Schlagwort: Schnitzel

  • Unsere tägliche Grillwurst gib uns heute

    Unsere tägliche Grillwurst gib uns heute

    Jedes Volk hat seine heiligen Sitten und Gebräuche, von denen es nur ungern lassen möchte. So pochen die Amerikaner auf den zweiten Verfassungszusatz, der ihnen zugesteht, jeden, der in ihren Vorgarten uriniert, ungestraft erschießen zu können. Die Briten wiederum mögen sich eine Welt ohne 24/7 Dart-Turniere im TV nicht vorstellen. Die Italiener liefen Amok, falls man ihrer geliebten Pasta Eigelb beimischte. In Spanien läge Revolution in der Luft, wenn eine Regierung es wagen sollte, die Stierkämpfe zwischen Granada und Bilbao zu verbieten. Die Japaner sind ganz verrückt auf irgendwas, was mir aber im Moment gerade nicht einfällt. So hat eben jedes Volk seine speziellen Eigenheiten, die es widerstandslos auf gar keinen Fall hergibt.

    Grillen: ne deutsche Passion

    Was dem Amerikaner das halbautomatische Sturmgewehr ist uns Deutschen der Grill. Ein besonders edles Gerät muss es sein. Ich kenne Haushalte, die investieren in die Anschaffung eines Weber Smokefire mehr Kohle als in die Bildung ihrer Kinder. Und damit sich diese Anlage amortisiert, muss das Teil ständig unter Pellets bzw. Gas gehalten werden. Gibt Tage, an denen in unserem Stadtviertel Weber-Smokefire-bedingt mehr Smog herrscht als auf dem Autobahnring in Los Angeles zur Rush Hour. Von den Gerüchen ganz zu schweigen. Eine empfindliche Nase darf man bei uns im Sommer nicht haben.
    Und auf den Grill kommt was drauf?
    Richtig: (Billig-) Fleisch.

    Ich will Sie jetzt gar nicht damit langweilen, dass bei meinen Großeltern Fleisch bloß am Wochenende auf den Tisch kam: der sagenumwobene Sonntagsbraten. Und auch meinen Eltern war täglicher Fleischkonsum fremd. Der Verzicht gründete nicht auf esoterischen Essgewohnheiten oder Mitleid mit dem Schwein, das im Schlachthof sein Leben für unser Schnitzel lassen muss, sondern basierte rein auf Sparsame-Hausfrau- Erwägungen: Fleisch galt bis weit in die 70er Jahre hinein als Luxusgut.

    Das änderte sich im darauf folgenden Jahrzehnt, und wir Deutsche gewöhnten uns an die Dauerzufuhr von Kotelett, Bratwurst, Sahnegulasch und doppellagig Schinken auf der Frühstückssemmel. Gab’s plötzlich alles niedrigpreisig im Discounter und noch dazu ständig im Sonderangebot. Ein wahrer Fleischrun setzte ein. Das Volk war auf Billigfleisch. Ganz egal, wo es herkam, welche Wälder dafür gerodet werden mussten, unter was für grausamen Bedingungen die Transporte abliefen, ob die Schlachtmethoden halbwegs „human“ über die Bolzenschussrampe gingen. Ein Tag ohne Doppel-Whopper und ne 30er Packung Chicken Nuggets war mit einem Mal unvorstellbar geworden. Und wie das mit schlechten Gewohnheiten so ist: man hält sie so lange für normal, bis einem der Arzt die Blutwerte erklärt und hinzufügt: „Wenn Sie Ihre Ernährung nicht sofort ändern, erleben Sie Ihren nächsten Geburtstag nicht mehr“.

    Teures Gerät und billige Bestückung

    Wir bestücken unsere Grillroste mit Schweinereien, deren Preis in einem eklatanten Missverhältnis zu den Anschaffungskosten des oben genannten Weber Smokefire EX6 steht. Bei einem Streifzug durch einen x-beliebigen Supermarkt schnappen wir uns aus dessen Kühltheke das Giant-Grillpaket Popeye de luxe: Würste, Spieße, Ministeaks nebeneinander aufgereiht. Alles sauber eingeschweißt und in einer fettigen roten Soße schwimmend. Zeug, von dem niemand so genau weiß, was sich unter der klebrigen Paprika-Zwiebel-Marinade wirklich verbirgt. Zeug, das oft schmeckt wie leicht erhitzter Pressspan mit ner Portion Curryketchup verfeinert. Zeug, von dem wir ahnen, dass es niemals unter gesunden Bedingungen hergestellt worden sein kann. Zeug, das wir aber trotzdem hunderttausendtonnenweise kaufen und auf unsere Kleinwagen-großen Edelstahlgrills schmeißen.

    Man muss kein promovierter Ernährungswissenschaftler sein, um zu begreifen, dass die tägliche Zufuhr von grillkohle-geschwärztem Billigfleisch in etwa so bekömmlich ist, wie sich jeden Abend einen gepflegten 2.5-Promille-Rausch anzutrinken. Vom Gedanken daran, dass Jahr für Jahr zig Millionen arme Kreaturen betäubt und gekeult werden, damit wir ungestört unseren Barbecue-Angewohnheiten frönen können, mal ganz abgesehen.

    Grüne wollen Fleisch teurer machen

    Hin und wieder macht mal ein Politiker auf den Billigfleisch-Wahnsinn aufmerksam. So zuletzt Grünenchef Robert Habeck, der in einem Interview forderte:

    Im Lebensmitteleinzelhandel darf ein Mindestpreis für tierische Produkte nicht mehr unterschritten werden.

    Was Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung am darauffolgenden Morgen zu dieser Schlagzeile animierte:

    GRÜNE WOLLEN FLEISCH TEURER MACHEN!

    Losgelöst vom Aspekt, dass Playboy, Penthouse und der Hustler in Punkto Berichterstattung seriöser recherchieren als die BILD, wollen wir uns kurz mit der Kernbotschaft der Headline beschäftigen. Die da lautet: Fleisch MUSS billig bleiben!

    Und nun frage ich mich: Weshalb muss ausgerechnet Fleisch billig sein? Warum nicht Kino- und Museumsbesuche, die Monatskarte für den ÖPNV, das neue Sakko von Hugo Boss, die Nacht im Vorstadtpuff, belgische Pralinen? Weil’s ein Grundrecht auf stets verfügbares, preisreduziertes Schnitzel gibt, sagen Sie? Nein, gibt es nicht, antworte ich. Genauso wenig wie ein Grundrecht auf All-inclusive-Urlaub am Ballermann oder in Ischgl existiert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns Fleisch und Pauschalreisen zu Spottpreisen angeboten werden. Aber eine schlechte Gewohnheit bedingt noch kein Menschenrecht.

    Sollen sich in Zukunft nur noch die Reichen ne Grillwurst leisten können, schieben Sie jetzt hinterher? Was ist mit den Hartz4ern: Werden die ab sofort von der Fleischtheke ausgeschlossen? Gebt den ALG2-Beziehern mehr Geld, damit die sich gesundes Essen leisten können, erwidere ich. Mehr Geld für die Hartz4er lachen Sie, träumen Sie weiter, Herr Kolumnist. Wer soll das denn finanzieren? Als ob wir hart arbeitenden Steuerzahler nicht schon genug von Vater Staat zur Kasse gebeten werden. Nun also auch noch teureres Fleisch und eine Anhebung der Hartz-Regelsätze. Und was droht als nächstes: die Ökodiktatur?

    An dieser Stelle breche ich ab, weil wir heute argumentativ eh nicht mehr zusammenkommen, und ich gleich zu einem Vatertag-Nachbarschaft-Grillevent eingeladen bin. Um meinen guten Willen zu beweisen, habe ich mir dafür mal Maiskolben statt Schaschlikspieße puszta art besorgt.

    Menge runter und Preis rauf

    Wer möchte, dass Fleisch nicht zehntausend Kilometer weit rangekarrt und der Amazonas nicht komplett abgeholzt, dass die Verhältnisse in unseren Schlachtbetrieben von moderner Sklaverei zu normalen Arbeitsbedingungen verbessert und der explodierende Antibiotika-Verbrauch gesenkt werden, kommt um eine Reduktion der Menge bei gleichzeitiger Erhöhung der Preise nicht herum.

    Fazit 1: Ein überaus vernünftiger Vorstoß der Grünen.
    Fazit 2: Niemand muss täglich (Billig-) Fleisch essen.
    Fazit 3: Die BILD bewegt sich jenseits des Sportteils (der ist mitunter ganz informativ) mittlerweile auf dem Niveau der Sankt-Pauli-Nachrichten.

  • Anti-grüne Beißreflexe

    Anti-grüne Beißreflexe

    »Die Grünen sind eine verfassungsfeindliche Partei«, sagt der Mann links neben mir beim Samstagabendgrill im Garten von gemeinsamen Freunden.
    »Warum das?«, frage ich, während ich darauf achte, dass mir das Curryketchup nicht aufs Hemd läuft. Denn ne Bratwurst mit Kartoffelsalat im Stehen zu essen, sich dabei über Politik zu unterhalten und nicht zu bekleckern, ist eine Kunst für sich.
    »Weil die bei der aktuellen Negativverzinsung auch noch eine Vermögenssteuer fordern. Das geht glasklar gegen Artikel 14 Grundgesetz, der unser aller Eigentum schützen soll.«
    »Aha«, antworte ich. Habe ehrlich gesagt nur Bahnhof verstanden, weil ich mich zu sehr auf die Currywurst konzentriere und Negativzinsen mich eh nicht sonderlich interessieren.
    »Und diese ganze Demonstrierei der Jugend jeden Freitag. Von den Grünen im Hintergrund gelenkt. Die sollen lieber in der Schule aufpassen und was lernen. Wenn sie dann mal ein paar Jahre lang ihr eigenes Geld verdient haben, reden wir erneut darüber, ob die noch all die Klimaflausen im Kopf haben«, meint der Mann zu meiner Rechten.
    »Ich find’s okay, dass sie demonstrieren«, sage ich, bringe den leeren Teller in die Küche, kontrolliere mein Hemd, ob ich mich trotz aller Vorsicht eventuell doch eingesaut habe, mache mir nen Kaffee und geselle mich im Anschluss zu einer anderen Kleingruppe, die sich gerade über den Kodeinkonsum deutscher Rapper und was der für Bilder im Kopf produziert austauscht, was ich echt spannender finde als Negativzinsen.

    „Grüne sind alle Terroristen“

    Das, was meine beiden Kurzzeit-Zufallsbekannten mir bei Bratwurst und Kartoffelsalat erzählten, war allerdings Kinderkacke im Vergleich zu den täglichen, auf die Ökos zielenden Schimpftiraden in den sozialen Medien. Als ich mich vor einigen Tagen in einem Thread, in dem der mir bis dato völlig unbekannte SPD-MdB Helge Lindh abgefeiert wurde, als Wechsel- und in der logischen Konsequenz Hin-und-wieder-Grünen-Wähler outete, wurde mir fünf Minuten später diese Replik vor den Latz geknallt:

    Hm… da stellt sich mir eine Frage hinsichtlich Ihrem Sitz auf hohem moralischen Roß. Weshalb stellen Sie hier eine solch bemerkswerte geistige Schlichtheit öffentlich zur Schau? Etwa deshalb, weil schlichte gestige Struktur und infantile Selbstdarstellung zum Wesen grüner Weltanschauung gehört?

    BÄMM!

    Mein Versuch, die Situation zu entschärfen, indem ich mich sowohl zu meiner (bemerkenswerten) geistigen Schlichtheit als auch zu meinem infantilen Selbstdarstellungstrieb bekannte – trotzdem würde ich halt ab und an mein Kreuz bei den Grünen setzen – fruchtete nicht. Ich bzw. die Grünen bekamen von den jetzt im Rudel jagenden Diskussionsteilnehmern Nettigkeiten wie Ökofaschisten, Ökostalinisten, Ökoterroristen, Ökoglaubenskrieger, Ökosalafisten, Ökototalitaristen und so weiter und so öko zu hören. Nun sind ja sowohl Faschisten als auch Stalinisten nicht dafür bekannt, dass sie Macht, wenn sie die einmal in den Händen halten, freiwillig wieder hergeben, während mir noch nicht zu Ohren gekommen ist, dass die Grünen, sobald sie ne Wahl verlieren, bewaffneten Widerstand leisten oder sich weigern, von der Regierungs- auf die harte Oppositionsbank zu wechseln. Dass in grün regierten Ländern anderslautende Meinungen unterdrückt werden, wäre mir ebenfalls neu. Man muss wirklich nicht alles gut finden, was die Grünen fordern oder tun oder sie gar wählen – trotzdem fällt auf, mit welcher Häme, die sich bei einigen Kommentatoren bis hin zu Hass steigern kann, speziell diese Partei von ihren politischen Gegnern verfolgt wird. Circa ein Fünftel der Facebook-User verfällt in Schnappatmung, sobald die Begriffe Habeck, CO2 oder gar Hofreiter, Roth und Veggieday auf dem Monitor erscheinen. Schnappatmung bei gleichzeitigem Verlust der Impulskontrolle, die, sich ständig wiederholende, Beißreflexe auslösen. Eigentlich stinklangweilig, aber doch störend, weil mit dieser Piranha-Taktik die Debatte über die Klimafrage oft ins Polemische abdriftet, anstatt sie seriös zu führen. Wissenschaftliche Studien, die belegen, dass es beim Klima mittlerweile eher drei als fünf vor Zwölf ist, werden von der digitalen Piranha-Fraktion abwechselnd als Fake News oder von den Grünen verdeckt finanzierte Auftragsarbeiten abgetan.

    Anti-grüne Polemik auch bei den Bürgerlichen

    Die Hetze geht allerdings nicht nur von den üblichen Verdächtigen aus den Reihen der AfD aus, sondern es beteiligen sich ebenfalls ne Menge, sich nach außen hin gemäßigt gebende Politiker am Öko-Bashing. Da ist zum einen die FDP, die die Grünen als für die Ewigkeit fixierten Antipoden genauso zwanghaft benötigt wie Batman den Joker oder Dagobert Duck die Panzerknacker. Kein Parteitag, keine Pressemitteilung, die ohne das Lamento „sie wollen uns den Diesel und das Schnitzel wegnehmen“ auskommen. Die 24/7 Verbote ausbrütenden Ökos als teuflische Widersacher des freiheitsliebenden Helden Lindner, der die grünen Monster täglich aufs Neue bekämpfen muss, um sie an der Weltherrschaft zu hindern. Zum anderen die CDU, die, weil sie die Ökos für eine etwaige zukünftige Koalition in Berlin benötigt, etwas gedämpfter polemisiert, sich allerdings apokalyptische Warnungen à la „Wer mit den Grünen ins Bett geht, wacht mit der Linken auf“ auch nicht ganz verkneifen kann. Und schlussendlich die SPD, die sich nicht zu schade ist, mit folgendem Vergleich aufzuwarten:

    Die Grünen versuchen im Moment, alles Elend dieser Welt zu reduzieren auf die Frage des Klimawandels. Das ist genauso falsch wie die Politik der AfD, die die Migrationsfrage zum Übel der Welt erklärt hat. Beides verkürzt Politik in grotesker Weise.
    © Thorsten Schäfer-Gümbel, z.Zt. kommissarischer SPD-Vorsitzender

    Es gilt nach wie vor der Satz: Mitleid gibt’s gratis, Neid muss man sich verdienen.

    Ideologen gibt’s in jeder Partei

    Nicht totzukriegen die Fama, bei der grünen Programmatik handele es sich um pure Ideologie. Das ist in etwa so richtig wie die Behauptung, alle Liebhaber von Dirty-Harry-Filmen neigen im realen Leben zu Gewalt. Es gibt solche und solche. Also sowohl pazifistische Callahan-Fans als auch pragmatische Grüne. Zumal den drei klassischen bürgerlichen Parteien Ideologie ja selbst nicht ganz fremd ist. Sprechen Sie mal einen aus der FDP auf das Dogma Unsichtbare Hand des Marktes an oder jemanden aus der Union auf den Bereich Innere Sicherheit. Diskutieren Sie mit einem Linken über die Sinnhaftigkeit flächendeckender Enteignungen. Je nachdem, wen Sie da gerade vor sich haben, wird das, womit er Sie als überzeugter Anhänger seiner Heilslehre zutextet, nichts anderes als Ideologie sein. Verengter Tunnelblick aufgrund zu langer Parteizugehörigkeit oder frühzeitiger Verblendung. Ideologen gibt’s in allen Organisationen. Bloß, dass Union, SPD und FDP ihre jeweilige Doktrin als Sachpolitik verkaufen, während es sogar den grünen Oberrealos schwerfällt, das Odium der Weltferne gänzlich aus den Juteklamotten zu schütteln. Alternativloser Pragmatismus als Marketingtrick der bürgerlichen Troika. Dass die Grünen mehr verbieten wollen als die anderen, stammt aus derselben Gerüchtekiste. Als ob nicht auch Union und SPD täglich neue Verbote aushecken. Die Groko erinnert mitunter an ein Verbotsküchenversuchslabor.

    Um so langsam ans Ende der Kolumne zu gelangen, sei hier die grundlegende Frage gestellt: Können wir es uns leisten, die Klimafrage weiterhin auf die leichte Schulter zu nehmen oder die Sorge vor der irreversiblen Zerstörung der Umwelt als Ideologie zu geißeln? Ohne Klima kein Wirtschaften, keine Arbeitsplätze, kein Konsum, kein Fußball und keine Heidi Klum mehr im TV. Man muss bei der Beschäftigung mit dem Problem nicht in Hysterie verfallen und an die Offenbarung des Johannes erinnernde Weltuntergangsszenarien an die Wand malen, aber etwas mehr Respekt vor dem politischen Mitbewerber, der das Thema als Erster besetzt hat, tut dringend Not. Wer das grüne Auge dauerhaft geschlossen hält, wird auch auf dem schwarz-rot-gelben irgendwann erblinden.