Schlagwort: Buße

  • Luthers Thesen: Fegefeuer

    Luthers Thesen: Fegefeuer

    Auch in der zehnten These spricht Luther, wie auch schon in den beiden vorhergegangenen, von den Sterbenden. Doch wieder taucht ein Begriff auf, dem wir uns widmen müssen, bevor wir über die Sterbenden sprechen können. Erst in der Diskussion der 13. These werden wir zum eigentlichen Kern der Frage nach der Buße der Sterbenden kommen.

    Die zehnte These lautet in der Übersetzung der EKD

    Dumm und übel handeln diejenigen Priester, die Sterbenden kirchenrechtliche Bußstrafen für das Fegfeuer vorbehalten.

    Damit kommt das Fegfeuer ins Spiel, ein Wort, das uns noch öfter begegnen wird. Wir müssen auf unsere Diskussion der ersten These zurückkommen, in der es um das Himmelreich ging. Dort, wie auch bei der zweiten These, hatten wir gesagt, dass es ein Verständnis von Himmelreich gibt, bei dem es um die Ewigkeit nach dem Tode geht. Es gibt aber auch ein diesseitiges Verständnis von Himmelreich, bei dem es um ein Erleben des Göttlichen, eine Teilhabe am Reich Gottes, bereits in diesem Leben geht. Für unsere Diskussion hier spielen beide Aspekte eine Rolle, und sie hängen miteinander zusammen.

    Der Mensch hat am Reich Gottes Teil, er erlebt das Himmelreich, wenn er ohne Schuld ist oder ihm die Schuld durch die, gegen die er schuldig geworden ist, erlassen ist. Es ist ein gewisser innerer Frieden, den der Mensch im Alltag erleben kann, wenn er weiß, dass andere mit ihm „im Reinen“ sind, wenn er unmittelbar erlebt, dass er Gutes tut, dass er wahrhaft Schönes schafft. Dieses Erleben ist ein Leben „wie im Himmel“.

    Zugleich lebt dieser Mensch auch in der Gewissheit, dass sein Weiterleben in den Anderen, in der Gemeinschaft, nach seinem Tode gut sein wird, dass er in guter Erinnerung bleibt und dass das Gute, das er getan hat, in den Anderen und in der Welt fortbesteht.

    Das Fegefeuer steht als Bezeichnung für den Weg, den der Mensch gehen muss, um aus seinem Schuldigsein in das Himmelreich zu kommen. Es ist der Weg der Marter, der Schmerzvollen Einsicht in die eigene Schuld, es ist der Weg des Konflikts mit den eigenen Unzulänglichkeiten, der Weg der Buße und der Vergebung. Es ist auch der Zweifel, ob man genug getan hat, die Schuld, die man auf sich geladen hat, abzutragen. Das Fegefeuer ist die Qual der Seele in der Erkenntnis ihrer eigenen Schuldhaftigkeit. Es ist vielleicht auch die Qual darüber, dass man der Vergebung durch einen Anderen, gegen den man schuldig geworden ist, gar nicht Wert ist.

    Das tägliche Erleben des Fegefeuers kann man sich vielleicht am Besten daran verdeutlichen wenn man bedenkt, dass wir ja nicht nur gegenüber konkreten anderen Menschen, diesem oder jenem in unserer täglichen Umgebung, schuldig werden, sondern auch gegenüber fernen, fremden Menschen, gegen deren Schicksal wir gleichgültig sind, gegenüber folgenden Generationen, die mit den Konsequenzen unserer Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit leben müssen, gegenüber anderen Lebewesen und der Umwelt. Kurz gesagt, wir werden schuldig gegenüber dem Sinnzusammenhang des Guten, Schönen und Wahren, das wir als das Göttliche bezeichnet hatten.

    Diese große Schuld gestehen wir uns selten ein, aber wenn, dann macht sie uns schlaflos und ruhelos, gerade weil wir doch meinen, dass wir da gar nicht rauskommen können, gerade weil wir uns dieser Schuld nicht einfach stellen können indem wir zu jemandem hingehen und um Vergebung bitten. Gerade dadurch, dass wir mit unserer Gleichgültigkeit im Alltag fortfahren, und indem wir glauben, gar nicht anders zu können, vergrößert sich das Gefühl einer Schuld, die kaum auszuhalten ist. Das ist das Fegefeuer.

    Der Priester ist derjenige, der uns dabei hilft, uns unserer eigenen Schuld zu stellen, sie zu erkennen, sie als Schuld zu begreifen, und der von uns im Namen der Gemeinschaft fordert, durchs Fegefeuer zu gehen. Wieder nimmt Luther aber diese Forderung für die Sterbenden aus.

  • Luthers Thesen: Wer ist die Kirche?

    Luthers Thesen: Wer ist die Kirche?

    Mit der achten These widmet sich Luther einem besonderen Aspekt der Frage nach der Buße. Während er bisher diskutiert hatte, wie Schuld vergeben werden kann, folgt in den nächsten Thesen die Auseinandersetzung mit einer besonderen Lebensphase, dem Sterben. Die neunte These lautet:

    Die kirchenrechtlichen Bußsatzungen sind allein den Lebenden auferlegt; nach denselben darf Sterbenden nichts auferlegt werden.

    Fragen wir zunächst nach der Bedeutung „kirchenrechtlicher Bußsatzungen“. Wie schon bei der Diskussion einiger anderer Thesen fällt auf, dass uns die Idee, da sei eine Institution, die Satzungen für das Verbüßen von Schuld hat, heute eigentlich fremd ist. Gerade die Kirchen scheinen uns gar nicht die geeignete Organisation, die in Satzungen festlegen könnte, nach denen Bußen für schuldhaftes Verhalten festgelegt werden könnten. Das ist, wenn überhaupt, der Gerichtsbarkeit des Staates vorbehalten, werden wir spontan einwenden.

    Aber wir hatten bereits geklärt, dass auch das staatliche Gericht eigentlich nicht über Schuld spricht, wenn wir mit Schuld meinen, dass ich mit meinem Tun Schuld gegenüber anderen Menschen auf mich geladen habe. Schuld ist hier ja nicht einfach kausal gemeint in dem Sinne, dass jemand einen Schaden für einen anderen durch strafbares Verhalten verursacht hat – und somit zu bestrafen ist. Schuld, für die man Buße tun muss, ist eine moralische Angelegenheit.

    Dass für die Festlegung, welche Buße für welche moralische Schuld angemessen sei, eine Kirche zuständig sein soll, ist uns zunächst fremd. Aber was bedeutet hier Kirche? Wir denken natürlich zuerst an diese Organisationen, die ihre Mitglieder in auffälligen Häusern sonntags versammelt, damit die Kirchenmänner und -frauen andächtig über wichtige Fragen des Lebens referieren können. Wir denken an festgelegt Rituale, nach denen in diesen Gebäuden gewisse Lebensereignisse – Geburt, Kindheit, Heirat, Tod – gefeiert werden.

    Aber wenn wir Luthers Thesen ins Hier und Jetzt hinüberreißen wollen, dann dürfen wir weder unseren jetzigen Begriff von Kirche, noch den, der zu Luthers Zeit vorherrschte, einfach zum Verstehen der Idee seines Satzes nehmen. Die Kirche, die Luther erlebte, gibt es nicht mehr, und die Kirchen, die wir heute haben, kannte Luther nicht. Wir müssen also nach dem Sinn suchen, der in dem Satz steckt, dem Sinn, der den Sinnzusammenhang des Guten, Wahren und Schönen ausmacht, den wir als das Göttliche oder kurz als Gott bezeichnet hatten.

    Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen. Das ist ein alter Satz. Dann nehmen wir Kirche hier und jetzt als die Gemeinschaft derer, die an den Sinnzusammenhang des Schönen, Wahren und Guten in unserem Leben glauben, einen Sinnzusammenhang, der uns einzelne überlebt und den wir in dieser Gemeinschaft erleben.

    Hat diese Gemeinschaft Regeln für die Buße von Schuld? Die Gesetze, nach denen staatliche Gerichte urteilen, sind es nicht. Aber es gibt in dieser Gemeinschaft unzählige Geschichten, Märchen, Gleichnisse, Sprichwörter, die ein ungeschriebenes Regelwerk bilden, wie die Mitglieder der Gemeinschaft mit Schuld umgehen sollten.

    Nach diesen Regeln also sollte Sterbenden keine Buße für ihre Schuld auferlegt werden. Warum das so sein muss, wird klar, wenn wir zur ersten These zurückkehren. In der Buße geht es ja letztlich darum, Frieden mit den Mitmenschen zu finden, sodass wir mit der Gewissheit sterben können, dass unsere Mitmenschen sich unserer im Guten erinnern. Wer als Sterbender schuldig wird, hat keine Gelegenheit mehr zur Buße. Deshalb sollten unsere Regeln so sein, dass wir Sterbenden ihre Schuld unmittelbar vergeben können.

    Wir werden das bei der Diskussion der nächsten Thesen noch genauer bedenken können.

  • Luthers Thesen: Selbstverachtung muss sein

    Luthers Thesen: Selbstverachtung muss sein

    In der bisherigen Diskussion der ersten Luther-Thesen hatten wir gesehen, dass echte Buße, schmerzhafte Reflexion über die eigene Schuld, die man im Umgang mit anderen auf sich geladen hat, für das Leben eine zentrale Rolle spielt. Nur durch eine solche Reflexion ist es dem Menschen letztlich möglich, Frieden mit den Anderen zu finden. Was nicht ausreicht, ist formale Entschuldigung.

    Mit der vierten These schließt Luther diesen Komplex zunächst ab. Sie lautet, in der EKD-Übersetzung:

    Daher bleibt Pein, solange Selbstverachtung, das ist wahre innere Buße, bleibt, nämlich bis zum Eintritt in das Himmelreich.

    Der Satz ist etwas verschachtelt. Ein bisschen umgebaut würde er heißen: Wahre innere Buße ist Selbstverachtung. Diese verursacht Pein, die bleibt bis zum Eintritt ins Himmelreich.

    Bevor wir diese These vorschnell mit dem Argument ablehnen, dass Selbstverachtung auf Dauer keine Einstellung sein kann, mit der man positiv in die Welt schaut, sollten wir vielleicht einmal fragen, was der Grund dieser Selbstverachtung sein kann. Wir hatten schon gesehen, dass wir Menschen aus verschiedenen Gründen Dinge tun, die Anderen Leid oder Schaden zufügen, aus Gedankenlosigkeit, aus Bequemlichkeit, aus Schwäche, aus Eigennutz. Buße führt dazu, dass ich mit meiner eigenen Schwäche umgehen lernen muss, vielleicht kann ich sie teilweise „in den Griff“ bekommen, aber ganz abstellen werde ich sie nicht können. Wenn ich aber diese Unzulänglichkeiten als solche begreife und gleichzeitig sehen muss, dass daraus Leid für andere entsteht – dann führt das nahezu zwangsläufig zur Selbstverachtung.

    Ein Beispiel: Ich verspreche jemandem, mich um sein Anliegen zu kümmern, aber durch Trödelei und Ablenkung kommt es immer wieder dazu, dass ich die Erledigung dieses Anliegens immer wieder hinausschiebe oder nur oberflächlich erledige. Da ich dem anderen wirklich gern helfen würde und da ich sehe, dass ich keinen akzeptablen Grund habe, das nicht zu tun, versuche ich, mich zu ändern, die Dinge effektiver zu erledigen, weniger Zeit für unwichtiges zu verschwenden um mich um die Anliegen meiner Freunde kümmern zu können. Aber ich erlebe immer wieder, dass mir das nicht gelingt. Ich ärgere mich über mich selbst, ich verachte mich dafür.

    Sicherlich muss man mit dieser Selbstverachtung umgehen lernen, sie könnte letztlich sogar zur Ausrede werden, um gar nicht mehr den Versuch zu unternehmen, etwas für die Anderen zu tun. Aber „sich einfach so akzeptieren, wie man ist“, so wie es oft als Rat gegeben wird, kann auch nicht die Lösung sein. Denn am Ende bliebe bei mir selbst und bei anderen nur der Eindruck, dass man vieles nicht getan hat, was man doch hätte tun können und sollen – und damit wäre der innere Frieden, das Himmelreich, verspielt.

    Ganz ohne Selbstverachtung kann man kein guter Mensch werden, und die Selbstverachtung unterscheidet vielleicht die guten Menschen von den Moralaposteln. Der gute Mensch weiß, dass er nicht immer gut ist, dass er schwach und manchmal auch böse ist, aber er versucht es immer wieder, auch mal aufrichtig gut zu sein. Er weiß zudem, dass er nicht besser ist als die Anderen. Und er vermutet, dass auch die Anderen, die oft nicht gut sind, immer wieder darum kämpfen, hin und wieder etwas gutes für andere zu tun.

    Hier geht es zur dritten These.

    Hier geht es zur fünften These.

  • Luthers Thesen: Das Martern der Buße

    Luthers Thesen: Das Martern der Buße

    Jetzt geht es zur Sache. Nachdem Luther in der ersten These lebenslange Buße gefordert hatte, stellte er in der zweiten These klar, dass es sich dabei nicht um eine formale, ritualisierte Entschuldigung handeln kann. In der dritten These deutet er zum ersten Mal an, was wahre Buße wirklich ist. Sie lautet:

    Gleichwohl zielt dieses Wort nicht nur auf eine innere Buße; ja, eine innere Buße ist keine, wenn sie nicht äußerlich vielfältige Marter des Fleisches schafft.

    Das klingt martialisch, aber es verliert schnell seinen Schrecken, wenn wir den Text in die heutige Zeit holen.

    Nachdem Luther also die bloße Entschuldigung für eine schlechte Tat abgelehnt hat, sagt er nun, dass „innere Buße“ aber auch nicht reicht. Was könnte damit gemeint sein?

    Innere Buße

    Nehmen wir ein Beispiel. Ich habe jemanden belogen, vielleicht, um meine Ruhe zu haben. Ein Freund wollte mich treffen, weil er persönliche Probleme hat, die er gern mit mir besprochen hätte. Vielleicht hätte er meinen Rat gebraucht. Ich hatte aber keine Lust darauf, und deshalb habe ich ihm gesagt, ich hätte keine Zeit.

    Bedenken wir, dass es Luther bei der Buße darum geht, dass der Mensch ins Himmelreich kommen möchte. Wir hatten diesen Begriff so interpretiert, dass er bedeutet, mit sich selbst und mit den anderen im Reinen zu sein, letztlich mit dem Ziel, dass jeder von sich sagen kann, für die anderen gut zu sein, und in guter Erinnerung zu bleiben.

    Deshalb packt mich nun das schlechte Gewissen. Ich hätte mich auch mit dem Freund treffen können. Ich sinniere darüber nach, warum ich so eigennützig war und nehme mir vor, beim nächsten Mal auf den Wunsch des Freundes einzugehen.

    Das wäre innere Buße. Luther reicht das nicht aus. Er fordert „vielfältige Marter des Fleisches“. Man könnte denken, dass wir uns selbst geißeln oder strafen sollten, aber das wird Luther nicht gemeint haben. Was gemeint sein dürfte: Die Buße sollte nicht nur in geistvollen theoretischen Erwägungen bestehen. Sie muss mich auch wirklich ganz packen. Echte Buße bestürzt mich, sie macht mich schlaflos, sie lässt mich leiden. Sie martert nicht nur meinen Geist, sie packt mich auch körperlich. Ich spüre meine Schuld an meinem Leib.

    Schuld, die weh tut

    Vielleicht ist mein Beispiel zu klein dafür, um die Notwendigkeit einer solchen Buße ganz deutlich zu machen. Sie ist uns heute ohnehin eher fremd. Wir sagen ja oft, dass wir einander nichts schuldig sind, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Wenn man da mal einem Wunsch eines anderen nicht gefolgt ist, wenn man eine inständige Bitte ignoriert hat, wenn man nicht geholfen hat, wo man hätte helfen können – Na ja, kann passieren. War doch nicht meine Schuld!

    So kann man das sehen. Aber man kann sich auch fragen, ob einem der innere Frieden, die Gewissheit, das Gute getan und in der Welt gestärkt zu haben, dann eben verwehrt bleibt.

    Schuld kann wehtun, gerade wenn die Vernunft mir sagt, dass ich eigentlich doch gar nicht verantwortlich bin für das Leid, das ich nicht gelindert habe. Und wenn sie weh tut, wenn sie sich nicht lindern lässt durch die Argumente der Vernunft, dann kommt man auf den Weg, auf dem man sich vielleicht tatsächlich ändert. Dazu reicht theoretische Reflexion über die Frage, was man vielleicht beim nächsten Mal anders machen könnte, nicht aus. Erst durch schmerzhaftes Schuldbewusstsein kommt man vielleicht dahin, für andere wirklich Gutes zu tun.

    Hier geht es zur zweiten These.

    Hier geht es zur vierten These.

  • Luthers Thesen: Die formale Buße

    Luthers Thesen: Die formale Buße

    In der ersten These hatte Luther an die Notwendigkeit „Buße zu tun“ angeknüpft, die sich daraus ergibt, dass „das Himmelreich nahe“ ist. In meiner Reflexion über diese These hatte ich mich darauf konzentriert, was die Rede vom Himmelreich für jemanden, der nicht an ein Jenseits glaubt, bedeuten könnte. Was das Wort Buße genau bedeuten kann, wird sich im Verlauf der Diskussion der folgenden These zeigen. Denn genau darum geht es Luther in den Thesen 2 bis 4.

    Die zweite These lautet (in der EKD-Übersetzung)

    Dieses Wort darf nicht auf die sakramentale Buße gedeutet werden, das heißt, auf jene Buße mit Beichte und Genugtuung, die unter Amt und Dienst der Priester vollzogen wird.

    Die Notwendigkeit zur Buße war schon in meinen Überlegungen zur ersten These klar geworden: Der Mensch lebt in den Erinnerungen der Anderen weiter, und wie dieses Weiterleben aussieht, ist davon abhängig, ob er die offenen Fragen, die Zwistigkeiten, die Verletzungen und das Leid, das er anderen zugefügt hat, geklärt und ausgeräumt hat. Seinen Frieden findet man nur, wenn das gelingt – und das soll durch Buße geschehen.

    Noch einmal das Himmelreich

    In der Diskussion zu meinem ersten Beitrag hat jemand darauf hingewiesen, dass der Begriff des Himmelreichs für Christen nicht unbedingt ein Jenseits bedeutet, in das die unsterbliche Seele nach dem Tode des Menschen eintritt. Das Himmelreich sei vielmehr ein möglicher Ort im Diesseits. Wir können diese Vorstellung hier aufgreifen und den Ort des Himmelreichs auch mit einem Zustand der Seele identifizieren, der sozusagen einen inneren Frieden, eine Zufriedenheit mit sich selbst, bedeutet. Auch dann ist das Erreichen des Himmelreichs davon abhängig, ob es gelingt, die Konflikte, die man mit den Anderen heraufbeschworen hat, aufzulösen. Davon, dass man die Schuld, die man Anderen gegenüber empfindet, abträgt.

    Formale Buße

    Man weiß, dass die Kirche zu diesem Zweck die Einrichtung der Beichte kennt. Man wendet sich an den Priester als Vertreter der Kirche, berichtet über die Vergehen und die Schuld, woraufhin der Priester eine Strafe verhängt, die ich zu ertragen habe, woraufhin mir meine Schuld erlassen ist.

    Mit der zweiten These lehnt Luther diese Form des Abtragens von Schuld ab. Die Buße, die nach der ersten These das ganze Leben des Glaubenden bestimmen soll, ist nicht mit der Beichte und Genugtuung zu identifizieren. Beichte vor und Strafe durch den Priester ist gar keine Buße.

    Soweit, so gut. Die Beichte ist heute, so meinen wir, weitgehend in Vergessenheit geraten, und wo es sie noch gibt, wird sie nicht wirklich ernst genommen. Die Priester, vor denen die Beichte abzulegen ist, haben hierzulande heutzutage gar nicht die Autorität, als dass sie irgendeine echte Schuld als vergeben erlassen könnten.

    Wieder könnten wir also sagen, dass Luther uns eigentlich nichts zu sagen hat. Und wieder ist es nicht so einfach. Beichte und Vergebung sind uns heute nicht fremd geworden. Meist beichten wir, wenn wir denn beichten, direkt dem, dem wir mit unserem Handeln Unrecht getan haben, den wir verletzt haben. Und wir erhoffen dann, dass er uns vergibt. Man könnte sagen, dass dieses Verfahren von Beichte oder Geständnis und damit verbundener (und erwarteter) Verzeihung die heutige Weise der formalisierten Entschuldigung ist, so wie es die Beichte vor dem Priester zu Luthers Zeiten war.

    „Ich entschuldige mich“

    Auch von dieser Entschuldigung würde Luther wahrscheinlich sagen, dass sie nicht ausreicht. Sie ist eben nur formal. Der defizitäre Charakter dieser Buße kommt schon in der merkwürdigen Formulierung „Ich entschuldige mich“ zum Ausdruck. Also ob man die eigene Schuld selbst von sich werfen, ablegen könnte. Als ob man sie von sich selbst abwaschen könnte, indem man einem Ritual folgt.

    Dass diese formale Reue als Buße nicht ausreicht, um wirklich zum inneren Frieden und zum Frieden mit dem Anderen zu kommen, liegt ja eigentlich auch auf der Hand. Denn zweierlei kann man damit nicht ohne weiteres sicherstellen: Einerseits ist nicht sicher, ob man zu einer eigenen Reflexion kommt über die Schuld, die man da auf sich geladen hat, mit dem Ziel, in Zukunft vielleicht in ähnlicher Situation nicht erneut schuldig zu werden. Andererseits weiß man nicht, ob für den anderen, dem gegenüber man schuldig geworden ist, tatsächlich wieder „alles gut“ ist.

    Wahre Buße muss also anders aussehen. Was Luther dazu vorschlägt, wird in der nächsten Kolumne, am Sonntag, diskutiert.

    Hier geht es zur ersten These.

  • Luthers Thesen: Wo ist das Himmelreich?

    Luthers Thesen: Wo ist das Himmelreich?

    In 95 Folgen wird in dieser Kolumne über die 95 Thesen Martin Luthers diskutiert. Wenn man die erste der 95 Luther-Thesen liest, meint man vielleicht, dass uns dieser Text niemals irgendetwas bedeuten könnte. Sie lautet

    Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.

    Das Himmelreich

    Nichts scheint heute weiter entfernt als „das Himmelreich“. Das Himmelreich sei ein ewiges Leben nach dem Tode, ein Leben im Glück oder jedenfalls in einem ewigen Zustand der Zufriedenheit, so die allgemeine Meinung. Kaum jemand glaubt allerdings an ein Leben nach dem Tode, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass das eigene Leben in einer anderen, jenseitigen Welt weitergeht. Was also soll uns ein Text sagen, der meint, uns etwas vorschreiben zu können, mit der Begründung, dass da etwas kommen würde, was es gar nicht gibt?

    Allerdings ist die Sache auch wieder nicht ganz so einfach. Denn die Frage ist ja, ob „das Himmelreich“ wirklich eine Metapher ist für eine märchenhafte Welt, in die wir, unsere Seelen, irgendwie hinübertreten, sobald wir verstorben sind. Woher wissen wir so genau, dass diese Seele, die ins „Himmelreich“ will, tatsächlich in dem sagenhaften Sinn unsterblich ist, dass das Subjekt selbst weiterexistiert? Oder genauer: in welchem Sinn existiert die Seele weiter? Welcher Ort ist das Himmelreich?

    Mit manchem Verstorbenen halten wir noch Zwiesprache, wenn von ihrem Leib längst nichts mehr übrig ist. Wir Philosophen sind vermutlich die Meister dieser Disziplin, wir streiten noch immer mit Sokrates, wir befragen noch immer Hegel. Wir grübeln noch immer mit Wittgenstein, wir diskutieren noch immer mit Derrida.

    Aber auch im Alltag ist uns das nicht fremd. Wir können noch Geschichten von den Urgroßeltern erzählen, als ob sie sich gerade erst zugetragen hätten. Wir kochen nach dem Rezept der Oma, und können es bei ihr, auf einem Zettel vielleicht, den sie uns aufgeschrieben hat, nachlesen. Und wir empfinden noch den gleichen Zorn oder die gleiche Liebe wie zu ihren Lebzeiten.

    Manche glauben, dass die Zeit nicht mehr fern ist, in der man seinen kompletten Geist aus dem Gehirn auf einen Computer übertragen kann, um dann darin weiterzuleben. Ob das realistisch ist, kann dahingestellt bleiben. Entscheidend ist, dass wir schon heute, im gewissen Umfang, unseren Geist nach außen übertragen: auf andere Menschen, die uns in Erinnerung behalten, auf Fotos und Briefe, durch die sie sich an uns erinnern, durch gemeinsame Erlebnisse, die ein Bild von uns festhalten. Diese bleiben erhalten, wenn wir längst tot sind, darin leben wir über den Tod hinaus.

    Und in uns, in unseren Handlungen und unseren Geschichten, die wir uns gegenseitig erzählen, existieren die Verstorbenen so lange, wie es Erinnerungen an sie gibt. Wir können sie noch fragen, und sie antworten uns noch, wenn wir einander an ihre Weisheiten und Torheiten erinnern. Diese Existenz ist mindestens genauso real wie die der fiktionalen Gestalten von Romanen. Wir können wahre Geschichten über sie erzählen, und die sind zeitlos. Sie sind auch in dem Sinne ewig, dass sie nicht mehr änderbar sind – vielleicht verändern sie sich, aber wir können nichts dafür tun, dass sie zu einem Ende kommen. Eine ungeklärte Geschichte bleibt ungeklärt, was nicht vergeben wurde, kann nicht mehr vergeben werden.

    Der Tod heilt keine Wunden, er macht es nur schlimmer, dass Dinge nicht geklärt, dass Versöhnendes nicht ausgesprochen wurde. Das gilt ja noch mehr, wenn wir keine Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits haben.

    Leben nach dem Tode

    Mein Leben nach dem Tod, das ist das Leben, das ich in den Anderen weiterlebe. Und das kann ein gutes Leben sein, das wäre das Himmelreich, oder es ist, weil zu viel an Zorn und Unverständnis bleibt, weil es keine Versöhnung gab, eine ewige Hölle.

    Den Sterbenden, die dem Tode nah sind, ist das möglicherweise sehr bewusst. Sie leiden darunter, dass ihr Leben nach dem Tod, in den Erinnerungen der Anderen, eine Quelle von immer wieder kehrendem Leid sein wird, bis sie dann endlich vergessen sind. Oder sie können friedlich sterben, weil sie sich mit allen versöhnt haben, oder weil sie wenigstens hoffen können, dass ein Verzeihen nach ihrem Tod möglich ist.

    Wie nah der Tod und damit der Beginn dieses ewigen Lebens ist, wissen wir nicht. Wir sagen heute manchmal, man solle jeden Tag so leben, als wenn es der letzte wäre. Das könnte zu Luthers erster These passen. Wir kennen diese Angst, wenn wir uns im Streit trennen, dass wir vielleicht nie wieder zusammenkommen und eine Versöhnung nicht mehr möglich ist.

    Die Glaubenden

    Wenn ich hier von Wir spreche, dann meine ich damit genau die, die Luther „die Glaubenden“ nennt. Das sind diejenigen, die diese Welt der emotionalen Bindungen an andere, die auch nach dem Tod weiterbestehen, kennen, und die das Erleben kennen, dass die Verstorbenen in diesem Sinne in den Lebenden weiter da sind. Und die fühlen, dass sie vor dem eigenen Tod Dinge geklärt, Versöhnung erreicht und Zorn besänftigt haben wollen.

    Denen schlägt Luther nun also vor, ihr Leben in Buße zu verbringen. Wir werden in den nächsten Thesen noch einiges darüber erfahren, was Buße ist und was nicht. Auf jeden Fall ist es die Möglichkeit, die eigene Seele zu entlasten von dem Leid und der Schuld, die wir anderen antun – sich im buchstäblichen Sinn zu entschuldigen.

    Zur zweiten These: Die formale Buße