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  • „Ich trage Kopftuch. Na und?“

    „Ich trage Kopftuch. Na und?“

    Solange unsere Mütter und Großmütter in deutschen Krankenhäusern putzten und in Großküchen Kartoffeln schnibbelten, hat sich kein Mensch für das Kopftuch interessiert. Erst jetzt, wo eine selbstbewusste Generation junger Muslima mit Kopftuch in den Universitätsvorlesungen sitzt und in akademische Berufe drängt, wird dieser kleine Fetzen Stoff zum Riesenthema aufgebauscht.
    (c) Raja A. (33 Jahre, Rechtsanwältin)

    Es ist ein schöner Spätsommertag, an dem Raja A. und ich uns für ein Interview verabreden. Wir arbeiten gemeinsam in einer auf Verbraucherschutz spezialisierten Düsseldorfer Kanzlei. Sie als Anwältin im Bereich Mandanten-Support, ich als Mann fürs Kaufmännische, der für sämtliche Zahlen zuständig ist, auf die Juristen bekanntermaßen keine Lust verspüren. Raja stieß vor zwei Monaten zu uns, ist ein quirliger, fröhlicher Typ. Worte und Sätze sprudeln unaufhörlich aus der zierlichen Person heraus. Ich taxiere sie auf die doppelte Sprechgeschwindigkeit im Vergleich zu meiner. Raja erscheint jeden Tag mit einem andersfarbenen Kopftuch, muss ein paar Dutzend dieser Stoffteile besitzen. Sie trägt es in der Variante Hidschab. Das ist ein langer Schal, der um Hals und Kopf geschlungen wird und dabei Haare, Ohren, Schultern und Ausschnitt bedeckt. Immer modisch abgestimmt auf den Rest der Kleidung. Sie ist Deutsche mit marokkanischen Wurzeln – der Begriff „Migrationshintergrund“ klingt ihr zu bürokratisch –, zweite Generation. Die Familie stammt aus Tanger; mir bestens bekannt als Schauplatz von Teil 3 der Bourne-Trilogie. Raja spricht Deutsch als Muttersprache und beherrscht ebenfalls den marokkanischen Dialekt des Arabischen. In ihrer Freizeit reist sie gerne und hält sich abends nach dem Job in einem Sportstudio fit.

    Wir nutzen die Mittagspause, um uns auf einer Parkbank im Benrather Schlosspark über das Kopftuch, die Beweggründe, es zu tragen und ihre Erfahrungen mit Diskriminierung zu unterhalten.
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    Hir: Raja, lass mich mit dieser Frage beginnen: Trägst du das Kopftuch aus Familientradition oder aus religiöser Überzeugung?

    Raja A.: Das Kopftuch ist für mich kein Symbol, sondern ein Teil meiner religiösen Identität. Ich habe mich mit 23 dafür entschieden, es zu tragen. Vorher hatte ich mich intensiv mit den religiösen Geboten meines Glaubens beschäftigt. Es gab keinerlei familiären Druck, es zu tun. Meine Schwester und meine Schwägerin tragen es nicht. Für mich persönlich hat das nichts mit familiären oder traditionellen Strukturen zu tun, sondern es ist meine freie Entscheidung aufgrund religiöser Überzeugung.

    Hir: Könntest du das bitte nochmal etwas präzisieren. Womit könnte man das bei einem Christen vergleichen?

    Raja A.: Das Kopftuch hat viel mit religiösen Werten zu tun: Frömmigkeit, Zufriedenheit, Bescheidenheit. Das Kopftuch vermittelt diese Werte, gibt mir einen gewissen Schutz, gibt Distanz zu gewissen Sachen.

    Hir: meint genau was?

    Raja A.: Mit einem Kopftuch würde man nicht unbedingt an einer Stange tanzen. Es gibt Schutz vor dem eigenen Ich, bedeutet Keuschheit. Es bedeckt einen Teil meiner Schönheit, gibt mir Respekt vor meiner eigenen Schönheit.

    Hir: Kennst du irgendwas im Christentum, das damit korrespondiert?

    Raja A.: Bei Frauen nein. Im modernen Christentum ist mir kein Gebot bekannt, das Frauen auferlegt, sich zu bedecken. Existiert aber im Judentum. Auch hier bedecken sich die Frauen mitunter mit einem Schleier.

    Hir: Das zugrundeliegende Gebot heißt wie?

    Raja A.: Bedecke deine Haare, Schultern und Brüste mit einem Schleier.

    Hir: Dieses Gebot entstammt direkt dem Koran?

    Raja A.: Ja … in den Hadhiten wird nur beschrieben, wie sich die Frauen in der frühislamischen Zeit kleideten. Das zugrundeliegende Gebot steht aber im Koran selbst.

    Viel freierer Umgang mit dem Thema in Großbritannien

    Hir: Warum hast du diese Entscheidung gerade mit 23 getroffen? Weshalb nicht früher oder später?

    Raja A.: Der Entschluss reifte in mir während meines Jurastudiums. Im Sommer 2008 unternahm ich dann mit einer muslimischen Jugendgruppe eine Reise nach England. Speziell während unseres Aufenthalts in London bemerkte ich, dass dort viel freier mit dem Thema Kopftuch umgegangen wurde als bei uns. Niemand schien sich darum zu scheren. Keine komischen Blicke wie in Deutschland. Sogar auf Plakaten wurde mit Kopftuch tragenden Frauen geworben. Sowas kannte ich aus der Heimat überhaupt nicht. Als gläubige Muslima, die ich damals schon war, war das das letzte Puzzlestück, das mir zu meiner endgültigen Entscheidung gefehlt hatte. Mich überkam während dieser Reise das starke Gefühl: Das ist jetzt der richtige Zeitpunkt, es zu tragen.

    Hir: Was bedeutet gläubig für dich sonst noch?

    Raja A.: Meine persönliche Interpretation von Glauben lautet: Den Glauben den man gewählt hat ganzheitlich zu leben. Güte, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Zufriedenheit, mit Bedürftigen teilen, Engagement für Tiere … ich bin Vegetarierin.

    Die 5 Pflichtelemente des Islams lauten: Glaube an den einzigen Gott und an seinen letzten Propheten, fünf Mal am Tag beten, Fasten im Ramadan, spenden und pilgern.

    Für mich ist es wichtig, ein ehrlicher Mensch zu sein und durch mein Dasein die Welt etwas besser zu machen.

    Bei diesen Werten gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten mit anderen Religionen und Kulturen.

    Ich persönlich habe mich mit 18 für den religiösen Weg entschieden.

    Hir: Deine Mutter trägt Kopftuch?

    Raja A.: Ja. Aber erst seit ihrem 40sten Lebensjahr.

    Hir: Was ist gut am Kopftuch? Bietet es beispielsweise Schutz vor ungewollter männlicher Anmache?

    Raja A.: Das Kopftuch ist eher ein Schutz vor mir selbst als den Männern gegenüber. Das Kopftuch schützt mich nicht davor, ob mich ein Mann attraktiv findet oder nicht. Es ist abhängig von meinem Verhalten – egal, ob ich Kopftuch trage oder nicht – wie ich auf Männer wirke.

    Es ist für mich ein guter Reminder, ich werde täglich daran erinnert, wer ich bin; sicherlich hat es auch Einfluss auf mein Verhalten.

    Hir: Würdest du dich in der Interaktion Frau-Mann anders verhalten, wenn du dein Haar offen trügst?

    Raja A.: Ich glaube nicht. Das Kopftuch entscheidet nicht darüber, wie meine Interaktion mit Menschen geschieht. Meine Werte bestimmen mein Verhalten und die Interaktion mit anderen Menschen.

    Im Referendariat war’s am Schlimmsten

    Hir: Du gibst das Stichwort zu meiner nächsten Frage: Fühlst du dich durch das Kopftuch diskriminiert?

    Raja A.: Ja! Auf vielen Gebieten. Z.B. auf dem Arbeitsmarkt. Viele Arbeitgeber in Deutschland sind nach wie vor nicht bereit, eine Frau mit Kopftuch einzustellen. Und das liegt vor allem daran, dass wir nicht genügend über das Kopftuch aufklären.

    Bei den Vorstellungsgesprächen wird einzig auf das Tuch gestarrt. Und mein Lebenslauf und meine Zeugnisse gar nicht beachtet. Dann wird gesagt: »Das passt nicht zu unserem Frauenbild«. Und das ist patriarchalisches Denken. Es wird nicht mit den Frauen geredet, die Kopftuch tragen, sondern es wird über sie geredet. Es wird mit den Leuten diskutiert, die es nicht tragen, und die keine Ahnung vom Islam haben. Und das kann nicht Sinn der Sache sein.

    Hir: Kannst du das noch etwas detaillierter schildern?

    Raja A.: Ich ernte abwertende Blicke, wenn ich einen Raum betrete. Die Leute schauen erstaunt, weil sie aufgrund des Telefonats eine blonde, blauäugige Deutsche erwartet hatten und nun erscheint eine Kopftuch tragende Frau, der man die ausländische Herkunft ansieht, zum Gespräch. Oder aber man sagt zu mir: »Frau A., gerne können Sie bei uns beginnen. Dann aber ohne Kopftuch«.

    Hir: Hast du ein paar weitere Situationen für uns, in denen du dich wegen des Kopftuchs benachteiligt fühltest?

    Raja A.: Eine Kopftuch tragende Frau erfährt in der deutschen Gesellschaft oft Ablehnung. Sie wird schnell in die schlecht Deutsch sprechende, unterdrückte Schublade einsortiert.

    Mein bisher schlimmstes Erlebnis war die Referendarstation bei der Staatsanwaltschaft. Mein Ausbilder – ein älterer Herr Mitte 50 – empfängt mich mit den Worten: »So nicht!«
    Ich antworte völlig überrascht: »Wie bitte?«
    Darauf er: »Das ist ja eine Frechheit mit Ihrem Kopftuch.«
    Ich antworte: »Das wird schwierig mit uns beiden werden, denn ausziehen werde ich es auf keinen Fall«.

    Er bringt dann das Beispiel mit den Lehrerinnen, denen das ja auch untersagt sei. Woraufhin ich ihm erkläre, dass das überhaupt nicht stimmt. Es gibt eine Gymnasiallehrerin, die heißt Fereshta Ludin, die wegen ihres Berufsverbots bis zum Bundesverfassungsgericht klagte. Das Gericht erklärte, dass ein generelles Verbot einzig für Kopftuchträgerinnen nicht haltbar wäre. Es sei zudem Ländersache, inwieweit Gesetze erlassen werden, um sämtliche religiösen Symbole zu unterbinden.

    Um zum Ausbilder in der Staatsanwaltschaft zurückzukommen: Ich habe dann bei ihm trotzdem meine Wahlstation gemacht. Durfte allerdings nicht vor Gericht plädieren. Als Begründung wurde ich gefragt: »Wie soll sich denn der Angeklagte fühlen, wenn er sich mit einer Staatsanwältin konfrontiert sieht, die Kopftuch trägt?« Was für ein fadenscheiniger Unsinn! Der Angeklagte ist ein Betrüger, Vergewaltiger oder Mörder, eben jemand, dem eine x-beliebige Straftat vorgeworfen wird. Und er bekommt Angst vor einer Kopftuch tragenden Staatsanwältin? Eine völlig willkürliche Argumentation des Chefs, der jede Grundlage in den Verwaltungsvorschriften fehlte.

    Diese Station war für mich damals psychisch sehr belastend, weil ich die Ablehnung dort täglich zu spüren bekam. Jeden Morgen, wenn ich ins Büro aufbrach, wusste ich schon auf der Hinfahrt, dass es ein emotional unschöner Arbeitstag werden würde.

    Hir: Gab’s da nicht auch eine Geschichte im Fitnesscenter?

    Raja A.: (lacht) Du hast ein gutes Gedächtnis. Ja, davon hatte ich dir schon mal erzählt … vor einigen Jahren begleitete ich eine Freundin in deren Sportstudio und wollte ein Probetraining absolvieren. Erst war alles okay mit mir und Kopftuch. Bis sich plötzlich ein älterer Mann bei der Studioleitung über mich beschwerte. Die zitierte mich zu sich und erklärte mir, dass man mit Kopftuch nicht trainieren dürfte. »Warum?«, fragte ich. »Das steht so in der Hausordnung«, bekam ich zur Antwort. »Dann möchte ich diese Hausordnung mal sehen«, verlangte ich. Als Juristin sind solche Sachen ja ein gefundenes Fressen für mich. Es stand natürlich nicht drin. Weshalb auch? Ich wollte daraufhin das Training fortsetzen. Das wurde mir aber nicht gestattet, ich bekam Hausverbot. Das muss man sich mal vorstellen: Rassentrennung in einem deutschen Sportstudio.

    Hir: Wie ging die Angelegenheit aus?

    Raja A.: Ich habe mit Leserbrief an die Zeitung gedroht und das Studio verlassen. Habe den Brief zwar nie geschrieben, mich allerdings in einem anderen Studio, in dem man mit dem Kopftuch keine Probleme hat, angemeldet. Ich meine, es gibt einige Spitzensportlerinnen, die das Tuch sogar bei Wettkämpfen tragen, und da soll es in einem Wuppertaler Fitnesscenter nicht möglich sein? In welchem dunklen Jahrhundert leben wir?

    Der Staat soll sich nicht in die Kleidung seiner Bürger einmischen

    Hir: Was wäre, wenn das Tragen in Deutschland verboten würde? Wie würdest du reagieren?

    Raja A.: Ich würde mich mit allen mir zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln dagegen wehren.
    Ein Verbot würde für mich bedeuten, dass ich in Deutschland nicht mehr leben kann, da muslimisches Leben eingeschränkt und für mich nicht mehr möglich wäre.

    Artikel 4 unseres Grundgesetzes sichert die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Man darf glauben, was man will und sich natürlich ebenfalls entsprechend kleiden. Das Kopftuchtragen muslimischer Frauen ist von der Verfassung geschützt, und es handelt sich um ein hohes Gut, mit dem wir insbesondere auch die Religionsfreiheit der Minderheiten schützen.

    Hir: Solltest du mal Töchter haben – müssten die das Kopftuch tragen?

    Raja A.: Bei Erziehung denke ich nicht an müssen oder nicht-müssen, sondern an eine Begleitung auf Augenhöhe. Meine Töchter können und sollen sich frei entscheiden. Aber das könnte eventuell auch schon früh passieren. Ich möchte gerne meine Kinder dabei begleiten, selbstbewusste und selbstbestimmte Menschen zu werden.

    Hir: Wenn wir mal an das Mobbing in Kindergarten und Grundschule denken – wäre es nicht besser, falls die Entscheidung erst mit 14, 16 oder 18 fiele?

    Raja A.: Kinder mobben nicht. Sie sind ein Spiegelbild ihrer Eltern. Man kann – auch kleine – Kinder über das Kopftuch sehr gut mit pädagogischen Mitteln aufklären. Dann würde auch nicht gemobbt.

    Der Gesetzgeber soll Kleidung – auch für Kinder – nicht vorschreiben oder verbieten. Der Erziehungsauftrag liegt in erster Linie bei den Eltern.

    Hir: Was ist mit gemeinsamem Sportunterricht?

    Raja A.: Erlaubt. Ich selber mache jeden Sport mit. Ich trage allerdings die Islam-übliche Kleidung dabei.

    Hir: Und das besonders diskutierte gemeinsame Schwimmen?

    Raja A.:Trage ich Kopftuch, dann wähle ich den Burkini. Trage ich keins, dann ist auch ein herkömmlicher Badeanzug in Ordnung.

    Das Kopftuch bedeutet auch Befreiung

    Hir: Siehst du das Kopftuch nicht manchmal insgeheim doch als Symbol männlicher Machtstrukturen?

    Raja A.: Nein ich sehe das nicht so. Das Kopftuch ist Ausdruck individueller Religiosität und hat an sich nichts mit patriarchalischen Machtstrukturen zu tun. Sicherlich kann es wie alle anderen Mittel, Normen oder Haltungen für solche missbraucht werden.

    Die Benachteiligung der Frau, auch im Westen, besteht für mich beispielsweise darin, dass wir Frauen weniger Geld verdienen bei gleicher Arbeit und das völlig unabhängig davon, ob wir ein Kopftuch aufhaben oder nicht.

    Hir: Wie hältst du es mit der Burka?

    Raja A.: Die Burka gründet für mich auf keiner religiösen Pflicht. Sie wirkt auch auf mich befremdlich, bewirkt große Distanz zur Trägerin.

    Trotzdem bin ich gegen ein Verbot. Eine demokratische Gesellschaft muss das aushalten. Es gibt einige, die sich ne Menge ausziehen und andere, die sich viel Stoff anziehen möchten. Beides muss möglich sein.

    Hir: Lass uns zum Schluss hin noch auf einen besonders sensiblen Punkt kommen. Stehen deiner Meinung nach streng religiöse Menschen überhaupt noch auf dem Boden der Verfassung? Überlagern im Zweifelsfall göttliche Gebote die weltliche Gesetzgebung?

    Raja A.: Ich bin stolze deutsche Bürgerin und bin stolz auf unser Grundgesetz. Ich möchte nur in einer Demokratie mit funktionierender Gewaltenteilung leben. Für die verfassungsrechtlichen Werte stehe ich komplett ein. Diese Verfassung gewährt mir, meinen Glauben frei auszuüben und gleichzeitig gebietet mir meine Religion, dass ich die Gesetze des Landes einzuhalten habe, in dem ich lebe.

    Hir: Wie siehst du dich selbst als zweite Genration in unserem Land?

    Raja A. Ich bin Deutsche mit marokkanischen Wurzeln. Den Begriff „Migrationshintergrund“ mag ich nicht. Meines Erachtens ist der Begriff durch die überbordenden Debatten negativ behaftet. Und lass mich zum Schluss noch Folgendes sagen: Wir jungen Muslima fühlen uns mit Kopftuch frei und selbstbestimmt. Unser Gefühl mit dem Tuch weicht stark von der Einstellung unserer Mütter und Großmütter ab.

    Hir: Raja, herzlichen Dank für das ausführliche und sehr offene Gespräch!

    Das Interview wurde geführt am 14. Sept. 2018 in Düsseldorf-Benrath.

    Mit Dank an Katja Thorwarth, die mich bei der Zusammenstellung des Fragenkatalogs beraten hatte

  • Islambashing ist eine schlechte Richtschnur in der Flüchtlingshilfe

    Islambashing ist eine schlechte Richtschnur in der Flüchtlingshilfe

    Das aufgrund seiner Länge in drei Teile gesplittete Interview mit der Flüchtlingshelferin Rebecca Sommer sorgte für eine Menge Zündstoff. Die Reaktionen reichten von „endlich Klartext“ über „tendenziös“ bis hin zu: „Gift aus der Propagandaküche der AfD“. Das war natürlich bei der Brisanz des Themas und der doch sehr subjektiv gefärbten Darstellung nicht anders zu erwarten.

    Kolumnisten sind Einzelkämpfer

    Bevor ich nun meinen Standpunkt zu Papier bringe – hier ein paar Klarstellungen zu den Kolumnisten; denn diesbezüglich scheinen irrige Vorstellungen bei den Abonnenten zu kursieren. Zuerst mal: wir sind kein homogenes Kollektiv, sondern vertreten Einzelmeinungen. Kann also passieren, dass ich das Werk eines Schriftstellers lobend bespreche und ein anderer Kolumnist ein paar Tage später zur Gegenrede ansetzt. Wir halten keine Redaktionskonferenzen ab, in denen wir auf eine einheitliche Linie eingeschworen werden. Gastbeiträge sind jederzeit willkommen. Das Procedere läuft so: einer von uns empfiehlt jemanden, von dem er meint, dass der was Schlaues mitzuteilen hat. Wir können dann zwar „Veto“ rufen, tun es aber nicht, weil wir zum einen auf den Tippgeber vertrauen und zum anderen keine Zustände wie im Weltsicherheitsrat haben wollen, wo wir uns ständig gegenseitig blockieren. Oft ist es auch so, dass ein (neben seinem normalen Brotjob tätiger) Kolumnist neue Texte erst zum Zeitpunkt der Veröffentlichung liest. So wie mir beim Rebecca-Sommer-Interview geschehen. Aber selbst wenn ich den Wortlaut vorher gekannt hätte, wäre mein Veto ausgeblieben. Einfach aus dem Grund heraus, dass es in einem Meinungsportal möglich sein muss, Positionen – auch wenn sie meinen eigenen diametral widersprechen – zu veröffentlichen, ohne gleich in toto in die ein oder andere politische Ecke gedrängt zu werden.

    Steile Thesen und eine nicht nachhakende Interviewerin

    Nun aber zum Text als solchem. Ich will mich da kurz fassen. Wurde schon viel dazu in den Kommentarspalten angemerkt. Ohne das, was der Interviewgeberin geschehen ist, anzuzweifeln, macht sie etwas, was man mMn nie tun darf: sie verallgemeinert ihre persönlichen Erfahrungen und stellt eine komplette Religionsgemeinschaft unter Generalverdacht. Dass sie als enttäuschte Liebende redet, ist die eine Sache. Dass die sie interviewende Journalistin ihr aber nicht einmal dabei widerspricht oder auch nur vertiefend nachhakt, empfand ich mit zunehmender Dauer des Gesprächs doch als sehr ärgerlich. Und dabei gab es ja viele Punkte, die man kritisch hätte hinterfragen können.

    Als besonders steile Thesen ragen dabei heraus: der Taqiyya-Dispens (sämtlichen Moslems ist es freigestellt, uns dumme Christen ständig zu belügen. Dieses Verhalten würde nicht nur geduldet, sondern von Klerus und Gott sogar ausdrücklich gutgeheißen), Frauen als Menschen zweiter Ordnung, die den muslimischen Männern einzig als Sexobjekte und Gebärmaschinen dienen, Polygamie als Regel und nicht als Ausnahme, tribalistische Strukturen in den Heimatländern, in denen Gewalt auf der Tagesordnung steht, die Forderung der Imame, sich nicht im dekadenten Westen zu integrieren, die schlechte Ausbildung der Flüchtlinge, die uns von Politik und Presse verschwiegen wird, der Raubzug durch unsere Sozialsysteme – flankiert von zu laxer Verständnisjustiz und zu langen Abschiebeverfahren. Und bei all diesen Klischees vom bösen Moslem waren wir gerade mal bei der Hälfte des Interviews angelangt. Wow, denke ich, was kommt als nächstes: dass sie unsere Frauen vergewaltigen und das Land durch die Hintertür islamisieren wollen?

    Um es nochmal zu sagen; ich stelle nicht die persönlich negativen Erfahrungen von Frau Sommer in Abrede. Wenngleich mich die Häufung all dieser Vorfälle speziell in ihrer Nähe doch ein bisschen verwundert. Aber das ist jetzt gar nicht so wichtig. Schlimmer ist wirklich, dass die Interviewerin es einfach so geschehen lässt, ganz im Gegenteil immer weitere Stichworte liefert, damit sich ihr Gegenüber richtig auskotzen kann.

    Ohne bezweifeln zu wollen, dass es unter den Flüchtlingen Arschlöcher gibt, kann daraus aber nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass der Islam mehr Arschlöcher hervorbringt als Christentum, Buddhismus, Naturreligionen oder Atheismus. Dass die aus den Kriegsgebieten des Nahen Ostens zu uns fliehenden Menschen teils konservativer sind als wir: geschenkt. Das waren die Gastarbeiter der 60er und 70er ebenfalls und noch meine Großmutter musste Haushaltsbuch führen und sich Anschaffungen wie Spül- und Waschmaschine von meinem autoritären Großvater genehmigen lassen. Das ist jetzt gerade mal vierzig Jahre her. Aber die Entwicklung schreitet voran; bei meinen Eltern ging’s schon sehr liberal zu. Soll heißen: konservative Flüchtlinge können durchaus progressivere Kinder auf die Welt bringen. Wer ständig nur auf den Status Quo schielt, der verschläft die Zukunft.

    Das Interview arbeitet mit zwei Tricks. Nr. 1: wer anders denkt als Frau Sommer, der verschließt entweder fahrlässig – oder gar bewusst – die Augen vor der Realität oder befindet sich im gutgläubigen Stadium, das sie selbst durchlaufen hat, bevor ihr Anfang 2016 die Erleuchtung zuteil wurde: »Seht her, ich war genauso naiv wie ihr und glaubte an das Gute im Menschen. Bis ich endlich aufwachte und erkannte, dass die Moslems qua Religion böse sind«. Nr. 2: »Ich kenne natürlich auch Ausnahmen; aber diese Ausnahmen bestätigen bloß die Regel«. So oft, wie Frau Sommer Ausnahmen erwähnt, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es doch so viele Ausnahmen sind, dass man aus dem verbleibenden Rest besser keine allgemeingültige Regel herleitet.

    Zum Schluss noch ein bisschen Aluhut

    In Teil 3 wird es dann politisch. Ich lese stirnrunzelnd Sätze wie diesen:

    Bleibt unbeugsam in eurem Widerstand gegen die Verletzung des Völkerrechts vonseiten der EU, und in diesem Fall gegen eine von außen aufgezwungene Verteilung von Flüchtlingen. Jedes Land und Volk hat ein Recht, seine Gäste selber auszusuchen.

    Oder diesen:

    Völkerrecht besagt, dass ihr ein Recht darauf habt, euren eigenen politischen Weg und Status zu bestimmen und frei von Fremdherrschaft zu sein.

    Gefolgt von:

    Ich habe den Eindruck, dass in Europa Interessen am Werk sind, denen es sehr daran liegt, ein Europa zu kreieren und das Völkerrecht, die Selbstbestimmung eines vom Volk gewählten Staates zu verwaschen bis hin, es zu eliminieren.

    Und muss sagen, spätestens jetzt sind wir bei der Aluhutfraktion und Weltverschwörungstheorien angelangt. Fehlt noch der Hinweis, dass dunkle Mächte seit langem planen, alle Völker aufzulösen und durch eine leicht manipulierbare Mischrasse zu ersetzen.

    Und immer noch interveniert Frau von der Osten-Sacken nicht.

    So sehr das fortbestehende ehrenamtliche Engagement von Frau Sommer zu loben ist und auch ihre persönlichen Enttäuschungen nicht von mir hinterfragt werden sollen, muss bei diesem Text doch bemängelt werden, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Aus dem »ICH bin verärgert weil … « wurde eine Generalanklage gegen sämtliche männlichen Moslems zurechtgezimmert, die aufgrund Religion und völlig anderer Sozialisation nicht integrierbar sind bzw. gar nicht integriert werden wollen. So kann man natürlich argumentieren, darf sich dann aber nicht wundern, wenn der Applaus vor allem aus der rechten Ecke kommt. Und ich bin mir hundertpro sicher, dass es viele Flüchtlingshelfer gibt, die bei gleichlautenden Erfahrungen nicht auf die Idee verfallen, für singuläres Arschlochtum eine ganze Religionsgemeinschaft in Sippenhaft zu nehmen.

    Von daher: meins war dieser Text definitiv nicht. Dass unsere Asylpraxis dringend auf den Prüfstand gehört und durch ein modernes Einwanderungsgesetz ergänzt werden sollte, wusste ich schon vorher. Diese Forderung kann man vertreten; dafür braucht’s aber keine vorherige Generalabrechnung mit dem Islam, die die Fronten eher verhärtet, als das Problem auch nur einen einzigen Schritt einer vernünftigen Lösung zuzuführen. Und trotzdem muss es einem Meinungsportal freistehen,  solch einen Beitrag zu publizieren und zur Diskussion zu stellen.

  • Heilige Schriften

    Heilige Schriften

    Es gibt Bücher, die sind dir heilig. So ein heiliges Buch kann im Bücherregal stehen, du nimmst es von Zeit zu Zeit liebevoll in die Hand, blätterst darin, liest ein paar Sätze, und ein andachtsvoller Schauer erfasst dich.

    Für mich gab es lange Zeit so ein Buch, es war die Erstausgabe von Christa Wolfs „Sommerstück“. Das Buch war 1989 erschienen, es muss irgendwann im Frühjahr oder Frühsommer gewesen sein, denn ich war noch Student in Berlin. Wir wussten, dass das Buch jeden Tag in die Buchhandlung kommen konnte, so standen wir, ein paar Studenten, jeden Morgen eine halbe Stunde vor Ladenöffnung am „Internationalen Buch“, warteten, bis sich die Tür öffnete und die Verkäuferin sagte: „Ist noch nicht da“ . Bis zu dem Tag, wo sie das eben nicht mehr sagte, sondern uns zu dem kleinen Stapel vorließ, von dem jeder von uns nun ein Exemplar nahm, bezahlte, und glücklich verschwand.

    Das „Sommerstück“ war ein schönes Buch, der Einband, das Schriftbild, alles war schön. Außerdem enthielt es Zeichnungen – von wem, weiß ich nicht mehr. Und die Sprache hat mich bezaubert, die Geschichte hat mich berührt.

    Irgendwann war das Buch verschwunden, ich weiß nicht mehr, habe ich es verliehen, oder habe ich es sogar verschenkt? Während ich dies schreibe, will ich sogar glauben, dass ich es verschenkt habe. Jedenfalls ist es nicht mehr da, ich habe mir irgendwann eine Taschenbuchausgabe gekauft. Ich habe noch nicht hineingesehen.

    Buch oder Schrift

    Das Wort „Buch“ ist doppeldeutig, es bezeichnet einen physischen Gegenstand, ein Stapel Papier, bedruckt zumeist mit Schrift, und ein Einband, vielleicht aus Pappe, vielleicht mit einem Schutzumschlag versehen. Ein Buch kann ein heiliger Gegenstand sein, eine Reliquie.

    Aber wenn einer ein Buch geschrieben oder ein anderer ein Buch gelesen hat, dann meint man nicht dieses Papierding, sondern die Schrift darin, den Text. Wenn jemandem so ein Text heilig ist, könnte er ihn als seine heilige Schrift bezeichnen.

    Ich scheue mich davor, zuzugeben, dass es für mich heilige Schriften gibt. Wenn ich so vor meinem Bücherregal stehe und auf die Buchrücken schaue, wenn ich dieses oder jenes Buch herausziehe und darin blättere, dann muss ich mir allerdings eingestehen, dass es Texte gibt, die einen gewissen heiligen Status für mich haben. Gedichte von Rilke, ja, und, ich muss es zugeben, auch „Sein und Zeit“ und einige Vorlesungen von Heidegger, „Der Satz vom Grund“ etwa, oder „Was heißt Denken?“. Auch einige Schriften des Aristoteles gehören dazu. Natürlich will ich das sofort relativieren, kaum, dass ich es hingeschrieben habe.

    Was ist das „Heilige“?

    Wenn zwei zusammenkommen, denen die gleichen Schriften heilig sind, dann bildet sich Gemeinschaft. Man liest sich gegenseitig den einen oder anderen Abschnitt vor, sieht die leuchtenden Augen des Anderen, merkt, dass man einander durch und in diesen Texten versteht. Und man ist verwundert und berührt von der Tatsache, dass ein paar Worte, vor langer Zeit geschrieben, den Autor mit uns hier und jetzt zu einer Gemeinschaft vereint.

    Das ist ja überhaupt das Heilige: Dass es auf intuitive Weise Gemeinschaft herstellt, mit anderen, die anwesend sind, aber auch mit denen, die schon zuvor dieses Heilige erfahren haben. Man ist dann geneigt, ja, man kann vielleicht nicht mal umhin, intuitiv zu verstehen, dass es eine Idee geben muss, die in diesem heiligen Werk lebt, eine Idee, die die einzelnen Menschen überdauert, und dass es diese Idee ist, die die Gemeinschaft derer, die von diesem Heiligen erfasst werden, erzeugt und sicherstellt.

    Damit sind wir im Bereich der Religionen angekommen, und gleichzeitig an einer Stelle, die den Philosophen immer wieder Kopfzerbrechen bereitet und diese merkwürdige Verwandtschaft zwischen Philosophie und Theologie erklärt. Denn wie es sein kann, dass solche Ideen über Jahrhunderte hinweg existieren, dass wir heute spüren, dass schon Aristoteles die gleichen Gedanken umgetrieben haben wie uns jetzt, dass sich in einem Rilke-Gedicht etwa ausspricht (ja, es spricht sich aus) was ich erspüren kann – dass es also dieses Reich der Ideen irgendwie wirklich geben muss, dass lässt die Philosophen schlaflos sein, während die Theologen einfach Gott dazu sagen. Die Gemeinschaft, die sich um eine bestimmte Heilige Schrift herum bildet, ist dann eben eine Religions-Gemeinschaft, deren Anhänger sich darüber einig sind, dass genau in dieser Schrift die Ideen ihres Gottes sprechen.

    Religiöse Züge

    So weit, so gut, und wir sagen nicht umsonst, dass die Verehrung eines Dichters oder Denkers hier und da „religiöse Züge“ annimmt. Diese Art von Religiosität ist vielleicht wirklich eine zutiefst menschliche Angelegenheit, die die Identifikation und Gemeinschaft mit weit entfernten und längst verstorbenen Menschen eben über diese gemeinsamen Ideen, die uns Sterbliche überdauern, ermöglicht. Das ist ganz wunderbar, und wir täten gut daran, das Phänomen der Religiosität aus der Enge der Kirchen herauszuholen und es viel allgemeiner und selbstverständlicher zu beschreiben.

    Aber nicht in diesem Text. Denn hier soll es denn doch noch um die Schriften gehen, die den großen Glaubensgemeinschaften heute als heilig gelten: Die Bücher und Evangelien der Bibel etwa, oder der Koran.

    Diese Schriften, so heißt es, sind von einem Gott selbst geschrieben oder wenigstens diktiert. Sie sind deshalb unumstößlich wahr, und soweit sie Anweisungen für das praktische Leben enthalten, sind diese von denen einzuhalten, die sich zur jeweiligen Glaubensgemeinschaft zählen.

    Idee oder Gott

    Man muss nicht an einen aktiv schreibenden oder diktierenden Gott glauben, um die Entstehung einer Heiligen Schrift zu verstehen und zu akzeptieren. Nimmt man an, dass es Ideen gibt, die unabhängig von konkreten Menschen und deren Einzelzielen und Anschauungen existieren (etwa die Idee der Freiheit, die der Gerechtigkeit, der Ehrlichkeit, der Liebe, der Freundschaft, des Glücks und des guten Lebens), dann kann man sich die Entstehung einer heiligen Schrift auch so vorstellen. Ein Autor, der die wichtigen Ideen der Gemeinschaft besonders intensiv und direkt erkannt hat und zudem die Fähigkeit besaß, diese Ideen in bildhafter Sprache und in verständlichen Geschichten zum Ausdruck zu bringen, hat diese Texte geschrieben. Der Autor kann dieses Schreiben durchaus als intuitives Erkennen der Ideen, als Sprechen der Ideen zu ihm und durch ihn, erlebt haben. Durch die Akzeptanz der Gemeinschaft ist zudem gesichert, dass es tatsächlich diese Ideen der Gemeinschaft sind, die unabhängig vom Autor da sind, die aus dem Text sprechen.

    Wie auch immer, damit diese Texte verständlich sind, müssen sie an das Leben der aktuellen Gemeinschaft, an ihre konkrete Erfahrung, ihre Gewohnheiten, ihre Lebensweise anknüpfen. Auch ein Gott muss, um sich seinen Gläubigen verständlich zu machen, in ihrer Sprache sprechen, muss in Gleichnissen reden, die ihrem Alltag und ihrem Weltverständnis entnommen sind.

    Gott muss alltäglich sprechen

    Wenn also spätere Generationen die Ideen einer heiligen Schrift verstehen wollen, müssen sie sie deuten. Man muss sie nicht einmal in die heutige Welt „übersetzen“, aber man muss die Idee aus dem Text herausdeuten. Der pure Text kann nicht die Botschaft sein. Auch wenn ich heute bei Aristoteles etwas über seine Idee der Demokratie erfahren will, muss ich seine Welt und die seiner Mitdenker in mein Denken mit hineinholen. Jede heilige Schrift ist Gleichnis in der Welt ihres Entstehens, die Idee, die sie ausspricht, muss neu erspürt werden. Das eigentlich Wunderbare ist ja, dass das wirklich geht.

    Auch diejenigen also, die sich immer wieder gern aus moderner Sicht über alte heilige Texte lustig machen, zeigen nur, dass sie das Wesen einer Heiligen Schrift nicht verstanden haben. Die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments etwa, in der Gott in sieben Tagen die Welt erschuf, halten sie von der modernen Naturwissenschaft für widerlegt. Aber versetzen wir uns einmal in die Lage Gottes, der den Menschen vor ein paar tausend Jahren erklären wollte, dass auch diese Welt, so wie sie heute ist nicht ewig existierte. Wir Heutigen haben natürlich eine gewisse Vorstellung davon, was Millionen oder Milliarden Jahre sind, aber in einer Zeit ohne Geschichtsschreibung, ohne Archäologie oder Geologie, wie sollte man da die Idee vom Werden der Welt erklären? Wenn man das in Betracht zieht, dann ist es eigentlich ganz faszinierend, wie genau die Schöpfungsgeschichte mit dem heutigen naturwissenschaftlichen Denken übereinstimmt: erst die Entstehung von Sonne und Erde, die Notwendigkeit des Lichts und des Wassers, dann die Pflanzenwelt, dann erst die Tierwelt und schließlich der Mensch. So falsch ist das nicht, und wenn man bedenkt, dass die Autoren dieser Schriften wirklich keinen einzigen empirischen Hinweis hatten, dass es so gewesen sein muss, dann muss man staunen über die Intuition dieser Denker.

    Aber auch diejenigen, die die Heiligen Schriften akzeptieren und als Vor-Schriften für Ihre Gemeinschaft nehmen, müssen sich vergegenwärtigen, dass ihr Gott zu ihnen hier und heute anders sprechen würde, in anderen Bildern, anderen Gleichnissen, und dass er ihnen auch andere Vorschriften machen würde, die in die heutige Welt passen. Sie müssen die Ideen hinter den Geschichten erspüren, die universellen Normen hinter den Gesetzen, die in einer ganz bestimmten Zeit formuliert worden sind.

    Viele Heilige Schriften – und immer die gleichen Ideen

    Vielleicht würde es ihnen auch helfen, wenn sie sich vorstellen könnten, dass dieser Gott an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Heilige Schriften geschrieben hat, und dass sie nur durch die Zusammenschau all dieser Texte zu der Idee kommen können, die ihnen ihr Gott auch heute mit auf den Weg geben will. Und vielleicht stecken diese Ideen ja auch in anderen Schriften, denn der Gott, zu dem die einen oder anderen beten, ist ja universell, er kann auch zu Menschen sprechen, die nicht an ihn glauben. Vielleicht ist ja selbst dieser Text hier von diesem Gott diktiert.

    Oder er ist eben ein Ausdruck einer allgemeinen Idee, die auch in diesem Text lebt, die mich aus meinen heiligen Schriften anweht und die mich, auch durch diesen Text, überdauert.

  • Guter Gott? Böser Gott?

    Terror zu Ehren eines Gottes oder im Namen einer Religion erschüttert die Welt. Im Namen Gottes sind Kriege geführt worden, wurden Menschen als Hexen und Ketzer verbrannt, Kulturen ausgelöscht. Kunstwerke und steinerne Zeugnisse alter Zivilisationen wurden aus vorgeblich religiösen Gründen zerstört. Auf der anderen Seite kennt die Geschichte auch Menschen, die gerade durch ihren Glauben fähig waren, gutes zu leisten, dem Bösen zu widerstehen. Der Glaube hat in dunklen Zeiten die Menschen stark gemacht, Anderen, Schwächeren und Unterdrückten zu helfen. Im Namen jeder Religion sind schon große Werke der Kunst geschaffen worden, und viele gute, uneigennützige, aufopfernde Menschen ziehen aus dem Glauben die Kraft für ihre tägliche Arbeit.

    Was ist überhaupt Religion?

    Um zu verstehen, wie diese widersprüchliche Wirkung von religiösen Überzeugungen möglich ist, muss man sich vielleicht erst einmal fragen, was Religion überhaupt ist. Man kann ja ohne Schwierigkeiten verschiedene Religionen aufzählen, Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus. Man weiß irgendwie, dass man mit all diesen Begriffen Religionen bezeichnet. Aber weder ist klar, ob man damit eine Menschengruppe, eine Organisation, Gebäude und Orte oder irgendwelche Regelwerke bezeichnet, noch weiß man, was all diese Religionen gemeinsam haben, damit wir sie von anderen sozialen Erscheinungen, z.B. Sportarten, Kunstgattungen, politischen Gebilden, unterscheiden können.

    Wann also ist etwas eine Religion, und um was handelt es sich dabei?

    Glaube, Kult, und Autorität

    Religionen können wir aus drei Perspektiven betrachten, die in irgendeiner Form bei allen von ihnen ausgeprägt sind. Da gibt es zuerst mal einen Glauben an eine Transzendenz. Das kann ein Gott sein oder eine ganze Götterwelt, aber auch eine Welt der Ahnen oder der Seelen aller Menschen. Ein religiöser Glaube ist von etwas überzeugt, was jenseits unserer Erfahrung existiert, unseren alltäglichen Sinnen aber nicht zugänglich ist, jedenfalls nicht so, dass wir einfach darauf zeigen könnten und zu jemandem anders sagen können: Siehst du das? Hörst du das auch?

    Zwar spricht man auch vom Transzendenten so, man betrachtet etwa ein religiöses Bild oder ein Bauwerk und sieht darin das Göttliche. Oder man sieht es in einem Naturschauspiel. Vielleicht sieht man es auch, wenn man ein altes Paar beobachtet, bei dem einer den anderen stützt. Aber jeder weiß, dass dann nicht das bloße Augenaufreißen und Ohrenaufsperren genügt, dass da mehr Sinne gebraucht werden, als die, deren Wirkung wir physikalisch beschreiben können.

    Gerade weil wir das Transzendente nicht sehen, hören oder riechen können, gehört zum Glauben auch die Überzeugung darüber, wie dieses Transzendente mit uns in Kontakt kommt, etwa über einen Zeugen, der vom Transzendenten inspiriert wurde, und der uns das Transzendente sehen gelehrt hat. Diesen Zeugen nennt man dann Prophet, Gottes Sohn oder Apostel. Auch Überzeugung, dass das Transendente direkt zu jedem Einzelnen spricht, etwa in der Erkenntnis des Guten und Schönen, oder im Gewissen, gehört zu diesem Teil des Glaubens.

    Der zweite Aspekt der Religion ist der Kult, das gemeinschaftliche, choreografierte Glaubenserlebnis. Die Handlungen, mit denen man sich des Glaubens versichert, und die der Glaube als richtiges Wirken in der Welt vorgibt, gehören zum Kult. Ist der Glaube mit einem oder mehreren inspirierten Vermittlern der Transzendenz verbunden, dann ist der Kult zumeist in einem schriftlichen Regelwerk festgelegt, er kann aber auch durch Tradition gelehrt und weitergegeben werden. Wie auch immer, Regelwerke sind immer Gegenstand der Interpretation, sie müssen von jeder Generation und an jedem Ort neu gedeutet werden. Auch wenn die Autoren vom Transzendenten inspiriert waren, haben sie die Sprache einer bestimmten Zeit und Gegend genutzt, sie haben an die Erfahrung der Menschen in ihrer Umgebung angeknüpft.

    Somit gibt es nicht nur große inspirierte Erst-Vermittler der Religionen, die Propheten, die Evangelisten oder andere, sondern im Laufe der Geschichte einer Religion auch große, bedeutende Interpreten. Es ist klar, dass verschiedene Menschen in einem Glauben übereinstimmen, aber die Regeln für den richtigen Kult unterschiedlich interpretieren und in ihrer konkreten Umwelt unterschiedlich ausdeuten.

    Die Choreographie des Kults wird in den Religionen organisiert, ihre Weitergabe wird gelehrt, Autoritäten werden definiert. Es entstehen Institutionen, etwa Gemeinden und Kirchen, in denen die Autoritäten stabilisiert werden. Autoritäten entlasten den Einzelnen von der Notwendigkeit, selbst herauszufinden und detailliert zu prüfen, was der richtige Kult ist. Institutionalisierte Autoritäten erklären dem religiösen Menschen, warum sein Glaube in genau bestimmter Weise in einem Kult praktiziert werden kann, und warum die Institution, die die Autorität vertritt, der richtige Ort ist, um den Kult zu praktizieren

    Wiederum ist offensichtlich, dass zwei Menschen, die den gleichen Glauben haben und auch einen gleichen oder ähnlichen Kult praktizieren, noch längst nicht die gleichen Autoritäten akzeptieren müssen.

    Religionen sind also einerseits Überzeugungen, die bestimmte konkrete Menschen haben, und die sich nicht in einfachen Beobachtungen der Welt bestätigen oder widerlegen lassen. Anderseits sind es Handlungen, die gemeinsam praktiziert und von Gemeinschaften gepflegt und weitergegeben werden. Drittens sind Religionen Institutionen, die Autoritäten stabilisieren und Zugehörigkeiten definieren. Religionen können wir als Hybride aus individuellen Überzeugungen, ritualisierten Handlungen und autoritären Institutionen ansehen.

    Nebenbei sei an dieser Stelle kurz bemerkt, dass auch andere Phänomene des Gesellschaftlichen religiöse Züge aufweisen, wenn sie die skizzierte hybride Struktur aus Glauben, Ritual und Institution zeigen.

    Gleichzeitig zeigt sich, dass jede Religion, wenn sie erst einmal alt genug ist, ganz selbstverständlich zu einem vielfältigen, inkonsistenten, schillerndem Gebilde wird, das notwendig widersprüchlich erscheinen muss, wenn man es als solitäre, klare Struktur ansehen will, das einfache Ursache-Wirkungs-Prozesse auslöst. Wenn man etwa meint, dass die Anweisungen und Vorschriften eines heiligen Werkes einer Religion zwingend zu bestimmten Verhaltensweisen der Gläubigen führen müssen, wird man der schillernden Vielfalt einer Religion nie gerecht.

    Bibelzitate und Koranverse sind kein Beweis

    Es sind heute weniger die Gläubigen, die eine wörtliche Auslegung und ein buchstäbliches Befolgen von Bibelzitaten oder Koranversen fordern, als die Religionskritiker. Sie sammeln Suren und meinen, daraus etwa die kriegerische Ausrichtung des Islam ableiten zu können. Sie lesen die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments und meinen, dass diese von der modernen Naturwissenschaft widerlegt worden ist.

    Bekanntlich gibt es in jeder Religion fundamentalistische Auslegungen, die die heiligen Schriften, in denen ihr Glauben zuerst bezeugt wurde, in ihrem Wortlaut buchstäblich auffassen und als simple, unmittelbare Handlungsvorschrift nehmen wollen. Das führt fast automatisch zu einer Ablehnung der gegenwärtigen Gesellschaften, denn der Wortlaut eines Textes, der Jahrhunderte oder Jahrtausende alt ist und in einer ganz anderen Umgebung für Menschen mit ganz anderer Erfahrung aufgeschrieben wurde, kann nicht wörtlich auf unsere Welt passen, sei er inspiriert von einem Gott oder nicht. Der Gott, den wir uns auf diese Weise vorstellen, muss fast notgedrungen als böser Gott erscheinen, der fordert, die heutige Welt abzulehnen oder gar zu bekämpfen.

    Den meisten Gläubigen ist das jedoch bewusst. Sie suchen in den alten Texten und in den überlieferten Kulten den Geist des inspirierenden Gottes und sie wissen, dass die Menschen, die die Texte in menschlicher Sprache aufgeschrieben, weitergegeben und übersetzt haben, fehlbar waren. Ihr Gott ist ein guter Gott, der menschenfreundlich ist, und menschenfeindliche Interpretationen können nicht richtig sein, insbesondere, wenn sie an einen Schöpfergott glauben, der seine Geschöpfe selbst liebt und mit der Fähigkeit zu lieben ausgestattet hat.

    Die Religionskritiker sind die Dogmatiker

    Die Dogmatiker sitzen vor allem außerhalb der Religionen. Diejenigen, die die Religionen für das Schlechte auf der Welt verantwortlich machen wollen, fordern, die Bibel und den Koran als wörtliche, absolute Wahrheit aufzufassen, die buchstabengetreu zu interpretieren ist. Sie wollen nicht deuten und ins Heute übertragen. Sie nutzen die alten Texte mit ihren alten Geschichten, um die Religionen lächerlich zu machen.

    Pauschale Religionskritik geht aber fehl, sie kritisiert alte Texte aus heutiger Sicht – das ist sinnlos. Wer einen Text, der tausend oder zweitausend Jahre alt ist, verstehen will, muss sich entweder in ihn einfühlen, oder er muss seine Entstehungssituation erforschen und Sprachwissenschaft betreiben. Beides ist eine aufwändige, aber erhellende Beschäftigung, die auch für das Verstehen unserer heutigen Welt sinnvoll ist, weil sie zeigt, was im Wandel gleich geblieben ist und wo unser heutiges Weltverstehen seine Wurzeln hat.

    Sinnvoll ist nicht, heutigen Gläubigen ihre heiligen Texte vorzuhalten und zu fordern, sich von ihnen zu distanzieren. Sinnvoll ist aber, heutige Machtmechanismen der Institutionen zu untersuchen, die Akzeptanz von Autoritäten und die Wirkungen von ritualisierten Kulten zu hinterfragen. Sinnvoll ist auch, kritisch über Glaubensfragen zu diskutieren. Das wird die Religionen nicht schwächen – aber das ist auch gar nicht nötig. Es wird den religiösen Menschen helfen, ihren bösen Autoritäten zu widerstehen und ihre guten Götter zu sehen.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die areligiösen Motive des Terrors.

    In dieser Debatte auch interessant ist die letzte Kolumne von Heinrich Schmitz, der zeigt, dass der IS weder ein Staat noch islamisch ist, Sören Heims Auseinandersetzung mit Nekla Keleks Kritik an Navid Kermani, sowie Sören Heims Diskussion der Neuübersetzung literarischer Werke.