Schlagwort: Religion

  • Ostermontag – Hinaus aus der Stadt

    Ostermontag – Hinaus aus der Stadt

    Zufällig ist in den letzten Tagen eine kleine Feiertagsserie bei den Kolumnisten entstanden, begonnen hat Chris Kaiser am Palmsonntag, Gründonnerstag hat Matthias von Schramm übernommen, gefolgt von Ulf Kubanke am Karfreitag. Gestern war am Ostersonntag Chris Kaiser noch einmal dran, und diese Ostermontagskolumne bildet nun den Schluss.

    Ich bin an einem Ostermontag geboren worden. Allerdings war das für mich nichts Besonderes, denn in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, wurde der Ostermontag als gesetzlicher Feiertag bald nach meiner Geburt abgeschafft – was allerdings nichts damit zu tun hat, dass meine Geburt auf diesen Tag fiel. Es ist eigentlich erstaunlich, dass ich immer gewusst habe, dass ich an diesem zweiten österlichen Feiertag das Licht der Welt erblickt habe, denn einerseits, wie man weiß, ist so ein Geburtstag im ersten Frühlingsmonat keineswegs jeder Jahr in Feiertagsnähe und andererseits bin ich in einem sehr atheistischen Land in einer sehr atheistischen Familie zu einem sehr atheistischen Menschen herangewachsen, der mit Ostern keinerlei religiöse Gefühle verband und der den Ostermontag deshalb auch nicht vermisst hat.

    Nachdenken über Religion

    Wann ich angefangen habe, mich mit den christlichen Feiertagen und den Geschichten, die mit ihnen verbunden sind, zu beschäftigen, weiß ich nicht mehr. So richtig erwacht ist mein religiöses Interesse erst mit meinem Philosophiestudium, bei der Beschäftigung mit der Religionsphilosophie. Ich begann, darüber zu spekulieren, wie man sich einen Gott überhaupt denken kann, wie ein Gott mit unserem Erleben der Welt zusammenpassen könnte. Eine Beschäftigung, die schließlich darin mündete, dass ich das Buch „Der plausible Gott“ geschrieben habe, und die zunächst natürlich nichts mit den christlichen Feiertagen zu tun hatte. Allerdings passte in meine Überlegungen sehr gut, dass Autoren – nicht nur die der Bibel, aber auch die – von einem göttlichen Geist inspiriert sein könnten, und dass das erklären könnte, warum manche Geschichten, eben auch die der Bibel, uns über einen Zeitraum von Jahrtausenden immer noch „etwas sagen“ können.

    Was an den biblischen Texten ja so erstaunlich ist, sind diese Geschichten, die mit bestimmten Tagen im Jahr verbunden sind und die jedes Jahr wieder dazu einladen, über existenzielle Aspekte des menschlichen Lebens nachzudenken. Ostermontag ist da keine Ausnahme, auch wenn das Geschehen dieses Tages, welches da gefeiert wird, den meisten Menschen nicht so präsent ist wie die Ereignisse in der Heiligen Nacht, am Karfreitag oder gar am Ostersonntag.

    Was geschah an diesem Montag nach der Auferstehung?

    Zwei der Jünger Jesu hatten Jerusalem, den Ort des Leidens und der Niederlage, verlassen und waren voller Trauer auf dem Weg. Zwar wussten sie schon, dass das Grab leer war und dass die Frauen erzählt hatten, Jesus sei ihnen erschienen, aber offenbar glaubten sie es nicht. Ein Fremder schloss sich ihnen an und fragte nach dem Grund ihrer Traurigkeit. Sie waren irritiert, dass er offenbar über die Ereignisse der letzten Tage in Jerusalem nichts wusste und erzählten ihm, was geschehen war. Er, natürlich war es der auferstandene Jesus, den sie nicht erkannten, erklärte ihnen, warum der Menschensohn dieses ganze Leid ertragen musste.

    Im nächsten Ort luden die beiden den Fremden zum Essen ein, und als er das Brot brach, erkannten sie Jesus plötzlich, der aber im gleichen Moment verschwand. Sie eilten nach Jerusalem zurück und erzählten den anderen Jüngern von ihrer Begegnung mit Jesus.

    Diese Ostermontagsgeschichte ist, wie viele anderen Geschichten der Bibel, ein Geschehen, das symbolisch steht für vieles, was uns Menschen charakterisiert, hier für unseren zweifelnden und blinden Umgang mit der Realität. Was andere erzählen, glauben wir schon mal nicht, wenn wir es für unglaublich halten, selbst wenn diese Leute gute Freunde sind und eigentlich vertrauenswürdig. Und wenn wir in unseren Überzeugungen auch emotional tief gefangen sind, dann erkennen wir die Wirklichkeit nicht, auch wenn sie uns vor Augen steht.

    Vor allem aber ist an der Ostermontagsgeschichte bedenkenswert, in welchem Moment die Wahrheit dann doch offenbar wird: nicht Worte und lange, beeindruckende Erklärungen überzeugen, sondern die einfache, sichtbare, physische Handlung, das Brechen des Brotes – daran erkennen sie ihren Freund und das macht ihnen schlagartig sichtbar, dass er es ist.

    Osterspaziergang

    Darüber kann man heute beim Osterspaziergang sinnieren, und es heißt, dass der Osterspaziergang überhaupt an diese Wanderung der beiden Jünger am Ostermontag erinnern soll. Pass auf, liebe Leserin, wem du heute begegnest, achte auf seine Worte, aber vor allem auf seine Hände, auf das, was er tut – vielleicht erkennst du jemanden, auf den du nicht mehr gehofft hast. Heute oder an einem anderen Tag.

  • Pimmel-Kolumne

    Pimmel-Kolumne

    Gehören sie zusammen: das Kopftuch und die Knabenbeschneidung? Die einen sagen ja, die anderen nein, und die Dritten haben gar keine Meinung dazu. Da die beiden Themen jedoch oft miteinander vermengt werden, und ich gestern was zum Kopftuch schrieb, will ich mich heute an der männlichen Vorhaut versuchen. Mal schau’n, was am Ende der Kolumne von ihr übrig bleibt.

    Bevor ich gleich schlaue Gedanken zur anatomischen Notwendigkeit des Präputiums (so heißt das Teil im Medizinerlatein) anstelle, will ich mich outen: auch meins ist weg. Passiert im Spätherbst 1981. Ich hatte das Geschehnis vor einigen Jahren in einer Kurzgeschichte zusammengefasst:

    Story von der geplatzten Vorhaut

    Ehrenfeld (Kölner Bezirk) im Oktober 1981. Auf der silberfarbigen Couch im Wohnzimmer meiner Eltern. Weit nach Mitternacht.
    »Ahhh!«
    »Was ist los? Bist du schon wieder zu früh gekommen?«
    »Nein … das ist es nicht.«
    »Was denn?«
    »Weiß nicht … komisches Gefühl gerade .. wie ein Messerstich in die Eichel.«
    »In meiner Möse? … was hast du eingeworfen?«
    »Nix … bloß ein paar Bier und Whiskey-Cola getrunken.«
    »Vermutlich die komplette Pulle Jim Bean … du wirst noch plemplem werden von dem vielen Alkohol.«
    »Geh runter von mir!« Ich drücke Karoline nach hinten. Sie springt gelenkig auf und schaut mich spöttisch von oben an. »Das war echt eine Scheißnummer. Hätte ich mir vorher denken können.«
    »Sei leise und mach das Licht an.«
    Das Sofa ist mit Blut besudelt. Mist, denke ich. Die Vorhaut sieht aus, als hätte ich sie in einen Häcksler gesteckt.
    »Wow … wie eine explodierte Wurstpelle«, flüstert Karoline und will die Wunde betasten.
    »Finger weg!«, zische ich.
    »Gib jetzt nur nicht mir die Schuld.«
    »Wem sonst?«
    »Und jetzt?«
    »Bring mich ins Krankenhaus.«
    »Nimm ein Handtuch mit. Sonst saust du das Auto auch noch ein.« Einen kurzen Augenblick lang glaube ich, in ihrer Stimme einen Hauch Empathie zu hören.
    »Tut’s dir leid, dass du meinen Schwanz geschreddert hast?«
    »Nein.«

    Im Auto:

    »Wohin?«
    »In die Uniklinik.«
    »Für das Muttersöhnchen natürlich nur die beste Adresse«, ätzt sie. »Die geplatzte Salami kannst du dir von jedem Metzger nähen lassen.«

    Wir stoppen auf dem riesigen Parkplatz, der neben einem Hochhaus liegt, das um diese späte Uhrzeit hell erleuchtet ist. Die Uniklinik schläft nie.

    »Wohin wollen Sie?«, erkundigt sich die Dame am Empfang.
    »Notaufnahme«, antworte ich.
    »Du meine Güte … hast doch keinen Herzinfarkt erlitten«, kichert Karoline. Ich bereue so langsam, sie mitgenommen zu haben.
    »Den langen Korridor entlang und dann auf den Stühlen vor der Glastür Platz nehmen. Kann eine Weile dauern, bis Sie aufgerufen werden. Um vier Uhr morgens sind nicht so viele von unserem Personal im Einsatz.«

    Nach zwanzig Minuten, die mir wie eine Ewigkeit erscheinen, kreuzt endlich ein verpennt wirkender Arzt auf und winkt uns schlecht gelaunt in den mit Neon beschienenen Raum hinein. Überall chromblitzende Maschinen und Folterapparate. Ich fühle mich krank.
    »Wie kann ich Ihnen helfen?«
    Ich räuspere mich, huste verlegen: »Mein bestes Teil scheint ramponiert zu sein.«
    »Mein bestes Teil befindet sich unter der Kopfschale, und bei dir ist es der Schwanz.« Karoline prustet los, kann sich kaum halten vor Lachen. Der Mediziner grinst. Ich hasse die beiden.
    »Was genau ist passiert?«
    »Seine Vorhaut sieht aus wie eine Einkaufstüte, die versehentlich in der Waschmaschine geschleudert wurde.«
    »Haben Sie irgendwelche speziellen Sexpraktiken ausprobiert?«
    »Nein! Sie saß einfach auf mir und dann spürte ich plötzlich einen stechenden Schmerz.«
    »Die Dame verfügt wahrscheinlich über ein schmales Becken und war noch nicht genügend stimuliert.«
    »Daran wird es liegen; denn allzu groß ist sein Ding nicht.« Die zwei schauen sich feixend an.
    Leck mich, denke ich.

    »Ziehen Sie die Hose runter und lassen Sie mich mal nachsehen.«
    Stumm gehorche ich seinem Befehl.
    Er setzt eine Brille auf und leuchtet mit einer kleinen Taschenlampe auf meine Lendengegend.
    »Ein sauberer Riss … allerdings recht lang … leiden Sie an Phimose?«
    »Nein«, erwidere ich. »Vielleicht als Kind. Ist lange her. Kann mich nicht so richtig daran erinnern.«

    »Ich werde die Vorhaut nun entfernen. Bei der Länge der Wunde bringt Nähen nichts. Würde beim nächsten Gebrauch sofort wieder einreißen.«
    »Was? Die komplette Vorhaut weg?«
    »Ja, muss sein. Ist ein kleiner Eingriff. Wird jeden Tag einige tausend Mal auf der Welt durchgeführt.«
    »Eine andere Möglichkeit gibt es nicht?«
    »In Ihrem Fall: nein.«
    »Scheiße!«
    »Nun hab dich nicht so«, sagt Karoline. »Ist eh hygienischer ohne.«
    In Gedanken verfluche ich ihr schmales Becken und meine Geilheit.

    »Ich verabreiche Ihnen jetzt eine lokale Betäubung.«
    »Okay«, willige ich erschöpft ein.
    Der Pferdemetzger öffnet eine Schublade, nestelt eine Spritze und eine Schere heraus. Dann rollt er mit dem Hocker an mich heran und beugt sich über meine Leisten. Mir graust es bei der Vorstellung, dass er binnen einer Zehntelsekunde erst in meine Vorhaut hineinstechen und die dann für immer abtrennen wird. Die Angelegenheit dauert einige Minuten. Ich beiße auf die Zähne, presse die Lippen zusammen.

    »So fertig. Sauber geschlossen.« Der Arzt klopft sich selbst auf die Schulter.
    »Und nun?«, frage ich.
    »Ich gebe Ihnen eine schmerzstillende Salbe mit. Die streichen Sie morgens und abends auf die entzündete Stelle. In fünf Tagen dürfte das Gröbste überstanden sein. Morgen gehen Sie zu Ihrem Hausarzt, damit der den Verband wechselt. In zwei Wochen dürfen Sie sich nochmal bei mir präsentieren.«
    »Das war’s dann?«
    »Und natürlich kein Geschlechtsverkehr für einen Monat. Die Gefahr, dass die Naht ansonsten aufreißt, ist zu groß.«
    »In Ordnung.« Ich will nur noch raus hier.
    »Schafft der eh nicht.« Karoline muss mir noch einen Spruch reindrücken. Sie sollte sich besser Gedanken über ihr zu schmales Becken machen.

    Schweigend fahren wir zurück nach Ehrenfeld. Und ich muss noch das Blut vom Sofa wegbekommen, bevor meine Eltern gleich aufstehen.

    Zirkumzision: ein uralter Brauch

    »Das ist ein medizinisch notwendiger Eingriff gewesen. Kann man Null mit der Beschneidung von Säuglingen vergleichen«, sagen Sie? Stimmt –  allerdings bloß zu 50%. Vergleichen kann man das schon. Aber darauf komme ich später zurück. Jetzt starte ich erstmal mit dem seriösen Teil des Textes und schreibe was zur Herkunft des Brauchs:

    Die Zirkumzision (von lat. circumcisio) ist die teilweise oder vollständige Entfernung der männlichen Vorhaut und wird zumeist aus religiösen und kulturellen Beweggründen durchgeführt. Die Beschneidung war mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in der Steinzeit bekannt. Die alten Ägypter praktizierten sie. Das Judentum lernte die Methode vermutlich am Beginn des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung kennen; das wäre in etwa die Zeit, als sich Salomo mit der Königin von Saba vergnügte. Eventuell aus der Überlegung heraus, weil die Vorhaut die einzige Stelle des männlichen Körpers ist, deren Opferung an Gott keinerlei bleibenden Schaden nach sich zieht. Also die Lightversion der abrahamitischen Altarszene. Das Christentum übernahm den Ritus nicht. Paulus sprach sich explizit dagegen aus:

    Denn in Christus Jesus kommt es gerade nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist.
    (Gal 5,6 EU)

    Der Islam wiederum leitet die Notwendigkeit der Zirkumzision aus den Hadhiten ab:

    Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Zur Fitra (natürlichen Veranlagung) gehören fünf Dinge: Die Beschneidung (der Männer/Jungen), das Abrasieren der Schamhaare, das Schneiden der (Finger- und Fuß-) Nägel, das Auszupfen (bzw. Rasieren) der Achselhaare und das Kurzschneiden des Schnurrbarts.
    Sahih Muslim: Buch 2, Nummer 495, 496

    Die WHO schätzt, dass weltweit 25 bis 33% der männlichen Bevölkerung beschnitten sind.

    Bei den Juden entfernt man dem Knaben die Vorhaut am achten Tag nach seiner Geburt im Rahmen einer Brit Mila genannten Zeremonie. Die Prozedur wird als essenzieller Bestandteil jüdischer Identität angesehen. Als Eintritt in den Bund mit Gott. Die Muslime beschneiden zumeist später; jedoch ebenfalls im Kindesalter. Die Kulthandlungen heißen: Chitan (arab.), Chätnesorän (Farsi) und Sünnet (türk.). Das Alter der Knaben variiert zwischen „rasch nach der Geburt“, über sieben bis hin zu zehn Jahren. Bei den Jesiden geschieht es im 14. Lebensjahr.

    Das war ein Parforceritt durch die globalen Zirkumzisionsgebräuche. Die Kolumne ist bereits an dieser Stelle viel zu lang, und wir sind gerade mal bei der Hälfte des Textes angekommen. Holen Sie sich eine Pulle Bier aus dem Kühlschrank, ich setze mir derweil einen Kaffee auf, bevor wir gleich weitermachen.

    Pro- & Contra-Argumente

    Anstatt nun Juden und Muslime in Ruhe ihre jahrtausendealten Bräuche praktizieren zu lassen, fordert ein nicht gerade kleiner Teil der deutschen Mehrheitsbevölkerung ein generelles Beschneidungsverbot und weiß sich dabei im Einklang mit einigen Ärzteorganisationen.

    Die wichtigsten Contra-Zirkumsisions-Argumente lauten:
    (1) medizinisch unnötig
    (2) mit Schmerzen verbunden
    (3) riskant
    (4) irreversibel
    (5) Kind kann nicht „Nein“ sagen

    Die Befürworter der alten Praxis führen dagegen ins Feld:
    (6) schützt vor Geschlechtskrankheiten und einigen anderen Infektionen
    (7) lässt sich besser reinigen
    (8) uralter Ritus

    Die Pro-Argumente (6) und (7) sind mMn wenig stichhaltig und verblassen gegenüber dem Einwand, dass es sich um einen nicht notwendigen, mit Schmerzen verbundenen und ohne Einwilligung des Patienten durchgeführten Eingriff handelt.

    Mit unpassenden Analogien à la „dann darf auch kein Kind geimpft werden“ oder „ist auch nicht schlimmer als Ohrlochstechen und Piercings“ lassen sich die Argumente der Gegner nicht entkräften. Die Beschneidung im Knabenalter ist weder medizinisch noch hygienisch geboten.

    Rechtfertigen lässt sich die Praxis einzig aus der Religion heraus. Und hier gelangen wir an einen, speziell für uns Deutsche aufgrund unserer unrühmlichen jüngeren Vergangenheit, heiklen Punkt: Wie tolerant verhalten wir uns gegenüber fremd anmutenden Ritualen? Juden und Moslems riskieren durch die Beschneidung die Gesundheit ihrer Söhne sagen Sie? Das sei grob fahrlässig bis hin zu menschenverachtend, kommt noch hinterher? Au weia!

    Kennen Sie die Romane Die Jüdin von Toledo und Die hässliche Herzogin. von Lion Feuchtwanger? Nein? Dann unbedingt lesen. Hochinteressant, wie sich die antijüdischen Ressentiments des tiefen Mittelalters in leicht abgewandelter Form in der Moderne wiederholen.

    Kein Mann benötigt seine Vorhaut

    Um an dieser Stelle mal wieder zur Vorhaut zurückzukommen: Die braucht kein Mensch bzw. Mann. Genauso überflüssig wie Polypen, Mandeln, Blinddarm und Zahnstein; weshalb die Gleichsetzung mit einer Amputation eher bösartig ist. Ob die freigelegte Eichel im Nachgang Hornhaut ansetzt (klar tut sie das), man sexuell schwieriger zu erregen ist (halte ich für ein Gerücht), für den Orgasmus länger benötigt (was ja nicht immer verkehrt ist): das sind irreführende Randaspekte.

    Interessant sind in diesem Zusammenhang einzig diese beiden Fragen:
    (a) Wie schmerzhaft ist der Eingriff?
    (b) Welche Komplikationen sind zu befürchten, und wie häufig kommen die vor?

    Aufgrund eigener Erfahrung behaupte ich: die Angelegenheit schmerzt nach dem Abflauen der Betäubung schon. Und zwar einige Tage lang. Jetzt nicht dramatisch; lässt sich aushalten. Aber die Wunde zwickt und brennt.

    An Komplikationen sind bekannt:
    – Wundinfektionen
    – Nachblutungen
    – Anschwellen von Körperbereichen und Auftreten von Blutergüssen
    – Nahtriss
    – mögliche Allergien auf das Anästhesiemittel
    – Verletzungen der Eichel oder der Harnröhre während des Eingriffs

    Urologen bezeichnen den Eingriff trotzdem als risikoarm und meinen zu den selten auftretenden Schwierigkeiten:

    Der Großteil der möglichen Komplikationen ist nicht schwerwiegend und kann gut behandelt werden.

    Alle anderen in diesem Zusammenhang vorgebrachten Sorgen sind Mumpitz. Niemand erleidet ein Trauma, weil er mit 14 plötzlich seine Vorhaut vermisst.

    2012: der Gesetzgeber wird aktiv

    Nachdem im Frühjahr 2012 das Landgericht Köln  in völliger Unkenntnis der Historie die Zirkumzision als Körperverletzung einstufte , brachte der Deutsche Bundestag noch im Dezember desselben Jahres das Gesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes auf den Weg, in dem u.a. folgendes drinsteht:
    ▪ die Personensorge der Eltern umfasst grundsätzlich auch das Recht, bei Einhaltung bestimmter Anforderungen in eine nicht medizinisch indizierte Beschneidung ihres nicht einsichts- und urteilsfähigen Sohnes einzuwilligen
    ▪  In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Sohnes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen die Beschneidung vornehmen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und für die Durchführung der Beschneidung einer Ärztin oder einem Arzt vergleichbar befähigt sind.
    ▪ Dies soll nur dann nicht gelten, wenn im  Einzelfall durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks  das Kindeswohl gefährdet wird.

    Zentraler Punkt ist die Formulierung, dass die Beschneidung „nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ vorgenommen werden muss. Das ist das Maß aller Dinge. Deshalb bringe „der Regierungsentwurf die Rechte der Kinder, der Eltern und der Religionsgemeinschaften in den bestmöglichen Ausgleich.
    Stephan Thomae (FDP) in der vorangegangenen Debatte des Bundestags

    Das ist ein weiser Beschluss. Hätte sich der Gesetzgeber nämlich dem Diktum der strikten Gegner/ Intaktivisten gebeugt, wären dies die Konsequenzen gewesen:
    (1) Beschneidungstourismus ins benachbarte Ausland
    (2) Deutschland würde in den Augen Israels und der islamischen Welt dramatisch an Attraktivität verlieren

    Von daher war es klug, bei der religiös motivierten Zirkumzision die Kirche im Dorf bzw. die Vorhaut weiterhin purzeln zu lassen, solange gewährleistet ist, dass medizinisch geschultes Personal den Eingriff durchführt. Und Beschneidungen, die wir den Juden zugestehen, wollen wir den Muslimen doch nicht vorenthalten? Oder doch? Weil’s sich bei den einen um Folklore und den anderen um ein politisches Statement handelt? Der freigelegte türkisch-arabische Phallus als männliches Pendant zum Kopftuch? Zu weit hergeholt, meinen Sie? Was glauben Sie, was ich an Sachen schon so alles in den sozialen Netzwerken gelesen habe.

    Lange Rede, kurzer Sinn: nicht alles, was auf den ersten Blick fahrlässig  erscheint, ist es auch bei genauerer Betrachtung. Und geben wir uns keinen Illusionen hin: Hätte Paulus die Zirkumzision ebenfalls für das neue Christentum gefordert, würden wir diese Praxis heute noch anwenden.

    Die strikten Gegner sollten im Hinterkopf behalten, dass der Grat zwischen Beschneidungsverbot und Antisemitismus ein schmaler ist. Nicht wenige rutschen ab in den darunterliegenden braunen Morast. Auch an dieser Stelle empfehle ich nochmal die Lektüre der beiden o.g. Romane Feuchtwangers.

    Verlust der Vorhaut schnell verschmerzt

    Sie wollen noch wissen, wie die Geschichte damals bei mir weiterging? Die ist schnell erzählt: Nachdem die Betäubung nachließ, kippte ich mir eine halbe Flasche Cognac hinter die Binde und legte mich zwei Stunden ins Bett. Im Anschluss wechselte ich von kneifenden Herrenslips zu Boxershorts, trug drei Tage lang eine Jogginghose und lief o-beinig wie Pierre Littbarski durch Köln. Morgens, mittags und abends ließ ich meinen Schwanz jeweils für fünf Minuten in eine mit Kamillentee gefüllte Tasse hineinbaumeln. Nach einer Woche demonstrierte ich das Ergebnis meinen Kumpels und ein paar Freundinnen (die Zweitgenannten durften berühren, die ersten nicht). Ob ich die Vorhaut seitdem vermisst habe? Nein! Weg ist weg. An deren Einbuße hatte ich mich genauso schnell gewöhnt wie an den Verlust von Polypen, Mandeln und Blinddarm.

    PS. Heinrich Schmitz hatte sich im Herbst 2012 mit der juristischen Einordnung des novellierten Beschneidungsgesetzes beschäftigt: Beschneidung – Schnipp-schnapp die Vierte oder: Wie man ein schlechtes Gesetz macht

    Die Auswirkungen des Kölner Urteils kommentierten damals auch Nina Scholz und Heiko Heinisch: Das Kölner Beschneidungsurteil

  • Gott ist das Wort

    Gott ist das Wort

    Das Evangelium des Johannes beginnt mit den Worten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.” Es ist vielleicht noch nicht genug darüber nachgedacht worden, dass ausgerechnet Goethe im großen Anfangsmonolog des Faust die Bedeutung des Wortes herunterspielen und durch die Kraft der Tat ersetzen wollte. Für Johannes jedenfalls war Gott und das Wort identisch. Zwar wird von Johannes aus oft auf den Anfang der Schöpfungsgeschichte verwiesen, in der Gott die Welt schafft, indem er spricht. Aber dort sind Gott und das Wort nicht identisch.
    Was für ein Gott ist das, der identisch mit dem Wort ist? Schon der Gott des Alten Testaments schafft nicht einfach stumm eine Welt, vom ersten Moment an ist er ein sprechender Gott. Er schafft durch das Wort, er plant, indem er ausspricht, was entstehen soll, und dieses Aussprechen ist entscheidend für das Entstehen.

    Genesis – die unglaubliche Spekulation

    Aber nicht nur das: Was entsteht, wird sogleich benannt, es erhält seinen Sinn durch die Benennung als Tag und Nacht, als Himmel und Erde.
    Wenn man die Schöpfungsgeschichte vorurteilsfrei liest, ist man überrascht, wie gut sie mit den Theorien der heutigen Naturwissenschaften übereinstimmt. Natürlich kann man sich darüber lustig machen, dass die Alten vor ein paar Jahrtausenden eine Geschichte aufgeschrieben haben, in der angeblich alles innerhalb von sieben Tagen geschaffen wurde. Was aber, wenn in diesem Mythos ein Tag nicht zwingend aus 24 Stunden besteht, sondern etwa einen Abschnitt eines Entwicklungsprozesses bedeutet, in dessen Verlauf ein charakteristischer Schritt abgeschlossen wird? Wir sprechen noch heute von einer Tagung, das Verb „tagen“ hat eine weitere Bedeutung als nur den Beginn eines Tages zu beschreiben. Wenn wir uns von der modernen, genau zugeschnittenen Bedeutung des Worts „Tag“ lösen, dann sehen wir, dass da zuerst aus dem Chaos die Gestirne und die Erde entstehen, sodann Meere und Kontinente, dass später sich Pflanzen und Tiere entwickeln und am Ende der Mensch, der beginnt, sich die Erde „untertan zu machen“.

    Welch eine hellsichtige Spekulation, die da durch die Jahrhunderte weitererzählt und vor mehr als zweitausend Jahren aufgeschrieben wurde! Welche Vorstellung sich die Menschen, die diese Worte von Generation zu Generation weitergetragen haben, sich von ihrem Gott wirklich gemacht haben, wissen wir nicht. Aber ganz ohne naturwissenschaftliche Begründung waren sie sicher, dass nichts, wie sie es kannten, seit Ewigkeiten bestand, dass da zuerst die leblose Materie zu etwas festem werden musste, dass sich dann Wasser sammeln musste und der Kreislauf des Wassers in Gang kommen musste, dass später erst Pflanzen und Tiere entstehen konnten und dass erst am Schluss, vor vergleichsweise kurzer Zeit, sich der Mensch entwickelt hat.

    Gewiss ist auch, dass der Motor dieser Entwicklung, den sie Gott nannten, ihnen durch das Wort bekannt und vertraut war. Das Wort, das waren die alten Geschichten, die Erzählungen, die nicht nur davon berichteten, dass die Menschen nicht schon immer diese Erde bewohnten, dass selbst die Erde und die Sonne nicht unveränderlich und endlos bestanden. Mit dem Wort der Vorfahren erfuhren die Menschen auch von den Regeln, die zu beachten waren, damit die Gemeinschaft weiter existieren konnte. Alles war Wort, war Bericht, war mündliche Anweisung, war gesprochenes Ritual.

    Gott ist das Wort. Die Fähigkeit des Menschen, alte, überlieferte Worte zu verstehen, aus der Vielfalt der Geschichten, Gleichnisse und Metaphern, der Berichte von Versagen, von guten und bösen Handlungen, einen Kompass für das eigene Handeln, ein Verständnis für das Gute, das Schöne und das Wahre zu entwickeln, diese Fähigkeit macht den Menschen zu dem was er ist: ein freies Wesen, das im Handeln einerseits ungebunden ist, sich aber andererseits verbunden und verpflichtet fühlt, gebunden an die Gebote der alten Worte, die als Heilige Schriften überliefert sind.

    Gott: Eine Welt aus Worten

    Worte benennen nicht nur die Dinge. Sie machen die Dinge zu dem, was sie sind. Durch die Worte entsteht erst die Welt, in der der Mensch lebt. Die tiefe Wahrheit, die in dem Schaffen und benennen der Schöpfungsgeschichte steckt, ist, dass durch die Sprache die Welt zu dem wird, was sie ist. Durch die Worte wird aus dem Chaos, der Undurchschaubarkeit, die Welt, in der wir leben und uns einrichten können.

    Und das trifft nicht nur auf die Namen zu, die die Sprache den Dingen gibt, die durch diese Namen zu Gegenständen unseres Denkens und Handelns werden. Das gibt auch für die Dinge, die wir nicht sehen, aber doch erleben können: Freiheit, Liebe, Nachsicht, Mitgefühl, Hass, Trauer, Freude, Hoffnung, Leid, Schönheit, Schrecken. Das Verständnis für diese wichtigen Elemente der Welt haben wir nur durch die Worte der Geschichten und Mythen, durch Märchen, Belehrungen, Gleichnisse gewonnen.

    Der Mensch ist das Wesen, dass solche Überlieferungen verstehen und für sein Handeln zur Grundlage machen kann, ohne erklären zu können, warum er das tut oder wie das „funktioniert“. Keine Evolutionstheorie und keine Naturwissenschaft kann uns erklären, warum das so kommen musste, warum der Mensch einen Sinn für das Gute, Schöne und Wahre entwickelt hat, warum jeder einzelne Mensch fähig ist, sich selbst als Mensch zu verstehen und den Anderen Menschen als ebenso einen Menschen zu erkennen. Warum ich weiß, dass es mich gibt und dass ich manchmal etwas Gutes tue, etwas Schönes sehe, etwas Wahres erkenne.
    Es gibt keinen „Evolutionsvorteil“ das Wissen um das Gute macht uns nicht schneller oder Effektiver, das Erleben des Schönen macht uns nicht satt, das Erkennen des Wahren verlängert nicht das Leben.

    Ich glaube nicht, dass es Gott schon gegeben hat, bevor es Menschen gab, die begonnen haben, eine Welt aus Worten zu schaffen. Aber es ist damit etwas entstanden, was größer ist als der einzelne Mensch und woran er doch Anteil hat. Die Fähigkeit, eine Welt voller Bedeutsamkeit zu errichten, in der etwa die Erzählung von der Geburt, dem Leben und dem Leiden eines Menschen etwas über das Gute, Schöne und Wahre sagt und die Möglichkeit, in den Geschichten und Ritualen, die sich um das Leben dieses Menschen entwickeln, ist tatsächlich unverständlich besonders. Dass wir gerührt sind von dieser Geschichte, dass wir in dieser Geschichte etwas spüren, das uns bewegt und nicht loslässt, das ist göttlich.

    Man kann dieses Große, das nicht nur den Menschen, sondern auch jede zeitlich und räumlich begrenzte Gruppe von Menschen übersteigt und trotzdem jeden Einzelnen angeht, als Gott bezeichnen. Man kann auch, um Missverständnisse zu vermeiden, versuchen, auf dieses Wort zu verzichten. Aber welches Wort bliebe dann?

  • Wie fundamental sind Fundamentalisten?

    Wie fundamental sind Fundamentalisten?

    Oft werden Menschen, die sich besonders streng an den Wortlaut der heiligen Texte ihrer Religion halten, als Fundamentalisten bezeichnet. Es gibt sie in allen Religionen. Sie fordern die strikte Einhaltung der Forderungen ihres Gottes, so, wie sie in den jeweiligen Schriften formuliert worden sind.

    Der Begriff „Fundamentalist“ ist dabei irreführend, denn er erweckt den Eindruck, dass diese Leute sich sozusagen auf das Fundament ihrer Religion beziehen, dass sie die Grundsätze, die fundamentalen Wahrheiten und Ursprünge, eben die Gründe ihres Glaubens besonders ernst nähmen. Demgegenüber würden dann „gemäßigte“ Gläubige, die keine Fundamentalisten sind, es vielleicht mit ihrem Glauben nicht ganz so ernst nehmen, würden mit ihrer Religion vielleicht einen lockeren Umgang pflegen, würden den Kontakt zu den eigentlichen Gründen ihres Glaubens schon etwas oder weitgehend verloren haben.

    Das Gegenteil ist aber wohl der Fall.

    Wer bei den Texten im Wortlaut einer heiligen Schrift stehenbleibt, der bleibt doch an der Oberfläche. Nehmen wir die Idee einer heiligen Schrift einmal ernst, dann ist sie ein Text, in dem der Gott zu den Menschen spricht, und zwar in einer Sprache und in Worten, die diese Gläubigen verstehen können. Notgedrungen muss der Gott sich der Sprache derer bedienen, die zu der Zeit und an dem Ort leben, wo er spricht. Er muss sich der Bilder bedienen, die sie aus ihrem Alltag verstehen, er muss ihre Erfahrungen aufgreifen, damit sie ihn verstehen. Er muss ihnen vor allem für ihr konkretes Leben konkrete Hinweise, Vorschläge und Anleitungen geben. Damit muss er eine Oberfläche über das eigentliche Fundament legen, welches den gläubigen Menschen als Grundlage ihres Lebens dienen soll.

    Wer auch an anderen Orten und zu anderen Zeiten auf der Wahrheit dieses Wortlautes beharrt ohne zu verstehen, dass es mit einer bestimmten Situation von konkreten Menschen verknüpft war, bleibt an der Oberfläche eines längst vergangenen Bildes hängen. Er versteht nicht einmal das Bild, da er die Lebensumstände der Menschen, für die es gemacht war, ja nicht kennt. Zum Fundament des Glaubens kann er niemals vordringen.

    Das Fundamentale eines Glaubens kann nur verstehen, wer durch den Text in den tieferen Sinn der Worte vordringt, wer sich die Mühe macht, den Sinn der Worte über das konkret-historische ihrer Niederschrift hinaus zu deuten. Das dürfte eine anstrengende Arbeit sein, die viel Beharrlichkeit verlangt und wohl auch einen tiefen, festen Glauben, dass der tiefe fundamentale Sinn vom Gott so in die Texte eingeschrieben ist, dass auch der spätere Mensch sie durch ernste Reflexion erkennen kann.

    Also ist es genau umgekehrt: den fundamentalen, ernsten Glauben haben gerade nicht die, die an den Buchstaben kleben, sondern die, die durch die konkreten Geschichten und Gebote hindurch herausfinden möchten, was ihr Gott ihnen auch heute, in einer ganz anderen Zeit, an einem ganz anderen Ort, damit leitendes sagen kann. Wir sollten jene, die hinter den Buchstaben nicht den Sinn erkennen können, nicht damit als tiefere Gläubige bezeichnen, dass wir sie ganz zu Unrecht Fundamentalisten nennen.

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  • Heilige Schriften

    Heilige Schriften

    Es gibt Bücher, die sind dir heilig. So ein heiliges Buch kann im Bücherregal stehen, du nimmst es von Zeit zu Zeit liebevoll in die Hand, blätterst darin, liest ein paar Sätze, und ein andachtsvoller Schauer erfasst dich.

    Für mich gab es lange Zeit so ein Buch, es war die Erstausgabe von Christa Wolfs „Sommerstück“. Das Buch war 1989 erschienen, es muss irgendwann im Frühjahr oder Frühsommer gewesen sein, denn ich war noch Student in Berlin. Wir wussten, dass das Buch jeden Tag in die Buchhandlung kommen konnte, so standen wir, ein paar Studenten, jeden Morgen eine halbe Stunde vor Ladenöffnung am „Internationalen Buch“, warteten, bis sich die Tür öffnete und die Verkäuferin sagte: „Ist noch nicht da“ . Bis zu dem Tag, wo sie das eben nicht mehr sagte, sondern uns zu dem kleinen Stapel vorließ, von dem jeder von uns nun ein Exemplar nahm, bezahlte, und glücklich verschwand.

    Das „Sommerstück“ war ein schönes Buch, der Einband, das Schriftbild, alles war schön. Außerdem enthielt es Zeichnungen – von wem, weiß ich nicht mehr. Und die Sprache hat mich bezaubert, die Geschichte hat mich berührt.

    Irgendwann war das Buch verschwunden, ich weiß nicht mehr, habe ich es verliehen, oder habe ich es sogar verschenkt? Während ich dies schreibe, will ich sogar glauben, dass ich es verschenkt habe. Jedenfalls ist es nicht mehr da, ich habe mir irgendwann eine Taschenbuchausgabe gekauft. Ich habe noch nicht hineingesehen.

    Buch oder Schrift

    Das Wort „Buch“ ist doppeldeutig, es bezeichnet einen physischen Gegenstand, ein Stapel Papier, bedruckt zumeist mit Schrift, und ein Einband, vielleicht aus Pappe, vielleicht mit einem Schutzumschlag versehen. Ein Buch kann ein heiliger Gegenstand sein, eine Reliquie.

    Aber wenn einer ein Buch geschrieben oder ein anderer ein Buch gelesen hat, dann meint man nicht dieses Papierding, sondern die Schrift darin, den Text. Wenn jemandem so ein Text heilig ist, könnte er ihn als seine heilige Schrift bezeichnen.

    Ich scheue mich davor, zuzugeben, dass es für mich heilige Schriften gibt. Wenn ich so vor meinem Bücherregal stehe und auf die Buchrücken schaue, wenn ich dieses oder jenes Buch herausziehe und darin blättere, dann muss ich mir allerdings eingestehen, dass es Texte gibt, die einen gewissen heiligen Status für mich haben. Gedichte von Rilke, ja, und, ich muss es zugeben, auch „Sein und Zeit“ und einige Vorlesungen von Heidegger, „Der Satz vom Grund“ etwa, oder „Was heißt Denken?“. Auch einige Schriften des Aristoteles gehören dazu. Natürlich will ich das sofort relativieren, kaum, dass ich es hingeschrieben habe.

    Was ist das „Heilige“?

    Wenn zwei zusammenkommen, denen die gleichen Schriften heilig sind, dann bildet sich Gemeinschaft. Man liest sich gegenseitig den einen oder anderen Abschnitt vor, sieht die leuchtenden Augen des Anderen, merkt, dass man einander durch und in diesen Texten versteht. Und man ist verwundert und berührt von der Tatsache, dass ein paar Worte, vor langer Zeit geschrieben, den Autor mit uns hier und jetzt zu einer Gemeinschaft vereint.

    Das ist ja überhaupt das Heilige: Dass es auf intuitive Weise Gemeinschaft herstellt, mit anderen, die anwesend sind, aber auch mit denen, die schon zuvor dieses Heilige erfahren haben. Man ist dann geneigt, ja, man kann vielleicht nicht mal umhin, intuitiv zu verstehen, dass es eine Idee geben muss, die in diesem heiligen Werk lebt, eine Idee, die die einzelnen Menschen überdauert, und dass es diese Idee ist, die die Gemeinschaft derer, die von diesem Heiligen erfasst werden, erzeugt und sicherstellt.

    Damit sind wir im Bereich der Religionen angekommen, und gleichzeitig an einer Stelle, die den Philosophen immer wieder Kopfzerbrechen bereitet und diese merkwürdige Verwandtschaft zwischen Philosophie und Theologie erklärt. Denn wie es sein kann, dass solche Ideen über Jahrhunderte hinweg existieren, dass wir heute spüren, dass schon Aristoteles die gleichen Gedanken umgetrieben haben wie uns jetzt, dass sich in einem Rilke-Gedicht etwa ausspricht (ja, es spricht sich aus) was ich erspüren kann – dass es also dieses Reich der Ideen irgendwie wirklich geben muss, dass lässt die Philosophen schlaflos sein, während die Theologen einfach Gott dazu sagen. Die Gemeinschaft, die sich um eine bestimmte Heilige Schrift herum bildet, ist dann eben eine Religions-Gemeinschaft, deren Anhänger sich darüber einig sind, dass genau in dieser Schrift die Ideen ihres Gottes sprechen.

    Religiöse Züge

    So weit, so gut, und wir sagen nicht umsonst, dass die Verehrung eines Dichters oder Denkers hier und da „religiöse Züge“ annimmt. Diese Art von Religiosität ist vielleicht wirklich eine zutiefst menschliche Angelegenheit, die die Identifikation und Gemeinschaft mit weit entfernten und längst verstorbenen Menschen eben über diese gemeinsamen Ideen, die uns Sterbliche überdauern, ermöglicht. Das ist ganz wunderbar, und wir täten gut daran, das Phänomen der Religiosität aus der Enge der Kirchen herauszuholen und es viel allgemeiner und selbstverständlicher zu beschreiben.

    Aber nicht in diesem Text. Denn hier soll es denn doch noch um die Schriften gehen, die den großen Glaubensgemeinschaften heute als heilig gelten: Die Bücher und Evangelien der Bibel etwa, oder der Koran.

    Diese Schriften, so heißt es, sind von einem Gott selbst geschrieben oder wenigstens diktiert. Sie sind deshalb unumstößlich wahr, und soweit sie Anweisungen für das praktische Leben enthalten, sind diese von denen einzuhalten, die sich zur jeweiligen Glaubensgemeinschaft zählen.

    Idee oder Gott

    Man muss nicht an einen aktiv schreibenden oder diktierenden Gott glauben, um die Entstehung einer Heiligen Schrift zu verstehen und zu akzeptieren. Nimmt man an, dass es Ideen gibt, die unabhängig von konkreten Menschen und deren Einzelzielen und Anschauungen existieren (etwa die Idee der Freiheit, die der Gerechtigkeit, der Ehrlichkeit, der Liebe, der Freundschaft, des Glücks und des guten Lebens), dann kann man sich die Entstehung einer heiligen Schrift auch so vorstellen. Ein Autor, der die wichtigen Ideen der Gemeinschaft besonders intensiv und direkt erkannt hat und zudem die Fähigkeit besaß, diese Ideen in bildhafter Sprache und in verständlichen Geschichten zum Ausdruck zu bringen, hat diese Texte geschrieben. Der Autor kann dieses Schreiben durchaus als intuitives Erkennen der Ideen, als Sprechen der Ideen zu ihm und durch ihn, erlebt haben. Durch die Akzeptanz der Gemeinschaft ist zudem gesichert, dass es tatsächlich diese Ideen der Gemeinschaft sind, die unabhängig vom Autor da sind, die aus dem Text sprechen.

    Wie auch immer, damit diese Texte verständlich sind, müssen sie an das Leben der aktuellen Gemeinschaft, an ihre konkrete Erfahrung, ihre Gewohnheiten, ihre Lebensweise anknüpfen. Auch ein Gott muss, um sich seinen Gläubigen verständlich zu machen, in ihrer Sprache sprechen, muss in Gleichnissen reden, die ihrem Alltag und ihrem Weltverständnis entnommen sind.

    Gott muss alltäglich sprechen

    Wenn also spätere Generationen die Ideen einer heiligen Schrift verstehen wollen, müssen sie sie deuten. Man muss sie nicht einmal in die heutige Welt „übersetzen“, aber man muss die Idee aus dem Text herausdeuten. Der pure Text kann nicht die Botschaft sein. Auch wenn ich heute bei Aristoteles etwas über seine Idee der Demokratie erfahren will, muss ich seine Welt und die seiner Mitdenker in mein Denken mit hineinholen. Jede heilige Schrift ist Gleichnis in der Welt ihres Entstehens, die Idee, die sie ausspricht, muss neu erspürt werden. Das eigentlich Wunderbare ist ja, dass das wirklich geht.

    Auch diejenigen also, die sich immer wieder gern aus moderner Sicht über alte heilige Texte lustig machen, zeigen nur, dass sie das Wesen einer Heiligen Schrift nicht verstanden haben. Die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments etwa, in der Gott in sieben Tagen die Welt erschuf, halten sie von der modernen Naturwissenschaft für widerlegt. Aber versetzen wir uns einmal in die Lage Gottes, der den Menschen vor ein paar tausend Jahren erklären wollte, dass auch diese Welt, so wie sie heute ist nicht ewig existierte. Wir Heutigen haben natürlich eine gewisse Vorstellung davon, was Millionen oder Milliarden Jahre sind, aber in einer Zeit ohne Geschichtsschreibung, ohne Archäologie oder Geologie, wie sollte man da die Idee vom Werden der Welt erklären? Wenn man das in Betracht zieht, dann ist es eigentlich ganz faszinierend, wie genau die Schöpfungsgeschichte mit dem heutigen naturwissenschaftlichen Denken übereinstimmt: erst die Entstehung von Sonne und Erde, die Notwendigkeit des Lichts und des Wassers, dann die Pflanzenwelt, dann erst die Tierwelt und schließlich der Mensch. So falsch ist das nicht, und wenn man bedenkt, dass die Autoren dieser Schriften wirklich keinen einzigen empirischen Hinweis hatten, dass es so gewesen sein muss, dann muss man staunen über die Intuition dieser Denker.

    Aber auch diejenigen, die die Heiligen Schriften akzeptieren und als Vor-Schriften für Ihre Gemeinschaft nehmen, müssen sich vergegenwärtigen, dass ihr Gott zu ihnen hier und heute anders sprechen würde, in anderen Bildern, anderen Gleichnissen, und dass er ihnen auch andere Vorschriften machen würde, die in die heutige Welt passen. Sie müssen die Ideen hinter den Geschichten erspüren, die universellen Normen hinter den Gesetzen, die in einer ganz bestimmten Zeit formuliert worden sind.

    Viele Heilige Schriften – und immer die gleichen Ideen

    Vielleicht würde es ihnen auch helfen, wenn sie sich vorstellen könnten, dass dieser Gott an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Heilige Schriften geschrieben hat, und dass sie nur durch die Zusammenschau all dieser Texte zu der Idee kommen können, die ihnen ihr Gott auch heute mit auf den Weg geben will. Und vielleicht stecken diese Ideen ja auch in anderen Schriften, denn der Gott, zu dem die einen oder anderen beten, ist ja universell, er kann auch zu Menschen sprechen, die nicht an ihn glauben. Vielleicht ist ja selbst dieser Text hier von diesem Gott diktiert.

    Oder er ist eben ein Ausdruck einer allgemeinen Idee, die auch in diesem Text lebt, die mich aus meinen heiligen Schriften anweht und die mich, auch durch diesen Text, überdauert.

  • Zika-Virus und Gottes Plan

    Papst Franziskus ist der Meinung, dass das Verhindern einer Schwangerschaft nicht in jeder Situation eine absolute Sünde ist. Als aktuelles Beispiel – und in diesem Zusammenhang wurde er auch gefragt – nannte er die Gefahr einer Infektion mit dem Zika-Virus, die wahrscheinlich für die Möglichkeit schwerer Krankheiten und Fehlbildungen, der sogenannten Mikrozephalie, bei den Kindern der infizierten Mütter verantwortlich ist. Als weiteres Beispiel verwies der Papst auf den Fall von Nonnen in Belgisch Kongo, denen sein Vorgänger Paul VI ebenfalls die Verhütung erlaubt hätte, weil sie akut von Vergewaltigungen bedroht waren.

    Man könnte darüber hinweggehen, zumal, wenn man als nicht-katholischer Mann in Mitteleuropa aus vielen Gründen ohnehin nicht von der Erlaubnis des Papstes für irgendetwas abhängig ist. Aber der Fall wirft interessante Fragen auf, die zunächst theologischer Art sind, die aber, weil die katholische Kirche für die Entwicklung der Moral in der westlichen Welt bekanntlich nicht unwichtig ist, darüber hinaus Bedeutung haben.

    Das Zika-Virus – Teil der Schöpfung

    Dass die Frage eine eminent theologische Bedeutung hat, betont der Papst, indem er etwa die Frage der Abtreibung im Gegensatz zum Problem der Verhütung gerade nicht als theologisches Problem ansieht. Abtreibung ist für Franziskus ein Verbrechen, nicht eine Sünde. Bei der Abtreibung, so der Papst, wird das Leben eines Menschen für das Leben oder das Wohlergehen eines anderen geopfert. Das Oberhaupt der katholischen Kirche ist der Ansicht, dass Ärzte, die abtreiben, gegen den hippokratischen Eid verstoßen.

    Bei der Verhütung liegt die Sache anders – hier liegt kein weltliches Verbrechen vor, sondern eine Sünde – und diese wäre theologisch zu beurteilen.

    Welche Fragen hätte die Theologie hier zu beantworten? Wie kann die Ansicht des Papstes, dass es unter bestimmten Bedingungen erlaubt sein kann, eine Schwangerschaft zu verhindern, in anderen jedoch nicht, gerechtfertigt werden, wenn nicht schlicht aus der Autorität des Papstes, der Gottes Willen eben kennt?

    Aus katholischer Sicht muss das Zika-Virus einschließlich seiner Auswirkungen auf den Embryo Teil des göttlichen Schöpfungsplans sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass der Mensch die Erkrankung der Kleinkinder und das Leid einfach hinnehmen muss. Der Mensch ist von Gott mit Vernunft ausgestattet, um Lösungen für Probleme zu finden. Gott stellt den Menschen vor Herausforderungen, denen der Mensch sich stellen soll.

    Wenn man die Ausführungen des Papstes bedenkt, so könnte eine theologische Antwort also lauten: die Menschen sollen mit den Risiken, die dem ungeborenen Kind drohen, verantwortungsbewusst umgehen. Und wenn die Risiken für Krankheit und Leid groß zu sein scheinen, dann sollen die Menschen die Schwangerschaft verhindern – zumindest wäre das eine akzeptable Lösung des Konfliktes.

    Es soll nicht verschwiegen werden, dass der Papst eine weitere Antwort auf die Herausforderung des Zika-Virus genannt hat: Die Wissenschaftler sollen daran forschen, das Problem medizinisch zu lösen. Aber bis diese Lösung gefunden ist, müssen die Menschen nicht schicksalsergeben hinnehmen, was passiert, sie können künftiges Leid durch Schwangerschaftsverhütung verhindern.

    Verhütung auf Verdacht

    Allerdings ist bemerkenswert, dass der Papst dieses Verhüten in einer sehr frühen Situation gestattet, in der das tatsächliche Risiko gar nicht bekannt ist. Die Frauen sind noch nicht infiziert, es besteht lediglich die Möglichkeit, dass sie während der Schwangerschaft mit dem Virus infiziert werden. Die Gefahr einer solchen Infektion lässt sich möglicherweise durch recht einfache Maßnahmen, etwa durch die Anwendung von Mückenschutz, stark reduzieren. Die brasilianische Regierung hat zudem bereits Maßnahmen ergriffen, die die Ausbreitung der Mücken, die den Virus übertragen, zurückdrängen sollen. Hinzu kommt, dass der Zusammenhang zwischen dem Virus und den Erkrankungen und Fehlbildungen bei den Neugeborenen noch gar nicht geklärt ist.

    Wenn die katholische Kirche es also bereits in einem solchen unklaren und ungewissem Fall für zulässig hält, dass die Menschen eine Schwangerschaft verhüten, dann lassen sich eine Vielzahl weiterer Risikosituationen denken, in denen das Risiko für die Gesundheit und das Wohlergehen des Neugeborenen als so groß beurteilt wird, dass eine Schwangerschaftsverhütung wenigsten gestattet sein müsste. Immer, wenn eine Frau das Risiko für ein gesundes Aufwachsen eines möglichen Kindes als gegeben ansieht, muss es ihr gestattet sein, zu verhüten. Diese Option gehört offenbar zu den möglichen Antworten des selbstbestimmten und fehlbaren Menschen, die Gott als Reaktion auf die Herausforderungen seiner unüberschaubaren und nicht immer verständlichen Schöpfung akzeptiert.

    Oder wars der Teufel?

    Eine kurze Bemerkung am Ende zu einer anderen möglichen theologischen Option. Es könnte ja auch sein, dass der Zika-Virus nicht Teil des göttlichen Schöpfungsplans ist, sondern Werk des Teufels. Das Argument könnte dann sein, dass der Mensch auf Teufelswerk eben auch auf außerordentliche Weise reagieren darf, aber das gleiche eben für die normalen Herausforderungen des Lebens nicht gilt. Das ist aber unwahrscheinlich, da der Teufel, wenn es ihn überhaupt gibt, nicht selbst als Schöpfer auftritt, sondern nur als Verführer zu Bösem. Der Zika-Virus kann also nicht sein Werk sein.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich zu der Schwierigkeit, das Wort „Jude auszusprechen.

  • Was bleibt von der Religion?

    Die Adventszeit und das Weihnachtsfest zeigen es Jahr für Jahr: Wir leben in einer christlich geprägten Gesellschaft. Seit rund 2.000 Jahren bestimmt die christliche Religion die Traditionen, den Rhythmus der Arbeitswoche, die Feiertage, die Redewendungen. Bedeutende Kunstwerke sind von christlichen Motiven geprägt, die beeindruckende Architektur in den Städten überall in Europa verdankt ihre Entstehung und ihr Aussehen der Anbetung des christlichen Gottes. Unsere moralischen Grundsätze fassen wir, ob wir gläubige Christen sind oder nicht, in Worte, die der Heiligen Schrift dieser Religion entnommen sind.

    Heute geht der Einfluss der christlichen Kirchen gerade da stetig zurück, wo sie in den letzten zwei Jahrtausenden besonders prägend waren. Mit dem Gottesglauben, so wie er vom Christentum verstanden wird, können sich immer weniger Menschen identifizieren. Die Naturwissenschaften haben die Vorstellungen von Gott und Jenseits fragwürdig gemacht. Damit sind auch alle moralischen Normen, die das Christentum mit Bezug auf diesen Gottesglauben gesetzt hat und noch immer setzt, fragwürdig geworden. Wenn ich mich moralisch letztendlich vor einem Gott, der als Person verstanden wird, zu verantworten habe, dann wird der Moral mit dem Glauben an diesen Gott letztlich der Boden unter den Füßen weggezogen.

    Gegenwärtig ist die Meinung verbreitet, dass mit dem Reputationsverlust der alten Kirchen das Ende der Religionen überhaupt gekommen wäre. Warum haben die Menschen überhaupt immer wieder eine neue Religion und eine neue Kirche aus dem Bestehenden heraus geschaffen, warum haben sie die ganze Idee der religiösen Kulte, die von einer Kirche zelebriert und gepflegt werden, nicht längst lachend beiseite getan? Die Vermutung, dass eben erst wir heute so klug sind, zu erkennen, dass es keinen Gott und kein Jenseits gibt, dass alles erklärbar ist und dass es für Götter keinen Ort und keine Notwendigkeit gibt, greift zu kurz. Auch die alten Griechen hielten die Welt für erkennbar, auch unter ihnen gab es schon Denker, die die Existenz der Götter bestritten und dafür gute Gründe angeben konnten. Wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, dass die Menschen in früheren Jahrtausenden eben einfach noch dümmer oder unwissender waren als wir, und erst wir heute so viel Wissen angehäuft hätten, um beweisen zu können, dass es Götter nicht gibt oder dass sie wenigstens nicht gebraucht werden.

    Glauben, Kult und Autorität

    Wenn wir dem Geheimnis der Anziehungskraft der Religionen auf die Spur kommen wollen, ist es sinnvoll, erst einmal die Frage zu stellen, was mit diesem Begriff eigentlich bezeichnet wird. Je nach der Weltgegend und historischer Epoche begegnen uns ganz verschiedene Traditionen und Handlungsweisen, die wir doch ziemlich sicher unter dem Begriff der Religion zusammenfassen. Manche Religionen haben eine ganze Vielzahl von Göttern, die sie anbeten und mit denen sie auf besondere Weise ins Gespräch kommen. Andere haben einen einzigen Gott, wieder andere haben gar keinen Gott, aber dennoch eine Instanz, außerhalb der Alltagserfahrung, mit der sie auf nicht alltägliche Weise in Verbindung kommen. Manche Religionen organisieren sich in einer straff geführten hierarchischen Kirche, während andere nur einzelne religiöse Führer haben. Es gibt verschieden bestimmte heilige Orte, an denen die Angehörigen der Religionsgemeinschaft zu bestimmten Zeiten oder Ereignissen zusammenkommen, um Rituale zu zelebrieren, religiösen Inszenierungen zu folgen oder, wiederum auf ganz verschiedene Weise, gemeinsam zu beten.

    Was ist all diesen vielfältigen Traditionen und Handlungen gemeinsam? Es scheint, als ob es bei jedem Phänomen, das wir als Religion bezeichnen, drei Aspekte gibt, die miteinander verschränkt oder dicht verwoben sind, sodass man diese manchmal miteinander gleichsetzt. Da ist zuerst einmal der Aspekt des Glaubens an etwas, das außerhalb des Alltags der Gemeinschaft existiert, und doch für diese Gemeinschaft und für das Leben eines jeden Einzelnen in der Gemeinschaft von ganz grundsätzlicher Bedeutung ist. Der zweite Aspekt ist der des Kults oder des Rituals. Im Ritual, dem gemeinsam und nach gewissen traditionell vorgegebenen Vorschriften inszenierten Kult, wird das, woran die Gemeinschaft glaubt, erfahrbar gemacht. Hier wird die Verbindung zum Alltag gelöst und zum Wesentlichen, dem der Glauben gilt, hergestellt. Schließlich gibt es den Aspekt der Institution, in der sich die Gemeinschaft organisiert und der eine Autorität die Einhaltung des Kults organisiert und sichert. Die Institution Kirche ist, sowohl im praktischen als auch im metaphorischen Sinn, die Stätte, an der die Religionsausübung stattfindet und die die Stabilität der religiösen Erfahrung über lange Zeit und an den verschiedenen Orten, an denen die Religionsgemeinschaft zusammenkommt, sichert.

    Der Dreiklang von Glauben, Kult und Autorität ist nicht nur bei kulturellen Phänomenen zu beobachten, die wir im engeren Sinne als Religionen bezeichnen. Politische Parteien und wirtschaftliche Unternehmen haben ihre spezifischen Überzeugungen, die sie als ihre Aufgabe oder ihre Mission ansehen, sie pflegen und inszenieren regelmäßig bestimmte Rituale, um die Angehörigen auf die Gemeinschaft und die gemeinsamen Ziele einzuschwören, und sie haben dafür spezielle Organisationsformen und Versammlungsstätten, die der Pflege der Traditionen und Kulte dienen. Nicht umsonst sprechen wir, wenn der Dreiklang dieser gemeinschaftlichen Traditionspflege besonders stark und emotional ausgeprägt ist, davon, dass die Versammlung der jeweiligen Gemeinschaft religiöse Züge annimmt.

    Was unterscheidet diese manchmal religiös anmutende Traditionspflege von Religionen im engeren Sinne? Es ist nicht die Intensität des Glaubens oder die Strenge des Rituals, es ist auch nicht der Organisationsgrad der Gemeinschaft. In einer Religion geht es auf sehr fundamentale Weise immer um den ganzen Menschen und um seine Stellung in der Gemeinschaft, somit geht es auch für die Gemeinschaft in grundsätzlicher Weise um ihren Sinn und den Zweck allen Tuns selbst. Eine politische Partei hat ein politisches Ziel, um dessen Willen das gemeinschaftliche Handeln gestärkt werden soll, so wie ein Unternehmen ein wirtschaftliches Ziel hat und ein Sportverein ein sportliches Ziel. Um diese Ziele zu erreichen, soll das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden, und dazu gilt es, den Glauben an das Ziel und an die Kraft der Gemeinschaft zu stärken, indem Traditionen gepflegt und Rituale gelebt werden, dazu werden Organisationsformen geschaffen und gemeinschaftliche Ereignisse an besonders geeigneten Orten organisiert.

    In einer Religion geht es jedoch um den Sinn allen gemeinschaftlichen Tuns und um die Bedeutung des Einzelnen in dieser Gemeinschaft selbst. Es geht darum, wie sich die einzelne Person auf die Gemeinschaft in all ihrem Handeln verpflichtet, es geht um die moralischen Grundsätze der ganzen Gemeinschaft in all ihrem Wirken. Letztlich bildet das Erleben dieser Gemeinschaft die Grundlage für jede Gemeinschaftlichkeit, auch für die politische und wirtschaftliche.

    Viele Menschen meinen heute, ohne eine solche verpflichtende Gemeinschaftlichkeit einer Religion, in die sie eingebunden sind, auskommen zu können. Vielleicht heißt das letztlich, dass die Gesellschaft auch ohne ein ganz fundamentales Gemeinschaftsempfinden auskommen kann, dass sich Gemeinschaftlichkeit auch gebunden an konkrete Zwecke auf Zeit ausbilden kann und dass die Menschen ansonsten voneinander unabhängige und einander nicht verpflichtete Individuen sein können. Es spricht aber auch einiges dafür, dass Verantwortung und Pflichtgefühl im einzelnen nur stabil und zuverlässig möglich sind, wenn sie auf einem allgemeinen moralischen Fundament ruhen, das durch eine Gewissheit der Bedeutsamkeit von Gemeinschaft und des eigenen Handelns für eine Gemeinschaft zustande kommt.

    Sinn und Bedeutsamkeit

    Wenn wir fragen, worin aller religiöser Glauben, sei er mit einem personalen Gott verbunden oder nicht, zusammenkommt, dann darin, dass das, was uns in der Welt begegnet, und unser Handeln in der Welt einen Sinn hat, dass es Bedeutung über das hinaus hat, was uns jeweils zum Weiterleben nötig ist. Mit ihrem Glauben versehen die Menschen ihre Welt mit Bedeutsamkeit. Das gilt für die Position jedes einzelnen Lebens innerhalb der Gemeinschaft als auch für das gemeinschaftliche Wirken in der Welt, für das Verstehen dieser Wirklichkeit, in der die Realität auf die Menschen wirkt, so wie umgekehrt menschliche Praxis auf die Welt wirkt. Wir können diese Verwebung und Einwebung der Menschen in die Gemeinschaft und in die Welt nur verstehen, indem wir sie in ihrer Bedeutung begreifen. Die einzelnen Bedeutungen bringen wir in einen Bedeutungszusammenhang, der Geburt, Leben und Tod, die Regelmäßigkeiten des gemeinschaftlichen Lebens, die Differenzierungen innerhalb unserer gesellschaftlichen Einbindungen und die Wechselfälle und Ereignisse des Lebens einschließt. Religiosität bedeutet, diese Bedeutsamkeit gemeinsam verständlich und erfahrbar zu machen und damit „dem Ganzen“ einen Sinn zu geben, den wir akzeptieren können. Gerade für die Dinge, die uns wichtig und groß erscheinen, ist diese Bedeutsamkeit besonders augenfällig. Das moralische Handeln sowie das Suchen nach Wahrheit und Schönheit sind mit der Gewissheit verbunden, dass sie einen Sinn über den Moment hinaus haben, unabhängig davon, ob sie direkt nützlich und erfolgreich sind, oder nicht.

    Glauben ist die Überzeugung, dass es etwas gibt, ohne dass wir uns selbst von seiner Existenz überzeugt hätten, sei es durch direkte Anschauung oder sei es durch logische Schlussfolgerung aus solchen direkten Anschauungen. Streng genommen basiert fast alles, was wir als sicheres Wissen bezeichnen, auf Glauben. Wir glauben, was die Eltern sagen, was die Lehrer und Professoren uns lehren, wir glauben, was in den Lehrbüchern steht und was die Nachrichten uns mitteilen. So ist es auch mit den moralischen Überzeugungen, die wir durch die Befragung des Gewissens gewinnen und festigen und von denen wir wissen, dass wir sie mit anderen teilen.

    Manche Menschen verbinden diese ganz grundsätzlichen Gewissheiten mit einem Gott oder mit anderen Wesen, die außerhalb der Alltagserfahrung angesiedelt sind und zu denen sie durch ihr Gewissen in bestimmten Momenten und Situationen in Kontakt kommen, andere haben für das, was hinter diesen Grundsätzen steht, keinen Namen. Auch ohne von einem Gott zu sprechen, sagen wir oft, dass uns diese Dinge „heilig“ sind. Heilig kann uns auch die gewaltige Natur sein, der Sternenhimmel, der Regenbogen, das Wachsen der Lebewesen, die Geburt eines Menschen, die Gemeinschaft, in der wir uns geborgen fühlen. Das sind die Dinge, an deren Bedeutsamkeit wir glauben, unabhängig davon, ob wir sie mit einem Gott verknüpfen oder nicht.

    Das Ritual: Die Sprache des Bedeutsamen

    Die Sprache, in der sich Bedeutsamkeit zeigt, ist die der Rituale. Zwar können wir die Bedeutungen von Ereignissen und den Sinn vor Erlebnissen auch in Worte fassen, aber sie offenbaren sich im Ritual. Ich kann meinem Freund versichern, dass ich ihn schätze und ihm beistehen werde, aber viel verständlicher wird, was er mir bedeutet, im festen Händedruck. Die Bedeutung des Abschiedsschmerzes spüren wir in der Umarmung am Bahnsteig. Durch die Zeremonie der Zeugnisübergabe wird den Schülern die Bedeutung des Moments für das ganze Leben bewusst. Sie spricht im Ritual, das die Gemeinschaft mit diesem Moment verbindet, und umso selbstverständlicher und stärker das Ritual gelebt wird, desto bedeutsamer ist der Moment. Wir glauben die Bedeutung einer Freundschaft umso sicherer, desto fester und selbstverständlicher der Händedruck und die Umarmung beim Abschied sind.

    In den Ritualen feiern die Menschen die Bedeutsamkeit dessen, woran sie im eben beschriebenen Sinne glauben, die Feiertage sind deshalb auch die wichtigen Momente, in denen die Menschen sich ihrer Zugehörigkeit zu einer solchen Gemeinschaft versichern. Es ist nicht überraschend, dass Menschen etwa in Europa dabei an die christlichen Feiertage und Rituale anknüpfen. Wie schon gesagt, wir sind in all unseren Traditionen über zweitausend Jahre christlich geprägt. Das bedeutet nicht nur, dass wir an Feiertage wie etwa Ostern und Weihnachten, oder an bestimmte Rituale im Zusammenhang mit der Geburt eines Menschen, dem Erwachsenwerden, der Hochzeit und dem Tod „gewöhnt“ sind, sondern dass sich die Bedeutsamkeit, der Sinn dieser Feiern mit der Bedeutung, die wir in der Einbindung eines jeden von uns in die Gemeinschaft erleben, aus dieser langen Tradition herleitet. Wir haben bestimmte Vorstellungen von den moralischen Verpflichtungen der Gemeinschaft gegenüber einem Neugeborenen, von den Pflichten, die zwei Menschen durch Heirat füreinander übernehmen. Wir haben auch die Überzeugung, dass wir uns immer wieder auf den Wert der Gemeinschaft, auf unsere Schwächen, auf die Fähigkeit, füreinander einzustehen, besinnen sollten.

    In einem ganz ursprünglichen und fundamentalen Sinn ist uns Menschen eine so verstandene Religiosität offenbar wesenseigen. Das bedeutet nicht, wie man manchmal meint, dass Spiritualität oder gar Mystik oder der Wunsch nach schönen Ritualen in einem romantischen Sinn ein Bedürfnis sind, das die Religionen in den Kirchen befriedigen, so wie Rockbands und Fußballmannschaften in Stadien unser Bedürfnis nach gemeinsamen Erlebnissen befriedigen. Religiosität ist vielmehr die Weise, wie die Menschen als Gemeinschaft mit sich und der Welt überhaupt umgehen können, es ist die Methode, mit der wir uns selbst in die Gesellschaft integrieren und das Wirken in dieser Gesellschaft und aus ihr heraus in die Umwelt hinein verstehen und gestalten können.

    Eine so verstandene Religiosität wird mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und den technischen Errungenschaften nicht überflüssig, denn diese können weder unserer Verbindung mit der Welt, noch der Verflechtung der einzelnen Person mit der Gesellschaft Bedeutung und Sinn geben, sie können uns vielleicht sagen, warum die Dinge so sind, wie wir sie vorfinden, aber nicht, warum wir die Dinge verändern sollen, sie können uns Werkzeuge zum Handeln geben, aber keinen Grund, aus dem heraus wir handeln sollten.

    Das macht deutlich, dass Religionen nicht irgendein merkwürdiges Bedürfnis befriedigen, es geht nicht um Unterhaltung oder um Erbauung, nicht darum, sich gemeinsam ein paar schöne Stunden zu machen und dafür einige geeignete Anlässe zu finden. Es geht auch nicht darum, die Grundsätze einer christlich geprägten Moral in das nachchristliche Zeitalter hinüberzuretten, weil wir gemerkt haben, dass es für ein halbwegs gelungenes Zusammenleben der Menschen ganz sinnvoll sein kann, weiterhin an die zehn Gebote und die Bergpredigt zu denken. Wir sollten die Traditionen der nahen und fernen Religionsgemeinschaften gerade nicht wie einen Fundus nützlicher Regeln, einen Steinbruch für Lebens- und Moralbausteine betrachten, die wir geschickt und planvoll in unser modernes, gottfernes Lebensgebäude einbauen können.

    Religiosität ist – auch wenn das immer noch befremdlich klingt – das Grundprinzip des menschlichen Weltverstehens, die Basis des sicheren menschlichen Handelns. So, wie sich die Alten Griechen, die im Zentrum ihrer Religion Geschichten einer komplexen Götterwelt hatten, wohl nicht vorstellen konnten, dass zur Religion ein einziger Gott ausreicht, so können sich Christen nicht vorstellen, dass Religiosität auch ganz ohne einen Gottesglauben möglich und sinnvoll sein kann. Aber die vieltausendjährige Geschichte der monotheistischen Religionen hat gezeigt, welche vielfältigen Ausprägungen mit dem Glauben an einen Gott möglich sind. Wie sich die Religiosität der Menschen in Zukunft gestaltet, ist natürlich nicht konkret vorhersagbar. Sicher scheint nur, dass wir am Beginn eines Umbruchs stehen, sicher scheint auch, dass Traditionen, Rituale, Geschichten und Symbole der alten Kirchen in neue Formen von etwas, das man vielleicht eine „weltliche Religiosität“ nennen könnte, eingehen werden. Gleichzeitig können Bräuche aus dem nichtreligiösen Alltag sich, wenn sie die Bedeutsamkeit des Zusammenseins erlebbar machen, in solch eine neue Gemeinschaft eingehen. Eine gewisse Vorstellung davon, wie das aussehen könnte, kann man sich machen, wenn man beobachtet, wie wir schon heute außerhalb der Kirchen unsere Gemeinschaftlichkeit erlebbar machen. Zwei gemeinsame Handlungsformen tauchen dabei immer wieder auf: das gemeinsame Essen und das gemeinsame Singen. Es ist nicht überraschend, dass uns diese auch von den christlichen Kirchen her schon bekannt sind.

    In den bisherigen Kirchen wird das gemeinsame Abendmahl auf Gott bezogen, und von ihm her kommt auch die Speise und der Trank. Hier wird Gemeinschaft zwar durch das Teilen des Brots und des Weins erlebt, aber sie wird durch Gott hergestellt. In einer Kirche ohne Gottesbezug kommt die Speise, die geteilt wird, auch von der Gemeinschaft. Wir kennen das bereits: Immer häufiger sagen wir, wenn wir zusammen feiern wollen, dass alle, die teilnehmen, auch etwas mitbringen, Salat, Brot, Würstchen, Wein, ungefähr so viel, wie man selbst essen möchte. Dann wird geteilt, niemand isst das selbst mitgebrachte, sondern alle probieren das, was andere mitgebracht haben. Im gemeinsamen religiösen Fest könnte es so sein, dass alle eine Kleinigkeit, vielleicht ein selbst gebackenes kleines Brot, mitzubringen hätten, welches geteilt und in einen gemeinsamen Korb getan wird, aus dem alle sich, zu einem bestimmten Moment am Ende der Feier, ein Stück nehmen. Es wäre auch denkbar, dass dies die Einleitung zu einem anschließenden gemeinsamen Essen ist, zu dem alle etwas zu Essen und zu Trinken mitgebracht haben.

    Den gemeinsamen Gesang als Erlebnis von Gemeinschaft kennen wir ebenfalls sowohl aus den Kirchen als auch aus nichtreligiösen Zusammenhängen. Es ist erstaunlich, wie schwer es uns manchmal fällt, in so einen Chor einzustimmen, während wir in anderen Situationen, etwa, weil jemand aus dem Freundeskreis Geburtstag hat, mehr oder weniger lautstark mitsingen. Wenn es darum geht, weder einen Gott noch einen einzelnen zu preisen, dann kommt es auf den Text vielleicht gar nicht an. In einer Kirche ohne Gottesbezug, in der es um die Feier der Gemeinschaft selbst geht, kann man die Melodien auch mitsummen oder klatschen. Wichtig wäre vor allem, dass die Gemeinschaft selbst es ist, die die Musik macht, und dass sie sich nicht nur etwas vorspielen lässt, so wie wir es heute häufig bei „feierlichen Anlässen“ erleben, bei denen man sich vielleicht gut unterhält oder andächtig lauscht, aber trotz großer Zuhörerzahl kein Gemeinschaftsgefühl aufkommt. Das entsteht erst, wie wir aus Fußballstadien und von Rockkonzerten wissen, wenn die Zuhörer zum großen Chor werden.

    Man könnte nun fragen, warum es eine Kirche und vielleicht sogar einen festen Ritus des gemeinsamen Essens und ein Gesangsbuch brauchen soll, um auf diese Weise Gemeinschaft zu erleben. Das Problem ist, dass die Freundeskreise und die Fangemeinden oft ganz lokal beschränkt sind, und sie umfassen immer nur einen ziemlich kleinen Teil der ganzen Gemeinschaft, zu der wir eigentlich gehören und die wir, egal wohin wir kommen, eigentlich erleben könnten. Eine weltliche Kirche könnte der Ort der Gemeinschaft sein, der letztlich überall schon eingerichtet ist, wo wir hinkommen, sie lässt uns eine prinzipiell grenzenlose Gemeinschaft sein, die nicht auf dieses oder jenes Interesse oder auf zufällige Bekanntschaften bezogen ist, sondern auf die Gemeinschaftlichkeit der Menschen und ihre Verantwortung füreinander und für ihre Welt selbst. Wenn es einen Menschen irgendwo hin verschlägt, wo er niemanden kennt, könnte er sich die örtliche Gemeinde suchen, er kennt ihre Rituale, kann an ihren Feiern ganz natürlich teilnehmen, und erlebt, dass es überall Gemeinschaft, überall ein Stück Heimat gibt.

    Lesen Sie zum gleichen Thema die Kolumne Guter Gott? Böser Gott? von Jörg Friedrich.

    In Jörg Friedrichs letzter Kolumne ging es um Flaschensammeln in Würde.

  • Guter Gott? Böser Gott?

    Terror zu Ehren eines Gottes oder im Namen einer Religion erschüttert die Welt. Im Namen Gottes sind Kriege geführt worden, wurden Menschen als Hexen und Ketzer verbrannt, Kulturen ausgelöscht. Kunstwerke und steinerne Zeugnisse alter Zivilisationen wurden aus vorgeblich religiösen Gründen zerstört. Auf der anderen Seite kennt die Geschichte auch Menschen, die gerade durch ihren Glauben fähig waren, gutes zu leisten, dem Bösen zu widerstehen. Der Glaube hat in dunklen Zeiten die Menschen stark gemacht, Anderen, Schwächeren und Unterdrückten zu helfen. Im Namen jeder Religion sind schon große Werke der Kunst geschaffen worden, und viele gute, uneigennützige, aufopfernde Menschen ziehen aus dem Glauben die Kraft für ihre tägliche Arbeit.

    Was ist überhaupt Religion?

    Um zu verstehen, wie diese widersprüchliche Wirkung von religiösen Überzeugungen möglich ist, muss man sich vielleicht erst einmal fragen, was Religion überhaupt ist. Man kann ja ohne Schwierigkeiten verschiedene Religionen aufzählen, Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus. Man weiß irgendwie, dass man mit all diesen Begriffen Religionen bezeichnet. Aber weder ist klar, ob man damit eine Menschengruppe, eine Organisation, Gebäude und Orte oder irgendwelche Regelwerke bezeichnet, noch weiß man, was all diese Religionen gemeinsam haben, damit wir sie von anderen sozialen Erscheinungen, z.B. Sportarten, Kunstgattungen, politischen Gebilden, unterscheiden können.

    Wann also ist etwas eine Religion, und um was handelt es sich dabei?

    Glaube, Kult, und Autorität

    Religionen können wir aus drei Perspektiven betrachten, die in irgendeiner Form bei allen von ihnen ausgeprägt sind. Da gibt es zuerst mal einen Glauben an eine Transzendenz. Das kann ein Gott sein oder eine ganze Götterwelt, aber auch eine Welt der Ahnen oder der Seelen aller Menschen. Ein religiöser Glaube ist von etwas überzeugt, was jenseits unserer Erfahrung existiert, unseren alltäglichen Sinnen aber nicht zugänglich ist, jedenfalls nicht so, dass wir einfach darauf zeigen könnten und zu jemandem anders sagen können: Siehst du das? Hörst du das auch?

    Zwar spricht man auch vom Transzendenten so, man betrachtet etwa ein religiöses Bild oder ein Bauwerk und sieht darin das Göttliche. Oder man sieht es in einem Naturschauspiel. Vielleicht sieht man es auch, wenn man ein altes Paar beobachtet, bei dem einer den anderen stützt. Aber jeder weiß, dass dann nicht das bloße Augenaufreißen und Ohrenaufsperren genügt, dass da mehr Sinne gebraucht werden, als die, deren Wirkung wir physikalisch beschreiben können.

    Gerade weil wir das Transzendente nicht sehen, hören oder riechen können, gehört zum Glauben auch die Überzeugung darüber, wie dieses Transzendente mit uns in Kontakt kommt, etwa über einen Zeugen, der vom Transzendenten inspiriert wurde, und der uns das Transzendente sehen gelehrt hat. Diesen Zeugen nennt man dann Prophet, Gottes Sohn oder Apostel. Auch Überzeugung, dass das Transendente direkt zu jedem Einzelnen spricht, etwa in der Erkenntnis des Guten und Schönen, oder im Gewissen, gehört zu diesem Teil des Glaubens.

    Der zweite Aspekt der Religion ist der Kult, das gemeinschaftliche, choreografierte Glaubenserlebnis. Die Handlungen, mit denen man sich des Glaubens versichert, und die der Glaube als richtiges Wirken in der Welt vorgibt, gehören zum Kult. Ist der Glaube mit einem oder mehreren inspirierten Vermittlern der Transzendenz verbunden, dann ist der Kult zumeist in einem schriftlichen Regelwerk festgelegt, er kann aber auch durch Tradition gelehrt und weitergegeben werden. Wie auch immer, Regelwerke sind immer Gegenstand der Interpretation, sie müssen von jeder Generation und an jedem Ort neu gedeutet werden. Auch wenn die Autoren vom Transzendenten inspiriert waren, haben sie die Sprache einer bestimmten Zeit und Gegend genutzt, sie haben an die Erfahrung der Menschen in ihrer Umgebung angeknüpft.

    Somit gibt es nicht nur große inspirierte Erst-Vermittler der Religionen, die Propheten, die Evangelisten oder andere, sondern im Laufe der Geschichte einer Religion auch große, bedeutende Interpreten. Es ist klar, dass verschiedene Menschen in einem Glauben übereinstimmen, aber die Regeln für den richtigen Kult unterschiedlich interpretieren und in ihrer konkreten Umwelt unterschiedlich ausdeuten.

    Die Choreographie des Kults wird in den Religionen organisiert, ihre Weitergabe wird gelehrt, Autoritäten werden definiert. Es entstehen Institutionen, etwa Gemeinden und Kirchen, in denen die Autoritäten stabilisiert werden. Autoritäten entlasten den Einzelnen von der Notwendigkeit, selbst herauszufinden und detailliert zu prüfen, was der richtige Kult ist. Institutionalisierte Autoritäten erklären dem religiösen Menschen, warum sein Glaube in genau bestimmter Weise in einem Kult praktiziert werden kann, und warum die Institution, die die Autorität vertritt, der richtige Ort ist, um den Kult zu praktizieren

    Wiederum ist offensichtlich, dass zwei Menschen, die den gleichen Glauben haben und auch einen gleichen oder ähnlichen Kult praktizieren, noch längst nicht die gleichen Autoritäten akzeptieren müssen.

    Religionen sind also einerseits Überzeugungen, die bestimmte konkrete Menschen haben, und die sich nicht in einfachen Beobachtungen der Welt bestätigen oder widerlegen lassen. Anderseits sind es Handlungen, die gemeinsam praktiziert und von Gemeinschaften gepflegt und weitergegeben werden. Drittens sind Religionen Institutionen, die Autoritäten stabilisieren und Zugehörigkeiten definieren. Religionen können wir als Hybride aus individuellen Überzeugungen, ritualisierten Handlungen und autoritären Institutionen ansehen.

    Nebenbei sei an dieser Stelle kurz bemerkt, dass auch andere Phänomene des Gesellschaftlichen religiöse Züge aufweisen, wenn sie die skizzierte hybride Struktur aus Glauben, Ritual und Institution zeigen.

    Gleichzeitig zeigt sich, dass jede Religion, wenn sie erst einmal alt genug ist, ganz selbstverständlich zu einem vielfältigen, inkonsistenten, schillerndem Gebilde wird, das notwendig widersprüchlich erscheinen muss, wenn man es als solitäre, klare Struktur ansehen will, das einfache Ursache-Wirkungs-Prozesse auslöst. Wenn man etwa meint, dass die Anweisungen und Vorschriften eines heiligen Werkes einer Religion zwingend zu bestimmten Verhaltensweisen der Gläubigen führen müssen, wird man der schillernden Vielfalt einer Religion nie gerecht.

    Bibelzitate und Koranverse sind kein Beweis

    Es sind heute weniger die Gläubigen, die eine wörtliche Auslegung und ein buchstäbliches Befolgen von Bibelzitaten oder Koranversen fordern, als die Religionskritiker. Sie sammeln Suren und meinen, daraus etwa die kriegerische Ausrichtung des Islam ableiten zu können. Sie lesen die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments und meinen, dass diese von der modernen Naturwissenschaft widerlegt worden ist.

    Bekanntlich gibt es in jeder Religion fundamentalistische Auslegungen, die die heiligen Schriften, in denen ihr Glauben zuerst bezeugt wurde, in ihrem Wortlaut buchstäblich auffassen und als simple, unmittelbare Handlungsvorschrift nehmen wollen. Das führt fast automatisch zu einer Ablehnung der gegenwärtigen Gesellschaften, denn der Wortlaut eines Textes, der Jahrhunderte oder Jahrtausende alt ist und in einer ganz anderen Umgebung für Menschen mit ganz anderer Erfahrung aufgeschrieben wurde, kann nicht wörtlich auf unsere Welt passen, sei er inspiriert von einem Gott oder nicht. Der Gott, den wir uns auf diese Weise vorstellen, muss fast notgedrungen als böser Gott erscheinen, der fordert, die heutige Welt abzulehnen oder gar zu bekämpfen.

    Den meisten Gläubigen ist das jedoch bewusst. Sie suchen in den alten Texten und in den überlieferten Kulten den Geist des inspirierenden Gottes und sie wissen, dass die Menschen, die die Texte in menschlicher Sprache aufgeschrieben, weitergegeben und übersetzt haben, fehlbar waren. Ihr Gott ist ein guter Gott, der menschenfreundlich ist, und menschenfeindliche Interpretationen können nicht richtig sein, insbesondere, wenn sie an einen Schöpfergott glauben, der seine Geschöpfe selbst liebt und mit der Fähigkeit zu lieben ausgestattet hat.

    Die Religionskritiker sind die Dogmatiker

    Die Dogmatiker sitzen vor allem außerhalb der Religionen. Diejenigen, die die Religionen für das Schlechte auf der Welt verantwortlich machen wollen, fordern, die Bibel und den Koran als wörtliche, absolute Wahrheit aufzufassen, die buchstabengetreu zu interpretieren ist. Sie wollen nicht deuten und ins Heute übertragen. Sie nutzen die alten Texte mit ihren alten Geschichten, um die Religionen lächerlich zu machen.

    Pauschale Religionskritik geht aber fehl, sie kritisiert alte Texte aus heutiger Sicht – das ist sinnlos. Wer einen Text, der tausend oder zweitausend Jahre alt ist, verstehen will, muss sich entweder in ihn einfühlen, oder er muss seine Entstehungssituation erforschen und Sprachwissenschaft betreiben. Beides ist eine aufwändige, aber erhellende Beschäftigung, die auch für das Verstehen unserer heutigen Welt sinnvoll ist, weil sie zeigt, was im Wandel gleich geblieben ist und wo unser heutiges Weltverstehen seine Wurzeln hat.

    Sinnvoll ist nicht, heutigen Gläubigen ihre heiligen Texte vorzuhalten und zu fordern, sich von ihnen zu distanzieren. Sinnvoll ist aber, heutige Machtmechanismen der Institutionen zu untersuchen, die Akzeptanz von Autoritäten und die Wirkungen von ritualisierten Kulten zu hinterfragen. Sinnvoll ist auch, kritisch über Glaubensfragen zu diskutieren. Das wird die Religionen nicht schwächen – aber das ist auch gar nicht nötig. Es wird den religiösen Menschen helfen, ihren bösen Autoritäten zu widerstehen und ihre guten Götter zu sehen.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die areligiösen Motive des Terrors.

    In dieser Debatte auch interessant ist die letzte Kolumne von Heinrich Schmitz, der zeigt, dass der IS weder ein Staat noch islamisch ist, Sören Heims Auseinandersetzung mit Nekla Keleks Kritik an Navid Kermani, sowie Sören Heims Diskussion der Neuübersetzung literarischer Werke.

  • Terror hat keine religiösen Motive

    Wir können nicht in die Köpfe der Terroristen hineinsehen. Weder können wir die Gedanken derer lesen, die die Befehle für Terroranschläge geben, noch können wir sicher über die Hoffnungen und Überzeugungen der Menschen sein, die die Attentate ausführen. Was sie in Bekennerschreiben und -videos äußern, kann gerade dazu gedacht sein, uns über ihre wirklichen Motive zu täuschen, das, was die Täter schreien, wenn sie schießen oder sich selbst in die Luft sprengen, kann Ergebnis einer Indoktrination sein.

    Schon deshalb sollte man der These, die Terroranschläge, welche den Westen in den letzten Jahrzehnten erschüttern, seien religiös motiviert, kritisch hinterfragen.

    Friedfertigkeit und Aggressivität

    Auf den ersten Blick spricht mehr gegen ein religiöses Motiv, als dafür. Das Motiv für eine Handlung, ihre Motivation, das ist der Handlungsantrieb, die letztliche Begründungsinstanz für das Tun. Betrachten wir Religion als eine charakteristische Menge von Überzeugungsinhalten und Handlungsrichtlinien, die aus dem Glauben an eine transzendente Instanz erwachsen. Dann fällt auf, dass offenbar jede Religion Motive sowohl für hochgradig friedfertiges Handeln als auch für äußerste Aggressivität liefern kann. Eine einzige Religion scheint zudem zu einer Zeit Motive für besondere Friedfertigkeit, zu einer anderen Zeit aber Motivation für besondere Aggressivität bereitzustellen. Das zeigt schon, dass die Motive im Kern eben nicht religiös sein können, sondern dass sie allenfalls in ein religiöses Gewand schlüpfen, dass sie sich der Religion bedienen.

    Hinzu kommt, dass wir die extreme Aggressivität, die sich im Terror äußert, auch in nicht religiösen Kontexten beobachten, und dass diese Aggressivität der so genannten religiös motivierten Aggressivität so aufs Haar gleicht. Das lässt uns vermuten, dass die eigentlichen Motive verwandt sein dürften.

    Wir kennen aus den letzten hundert Jahren den kommunistischen Terror, den faschistischen, den linksextremen und den rechtsextremen Terror. Sie alle beziehen sich nicht auf ein transendentes Wesen, zum Teil scheinen sie sich sogar gegen jede Transzendenz zu positionieren und ihre terroristische Kraft sogar aus der Ablehnung jeder Gottesanbetung zu ziehen. Man könnte natürlich sagen, dass dies alles Ideologien sind und dass Ideologien und Religionen im Wesen das Gleiche sind, oder dass Religionen spezielle Ideologien sind.

    Aber auch bei den Ideologien beobachten wir, dass es sie in sehr friedfertiger Variante als auch in extrem aggressiver Variante gibt. Also können auch die Ideologien im Kern nicht das Motiv für den Terror liefern. Das eigentliche Motiv muss außerhalb des religiös-ideologischen Bezirks liegen.

    Teil eines Ganzen sein

    Gerade wenn wir die Bandbreite der Überzeugungssysteme, die auf den ersten Blick als Motivgeber für Terror herhalten müssen, in den Blick nehmen, bekommen wir eine Spur für die eigentliche Motivation. Alle Ideologien erlauben es dem einzelnen, sich als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen, und zwar nicht nur als eines Rädchens im Uhrwerk, schon gar nicht eines unverwechselbaren, einmaligen und verantwortlichen Spielers in einer Mannschaft, sondern als eines Gleichen unter Gleichen in einem Kollektiv aus identischen Mitgliedern, die eine homogene Masse bilden. Das attraktive an solchen Gebilden ist, dass jeder sich genau in den anderen wiedererkennen kann, weil alle auf die gleiche Weise nach den gleichen Leitlinien handeln. Das macht die Welt des Kollektivs extrem einfach – denn solche Regeln müssen naturgemäß einfach zu lernen, zu erkennen und nachzuahmen sein, und die Tatsache, dass alle nach den gleichen Regeln leben, schafft Vertrauen und Stabilität.

    Religionen können auf solche Kollektivregeln reduziert werden, aber jede reale Religion ist das ganze Gegenteil. Jede von ihnen bietet eine Vielzahl von konkreten Lebensmodellen, selbst wenn ein Mensch ein ganz religiöses Leben führt. Er kann ein Mönch in einem Kloster sein, er kann ein Einsiedler sein, aber auch ein Missionar, ein Lehrer, ein Philosoph. Ein terroristisches Motiv ist dabei nicht zu finden.

    Um das Motiv des Terrors zu finden, müssen wir außerhalb der religiösen Systeme suchen, aber an einer Stelle, wo sich ein Mensch einer Religion oder einer Ideologie bedienen kann, um seine eigenen Ziele zu erreichen, die wiederum zum Terror führen.

    Es ist klar: wer sich in kollektiven Strukturen als identisches Mitglied unter gleichen sicher und geborgen fühlt, ist anfällig für Manipulation durch diktatorische Führer. Der machtbesessene Diktator muss nicht viel tun, um diese Menschen zu willigen Werkzeugen zu machen: er muss ihnen nur plausibel machen, dass sie durch die fremde, nicht identische Welt bedroht sind, dass ihre heile, geregelte Gemeinschaft der Gleichen durch die, die fremd sind, bedroht ist. Und er muss ihnen, was auch nicht schwer ist, die Überzeugung vermitteln, dass ihr geschütztes Leben in der Gemeinschaft nicht nur für sie, sondern auch für alle Menschen das eigentlich beste Leben ist, und dass jeder, der dem widersteht, die Gemeinschaft in Wahrheit bedroht.

    Manipulation und Allmachtsphantasien

    Das ist die eigentliche Motivation des Terrors: Allmachtsphantasien diktatorischer Führer, die über die Manipulation von Menschen erfüllt werden, die Angst vor Veränderung, vor dem Fremden überhaupt haben und sich nach Gleichheit und ewiger Wiederkehr des Gleichen sehnen. Das Religiöse ist nicht Motiv, sondern nur Werkzeug des herrschsüchtigen Manipulators, der den Terror als Erfüllung seiner Machtphantasien erlebt.

    Was folgt daraus? Den religiösen Menschen, welchem Glauben auch immer sie anhängen, können wir sagen: Eure Religion ist völlig in Ordnung, sie ist so gut wie jedes andere Überzeugungssystem auch. Natürlich war auch mancher Religionsstifter und manche Autorität in der Geschichte einer Religion ein manipulierender Diktator. Und selbstverständlich können religiöse Institutionen in bestimmten historischen Situationen von totalitären Strukturen durchsetzt sein.

    Man kann die Verbindung zwischen den Terroristen und ihren diffusen Unterstützermilieus nur kappen, wenn man transparent macht, dass die Motive der Terroristen im Kern eben nicht religiös sind, dass es den Terroristen allein um Machtausübung und Manipulation geht, um den Genuss der totalen Beherrschung der Anderen.

    Eine jede Religion ist, wie jedes andere ideologische Gebilde, anfällig für Manipulation. Jede Religion hat einen selbstgenügsamen und einen aggressiven Modus, der im Terror enden kann. Es kommt nicht darauf an, die eigene Religion fragwürdig zu machen, sondern in ihren selbstgenügsamen Modus zu finden, in dem der Gläubige mit anderen Gläubigen in freudiger Übereinstimmung lebt, während er die anderen so leben lässt wie sie es wollen.

    Dass jedes ideologische System letztlich anfällig für Terrorismus ist, sollte uns außerdem eine Warnung sein, gerade wenn wir uns weit entfernt von allen Religionen wähnen. Vielleicht ist niemand frei von Ideologie – vielleicht kann man es gar nicht sein. Damit lauert die Gefahr der manipulativen Verführung, die letztlich zum Terrorismus führt oder ihn rechtfertigt, aber auch überall.

    Lesen Sie auch Jörg Friedrichs Kolumne über das Böse.

  • Was ist das Böse?

    Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 taucht immer wieder „das Böse“ als Erklärungsmuster für Terroranschläge auf, zumindest, wenn sie in der westlichen Welt verübt werden. Auch nach den Anschlägen von Paris am Freitag meldeten sich Stimmen zu Wort, die vom Bösen sprachen, das nun einmal in der Welt sei und dessen Existenz und Wirksamkeit wir nicht verleugnen können. Unter dem Motto Das Gute ist stärker als das Böse riefen die Europäischen Staats- und Regierungschefs zu einer Schweigeminute auf.

    Aber was ist das Böse? Und ist es geeignet, um als Erklärungsansatz für Terror zu dienen, vielleicht sogar, um eine Idee zum praktischen Umgang mit den Gefahren des Terrorismus zu finden?

    Das Böse als politischer Kampfbegriff

    Der Begriff des Bösen ist auch in der modernen Welt nie ganz verschwunden. Er diente natürlich zur Kennzeichnung des Faschismus und des Holocaust. Später wurde, je nach politischer Lage, die Sowjetunion und das „sozialistische Lager“ als „Reich des Bösen“ bezeichnet.

    In diesen Fällen diente der Begriff des Bösen als politischer Kampfbegriff, mit dem Begriff des Bösen soll dann ein politischer Feind charakterisiert werden, mit dem man nicht friedlich verhandeln kann, der keinem Argument der eigenen Rationalität zugänglich ist. Der Feind, der als böse gekennzeichnet wird, gefährdet die eigene Existenz radikal, und muss deshalb ebenso radikal bekämpft und vernichtet werden.

    Umgekehrt wurde im Herrschaftsbereich des Sozialismus während des kalten Kriegs natürlich der „US-Imperialismus“ als böse bezeichnet, insbesondere dort, wo sich die USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts militärisch engagierten. Allerdings hatte die Verwendung dort vor allem pädagogische Motive, das Wort fand eher Verwendung in Kindergärten und Grundschulen, wenn es darum ging, Kindern einen „antiimperialistischen Hass“ gegen die USA und ihre Verbündeten anzuerziehen.

    Warum wurde das US-geführte kapitalistische System (wenigstens außerhalb der Kindererziehung) nicht ebenso als böse bezeichnet? Der Grund liegt wahrscheinlich im wissenschaftlichen Erklärungsanspruch für das – vorgeblich oder tatsächlich – aggressive Verhalten des politischen Feindes. Die Gefahr, die vom Kapitalismus und dessen imperialistischer Ausprägung ausging, wurde ja ökonomisch begründet – der einzelne Kapitalist musste nicht als böser Feind angesehen werden – das System als System war bösartig – etwa vergleichbar einem Krebsgeschwür.

    Das Böse ist überall

    Wenn heute Terroristen als böse bezeichnet werden, wenn gesagt wird, dass sich im Terror das Böse zeige, dann ist darin natürlich auch noch eine politische Bedeutung hörbar, insbesondere, wenn der Begriff von Regierungschefs und Präsidenten verwendet wird. Aber wenn der Begriff in der öffentliche Debatte auftaucht und wenn er von Zuhörern akzeptiert wird, dann nicht nur als Werkzeug zur eigenen Radikalisierung der Ablehnung derer, die mit dem Begriff des Bösen charakterisiert werden.

    Wenn wir versuchen, die verschiedenen Verwendungssituationen des Begriffs auf einen Nenner zu bringen, dann fallen zwei Aspekte auf: Zum einen die Irrationalität des Bösen. Dem Bösen ist, wenigstens in seinem bösen Handeln, mit keinem Argument der Vernunft beizukommen. Die Gründe, die er für sein böses Handeln vorbringt, sind innerhalb unserer Vernunft nicht akzeptabel, und zwar absolut nicht akzeptabel. Das zweite, was zum Bösen gehört, ist, dass der Böse dem anderen seinen Willen, seine Macht, sein Weltbild, seine Normen und Verbindlichkeiten aufzwingen will.

    Diese beiden Merkmale finden wir überall, wo wir ein Verhalten intuitiv als Böse bezeichnen: Das schreiende Kind, das sich im Kassenbereich des Supermarkts zornig auf den Boden wirft und von seinen Eltern mit bloßer Körperkraft zum Weitergehen gezwungen werden kann, wird als böse bezeichnet. Linke Aktivisten sehen die US-Regierung, die Wall Street oder überhaupt den Kapitalismus als böse an, wenn sie sagen, dass sie aus bloßer irrationaler Profitgier der ganzen Welt den American Way aufzwingen wollen und dabei die Lebensgrundlagen auf der Erde vernichten.

    In der Tat ist das Böse überall, in fast allen Kulturen und fast allen Epochen gibt es die irrationalen Eiferer, die versuchen, gewaltsam ihre Art zu leben anderen Menschen aufzudrängen. Es scheint eine anthropologische Konstante zu sein, das Böse scheint zum Menschen dazu zu gehören. Aber warum funktioniert das Böse? Woraus gewinnt es seine Anziehungskraft?

    Die Wirksamkeit des Bösen beruht auf dem Genuss, den es bereitet, wenn man andere Menschen, am besten zunächst gegen ihren Willen, zu einer Handlung bringen kann. Umso mehr Menschen man manipulieren kann, desto höher der Genuss. Dieser Genuss des manipulierenden Führers trifft auf den Genuss der Geführten an der kollektiven Aktion, dem Gemeinschaftserlebnis, dem Rausch der Gleichheit, die den kleinen Einzelnen plötzlich zu einem kollektiven Großen macht.

    Diese Paarung aus Führer und Masse beobachten wir im Rockkonzert ebenso wie auf der politischen Großdemonstration und eben auch im Terrorismus. Zum Bösen wird dieser Genuss dadurch, dass der Führer die manipulierte Gefolgschaft dazu bringt, sich denen gegenüber, die nicht zur Gemeinschaft gehören, als überlegen und hochwertiger anzusehen. Führerschaft und kollektive Aktion allein sind noch nicht böse, wie jedes Rockkonzert zeigt. Wird aber die Überzeugung von der eigenen Überlegenheit den Anderen gegenüber zum Kitt, der die manipulierte Gemeinschaft zusammenhält, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Bösen. Was nur noch fehlt, ist die Behauptung, dass es die Anderen sind, die mit ihrem Anderssein die überlegene Gemeinschaft bedrohen.

    Religionen sind nicht böse

    Man sieht, dass Religionen zunächst nicht böser sind als Fans einer beliebigen Musikrichtung. Auch die Überzeugung, dass der eigene Glaube besser sei als alle anderen, macht Religionsanhänger noch nicht zu bösen Terroristen.

    Allerdings liefern alle Religionen, wie auch viele andere Ideologien, die meinen, etwas vom guten und richtigen Leben an sich zu wissen, immer einen guten Nährstoff für das Böse. Jeder Anspruch, zu wissen, wie die Menschen richtig leben sollen, lässt sich radikalisieren. Jede solche Idee lässt sich zur Manipulation von Anhängern einsetzen. Und wenn man diesen Anhängern dann noch einredet, dass die Anderen, die ihrem Glauben nicht anhängen, eine Bedrohung für das eigene gute Leben sind, dann ist es zum Bösen nicht mehr weit – denn dann müssen die Anhänger der betreffenden Ideologie versuchen, ihre Lebensweise den anderen aufzudrängen, ein Versuch, der von jenen anderen als irrational empfunden werden muss.

    Böse sind immer nur die anderen

    Damit ist klar: Irrational, unvernünftig und aggressiv bedrängend sind immer nur die Anderen. Und: Die Charakterisierung des Anderen als „das Böse“ kann selbst manipulierend und radikalisierend, mithin böse sein. Allerdings empfinden wir dann nicht nur den radikalisierten Teil der Anderen als bedrohlich-böse, der sich in aggressiver Weise gegen uns selbst wendet, sondern eben auch schon das ideologische Fundament der Anderen, welches von radikalisierenden manipulierenden Führern als Mittel zur Kollektivierung gebraucht wird.

    Diese Ideologie kann aber alles sein, was irgendwie mit normativem Anspruch für die Lebensführung daherkommt – es muss keine Religion sein und jede Religion hat, wie auch alle anderen ideologisch ausgeprägten Normsysteme, das Zeug dazu, zum Bösen zu werden. Deshalb ist es gerade falsch, die Wurzel des Bösen in einer Religion zu suchen. Das Böse sucht sich seine manipulativen Werkzeuge in den Religionen und Ideologien.

    Klar wird somit auch: wer gegen das Böse kämpft, begibt sich immer in die Gefahr, selbst zum Bösen zu werden, insbesondere dann, wenn nicht nur die Bösen bekämpft werden, sondern die Ideologien, derer sie sich bedienen, als Wurzel des Bösen, als Quelle und Fundament der Radikalisierung und Aggressivität der Bösen angesehen werden. Man muss die Bösen radikal bekämpfen – so wie die Nazis bekämpft werden mussten, so müssen auch die Terroristen, ihre Organisationen und Institutionen und ihre Infrastrukturen bekämpft werden.

    Aber diese müssen von den Ideologien unterschieden werden, derer sie sich bedienen. Selbst wenn uns die religiösen Normen und die kulturellen Prägungen anderer Gesellschaften fremd sind und mit unseren eigenen Werten nicht vereinbar scheinen – unsere Ablehnung darf sich immer nur im beispielhaften Vorleben von Alternativen zeigen. Denn der beste Nährboden für das Böse ist, wenn es ihm gelingt, seine Gegner selbst böse werden zu lassen.

    Lesen Sie zu den Terroranschlägen von Paris auf DieKolumnisten auch die Debattenbeiträge von Heiko Heinisch, Sören Heim und Alexander Wallasch.