entscheidet nicht darüber, wie meine Interaktion mit Menschen geschieht. Meine Werte bestimmen mein Verhalten und die Interaktion mit anderen Menschen.

    Im Referendariat war’s am Schlimmsten

    Hir: Du gibst das Stichwort zu meiner nächsten Frage: Fühlst du dich durch das Kopftuch diskriminiert?

    Raja A.: Ja! Auf vielen Gebieten. Z.B. auf dem Arbeitsmarkt. Viele Arbeitgeber in Deutschland sind nach wie vor nicht bereit, eine Frau mit Kopftuch einzustellen. Und das liegt vor allem daran, dass wir nicht genügend über das Kopftuch aufklären.

    Bei den Vorstellungsgesprächen wird einzig auf das Tuch gestarrt. Und mein Lebenslauf und meine Zeugnisse gar nicht beachtet. Dann wird gesagt: »Das passt nicht zu unserem Frauenbild«. Und das ist patriarchalisches Denken. Es wird nicht mit den Frauen geredet, die Kopftuch tragen, sondern es wird über sie geredet. Es wird mit den Leuten diskutiert, die es nicht tragen, und die keine Ahnung vom Islam haben. Und das kann nicht Sinn der Sache sein.

    Hir: Kannst du das noch etwas detaillierter schildern?

    Raja A.: Ich ernte abwertende Blicke, wenn ich einen Raum betrete. Die Leute schauen erstaunt, weil sie aufgrund des Telefonats eine blonde, blauäugige Deutsche erwartet hatten und nun erscheint eine Kopftuch tragende Frau, der man die ausländische Herkunft ansieht, zum Gespräch. Oder aber man sagt zu mir: »Frau A., gerne können Sie bei uns beginnen. Dann aber ohne Kopftuch«.

    Hir: Hast du ein paar weitere Situationen für uns, in denen du dich wegen des Kopftuchs benachteiligt fühltest?

    Raja A.: Eine Kopftuch tragende Frau erfährt in der deutschen Gesellschaft oft Ablehnung. Sie wird schnell in die schlecht Deutsch sprechende, unterdrückte Schublade einsortiert.

    Mein bisher schlimmstes Erlebnis war die Referendarstation bei der Staatsanwaltschaft. Mein Ausbilder – ein älterer Herr Mitte 50 – empfängt mich mit den Worten: »So nicht!«
    Ich antworte völlig überrascht: »Wie bitte?«
    Darauf er: »Das ist ja eine Frechheit mit Ihrem Kopftuch.«
    Ich antworte: »Das wird schwierig mit uns beiden werden, denn ausziehen werde ich es auf keinen Fall«.

    Er bringt dann das Beispiel mit den Lehrerinnen, denen das ja auch untersagt sei. Woraufhin ich ihm erkläre, dass das überhaupt nicht stimmt. Es gibt eine Gymnasiallehrerin, die heißt Fereshta Ludin, die wegen ihres Berufsverbots bis zum Bundesverfassungsgericht klagte. Das Gericht erklärte, dass ein generelles Verbot einzig für Kopftuchträgerinnen nicht haltbar wäre. Es sei zudem Ländersache, inwieweit Gesetze erlassen werden, um sämtliche religiösen Symbole zu unterbinden.

    Um zum Ausbilder in der Staatsanwaltschaft zurückzukommen: Ich habe dann bei ihm trotzdem meine Wahlstation gemacht. Durfte allerdings nicht vor Gericht plädieren. Als Begründung wurde ich gefragt: »Wie soll sich denn der Angeklagte fühlen, wenn er sich mit einer Staatsanwältin konfrontiert sieht, die Kopftuch trägt?« Was für ein fadenscheiniger Unsinn! Der Angeklagte ist ein Betrüger, Vergewaltiger oder Mörder, eben jemand, dem eine x-beliebige Straftat vorgeworfen wird. Und er bekommt Angst vor einer Kopftuch tragenden Staatsanwältin? Eine völlig willkürliche Argumentation des Chefs, der jede Grundlage in den Verwaltungsvorschriften fehlte.

    Diese Station war für mich damals psychisch sehr belastend, weil ich die Ablehnung dort täglich zu spüren bekam. Jeden Morgen, wenn ich ins Büro aufbrach, wusste ich schon auf der Hinfahrt, dass es ein emotional unschöner Arbeitstag werden würde.

    Hir: Gab’s da nicht auch eine Geschichte im Fitnesscenter?

    Raja A.: (lacht) Du hast ein gutes Gedächtnis. Ja, davon hatte ich dir schon mal erzählt … vor einigen Jahren begleitete ich eine Freundin in deren Sportstudio und wollte ein Probetraining absolvieren. Erst war alles okay mit mir und Kopftuch. Bis sich plötzlich ein älterer Mann bei der Studioleitung über mich beschwerte. Die zitierte mich zu sich und erklärte mir, dass man mit Kopftuch nicht trainieren dürfte. »Warum?«, fragte ich. »Das steht so in der Hausordnung«, bekam ich zur Antwort. »Dann möchte ich diese Hausordnung mal sehen«, verlangte ich. Als Juristin sind solche Sachen ja ein gefundenes Fressen für mich. Es stand natürlich nicht drin. Weshalb auch? Ich wollte daraufhin das Training fortsetzen. Das wurde mir aber nicht gestattet, ich bekam Hausverbot. Das muss man sich mal vorstellen: Rassentrennung in einem deutschen Sportstudio.

    Hir: Wie ging die Angelegenheit aus?

    Raja A.: Ich habe mit Leserbrief an die Zeitung gedroht und das Studio verlassen. Habe den Brief zwar nie geschrieben, mich allerdings in einem anderen Studio, in dem man mit dem Kopftuch keine Probleme hat, angemeldet. Ich meine, es gibt einige Spitzensportlerinnen, die das Tuch sogar bei Wettkämpfen tragen, und da soll es in einem Wuppertaler Fitnesscenter nicht möglich sein? In welchem dunklen Jahrhundert leben wir?

    Der Staat soll sich nicht in die Kleidung seiner Bürger einmischen

    Hir: Was wäre, wenn das Tragen in Deutschland verboten würde? Wie würdest du reagieren?

    Raja A.: Ich würde mich mit allen mir zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln dagegen wehren.
    Ein Verbot würde für mich bedeuten, dass ich in Deutschland nicht mehr leben kann, da muslimisches Leben eingeschränkt und für mich nicht mehr möglich wäre.

    Artikel 4 unseres Grundgesetzes sichert die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Man darf glauben, was man will und sich natürlich ebenfalls entsprechend kleiden. Das Kopftuchtragen muslimischer Frauen ist von der Verfassung geschützt, und es handelt sich um ein hohes Gut, mit dem wir insbesondere auch die Religionsfreiheit der Minderheiten schützen.

    Hir: Solltest du mal Töchter haben – müssten die das Kopftuch tragen?

    Raja A.: Bei Erziehung denke ich nicht an müssen oder nicht-müssen, sondern an eine Begleitung auf Augenhöhe. Meine Töchter können und sollen sich frei entscheiden. Aber das könnte eventuell auch schon früh passieren. Ich möchte gerne meine Kinder dabei begleiten, selbstbewusste und selbstbestimmte Menschen zu werden.

    Hir: Wenn wir mal an das Mobbing in Kindergarten und Grundschule denken – wäre es nicht besser, falls die Entscheidung erst mit 14, 16 oder 18 fiele?

    Raja A.: Kinder mobben nicht. Sie sind ein Spiegelbild ihrer Eltern. Man kann – auch kleine – Kinder über das Kopftuch sehr gut mit pädagogischen Mitteln aufklären. Dann würde auch nicht gemobbt.

    Der Gesetzgeber soll Kleidung – auch für Kinder – nicht vorschreiben oder verbieten. Der Erziehungsauftrag liegt in erster Linie bei den Eltern.

    Hir: Was ist mit gemeinsamem Sportunterricht?

    Raja A.: Erlaubt. Ich selber mache jeden Sport mit. Ich trage allerdings die Islam-übliche Kleidung dabei.

    Hir: Und das besonders diskutierte gemeinsame Schwimmen?

    Raja A.:Trage ich Kopftuch, dann wähle ich den Burkini. Trage ich keins, dann ist auch ein herkömmlicher Badeanzug in Ordnung.

    Das Kopftuch bedeutet auch Befreiung

    Hir: Siehst du das Kopftuch nicht manchmal insgeheim doch als Symbol männlicher Machtstrukturen?

    Raja A.: Nein ich sehe das nicht so. Das Kopftuch ist Ausdruck individueller Religiosität und hat an sich nichts mit patriarchalischen Machtstrukturen zu tun. Sicherlich kann es wie alle anderen Mittel, Normen oder Haltungen für solche missbraucht werden.

    Die Benachteiligung der Frau, auch im Westen, besteht für mich beispielsweise darin, dass wir Frauen weniger Geld verdienen bei gleicher Arbeit und das völlig unabhängig davon, ob wir ein Kopftuch aufhaben oder nicht.

    Hir: Wie hältst du es mit der Burka?

    Raja A.: Die Burka gründet für mich auf keiner religiösen Pflicht. Sie wirkt auch auf mich befremdlich, bewirkt große Distanz zur Trägerin.

    Trotzdem bin ich gegen ein Verbot. Eine demokratische Gesellschaft muss das aushalten. Es gibt einige, die sich ne Menge ausziehen und andere, die sich viel Stoff anziehen möchten. Beides muss möglich sein.

    Hir: Lass uns zum Schluss hin noch auf einen besonders sensiblen Punkt kommen. Stehen deiner Meinung nach streng religiöse Menschen überhaupt noch auf dem Boden der Verfassung? Überlagern im Zweifelsfall göttliche Gebote die weltliche Gesetzgebung?

    Raja A.: Ich bin stolze deutsche Bürgerin und bin stolz auf unser Grundgesetz. Ich möchte nur in einer Demokratie mit funktionierender Gewaltenteilung leben. Für die verfassungsrechtlichen Werte stehe ich komplett ein. Diese Verfassung gewährt mir, meinen Glauben frei auszuüben und gleichzeitig gebietet mir meine Religion, dass ich die Gesetze des Landes einzuhalten habe, in dem ich lebe.

    Hir: Wie siehst du dich selbst als zweite Genration in unserem Land?

    Raja A. Ich bin Deutsche mit marokkanischen Wurzeln. Den Begriff „Migrationshintergrund“ mag ich nicht. Meines Erachtens ist der Begriff durch die überbordenden Debatten negativ behaftet. Und lass mich zum Schluss noch Folgendes sagen: Wir jungen Muslima fühlen uns mit Kopftuch frei und selbstbestimmt. Unser Gefühl mit dem Tuch weicht stark von der Einstellung unserer Mütter und Großmütter ab.

    Hir: Raja, herzlichen Dank für das ausführliche und sehr offene Gespräch!

    Das Interview wurde geführt am 14. Sept. 2018 in Düsseldorf-Benrath.

    Mit Dank an Katja Thorwarth, die mich bei der Zusammenstellung des Fragenkatalogs beraten hatte

  • Kolumnisten und andere Taugenichtse

    Kolumnisten und andere Taugenichtse

    »Ihr Autoren führt doch ein superangenehmes Leben«, sagt sie und stochert auf der Terrasse eines Kölner Lokals mit schönem Rheinblick in einem Wurstsalat rum.
    »Wie meinst du das?«, frage ich.
    »Ihr hockt den ganzen Tag in Cafés, trinkt einen Espresso nach dem anderen, beobachtet die Leute und schreibt im Anschluss eine Kurzgeschichte darüber.«
    »Was soll daran verkehrt sein?«
    »Nix ist daran verkehrt. Aber so einfach wie du möchte ich mein Geld auch mal verdienen. Ich sitze vierzig Stunden in einem schlecht klimatisierten Großraumbüro, tippe mir dort die Finger wund, niemand interessiert sich für das, was ich tue, und am Ende vom Monat reicht der mickrige Scheck kaum für die Miete und eine Kühlschrankfüllung.«
    »Schreib halt selber was«, antworte ich.
    »Würde ich gerne tun, habe aber nicht so endlos viel Zeit wie du für sowas. In meinen Augen führst du das Leben eines Taugenichts, der den ganzen lieben langen Tag damit verplempert, auf den einen Einfall für ne zündende Story zu warten, die er dann abends aufs Papier schmiert. Sei dir ja von Herzen gegönnt. Aber seriöse Arbeit ist was anderes.« Sie schiebt den Salat von sich weg in die Tischmitte, und ich sehe, dass sie die Wurststreifen raussortiert und nur den Käse gegessen hat.

    Islam und Sachsen ziehen immer

    Schon mal vorab: Würde ich mit dem Kolumnenschreiben reich werden, hätte ich schon längst damit aufgehört, ein Haus im Trentino gekauft, wo ich im Sommer auf dem Gardasee windsurfe und im Winter in den Dolomiten Ski fahre. Stattdessen sitze ich in der Mittagspause auf einer Parkbank, studiere die Zeitung und zermartere mir das Hirn, welche Nachricht für eine Kolumne taugen könnte. Zur Auswahl stehen heute:

    ▪ Hässlichkeit als Programm – Der Erfolg des italienischen Innenministers liegt in seiner bodenlosen Gemeinheit
    ▪ Grüne: AfD vom Verfassungsschutz beobachten lassen
    ▪ FDP lehnt Mietpreisbremse ab
    ▪ Patin ohne Patent – Sahra Wagenknecht und die neue Sammlungsbewegung Aufstehn
    ▪ Seehofer: Migration ist die Mutter aller politischen Probleme

    Politische Themen – im Moment speziell Islam, Rechtspopulismus und Sachsen – kommen tendenziell immer gut. Die Klickzahlen sind erfreulich, die darunter stehenden Kommentare lassen zwar mitunter Zweifel an Geisteszustand und Seelenhygiene der Absender entstehen; aber was soll’s? Hauptsache, ne kontroverse Diskussion angestoßen. Beiträge übers Saufen, Buchrezis und Lyrik hingegen laufen eher schleppend. Was ja auch nicht großartig verwundert. Trinker sind den gesamten Tag mit der Beschaffung von Nachschub beschäftigt, haben deshalb weder Zeit noch den Kopf frei für schlaue Kolumnen, und der Rest der Bevölkerung verkraftet eh nur noch ultrakurze Texte mit maximal hundert Wörtern Länge, weshalb Literaturbesprechungen für diese Menschen völlig uninteressant sind. Und Lyrik ist sowieso nur was für romantische Spinner.

    Über alles wurde schon tausend Mal geschrieben

    Ich könnte ein paar Zeilen zu Chemnitz tippen Wie mir das selbst gebastelte Opferrollen-Mimimi der Besorgtbürger auf den Sack geht Aber dazu hatte ich vergangene Woche schon was geschrieben. Bloß keine Wiederholung. Auf jeden Fall nicht so eng getaktet. Wird ja nicht die letzte Fascho-Demo im Osten gewesen sein. Jetzt, wo AfD, Pegida, NPD ungeniert Seite an Seite marschieren – endlich zusammenwächst, was zusammengehört –, der Höcke in der Rolle als rachedürstender Klein-Siegfried mit Designerkrawatte vorneweg, und die betrunkenen Hools folgen. Das hat was von wagnerscher Dramatik und nibelungenscher Tragödie.

    Seehofer und sein Alterswahn: Die Migranten. Keine Ahnung, welche Dämonen diesen Mann heimsuchen, dass er die armen Flüchtlinge für sämtliches Unheil, das in unserem Land geschieht, verantwortlich macht. Altersarmut, Wohnungsnot, verfehlte Klimaziele, Dieselabgas-Skandal – alles egal. Hauptsache, mal wieder die Ausländer gedisst und fünf Asylsuchende – streng gesetzeskonform gemäß der Dublin 3-Regeln – an der bayerischen Grenze abgewiesen und nach Österreich zurückgeschickt. Wie viele Leitartikel haben diese Phobie bereits seziert? Viele.

    AfD vom Verfassungsschutz beobachten lassen: ebenfalls eine alte Kamelle, die periodisch wiederkehrend an die nicht-rechte Wählerschaft verteilt wird. Wie die Bonbons vom Kölner Karneval, die an Sankt Martin den Besitzer wechseln. Seehofer sieht, was nicht groß verwundert, keine Anhaltspunkte dafür, die Hellblauen observieren zu lassen. Die würden sich, falls es doch irgendwann gemacht würde, als Märtyrer aufführen, und am besten wäre es meiner Meinung nach sowieso, den Haufen komplett aufzulösen und Mitglieder und Sympathisanten dahin zurückzuverfrachten, wo sie hervorgekrochen sind: an die biergeschwängerten Platten der deutschen Stammtische. Da können sie sich dann in Kleingruppen über den in Kürze bevorstehenden Untergang des Abendlands die Köpfe heißreden, den Sturz des Systems herbeigrölen und sich für den kommenden Tag – sobald der Blutalkoholgehalt wieder unter die Zwei-Promille-Grenze fällt – zur konservativen Weltrevolution verabreden.

    „Hässlichkeit als Programm“ gefällt mir; ein interessanter Artikel im Feuilleton der Süddeutschen. Das allmähliche Salonfähigwerden von Lüge und Gemeinheit. Die Masse applaudiert unverhohlen und bekundet lautstark ihre Sehnsucht nach Arschlochtum und dem schleunigen Überbordwerfen lästiger humaner Prinzipien. Sicherlich spannend, aber auch schon mehrere Dutzend Male durchdekliniert.

    Wagenknechts und Lafontaines Aufstehn. Eine neue linke Bewegung, angeführt von zwei komplett humorbefreiten Galionsfiguren. Selbst wenn ich ein paar von deren Ansichten teilte – ich schlösse mich nie einer Gruppe an, bei der man zum Lachen in den Keller geschickt wird. Ein bisschen Spaß muss schon erlaubt sein. Über Griesgrame in der Politik werde ich heute hundertpro nichts schreiben.

    Bliebe noch die FDP und die Mietpreisbremse. Aber dass die Liberalen, deren Mitglieder und Wähler in Vorortvillen, schicken Lofts oder an der Côte d’Azur leben, mit erschwinglichem Wohnraum für die weniger gut verdienende Bevölkerung nichts am Hut haben, überrascht nun auch nicht gerade. Für einen Meinungsbeitrag taugt das deshalb überhaupt nicht.

    In Zukunft mehr Porno

    Die Mittagspause ist vorüber, die Zeitung durchgelesen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich mit all diesen Themen keinen Pulitzerpreis gewinnen kann. Eigentlich brauche ich heute gar keine Kolumne zu tippen: mir fällt nichts Pfiffiges ein; unlustig und schläfrig bin ich zudem. Vielleicht kommt mir morgen ein Gedankenblitz. Ich könnte ja zur Abwechslung mal was Pornografisches schreiben, oder eine Sitzung mit meiner Psychologin wiedergeben. Wobei natürlich bei Porno und Psychologin eine Schnittmenge existiert. Oder ich schildere das Grauen, das mich packt, sobald ich einen Supermarkt betrete und dort mit meinen stark übergewichtigen, fresswütigen Landsleuten konfrontiert werde. Oder, oder, oder … auf jeden Fall alles spannender als die fünf oben aufgezählten Polit-Gähner. Ich werde ein, zwei Nächte drüber schlafen in der Hoffnung, dass ich mir was Erzählenswertes zusammenträume. Falls nein, dann sauge ich mir halt irgendwas aus den Fingern. Bloß was?

    Sie sehen: 75% der Schaffenszeit verbringt der Kolumnist damit, darüber nachzudenken, was er überhaupt zu Papier bringen soll. Ein kontemplativer Vorgang, der auf Außenstehende wie meine hart arbeitende Kölner Bekannte den Eindruck fortgesetzten Nichtstuns erweckt. Das stimmt aber ganz und gar nicht.

    Und damit jetzt keiner auf die Idee kommt, mich anzupumpen: Kolumnenschreiben ist eine komplett brotlose Kunst. Wir Schreiber ernähren uns einzig von der Aufmerksamkeit des Publikums. Und nun verlasse ich die Parkbank, denn es fängt an zu regnen … ENDE dieser Nicht-Kolumne

    PS. Tschechows Novelle Der Taugenichts ist übrigens sehr unterhaltsam zu lesen

  • Chemnitz – Fanal oder Menetekel?

    Chemnitz – Fanal oder Menetekel?

    Die Szenen, die sich vergangenen Sonntag und Montag in Chemnitz zutrugen, kann man holzschnittartig so beschreiben: Brauner Mob – überwiegend männlich, zum Teil (stark) alkoholisiert – übernimmt für einige Stunden die Regie auf den zentralen Plätzen und Straßen der drittgrößten Stadt Sachsens. Polizei in zu geringer Mannschaftsstärke angerückt lässt die Rechtsradikalen gewähren, ist mit der Situation sichtlich überfordert. Die Hooligans – anscheinend selbst überrascht von der Passivität der Staatsmacht – begnügen sich mit Skandieren rassistischer Parolen, Pöbeln, Zeigen des Hitlergrußes, machohaften Drohgebärden gegenüber Ausländern und einer kleinen Treibjagd auf Migranten. Am Ende des traurigen Schauspiels sind alle froh, dass außer ein paar vollgekotzten Bürgersteigen, angepinkelten Häuserwänden und zerdöpperten Schaufensterscheiben nichts weiter Dramatisches in diesen 48 Stunden passiert ist. Halt eine der im Jahresturnus irgendwo in der Republik aufpoppenden Neonazi-Demos. Schulterzucken, Verweis auf die statistische Wahrscheinlichkeit, Weitermachen im Tagesgeschäft, Sachsen und die Sachsen dürfen in Ruhe weiterwurschteln und wutbürgern. Alles schon erlebt, Heidenau und Hoyerswerda grüßen. Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack zurück. Irgendwas ist anders als sonst. Aber was?

    Geheuchelte Krokodilstränen – Trauer sieht anders aus

    Über den fadenscheinigen Auslöser brauchen wir nicht zu sprechen. Der gewaltsame Tod eines Deutschen, geschehen am Samstagabend – der Tat dringend verdächtig sind ein Syrer und ein Iraker – am Rande des Chemnitzer Stadtfestes. Die beiden jungen Männer wurden binnen weniger Stunden gefasst und von der Justiz einkassiert. Dass die Behörden nicht rasch handeln oder gar auf dem Flüchtlingsauge blind sind, konnte man also definitiv nicht behaupten. Spontan hochkochender Wunsch nach Selbstjustiz entfällt ebenfalls als Begründung, denn die zwei Messerstecher saßen ja bereits hinter Gittern. Trotzdem rotteten sich am Sonntag 1000 – am Montag zwischen 5 und 6000 – Menschen zusammen, die nach Rache gierten. Warum?

    Die Rechten interessierten sich natürlich Nullkommanull für den Ermordeten selbst. Der war Halb-Kubaner, galt politisch als eher linksstehend. Stille Trauer sieht anders aus. Es ging mal wieder um zu viele Ausländer in Sachsen, importierte Kriminalität und „Merkel trägt die Schuld an unserem Elend“. Eigentlich ein stinklangweiliger Dauergähner, von dem man als unpolitischer Normalbürger hofft, dass er sich irgendwann aufgrund Überstrapazierung des Themas von selbst totläuft. Aber dem ist – wie Chemnitz eindrucksvoll bewiesen hat – nicht so.

    Die Politik jenseits der AfD zeigt sich entsetzt, in den sozialen Medien wird darüber diskutiert, ob Volkes Zorn nicht doch berechtigt gewesen sei, die Presse äußert Abscheu. Altbekannte Reflexe und Rituale. Die Nicht-Distanzierung der Hellblauen war vorherzusehen, überrascht hat ein bisschen das Rumlavieren des Innenministers. Vielleicht hat es auch nicht überrascht, weil die CSU seit Monaten versucht, bei den AfD-Anhängern zu punkten. Es ist halt dumm gelaufen, so was passiert eben hin und wieder, kein Grund zur Besorgnis, wir haben die Lage im Griff, rechte Gewalt ist allenfalls ein winziges Randproblem.

    Die Statistik zeigt Richtung Osten

    Ohne nun aber den Chemnitzern und Sachsen zu nahe treten zu wollen, müssen dennoch ein paar Fragen erlaubt sein:

    (A) Kann es sein, dass die Polizei bei rechten Krawallen weniger scharf einschreitet als bei linken Aufmärschen? Vor allem im Osten der Republik scheint das der Fall zu sein
    (B) Warum diese Häufung in den Neuen Bundesländern?
    (C) Welche Maßnahmen sind geplant, damit sich Vorfälle dieser Größenordnung und Intensität nicht wiederholen?
    (D) Wurden wir Zeugen eines Wendepunkts in der Verharmlosung rechter Gewalt, oder markiert Chemnitz den Auftakt zu weiteren Exzessen?

    Die größere Anzahl an politisch motivierten Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund in den Neuen Bundesländern ist nun mal nicht zu leugnen. Die Statistik weist (auf jeweils 100.000 Einwohner bemessen) folgende Zahlen auf:

    5,21 MVP – 4,52 Sachsen-Anhalt – 3,29 Thüringen – 2,80 Brandenburg – 2,80 Berlin – 2,33 Sachsen.

    Dem gegenüber stehen:
    1,50 Ba-Wü – 1,15 NRW – 0,59 Hamburg – 0,53 Bayern – 0,26 Hessen.

    Quelle: Verfassungsschutz, Statista (gefunden in: General-Anzeiger, Bonn: 28.08.2018)

    Die Gründe mögen mannigfaltig sein:

    Dennoch kommt man, spätestens seit der Exzesse von Chemnitz, die aber im Grunde nur überdeutlich sichtbar machen, was in Sachsen schon längst virulent ist, nicht umhin, sich der Frage zu stellen, was dort politisch, institutionell und gesellschaftlich in überproportionaler Häufigkeit völlig aus dem Ruder läuft? Eine seit Jahren erschütternd hohe Zahl rechtsextremistisch motivierter Straftaten, höchster Stimmanteil der AfD bei der letzen Bundestagswahl, ein an Rechtsdrift nicht zu überbietender CDU-Landesverband, eine immer wieder durch rechte Parteinahme unangenehm auffällig Exekutive, mehrfache pogromähnliche Ausschreitungen an diversen Orten (Heidenau, Freital, Jahnsdorf etc.), ungebrochener Zulauf für hetzerische und auf Spaltung abzielende Initiativen wie PEGIDA und deren wohlwollend-relativierende Begleitung örtlicher Medien und Wissenschaftler etc.pp.
    < aus einer Facebook-Diskussion zum Thema „Chemnitz“ >

    Auffallend ist, dass sich diejenigen am fremdenfeindlichsten gerieren, die den wenigsten Kontakt mit Migranten haben. Vergleichbar einem Abt, der seit Jahrzehnten abgeschieden hinter meterhohen Klostermauern lebt und seinen Mönchen sonntags von der Kanzel über die Verderbtheit und Geilheit des Weibes predigt. Sich über eine Sache aufregen, von der man selbst keinen blassen Dunst hat, damit aber Hexenverfolgung und Pogromstimmung lostreten.

    Fanal oder Menetekel?

    Über (A), (B) und (C) wurde schon eine Menge publiziert, weshalb ich mich hier vor allem auf (D) konzentrieren möchte: Wende- oder Ausgangspunkt (?)

    Es existieren – wiederum holzschnittartig vereinfacht – zwei mögliche Entwicklungspfade post Chemnitz:

    Die Politik fängt endlich an, das Thema Rechtsradikalismus nach ganz oben auf die Agenda zu setzen. Und zwar nicht nur als Lippenbekenntnis, sondern garniert mit konkreten Maßnahmen gegen die – zum Teil den Behörden seit langem bekannte – Szene. Parteien, die sich knapp vor der Grenzlinie zur Staatsfeindlichkeit befinden, – wenn man sie schon nicht verbieten kann – zumindest vom Verfassungsschutz beobachten lassen. Und Inlandsgeheimdienst sowie Polizei konsequent von Kollaborateuren bereinigen. Politiker sollten sich – Wahlkampf hin oder her – hüten, Verständnis für rassistisch motivierten Mob und mitmarschierende Wutbürger zu äußern, und damit den Extremen in die Hände zu spielen. Es muss ein allgemeinverbindlicher Grundkonsens für alle Fraktionen – egal ob schwarz, rot, grün oder gelb – existieren, der besagt: Sobald sich Nazis zusammenrotten und Jagd auf Menschen machen, ist Schluss mit lustig.

    Das wäre die Variante Fanal: Handlung als weithin erkennbares Zeichen, das eine Veränderung angestrebt wird.

    Aber während ich diese Zeilen tippe, merke ich selbst, dass ich mich einer gutmenschlichen Illusion hingebe. Kaum ist der Rauch der Bengalos in Chemnitz verflogen, geht es sofort los mit Schuldzuweisungen:

    Wurzeln für Ausschreitungen liegen im ‚Wir-schaffen-das‘ von Merkel“
    Wo er Recht hat, hat er Recht.
    © Nicola Beer in einem Tweet zu einer Aussage von Wolfgang Kubicki

    Zum einen wird der monokausale Unsinn durch ständige Wiederholung nicht wahrer, zum anderen ist der Gedanke zu kurz gesprungen. Denn der Faschismus klopft beharrlich wie ein winterschlafender Alien in unserer deutschen Brust. Zwanzig Prozent der Bevölkerung gelten als anfällig für braunes Gedankengut. In guten Zeiten schlummert die Bestie, wird Nazikram hinter vorgehaltener Hand geflüstert und spätabends an einigen Stammtischen das Horst-Wessel-Lied gegrölt. Periodisch schlüpft das Ungeheuer, ist anfangs klein, aber bereits äußerst aggressiv und gewalttätig, und es hängt nun von Schnelligkeit und Entschlossenheit der Gegner ab, welches Schicksal es erleidet. Wird zu lange mit wirksamen Abwehrmaßnahmen gezögert, spürt die Mörderspinne, dass Gegenwehr unterbleibt, legt sie ihre Eier in der Nachbarschaft, die Krawalle breiten sich auf weitere Städte aus und binnen weniger Wochen entsteht ein kaum noch zu stoppender Flächenbrand. Teile der Konservativen laufen zu den Rechten über, der Rest des Bürgertums, längst in Schockstarre und in Sorge ums eigene Reihenhaus und den BMW vor der Haustür verfallen, wird überrumpelt. Die zweite Demokratie auf deutschem Boden taumelt ihrem Finale entgegen.

    Das wäre dann die Variante Menetekel: Anzeichen eines drohenden Unheils. Gemäß Altem Testament mit Blut an eine Wand im Palast des babylonischen Königs Belsazar geschrieben.

    51-49-Prognose

    Warum so pessimistisch alter Griesgram, fragen Sie? Die Sonne scheint, das Mittagessen steht auf dem Tisch, danach ein kurzes Verdauungsschläfchen, und die Welt sieht im Anschluss wieder heiter aus. Vielleicht haben Sie Recht. Mit zunehmendem Alter wird man eben schwermütiger und erinnert sich an den im Studium zum ersten Mal gelesenen Spruch von Hobbes – den dieser wiederum von Plautus geklaut hatte –: Homo homini lupus. Aber manchmal, wenn man denkt, schlimmer kann es nicht mehr kommen, wacht man am nächsten Morgen auf, schaltet verpennt das Radio an und erfährt erschrocken, dass es doch noch schlimmer geht.

    Ob wir in Chemnitz den Anfang vom Ende des offen zur Schau gestellten Rechtsradikalismus erleben durften? Nachdem, was ich im Nachgang gelesen, in den Nachrichten an Interviews gehört habe, bin ich da skeptisch. Ich sehe weit und breit keinen Verantwortlichen, der bereit ist, die Axt mit vollem Schwung in die Wurzel des Übels zu schlagen. Es wird bei wohlklingenden Reden und dem Ergreifen einiger kleiner Kurskorrekturen bleiben. Wie schon beim NSU-Prozess lässt sich der Staat von den Rechten und ihren beamteten Sympathisanten auf der Nase rumtanzen.

    Und so schätze ich die Wahrscheinlichkeiten für Menetekel auf 51 und Fanal 49 Prozent ein.

    PS. Und es bedeutet KEIN Sachsen-Bashing, wenn man darauf hinweist, dass dort seit Jahren eine zu laxe Politik in Blickrichtung auf die Aktivitäten der rechten Szene betrieben wird. Dasselbe würde man als Kommentator ebenfalls sagen, wenn die Krawalle vermehrt in Hamburg, Baden-Württemberg oder NRW stattfänden. Der Vorwurf der unzulässigen Pauschalisierung ist nichts anderes als der durchsichtige Versuch, die Angelegenheit kleinzureden

  • Kaffee-Kolumne

    Kaffee-Kolumne

    »Man kann über alles eine Kolumne schreiben«, sagt sie und nippt an einem Glas Apfelwein.
    »Tatsächlich über alles?«, hake ich erstaunt nach.
    »Natürlich. Ich habe schon Texte über nackte männliche Oberkörper und das Dirndl, beides sind übrigens patriarchale Bevormundungsinstrumente, zu Papier gebracht.«

    Wir sitzen in einer Gaststätte im Frankfurter Stadtteil Alt-Sachsenhausen und fachsimpeln übers Kolumnenschreiben. »Der Apfelwein hier ist selbstgekeltert, und den Handkäse musst du UNBEDINGT probieren.« Vom Apfelwein lasse ich als Abstinenzler die Finger weg, bestelle mir alternativ – weil Coke Zero nicht im Angebot ist – eine Apfelschorle. Der Handkäse, der hier Frankfurter und nicht Mainzer heißt, wird in einer Essig-Zwiebel-Kümmel-Tunke serviert – leicht blumig als „mit Musik“ deklariert –, schmeckt ganz okay. Bei mir zu Hause hätte ich noch ein paar Tropfen Tabasco drüber gegeben. Aber sei’s drum.

    »Kolumnen kannst du auch übers Wetter und Kaffee tippen«, sagt sie.
    »Meinst du wirklich?«
    »Klar!«

    25 in meiner Apfelschorle abgesoffene Wespen später trennen wir uns, und auf der Fahrt zurück nach Bonn überlege ich, ob ich mich am Kaffee versuchen soll. Fürs Wetter fühle ich mich definitiv noch ein paar Jahre zu jung. Das ist ein Thema für Rentner und Herrn Kachelmann.
    Also: nun was zum Kaffee.

    Ziegen waren es, die den Kaffee entdeckten

    Dass der Kaffee ursprünglich aus dem abessinischen Hochland stammt, sich das Wort von Kaffa* (Name eines kleinen Königreichs in Äthiopien) herleitet und der Samen (altarabisch Bunn oder Bon, daher rührt wiederum die heutige Bohne) einer roten Frucht von einem immergrünen Strauch ist, der wiederum der Gattung Rubiaceae angehört und am besten zwischen 23° Nord und 25° Süd wächst, weiß jedes Kind.

    Die Legende erzählt, dass Ziegen die ersten waren, die sich an den Kirschen probierten, woraufhin sie wie toll durch die Gegend sprangen und tagelang nicht mehr beruhigten. Einige Wochen danach rasteten die Hirten mit ihrer Herde in einem nahe gelegenen Kloster und erzählten dort von diesem Erlebnis. Die Mönche, neugierig geworden, testeten nun ihrerseits die Beeren und stellten fest, dass man das geschmacklich interessanteste Ergebnis durch Röstung der Kerne erzielt. Sie priesen das neue Getränk, das sie dazu befähigte, nun auch nachts ihre Gebete zu verrichten, ohne dabei einzuschlafen. Die Kunde von der muntermachenden Wirkung des Suds verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der arabischen Welt, wo der Kaffee ab dem 11ten Jahrhundert zum Standardgetränk avancierte, das in keinem Haushalt fehlen durfte.

    Europäische Forscher und Handlungsreisende lernten das Hallo-wach-Rauschmittel am Ende der Renaissance-Epoche bei Ausflügen nach Istanbul und Aleppo kennen und verfrachteten den Stoff auf allerlei Wegen – die oft über Venedig führten – ins christliche Abendland. Die Verbreitung der roten Frucht geschah schnell und folgte den alten Handelsrouten über die Alpenpässe und die Rhone entlang nach Norden. Erste Kaffeehäuser entstanden in Italien, kurz danach in Frankreich, Österreich, Deutschland und England. Der Kaffee trat in Konkurrenz zum Alkohol und schickte sich an, diesem Platz 1 als Volksdroge streitig zu machen. Das war auch dringend nötig, denn der Branntweinkonsum im Europa der frühen Neuzeit hatte in einigen Gebieten beängstigende Ausmaße angenommen, ganze Landstriche drohten, in Suff und Verwahrlosung abzugleiten. Da kam der Kaffee als Antidot gerade recht. Die handelstüchtigen Holländer transportierten die Sträucher nach Indonesien, um die Pflanze dort anzubauen. Dasselbe taten die Portugiesen in Brasilien und die Spanier in Mittelamerika. Das Produktionsmonopol der Araber war zur Mitte des 18ten Jhrd.s gebrochen.

    Kaffee wurde entweder in Apotheken als Arzneimittel

    Belebt den Geist und erfreut das Herz. Ist sehr gut gegen Augenleiden, vertreibt Vapeurs und Kopfschmerzen, beugt Schwindsucht und Lungenentzündung vor, eignet sich vorzüglich zur Heilung von Wassersucht, Gicht, Skorbut, Melancholie, Hypochondrie, verhindert Fehlgeburten. Er wirkt allerdings nicht abführend noch adstringierend
    gefunden in: Kaffee – eine Kulturgeschichte, von Felipe Ferré

    oder in speziellen Lokalen als Modegetränk verkauft. Nicht jeder war jedoch von seiner die Gesundheit fördernden Wirkung überzeugt; es gab durch die Jahrhunderte immer wieder Mahner, die vor Unfruchtbarkeit, Debilität und frühem Tod bei zu häufigem Genuss warnten.

    Das muss jetzt zum historischen Hintergrund reichen. Soll ja eine Kolumne und keine Seminararbeit werden. Nun also zum Abschnitt: Kaffee im Alltag.

    Hilft bei Morgenverdauung und Mittagsschläfrigkeit

    Ich weiß nicht, wofür Sie Kaffee einsetzen, oder ob sie ihn überhaupt zu sich nehmen. Für mich persönlich ist ein Dasein ohne Kaffee zwar theoretisch vorstellbar, jedoch in der Praxis nicht lebenswert.

    Ausgangs der Jugend, kurz vor Eintritt in die Phase des Erwachsenwerdens, trifft jeder Mensch eine Menge wegweisender Entscheidungen: werde ich hetero oder schwul, bin ich ein Kreativer oder gelten meine Neigungen eher Finanzwesen und Buchhaltung, werde ich eine Familie gründen oder besser Single bleiben, will ich Karriere machen oder mich auf die Optimierung meiner Work-Life-Balance konzentrieren, UND: starte ich mit Tee oder Kaffee in den Tag? Meine beiden ersten Gedanken um halb sieben, wenn der Wecker klingelt, lauten: Scheiße, ist die Nacht schon wieder vorüber UND ist noch Kaffee im Haus? Ein  Morgen ohne den Stoff wäre eine mittlere Katastrophe, vergleichbar nur mit Nicht-Funktionieren des Internets oder Explosion des Handy-Akkus.

    Ich trinke Kaffee im Auto, kaufe ihn mir an Tankstellen, im Büro muss stets eine volle Kanne griffbereit auf dem Tisch stehen. Ich kann spätabends kurz vor dem Zubettgehen einen Espresso runterkippen und trotzdem fünf Minuten später komatös einpennen. In jeder Kolumne – die übrigens ohne ihn noch misanthroper ausfallen würden – stecken ungezählte Tassen des von mir hoch geschätzten Heißgetränks. Kaffee dient mir sowohl zur Stimulierung der Verdauung als auch zur Vermeidung des Mittagsschlafs. Er ist aus meinem Leben schlichtweg nicht wegzudenken. Ich bin übrigens der erste Koffeinjunkie in der Familie. Meine Eltern und Großeltern bevorzugten Tee. Kaffee – in der Variante „deutscher Mokka“ – wurde einzig zum Sonntagnachmittagkuchen serviert.

    Für den Hausgebrauch reicht völlig eine 49€-Maschine

    Bei all meinem Konsum bin ich jedoch komplett emotionslos in Blickrichtung auf Herkunft und (angebliche) Qualität der Bohne. Mir völlig wurscht, ob die in Guatemala, Kolumbien oder dem Senegal angebaut, ein-, zwei-, dreimal gebrannt und weiter veredelt wurde. Das Zeug muss dunkelbraun, stark, heiß und leicht gesüßt sein. KEINE Milch!!

    Ein Graus sind mir Szenelokale, in denen Flavored Latte oder Java Chip angeboten werden. Kaffee, der nach Karamell, Vanille, allem Möglichem, aber halt nicht nach Kaffee schmeckt.  Ich käme auch nie auf die Idee, sündhaft teuren Katzenkackekaffee, exotisch klingend als „Kopi Luwak“ angepriesen, zu kaufen. Wozu? Wenn ich Katzenkacke sehen will, besuche ich meine Nachbarin mit ihren zwei Siamkatern. Vollautomaten, die, wenn man sie um 6.30 dringend braucht, beim Einschalten erstmal gereinigt, entkalkt oder entleert werden müssen, hasse ich. Was anderes ist Kaffee aus Hochdruckmaschinen à la Cimbali, die den Dampf mit 15 Bar durch das Pulver jagen, damit ein hocharomatischer Espresso aus dem Siebträger heraustropft. Die Teile sind super und bedeuten tatsächlich eine fulminante Verbesserung der Lebensqualität.

    Als Student fuhr ich Mitte der 80er mit meinem VW Käfer 1302 – Farbe babyblau – von Köln nach Sizilien. Bei einem kurzen Zwischenstopp am malerischen Hafen von Pozzuoli bestellte ich dort einen Espresso und war erstaunt, als die ohnehin kleine Tasse bloß daumennagelhoch gefüllt vor mich auf den Tresen gestellt wurde.
    »Was ist das?«, fragte ich.
    »Un caffèèèèè«, antwortete der Barista.
    Der Stoff schmeckte bitter, brannte beim Runterschlucken leicht in der Speiseröhre, verströmte ein angenehmes Wärmegefühl im Magen, und als ich zwei davon getrunken hatte, war ich so hellwach, dass ich die noch fehlenden 500 Kilometer bis Reggio in einem Rutsch durchraste. Und dieses Ergebnis kann man einzig mit professionellen Apparaten erzielen. Wer anderes behauptet, hat keine Geschmacksnerven.

    Mir zu Hause reichen völlig eine 49€-Melitta- und eine Senseo-Maschine, sowie ein 70er-Jahre-Alu-Espressokocher, die ich täglich oder wöchentlich abwechselnd bediene. Alles andere ist kostspieliger und überflüssiger Schnickschnack. Die Vollautomaten kann man deshalb getrost in die Elektroschrotttonne kloppen.

    Keinerlei Auswirkungen auf die Libido

    Zum Ende der Kolumne hin noch ein brandaktuelles wissenschaftliches Forschungsergebnis: Kaffee verhält sich komplett neutral zur männlichen und weiblichen Libido. Aber Sie bleiben nach einem Mitternachtsespresso beim Sex natürlich länger wach und schlafen nicht wie der gemeine europäische Biertrinker sofort nach dem Orgasmus ein.

    Und nun bekomme ich wirklich Kaffeedurst und werde im Belluno schräg gegenüber einen Espresso trinken.

    * andere Forscher leiten den Begriff Kaffee vom arabischen „Kahwe“ oder „Qahwa“ ab, was so viel wie Lebenskraft oder Stärke bedeutet.