Schlagwort: Trump

  • Framing und Dialektik

    Framing und Dialektik

    Framing ist in den letzten Jahren zu einem Begriff geworden, an dem sich die Gemüter erhitzen. Gemeint ist mit diesem Begriff eine Methode, Aussagen durch geschickte Auswahl von Begriffen und Formulierungen in einen Kontext zu rücken, der eine gewünschte emotionale und moralische Bewertung des Sachverhalts provoziert. Politiker verwenden bestimmte Wörter in ihren Aussagen, die das, was sie sagen, in einen bestimmten Kontext schieben, die eine gewisse Einfärbung zur vermeintlichen Aussage hinzufügen. Die verwendeten Wörter geben der Aussage einen Rahmen, der die Deutung des gesagten in eine bestimmte gewünschte Richtung lenkt.

    Vor ein paar Jahren hat ein Dokument für großes Aufsehen und auch für empörte Kritik gesorgt, in dem die Sprachforscherin Elisabeth Wehling der ARD Empfehlungen für den Einsatz von Framing formuliert. Es geht vor allem um die Eigendarstellung der Sendeanstalt im Vergleich und in Abgrenzung zu anderen Medien.

    Die Empörung war deshalb so groß, weil „Framing“ bisher immer als Vorwurf der Manipulation durch geschickte Einbindung einer sachlich korrekten Information in einen moralischen oder ideologischen Kontext verurteilt wurde. Dass nun die ARD-Mitarbeiter Framing sozusagen für einen guten Zweck verwenden sollen, stößt bei denen, die Framing vor allem als Methode politisch extremer Akteure bekämpft haben, auf erbitterte Ablehnung.

    Aber gibt es Framing überhaupt?

    Wer eine Aussage unter die Leute bringen will, muss dazu Wörter verwenden, die die Leute schon kennen. Die gleiche Aussage lässt sich mit verschiedenen Wörtern formulieren, deren Bedeutung mehr oder weniger voneinander abweicht. Insbesondere kann ich die gleiche Sache mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnen. Wenn ich etwa sagen will, dass die Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten zumeist irrational sind, kann ich sagen „Trumps Entscheidungen sind schwer nachvollziehbar“, ich kann aber auch sagen „Ich verstehe überhaupt nicht, wie Trump denkt“ – schließlich kann ich auch schlicht sagen „Trump ist ein Idiot“. Statt „Idiot“ kann ich auch „Trottel“, „Dummkopf“, FIFA-Pisspreisträger und Horrorclown oder „Geisteskranker“ sagen. Statt „Trump“ kann ich auch sagen „Der amerikanische Präsident“ oder „der alte Mann im Weißen Haus“ oder „der Typ mit der XY-Frisur“. Meine Aussage wird jedesmal in einen anderen Rahmen des  Sprechens eingebaut, mal ist sie moralisch wertend, mal klingt sie medizinisch, in einer anderen Form sachlich analytisch, dann wieder politisch-verurteilend. Framing bedeutet, sich zu überlegen, welchen begrifflich-sprachlichen Rahmen man verwenden will, um der Aussage den gewünschten Effekt zu geben.

    Die Idee des Framings setzt allerdings eine undialektische Weltsicht voraus. Sie funktioniert nur, wenn man annimmt, dass die Begriffe feste und klare Bedeutungen unabhängig von der Aussage haben, die ich gerade mache. Die Bedeutungen sind schon vor dem Aussprechen der Aussage da und sie sind anschließend immer noch die gleichen. Ein begrifflicher Rahmen rahmt in diesem Vorstellung ein Aussage-Bild und verändert damit das Ausgesagte. Er wird von diesem Bild selbst aber nicht verändert.

    Dieses Modell des Sprechens ist völlig untauglich für die Beschreibung oder gar die Gestaltung einer öffentlich geäußerten Aussage. Natürlich bindet sich jede Aussage durch die verwendeten Begriffe und Formulierungen in den Diskurs der Gesellschaft ein, und sie erhält ihre Bedeutung auch durch das, was an Bedeutungen schon vorher im Diskurs da war. Gleichzeitig verändert jede Aussage aber auch diesen Diskurs und die Bedeutungen der verwendeten Begriffe. Die Gleichzeitigkeit ist wichtig, denn die tatsächlichen Bedeutungen der Begriffe entstehen auch erst durch die Aussage. Wenn ich sage „Trump ist ein Idiot“, definiere ich dadurch mit, was ein „Idiot“ ist – ich knüpfe zwar an das Vorverständnis dieses Begriffs an, aber zugleich sage ich auch, was ich mit „Idiot“ meine, wenn ich zugleich auf Trump zeige. Die Bedeutung des verwendeten Wortes ist von seiner Verwendung nicht unabhängig, auch wenn zugleich die Möglichkeit, dass mein Satz verstanden wird, von der Vor-Bedeutung des Wortes abhängt. Mit jeder Verwendung eines Wortes entsteht seine Bedeutung neu.

    Framing entsteht erst, wenn jemand „Framing!“ ruft

    Es ist aber noch dramatischer: Dass die Verwendung des Wortes „Idiot“ in diesem Fall womöglich als Framing verstanden werden kann, fällt erst dann auf, wenn jemand „Framing!“ ruft. Die Rahmung entsteht erst, wenn jemand an dem Satz „Rahmen“ und „Bild“ voneinander unterscheidet. Man stelle sich einen Menschen Bob vor, der Bilder betrachtet, ohne eine Vorstellung davon zu haben, dass sie aus einem „Rahmen“ und einem „eigentlichen Bild“ bestehen. Für Bob gibt es nur Bilder, die ihm gefallen oder missfallen. Wenn nun Alice kommt und den Rahmen vom Bild trennt und sagt, das eine sein ja nur der Rahmen, der dem Bild eine gewisse Wirkung verleiht, das das Bild ohne den Rahmen nicht hätte, dann wird Bob vermutlich zunächst Alice verständnislos ansehen. Natürlich, so wird Bob sagen, ist es ein anderes Bild, wenn man es in seine Teile zerlegt. Erst durch Alices Zergliederung ist der Rahmen überhaupt entstanden.

    Jedes Äußern von Aussagen ist ein dialektisches Spiel, in dem Bedeutungen entstehen und sich verschieben, Bedeutungen, die merkwürdigerweise aber schon „da sein müssen“, damit sie sich überhaupt verändern können. Dieses Dasein der Bedeutungen entsteht aber erst dadurch, dass sie festgestellt werden, aber dieses Feststellen funktioniert nur für einen kurzen flüchtigen Moment, denn jede neue Verwendung löst den Begriff wieder aus seinem Bedeutungsrahmen. Alle Bedeutungen sind zugleich Bild und Rahmen füreinander, und jedes reden ist ein Umgestalten von Bildern zu Rahmen und von Rahmen zu Bildern. Ein gutes Gespräch sollte nicht krampfhaft die einen Begriffe als Rahmen und die anderen als Bilder festzuhalten versuchen, sondern das Spiel der Bedeutungen, die sich dynamisch aneinander binden und verändern, sichtbar machen.

  • Militärputsch in den USA?

    Militärputsch in den USA?

    Wenn man die Meldungen über die Stimmung in den Führungsstäben der U.S. Army, der Air Force und der Navy konsequent weiterdenkt stellt sich die Frage, wie weit die USA von einem Militärputsch entfernt sind. Offenbar ist die Unzufriedenheit unter den Generälen groß.  Spätestens, seitdem ihr „Kriegsminister“ sie zusammengerufen hat um ihnen eine markige Rede über Gewichtsprobleme, Frisuren und mangelnde körperliche Fitness zu halten, fragen sich viele von ihnen, ob die neue Administration all das zerstören könnte, was das Selbstverständnis der stärksten Streitmacht der Welt ausmacht. Auch das, was er gegen Diversität und Frauen in der Army kundgetan hat, dürfte bei der Armeeführung auf wenig Verständnis oder gar Unterstützung gestoßen sein.

    Ist ein Militärputsch in den USA denkbar?

    Ein Militärputsch in den USA ist schwer vorstellbar. Schließlich handelt es sich um eine alte Demokratie. Militärputsche kennt man eigentlich nur aus Diktaturen oder als konterrevolutionäre Aktion gegen junge, noch instabile Demokratien. Autoritäre Machthaber schützen sich vor Verschwörungen ihres Militärs und des Regierungsapparats, indem sie ein Klima des Misstrauens schaffen. Ein Putin, Kim oder Xi hat Jahrzehnte Zeit, um dafür zu sorgen, dass im Regierungsapparat keiner dem anderen traut, sodass eine vertrauensvolle Vorbereitung eines Umsturzes nicht möglich ist.

    Die aktuelle Administration hat zwar versucht, binnen weniger Tage gewachsene Strukturen in Behörden und Institutionen zu zerschlagen und in den zerrütteten Verwaltungsapparat die wenigen Getreuen zu setzen, denen Trump, Vance und Hegseth trauen. Dort dürfte inzwischen Angst und gegenseitiges Misstrauen herrschen – genau das Klima, das ein Diktator braucht, um einigermaßen sicher vor einem Umsturz sein zu können.

    Im Gegensatz zu Diktatoren, die viel Zeit haben, die passende Mischung aus Angst und Gehorsam zu erzeugen, konnten Trump und seine Leute nicht über viele Jahre einen gefügigen Staatsapparat und eine folgsame Armeeführung aufbauen. Deshalb hat Trump auch Musk und seine DOGE-Truppe losgeschickt, um die gewachsenen Beamtenstrukturen zu zerstören, in der sich Widerstand organisieren könnte. In den zivilen Bereichen der Ministerien und Behörden könnte ihm das gelungen sein.

    Anders beim Militär. Man darf nicht vergessen, dass Generäle und Stabsoffiziere, die über Jahre und Jahrzehnte auf ganz verschiedenen Dienstposten, zumal überall auf der Welt und in existenziellen Herausforderungen, gedient haben, Netzwerke und Vertrauensbeziehungen aufgebaut haben, die stabil und auch in Krisensituationen sicher sind. Zum einen kann man eine Armee ohnehin nicht so einfach zerstören wie eine zivile Behörde. Zum anderen bleiben solche Netzwerke auch bestehen, wenn – wie ja geschehen – tatsächlich Führungspersonal ohne Angabe von Gründen entlassen wird. Der Korpsgeist des Militärs sorgt für stabile Vertrauensbeziehungen.

    Wie ein Putsch möglich wird, auch in Amerika

    Da ist es relativ einfach möglich, ein Gespräch zu führen, das etwa so beginnt: „So kann es nicht weitergehen. Die zerstören am Ende unsere militärische Stärke und alles, wofür dieses Land in der Welt steht.“ – „Aber was soll geschehen?“ – „Jedenfalls können wir nicht zulassen, dass die Army kaputtgeht.“ – „Außerdem können wir uns nicht zum Handlanger solcher Leute machen lassen.“ – „Und wenn er mit Putin gemeinsame Sache machen will, kann das am Ende zum Untergang der USA als Führungsnation führen.“

    Auf diese Weise werden Optionen geprüft und mögliche Handlungsspielräume erkundet, die auch einen Militärputsch in den USA nicht unmöglich erscheinen lassen.

    Zu berücksichtigen ist, dass Trump und seine Leute wahrscheinlich keine wirkliche Machtbasis in der Bevölkerung haben. Wer würde sich der Army entgegenstellen, wenn diese zum Staatsstreich schreitet? Die Nationalgarde? Und würde „das Volk“ auf die Straße gehen, um Trump zu unterstützen, wenn die Army sich in einem Putsch gegen ihn stellt? Wohl kaum.

    Viele werden einen Militärputsch in den USA für unmöglich halten, einfach, weil es unvorstellbar ist. Aber vieles war noch vor kurzem unvorstellbar schien, ist Realität geworden. Von allem Unvorstellbaren, was geschehen ist und noch geschehen kann, ist ein Sturz der US-Regierung durch Army, Navy und Air Force vielleicht eine der sympathischeren.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Phil Friedrich über die Möglichkeit einer gerechten und akzeptablen Wehrpflicht.

  • Die Wahrheit über die Wahrheit

    Die Wahrheit über die Wahrheit

    Gibt es Wahrheit? Das hat mich ein Bekannter per Messenger gefragt. Und hier kommt meine Antwort:

    Ja, sicherlich gibt es Wahrheit!

    Ich halte einen Ansatz[1] für plausibel, bei dem man von einem Satz sagt, dass er wahr ist, wenn er mit den Tatsachen übereinstimmt. Die Wahrheit, das ist dann die Aussage des Satzes, und es ist die Wahrheit über einen tatsächlichen Vorfall, ein tatsächliches Ereignis in der Realität.

    Ein Beispiel: Der Satz „Ein Bekannter hat mich per Messenger gefragt, ob es Wahrheit gibt“ ist wahr, wenn mich tatsächlich ein Bekannter per Messenger gefragt hat, ob es Wahrheit gibt. Dann ist es die Wahrheit, dass mich der Bekannte das gefragt hat. Also gibt es die Wahrheit.[2]

    Über jedes tatsächliche Ereignis gibt es eine Wahrheit, wenn man irgendwie einen Satz formulieren kann, der dieses Ereignis beschreibt. Und dieses „Irgendwie“ sollte man, da gibt es erstmal kein Gegenargument, ziemlich weit auffassen: Es ist vorstellbar, dass man über dieses Ereignis irgendwann mal in irgendeiner Sprache, sei es eine natürlich Sprache wie Deutsch, sei es die Formelsprache der Physik, berichten können wird.

    Allerdings könnte es sein, dass es eben Ereignisse gibt, für die das nicht so gut vorstellbar ist. Der einfache Satz „Ich liebe dich.“ scheint zunächst eine einfache Tatsache zu beschreiben und für den Fall, dass ich dich tatsächlich liebe, die Wahrheit zu sagen. Aber so einfach ist es nicht, darauf komme ich gleich zurück.

    Aber kann ich wissen, was wahr ist?

    Erstmal ist ja die Frage, ob ich überhaupt die Wahrheit wissen kann. Was heißt denn Wissen? Die Alten Griechen waren der Ansicht, Wissen wäre die gerechtfertigte Überzeugung von etwas Wahrem. Ich bin überzeugt, dass der Bekannte mir obige Frage gestellt hat, und es ist auch wahr. Und ich kann das auch rechtfertigen, wer dran zweifelt, dem schicke ich einen Screenshot von meinem Chatverlauf. Oder ich öffne die passende App und zeigen ihm direkt den Chat. Also weiß ich über diese Sache die Wahrheit.

    Wenn ich eine gerechtfertigte Überzeugung habe von etwas, das wahr ist, dann weiß ich es. Man kann die Sache komplizierter machen, es gibt eine lange Diskussion zu dieser Frage, aber für unsere Zwecke soll das mal so gelten. Die spannende Frage ist nämlich: Kann ich wissen, dass ich die Wahrheit weiß? Und wenn nicht, weiß ich sie dann überhaupt?

    Ich bin überzeugt davon, dass der Bekannte mich gefragt hat, ob es Wahrheit gibt. Ich kann diese Überzeugung gut begründen. Wenn er mich tatsächlich gefragt hat, dann kann ich sagen, dass ich‘s weiß, wenn er mich aber in Wirklichkeit gar nicht gefragt hat, sondern irgendein böser Hacker sein Messenger-Konto gehackt hat, um mich mit philosophischen Fragen vom Leben abzuhalten, dann irre ich mich, dann habe ich nur gemeint, dass ich es weiß, aber ich habe mich getäuscht, genauer, ich wurde getäuscht.

    Ob das, was ich für die Wahrheit halte, wirklich die Wahrheit ist, kann ich also niemals so ganz sicher sagen, solange ich aber das nicht kann, weiß ich nicht, ob ich etwas weiß, oder ob ich mich täusche. Also weiß ich von dem, was ich zu wissen meine, nie ganz genau, ob ich es wirklich weiß.[3]

    Es kommt drauf an, worum es geht

    Auf diese Weise hinreichend verwirrt, können wir uns um die wirklich interessanten Fälle kümmern. Die in der physischen Welt einfach vorkommenden Tatsachen, dass hier vor mir sich eine Tastatur befindet, auf der ich diesen Text schreibe etwa, sind ja eigentlich langweilig. Wir haben ziemlich zuverlässige Sinne und Rechtfertigungsverfahren für die Feststellung der Wahrheit in diesen Dingen. Es ist ein sehr spezielles philosophisches Spiel, zu zeigen, dass man sich natürlich auch darin nicht sicher sein kann – vor allem, daraus Schlussfolgerungen abzuleiten, die eine Relevanz fürs Leben haben könnten.

    Wichtiger ist es, für Sätze wie „Ich liebe dich“, „Du siehst gut aus“, „Trump ist ein Idiot“ oder „Es gibt einen Klimawandel“ herauszufinden, ob es da so etwas wie Wahrheit gibt. Der Satz „Trump ist ein Idiot“ ist genau dann wahr, wenn Trump tatsächlich ein Idiot ist. Was aber bedeutet es „tatsächlich ein Idiot“ zu sein? Was bedeutet „Idiot“ und wann „ist“ man ein Idiot? Nur, wenn man das zuverlässig klären könnte, und wenn man sagen könnte, wie diese Worte „ist“ und „Idiot“ mit der Realität verbunden sind, könnte man überhaupt eine Aussage darüber machen, ob der Satz über Trump diese Realität richtig beschreibt.

    Die Wahrheit über Trump

    Man braucht also eine weitere Art von Sätzen, nämlich solche, die Begriffsbedeutungen bestimmen.  „Ein Idiot ist einer, der dauernd Tweets in die Welt schickt, bei deren Lektüre sich die meisten Menschen entsetzt vor den Kopf schlagen und ungläubig mit dem Kopf schütteln“. Das wäre jetzt natürlich eine Begriffsbestimmung, die sehr stark darauf zugeschnitten ist, den Satz „Trump ist ein Idiot“ auch wahr zu machen. Man kann die Tatsache, die als Kriterium dienen soll, recht einfach überprüfen, und damit könnte man dann die Überzeugung rechtfertigen, die man mit dem Satz über Trump ausgesprochen hat.

    Sätze, die Begriffsbestimmungen enthalten, sind selbst natürlich nie wahr oder falsch, und das macht das mit der Wahrheit der Sätze über die Wirklichkeit, die diese Begriffsbestimmungen verwenden, auch so schwer. Man muss die Begriffsbestimmung akzeptieren, um beurteilen zu können, ob der Satz eine Wahrheit ausspricht, oder nicht. Auch über Trump und seinen Geisteszustand gibt es sicherlich eine Wahrheit, aber ob diese Wahrheit in dem obigen Satz zutreffend ausgesprochen ist, hängt eben davon ab, ob die Begriffsbestimmung passt.

    Allerdings haben die Menschen in der Gemeinschaft eine ziemlich gute Fähigkeit entwickelt, Konsens über die Bedeutung von Begriffen zu erzielen, ohne Begriffsbestimmungen zu formulieren. So kann man einfach auf jemanden zeigen und sagen: Das ist ein Idiot. Und wenn die Leute das oft genug machen, werden sie bald merken, dass sie den Begriff „Idiot“ in dem Sinne richtig anwenden, dass wenn einer auf eine Person zeigt und sagt „Das ist ein Idiot“ die umstehenden sagen (oder auch nur denken) „Das stimmt“. In so einer Gemeinschaft wäre der Satz „Trump ist ein Idiot“ dadurch gerechtfertigt, dass alle ihm zustimmen. Es könnte auch sein, dass einer fragt: „Warum meinst du das?“ und der andere antwortet „Schau dir seine Tweets an!“ und der erste, nachdem er das getan hat, sagt „Stimmt, jetzt weiß ich es auch: Es ist wahr, Trump ist ein Idiot!“

    Jede Gemeinschaft hat ihre eigene Wahrheit

    Innerhalb dieser Gemeinschaft gibt es dann also auch Wahrheit hinsichtlich der Realität, sogar hinsichtlich ziemlich verwickelter Fälle.[4] Es ist sogar so, dass diese Gemeinschaft sich durch diese gemeinsamen Wahrheiten selbst konstituiert. Denn wenn in dieser Gemeinschaft einer nicht akzeptieren will, dass Trump ein Idiot ist, dann gehört er eben nicht dazu.

    Allerdings ist uns nun der bestimmte Artikel „die“ vor „Wahrheit“ abhanden gekommen. Denn hinsichtlich eines real vorkommenden Sachverhalts kann es nun mehrere Wahrheiten geben, es gibt nicht mehr „die Wahrheit“ – jede Gemeinschaft hat ihre eigenen Wahrheiten.

    Da ich annehme, dass meinen Bekannten gerade solche Fälle interessiert haben, muss ich also sagen:

    Nein,  diese Wahrheit gibt es nicht. Es gibt keine Wahrheit über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens, auf die sich alle Menschen am Ende einigen können müssten.

    Haben Sie auch eine Frage, zu der Sie ein philosophischer Antwortversuch interessiert? Dann schreiben Sie an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

    [1] Man bezeichnet diesen Ansatz als „Korrespondenztheorie der Wahrheit“. Er setzt voraus, dass es eine Realität gibt und dass wir diese Realität mit unseren Aussagen zutreffend beschreiben können. „Wahrheit“ hat dann mit dieser Realität zu tun, mit dem Verhältnis der Aussagen zur Realität. Man könnte auch die Wahrheit von Aussagen innerhalb reiner Aussagensysteme untersuchen, also etwa die Aussage des Satzes „Harry Potter hat eine Narbe am Fuß.“ Aber ich glaube, um solche Fragen ging es meinem Bekannten nicht.

    Haben Sie auch eine Frage, zu der Sie ein philosophischer Antwortversuch interessiert? Dann schreiben Sie an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

    [2] Hier könnte man einwenden, dass völlig unklar ist, was dieses „es gibt“ in Bezug auf „Wahrheit“ bedeuten soll. Eine Wahrheit ist kein Ding wie ein Auto oder ein Computer, die es physisch in Zeit und Raum gibt. „Gibt es“ Wahrheit als Eigenschaft eines Ereignisses in Raum und Zeit, so wie das Ereignis „laut“ oder „rot glänzend“ sein kann? Wahrscheinlich auch nicht. Das ist eine spannende philosophische Frage, die aber zu der meines Bekannten wahrscheinlich nicht viel beiträgt. Ich vermute, er meint „es gibt“ in Bezug auf Wahrheit einfach so: Kann man eine klare Aussage bezüglich eines Ereignisses treffen, von der man sicher sein kann, dass sie wahr ist?

    [3] Immer wieder lesenswert in dieser Frage ist „Über Gewissheit“ von Ludwig Wittgenstein. Er diskutiert auch die schöne Formel „Ich glaubte zu wissen“.

    [4] Man kann sagen, dass diese Gemeinschaft eine Konsenstheorie der Wahrheit annimmt. Genau genommen laufen alle meine Überlegungen hier darauf hinaus, dass man für die Wahrheit eine Art Komplemetär-Prinzip ähnlich der Quantentheorie bräuchte. Für bestimmte paradigmatische Situationen würde sich die Korrespondenztheorie als angemessen herausstellen, für andere die Konsenstheorie (oder eine Kohärenztheorie). Beide zusammen ergäben ein gutes Verständnis von Wahrheit. Aber das muss ein andermal ausgeführt werden.

  • „Ich kündige“ – Wenn Deals über Nacht keine mehr sind

    „Ich kündige“ – Wenn Deals über Nacht keine mehr sind

    Die USA steigen aus dem Atomabkommen aus und brüskieren mit dieser einsamen Entscheidung ihre europäischen Alliierten. Die Überredungskünste sowohl Macrons als auch Merkels, die beide Ende April in Washington zu Besuch waren, fruchteten nicht. Präsident Trump blieb bei seiner harten Linie, erklärte den Iran zum bösesten aller bösen Schurkenstaaten weltweit, bezeichnete die Vereinbarung als den schlechtesten Deal, den er je gesehen hätte und kündigte an, die Sanktionen demnächst wieder in Kraft zu setzen. Und da dieses Maßnahmenpaket anscheinend noch nicht ausreicht, drohen die Vereinigten Staaten allen Handelspartnern Teherans ebenfalls mit Liebesentzug, wenn sie den Weg der Amerikaner nicht augenblicklich mitgehen. Als treuer Zeitungsleser und ARD-Tagesschau-Gucker reibt man sich verwundert die Augen und fragt: »Gibt es neue Erkenntnisse? Irgendwas Bedrohliches, das 2015, als die Tinte unter das Dokument gesetzt wurde, noch nicht bekannt war?«

    »Nein«, antworten Sie mir. »Was grundlegend Neues ist seitdem nicht passiert.«
    »Wozu dann der ganze Aufstand?«, hake ich nach.
    »Weil das Abkommen schon zum Zeitpunkt des Abschlusses das Papier nicht wert war, auf dem es gedruckt wurde. Behaupten die Amerikaner.«

    Expertenmeinung unerwünscht

    Ist das wirklich so? Haben nicht die Experten der IAEA. jedes Jahr bestätigt, dass alles sauber abläuft? So erneut in der vergangenen Woche?
    »Also kann man weder Teheran noch der Kontrollbehörde trauen?«, frage ich.
    »So was tun bloß friedensbewegte Ostermarschierer. Und denken Sie auch mal an die ganzen Menschenrechtsverletzungen, die im Iran täglich begangen werden. Gruselig. Alleine dafür muss das Land zur Rechenschaft gezogen werden.«

    Fakt ist: Um die Inhalte des Abkommens wurde 13 Jahre lang gerungen. Die Obama-Administration sah die Ratifizierung als Erfolg an.  Dass der Iran sich nach dem Sturz des Schah – unter dessen Ägide es jedoch alles andere als demokratisch-menschenfreundlich zuging – in eine islamistische Diktatur mit zum Teil bizarrer Rhetorik verwandelt hat, weiß man seit vierzig Jahren. Trotzdem hat das Regime bisher noch nie ein Nachbarland angegriffen. Es unterstützt die Israelfeinde Hisbollah und Hamas, während sein großer Kontrahent Saudi-Arabien sich vor allem auf verdeckte Transfers an den IS spezialisiert hatte und zudem einen schmutzigen Krieg im Jemen führt. Nun soll das schlechte Beispiel des einen auf keinen Fall die üblen Aktivitäten des anderen entschuldigen. Trotzdem springt die ungleiche Bewertung der beiden Terrorfinanzierer ins Auge. Ich habe niemals verstanden, weshalb Riad immer als Good guy, den wir mit modernster Waffentechnologie ausstaffieren, angesehen wird, während man Teheran ständig in die Rolle des Aussätzigen drängt.

    Droht Israel die akute Auslöschung aufgrund Irans Atomprogramm, falls nicht sofort der Schalter umgelegt wird? Trump und Netanjahu sagen: »Ja«, die Europäer: »Nein«. Natürlich stellen die Raketenbeschüsse, die täglich auf Galiläa hageln, eine andauernde Bedrohung für das Land dar. Aber würde es militärisch nicht ausreichen, gezielt gegen die Abschussrampen im syrischen und libanesischen Grenzgebiet einzuschreiten? Muss jetzt die große Keule der Direktkonfrontation mit Teheran ausgepackt werden? Auf die Gefahr hin, dass es dann nicht nur gegen den Iran alleine geht, sondern sich Russland und China contra USA und Israel positionieren? Dass wir nicht einen auf ein Land begrenzten Konflikt haben werden, sondern die gesamte Region in Flammen steht? Und der Triumphator, egal welcher der beiden Blöcke den Sieg davonträgt, am Ende durch Ruinen und über Berge von Leichen marschiert?

    Menschenrechte als fadenscheiniges Alibi

    Die Nicht-Einhaltung der Menschenrechte stellt keinesfalls den primären Auslöser für die Aufkündigung des Abkommens dar. Stünde tatsächlich diese Vision im Vordergrund des Handelns, dürfte sich Trump nicht in ein paar Wochen mit dem Oberschurken Kim Jong-un auf einen freundlichen Plausch in Singapur treffen. Vom Hofieren des Königshauses Saud mal ganz zu schweigen. Dass der Iran heute oder in absehbarer Zukunft über Massenvernichtungswaffen verfügt, ist eine wacklige, bisher nicht auf konkrete Beweise gestützte, Behauptung. Wer will es den Europäern nach den Erfahrungen mit den frei erfundenen Giftküchen im Irak verdenken, wenn sie da lieber auf die Expertise der IAEA vertrauen?

    Das Signal, das die Trump-Administration in die Welt sendet, ist fatal: Internationale Vereinbarungen sind nichts mehr wert. Völlig egal, ob ihr die niedergeschriebenen Bedingungen erfüllt oder nicht – wir als Supermacht Nummer 1 behalten uns das Recht vor, das Papier jederzeit, sobald es uns in den Kram passt, wieder zu zerreißen bzw, nachträglich Verschärfungen zu Lasten  des Vertragspartners zu fordern. Und das, obwohl die NATO-Verbündeten unisono von diesem Schritt abrieten. Wer so handelt, darf sich nicht wundern, wenn er die Führungsrolle verspielt.

    Europa wird sich nicht heraushalten können

    Für Europa würde ein neuer Flächenbrand in Nahost dramatische Konsequenzen haben: Die Entscheidung, ob und inwieweit man sich in die Auseinandersetzung hineinziehen lässt, ein erneutes Anschwellen der Flüchtlingsströme, enorme Unterstützungsleistungen beim Wiederaufbau der zerstörten Gebiete. Hauptnutznießer eines geschwächten Irans wäre Saudi-Arabien, das dann sofort mit großem Elan daranginge, seinen Einfluss in der Region auszubauen. Und ob die Wahhabiten Israel langfristig freundlicher gesonnen sind als die schiitischen Mullahs, wage ich zu bezweifeln.

    Die Konstellation im Nahen Osten ist so vertrackt, und die dort lebenden Menschen sind derart dauererregt, dass ein Zündeln an der Kriegslunte – und nichts anderes stellt die einseitige Kündigung des Abkommens durch die USA dar – mit 50%iger Wahrscheinlichkeit zu weitreichenden Komplikationen führen wird. Sollte der Iran nun ebenfalls aussteigen, im Gegenzug sein militärisches Atomprogramm wieder aufnehmen, wüsste ich nicht, was außer Bombardements seiner Anlagen – die dann den Casus belli bedeuten – helfen sollte, Teheran von seinem Ziel, Nuklearmacht werden zu wollen, noch abbringen kann. Denn Wirtschaftssanktionen alleine werden den Iran nicht in die Knie zwingen.

    Bleibt nur zu hoffen, dass  Rohani und Chamene’i besonnener reagieren, als Trump agiert hat.

    Die Zeit, als sich Washington mit seinen westlichen Partnern beriet und auf deren Einwände hörte, ist definitiv vorbei. Vielleicht die Chance für eine demnächst enger abgestimmte europäische Außen- und Sicherheitspolitik.

  • Das Pariser Abkommen und das alte Amerika

    Das Pariser Abkommen und das alte Amerika

    Kollege Thilo Spahl hat vor ein paar Tagen Verständnis für Donald Trump gezeigt. Der Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen ist ihm höchstens ein Schulterzucken wert, denn das Abkommen, so meint Thilo Spahl, bringt für den Klimaschutz ohnehin nicht viel.

    Nichts ist gut, weil Trump es schlecht findet

    Es ist sicherlich richtig: Nichts ist deshalb schon gut, weil der gegenwärtige amerikanische Präsident es schlecht findet, und nichts sollte schon deshalb abgelehnt werden, weil Trump es gelobt hat. Wir sollten, auch wenn’s schwer fällt, auch im Falle des neuen Chefs im Weißen Haus Argumente abwägen und nicht naheliegenden Antipathien nachgeben.

    Man kann die Argumente, die Trump vorbringt, und die Thilo Spahl, sagen wir mal, affirmativ aufgreift, einem Faktencheck unterziehen. Das haben schon andere getan. Dann sieht man z.B., dass die Studie, die den Effekt mit 0,2 Grad angibt, den das Pariser Abkommen auf die globale Erwärmung habe,  auf einer nicht ganz so aktuellen Datenbasis arbeitet.

    Man kann aber auch mal so tun, als ob das, was Thilo Spahl an Fakten nennt, richtig wäre. Auch dann würde er in seinen Schlussfolgerungen völlig falsch liegen. Denn das Pariser Abkommen ist tatsächlich ein gewaltiger Schritt in Richtung einer wirklichen Eindämmung des Klimawandels – und so gewaltig ist auch die Wirkung, die ein Ausstieg der Amerikaner aus dem Vertrag haben könnte.

    Richtig ist: Im Pariser Abkommen ist vereinbart, dass jedes Land seine Ziele zum Klimaschutz selbst festlegt, und dass jedes Land auch selbst festlegt, wie es misst, ob es seine Ziele erreicht hat. Allerdings ist auch festgelegt, dass die Ziele mit der Zeit anspruchsvoller werden sollen.

    Und hier liegt der große Effekt des Abkommens: Es zeigt einen Wandel in der Richtung der Anstrengungen. Es geht nicht mehr darum, dass jedes Land versucht, anderen die Schuld und die Verantwortung zuzuweisen. Das Abkommen sagt: Jedes Land kann was tun, und wenn es am Anfang auch nur kleine Beiträge sind. Schon heute zeichnet sich ab, dass Länder mehr tun, als sie sich selbst vorgenommen haben.

    Wofür das Pariser Abkommen gut ist

    Paris geht von dem Ansatz aus, dass erste kleine messbare Erfolge dazu führen werden, dass sich die Länder mehr vornehmen, und dass sie auch mehr umsetzen. So wird es Schritt für Schritt zu einer Beschleunigung bei den Aktivitäten zur Eindämmung des Klimawandels kommen. Das gilt umso mehr, wenn die ersten Erfahrungen bei der Umsetzung von Maßnahmen zeigen, dass es auch wirtschaftlich sinnvoll ist, Emissionen zu senken und Alternative Technologien zu entwickeln. Neue Produkte, neue Märkte, neue Industrien entstehen. Zugesagte Unterstützungsleistungen stärkerer für schwächere Länder führen zu nutzvollen Kooperationen, die sich auch auf andere Felder erstrecken werden.

    Das ist der Sinn des Pariser Abkommens, und deshalb ist der Effekt des Ausscheidens der USA auch so gewaltig. Allerdings gar nicht so sehr beim Beitrag zum Klimaschutz. Vielmehr setzt Amerika mit dem Ausstieg ein klares Zeichen: Die USA sagen dem Rest der Welt: Wir sind nicht mehr die innovative Nation, die die Herausforderungen der Gegenwart als erste angeht, die entschlossen und kreativ vorangeht um den anderen zu zeigen, wie man Probleme anpackt und löst. Wir sind nicht mehr die mutigen Helden, die die Welt schützen. Das sind wir vielleicht noch in den großen Kinofilmen des 20. Jahrhunderts, die in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts merkwürdig antiquiert wirken.

    Andere werden diese Funktion übernehmen. China hat erkannt, wie man in Zukunft zur führenden Kraft, zur Lokomotive der Weltgeschichte wird. Frankreich ruft die innovativen und verantwortungsbewussten Amerikaner auf, nach Europa zurückzukehren. Großbritannien begibt sich vorsichtig auf den Rückweg nach Europa. Deutschland wird sich weiterhin vornehm und weise zurückhalten und aus der zweiten Reihe freundlich alle zu integrieren versuchen.

    Und die USA? Bald wird man sich da umschauen und sehen, dass man zum Nachzügler, wenn nicht zum Geisterfahrer geworden ist. Der Einfluss wird zurückgehen, nicht nur in Fragen des Klimawandels. Denn andere werden die Kooperation, die sie auf diesem Feld erproben, auf andere Gebiete ausdehnen. Was wir mit Trump und seinem Rückzug aus dem Pariser Abkommen erleben, ist der Anfang vom Ende einer Weltmacht. Weltgeschichte bleibt spannend.

  • Retten wir die Demokratie?

    Was ist Demokratie? Wenn wir das Wort mit „Volksherrschaft“ übersetzen, dann kann es schon per Definition in einer modernen Gesellschaft keine Demokratie geben. Zwar kann man bei einer Menschengruppe, die innerhalb nationalstaatlicher Grenzen lebt und durch eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame kulturelle Prägungen und Bindungen gekennzeichnet ist, von einem Volk reden. Es mag auch durchaus sinnvoll sein, sich als Angehöriger eines solchen Volks zu verstehen.

    Demokratie kann nicht Volksherrschaft sein

    Aber bei der Vielzahl von Interessen, sozialen Situationen, Wünschen und Lebensentwürfen, familiären Bindungen und gesellschaftlichen Überzeugungen kann dieses Volk nicht herrschen, wenn Herrschen denn bedeutet, die eigenen Ziele in der Gesellschaft durchzusetzen.

    Demokratie kann nicht mal „Mehrheitsherrschaft“ sein, denn es gibt auch keine Mehrheiten, die gleiche Ziele haben. Alle Angehörigen einer modernen Gesellschaft haben mal mit diesen, mal mit jenen anderen Gesellschaftsmitgliedern gleiche Überzeugungen und Interessen. Es gibt auch keine besonders grundlegenden – etwa ökonomischen – Interessen, die alles andere dominieren und auf deren Basis alle anderen Wünsche oder Einstellungen abgeleitet werden könnten. Selbst die ökonomischen Situationen der Menschen in einer modernen Gesellschaft sind zudem so vielfältig und wechselhaft, dass daraus keine klaren Mehrheiten entstehen könnten, die in der Demokratie herrschen könnten.

    Es geht um Begrenzung von Macht

    In der modernen Demokratie kann es also gar nicht um die Frage gehen, wer herrscht, sondern um die Frage, wie jede Herrschaft begrenzt werden kann und wie jeder Anspruch irgendwie in den Prozess der politischen Entscheidungsfindung einbezogen werden kann. Die Gesellschaft besteht aus einer riesigen Zahl von politischen Anspruchsgruppen und legitimen Interessensbekundungen. Nur die wenigsten davon können mit guten Gründen prinzipiell zurückgewiesen werden. Deshalb haben moderne Gesellschaften eine komplexe Struktur von Institutionen entwickelt, die politischen Entscheidungen miteinander aushandeln. Die politischen Parteien in den Parlamenten der verschiedenen Ebenen und die Regierungen, die sie bilden, sind davon nur ein kleiner, wenn auch wichtiger Teil. An ihrer Basis verwurzeln sich die Parteien vielfältig in der Bevölkerung. Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Nichtregierungsorganisationen gehören dazu. Journalisten und Umfrageinstitute bilden die „öffentliche Meinung“ – dies kann gern doppeldeutig verstanden werden.

    Im Ergebnis erscheint der politische Prozess oft zäh und schwerfällig, mit großem Aufwand, so meint man oft, wird nur wenig produziert. Aber das ganze Verfahren stabilisiert die Gesellschaft und sorgt dafür, dass am Ende wirklich so ziemlich alle Wünsche und Vorstellungen, die es im Volk (!) so gibt, irgendwie berücksichtigt werden.

    Politik-Bashing ist wohlfeil

    Aber stabil ist dieses Gebilde nur, wenn wir es akzeptieren. In den letzten Jahren haben sich viele in allgemeinem Politik-Bashing gefallen, auch die, die eigentlich Teil dieser Prozesse sind. Die parlamentarische Opposition wirft den gerade Regierenden gern Schwerfälligkeit und Tatenlosigkeit vor, ohne das konkret zu belegen. In den Koalitionen wirft man einander Blockadehaltung vor, die Legitimität der Forderungen des Gegenüber wird erst mal bestritten. Solche Vorwürfe und Angriffe sind wohlfeil und werden gern in den Medien aufgegriffen, die sich damit wiederum beim Volk beliebt machen wollen.

    Plötzlich glauben viele, dass es doch auch einfacher gehen müsste, dass doch nur ein starker, vom Volke getragener Mann kommen müsste, der die Strukturen zerschlägt und mit eisernem Willen und Durchsetzungsvermögen „endlich etwas tut“.

    Die demokratischen Institutionen sind anfällig geworden, sie sind durch den Dauerbeschuss der pauschalen Kritik einsturzgefährdet. Wie stabil sie einer alten Demokratie wie den USA noch sind, verfolgen wir gerade mit Bangen. Derweil sollten wir uns darauf konzentrieren, die eigenen Strukturen wieder zu stärken, indem wir uns ihres Sinns vergewissern.

  • Dumm sind immer nur die Anderen

    Dumm sind immer nur die Anderen

    Vor einer Woche ging es an dieser Stelle um die eigene Dummheit. Wann bin ich dumm? – das war die Frage. Heute geht es um die Dummheit der Anderen.

    Die Dummheit der Anderen

    Das Selbstbild der eigenen Dummheit bestimmt auch das Verstehen der Dummheit des Anderen. Dabei ergeben sich allerdings verschiedene Schwierigkeiten. Erstens wissen wir nicht, was der andere grundsätzlich weiß oder wissen könnte, wir wissen aber auch nicht, ob er tatsächlich das Ergebnis so einschätzt, dass er seine Handlungen am Ende bereut. Wir sind hier auf Vermutungen angewiesen. Allerdings kommt es häufig genug vor, dass wir unsere Urteile über die Dummheit der anderen gerade nicht auf Vermutungen zu stützen glauben, sondern meinen, gerechtfertigte, oft normative Überzeugungen zu haben. Wir sagen: „Das hätte er wissen müssen. Das hätte sie beurteilen können. Das hätte er vorhersehen müssen.“ Vor allem aber „Das hat sie nicht gewollt haben können“.

    Wenn etwa nicht ich selbst, sondern mein Kollege einen schweren Kopf hat, weil er gestern zu lange mit Freunden gefeiert hat, obwohl er doch wusste, dass er heute einen wichtigen Termin hat, dann sage ich, dass das dumm von ihm war. Ich versetze mich in seine Lage, vollziehe nach, was er getan hat, und urteile, dass es dumm gewesen wäre, wenn ich selbst so gehandelt hätte und nun unter den Folgen zu leiden hätte.

    Das zeigt, dass wir bei der Beurteilung der Dummheit der anderen oft von unserem eigenen Denken, von unserer Selbsteinschätzung ausgehen. Wir sehen das Handeln des anderen als dumm an, wenn wir selbst, hätten wir in seiner Lage so gehandelt, dieses Tun im Nachhinein als dumm bezeichnen und bereuen würden. Das ist jedoch problematisch, wenn wir bedenken, dass wir ja nicht wissen, was der andere wirklich gewusst hat, was er wirklich hätte überlegen können. Vor allem aber wissen wir nicht, was die Präferenzen und Wünsche des anderen sind, und wie er selbst mit den Folgen seines Handelns zurechtkommt. Vielleicht beurteilt mein Kollege die Sache ja ganz anders, als ich sie beurteilen würde, er sagt sich: Der schwere Kopf heute – das geht weg – die Erinnerung an den tollen Abend mit Freunden aber, die bleibt.

    Die Beurteilung der Dummheit scheint also immer ein subjektives Urteil zu sein, und wirklich beurteilen kann ich nur meine eigene Dummheit. Jedes Urteil über die Dummheit anderer benötigt so viel Vorwissen über den Anderen, seine Ziele, Wünsche, sein Selbstbild, dass es eigentlich dumm wäre, den anderen als dumm zu beurteilen.

    Dummheit, die mich betrifft

    Die Sache sieht aber anders aus, wenn ich vom Handeln des Anderen betroffen bin. Nehmen wir den Fall, dass mein Kollege und ich heute gemeinsam etwas zu erledigen haben: Der Termin am Vormittag erfordert es, dass wir beide in Bestform sind. Nun kommt mein Kollege verschlafen zur Arbeit und sagt mir, dass er die halbe Nacht durchgefeiert hat! Wenn er in diesem Moment Reue zeigt, dann werden wir wohl gemeinsam zu dem Urteil kommen, dass sein Verhalten dumm war – und das Beste daraus machen.

    Anders sieht die Sache aus, wenn mein Kollege – aus seinen subjektiven Einstellungen heraus, sein eigenes Verhalten gar nicht als dumm beurteilt. In diesem Falle nähern wir uns allmählich endlich dem Phänomen, das Thomas Vašek zuletzt als „radikale Dummheit“ bezeichnet hat. Um dieses ganz zu verstehen, müssen wir aber noch ein paar letzte vorbereitende Schritte gehen. Vom Urteil „Ich bin dumm“ müssen wir über das Urteil „Du bist dumm“ zum Urteil „Die sind dumm“ kommen.

    Zunächst mal scheint klar: Der andere ist in seinem Selbsturteil, dass sein Handeln dumm ist, völlig frei. Ich kann nur unter der Annahme, dass ich selbst mich in seiner Situation, bei seinem Wissen und seinem Handeln im Nachhinein als dumm beurteilen würde, ein Urteil über die Dummheit des Anderen treffen – und ich kann dabei gründlich daneben liegen. Allerdings kann ich mit ihm gemeinsam zu dem Urteil kommen, dass er dumm gehandelt hat – Zeichen dafür wäre dann auch, dass er echte Reue zeigt.

    Wenn ich von dem Verhalten des Anderen, das ich als dumm beurteile, betroffen bin, dann werde ich es möglicherweise auch als dumm bezeichnen – vielleicht nenne ich es aber auch unfair oder frech. Das gilt insbesondere dann, wenn der andere selbst sein Verhalten nicht als dumm ansieht. Wenn mein Kollege uns den Termin verdirbt und mir zusätzlich auch noch mehr Arbeit macht, weil er durchgefeiert hat, dann werde ich ihn nur dann als dumm bezeichnen, wenn er selbst sein Verhalten auch als dumm beurteilt und bereut. Anderenfalls werde ich ärgerlich sein und nicht von Dummheit, sondern von unfairer Frechheit reden.

    Eine besondere Form dieser Dummheit oder unfairen Frechheit beobachten wir, wenn wir mit dem Anderen gar nicht in direkter Verbindung stehen, wenn wir mit ihnen aber durch die Nutzung gemeinsamer Ressourcen in Verbindung stehen, allgemeiner, wenn ihr dummes oder unfaires Verhalten auf mein Leben Auswirkungen hat, ohne dass ich sie dafür direkt – wie meinen Arbeitskollegen – zur Rechenschaft ziehen kann. Das ist etwa beim Raser auf der Autobahn der Fall, der mich in Bedrängnis oder in Gefahr bringt, oder in der Demokratie etwa bei großen Wählergruppen, die durch ihre Wahlentscheidung, die ich für dumm halte, Entscheidungen herbeiführen, von denen ich meine, dass sie nicht zum Wohle der Gemeinschaft sind, in der wir leben.

    Kollektive Dummheit

    Damit sind wir schon ganz dicht an das Problem der „radikalen Dummheit“, von der Thomas Vašek spricht, oder der „Dummheit des Volkes“ die Herfried Münkler konstatiert, herangekommen. Wir erblicken das Phänomen der kollektiven Dummheit. Allerdings müssen wir nicht ins Politische wechseln, um es zu verstehen, wir haben es schon in unserem Beispiel der Party am Abend vor dem wichtigen Termin gesehen.

    Was wird mir mein Kollege antworten, wenn ich ihn zur Rede stelle? Was wird er sagen, wenn ich ihn frage, warum er trotz des wichtigen Termins nicht frühzeitig zu Bett gegangen ist? Er wird vorbringen, dass es so schön war, mit den anderen zu sitzen und zu schwatzen. Dass man so lang schon nicht mehr in so einer fröhlichen Runde zusammen war. Und dass die anderen auch am nächsten Tag wichtiges vorgehabt hätten. Gemeinsam sei man, so wird unser Kollege sagen, zu dem Ergebnis gekommen, dass es gerade wichtiger wäre, die schöne Zeit zusammen zu genießen, als jetzt schon schlafen zu gehen. Der Kollege wird vorbringen, dass er sich da nicht ausschließen wollte, dass er auch kein Spielverderber sein wollte, der die Stimmung des Abends zerstört.

    Das, was wir in diesem Beispiel erkennen, ist das Phänomen der „kollektiven Dummheit“. Man hat sich gemeinsam entschieden, etwas zu tun, was nicht sich im Nachhinein als falsch herausstellt, und man hätte es gemeinsam besser wissen können, man hätte gemeinsam anders handeln können. Alle Kriterien, die wir am Anfang für die eigene, persönliche Dummheit gefunden hatten, treffen hier auf das kollektive Handeln der Gruppe zu.

    Wiederum müssen wir allerdings konstatieren, dass es unser eigenes, persönliches Urteil ist, dass das Handeln des Kollektivs zu einer Dummheit erklärt. Ich sage mir: wäre ich dabei gewesen, hätte ich gemeinsam mit den anderen zu dem Ergebnis kommen müssen, dass es klug und vernünftig wäre, das schöne Beisammensein früher zu beenden. Ob die anderen, aus ihrem Wissen, ihren Einstellungen, Wünschen und Zielen heraus, ihre Entscheidung tatsächlich auch als dumm bezeichnen müssen, können wir nicht wissen.

    Es sei denn, die Gruppe kommt im Nachhinein ebenfalls kollektiv zu der Einsicht, dass es dumm war, was da geschehen ist – dann kann man davon sprechen, dass es sich wirklich um eine kollektive Dummheit gehandelt hat.

    Die radikale Dummheit

    Man kann jedoch die These vertreten, dass größere Gruppen, wenn sie nicht bestimmten Regeln der Entscheidungsfindung folgen, immer zur Dummheit neigen, und dass sie umgekehrt gar nicht in der Lage sind, als Kollektiv im Nachhinein die Handlung als Dummheit zu erkennen. Dann wäre es allerdings dumm, sich solchen Gruppen anzuschließen, denn innerhalb dieser Gruppen wird es immer wieder nur zu Dummheiten kommen. Man könnte die Dummheit, sich einem Kollektiv anzuschließen, innerhalb dessen nur Dummheiten produziert werden können, als radikale Dummheit bezeichnen. Der Einzelne gibt in diesem Kollektiv seine Fähigkeit, selbst entsprechend seiner Präferenzen, Wünsche und Ziele zu entscheiden, ab, er verliert darüber hinaus auch die Fähigkeit, wenigstens im Nachhinein über die Dummheit zu reflektieren, sie zu bereuen und Konsequenzen zu ziehen.

    Wenn ich weiß, dass innerhalb meiner Freundesgruppe eine vernünftige Einigung über das Ende der Party gar nicht möglich ist, wenn ich darüber hinaus weiß, dass der Druck der Gruppe, kein Spaßverderber zu sein, so groß ist, dass ich mich auch heute Abend nicht gegen das feiern bis zum Morgengrauen wehren kann, wenn ich darüber hinaus weiß, dass ich, wenn ich einmal bei den Freunden angekommen bin, jegliche autonome Handlungsfähigkeit verloren haben werde, dann ist es radikal dumm, immer wieder dieses Kollektiv aufzusuchen, wenn ich doch eigentlich andere Ziele habe.

    Es ist Aufgabe der Soziologie und der Psychologie, dem Zustandekommen und den Funktionsprinzipien solcher Gruppendynamiken nachzugehen. Wir wollen hier die Dummheit als Phänomen nur beschreiben, um sie erkennen zu können und vielleicht genauer sagen zu können, was da überhaupt erklärt werden muss. Radikal dumm ist ein Verhalten, bei dem sich der Mensch der Möglichkeit, über seine Dummheit zu reflektieren, sie zu bereuen und möglicherweise in Zukunft klüger zu entscheiden, beraubt. Das zeigt allerdings auch auf, wie man möglicherweise mit kollektiver radikaler Dummheit umgehen und wie man gegen sie angehen kann.

    Die kollektive Dummheit, wenn sie radikal geworden ist, wird man nicht bekämpfen können, wenn man das Kollektiv oder den Einzelnen als Teil eines Kollektivs anspricht. Der Satz „Ihr seid dumm“ wirft den Einzelnen, der zu diesem „Ihr“ gehört, immer in das Kollektiv zurück, das nichts anderes sein kann, als dumm. „Du bist nicht dumm“ – das ist die einzige richtige Ansprache. Niemand ist ja nur Teil des dummen Kollektivs, jeder ist auch Subjekt, und als Subjekt, als Einzelner ist im Grunde niemand wirklich prinzipiell dumm. Das hatten wir schon gesehen und deshalb hatten wir uns so lange mit dem Einzelnen uns seinem subjektiven Verständnis der Dummheit beschäftigt.

    Wenn Münkler sagt, das Volk sei dumm, dann ist diese Aussage entweder trivial oder falsch. Das Volk als kollektives Wesen kann nur dumm sein, jedenfalls, so lange es sich nicht nach Mechanismen organisiert und strukturiert, die Klugheit hervorbringen. Wenn er jedoch meint, die einzelnen Menschen, die das Volk bilden, seien dumm, dann liegt er ganz falsch. Er weiß einfach zu wenig über die Gründe dieser Einzelnen, so zu handeln, wie sie es tun, über ihre Wünsche und Ziele, die sie Teil des Volks werden lassen. Da er mit der Aussage, das Volk sei dumm, genau das Gegenteil von dem erreicht, was er eigentlich will, muss man vermuten, dass er selbst der Dumme ist.

    Wenn man dem Einzelnen helfen will, aus der kollektiven Dummheit herauszukommen und der radikalen Dummheit zu entfliehen, muss man ihn als Einzelnen ansprechen, so wie den Kollegen, den man zur Rede stellt. Man wird dann möglicherweise erkennen, dass das, was der andere sagt, gar nicht alles so dumm ist, wie man aus der Ferne vermutet hatte. Man wird vielleicht sogar das eine oder andere Urteil, was man über ihn und die Gruppe, der er zugehört, hatte, als dummes Vorurteil erkennen. Vielleicht werden wir ja über diese hektische Zeit, in der wir uns von Dummheit umgeben wähnen, mal sagen, dass wir alle dumm gewesen sind. Nachher ist man ja immer klüger.

  • Dumm oder konservativ?

    Dumm oder konservativ?

    Ist die Masse dumm und manipulierbar? Ist ein großer Teil der Bevölkerung für populistische Thesen empfänglich und entscheidet sich deshalb zunehmend bei Wahlen für radikale oder extreme Parteien, die mit demagogischen Parolen auf Stimmenfang gehen? Sind es am Ende gar die ausgefeilten Big-Data-Algorithmen, die den Bürgern manipulativ den Kopf verdrehen? Wer so denkt, wird die Ursachen für die Wahlerfolge von Donald Trump, von AfD und FPÖ nicht verstehen. Wer so argumentiert, hilft am Ende den Populisten.

    Die Erfolge von Parteien wie der AfD und Kandidaten wie Trump basieren nicht auf Manipulation. Sie zeigen, dass ein großer Teil der Bürger sich im bisherigen Spektrum der politischen Parteien nicht wiederfindet. Und wer gegen die Parolen der Populisten Stimmung macht, ohne zuerst einmal zu akzeptieren, dass deren Wahlerfolge auf freien Wahlentscheidungen mündiger Bürger beruhen, darf sich nicht wundern, dass jeder Satz, den er ausspricht, die Stimmung zugunsten eben dieser Populisten verschiebt.

    Das Recht auf Stillstand

    Es gibt ein Recht darauf, zu wollen, dass die Gesellschaft so bleibt, wie sie ist. Es gibt ein Recht darauf, sich eine Landschaft ohne Windräder zu wünschen. Es gibt ein Recht darauf, sich zu wünschen, dass Kinder in „klassischen Familien“ aufwachsen, es gibt ein Recht darauf, zu wünschen, dass die Ehe einer Beziehung zwischen Frau und Mann vorbehalten bleibt, es gibt auch ein Recht darauf, ein Auto besitzen zu wollen, das von einem starken Benzinmotor angetrieben wird.

    Es gibt selbstverständlich ebenso das Recht, all dies falsch zu finden, es gibt auch das Recht darauf, auf Konsequenzen dieser Wünsche hinzuweisen, es gibt eben auch das Recht darauf, sich eine andere Gesellschaft zu wünschen.

    Aber zunächst mal sind die nicht dümmer, die sich wünschen, dass alles so bleibt, wie es war. Es gibt sogar gute Gründe dafür, nicht alles, was schon lange so ist, nicht einfach deshalb falsch zu finden, weil es nicht fortschrittlich ist. Fortschritt und Veränderung sind kein Selbstzweck, es kann sich auch als dumm herausstellen, Althergebrachtes nur deshalb einzureißen, weil man daran gewöhnt ist.

    Jeder hat das Recht, für eine Gesellschaft zu sein, die seinen eigenen Wünschen entspricht, die Konservativen genauso wie die Progressiven. Und wenn die einen meinen, dass die Wünsche der anderen nicht erfüllbar sind, dann müssen sie Argumente bringen, und die anderen nicht als blöd hinstellen.

    Was wir jedoch in den letzten Jahrzehnten erleben ist, dass die Politik in allem den „Progressiven“ hinterherläuft. Nicht nur beim Klima- und Umweltschutz, auch bei der Frage, wie Familien aussehen sollen, wie das Zusammenleben von Menschen zu fördern ist, ob man noch irgendwo rauchen darf, ob man Fleisch essen darf, ob man ohne Helm Fahrrad fahren darf.

    Herrschaft der Progressivisten

    Keine politische Partei, die heute im Bundestag sitzt, hat noch Verständnis für die, die nicht fortschrittlich sein wollen. Was aber, wenn das die Mehrheit ist? Dann müsste die Politik doch auch diesen Menschen eine Stimme geben?

    Man macht sich gern lustig über diese Leute. Wenn die ohnmächtig sagen: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…“ dann lachen die Progressivisten gern sehr fortschrittlich und sagen: „Na, sagt es doch. Verbietet euch doch keiner.“ Aber ein bloßes Sagen ist eben stimmlos, wenn es in der Politik gar nicht und in den Medien kaum zur Sprache kommt. Wenn der Journalist den, der spricht, nur mitleidig anlächelt und sich im anschließenden Kommentar darüber wundert, wie einfältig dieses Volk doch ist.

    Klar kann man fast alles sagen in diesem Land. Aber deshalb hat man in Politik und Medien noch längst keine Stimme, die gehört wird. Und wenn nun Leute kommen, die versprechen, diesen Menschen eine Stimme zu geben, dann werden die gewählt. Das ist keine Manipulation, das ist eine nachvollziehbare freie Entscheidung.

    Die Volksparteien hätten zunächst mal die Aufgabe, denen, die keine Veränderung wollen, eine Stimme zu geben. Sie haben auch die Aufgabe, mit ihnen den Konsens über das, was dennoch verändert werden muss, auszuhandeln. Wenn das gelänge, dann würde es keine Populisten geben. Aber ein Wandel dahin wird schwierig. Denn die Fortschrittler werden das als Rechtsruck diffamieren.

    Im Moment haben wir die Herrschaft einer Minderheit der Fortschrittlichen, die meinen, zu wissen, wie sich die Gesellschaft wandeln muss. Ihnen ist die Demokratie im Herzen suspekt, weil sie all die, die keinen Wandel wollen, für dumm halten. Die Demokratie selbst schickt sich jedoch an, hier korrigierend einzugreifen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Das Erstarken des Populismus, oder die Re-Integration der Konservativen in die Volksparteien. Wie schmerzhaft der Weg wird, hängt davon ab, welche Möglichkeit wir zulassen.