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  • Geschenkt

    Geschenkt

    Neulich beklagte sich jemand darüber, dass eine Freundin, der er im Laufe der Jahre einige Bücher geschenkt hatte, diese nun aus Platzgründen wieder loswerden wollte. Sie hatte alle Bücher gelesen, aber nun waren sie im Weg. Gern hätte sie ihm die Bücher sogar zurückgegeben – das verstörte den Freund aber sehr.

    Ist ein Buch ein Gegenstand?

    Klar: Es gibt Bücher, bei denen geht es weniger um den Inhalt, als um das physische Objekt. Prachtausgaben, besondere Ausgaben, oder signierte Exemplare, mit Widmung vom Autor, gehören dazu. Aber nehmen wir einmal an, ich habe einer Freundin ein Buch geschenkt, weil ich vermutete, dass ihr die Geschichte gefällt, die darin erzählt wird. Vielleicht habe ich später mit ihr darüber gesprochen, sie hat mir mit leuchtenden Augen erzählt, wie viel Freude sie beim Lesen hatte. Damit ist das Geschenk doch bereits gelungen. Ich habe ihr sozusagen ein Erlebnis geschenkt, die Möglichkeit, das Buch zu lesen, die Geschichte zu verfolgen und sich daran zu erfreuen. Was auch immer aus dem Buch wird, die Geschichte wird sie behalten.

    Andererseits könnte ich ihr das Buch dann auch gleich nur leihen. Ich komme zum Geburtstag und sage: „Ich hab hier ein Buch für dich, tolle Geschichte, lies das mal. Und bei Gelegenheit kannst du mir das Buch ja zurückgeben.“ Das wäre auch irgendwie merkwürdig.

    Hat das damit zu tun, dass wir so sehr am physischen Besitz von Sachen hängen, dass wir uns über ein bloß ideelles Geschenk nicht freuen können? Das kann auch nicht das Problem sein, denn wenn man z.B. Eintrittskarten fürs Konzert verschenkt, ist das ja auch eine Freude. Immer öfter verschenkt man pure Erlebnisse: Ein gemeinsames Essen, Zutaten zum Kochen, Kinokarten. Alles nichts dauerhaftes, es bleibt nur die Erinnerung an den Genuss – wie nach dem Lesen eines Buches. Wo also ist das Problem?

    Das Buch als doppeltes Geschenk

    Vielleicht ist es so: Das Buch ist ein doppeltes Geschenk: Zum einen ist da die Geschichte, das Leseerlebnis. Zum anderen ist da aber auch der Gegenstand als Symbol der Zuneigung. Wenn es im Regal steht, ist es auch Erinnerung an den Freund, der es geschenkt hat. Wenn ich bei der Freundin nach langer Zeit wieder mal zu Besuch bin und das Buch bei ihr im Schrank sehe, können wir über die „alten Zeiten“ reden, an die mich der Blick auf das Buch erinnert. Der Gegenstand ist sozusagen immer eine Verbindung zwischen uns, ein Symbol der Freundschaft.

    Man stelle sich vor, zwei Freunde treffen sich nach langer Zeit wieder, und der eine zeigt dem anderen eine alte Kinokarte und sagt: Die hab ich von dir mal geschenkt bekommen, das fand ich so toll, ich mochte sie nicht wegwerfen – kann man sich einen besseren Freundschaftsbeweis vorstellen? Wohl kaum.

    Lesen Sie auch die Kolumne von Jörg Friedrich über die deutsche Leitkultur.

    Und wenn Sie Kinderbücher verschenken wollen, dann lesen Sie zuvor unbedingt diesen Text von Sören Heim.

  • Bewundert viel und viel gescholten: Die deutsche Leitkultur

    Jetzt ist sie wieder da, nachdem sie lange tot geglaubt war: die „deutsche Leitkultur“. Manch einer sieht sie erneut in Gefahr, weil so viele Fremde zu uns kommen, die aus einer anderen Kultur stammen und sich an die unsrige nicht gewöhnen wollen oder können. Andere meinen, dass es so etwas wie eine deutsche Leitkultur ohnehin nicht gäbe, und selbst wenn, dann wäre es nicht schade um sie, denn wir sollten sie lieber durch eine europäische, oder gar globale Leitkultur ersetzen, die dann geprägt wäre von allgemeiner Toleranz und Gleichberechtigung aller Lebensentwürfe, so lange diese selbst wieder die Toleranz und Gleichberechtigung aller akzeptieren.

    Denn eben wo Begriffe fehlen

    Hört man in die aufflammende Leitkultur-Debatte hinein, fällt auf: Weder ihre Verfechter noch ihre Feinde können präzise sagen, was der Begriff bedeutet. Es gibt keine klar abgrenzbare Menge von Verhaltensweisen, Traditionen, Normen und Regeln, die zur deutschen Leitkultur gehören. Es gibt schon gar keinen abstrakten Oberbegriff oder ein allgemeines Gesetz, aus dem sich ableiten ließe, ob etwas zu dieser Leitkultur gehört oder nicht. Und auch die Wittgensteinschen Familienähnlichkeiten, die in Fällen mangelnder begrifflicher Präzision gern hinzugezogen werden, helfen hier nicht weiter. Zu unterschiedlich sind die Felder sozialer Praxis, auf die sich die Beispiele der deutschen Leitkultur beziehen.

    Man könnte meinen, „Leitkultur“, das sei nur ein nebulöses Wort, das man gern nutzt eben wo Begriffe fehlen. Aber die „deutsche Leitkultur“ – das ist nicht nur ein Wort, das ist kein leerer Begriff. Er knüpft an die Intuition an, dass wir uns an manchen Orten heimisch fühlen und an anderen Orten fremd. Manches Verhalten ist uns vertraut, auch wenn wir den Menschen nicht kennen, den wir dabei beobachten, und anderes scheint uns befremdlich. In manchem erkennen wir uns wieder, bei anderem sind wir irritiert. „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“ schreibt Herder. Der Grund für das Heimatgefühl liegt eben darin, dass das eigene Verhalten der alltäglichen Kultur entspricht. Das entlastet, das schafft Sicherheit. (mehr …)

  • Nobelpreise: Die Papstwahl der säkularen Welt

    Es gibt viele Preise. Selbst der Schreiber dieser Zeilen hat schon einen Preis gewonnen, es war der zweite Preis bei einem Lyrik-Wettbewerb im Schiller-Jahr. Jawohl. Und in wenigen Tagen wird z.B. der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen, den wird, man weiß es schon, Navid Kermani erhalten, und wenn Sie, liebe Leserin, jetzt auf den Link geklickt haben und sich dort ein bisschen umgesehen haben, dann werden Sie vielleicht mit Erstaunen festgestellt haben, dass diese lokale Kombination aus Friedens- und Literaturnobelpreis vor zwei Jahren an Swetlana Alexijewitsch ging.

    Ja, an die Swetlana Alexijewitsch, die in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur bekam. Das wussten Sie natürlich, das hat Sie, weil Sie auf dem Laufenden bleiben in den wichtigen Dingen von Kultur und Politik, in den letzten Tagen auch beschäftigt. Sie haben sich vielleicht gefragt, wer diese Autorin ist, Sie werden vielleicht gesagt haben, dass Sie den Namen nie zuvor gehört haben. Sie werden sich, wie der Kollege Sören Heim, gefragt haben, ob das, was die Preisträgerin veröffentlicht hat, Literatur sei.

    Sie haben natürlich auch schon vom Friedenspreis des deutschen Buchhandels gehört – klar. Aber wer merkt sich da schon die Preisträger! Was ist ein deutscher Buchhandelspreis im Vergleich zum Nobelpreis! Richtig: Nichts.

    Wer kennt die Preisträgerin vom vorletzten Jahr?

    Gut, wer vor zwei Jahren den Literaturnobelpreis bekam, wissen Sie vielleicht auch nicht mehr. Ich habe es für Sie gegoogelt: Es war Alice Munro. Ich hatte auf Herta Müller getippt, aber das war – es ist unfassbar – schon 2009.

    Aber Sie werden mir zustimmen, verehrte Leserin, diese Woche jedes Jahr im Oktober, immer pünktlich zum Oktoberfest in Bayern, in der die Nobelpreise verliehen werden, die ist schon was ganz besonderes. Da spüren wir, worauf es ankommt, erst in der Wissenschaft, dann in der Literatur und in der Politik, und am Ende auch noch in der Ökonomie. Und die Leute, die den Preis erhalten, sind von diesem Tage an etwas ganz Besonderes: Man kann sie alles fragen, und sie dürfen zu allem ihre Meinung sagen. Gut, das darf ich auch, aber darüber berichten dann keine Zeitungen. Wenn die Nobelpreisträger mit wichtiger Mine ihre Bedenken über den Lauf der Welt kundtun, dann hört die ganze Welt hin, denn das sind quasi unsere ganz Weisen, die Bescheidwisser schlechthin.

    In den ersten drei Tagen der Nobelpreiswoche versuchen wir gar nicht erst, uns die Namen zu merken, es sei denn, es ist einer dabei, der irgendwie deutsch klingt. Wehmütig denken wir dann an die Zeit zurück, als wenigstens noch die Physik-Preise fest in deutschsprachiger Hand waren. Das ist lange her, seitdem die Nazis einen großen Teil unserer intellektuellen Elite aus dem Land getrieben haben, sind wir in den Naturwissenschaften nur noch Mittelklasse. Aber wir staunen kurz über die Dinge, die diese geistigen Riesen da so erforschen, die unvorstellbaren Objekte der Physiker, die unverständlichen Prozesse der Chemiker und die hoffnungsfrohen Resultate der Mediziner – wobei uns nie klar wird, wie diese subtilen Entdeckungen der Forscher uns vor Diabetes, Lungenkrebs und Krankenhauskeimen bewahren werden.

    Wir Menschheit

    Aber irgendwie verbreiten diese Preisträger und vor allem die nachgeschalteten Fernsehmagazine die Gewissheit, dass es vorwärts, immer weiter vorwärts geht mit dem Fortschritt der Wissenschaften. Wir, und das sind dann wir alle, wir Menschen, wir neugierigen Forscher und wissbegierigen Zuschauer – wir Menschheit eben, wir kriegen immer mehr raus und erkennen immer besser, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wir sind faustischer als jeder Faust und vergessen gern, dass die Sätze, die wir da so gern zitieren, in einer Tragödie stehen.

    Die Wissenschaft kommt mit Riesenschritten voran, und sie kriegt alles raus, was rauszukriegen ist – das sagen uns die Wissenschaftsjournalisten die uns von den Ergebnissen der Preisträger berichten.  Dabei reißen Sie die Augen weit auf, die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz, damit wir ja wissen, dass wir jetzt staunen sollen und dann staunen wir auch, wie die Kinder, die ihre Eltern bestaunen und die sich sicher sind, dass die schon alles richten werden. Wir haben ja so Angst vor der Zukunft, vor dem Klimawandel und den Atomkraftwerken und den Giften, die sich in unseren Körpern ablagern und uns neue unbekannte Krankheiten bescheren. Da wollen wir wenigstens einmal im Jahr die Geschichte hören, dass da kluge Menschen wie besessen forschen um uns aus dem Elend zu erlösen. Dass die gleichen Leute mit ihren tollen Erfindungen das Elend mit in die Welt gesetzt haben, haben wir vergessen. Die kriegen das schon wieder hin.

    Dann kommt, immer am Donnerstag, der Literaturnobelpreis. Sofern er ein wirklicher Literaturpreis ist, erinnert er uns daran, dass wir mal wieder ein gutes Buch lesen können. Also gehen wir am Wochenende in die Buchhandlung, das ist in dem Falle dem Online-Händler ganz klar vorzuziehen, denn da liegen die Bücher der Preisträgerin dann gleich vornean und damit wir uns nicht vertun, prangt auf jedem ein roter Aufkleber: Nobelpreis! So wissen wir jetzt, dass wir, falls wir das Buch lesen, Weltliteratur konsumieren, und damit können wir uns ein ganz kleines bisschen zur kulturellen Elite der Welt zählen. Jawohl. Und wenn wir es nicht lesen, können wir es wenigstens gut im Regal platzieren, denn die Werke sind zumeist recht anständig hergemacht, mit Hardcover und Leinenimitat, mit Schutzumschlag und Bändchen. Man darf nur nicht vergessen, die Schutzfolie zu entfernen, sonst glänzt der Buchrücken so unschön wie ein billiges Paperback.

    In den meisten Fällen ist der Literaturpreis aber ein zweiter Friedenspreis. Das soll uns daran erinnern, wozu wir die Literaten überhaupt brauchen: Genau, Literatur ist nicht zur Erbauung und zum Genuss da, wenn so was passiert, dann ist es meistens Schund. Literatur muss uns zum verzweifelten Nachdenken über die Welt bringen, denn davon werden wir bessere Menschen und dann verbessert sich auch die Welt.

    Der Nobelpreis für Literatur sagt uns: Literatur ist ganz wichtig für unsere Menschlichkeit, für unsere Moral – und diese Moral gilt universell, denn jede Nobelpreisträgerin, egal, worüber sie schreibt und woher sie kommt, kann uns helfen, moralischer zu werden.

    Die guten Menschen, die wir nicht sind

    So vorbereitet können wir dem Freitag entgegengehen, an dem wir nun noch mal ganz genau gesagt bekommen, was überhaupt das Wichtigste ist: Der Frieden, richtig! Über den Friedenspreis können wir entweder schimpfen, weil er an einen Politiker geht, oder wir sind begeistert, weil ihn die richtig guten Menschen bekommen, die Vorbilder, die, die so sind, wie wir eigentlich alle sein müssten, friedlich und aufopfernd, ständig geplagt von dem Elend der Welt und trotzdem nie verzagt, immer aktiv an der guten Sache arbeitend. Die Friedenspreisträger sind die legitimen Nachfahren Jesu.

    Da wissen wir: So gute Menschen sind wir leider nicht. Aber wir sagen uns: solange es diese Menschen gibt, sind wir nicht verloren. Sie vertreten uns im Kampf um das Gute, solange die so gut sind, brauchen wir es nicht selbst zu sein.

    Die Vergabe des Friedenspreises ist der Höhepunkt der Nobelwoche, die in ihrer Bedeutung, ich hoffe, dass ist klar geworden, ein bisschen Ähnlichkeit mit der Karwoche hat. Aber seit ein paar Jahrzehnten gibt es da noch diesen Nachzügler, den Ökonomiepreis, der ja eigentlich gar kein richtiger Nobelpreis ist. Wie die Wirtschaftswissenschaftler es geschafft haben, sich da einzuschleichen, bleibt genauso im Dunkeln wie die Frage, warum es keinen Meteorologie-Nobelpreis, keinen Soziologie-Nobelpreis und keinen Malerei-Nobelpreis gibt.

    Vermutlich hat man in den 1960er Jahren gemerkt, dass die Naturwissenschaften, so hoch wir sie auch schätzen, die eigentlichen Probleme der Menschheit nicht nur nicht lösen können, sondern sie gar nicht berühren. Statt auf den Gedanken zu kommen, dass diese Probleme von gar keiner Wissenschaft gelöst werden können, hat man verzweifelt nach der Disziplin gesucht, die genau dazu in der Lage ist – und ist ausgerechnet auf die Ökonomie gekommen. Seit dem erklären uns die Wirtschaftsweisen, was wir alles falsch machen und wie wir es richtig machen könnten, damit es allen Menschen auf der Welt so richtig gut geht. Auch auf dieser Plattform hat sich ja bekanntlich schon einer dieser klugen Menschen geäußert. Dumm nur, dass jeder Ökonom was anderes sagt – da kann man sich nicht wirklich danach richten, oder man sucht sich den aus, der zu den eigenen Vorstellungen am besten passt. Einer liefert immer die passende wissenschaftliche Begründung für das eigene Weltbild – da kann man sicher sein.

    Der Ökonomiepreis geht allerdings meistens an Leute, die sich in die aktuelle Politik nicht einmischen. Das ist sehr klug von der Jury, denn so kann man den Mythos aufrecht erhalten, dass die Ökonomie an sich schon die richtigen Mittel zur Lösung aller gesellschaftlichen Probleme hätte – die Ökonomen dürfen sich nur nicht mit dem Dreck des politischen Alltagsgeschäfts beschmutzen.

    Wozu brauchen wir die Nobelpreise? Um unseren Glauben nicht zu verlieren. Die Nobelpreisverleihung ist die Papstwahl der säkularen Welt. Mit großer Geste werden uns jährlich die guten großen Weisen präsentiert – und wir stehen mit leuchtenden Augen und glauben an sie.

  • Der Rechtsstaat. Keine große Liebe

    In einem Rechtsstaat geht es mit rechten Dingen zu. Deshalb schätzen wir ihn, deshalb rufen wir nach ihm, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen. Kollege Heinrich Schmitz, selbst Rechtsanwalt, mag ihn und fürchtet, dass er an Akzeptanz verliert. Der Rechtsstaat soll uns vor Willkür schützen. Aber wie funktioniert so ein Rechtsstaat eigentlich und woran erkennt man ihn?

    Die Frage scheint trivial. In einem Rechtsstaat gilt das Gesetz, und alle Entscheidungen werden nach „Recht und Gesetz“ – wie es so schön heißt – getroffen. Allerdings kann sich schon das, genau genommen, niemand wirklich wünschen. Die Entscheidung, was ich der Familie heute zum Mittagessen vorsetze, muss kein Gesetz regeln. Oder doch? Da werden einige schon anderer Meinung sein, die mir ohnehin in allen Lebenslagen per Gesetz verbieten wollen, etwas Ungesundes zu tun.

    Schon die Frage, auf welche Bereiche des Lebens sich der Rechtsstaat ausdehnen darf, muss also ausgehandelt werden, und eine kritische Distanz zu ihm ist angebracht. Aber selbst wenn darüber Einigkeit bestünde, ist die Anwendung von Recht und Gesetz nicht immer so klar und einfach, um jederzeit erkennen zu können, ob wir nun in einem Rechtsstaat leben oder nicht.

    Recht oder Gesetz

    Recht und Gesetz sind nicht das Gleiche. Schon ihre ständige Zusammennennung zeigt, dass wir da auch einen Unterschied spüren, sonst könnten wir ja auf eines der beiden Wörter verzichten, wenn wir sagen, alles solle nach „Recht und Gesetz“ geschehen. Carl Schmitt hat schon zu Zeiten der Weimarer Republik vorgeschlagen, auf den Begriff Rechtsstaat ganz zu verzichten und stattdessen den Gesetzgebungsstaat vom Rechtsprechungsstaat zu unterscheiden. In einem Gesetzgebungsstaat legt der Souverän in Gesetzesregeln alles fest, was in der Gemeinschaft geregelt werden muss. Der Souverän ist für uns heutige am Besten natürlich ein demokratisch gewähltes Parlament, aber das muss nicht mal sein. Auch ein absolutistischer Herrscher, der allgemein gültige Gesetze erlässt, könnte als Souverän in einem Gesetzgebungsstaat gelten, oder auch eine bürokratisch-technokratische Behörde von Experten. Entscheidend ist, dass die Regeln nicht für den Einzelfall gemacht oder geändert werden, je nach Gutdünken des Souveräns, sondern eben allgemein gelten und auf den Einzelfall angewandt werden. Diese Anwendung erfolgt durch die Rechtsprechung, durch Gerichte verschiedenster Art, in denen Richter und Anwälte herausfinden, welche Gesetze anzuwenden sind. Im Idealfall eines Gesetzgebungsstaates könnte man das Gericht durch ein Computersystem ersetzen, das alle Gesetze kennt, den konkreten Fall in die Gesetzeslogik einordnet und die richtige Entscheidung trifft.

    Da die Wirklichkeit weit vielfältiger ist, als es sich selbst der gewiefteste Gesetzgeber träumen lassen kann, müssen die Richter in der Realität die Gesetze allerdings auslegen, sie müssen den Gesetzestext in seiner Intention erfassen und deuten, müssen kreativ und plausibel erraten, was der Gesetzgeber wohl in Paragraphen gegossen hätte, wenn er den gerade vorliegenden Fall gekannt hätte. Geschulte Richter schreiben sozusagen die Gesetze fort, und beim nächsten Mal können weitere Richter dann nicht nur die Gesetze, sondern auch die darauf basierenden Urteile zu Rate ziehen, um zu den richtigen Urteilen zu kommen.

    Soll der Richter doch richten

    Das könnte uns auf die Idee bringen, gar nich erst zu versuchen, alle Fälle und Situationen, die das Leben so bringt, in Gesetzen zu regeln, sondern nur das große Ganze, den allgemeinen Willen des Gesetzgebers schriftlich festzuhalten. Vielleicht würde sogar ein schlankes Grundgesetz genügen, das die allgemeine Verfassung der Gesellschaft festlegt. Was seine Artikel im konkreten Leben bedeuten, könnten die Richter im Einzelfall entscheiden. Das wäre dann der Rechtsprechungsstaat.

    In der Bundesrepublik haben wir eine Mischung aus Gesetzgebungsstaat und Rechtsprechungsstaat, und das ist auch gut so, auch wenn es die ganze Sache etwas verwirrend macht. Allerdings halten die einen Akteure den Gesetzgebungsstaat für ideal, während die anderen den Rechtsprechungsstaat bevorzugen. Das gibt nur keiner wirklich zu. Jeder reklamiert den Begriff Rechtsstaat für sich, und kaum jemand sagt wirklich, was er meint. Die Definitionen klingen pathetisch und abstrakt. Wie sie im Alltag mit Leben gefüllt werden können, bleibt unklar.

    Der Gesetzgebungsstaat neigt zum totalen Staat

    In einem reinen Gesetzgebungsstaat würde alles durch Gesetze explizit geregelt. Selbst eine Demokratie wird dann zum „totalen Staat“ wie schon Carl Schmitt richtig beschrieben hat. Die tatsächliche Macht liegt in so einem Staat bei der bürokratischen Verwaltungs-Maschinerie, die Gesetze kalt exekutiert. Jeder Verwaltungsakt wird auf das Gesetz gestützt, und wo es noch keins gibt, muss ein weiteres her – wenigstens ein neuer, längerer Paragraph.

    Dass Erzeugen der neuen Gesetze und Paragraphen erledigt die Bürokratie gleich mit, in Form des ministeriellen Beamtenapparats. Jede kleine Gesetzeslücke wird unnachgiebig im Einzelfall erkannt, zum existenziellen Problem hochstilisiert und mit einem neuen Paragraphen geschlossen. Demokratisch gewählte Abgeordnete haben in diesem System gar keine Chance, sich der zwingenden Logik des Apparats durch politischen Willen, praktische Intuition oder menschliche Regungen zu entziehen. Jeder Gesetzgebunggstaat wird am Ende zum totalen Staat, in dem eine anonyme Bürokratie alles beherrscht und das Parlament zum letztlich unnötigen Anhängsel wird.

    Die Alternative: Selbstherrliche Richter

    Auf der anderen Seite steht der bloße Rechtsprechungsstaat, in dem autonome Richter, gestützt auf allgemeine Grundsätze der Verfassung, ihre einsamen weisen Entscheidungen treffen, die allenfalls wieder durch andere Richter revidiert werden können. Die Idee hat etwas Faszinierendes: nicht die kalte Bürokratie entscheidet in abstrakten Allgemeinheit, sondern echte Menschen schauen gewissenhaft und gründlich auf den Einzelfall. Der Richter selbst ist unbestechlich und in der Sache unvoreingenommen, er hat keinen Vorteil von der einen oder der anderen Entscheidung, er prüft und richtet allein im Sinne der Gemeinschaft. So ein Richter bräuchte nicht viele Gesetze, sondern nur ein paar grundlegende Richtlinien, eigentlich nicht mehr, als in 20 Artikeln einer Verfassung aufgeschrieben werden kann.

    Es gibt inzwischen eine regelrechte Begeisterung für den Rechtsprechungsstaat. Man merkt es immer, wenn das Verfassungsgericht mal wieder den Gesetzgeber zurechtweist, weil seine Gesetze angeblich nicht mit dem Grundgesetz übereinstimmen. Auch für Heinrich Schmitz ist völlig klar, dass in solchen Fällen das Verfassunggericht natürlich im Recht ist. Was nichts anderes heißt, als dass die obersten Richter inzwischen in Deutschland eine absolute Autorität besitzen.

    Aber das ist eine Geschichte, die ein andermal genauer unter die Lupe zu nehmen ist. Auch im Alltag des Zivil-, Straf-, Handels- und Finanzrechts ist eine Rechtsprechung, die den Richter zur höchsten Autorität macht, problematisch. Denn er ist zwar im konkreten Fall selbst nicht involviert, deshalb ist er aber noch lange nicht objektiv. Auch Richter sind nicht frei von Vorurteilen, subjektiven Meinungen und Sympathien. Sie haben Karierepläne und befinden sich in autoritären Abhängigkeiten. Das beeinflusst sowohl die Entscheidungen in den ersten Instanzen, als auch die Mechanismen der Revisions- und Beschwerdeinstanzen.

    Deshalb schützen auch kollektive Senatsentscheidungen und die Überprüfbarkeit einer Richterentscheidung durch die nächste Instanz nicht davor, dass krasse Fehlurteile rechtskräftig werden. Umso mehr wir in der Öffentlichkeit den Richterstand gegenüber dem Gesetzgeber preisen, desto größer wird die Gefahr, dass sich da eine Kaste elitärer Halbgötter in schwarzen Roben bildet.

    Das beste unter den schlechten Systemen

    Weder der Rechtsprechungsstaat noch der Gesetzgebungsstaat ist eine ideale Konstruktion, um Recht und Gesetz durchzusetzen. Es gibt keinen Grund, sie zu lieben. Und auch eine Mischung aus beiden verbessert die Situation kaum. Allerdings gibt es auch keine besseren Alternativen, und es hat in der Geschichte bisher nur Schlechteres gegeben.

    Deshalb kommt es darauf an, dass Gesetzgeber und Rechtsprechung sich gegenseitig in Schach halten, dass sie sich gegenseitig kritisch beäugen. Und wir als Betroffene müssen beiden mit Skepsis begegnen und die Seite stärken, die gerade von der anderen dominiert wird. Akzeptieren können wir die Institutionen des Rechtsstaates nur, so lange sie nicht zu mächtig werden.

     

  • „Eher bedrückend“ – Angela Merkel und der Nobelpreis

    „Eher bedrückend“ – Angela Merkel und der Nobelpreis

    Vermutlich hat es noch keine Nobelpreiskandidatin und schon gar keinen Anwärter auf diesen Preis gegeben, der mit Erleichterung darauf reagiert hat, dass ihr oder ihm der Preis nicht verliehen wurde. Angela Merkel allerdings dürfte vor wenigen Minuten ein Stein vom Herzen gefallen sein – wenn sie überhaupt zwischen den vielen Telefonaten und Terminen wahrgenommen hat, dass dieser Anruf aus Norwegen ihr heute erspart geblieben ist.

    Merkel hat es im Interview mit Anne Will vorgestern deutlich gesagt: Der Gedanke an den Friedensnobelpreis ist für sie „eher bedrückend“. Das kann man gut verstehen. Weder innenpolitisch noch in der harten Diskussion mit den europäischen Nachbarn um die Fragen der Unterbringung und Versorgung von Asylsuchenden in Europa hätte ihr der Preis geholfen. Das Nobelpreiskomitee hat in den vergangenen Jahren jede moralische Autorität verspielt. Aber die Verleihung des Preises an Merkel hätte so viel Kraft und Aufmerksamkeit auf sich gezogen, dass die Lösung der tatsächlichen Probleme, vor denen die deutsche Kanzlerin und ihre Regierung stehen, gelitten hätte.

    Merkel will sich konzentrieren, und dabei hätte der Preis nur gestört. Das Interview mit Anne Will, ebenso wie ihre Rede gestern in Wuppertal haben gezeigt: Alles, was keinen Beitrag zur Lösung der Probleme leistet, wird ausgeblendet. Sind es 800.000 Tausend Flüchtlinge oder 1,5 Millionen? Unwichtig, wichtig allein, es sind sehr sehr viele. Und alle sind einzelne Schicksale.

    Merkels Politikstil wird und sollte Schule machen. Keine großen Worte, gerade keine Visionen, wie ihr hier und da vorgeworfen wird, sondern das Problem in lösbare Aufgaben zerlegen und diese angehen. Und dann schauen, was hilft, wie sich die Lage verändert. Merkel scheint Karl Poppers Entwurf einer Politik der schrittweisen Veränderung der Welt (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde) besser verstanden zu haben als die Sozialdemokraten, für die das Buch eigentlich geschrieben war.

    Dafür braucht Merkel keinen Nobelpreis. Zu gönnen ist er ihr trotzdem, vielleicht in zwanzig Jahren, wenn ihre Art, Politik zu machen, sich durchgesetzt haben wird.

  • Feindkonstruktion. Eine Antwort auf Akif Pirinçci

    Feindkonstruktion. Eine Antwort auf Akif Pirinçci

    Auch bösartige, haltlose, niederträchtige Äußerungen fallen unter die Meinungsfreiheit. Auf einer Kolumnen-Plattform, deren Gründer sich als einzigen Konsens auf die Vielfalt der Standpunkte und freie Meinungsäußerung geeinigt haben, muss man einiges ertragen. Aber das heißt nicht, dass man es einfach hinnehmen muss und sich schulterzuckend wieder den eigenen Themen zuwenden kann, wenn Unterträgliches auf der Online-Plattform, auf der auch die eigene Kolumne erscheint, veröffentlicht wird. Im Gegenteil: Wenn wir Freiheit für die Debatte einfordern, haben wir auch die Pflicht, uns in der Debatte zu Wort zu melden – den Streit zu suchen, wo gestritten werden muss.

    Zu den Behauptungen von Akif Pirinçci in dem Interview, das er Alexander Wallasch vor ein paar Tagen gegeben hat, kann vieles gesagt und gefragt werden. Er reiht ohne die Spur eines Arguments nur wilde Mutmaßungen aneinander. Er gibt keine Begründungen, er nennt keine Fakten. All das kann man ihm vorhalten. Ich will mich aber auf das konzentrieren, was bei Arte-Fakten ohnehin Thema ist, auf die Frage: Was für eine Welt versucht Akif Pirinçci zu konstruieren?

    Pirinçci spricht von „Flüchtilanten“, er bezeichnet die Ankömmlinge als „Jungmänner“, und die, die ihnen als Familien folgen werden, als „Minderintelligenzler“. Was sind das für Begriffe? Wozu dienen sie?

    Ein Feind wird konstruiert

    Bleiben wir beim ersten Wort: „Flüchtlilanten“ soll offensichtlich eine Zusammenziehung aus „Flüchtling“ und „Asylant“ sein. Ich persönlich habe schon mit diesen beiden Worten Schwierigkeiten. Nicht etwa, weil ich auf der Suche nach politisch besonders korrekten Begriffen wäre. „Flüchtling“ ist aus mehreren Gründen nicht stimmig, denn einerseits sind nicht alle, die bei uns Asyl suchen, auf der Flucht, andererseits sind auch die, die vor der Gewalt und Krieg, vor Elend und Not geflohen sind, nun eigentlich nicht mehr auf der Flucht – ihre Flucht ist zu Ende, so hoffe ich, sobald sie bei uns angekommen sind. Asylant – das erscheint mir so merkwürdig unpersönlich und inaktiv. Ich würde gern von Asylsuchenden sprechen.

    Indem Pirinçci von „Flüchtilanten“ spricht, indem er sich ein neues Wort ausdenkt, spricht er diesen Menschen sowohl den Status des Flüchtlings als auch den des Asylanten ab – und entzieht sich gleichzeitig möglicher Kritik an seiner Terminologie, indem er seine Wortkonstruktion nicht einmal erläutert. Vor allem aber anonymisiert er den Begriff weiter. Bei Flüchtlingen und Asylanten haben wir inzwischen konkrete Gesichter, reale Menschen vor Augen, mit seinem Wort schafft Pirinçci das Bild einer „grauen Masse“. Die so bezeichneten Menschen müssen uns noch fremder, noch suspekter sein, als es uns Flüchtlinge oder Asylanten ohnehin schon sind. Die so bezeichneten radikal Fremden (Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen) werden sodann zum Feind gemacht. Es sind „Jungmänner“ – nicht etwa „junge Männer“. Der Begriff funktioniert genauso wie „Gutmenschen“. Aus etwas Angenehmen wird etwas Fremdes, Unverständliches, über das man vor allem weiß, dass man nicht dazu gehört.

    Angst vor der fremden Masse

    „Minderintelligenzler“ geht noch einen Schritt weiter. Jeder, der in der Geschichte aus Fremden Feinden konstruieren wollte, hat sich dieser Methode bedient: Der Fremde wird zu einer vage definierten Masse gerechnet und zur Gefahr erklärt. Zum Feind wird er schließlich, wenn man das „Eigene“ als überlegen, als besser wahrnimmt und darstellt.

    Was damit verhindert werden soll? Die Menschen, die da zu uns kommen, sollen nicht als Einzelschicksale gesehen werden. Sie sollen gerade nicht in ihrer Singularität verstanden werden, sondern als fremder, gefährlicher Haufen auf Distanz gehalten werden. Dazu braucht man solche Massen-Begriffe wie Pirinçci sie verwendet. Man konstruiert sich damit eine Welt, in der man sich selbst umzingelt von bedrohlichen Feinden betrachten kann.

    Wozu tut man so etwas? Ich kenne Pirinçcis Gründe nicht, aber was ich selbst täglich erlebe, ist folgendes: Was ich aus den Medien über das Leben in Flüchtlingslagern erfahre, ist kaum auszuhalten. Was Menschen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan und anderen Orten der Welt durchmachen, ist für mich kaum vorstellbar. Ich sitze selbst im Warmen, habe zu essen und muss weder Krieg noch Gewalt erleiden. Meine alltägliche Gleichgültigkeit gegenüber diesem Leid müsste mich eigentlich an mir selbst verzweifeln lassen. Wie kann ich weiter glücklich sein, wie kann ich mich mit Freunden zum Schwätzchen verabreden, nachdem ich gesehen haben, wie ein kleiner Junge tot an den Strand gespült wurde?

    Ich verschließe die Augen davor, wenigstens für einige Zeit. Ich versuche, eine innere Distanz dazu zu finden. Das habe ich seit Jahrzehnten eingeübt. Ich rede mir ein, dass zu viel Mitleid auch nichts besser macht, dass ich diesen Menschen ohnehin nicht unmittelbar helfen kann.
    Die sicherste Methode aber, dieses Leid nicht an sich herankommen zu lassen, ist, die Betroffenen gar nicht als Menschen sehen zu müssen. Wem es gelingt, die Notleidenden in der Ferne zu radikal Fremden und zugleich zu einer dunklen Bedrohung zu erklären, anzusehen, der kann auch gut damit umgehen, dass sie in ihrem Elend allein gelassen werden. Trotz der Gewissheit, dass wir die Kraft hätten, ihnen zu helfen.

    Pirinçci will nicht helfen und will kein schlechtes Gewissen haben. Er gibt denen eine Stimme, die nicht helfen wollen, weil sie Angst haben, dass sich dadurch irgendwas für sie ändern könnte. Er will ohne Gewissensbisse und Schuldgefühle weiter so leben können, wie bisher, auch wenn in der Ferne die Menschen verhungern, ermordet werden oder sonstwie zugrunde gehen. Er will ihnen ohne Mitleid und Gewissensbisse jede Hilfe verweigern, auch wenn wir ihnen helfen könnten.

     

    (Vielen Dank an Romy Straßenburg für die kritische Durchsicht des Manuskriptes.)

  • Keine Diskussion!

    Keine Diskussion!

    Angewidert sitzt das Publikum vor den Bildschirmen und verfolgt Talkshows und Parlamentsdebatten. Auch wenn man sich damit offenbar gut unterhält, fordert man mehr sachliche Diskussion und den Austausch überzeugender Argumente statt persönlicher Angriffe. Fragt man nach, bekommt man immer wieder zu hören: statt unsachlich zu streiten, sollten Politiker lieber sachlich diskutieren, gemeinsam nach der richtigen Lösung für die anstehenden Probleme suchen. Am besten wäre, so hört man, wenn die Politiker überhaupt auf das emotionslose, objektiv begründete Urteil der Experten aus der Wissenschaft hören würden.

    Eine schöne Theorie

    Wir sollen nicht streiten, das haben uns schon unsere Eltern gesagt, als wir im Sandkasten mit gleichaltrigen um Schippchen und Platz kämpften. Stattdessen sollten wir ausdiskutieren, welche Lösung für alle die beste ist, wir sollten Kompromisse finden, miteinander einen Konsens suchen statt gegeneinander zu kämpfen.

    So etwas nennt man Diskussion. Die Diskussion unterscheidet sich vom Streit: wir finden am Ende des Austausches von Ansichten und Argumenten ein Ergebnis, das für alle akzeptabel ist. Jürgen Habermas hat daraus bekanntlich eine wunderschöne Theorie über den herrschaftsfreien Diskurs gemacht, und da die so friedlich und gerecht klingt, schenken viele ihr Glauben. Seitdem wird die Welt eingeteilt in die Guten, die sachlich und lösungsorientiert diskutieren wollen, und die Bösen, die immer nur streiten.

    Das hohe Ideal der sachlichen Diskussion geht von der Annahme aus, dass die menschliche Vernunft, wenn sie nur richtig angewandt wird, für jedes Problem die richtige Lösung finden kann. Damit das funktioniert, müsste es eine – genau eine – richtige Lösung für jedes Problem geben. Diese Lösung müsste dann jeder vernünftige Mensch einsehen und akzeptieren können.

    Leute, die so etwas glauben, haben nie im Sandkasten gespielt, jedenfalls nicht auf einem öffentlichen Spielplatz. Sie haben auch nie einen Menschen begehrt, der auch von jemandem anders begehrt wurde. Sie haben nie auf den Genuss des letzten Tortenstücks auf dem Tisch spekuliert. Vermutlich lehnen sie Torten aus Gründen der Gesundheit oder des Tierschutzes ab.

    Die wirklichen Probleme

    Es gibt für kaum ein Problem eine richtige Lösung, schon gar nicht eine, die von allen Menschen, die klar denken können, aus rationalen Gründen der Logik und der Wissenschaft zu akzeptieren sei. Manche, die es für ein Problem halten, ein Raumschiff zum Mars zu schicken oder die Messwerte eines PKW beim Abgastest zu manipulieren, werden widersprechen. Aber die wirklichen Probleme der Menschen können durch Diskussionen nicht gelöst werden. Das weiß jeder, der schon mal die Frau des besten Freundes geliebt hat. „Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ schrieb schon der junge Wittgenstein (Tractatus, 6.52).

    Nun könnte man sagen: Die Politik soll sich aus diesen wirklichen Lebensproblemen heraushalten und sich lieber nur um die simplen Fragen kümmern, die dann doch mit der sachlichen Diskussion der kalten Vernunft erledigt werden können. Aber leider sind die meisten unserer Sehnsüchte und Wünsche und auch viele unserer Gewissensentscheidungen von gesellschaftlichen Ressourcen, Verpflichtungen und Einflüssen abhängig. Deshalb können wir kaum ein politisches Thema unabhängig von Emotionen und Begierden betrachten – und somit auch nicht mit Mitteln der logisch-rationalen Vernunft lösen.

    Diskussionen, vor allem die sachlichen, leidenschaftslosen, die eine richtige Lösung für irgendwas erbringen sollen, helfen also im richtigen Leben nicht weiter. Es ist der größte Fehler der modernen Gesellschaft, auf den Sieg der Vernunft zu hoffen, jedenfalls so lange, wie man meint, dass Vernunft sich auf logisch richtiges Schlussfolgern aus Tatsachen und objektiven Gesetzen beschränkt. Der Sieg einer solchen Vernunft wäre immer nur der Sieg von „Vernünftigen“ über die „Unvernünftigen“ – eine kalte Diktatur ohne Gefühl und Leidenschaft.

    Menschliche Vernunft ist ohne Sehnsucht und Gewissen gar nicht denkbar, wer das akzeptiert, kann auch damit leben, dass Diskussionen bei den großen Problemen der Menschen nicht viel bringen. Was aber soll an ihre Stelle treten? Genau das, was da schon steht: Die leidenschaftliche Debatte.

    Probleme werden nicht gelöst

    Eine wirkliche Debatte hat nicht das Ziel, nach der richtigen Lösung eines Problems zu suchen. In der Debatte geht es darum, den fraglichen Konflikt verständlich zu machen, Wünsche und Hoffnungen der debattierenden Personen erkennbar zu machen. Debatten schaffen Identifikationsfiguren. Leute, denen man vertraut, weil sie die gleichen Wünsche haben wie man selbst, oder weil sie in ihren Zielen und Ansichten wenigstens glaubwürdig erscheinen.

    Natürlich gibt es in einer guten Debatte auch Argumente, aber die Logik der Argumentation muss nicht der nackte mathematische Syllogismus sein. In einer Debatte bringt man sich als ganzer Mensch ein, nicht nur den Teil des Geistes, den man eigentlich auch an einen Computer auslagern könnte.

    Eine Debatte ist auch nicht dazu da, seine Gesprächspartner zu überzeugen, ihnen ihre Fehler nachzuweisen oder gar eines Besseren zu belehren. Am Ende der Debatte wird im besten Falle klar, warum jemand einen Standpunkt vertritt. Und wenn man das verstanden hat, dann kann man auch damit leben, mal in einer strittigen Frage zu unterliegen – um beim nächsten Mal mit mehr Leidenschaft und scharfen Argumenten eine neue Chance für die eigene Sache zu bekommen.
    (Vielen Dank an Romy Straßenburg für die kritische Durchsicht des Manuskriptes.)

  • Wolfgang Kubicki: Wir brauchen eine Stärkung der Debattenkultur

    Wolfgang Kubicki: Wir brauchen eine Stärkung der Debattenkultur

    Jörg Friedrich: Herr Kubicki, in Blogs, auf Social-Media-Plattformen und auf den Online-Portalen der großen Zeitungen, überall im Internet findet inzwischen eine Debatte zu den großen Themen unserer Gesellschaft statt. Welche Chancen sehen Sie in der „Demokratisierung der Debatte“, wie wir sie in der Online-Welt seit ein paar Jahren erleben?

    Wolfgang Kubicki: Da sehe ich aktuell noch mehr Schatten als Licht. Denn es muss in der Vergangenheit ja einen Grund gehabt haben, warum Kommentatoren, beispielsweise in den Printmedien, dafür bezahlt wurden, ihre Meinung auf einer gewissen fachlichen Grundlage öffentlich zu verbreiten. Was wir derzeit erleben, ist leider viel zu häufig eine Verflachung der öffentlichen Debatte, wenn in Online-Portalen eher die Phrase und das Vorurteil als das Argument die Diskussion dominiert. Insofern klingt für mich der Begriff „Demokratisierung der Debatte“ ein wenig nach Schönfärberei: Heißt das nicht auch, dass die vielzählig auftretenden Pöbeleien und Anfeindungen im Netz ein hinzunehmender Bestandteil einer Demokratisierungskultur wären? Das wäre dann mit Sicherheit kein Fortschritt.

    Ich muss außerdem feststellen, dass die Aussicht für jedermann auf Teilhabe am Diskussionsprozess nicht dazu geführt hat, dass das allgemeine Interesse an Politik zugenommen hat. Denn die Wahlbeteiligung sinkt kontinuierlich. Um dieses Problem zu bekämpfen, brauchen wir eine Stärkung der Debattenkultur in den Parlamenten. Das wäre aber ein anderes Thema.

    JF: Aber auch interessant. Zumal die Debattenkultur in den Parlamenten, vor allem aber auch die in den Talkshows, in denen sich Parlamentarier ja genauso oft treffen wie im Plenum, auf die gesamte öffentliche Debatte ausstrahlt. Wie sähe denn eine gestärkte politische Debatte unter Parlamentariern für Sie aus?

    WK: Eine gestärkte politische Debatte fände wieder hauptsächlich in den Parlamenten statt. Ich kann mich noch gut an die großen Debatten im Deutschen Bundestag – zum Beispiel über die Neue Ostpolitik – erinnern, die live im Fernsehen übertragen wurden und über die man in der Familie oder im Freundeskreis anschließend kontrovers diskutiert hat. Man hatte zudem bei gestandenen Politikern wie Frank Josef Strauß, Herbert Wehner oder Wolfgang Mischnick noch den Eindruck, dass es wirklich um die Sache geht. Die heutige Debattenkultur im Bundestag empfinden viele Menschen zu Recht nur noch als kühl. Der Eindruck ist fatal, dass die Parlamentsreden lästiges Beiwerk sind und schon längst gefällte Entscheidungen damit rhetorisch umhüllt werden. Wir müssen wieder dazu kommen, dass sich das bessere Argument im parlamentarischen Ringen um die beste Lösung durchsetzen kann.

    JF: Die Debatte im Netz lebt von den Artikeln, Kolumnen und Postings der Autoren, aber auch von den Kommentaren der Leser. Sowohl die einen als auch die anderen sind in der Veröffentlichung ihrer persönlichen Meinungen oft nicht zimperlich. Wo sollten die „Grenzen des Erlaubten“ liegen?

    WK: Die Grenzen sind bereits heute gesetzlich festgelegt – z.B. wenn es um Beleidigungen, Verleumdungen oder üble Nachrede geht. Wichtig ist, dass Übertretungen dieses gesetzlichen Rahmens konsequent verfolgt werden. Abgesehen davon können wir aber feststellen, dass die überschießende Energie, die in Online-Debatten manchmal an den Tag gelegt wird, häufig in der direkten politischen Auseinandersetzung fehlt.

    JF: Einen Mangel an überschießender Energie kann man bei öffentlichen Auftritten von politischen Mandatsträgern doch eigentlich nicht feststellen! Viele beklagen doch gerade die überschießende Unsachlichkeit der Diskussion. Wo sehen Sie da einen Mangel?

    WK: Wir müssen hier klar unterscheiden zwischen der Energie, die von vielen Mandatsträgern in die persönliche Repräsentation gesteckt wird und der Energie, die aufgewendet wird, um die Lösung einer schwierigen politischen Streitfrage mit Argumenten zu untermauern. Im erstgenannten Fall liegt das Ausweichen in die Unsachlichkeit nahe. Im letztgenannten Fall ist Sachlichkeit die unverrückbare Bedingung.

    JF: Überwiegt in Ihren Augen im Moment das Konstruktive oder das Destruktive in den Online Debatten? Wie kann das Konstruktive befördert werden?

    WK: Es kommt auf das entsprechende Medium an: In manchen ist das Destruktive stärker, während viele andere die öffentliche Debatte durchaus befruchten und – etwas technisch ausgedrückt – einen wirklichen Mehrwert bringen. Klar ist allerdings, dass wir es im Internet mit einem sozusagen „anarchischen Kommunikationsraum“ zu tun haben, bei dem alles erlaubt ist, was sich im weiten Schutzbereich von Artikel 5 Grundgesetz bewegt. Und in dem verfassungsrechtlich garantierten Bereich der Meinungsfreiheit ist vieles denkbar, was letztlich destruktiv auf eine Debatte wirken kann. Vor diesem verfassungsrechtlichen Hintergrund bleiben uns eigentlich nur Appelle an die Vernunft eines jeden Einzelnen, wenn wir wollen, dass konstruktive Beiträge in eine Debatte eingebracht werden.

    JF: Was bedeutet für Sie „Professionalität“ auf Debatten-Plattformen?

    WK: Professionalität heißt für mich, dass in Kenntnis der Möglichkeiten und Schwächen des entsprechenden Mediums die Möglichkeiten ausgeschöpft und Fehler vermieden werden. Gerade im Online-Bereich haben wir den großen Vorteil, dass Informationen schnell und weltumspannend verbreitet werden können. Bei einer solch enormen Reichweite wäre es gut, wenn diese Informationen dann auch stimmen.

    JF: Was sind die großen Themen der Debatte heute? Und welche Themen sollten langfristig debattiert werden?

    WK: Ich glaube nicht, dass sich die Themen on- und offline so wahnsinnig voneinander unterscheiden. Aktuell kommen wir weder im Netz noch bei den klassischen Medien an dem großen Flüchtlingsthema vorbei. Diese Frage wird uns auch die kommenden Monate und Jahre beschäftigen, wenn es um die Bewältigung der Integrationsaufgabe geht. Hier kann die Diskussion über konstruktive Lösungen schon heute nicht schaden.

    JF: Das Thema „Flüchtlinge“ ist in der Tat unübersehbar. Es ist andererseits ein weites Feld. Was muss da Ihrer Meinung nach debattiert werden?

    WK: Im Grunde genommen alles, was mit der Integration der Flüchtlinge zu tun hat. Vor allem muss es darum gehen, wie wir den Spagat hinbekommen zwischen unserer humanitären Verpflichtung, die sich aus dem Grundgesetz ableitet, und den steigenden administrativen, wirtschaftlichen und innenpolitischen Anforderungen, die wir durch die hohe Zahl an Flüchtlingen zu bewältigen haben. Diese Diskussion wird in jedem Fall kontrovers geführt werden – aber das ist ja die Bedingung dafür, dass wir am Ende zu einer umsetzbaren Lösung kommen.

     

    Wolfgang Kubicki ist Stellvertretender Vorsitzender der FDP und Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein.

  • Thomas Vašek: Experiment Online-Debatte

    Thomas Vašek: Experiment Online-Debatte

    Jörg Friedrich: Herr Vašek, Sie haben in den vergangenen Monaten mit Ihrem Hashtag #SchlussMitHeidegger in Hohe Luft und bei Facebook selbst eine große Online-Debatte ausgelöst und befeuert. Welche neuen Chancen sehen Sie in solchen Debatten?

    Thomas Vašek: Für mich sind Online-Debatten immer Experimente. Was kann man im digitalen Raum machen, wie reagieren die Leute? Das Netz ist zunächst mal für mich ein faszinierendes Forum für eine Philosophiezeitschrift, etwas auszuprobieren, weil wir schnell sehen, wie die Leser reagieren. Diese Reaktionen haben Online Besonderheiten, die man aus Print nicht kennt.

    Im Fall der Heidegger-Debatte gab es ja zunächst den Beitrag von mir im Heft. Dann hat sich die Frage gestellt, was kann man damit online machen. Spontan kam die Idee, mit dem Hashtag eine kleine Aktion zu starten. Das Schöne ist, dass es auf diese Weise möglich war, das Heidegger-Thema ganz schnell und auf eine provokative Art und Weise in den philosophischen Netz-Diskurs hineinzuschießen. Man konnte die Reaktionen in Echtzeit beobachten: Verstörung, Irritation, Ablehnung, denken Sie an Ihre eigene negative Reaktion bei Facebook. Das Tolle war, dass wir damit ganz schnell eine Provokation auslösen konnten, die wir in Print nicht hätten erreichen können.

    JF: Aber schadet nicht diese Schnelligkeit, die online möglich ist und auch erwartet wird, der Tiefe der philosophischen Debatte?

    TV: Das ist ein sehr guter Punkt. Ich hatte ja gesagt, für mich sind diese Online-Debatten Experimente, aus denen man auch lernt. Ich würde so einen Hashtag wie #SchlussMitHeidegger heute wohl nicht mehr machen, aufgrund dieser Erfahrungen. Das heißt nicht, dass es verkehrt war, es hat etwas ausgelöst, es hat Reaktionen provoziert. Aber Sie haben völlig Recht, dass gerade bei philosophischen Themen durch das Provokative und den Zwang zur Schnelligkeit auch die Gefahr besteht, dass eine wirkliche Diskussion erschwert wird.

    Im Prinzip steckt in Online-Plattformen im Netz für die Philosophie aber das Potenzial, die Athenische Agora wiederzubeleben. Das sage ich nicht, weil es gut klingt. Allerdings gibt es eben auch Einschränkungen.

    JF: Sie haben in der Heidegger Debatte ja eine Kombination aus Beiträgen von Experten und Online-Diskussionen gewählt.

    TV: Es gab in der Heidegger-Debatte ja zuerst den längeren Beitrag von mir und dann einige Monate später einen Schwerpunkt im Heft rund um die Siegener Tagung. Da hat sich gezeigt, dass es für eine zweimonatig erscheinende Zeitschrift wie Hohe Luft ganz schwierig ist, eine solche Diskussion nur im Print zu führen. Schon zum ersten Beitrag gab es eine Vielzahl von Kommentaren, das hat sich dann noch verstärkt rund um die Siegener Tagung. Es gab einen großen Bedarf, auch von Fachleuten, sich zu Heidegger zu äußern. Im Print haben wir nur eine begrenzte Seitenzahl. Außerdem interessiert das Thema Heidegger zwar viele, aber doch nicht alle Leser.

    Wir haben uns deshalb entschieden, nur einen Teil der Beiträge im Print zu bringen, und auch die mit einem deutlichen Verweis auf die Online-Diskussion. Viele Beiträge haben wir nur online veröffentlicht. Die Hoffnung war, dass die Leser, die sich dafür interessieren, die Diskussion online weiter verfolgen, verbunden mit der Möglichkeit, online einen argumentativen philosophischen Schlagabtausch zu führen. Das funktioniert bis zum heutigen Tage ganz gut. Ich habe hier schon wieder die neueste Antwort von Richard Wolin auf das Interview mit dem Verleger Klostermann – da müssen wir schon aufpassen, dass man es nicht übertreibt. Aber die Dynamik, die man da erzeugen kann, ist schon toll. Das fordert die Philosophen, die Fachleute, natürlich auch. Man kann sich für das Verfassen eines gediegenen Beitrags nicht zwei Monate Zeit lassen. Das ist etwas Neues. Wenn etwa Sidonine Kellerer auf Trawny reagiert oder umgekehrt, dann haben die Leute die Möglichkeit, schnell zu reagieren, anderseits eben auch den Druck, das zu tun.

    JF: Nun kann man natürlich fragen, ob das der philosophischen Debatte gut tut. Heidegger ist ein Thema, das uns seit Jahrzehnten beschäftigt und das uns noch lange beschäftigen wird. Da kommt es doch auf zwei Monate nicht an! Ist es wirklich notwendig, da so ein Tempo reinzubringen, wie es in einer Online-Debatte zwangsläufig entsteht?

    TV: Ja, gut, ich kann Sie schon verstehen. Meine Antwort hat zwei Teile. Die journalistische Antwort auf Ihre Frage ist: Das Thema ist nun mal aktuell und wenn Sie im Netz die Möglichkeit haben, etwas dazu zu machen, sehe ich keinen Grund, der dagegen spricht.

    Das zweite ist das Grundsätzlichere, das auch über die Heidegger-Diskussion hinausgeht. Die Geschwindigkeit des Netzes verbunden mit der sofortigen und universellen Verfügbarkeit der Artikel, die nun nicht in irgendwelchen schwer zugänglichen Fachzeitschriften stehen, sondern im Netz für jeden einsehbar sind, erzeugt natürlich einen Druck. Ich gebe Ihnen völlig Recht, dass darin auch ein gewisses Risiko liegt.

    Ich will Ihnen aber sagen, dass das auch in der Eigenverantwortung der Akteure liegt, sich auf diese Schnelligkeit einzulassen oder das eben nicht zu tun. Peter Trawny etwa hat sich entschlossen, auf den polemischen Beitrag von Sidonine Kellerer nicht zu reagieren, obwohl wir es ihm angeboten haben. Richard Wolin hingegen reagiert sofort darauf. Da muss eben jeder selbst entscheiden, was für ihn angemessen ist. Das ist auch ein psychologisches Problem. Und die Intellektuellen, die Philosophen insbesondere, waren es eben bisher auch nicht so gewohnt, mit ihren Beiträgen so exponiert zu sein. Wenn etwa der Verleger Klostermann jetzt im Netz seine Heidegger-Ausgabe verteidigt und damit aber auch angreifbar wird für jeden, der da draufklickt und meint er hätte was dazu zu sagen.

    JF: Das kann ja durchaus auch der Lebensnähe der Philosophie förderlich sein, wenn man so herausgefordert wird.

    TV: Ja, das glaube ich schon. Dieser Druck, der da entsteht, hat eben eine negative und eine positive Seite. Es entsteht auch ein Druck, sich anders, verständlicher, klarer auszudrücken, als man das in einer Fachpublikation tun würde. Außerdem sind die Beiträge im Netz ja auch deutlich kürzer, weil die Leute wissen – das ist jedenfalls die allgemeine Überzeugung – das Artikel im Netz nicht zu lang sein dürfen. Das zwingt die Diskutanten dazu, sich kurz und prägnant auszudrücken und auf die 50 Fußnoten, die sie gern gemacht hätten, zu verzichten.

    JF: Gutes Stichwort: Wir machen ja hier ein Interview, das online veröffentlicht wird. Deshalb müssen auch wir uns kurz und prägnant halten. Letzte Frage. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigen Themen, die in der Online-Debatte jetzt und in Zukunft eine Rolle spielen werden?

    TV: Es wird Sie nicht überraschen, wenn sage, dass das Flüchtlingsthema ganz weit vorne steht. Philosophisch heißt das, dass wir über das Fremde und das Eigene, über Identität und Toleranz diskutieren müssen.

    Das andere ist, dass wir selbstreflexiv im Netz über das Netz diskutieren müssen. Wie kriegen wir den Hass, vor allem den Fremdenhass aus dem Netz raus? Welche Funktion hat das Netz überhaupt? Es wird sich die Frage stellen, in welche Richtung wir solche Diskussionen auf zivilisiertem Niveau führen.

    Weiterhin wird uns die Digitalisierung aller Lebensbereiche beschäftigen. Das ist ja auch ein Thema, das Sie umtreibt…

    JF: Abschließend: Wir werden diese Debatten sicherlich auch bei DieKolumnisten führen, wie denken Sie über eine Plattform, die Debatte zu ihrem Schwerpunkt macht?

    TV: Online-Debatte ist ja vor allem auch eine Sache, die Spaß macht. Den Spaßfaktor darf man nicht unterschätzen. Deshalb freue ich mich über das Entstehen dieser Plattform. Man hat ja bei Online-Debatten immer den Eindruck, dass sich da richtig was tut. Erinnern Sie sich an unsere Facebook-Diskussion über Heidegger, auch wenn nur 10 Leute dabei waren, man wartet immer gebannt auf die Reaktion des anderen. Das kann richtig Spaß machen.

    Thomas Vašek ist Chefredakteur der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft.

    Die hier erwähnten Beiträge zur Heidegger-Debatte von Thomas Vašek, Sidonine Kellerer, Peter Trawny und Richard Wolin kann man auf der Homepage von Hohe Luft nachlesen.