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  • TV-Philosoph sieht Meinungsfreiheit in Gefahr

    TV-Philosoph sieht Meinungsfreiheit in Gefahr

    Vergangene Woche hatte ich mich an dieser Stelle über die Prognosefähigkeit von Deutschlands TV-Philosoph Nummer 1 ausgelassen, weil der in 3 Jahren Alice Weidel im Kanzleramt sieht (unter der Voraussetzung natürlich, dass viele Dinge, in diesen 36 Monaten passieren, von denen jedoch keinesfalls sicher ist, ob sie jemals passieren; weswegen es durchaus sein kann, dass die Vorhersage überhaupt nicht eintritt). Bezugnehmend auf ein Interview Prechts in der NZZ. Was mir erst im Nachgang auffiel – da war meine Kolumne allerdings schon raus –: Es ging in dem Gespräch nicht nur um die Kanzlerschaft, sondern es wurde ebenfalls über die (angeblich) gefährdete Meinungsfreiheit in unserem Land geredet.

    Und da ich dieses Thema echt wichtig finde, gibt’s deshalb heute eine Draufgabe:

    Wie Rechte und TV-Philosophen ständig die Meinungsfreiheit bedroht sehen – und warum das bloß ein billiger Taschenspielertrick ist

    Es gibt diese merkwürdige, immer gleiche Szene im deutschen Debattentheater. Jemand mit sehr viel Sendezeit, sehr vielen Büchern im Schaufenster und sehr vielen Einladungen in sehr viele Talkshows erklärt mit ernster Miene: „Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr.“ Applaus brandet auf – nicht etwa von Menschen, die wirklich zum Schweigen gebracht wurden, sondern von denen, die seit Jahren zuverlässig jede Bühne bespielen, die man ihnen hinstellt.

    Aktuell ist es mal wieder Richard David Precht, der Deutschen liebster Welterklärer, der ohne auch nur eine Sekunde zu zögern in jedes Mikrofon spricht, das man ihm vor die Nase hält. „Der Philosoph sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet“, meldete die NZZ am 27.01.2026. Man könnte meinen, jemand habe ihm den Stift weggenommen, seine Bücher verboten, sein Podcast-Feed gelöscht. Doch nein: Precht ist allgegenwärtig. Er ist Talkshow-Dauergast, Bestsellerautor, Podcaster, Leitartikler. Wenn das „Gefahr“ ist, dann möchte man den Zustand der Sicherheit erst gar nicht kennenlernen.

    Der rechte Mythos vom engen Meinungskorridor

    „Meinungskorridor“, „Cancel Culture“, „Mainstream-Medien“ – diese Begriffe sind die Heilige Dreifaltigkeit eines Diskurses, der sich selbst für rebellisch hält, während er längst zum Standardprogramm der rechten Empörungsindustrie gehört. Das Narrativ ist immer gleich: Es gibt ein Kartell aus progressiven Eliten, Journalisten, Wissenschaftlern und „woken Aktivisten“, das abweichende Meinungen unterdrückt. Wer trotzdem etwas sagt, wird „gecancelt“ – also moralisch vernichtet, beruflich ruiniert, sozial geächtet.

    Das Problem: Diese Geschichte ist empirisch nicht nachweisbar. Die angeblich Mundtotgemachten sind in der Regel Menschen mit Reichweite, Macht und finanzieller Absicherung. Sie sind Kolumnisten großer Zeitungen, Professoren mit Lehrstühlen, YouTuber mit Millionenpublikum. Sie werden nicht gecancelt – ihnen wird widersprochen. Und das ist, man höre und staune, ebenfalls Meinungsfreiheit.

    Meinungsfreiheit heißt nicht Widerspruchsfreiheit

    Der zentrale Taschenspielertrick besteht darin, Kritik als Zensur umzudeuten. Wer widerspricht, wird zum Zensor erklärt. Wer protestiert, wird zum Feind der Freiheit. Wer einen Boykott fordert, gilt als totalitärer Aktivist. Dabei ist all das selbst Ausdruck von Meinungsfreiheit. Niemand hat ein Grundrecht darauf, unwidersprochen zu bleiben. Es gibt kein Menschenrecht auf Applaus.

    Die rechte Rhetorik verschiebt die Begriffe so lange, bis alles verschwimmt. „Cancel Culture“ wird zur Chiffre für jede Form sozialer Sanktion. Wenn ein Verlag ein Buch nicht drucken will: Cancel Culture. Wenn ein Sender jemanden nicht einlädt: Cancel Culture. Wenn Menschen auf Twitter sagen, dass sie jemanden unsympathisch finden: Cancel Culture. Der Staat spielt dabei oft gar keine Rolle – und genau das ist der Punkt.

    Denn Meinungsfreiheit ist primär ein Abwehrrecht gegen den Staat. Es schützt vor staatlicher Zensur, vor Verboten, vor Repression. Es schützt nicht vor den Reaktionen anderersdenkender Bürger. Wer das  nicht akzeptiert, möchte im Grunde die Gesellschaft zur Applausmaschine umbauen.

    Die Mainstream-Medien als Feindbild

    Besonders beliebt ist das Schlagwort von den „Mainstream-Medien“. Es suggeriert Gleichschaltung, Monopol, Ideologie. Tatsächlich ist die deutsche Medienlandschaft pluralistischer als je zuvor: Von linksprogressiv bis marktradikal, von öffentlich-rechtlich bis libertär, von Boulevard bis Feuilleton. Dass bestimmte Positionen häufiger vertreten sind als andere, ist kein Beweis für Unterdrückung – sondern schlicht Ausdruck gesellschaftlicher Mehrheiten.

    Doch Mehrheiten sind in diesem Narrativ per se verdächtig. Wer von Mehrheiten spricht, gilt als Konformist. Wer sich dagegenstellt, als mutiger Dissident. Das ist intellektuell bequem und moralisch lukrativ. Man kann sich als Galilei fühlen, während man im ZDF sitzt. Die Pose des verfolgten Denkers ist attraktiver als die Mühe, seine Thesen empirisch zu untermauern.

    Der Blick nach Amerika: Wenn die Bedrohung real ist

    Das wirklich Absurde an dieser Debatte ist, dass es reale Bedrohungen der Pressefreiheit gibt – nur kommen sie nicht von den üblichen Verdächtigen. Wer wissen will, wie staatliche Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit aussieht, muss nicht in deutsche Talkshows schauen, sondern in die Vereinigten Staaten unter Donald Trump.

    Dort werden Journalistinnen und Journalisten systematisch diffamiert, Medien als „Feinde des Volkes“ bezeichnet, kritische Reporter von Pressekonferenzen ausgeschlossen, staatliche Informationen selektiv verteilt. Whistleblower werden verfolgt, investigativer Journalismus behindert, unabhängige Medien delegitimiert. Das ist keine „Cancel Culture“, das ist Machtpolitik gegen die Öffentlichkeit. Wer in Deutschland ernsthaft von Diktatur des Meinungskorridors spricht, sollte einmal ein White-House-Briefing mit Trumps Pressesprecherin Leavitt besuchen.

    Precht als Symptom – und seine Mitstreiter

    Precht ist dabei allerdings weniger Ursache als Symptom. Er artikuliert ein Gefühl, das in Teilen des Bürgertums weit verbreitet ist: die Sorge, den kulturellen Ton nicht mehr anzugeben. Früher definierten die Etablierten, was sagbar ist. Heute widersprechen jüngere Generationen, Minderheiten, Aktivistinnen. Das fühlt sich für manche wie Zensur an, ist aber in Wahrheit Demokratisierung.

    Precht selbst liefert reichlich Material für dieses Narrativ. Er beklagt, die „sozialen Kosten, seine Meinung zu sagen, sind stark gestiegen“ (Berliner Zeitung). In Talkshows spricht er von einer „gesellschaftlichen Ächtung für freie Meinungsäußerungen“. Im Podcast Lanz & Precht warnt er, die Meinungsfreiheit sei „gefährdet“, und bei Markus Lanz erklärt er: „Die Grenzen der Meinungsfreiheit fangen bei der Selbstzensur an“. Selbstzensur – also die eigene Vorsicht im Umgang mit Kritik – wird zur staatlichen Repression umgedeutet.

    Prechts Co-Autor Harald Welzer hat dieses Gefühl in Buchform gegossen. In „Die vierte Gewalt“ behaupten beide, Medien und Politik erzeugten künstliche Mehrheitsmeinungen und engten den Debattenraum systematisch ein. Welzer fabuliert von einer „gemachten Mehrheitsmeinung“. Kritiker warfen dem Buch vor, es operiere im Behauptungsmodus und liefere kaum empirische Belege. Aber das ist ja gerade der Trick: Wer von Meinungskorridor spricht, muss keinen beweisen, er muss ihn nur fühlen.

    Noch direkter formuliert Ulf Poschardt seine Kulturkampf-Ängste. Über die Pandemiepolitik sagte er: „Corona hat mich eigentlich radikalisiert“ und sprach von einem moralischen „Terrorregime“ der Eliten. Wenn der Chefredakteur eines der reichweitenstärksten Blätter des Landes von Terror redet, während er täglich Leitartikel publiziert, ist das weniger Analyse als Pose.

    Auch der Medientheoretiker Norbert Bolz warnt seit Jahren vor einem Klima, in dem Abweichler mit „massiven beruflichen Sanktionen“ rechnen müssten, wenn sie vom Mainstream abweichen. Das mag sich dramatisch anhören, ist aber selten belegt – und oft vor allem Gefühlspolitik derjenigen, die es nicht gewohnt sind, dass ihnen Widerspruch entgegenbrandet.

    Das Geschäftsmodell mit der gekränkten Meinungsfreiheit

    Man sollte dabei nicht unterschätzen, wie lukrativ die permanente Beschwörung der bedrohten Meinungsfreiheit inzwischen ist. Für Precht & Co. ist das Lamento nicht nur Haltung, sondern auch Geschäftsmodell. Wer behauptet, man dürfe „nichts mehr sagen“, sagt in der Regel sehr viel – und verkauft dabei Bücher, Podcasts, Bühnenauftritte und Talkshowformate. Empörung ist eine verlässliche Währung im Aufmerksamkeitsmarkt, und nichts generiert mehr Reichweite als das Gefühl, unterdrückt zu werden. Das Narrativ vom engen Meinungskorridor ist perfekt: Es macht den Sprecher zum Dissidenten, immunisiert ihn gegen Kritik und garantiert mediale Dauerpräsenz. Der angeblich verengte Debattenraum wird so zur Bühne, auf der sich dieselben Figuren immer wieder als mutige Grenzgänger inszenieren – und aus der Pose der Bedrohten ein stabiles Einkommen ziehen. Meinungsfreiheit als Markenstrategie, Empörung als Content, Opfergehabe als Geschäftsplan.

    Warum das Opfer-Narrativ so verführerisch ist

    Warum also halten sich diese Klagen über den engen Meinungskorridor so hartnäckig? Weil sie psychologisch funktionieren. Wer sich als Opfer einer übermächtigen Mehrheit inszeniert, immunisiert sich gegen Kritik. Jede Gegenrede bestätigt die eigene These. Widerspruch wird zum Beweis für Unterdrückung. Es ist ein hermetisch abgeschlossenes Weltbild.

    Zugleich ermöglicht es moralische Selbstaufwertung. Man ist nicht einfach jemand mit einer unpopulären Meinung – man ist Freiheitskämpfer. Man ist nicht jemand, der Unsinn redet – man wird mundtot gemacht. Diese Rhetorik verwandelt jede Debatte in einen Kulturkampf und jede Kritik in eine existenzielle Bedrohung.

    Demokratisierung fühlt sich für Privilegierte wie Zensur an

    Vielleicht ist das der Kern des Problems: Demokratisierung fühlt sich für Privilegierte wie Zensur an. Wenn plötzlich mehr Stimmen gehört werden, wenn Minderheiten widersprechen, wenn Aktivisten die moralische Agenda mitbestimmen, verliert die alte Sprecherelite ihre Deutungshoheit. Was früher selbstverständlich war, wird verhandelbar. Und Verhandelbarkeit fühlt sich für diejenigen, die es gewohnt sind, Recht zu haben, wie ein Verlust an Freiheit an.

    Die Ironie der Freiheit

    Die Ironie ist, dass gerade diejenigen, die am lautesten „Meinungsfreiheit!“ rufen, häufig selbst wenig tolerant gegenüber abweichenden Meinungen sind. Freiheit wird selektiv verstanden – für sich selbst, nicht für andere. Wer gegen Migration polemisiert, argwöhnt Gesinnungsdiktatur, sobald ihm widersprochen wird. Wer Gendern ablehnt, sieht sich als Opfer eines Sprachregimes, fordert aber gleichzeitig, andere sollten gefälligst „normal“ sprechen. Die Freiheit der anderen ist oft nur lästig.

    Robuster als behauptet

    Die Meinungsfreiheit in Deutschland ist robust. Sie wird täglich genutzt – von Linken, Liberalen, Konservativen, Rechten. Sie wird manchmal strapaziert, oft missverstanden, selten wirklich gefährdet. Wer sie dennoch permanent bedroht sieht, betreibt ein rhetorisches Kunststück: Er verwandelt Privileg in Unterdrückung und Widerspruch in Zensur.

    Das ist jedoch kein philosophischer Tiefgang, sondern bloß ein rethorischer Taschenspielertrick. Und vielleicht sollte man, statt immer wieder über den angeblich engen Meinungskorridor zu klagen, einfach akzeptieren: Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden, lauter, widersprüchlicher. Das bedeutet keine Bedrohung der Freiheit. Das ist ihre Verwirklichung.
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    Genutzte Quellen:

    1. Richard David Precht, Der Philosoph sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet, Neue Zürcher Zeitung, 27. Januar 2026.

    2. Richard David Precht, mehrere Interviews in Berliner Zeitung zum Thema „Öffentlichkeit, Debattenkultur und Diskursverengung“.
    z.B.: Ich kann wunderbar damit leben, dass mich jemand Schwachkopf nennt. Interview in: Berliner Zeitung, 17. Oktober 2025.

    3. Markus Lanz und Richard David Precht: Sagen, was ist: Wie gefährdet ist unsere Meinungsfreiheit?
    Podcast Lanz & Precht, Ausgabe 194, ZDF, 2025.

    4. Richard David Precht in der Talkshow Markus Lanz, ZDF, Sendung Mai 2025 (Thema: Meinungsfreiheit, Selbstzensur, Diskursklima).
    gefunden in Münchner Merkur: Lanz und Precht sorgen sich um die Meinungsfreiheit, 31.05.2025

    5. Richard David Precht und Harald Welzer, Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist (Frankfurt am Main: S. Fischer, 2022).

    6. Ulf Poschardt, diverse Kolumnen zu Cancel Culture, Meinungsfreiheit und Illiberalisierung des Diskurses“.
    z.B.: Nur Pseudo-Liberale leiden an der Meinungsfreiheit. Die Welt, 16. April 2022.

    7. Norbert Bolz, Die Konformisten-Rebellion. Wie wir in der Konsensgesellschaft unsere Freiheit verspielen (Paderborn: Wilhelm Fink, 2017).
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    Lesen Sie auch: Facebook kann Meinungsfreiheit völlig egal sein
    Meinungfsreiheit in Facebook
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  • Ehe für Alle: im Debatten-Taumel

    Ehe für Alle: im Debatten-Taumel

    Ganz Deutschland, wenigstens der Teil, der sich öffentlich äußert, scheint seit einigen Tagen im Freudentaumel zu sein. Wir feiern die Ehe für Alle. Im Bundestag wurden Konfetti verstreut. Meine Facebook-Freunde haben virtuelle Freudentränen in den Augen. Und jeder, der die Stimmung mit kritischen Nachfragen, gar mit Ablehnung des freudigen Ereignisses trüben könnte, wird der Gemeinschaft verwiesen.

    Warum gelingt es mir nicht, mich der allgemeinen Euphorie anzuschließen? Warum reihe ich mich nun in die kleine Gruppe derer ein, die als Spaßbremsen die allgemeine Glückseligkeit beeinträchtigen.

    Was eigentlich nichts zur Sache tut

    Zunächst, obwohl es gar nichts zu Sache tut: Ich bin heterosexuell. Ich bin ein heterosexueller, weißer, nicht mehr ganz junger Mann, Babyboomer. Ich lebe in Deutschland, ich bin nicht arbeitslos. Spätestens jetzt ist klar: Ich gehöre zu den privilegierten, denen, die vom Schicksal unberechtigterweise bevorzugt wurden und die also eigentlich sowieso keine Ahnung von den Sorgen der Frauen, der Homosexuellen, der Nicht-Weißen haben, derer, die in Afrika leben und derer, die keine Arbeit haben.

    Dann, auch wenn das immer noch nichts zur Sache tut: Ich habe homosexuelle Freunde und Verwandte, ich mag sie, ich streite und feiere mit ihnen. Sie mögen alle, wie ich, auf ihre Weise glücklich werden, ob in festen Beziehungen, ob als Single, ob in wechselnden Partnerschaften. Ich freue mich für diejenigen unter ihnen, die sich mit der Ehe für Alle nun Eheleute nennen können, sofern sie sich das wünschten. Und wer von ihnen ein Kind adoptieren möchte, und wer die strengen Regeln des Adoptionsrechts und die Prüfungen der Ämter besteht, der soll das tun und glücklich sein.

    Keine Diskussion um die Ehe für Alle?

    Was also verdirbt mir eigentlich den Spaß? Es ist die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft die Debatte um ein solches Thema wie Ehe für Alle geführt wird. Es ist genau die Art, wie wir überhaupt Debatten führen. Diese Methode, Debatten gerade nicht zu führen, schwierige Themen, zu denen es verschiedene Ansichten gibt, gerade nicht zu diskutieren, die Debatte vielmehr zu verweigern, die Diskussion, genauer, die Menschen, die abweichende Ansichten vertreten, auszugrenzen und abzulehnen, die macht mir Angst.

    In der Diskussion um einen Gastbeitrag in der FAZ kann dieses Verhalten exemplarisch besichtigt werden. Der Autor schrieb dort u.a.:

    Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, dass adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?

    Ein langer Satz, der zwei Thesen enthält, die auf Anhieb nicht unplausibel klingen, über die man sachlich diskutieren könnte und müsste, die, ausgehend von der Frage des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare auf die Situation von Adoptionsbeziehungen überhaupt führen könnte, eine Diskussion, die über die besondere Bindung an die biologischen Eltern gehen könnte, eine andere Diskussion, die der Frage der Auswirkungen habitueller Freizügigkeit überhaupt und der Wirkung und Ausbildung sexual-ethischer Normen insbesondere nachgehen könnte. Wir könnten, ausgehend von diesen Thesen, anhand der Ehe für Alle vieles diskutieren, was wichtig sein könnte für den Fortbestand unserer gesellschaftlichen Strukturen.

    Das tun wir aber nicht. Denn der Störenfried wird niedergeschrien. Nicht nur dieser, jeder, der es wagt, dem Freudentaumel ein paar fragende Sätze oder gar abweichende Meinungen entgegenzusetzen, wird beschimpft, diffamiert, niedergemacht. Als Schwulenhasser wird er bezeichnet, als homophob. Die Wirkung ist klar: Auch andere, die vielleicht ebenfalls mit nicht ganz so großer Begeisterung der Veränderung des gesellschaftlichen Normensystems zusehen, in denen Sorgen aufkeimen, werden, schon bevor sie sich überhaupt entschließen, den Mund aufzutun, zum Schweigen gebracht.

    Und somit unterbleibt nicht nur eine Diskussion um die „Ehe für Alle“, sondern auch jede Diskussion über die Frage, wie die Veränderungen des Wertesystems, wie die Schleifung normativer Selbstverständlichkeiten langfristig unsere Gesellschaft verändert und wie wir uns auf diese Veränderungen einstellen können.

    Gedankenspiele zu Liebe und Begehren

    Bleiben wir einen Moment lang beim Thema Homosexualität. Gesetzt den Fall, dass in nahezu jedem Menschen ein sexuelles Begehren sowohl für Menschen des eigenen, als auch für Menschen des anderen Geschlechts angelegt ist. Gesetzt, dass das leibliche Begehren vielleicht nicht mal vorrangig dem Geschlecht gilt, sondern einer gewissen Art, berührt zu werden und zu berühren, andere in Rausch zu versetzen und selbst in den Rausch körperlicher Berührung zu geraten, ein Begehren, das somit also grundsätzlich mit Partnern beiderlei Geschlechts möglich ist. Gesetzt weiterhin, dass aufgrund die Verhaltensweisen, die Nähe und Vertrauen und Sehnsucht und Liebe erzeugen, ebenfalls nicht eindeutig durch das Geschlecht geprägt sind und es somit möglich ist, dass ich mich sowohl in Männer als auch in Frauen verliebe, dass jeder von uns sowohl Menschen des eigenen als auch des anderen Geschlechts begehren kann, dass also wenigstens viele von uns gar nicht hetero- oder homosexuell sind sondern irgendwie beides, dass wir Männer und Frauen lieben können, aber natürlich nicht alle Männer und alle Frauen, sondern eben nur diejenigen, die auf bestimmte Weise auf uns wirken.

    Wenn das so wäre, und wenn es unter uns dann natürlich auch eine gewisse Zahl von Menschen gäbe, die nur Männer oder nur Frauen lieben und begehren können, dann sei doch selbstverständlich jedem von uns gegönnt, sein Lieben und Begehren so auszuleben, wie es sich aus seinem Schicksal und seiner Erfahrungen entwickelt. Und wer von uns mit anderen zusammenkommt, mit denen er ein Leben lang zusammenbleiben möchte, wer dabei glücklich ist, sein Lieben in der Öffentlichkeit zu zeigen und zu beweisen, der möge dies tun. Dafür gibt es nun die Ehe für Alle.

    Eine andere Frage jedoch ist, was der gesellschaftlichen Stabilität zuträglich ist, und was wir also als Mitglieder der Gesellschaft institutionell oder durch Normen der Gemeinschaft fördern sollten. Um diese Frage zu beantworten, ist in der freien Gesellschaft eine offene und tolerante Debatte nötig, in der alle Teilnehmer bereit sind, andere, abweichende Ansichten zunächst mal als legitim und vernünftig zu akzeptieren, einfach, weil sie von einem anderen Menschen ausgesprochen werden, der nicht unvernünftiger ist, als ich selbst.

    Wir sind z.B. alle daran interessiert, dass heute Kinder geboren werden, denn wir wollen, wenn wir alt sind, irgendwie noch leben können. Wir sind aus dem gleichen Grunde daran interessiert, dass diese Kinder möglichst in stabilen, liebevollen Familien aufwachsen. Wir wissen, dass diese Interessen gefährdet sind, und deshalb sollten wir schauen, welche gesellschaftlichen Normensysteme und institutionellen Regelungen diesen Interessen dienen und welche ihnen abträglich sind. Wir müssen den Spagat schaffen zwischen unseren individuellen Wünschen heute und unseren Hoffnungen für die Zukunft. Umso mehr wir heute frei sein wollen, desto mehr sind wir darauf angewiesen, dass Normen und Institutionen, die langfristig wirken, uns ein würdiges Leben auch noch in ein paar Jahrzehnten ermöglichen.

    Wir müssen also gar nicht über irgendwelche Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft nachdenken um uns einzugestehen, dass wir, jeder von uns, ein Interesse daran hat, dass Kinder geboren und aufgezogen werden.

    Alternativen? Aber ja. Die konsequente Ehe für alle

    Eine Voraussetzung dafür ist nun mal, da gibt es nichts zu deuteln, die heterosexuelle Paarbeziehung. Natürlich sind gemeinschaftliche Strukturen denkbar, in denen das nicht so ist, polygame Gemeinschaften etwa, in denen sexuelle Freizügigkeit herrscht und alle die Kinder von allen als gemeinsame Kinder betrachten. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass sich unsere Gesellschaft in eine solche Richtung verändert. Allerdings glaube ich, dass gerade in einer individualisierten Gesellschaft von Einzelnen die Ausbildung solcher Strukturen nicht der Normalfall wird.

    Also sind wir darauf angewiesen, dass sich immer wieder einzelne Frauen mit einzelnen Männern zusammenfinden, um eine Familie zu gründen. Sie sollten die Absicht haben, wenigstens für ein paar Jahre oder Jahrzehnte zusammenzubleiben, Kindern ein Heim zu geben und sich daran zu freuen, dass ihr Nachwuchs immer selbstständiger wird um schließlich selbst das eigenen Schicksal in die Hand zu nehmen.

    Man kann einwenden, dass es technische Alternativen zu diesem konservativen Familienbild gibt. Man kann darauf hinweisen, dass viele heterosexuellen Familien tragisch zerbrechen, bevor die Kinder selbstständig geworden sind. Man kann die Diskussion um das Problem ergänzen, dass viele junge Menschen, ganz unabhängig von ihrem sexuellen Begehren die feste Paarbeziehung scheuen, die auf Dauer angelegt ist. Man kann weiterhin ins Spiel bringen, dass es auch viele Paare gibt, wieder ganz unabhängig davon, ob die Partner gleich- oder verschiedengeschlechtlich sind, die sich keine Kinder oder vielleicht nur eines wünschen. Das ist alles richtig, und gerade deshalb brauchen wir Debatten, die alle Standpunkte einbeziehen, die Sorgen formulieren, die alle Aspekte beleuchten. Solche Debatten würden dazu führen, dass wir vielleicht zu ganz neuen Normen kämen, die die Stabilität unserer Gesellschaft aufrechterhalten, während wir alle unsere Freiheit genießen.

    Im Taumel

    Aber von einer solchen Debattenkultur sind wir weit entfernt, und das betrifft nicht nur die Frage von Sexualität und Familie und die Ehe für alle. Die Debattenverweigerung findet auf allen Feldern der Gesellschaft statt. Jeder, der irgendetwas sagt, was bei anderen auf Unverständnis stößt, wird reflexartig niedergemacht.

    Notwendig wäre, dass jeder sich zunächst die Begrenztheit des eigenen Horizonts eingesteht, und dass jeder sich klar macht, dass eine Meinung, die unverständlich erscheint, zunächst mal einfach eine Stimme von jenseits dieses Horizontes ist. Die Logik des Anderen nachzuvollziehen, wäre der erste Schritt in Richtung einer produktiven Debattenkultur, die uns die Möglichkeit gibt, auf die Ungewissheiten der Zukunft vorbereitet zu sein. Wir taumeln stattdessen besinnungslos der Zukunft entgegen, entweder euphorisch berauscht oder wütend geifernd. Das kann nicht gut sein.