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  • Schweigen müssen ist Strafe

    Erneut steht der Tag, an dem Beate Zschäpe im NSU-Prozess aussagen will, kurz bevor. Schon lange wird über die Frage diskutiert, ob die Hauptangeklagte reden will, was das für Auswirkungen hat und ob sie nicht lieber schweigen sollte. Ihr anfangs recht gutes Verhältnis zu den drei Pflichtverteidigern hat sich wohl nicht zuletzt deshalb dramatisch verschlechtert, weil die Anwälte ihre Mandantin davon abhalten wollten, zu reden.

    Eine einfache Rechnung

    Für die Juristen ist die Sache klar: Das Risiko, dass die Angeklagte ihre Situation mit einer Aussage nur schlimmer macht, ist so hoch, dass sie lieber schweigen sollte. Sie könnte Dinge sagen, die sie selbst belasten. Sie könnte sich in Widersprüche verwickeln, vielleicht nicht mal, weil sie lügt, sondern weil sie sich falsch erinnert, weil sie Zeiten und Orte durcheinanderbringt, nicht zuletzt, weil ihre eigenen Erinnerungen durch das, was bisher im Prozess gesagt und behauptet wurde, trügerisch geworden sein könnten. Also sollte Zschäpe, im eigenen Interesse, lieber schweigen.

    Dabei gehen die Anwälte, und mit ihnen die meisten Medien und Kommentatoren, ja, der große Teil der Öffentlichkeit von einer einfachen Rechnung aus: Die Strafe, die Zschäpe letztlich zu verbüßen hat, wird in Jahren gemessen. Die Zahl der Jahre, die die Angeklagte eingesperrt hinter Gittern verbringen muss, ist sozusagen das direkte Maß für die Strafe, die sie verbüßen muss.

    Strafe und Strafmaß

    Vielleicht haben wir als moderne Gesellschaft auch gar keine andere Möglichkeit, als die Strafe für ein Verbrechen auf ein Maß zu bringen, das man eben in Zahlen angeben kann. Wie sollten wir sonst beurteilen oder sogar einen Konsens darüber herstellen, welche Strafe für welche Untat angemessen ist? Durch das Strafmaß können wir vergleichen, wir können darüber diskutieren, ob es etwa böser ist, als Spitzensportler Dopingmittel zu nehmen oder als Führungskraft etwas zu unterschlagen, für beides sieht das Strafgesetzbuch ungefähr die gleiche Bestrafung vor.

    Aber wir wissen aus dem alltäglichen Sprachgebrauch auch, dass die Strafe, die einen Täter wirklich trifft, nicht mit der Zahl der Jahre im Gefängnis oder der Geldsumme, die er zu zahlen hat, identisch ist. „Die ist schon genug gestraft…“ oder „Das ist keine wirkliche Strafe für den…“ sind so typische Formulierungen, mit denen wir zugeben, dass Strafe sich nicht in Zahlen messen lässt.

    Die Strafe trifft

    Denn eine wirkliche Strafe trifft den Täter, und die gleiche Bestrafung trifft verschiedene Menschen ganz unterschiedlich. Es kann sein, dass es dem einen völlig egal ist, dass er Jahre im Gefängnis verbringt, während ein anderer dort zugrunde geht und ein Dritter schon etwa durch die Begegnung mit dem Opfer der Tat und mit der Erkenntnis, dass das Opfer ihm nicht vergeben kann, unendlich gestraft ist.

    So kann es auch eine Strafe sein, schweigen zu müssen, sich nicht äußern zu sollen in einem Strafprozess, weder zur eigenen Entlastung, noch, um Schuld eingestehen zu können. Wir wissen noch nicht, was Zschäpe in der nächsten Woche aussagen will, und ganz bewusst erscheint dieser Text, bevor wir das erfahren und darüber reden können. Denn für meine Überlegung hier ist der konkrete Fall nur der Anlass, nicht der Gegenstand.

    Schweigen zu müssen, das kann sich für einen Menschen zu einer unerträglichen Belastung entwickeln – so groß, dass es jede mögliche Dauer einer Gefängnisstrafe übersteigt. Deshalb lässt sich von außen gar nicht sagen, ob es für eine konkrete Person auf der Anklagebank richtig oder falsch ist, auszusagen. Wir sind unfähig, eine Strafe ohne Zuhilfenahme einer Maß-Zahl zu beurteilen. Das heißt aber nicht, dass in den Zahlen irgendeine objektive Wahrheit über die Höhe einer Strafe steckt. Für Zschäpe mag es richtig sein, jetzt eine Aussage zu machen, auch wenn sich dadurch ihr Aufenthalt im Gefängnis verlängert. Ob man es ihr gönnt oder nicht – dadurch, dass sie redet, sinkt ihre Strafe wohl in jedem Fall wieder auf ein Maß, das für sie erträglich ist.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die merkwürdigen Forschungsergebnisse zur Smartphone-Sucht.

  • Keine Angst vor Smartphone-Sucht

    Das Abendland wird untergehen, wenn wir nicht endlich unsere Smartphone-Nutzung einschränken! Zu dieser Einschätzung kann man kommen, wenn man manchen Berufsmahnern in den Medien Glauben schenkt. Vor allem die jungen Leute starren ja nur noch auf ihre Mobiltelefone und nehmen ihre Umwelt gar nicht mehr wahr. Sie reden nicht mehr miteinander, sondern surfen nur noch im Internet. Wo soll das nur hinführen?
    So reden nicht nur die ganz alten Leute oder offensichtliche Technik-Muffel, sondern inzwischen auch Wissenschaftler. Und wenn die uns schon warnen, dann muss es doch wirklich schlimm sein, oder?

    Ein Forschungsprogramm

    Schauen wir uns einmal ein aktuelles Forschungsprogramm zu diesem Thema an. An der Universität in Bonn kam Alexander Markowetz auf eine tolle Idee, um unser Nutzungsverhalten bezüglich der Smartphones zu erforschen. Man stellte eine App zum Herunterladen bereit, die alle Nutzungs-Aktivitäten am Gerät aufzeichnet und an einen Server sendet. Diese Daten haben Markowetz und seine Kollege dann ausgewertet und sind zu erschreckenden Ergebnissen gekommen: Drei Stunden am Tag nutzen wir unser Smartphone inzwischen! Das ist nur eine von vielen alarmistischen Behauptungen, die als Forschungsresultate inzwischen die Medien erreicht haben.

    Nun ist der Ansatz der Datenerhebung zunächst mal, nun ja, überraschend. Man stelle sich vor, man stellt sich etwa an einen Zigarettenautomaten und bittet jeden, der da Zigaretten zieht, mal seinen Tabakkonsum zu protokollieren. Kann man daraus ableiten, ob die Gesellschaft dem Tabak verfallen ist oder nicht? Wohl kaum.

    So ähnlich ist es auch hier. Als Probanden kommen zunächst mal nur Smartphone-Besitzer in Frage. Aber nicht nur das: Sie müssen auch von der Möglichkeit, diese Protokoll-App herunterzuladen, gehört haben. Sie müssen dazu bereit und in der Lage sein, die App herunterzuladen und zu installieren. Sie müssen eine gewisse Vertrautheit mit dem haben, was die App macht, damit sie nicht aus Misstrauen davon absehen, sich diese App zu laden. Und sie müssen ein gewisses Interesse an den Ergebnissen haben.

    Ein ganz gewöhnlicher Smartphone-Nutzer, der vielleicht telefoniert, SMS schreibt, hin und wieder gar nach dem Wetter schaut, wird das alles nicht tun. Und jemand, der gar kein Smartphone besitzt, natürlich schon gar nicht.

    Nichtssagende Ergebnisse

    Die Ergebnisse sagen also über das allgemeine Smartphone-Benutzungsverhalten in der Bevölkerung gar nichts. Sie sagen nur: Leute, die Smartphone-Apps nutzen, nutzen Smartphone-Apps.

    Die Studie, die die Wissenschaftler um Markowetz veröffentlicht haben, ist voll von solchen tiefschürfenden Erkenntnissen. Etwa: Extrovertierte Menschen nutzen WhatsApp mehr als introvertierte Menschen. Das klingt im wissenschaftlichen Englisch natürlich viel gewichtiger:

    From a perspective of a personality psychologist, we observed that Extraversion is of high importance in understanding WhatsApp usage. In keeping with earlier smartphone studies on Extraversion and call behaviour (e.g. [16], [20]), extraverts also use WhatsApp for longer durations compared with introverts. This was hypothesized, because extraverts usually reach out more often to their social networks than introverted individuals.

    Sollen wir sie spielen lassen?

    Natürlich könnte man sagen: Lass sie doch spielen, die Wissenschaftler an den Unis. Schließlich sollen die Studenten lernen, wie man Apps baut, außerdem haben sie ein bisschen statistische Methoden angewendet und ein sauberes Paper draus gemacht, das zur Veröffentlichung kam.

    Aber die Geschichte ist damit ja leider noch nicht vorbei. Denn mit ihren bahnbrechenden und zugleich so erschreckenden Erkenntnissen haben unsere tapferen Forscher sich an die Öffentlichkeit gewandt – schließlich will man sich mit aller Macht dagegen wenden, dass wir in Digitaler Demenz versinken. Schon vor einem Jahr erschien der erste Zeitungsbericht, und in den letzten Monaten kam Markowetz in fast allen seriösen Medien zu Wort.

    Dort fand man natürlich nichts über den fragwürdigen Forschungsansatz und die dürren Resultate. Stattdessen lesen wir da Warnungen vor der Smartphone-Sucht und kluge Hinweise, wie man sich vor ihr schützen kann. Wissenschaftler haben was festgestellt, etwas sehr schlimmes noch dazu, etwas, was uns alle betrifft und wovor man warnen, warnen, warnen muss. Wer wird da kritisch nachfragen.

    Ein Buch hat er geschrieben

    Fragen kann man natürlich, warum ein junger Juniorprofessor (in den Medien wird der Junior natürlich weggekürzt, damit wir nicht auf falsche Gedanken kommen) so plötzlich allen Medien Rede und Antwort steht. Ein Buch hat er geschrieben, der tapfere Kämpfer gegen die Smartphone-Sucht! Ein „digitaler Burnout“ drohe uns nämlich. Jawohl.

    Jetzt mal ganz ehrlich: Natürlich nutze ich (obwohl ich schon 50 bin) mein Smartphone mehrere Stunden am Tag. Das liegt daran, dass ich damit so vieles machen kann, wofür ich zuvor ganz verschiedene Dinge brauchte: Briefe schreiben, mich verabreden, Zeitung und Bücher lesen, spielen, Musik hören, nach der Uhrzeit sehen, Rechtschreibung und Wortbedeutungen und Übersetzungen nachschlagen. Dann kommt dazu, dass ich mit dem Smartphone auch in Situationen etwas Sinnvolles machen kann, in denen ich früher einfach rumstand oder herumsaß und wartete. Das ist für mich wahrlich kein Grund zum Weinen.

    Soll Markowetz sich über seine mediale Präsenz freuen, bestimmt schafft er es auch noch zu Anne Will. Soll er reich werden mit seinem Buch. Ich bin sicher: Die alarmistische Allianz aus Wissenschaftlern und Medien wird uns genauso erhalten bleiben wie die Techniker und Unternehmer, die uns immer mal wieder mit einem neuen Stück Technik eine Freude machen.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über das Wesen der Religionen.

  • Guter Gott? Böser Gott?

    Terror zu Ehren eines Gottes oder im Namen einer Religion erschüttert die Welt. Im Namen Gottes sind Kriege geführt worden, wurden Menschen als Hexen und Ketzer verbrannt, Kulturen ausgelöscht. Kunstwerke und steinerne Zeugnisse alter Zivilisationen wurden aus vorgeblich religiösen Gründen zerstört. Auf der anderen Seite kennt die Geschichte auch Menschen, die gerade durch ihren Glauben fähig waren, gutes zu leisten, dem Bösen zu widerstehen. Der Glaube hat in dunklen Zeiten die Menschen stark gemacht, Anderen, Schwächeren und Unterdrückten zu helfen. Im Namen jeder Religion sind schon große Werke der Kunst geschaffen worden, und viele gute, uneigennützige, aufopfernde Menschen ziehen aus dem Glauben die Kraft für ihre tägliche Arbeit.

    Was ist überhaupt Religion?

    Um zu verstehen, wie diese widersprüchliche Wirkung von religiösen Überzeugungen möglich ist, muss man sich vielleicht erst einmal fragen, was Religion überhaupt ist. Man kann ja ohne Schwierigkeiten verschiedene Religionen aufzählen, Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus. Man weiß irgendwie, dass man mit all diesen Begriffen Religionen bezeichnet. Aber weder ist klar, ob man damit eine Menschengruppe, eine Organisation, Gebäude und Orte oder irgendwelche Regelwerke bezeichnet, noch weiß man, was all diese Religionen gemeinsam haben, damit wir sie von anderen sozialen Erscheinungen, z.B. Sportarten, Kunstgattungen, politischen Gebilden, unterscheiden können.

    Wann also ist etwas eine Religion, und um was handelt es sich dabei?

    Glaube, Kult, und Autorität

    Religionen können wir aus drei Perspektiven betrachten, die in irgendeiner Form bei allen von ihnen ausgeprägt sind. Da gibt es zuerst mal einen Glauben an eine Transzendenz. Das kann ein Gott sein oder eine ganze Götterwelt, aber auch eine Welt der Ahnen oder der Seelen aller Menschen. Ein religiöser Glaube ist von etwas überzeugt, was jenseits unserer Erfahrung existiert, unseren alltäglichen Sinnen aber nicht zugänglich ist, jedenfalls nicht so, dass wir einfach darauf zeigen könnten und zu jemandem anders sagen können: Siehst du das? Hörst du das auch?

    Zwar spricht man auch vom Transzendenten so, man betrachtet etwa ein religiöses Bild oder ein Bauwerk und sieht darin das Göttliche. Oder man sieht es in einem Naturschauspiel. Vielleicht sieht man es auch, wenn man ein altes Paar beobachtet, bei dem einer den anderen stützt. Aber jeder weiß, dass dann nicht das bloße Augenaufreißen und Ohrenaufsperren genügt, dass da mehr Sinne gebraucht werden, als die, deren Wirkung wir physikalisch beschreiben können.

    Gerade weil wir das Transzendente nicht sehen, hören oder riechen können, gehört zum Glauben auch die Überzeugung darüber, wie dieses Transzendente mit uns in Kontakt kommt, etwa über einen Zeugen, der vom Transzendenten inspiriert wurde, und der uns das Transzendente sehen gelehrt hat. Diesen Zeugen nennt man dann Prophet, Gottes Sohn oder Apostel. Auch Überzeugung, dass das Transendente direkt zu jedem Einzelnen spricht, etwa in der Erkenntnis des Guten und Schönen, oder im Gewissen, gehört zu diesem Teil des Glaubens.

    Der zweite Aspekt der Religion ist der Kult, das gemeinschaftliche, choreografierte Glaubenserlebnis. Die Handlungen, mit denen man sich des Glaubens versichert, und die der Glaube als richtiges Wirken in der Welt vorgibt, gehören zum Kult. Ist der Glaube mit einem oder mehreren inspirierten Vermittlern der Transzendenz verbunden, dann ist der Kult zumeist in einem schriftlichen Regelwerk festgelegt, er kann aber auch durch Tradition gelehrt und weitergegeben werden. Wie auch immer, Regelwerke sind immer Gegenstand der Interpretation, sie müssen von jeder Generation und an jedem Ort neu gedeutet werden. Auch wenn die Autoren vom Transzendenten inspiriert waren, haben sie die Sprache einer bestimmten Zeit und Gegend genutzt, sie haben an die Erfahrung der Menschen in ihrer Umgebung angeknüpft.

    Somit gibt es nicht nur große inspirierte Erst-Vermittler der Religionen, die Propheten, die Evangelisten oder andere, sondern im Laufe der Geschichte einer Religion auch große, bedeutende Interpreten. Es ist klar, dass verschiedene Menschen in einem Glauben übereinstimmen, aber die Regeln für den richtigen Kult unterschiedlich interpretieren und in ihrer konkreten Umwelt unterschiedlich ausdeuten.

    Die Choreographie des Kults wird in den Religionen organisiert, ihre Weitergabe wird gelehrt, Autoritäten werden definiert. Es entstehen Institutionen, etwa Gemeinden und Kirchen, in denen die Autoritäten stabilisiert werden. Autoritäten entlasten den Einzelnen von der Notwendigkeit, selbst herauszufinden und detailliert zu prüfen, was der richtige Kult ist. Institutionalisierte Autoritäten erklären dem religiösen Menschen, warum sein Glaube in genau bestimmter Weise in einem Kult praktiziert werden kann, und warum die Institution, die die Autorität vertritt, der richtige Ort ist, um den Kult zu praktizieren

    Wiederum ist offensichtlich, dass zwei Menschen, die den gleichen Glauben haben und auch einen gleichen oder ähnlichen Kult praktizieren, noch längst nicht die gleichen Autoritäten akzeptieren müssen.

    Religionen sind also einerseits Überzeugungen, die bestimmte konkrete Menschen haben, und die sich nicht in einfachen Beobachtungen der Welt bestätigen oder widerlegen lassen. Anderseits sind es Handlungen, die gemeinsam praktiziert und von Gemeinschaften gepflegt und weitergegeben werden. Drittens sind Religionen Institutionen, die Autoritäten stabilisieren und Zugehörigkeiten definieren. Religionen können wir als Hybride aus individuellen Überzeugungen, ritualisierten Handlungen und autoritären Institutionen ansehen.

    Nebenbei sei an dieser Stelle kurz bemerkt, dass auch andere Phänomene des Gesellschaftlichen religiöse Züge aufweisen, wenn sie die skizzierte hybride Struktur aus Glauben, Ritual und Institution zeigen.

    Gleichzeitig zeigt sich, dass jede Religion, wenn sie erst einmal alt genug ist, ganz selbstverständlich zu einem vielfältigen, inkonsistenten, schillerndem Gebilde wird, das notwendig widersprüchlich erscheinen muss, wenn man es als solitäre, klare Struktur ansehen will, das einfache Ursache-Wirkungs-Prozesse auslöst. Wenn man etwa meint, dass die Anweisungen und Vorschriften eines heiligen Werkes einer Religion zwingend zu bestimmten Verhaltensweisen der Gläubigen führen müssen, wird man der schillernden Vielfalt einer Religion nie gerecht.

    Bibelzitate und Koranverse sind kein Beweis

    Es sind heute weniger die Gläubigen, die eine wörtliche Auslegung und ein buchstäbliches Befolgen von Bibelzitaten oder Koranversen fordern, als die Religionskritiker. Sie sammeln Suren und meinen, daraus etwa die kriegerische Ausrichtung des Islam ableiten zu können. Sie lesen die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments und meinen, dass diese von der modernen Naturwissenschaft widerlegt worden ist.

    Bekanntlich gibt es in jeder Religion fundamentalistische Auslegungen, die die heiligen Schriften, in denen ihr Glauben zuerst bezeugt wurde, in ihrem Wortlaut buchstäblich auffassen und als simple, unmittelbare Handlungsvorschrift nehmen wollen. Das führt fast automatisch zu einer Ablehnung der gegenwärtigen Gesellschaften, denn der Wortlaut eines Textes, der Jahrhunderte oder Jahrtausende alt ist und in einer ganz anderen Umgebung für Menschen mit ganz anderer Erfahrung aufgeschrieben wurde, kann nicht wörtlich auf unsere Welt passen, sei er inspiriert von einem Gott oder nicht. Der Gott, den wir uns auf diese Weise vorstellen, muss fast notgedrungen als böser Gott erscheinen, der fordert, die heutige Welt abzulehnen oder gar zu bekämpfen.

    Den meisten Gläubigen ist das jedoch bewusst. Sie suchen in den alten Texten und in den überlieferten Kulten den Geist des inspirierenden Gottes und sie wissen, dass die Menschen, die die Texte in menschlicher Sprache aufgeschrieben, weitergegeben und übersetzt haben, fehlbar waren. Ihr Gott ist ein guter Gott, der menschenfreundlich ist, und menschenfeindliche Interpretationen können nicht richtig sein, insbesondere, wenn sie an einen Schöpfergott glauben, der seine Geschöpfe selbst liebt und mit der Fähigkeit zu lieben ausgestattet hat.

    Die Religionskritiker sind die Dogmatiker

    Die Dogmatiker sitzen vor allem außerhalb der Religionen. Diejenigen, die die Religionen für das Schlechte auf der Welt verantwortlich machen wollen, fordern, die Bibel und den Koran als wörtliche, absolute Wahrheit aufzufassen, die buchstabengetreu zu interpretieren ist. Sie wollen nicht deuten und ins Heute übertragen. Sie nutzen die alten Texte mit ihren alten Geschichten, um die Religionen lächerlich zu machen.

    Pauschale Religionskritik geht aber fehl, sie kritisiert alte Texte aus heutiger Sicht – das ist sinnlos. Wer einen Text, der tausend oder zweitausend Jahre alt ist, verstehen will, muss sich entweder in ihn einfühlen, oder er muss seine Entstehungssituation erforschen und Sprachwissenschaft betreiben. Beides ist eine aufwändige, aber erhellende Beschäftigung, die auch für das Verstehen unserer heutigen Welt sinnvoll ist, weil sie zeigt, was im Wandel gleich geblieben ist und wo unser heutiges Weltverstehen seine Wurzeln hat.

    Sinnvoll ist nicht, heutigen Gläubigen ihre heiligen Texte vorzuhalten und zu fordern, sich von ihnen zu distanzieren. Sinnvoll ist aber, heutige Machtmechanismen der Institutionen zu untersuchen, die Akzeptanz von Autoritäten und die Wirkungen von ritualisierten Kulten zu hinterfragen. Sinnvoll ist auch, kritisch über Glaubensfragen zu diskutieren. Das wird die Religionen nicht schwächen – aber das ist auch gar nicht nötig. Es wird den religiösen Menschen helfen, ihren bösen Autoritäten zu widerstehen und ihre guten Götter zu sehen.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die areligiösen Motive des Terrors.

    In dieser Debatte auch interessant ist die letzte Kolumne von Heinrich Schmitz, der zeigt, dass der IS weder ein Staat noch islamisch ist, Sören Heims Auseinandersetzung mit Nekla Keleks Kritik an Navid Kermani, sowie Sören Heims Diskussion der Neuübersetzung literarischer Werke.

  • Terror hat keine religiösen Motive

    Wir können nicht in die Köpfe der Terroristen hineinsehen. Weder können wir die Gedanken derer lesen, die die Befehle für Terroranschläge geben, noch können wir sicher über die Hoffnungen und Überzeugungen der Menschen sein, die die Attentate ausführen. Was sie in Bekennerschreiben und -videos äußern, kann gerade dazu gedacht sein, uns über ihre wirklichen Motive zu täuschen, das, was die Täter schreien, wenn sie schießen oder sich selbst in die Luft sprengen, kann Ergebnis einer Indoktrination sein.

    Schon deshalb sollte man der These, die Terroranschläge, welche den Westen in den letzten Jahrzehnten erschüttern, seien religiös motiviert, kritisch hinterfragen.

    Friedfertigkeit und Aggressivität

    Auf den ersten Blick spricht mehr gegen ein religiöses Motiv, als dafür. Das Motiv für eine Handlung, ihre Motivation, das ist der Handlungsantrieb, die letztliche Begründungsinstanz für das Tun. Betrachten wir Religion als eine charakteristische Menge von Überzeugungsinhalten und Handlungsrichtlinien, die aus dem Glauben an eine transzendente Instanz erwachsen. Dann fällt auf, dass offenbar jede Religion Motive sowohl für hochgradig friedfertiges Handeln als auch für äußerste Aggressivität liefern kann. Eine einzige Religion scheint zudem zu einer Zeit Motive für besondere Friedfertigkeit, zu einer anderen Zeit aber Motivation für besondere Aggressivität bereitzustellen. Das zeigt schon, dass die Motive im Kern eben nicht religiös sein können, sondern dass sie allenfalls in ein religiöses Gewand schlüpfen, dass sie sich der Religion bedienen.

    Hinzu kommt, dass wir die extreme Aggressivität, die sich im Terror äußert, auch in nicht religiösen Kontexten beobachten, und dass diese Aggressivität der so genannten religiös motivierten Aggressivität so aufs Haar gleicht. Das lässt uns vermuten, dass die eigentlichen Motive verwandt sein dürften.

    Wir kennen aus den letzten hundert Jahren den kommunistischen Terror, den faschistischen, den linksextremen und den rechtsextremen Terror. Sie alle beziehen sich nicht auf ein transendentes Wesen, zum Teil scheinen sie sich sogar gegen jede Transzendenz zu positionieren und ihre terroristische Kraft sogar aus der Ablehnung jeder Gottesanbetung zu ziehen. Man könnte natürlich sagen, dass dies alles Ideologien sind und dass Ideologien und Religionen im Wesen das Gleiche sind, oder dass Religionen spezielle Ideologien sind.

    Aber auch bei den Ideologien beobachten wir, dass es sie in sehr friedfertiger Variante als auch in extrem aggressiver Variante gibt. Also können auch die Ideologien im Kern nicht das Motiv für den Terror liefern. Das eigentliche Motiv muss außerhalb des religiös-ideologischen Bezirks liegen.

    Teil eines Ganzen sein

    Gerade wenn wir die Bandbreite der Überzeugungssysteme, die auf den ersten Blick als Motivgeber für Terror herhalten müssen, in den Blick nehmen, bekommen wir eine Spur für die eigentliche Motivation. Alle Ideologien erlauben es dem einzelnen, sich als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen, und zwar nicht nur als eines Rädchens im Uhrwerk, schon gar nicht eines unverwechselbaren, einmaligen und verantwortlichen Spielers in einer Mannschaft, sondern als eines Gleichen unter Gleichen in einem Kollektiv aus identischen Mitgliedern, die eine homogene Masse bilden. Das attraktive an solchen Gebilden ist, dass jeder sich genau in den anderen wiedererkennen kann, weil alle auf die gleiche Weise nach den gleichen Leitlinien handeln. Das macht die Welt des Kollektivs extrem einfach – denn solche Regeln müssen naturgemäß einfach zu lernen, zu erkennen und nachzuahmen sein, und die Tatsache, dass alle nach den gleichen Regeln leben, schafft Vertrauen und Stabilität.

    Religionen können auf solche Kollektivregeln reduziert werden, aber jede reale Religion ist das ganze Gegenteil. Jede von ihnen bietet eine Vielzahl von konkreten Lebensmodellen, selbst wenn ein Mensch ein ganz religiöses Leben führt. Er kann ein Mönch in einem Kloster sein, er kann ein Einsiedler sein, aber auch ein Missionar, ein Lehrer, ein Philosoph. Ein terroristisches Motiv ist dabei nicht zu finden.

    Um das Motiv des Terrors zu finden, müssen wir außerhalb der religiösen Systeme suchen, aber an einer Stelle, wo sich ein Mensch einer Religion oder einer Ideologie bedienen kann, um seine eigenen Ziele zu erreichen, die wiederum zum Terror führen.

    Es ist klar: wer sich in kollektiven Strukturen als identisches Mitglied unter gleichen sicher und geborgen fühlt, ist anfällig für Manipulation durch diktatorische Führer. Der machtbesessene Diktator muss nicht viel tun, um diese Menschen zu willigen Werkzeugen zu machen: er muss ihnen nur plausibel machen, dass sie durch die fremde, nicht identische Welt bedroht sind, dass ihre heile, geregelte Gemeinschaft der Gleichen durch die, die fremd sind, bedroht ist. Und er muss ihnen, was auch nicht schwer ist, die Überzeugung vermitteln, dass ihr geschütztes Leben in der Gemeinschaft nicht nur für sie, sondern auch für alle Menschen das eigentlich beste Leben ist, und dass jeder, der dem widersteht, die Gemeinschaft in Wahrheit bedroht.

    Manipulation und Allmachtsphantasien

    Das ist die eigentliche Motivation des Terrors: Allmachtsphantasien diktatorischer Führer, die über die Manipulation von Menschen erfüllt werden, die Angst vor Veränderung, vor dem Fremden überhaupt haben und sich nach Gleichheit und ewiger Wiederkehr des Gleichen sehnen. Das Religiöse ist nicht Motiv, sondern nur Werkzeug des herrschsüchtigen Manipulators, der den Terror als Erfüllung seiner Machtphantasien erlebt.

    Was folgt daraus? Den religiösen Menschen, welchem Glauben auch immer sie anhängen, können wir sagen: Eure Religion ist völlig in Ordnung, sie ist so gut wie jedes andere Überzeugungssystem auch. Natürlich war auch mancher Religionsstifter und manche Autorität in der Geschichte einer Religion ein manipulierender Diktator. Und selbstverständlich können religiöse Institutionen in bestimmten historischen Situationen von totalitären Strukturen durchsetzt sein.

    Man kann die Verbindung zwischen den Terroristen und ihren diffusen Unterstützermilieus nur kappen, wenn man transparent macht, dass die Motive der Terroristen im Kern eben nicht religiös sind, dass es den Terroristen allein um Machtausübung und Manipulation geht, um den Genuss der totalen Beherrschung der Anderen.

    Eine jede Religion ist, wie jedes andere ideologische Gebilde, anfällig für Manipulation. Jede Religion hat einen selbstgenügsamen und einen aggressiven Modus, der im Terror enden kann. Es kommt nicht darauf an, die eigene Religion fragwürdig zu machen, sondern in ihren selbstgenügsamen Modus zu finden, in dem der Gläubige mit anderen Gläubigen in freudiger Übereinstimmung lebt, während er die anderen so leben lässt wie sie es wollen.

    Dass jedes ideologische System letztlich anfällig für Terrorismus ist, sollte uns außerdem eine Warnung sein, gerade wenn wir uns weit entfernt von allen Religionen wähnen. Vielleicht ist niemand frei von Ideologie – vielleicht kann man es gar nicht sein. Damit lauert die Gefahr der manipulativen Verführung, die letztlich zum Terrorismus führt oder ihn rechtfertigt, aber auch überall.

    Lesen Sie auch Jörg Friedrichs Kolumne über das Böse.

  • Was ist das Böse?

    Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 taucht immer wieder „das Böse“ als Erklärungsmuster für Terroranschläge auf, zumindest, wenn sie in der westlichen Welt verübt werden. Auch nach den Anschlägen von Paris am Freitag meldeten sich Stimmen zu Wort, die vom Bösen sprachen, das nun einmal in der Welt sei und dessen Existenz und Wirksamkeit wir nicht verleugnen können. Unter dem Motto Das Gute ist stärker als das Böse riefen die Europäischen Staats- und Regierungschefs zu einer Schweigeminute auf.

    Aber was ist das Böse? Und ist es geeignet, um als Erklärungsansatz für Terror zu dienen, vielleicht sogar, um eine Idee zum praktischen Umgang mit den Gefahren des Terrorismus zu finden?

    Das Böse als politischer Kampfbegriff

    Der Begriff des Bösen ist auch in der modernen Welt nie ganz verschwunden. Er diente natürlich zur Kennzeichnung des Faschismus und des Holocaust. Später wurde, je nach politischer Lage, die Sowjetunion und das „sozialistische Lager“ als „Reich des Bösen“ bezeichnet.

    In diesen Fällen diente der Begriff des Bösen als politischer Kampfbegriff, mit dem Begriff des Bösen soll dann ein politischer Feind charakterisiert werden, mit dem man nicht friedlich verhandeln kann, der keinem Argument der eigenen Rationalität zugänglich ist. Der Feind, der als böse gekennzeichnet wird, gefährdet die eigene Existenz radikal, und muss deshalb ebenso radikal bekämpft und vernichtet werden.

    Umgekehrt wurde im Herrschaftsbereich des Sozialismus während des kalten Kriegs natürlich der „US-Imperialismus“ als böse bezeichnet, insbesondere dort, wo sich die USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts militärisch engagierten. Allerdings hatte die Verwendung dort vor allem pädagogische Motive, das Wort fand eher Verwendung in Kindergärten und Grundschulen, wenn es darum ging, Kindern einen „antiimperialistischen Hass“ gegen die USA und ihre Verbündeten anzuerziehen.

    Warum wurde das US-geführte kapitalistische System (wenigstens außerhalb der Kindererziehung) nicht ebenso als böse bezeichnet? Der Grund liegt wahrscheinlich im wissenschaftlichen Erklärungsanspruch für das – vorgeblich oder tatsächlich – aggressive Verhalten des politischen Feindes. Die Gefahr, die vom Kapitalismus und dessen imperialistischer Ausprägung ausging, wurde ja ökonomisch begründet – der einzelne Kapitalist musste nicht als böser Feind angesehen werden – das System als System war bösartig – etwa vergleichbar einem Krebsgeschwür.

    Das Böse ist überall

    Wenn heute Terroristen als böse bezeichnet werden, wenn gesagt wird, dass sich im Terror das Böse zeige, dann ist darin natürlich auch noch eine politische Bedeutung hörbar, insbesondere, wenn der Begriff von Regierungschefs und Präsidenten verwendet wird. Aber wenn der Begriff in der öffentliche Debatte auftaucht und wenn er von Zuhörern akzeptiert wird, dann nicht nur als Werkzeug zur eigenen Radikalisierung der Ablehnung derer, die mit dem Begriff des Bösen charakterisiert werden.

    Wenn wir versuchen, die verschiedenen Verwendungssituationen des Begriffs auf einen Nenner zu bringen, dann fallen zwei Aspekte auf: Zum einen die Irrationalität des Bösen. Dem Bösen ist, wenigstens in seinem bösen Handeln, mit keinem Argument der Vernunft beizukommen. Die Gründe, die er für sein böses Handeln vorbringt, sind innerhalb unserer Vernunft nicht akzeptabel, und zwar absolut nicht akzeptabel. Das zweite, was zum Bösen gehört, ist, dass der Böse dem anderen seinen Willen, seine Macht, sein Weltbild, seine Normen und Verbindlichkeiten aufzwingen will.

    Diese beiden Merkmale finden wir überall, wo wir ein Verhalten intuitiv als Böse bezeichnen: Das schreiende Kind, das sich im Kassenbereich des Supermarkts zornig auf den Boden wirft und von seinen Eltern mit bloßer Körperkraft zum Weitergehen gezwungen werden kann, wird als böse bezeichnet. Linke Aktivisten sehen die US-Regierung, die Wall Street oder überhaupt den Kapitalismus als böse an, wenn sie sagen, dass sie aus bloßer irrationaler Profitgier der ganzen Welt den American Way aufzwingen wollen und dabei die Lebensgrundlagen auf der Erde vernichten.

    In der Tat ist das Böse überall, in fast allen Kulturen und fast allen Epochen gibt es die irrationalen Eiferer, die versuchen, gewaltsam ihre Art zu leben anderen Menschen aufzudrängen. Es scheint eine anthropologische Konstante zu sein, das Böse scheint zum Menschen dazu zu gehören. Aber warum funktioniert das Böse? Woraus gewinnt es seine Anziehungskraft?

    Die Wirksamkeit des Bösen beruht auf dem Genuss, den es bereitet, wenn man andere Menschen, am besten zunächst gegen ihren Willen, zu einer Handlung bringen kann. Umso mehr Menschen man manipulieren kann, desto höher der Genuss. Dieser Genuss des manipulierenden Führers trifft auf den Genuss der Geführten an der kollektiven Aktion, dem Gemeinschaftserlebnis, dem Rausch der Gleichheit, die den kleinen Einzelnen plötzlich zu einem kollektiven Großen macht.

    Diese Paarung aus Führer und Masse beobachten wir im Rockkonzert ebenso wie auf der politischen Großdemonstration und eben auch im Terrorismus. Zum Bösen wird dieser Genuss dadurch, dass der Führer die manipulierte Gefolgschaft dazu bringt, sich denen gegenüber, die nicht zur Gemeinschaft gehören, als überlegen und hochwertiger anzusehen. Führerschaft und kollektive Aktion allein sind noch nicht böse, wie jedes Rockkonzert zeigt. Wird aber die Überzeugung von der eigenen Überlegenheit den Anderen gegenüber zum Kitt, der die manipulierte Gemeinschaft zusammenhält, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Bösen. Was nur noch fehlt, ist die Behauptung, dass es die Anderen sind, die mit ihrem Anderssein die überlegene Gemeinschaft bedrohen.

    Religionen sind nicht böse

    Man sieht, dass Religionen zunächst nicht böser sind als Fans einer beliebigen Musikrichtung. Auch die Überzeugung, dass der eigene Glaube besser sei als alle anderen, macht Religionsanhänger noch nicht zu bösen Terroristen.

    Allerdings liefern alle Religionen, wie auch viele andere Ideologien, die meinen, etwas vom guten und richtigen Leben an sich zu wissen, immer einen guten Nährstoff für das Böse. Jeder Anspruch, zu wissen, wie die Menschen richtig leben sollen, lässt sich radikalisieren. Jede solche Idee lässt sich zur Manipulation von Anhängern einsetzen. Und wenn man diesen Anhängern dann noch einredet, dass die Anderen, die ihrem Glauben nicht anhängen, eine Bedrohung für das eigene gute Leben sind, dann ist es zum Bösen nicht mehr weit – denn dann müssen die Anhänger der betreffenden Ideologie versuchen, ihre Lebensweise den anderen aufzudrängen, ein Versuch, der von jenen anderen als irrational empfunden werden muss.

    Böse sind immer nur die anderen

    Damit ist klar: Irrational, unvernünftig und aggressiv bedrängend sind immer nur die Anderen. Und: Die Charakterisierung des Anderen als „das Böse“ kann selbst manipulierend und radikalisierend, mithin böse sein. Allerdings empfinden wir dann nicht nur den radikalisierten Teil der Anderen als bedrohlich-böse, der sich in aggressiver Weise gegen uns selbst wendet, sondern eben auch schon das ideologische Fundament der Anderen, welches von radikalisierenden manipulierenden Führern als Mittel zur Kollektivierung gebraucht wird.

    Diese Ideologie kann aber alles sein, was irgendwie mit normativem Anspruch für die Lebensführung daherkommt – es muss keine Religion sein und jede Religion hat, wie auch alle anderen ideologisch ausgeprägten Normsysteme, das Zeug dazu, zum Bösen zu werden. Deshalb ist es gerade falsch, die Wurzel des Bösen in einer Religion zu suchen. Das Böse sucht sich seine manipulativen Werkzeuge in den Religionen und Ideologien.

    Klar wird somit auch: wer gegen das Böse kämpft, begibt sich immer in die Gefahr, selbst zum Bösen zu werden, insbesondere dann, wenn nicht nur die Bösen bekämpft werden, sondern die Ideologien, derer sie sich bedienen, als Wurzel des Bösen, als Quelle und Fundament der Radikalisierung und Aggressivität der Bösen angesehen werden. Man muss die Bösen radikal bekämpfen – so wie die Nazis bekämpft werden mussten, so müssen auch die Terroristen, ihre Organisationen und Institutionen und ihre Infrastrukturen bekämpft werden.

    Aber diese müssen von den Ideologien unterschieden werden, derer sie sich bedienen. Selbst wenn uns die religiösen Normen und die kulturellen Prägungen anderer Gesellschaften fremd sind und mit unseren eigenen Werten nicht vereinbar scheinen – unsere Ablehnung darf sich immer nur im beispielhaften Vorleben von Alternativen zeigen. Denn der beste Nährboden für das Böse ist, wenn es ihm gelingt, seine Gegner selbst böse werden zu lassen.

    Lesen Sie zu den Terroranschlägen von Paris auf DieKolumnisten auch die Debattenbeiträge von Heiko Heinisch, Sören Heim und Alexander Wallasch.

  • Warum Doping bestrafen?

    Am Freitag hat der Bundestag ein Anti-Doping-Gesetz beschlossen. Überführten Doping-Sündern droht nun eine Geldstrafe oder eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren. Das ist das Strafmaß, welches das Strafgesetzbuch z.B. auch für Nötigung oder Unterschlagung vorsieht.

    Der Sport soll dadurch wieder sauberer und ehrlicher werden, liest man. Und im Radiointerview höre ich die ersten Stimmen von Politikern, die nicht nur für Leistungssportler eine Bestrafung fordern, wenn die leistungsverbessernde Substanzen einnehmen, sondern auch für Freizeitsportler und Fitness-Studio-Besucher.

    Da fragt man sich natürlich, was am Doping eigentlich so böse ist, dass es bestraft werden muss. Nötigung und Unterschlagung schädigt jemanden anders, es gibt einen Täter und ein Opfer, beide sind voneinander verschiedene Leute. Es ist schwer vorstellbar, dass jemand dafür bestraft wird, dass er sich selbst zu irgendwas nötigt. Auch wenn man sich selbst verletzt oder sich gar umzubringen versucht, wird man bekanntlich nicht bestraft.

    Künstler für Drogenkonsum bestrafen?

    Zumindest derzeit käme auch kaum jemand auf die Idee, einen Musiker dafür zu bestrafen, dass er Drogen nimmt, um die Bühnenshow besser durchzustehen. Auch ein Maler oder ein Schriftsteller, der nur im Alkoholrausch schaffen kann, wird dafür nicht bestraft. Warum soll man also Sportler ins Gefängnis stecken, wenn sie irgendwelche Chemikalien schlucken um schneller zu laufen oder weiter zu springen?

    Man könnte einwenden, dass der Künstler nicht gegen einen anderen Künstler antritt, dass es bei ihm nicht um den Sieg in einem Wettbewerb geht. Doping im Sport – wenigstens im Leistungssport – wäre dann eine Art von Betrug: der dopende Sportler verschafft sich einen Vorteil gegenüber dem, der nicht dopt.

    Aber das gilt nur so lange, wie das Doping verboten ist. Genau genommen werden Sportler, die nicht dopen dürfen, gegenüber denen benachteiligt, in deren Heimatländern die Sache lockerer gesehen wird. Wenn Doping für alle Sportler weltweit erlaubt wäre, weiß jeder Sportler, worauf er sich einlässt, wenn er zum Wettkampf antritt – und er weiß, was er tun muss, wenn er eine Chance auf den Sieg haben will.

    Dagegen könnte man argumentieren, dass eine allgemeine Doping-Erlaubnis dazu führen würde, dass die, die sich die besten Chemiker, Biologen und Ärzte leisten können, bessere Chancen auf den Sieg hätten – dass also letztlich die ökonomische Stärke über Sieg oder Niederlage entscheiden würde. Aber das ist heute natürlich nicht anders. Auch jetzt entscheiden die besseren Techniker, die besseren Wissenschaftler über die Chancenverteilung im Hochleistungssport. Wo ist überhaupt der Unterschied, ob ich Physiologen, Materialforscher und andere Techniker zur Leistungsoptimierung beschäftige oder Chemiker und Biologen? Davon, dass natürlich auch der optimierte Einsatz von Schmerzmitteln und anderen erlaubten Substanzen über den Trainingserfolg mitentscheidet, wollen wir gar nicht reden.

    Das einzige Argument, was für ein Dopingverbot und eine Bestrafung des Doping übrig bleibt, ist, dass der ganze kulturelle Sinn des Sportwettkampfs verloren geht, wenn die Leistungen der Sportler durch Chemie und nicht durch normales Training eines gesunden Menschen zustande kommen. Genau genommen ist das natürlich auch eine Illusion, denn auch ohne Doping sind sportliche Höchstleistungen, wie gesagt, nur noch durch den massiven Einsatz von Wissenschaft und Technik möglich, ein Olympiasieg ist längst schon nicht mehr das Ergebnis eines fleißig trainierenden Sportlers mit eisernem Willen, sondern Resultat einer Sport-Technologie, in der der Sportler nur noch eine Komponente ist.

    Gebt das EPO frei!

    Aber lassen wir dieses Argument einen Moment lang gelten: Erlaubtes Doping würde den Sinn, den der Leistungssport für unsere Kultur hat, mit einem Schlag vernichten. Wir verlören schlicht das Interesse an allen sportlichen Wettbewerben, wir würden die Sportler nicht mehr bewundern, sie könnten uns kein Vorbild mehr sein.

    Na und? Ganz schnell wäre es vorbei mit diesem Sport, niemand würde mehr dafür zahlen, und damit könnte sich kein Sportler mehr die Doping-Mittel leisten. Das System würde zusammenbrechen, das wäre bitter für ein paar Funktionäre und Trainer, aber ganz so schlimm wie die Schließung von Zechen im Ruhrgebiet wäre es wohl nicht.

    In einer Welt, in der es keinen hochgezüchteten Leistungssport mehr gäbe, würden wir ganz schnell wieder anfangen, die zu bewundern, die durch abendliches Training überhaupt einen Marathon durchstehen oder ein bisschen schneller rennen können als wir selbst. Niemand müsste dafür Dopingmittel nehmen – und es könnte sich auch keiner leisten. Die Maßstäbe wären ganz schnell wieder zurechtgerückt.

    Deshalb kann man sich eigentlich nur wünschen, dass alle Leistungssportler dopen dürfen bis ihnen die Nähte der teuren Trikots platzen. Umso schneller ist der Spuk vorbei, und desto schneller gäbe es wieder ganz normalen Sport, den man bewundern könnte und dem es nachzueifern lohnte.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über seine ganz persönliche Energiewende.

  • Energiewende ganz privat – so wird’s gemacht!

    Der Herbst ist die beste Jahreszeit, um über die Zukunft der Menschheit ehrlich nachzudenken. Nicht etwa, weil der Herbst ohnehin schwermütige Gedanken befördert. Im Gegenteil, das bunte Laub im warmen Licht der tiefstehenden Sonne stimmt die Seele friedlich und im letzten Abendlicht könnte man bei Kerzenschein und Wein über die Schönheit des Werdens und Vergehens und über die ewige Wiederkehr des Gleichen philosophieren – käme einem nicht das Knattern eines Laubsaugers oder eines Laubbläsers dazwischen.

    Noch vor wenigen Jahren gab es dieses Geräusch nicht, stattdessen hörte man das gleichmäßig schwingende Rauschen eines Besens. Meiner eigenen subjektiven Erfahrung nach ist man mit beiden Varianten ungefähr gleich lange beschäftigt, wenn es gilt, etwa einen Gartenweg oder einen Rasen vom Laub zu befreien. Trotzdem steigen immer mehr Menschen auf die motorisierte Variante um.

    Das ist nichts Neues. Wer mäht schon noch den Rasen mit einem mechanischen Rasenmäher, oder gar mit einer Sense oder einer Sichel? Und zugegeben: Ich habe seit Jahrzehnten kein Eiweiß mehr mit dem Schneebesen geschlagen, und selbst den Hefeteig überlasse ich inzwischen der Küchenmaschine, auch wenn das Geräusch mich nervt.

    Der technische Fortschritt marschiert klar in eine Richtung: weniger körperliche Anstrengung, mehr Maschinenkraft im Alltag. Nirgendwo ist zu sehen, dass sich das ändert. Auch meine ganz persönliche Energiewende heißt: Weg von der biochemischen Energie, die meine Körperkräfte antreibt, hin zu Benzin und elektrischem Strom, der Motoren unterschiedlicher Größe in Bewegung setzt.

    Präzision und Eleganz

    Das beste Beispiel ist mein Auto: Die Außenspiegel, der Fahrersitz, selbst die Kofferklappe – nichts davon bewege ich noch mit Körperkraft, alles wird mit kleinen Elektromotoren in die gewünschte Position gebracht. Hat das irgendeinen höheren Sinn, irgendeinen objektiven Wert? Ehrlich gesagt: Nein. Es ist irgendwie cool. Es hat die Anmutung von Präzision und Eleganz, aber das Ergebnis habe ich mit ein bisschen Geschicklichkeit und Kraftaufwand vor Jahren auch noch völlig unmotorisiert hinbekommen.

    Das Ergebnis: Jede Effizienzsteigerung in der Technik wird nicht etwa dazu genutzt, unterm Strich tatsächlich Energie zu sparen – wovon wir uns ja ständig einreden, dass wir es zwingend tun müssen, um nachhaltig und klimaschonend zu leben. Vielmehr nutzen wir den Fortschritt nur, um uns zu gleichen Kosten, mit gleichem Aufwand an Strom und Benzin, immer weniger selbst bewegen zu müssen.

    Der gleiche Trend wird zu dieser Jahreszeit in den Abend- und Nachtstunden im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar: Wir sind stolz darauf, inzwischen kaum noch Glühlampen zu verwenden, die Energie verschwendeten und mehr heizten, als dass sie Licht erzeugten. Über die Energiesparlampen sind wir bei den LED-Leuchten angekommen. Aber verbrauchen wir dadurch weniger Strom? Das wäre purer Zufall.

    Mehr Licht!

    Denn unsere Häuser sind inzwischen immer heller geworden. Im Treppenhaus ist es nachts taghell, das Licht geht bei der kleinsten Bewegung an und strahlt noch lange auf leere Wände, wenn wir längst im Fahrstuhl verschwunden sind. Wo uns früher eine Arbeitsplatzleuchte reichte, strahlt heute eine Hintergrundbeleuchtung an jeder Wand. Sind ja Energiesparlampen. Und umso weniger Strom die Fernsehtechnik eigentlich benötigen würde, desto größer und heller werden die Fernsehbilder.

    Das alles ist kein Vorwurf, nicht einmal ein Appell zur Umkehr. Auch mein neuer Fernseher ist doppelt so groß wie der, den ich zuvor hatte. Ich lamentiere auch nicht über die schlechte Welt, ich warne nicht vor dem Untergang der Menschheit. Alles, was ich sagen will ist. Menschliche Vernunft hat nichts mit Vernünftigkeit zu tun. Wir denken nicht an die drohenden Gefahren, an den Klimawandel oder an zukünftige Generationen, wenn wir uns ein neues Küchengerät, einen neuen Fernseher oder ein Auto kaufen. Wir wollen es einfach schön haben und Spaß erleben. Und das ist auch immer gut gegangen – irgendwie.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über seinen Besuch im Bundestag.

  • Ein schauriges Spiel

    Die Entfernung zwischen Politik und Alltag, zwischen Politikern und Bürgern, wird oft beklagt, aber zumeist bleibt diese Klage abstrakt. Wir werfen den Abgeordneten und den Regierungsmitgliedern vor, keine Ahnung von unserem Leben und unseren Problemen zu haben – aber das bleibt im Ungefähren. Hier und da lässt sich so eine Behauptung, wenn sie mal konkret gemacht wird, auch auf einfache Weise widerlegen. Das beste Beispiel ist das Interview von Angela Merkel bei Anne Will. Da konnte die Kanzlerin auf den Vorwurf, sie wüsste vielleicht nicht, wie die Probleme vor Ort wirklich aussehen, schlicht erwidern, dass sie da schon im Bilde sei – wer wollte da streiten?

    Die Distanz zwischen Bürgern und Politik lässt sich aber auch ganz konkret erleben, und zwar ausgerechnet an einer Stelle, an der die Menschen von der Straße dem politischen Geschehen ganz nahe kommen sollen: Beim Besuch einer Plenarsitzung im Bundestag.

    Personalien und Sicherheitscheck

    Im Plenarsaal im Bundestag sind oben so genannte Zuschauertribünen installiert, von denen aus man die Debatten der Abgeordneten sozusagen hautnah erleben können soll. Man kann von oben auf die Politiker herab sehen, aber selten führt eine Redewendung so sehr in die Irre. Umso näher man den Politikern kommt, desto mehr Entfernung wird nämlich aufgebaut.

    Es beginnt schon mit der Planung des Besuchs. Glauben Sie nicht, liebe Leser, dass Sie bei einem Besuch der Hauptstadt spontan mal zu Ihren Freunden sagen können: „Lasst uns doch mal einen Blick in den Bundestag werfen und den Politikern beim Debattieren zusehen!“ – Weit gefehlt: Schon Monate vorher müssen Sie Ihren Besuch beim Besucherdienst des Bundestages anmelden – und zwar mit genauer Teilnahmeliste einschließlich der Personalien und Personalausweisnummern aller Teilnehmer.

    Benehmen Sie sich!

    Wenn Sie sich dazu entschlossen haben, bekommen Sie eine genaue Vorgabe, zu welchem Zeitpunkt Sie sich mit Ihrer Gruppe am Bundestag einzufinden haben. Aber Sie können da nicht so einfach reinspazieren. Bereits im gehörigen Abstand vor dem Gebäude sind Container für den Sicherheitscheck aufgebaut. Dort werden Sie kontrolliert wie vor einem Interkontinentalflug am Frankfurter Flughafen. Personalien werden abgeglichen, gleichzeitig werden Sie darauf vorbereitet, dass von hier ab alles nur noch hochgradig diszipliniert weitergeht. „Stellen Sie sich dort auf!“, „Sammeln Sie sich da!“, „Warten Sie dort, bis Sie abgeholt werden!“

    Unter straffer Führung mit klaren Kommandos gelangen Sie auf die Zuschauerebene. Dort müssen Sie natürlich alles Gepäck, das Sie dabei haben, sowie Ihre Mäntel und Jacken abgeben – auch wenn gerade alles kontrolliert worden ist. Nun kommt der Höhepunkt der Prozedur: Sie erhalten eine Einweisung, wie Sie sich von dem Moment an zu benehmen haben, in dem Sie die Zuschauertribüne betreten. „Handys aus! Und wenn ich sage, aus, dann meine ich aus. Nicht lautlos, nicht Flugmodus, sondern AUS! Wenn Sie die Tribüne betreten, setzen Sie sich zügig auf die Plätze. Nicht reden, nicht lachen, nicht herumlaufen! Und nicht einschlafen! Denken Sie daran, dass auch die Zuschauertribünen gefilmt werden, was würde das für einen Eindruck machen, wenn Sie da die Augen geschlossen haben?“

    Der Einlass auf die Tribüne erfolgt immer zur vollen Stunde, verbunden mit der Anweisung, dass Sie bis zehn Minuten vor der nächsten vollen Stunde sitzen zu bleiben haben und sich dann „selbständig zu erheben haben und die Tribüne wieder verlassen“.

    Schlechte Plätze, schlechte Schauspieler, schlechtes Stück

    Dann sitzen Sie da. Sie fühlen sich wie auf den schlechtesten Plätzen eines Theaters, in dem ein schlechtes Stück mit schlechten Schauspielern gegeben wird. Ein Redner nach dem andern klettert im Fünf-Minuten-Takt auf die Bühne und hält einen Monolog. Im Falle meines Besuches dort ging es irgendwie um auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Im Parkett des Theaters sitzen ein paar Leute und klatschen hin und wieder. Sie reden miteinander – was Ihnen hier oben streng verboten ist. Sie schauen auf ihre Smartphones, Sie mussten Ihres ausschalten (auch wenn Sie das in einem Anflug von Verwegenheit heimlich doch nicht getan haben). Sie stehen auf, laufen raus, kommen rein, wie es ihnen gefällt – all das ist Ihnen hier oben untersagt worden.

    Was lernen Sie bei diesem Besuch? Was macht das mit Ihnen? Und was macht es mit den Politikern da unten, die oben auf den Rängen ein artiges Volk versammelt sehen, das dicht gedrängt in engen Reihen sitzt und gebannt ihren nichtssagenden, schlecht vorgetragenen, langweiligen Reden folgt?

    Warum nicht anders?

    Stellen wir uns eine Alternative vor. Klar, ein bisschen Sicherheit muss sein. Denken wir uns also, dass wir ganz ohne Anmeldung zum Bundestag hinüberschlendern, für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Besucherandrang groß ist, wird uns eine Wartezeit angezeigt, etwa wie bei großen Attraktionen im Vergnügungspark. Wie passieren den Sicherheitscheck, der gern dem am Flughafen ähneln kann.

    Von mir aus könnten ein paar Plakate auf der Zuschauertribüne darauf hinweisen, dass man sich leise verhalten soll und die Handys bitte lautlos sein sollen. Vielleicht so, wie im Theater. Auf der Zuschauertribüne stehen ein paar kräftige Aufpasser, die sich um die paar Störenfriede kümmern, die wirklich zu viel Krach machen.

    Auf die Tribüne würden immer nur so viele Leute gelassen werden, wie eben drauf passen. Es ist ganz unwahrscheinlich, dass sich bei einer normalen Debatte (das Wort ist hier ein unpassender Euphemismus) wirklich jemand mehr als ein paar Minuten dort oben aufhält. Ich jedenfalls hatte nach 15 Minuten, spätestens nach dem dritten Redner, genug gesehen.

    Dann würden die Leute da unten auf der Bühne ihr Spiel eben nicht nur vor halbleerem Saal, sondern auch vor halbleeren Rängen aufführen. Das Kommen und Gehen auf der Tribüne würde ihnen zeigen, was das Publikum von der ganzen Inszenierung hält. Und die eine oder andere unmittelbare Unmutsbekundung würde deutlich machen, was das Volk über das ganze Spiel denkt, das da aufgeführt wird.

    Nicht „wie in der DDR“

    Um das klar zu sagen: Nein, das erinnert mich nicht an DDR-Verhältnisse. Denn als ich da oben saß, wusste ich schon, dass ich darüber schreiben würde, dass ich mir meine Empörung ganz öffentlich und ohne Gefahr von der Seele würde schreiben können. Auf die Idee wäre ich in der DDR im Traum nicht gekommen. Aber die Distanz zwischen politischer Klasse und Volk ist erschreckend – um das ganz live zu erleben, lohnt sich der Besuch des Bundestags.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die Freuden des Klimawandels.

  • Alle wollen Klimawandel

    Alle wollen Klimawandel

    Egal, ob man das Radio einschaltet oder die Freunde fragt, alle freuen sich über den wunderbaren milden Herbst. Man genießt die Sonne und die wunderbaren Herbstfarben, sitzt – wenn auch in Decken gehüllt – vor den Cafés und schleckt noch ein letztes Eis oder einen Capuccino. Und kaum wird die Sonne nun von ein paar dünnen Wolken verdeckt, sehnt man sich nach dem blauen Himmel der vergangenen Tage zurück. Niemand sorgt sich um den Klimawandel, und wer in so einem Moment vom Klimawandel und von der globalen Erwärmung spricht, gilt als Spielverderber. 

    2015 – was für ein Wetter!

    In Deutschland waren schon die ersten Monate dieses Jahres zu warm. Der Februar war zwar etwas kalt, dafür aber viel zu sonnig und zu trocken. Aber kann es überhaupt “zu sonnig” sein? War es nicht ein wunderbarer milder März, gefolgt von wunderbar sonnigen April.

    Dann kam der Sommer mit seinen Hitzerekorden. Wir stöhnten ein bisschen, aber wir lagen doch meistens entspannt in der Sonne. Wer in der Mitte und im Süden Deutschlands wohnt, genoss Sonne satt und bedauerte ein bisschen die Leute im Norden Deutschlands, die nur einen durchschnittlichen Sommer hatten.

    Nun hatten wir also seit fast drei Wochen einen “Indian Summer”. Am Schluss wird es wohl dazu führen, dass das Jahr 2015 in Deutschland wieder als “wesentlich zu warm” in die Statistiken eingeht, wieder mal so eine Nachricht, die uns eigentlich Sorgen machen sollte, da sie ein Zeichen für den Klimawandel, für die globale Erwärmung ist.

    Niemand mag sich Sorgen machen

    Derweil  hören wir von einem außergewöhnlichen Wirbelsturm, der Oman und den Jemen verwüstet – das ist auch so ein Klimawandel-Vorbote. Aber das sind abstrakte Nachrichten, die niemanden im sonnigen Europa wirklich erschrecken können. Überhaupt haben wir zurzeit ja andere Sorgen als den Klimawandel, wir wissen nicht, wie es mit den Flüchtlingen weitergeht, von Griechenlad hört man zwar weniger als im Frühjahr, aber ob das ein gutes Zeichen ist, weiß keiner, und wenn wir schlaflose Nächte wegen der ferneren Zukunft haben, dann eher wegen zu geringer Altersabsicherung als wegen zu hoher Temperaturen.

    Diese ganz alltäglichen Erfahrungen illustrieren ein paar Selbstverständlichkeiten über die Natur des Menschen: Wir können unser Handeln eigentlich nur im Hier und Jetzt orientieren. Je weiter entfernt ein Problem ist, sei es eine Überschwemmung in Asien oder eine Klimakatastrophe in ein paar Jahrzehnten, desto abstrakter ist es – und alles, was abstrakt ist, steht in unseren Sorgen und Entscheidungen hinter den konkreten Erlebnissen und Erfahrungen zurück, die sich alltäglich aufdrängen. Das Mitleid mit Sturmopfern in Oman ist genauso theoretisch wie das mit unseren Nachfahren, die in ein paar Jahrzehnten mit den Problemen klar kommen müssen, die wir ihnen hinterlassen haben werden.

    Und der Klimawandel ist ja nur eines dieser Probleme, vielleicht nicht mal das größte. Die globalen Migrationsbewegungen und die Staatsverschuldung werden für das alte Europa vielleicht viel gravierendere Konsequenzen haben als Dürreperioden und Überschwemmungen. Aber wer kann sich schon vorstellen, sein ganz persönliches Leben heute aus freien Stücken radikal zu ändern – in dem er z.B. aus Verantwortung für die Zukunft ein paar Kinder mehr in die Welt setzt und in den nächsten zwei Jahrzehnten seine Kraft darauf konzentriert, diese ins Leben zu führen?

    Kölner Grundgesetz für alle?

    Die Frage, die sich aufdrängt, ist ob der Mensch wirklich so ein rationales Wesen ist wie das neuzeitliche, naturwissenschaftlich geprägte Bild vom animal rationale es behauptet. Offenbar nicht. Wir sind nur sehr begrenzt in der Lage, unser aktuelles Wohlergehen irgendwelchen rationalen Erwägungen zu opfern, um die Probleme an fernen Orten oder in ferner Zukunft zu lösen. Keine Aufklärung, keine dramatischen Medienberichte, keine Expertenvorträge scheinen etwas daran ändern zu können: wer bringt schon die Kraft auf, die Welt zu retten, wenn er auch in der Oktobersonne im Café sitzen kann?

    Scheinbar gibt es nur zwei Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Die erste ist, wir gestehen uns ein, dass wir eigentlich alle Kölner sind und erklären das Kölner Grundgesetz als allgemeingültiges Lebensprinzip. Das heißt: wir lassen die Zukunft eben auf uns zukommen, genießen das jetzige Leben und lösen die Probleme, wenn sie im Alltag angekommen sind. Allerdings werden die meisten großen Probleme dann nicht mehr zu lösen sein, man wird sich nur noch arrangieren können. Aber das ist nicht neu, jede Generation musste sich bisher mit der Welt so abfinden, wie die vorherigen sie hinterlassen hatten.

    Die Alternative ist, dass wir die Sorge um die fernen und zukünftigen Probleme an die Apparate der Behörden delegieren. Wir verhalten uns dann ein bisschen so wie der Süchtige, der um seine Sucht weiß und sie doch nicht alleine in den Griff bekommt: Er übergibt sich der Gewalt der Entzugsklinik und lässt sich mit Zwang davon abhalten, das zu tun, was ihn langfristig zerstört. Das hieße allerdings, dass Basisdemokratie in wirklich langfristig wichtigen Fragen keine Chance hätte. Und ob wir wirklich bereit wären eine Regierung zu akzeptieren, die uns mit mahnendem Blick auf die Zukunft den Spaß an der Gegenwart verdirbt, kann wohl auch bezweifelt werden.

    Lesen Sie auch die Kolumne von Jörg Friedrich zu den Chancen der Großen Koalition für die Demokratie.

  • Große Koalition: Gut für die Demokratie

    Große Koalition: Gut für die Demokratie

    Als vor zwei Jahren die ganz große Koalition aus CDU/CSU und SPD entstand, der rund 80% der Bundestagsabgeordneten angehören, während die Opposition nur einen verschwindend kleinen Teil des Parlaments besetzt, war viel vom Ende der Demokratie die Rede. Und noch vor einem Jahr schrieb Eckard Lohse in der FAZ, wir befänden uns auf dem Weg in den Ein-Parteien-Staat.

    Die Realität sieht allerdings, das zeigen nicht zuletzt die Streitigkeiten innerhalb der Unionsparteien in den letzten Tagen, ganz anders aus. Zunehmend wird deutlich, dass eine ganz große Koalition nicht weniger, sondern mehr Demokratie bedeutet.

    Knappe Koalition – wenig Demokratie

    Wie ist das möglich? Erinnern wir uns an die Zeiten der knappen und ganz knappen Koalitionen, bei denen die Regierungsparteien gegenüber der Opposition nur eine kleine Mehrheit hatte. In solchen Parlamenten sind die Abgeordneten tatsächlich nichts anderes als disziplinierte Soldaten: Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit, sagte schon Hegel und nach ihm die Marxisten. Die angebliche Freiheit des Abgeordneten, der nur seinem Gewissen verpflichtet ist, ist die mehr oder weniger freiwillige Einsicht in die Notwendigkeit der Fraktionsdisziplin. Selbst wenn eine Parlamentarierin mal eine abweichende Meinung hat, wird sie bei knappen Mehrheitsverhältnissen nicht die Regierung gefährden und brav so abstimmen, wie es die Führung von Partei und Fraktion vorgibt. Mit Demokratie hat das nicht viel zu tun.

    Anders in der Großen Koalition. In den letzten Monaten mehrten sich die Meldungen über abweichendes Stimmverhalten. Abgeordnete aus CDU, CSU oder SPD stimmten nicht mit der Koalition, sondern mit der Opposition. Da die Gefahr nicht sehr groß ist, dass die Regierung platzt, wenn ein paar „Gegenstimmen aus den eigenen Reihen“ zu zählen sind, wagen es die Mutigen und die nicht ganz so mutigen, auch mal zu zeigen, dass sie selbst denken können und eine eigene Meinung haben.

    Die Fraktionsspitze, im Auftrag der Regierung dafür da, die Abgeordneten auf den richtigen Kurs zu bringen, kann in so einer Konstellation auch nicht schlicht mit der Gefahr von Neuwahlen drohen. So müssen plötzlich Sachargumente her, wo zuvor ein mehr oder weniger drohend vorgetragener Appell an die Geschlossenheit der eigenen Reihen genügt hat. In einer kleinen Koalition kann schlicht durchregiert werden, in der großen Koalition wird debattiert und diskutiert, um die Mehrheit zu erhalten und die Zahl der Abweichler möglichst gering zu halten.

    Eine große Koalition bringt also nicht weniger, sondern mehr Demokratie – jedenfalls hat sie das Zeug dazu. Es ist sogar denkbar, dass eine ganze Landesgruppe (mit Namen CSU) ausscheidet, ohne dass es die Regierung ernsthaft scheren muss.

    Die ganz große Koalition

    Das bringt uns auf die Idee, mal von einer ganz großen Koalition zu träumen. Man stelle sich vor: Alle Parteien, die im Parlament vertreten sind, stellen am Anfang der Legislaturperiode eine Regierung zusammen – wenigstens sind alle dazu eingeladen. Wenn natürlich die LINKE darauf besteht, den Wirtschaftsminister zu stellen, kann es sein, dass sie halt nicht dabei ist, genauso wie eine Ministerin für Frauen und Jugend, die von der CSU kommt, sicherlich schwer vorstellbar ist.

    Von dem Moment an, wenn die Regierung steht, muss sich jede Fraktion oder jede Gruppe von Abgeordneten, die eine Gesetzesidee hat, ihre Mehrheiten dafür zusammensuchen, ebenso jede Ministerin und jeder Staatssekretär, der meint, dass irgendwas anders verordnet werden muss. Mal gibt es einen fraktionsweiten Konsens, mal einen, der quer zu den Fraktionen liegt – und hin und wieder wird es auch keine Mehrheit geben. Na und? Dann gibt es mal ein neues Gesetz weniger.

    Sie meinen, liebe Leserin, ich sei ein Träumer? Und Sie, verehrter Leser, halten das nicht für praktikabel? Warten Sie mal die nächste Wahl ab, nach der wir wieder eine Große Koalition haben werden. Alle Zeichen sprechen dafür, dass ich Recht behalte – und es wäre auch ganz im Sinne einer echten Gewaltenteilung zwischen Legislative und Exekutive, weil die Kanzlerin, die ich mag, endlich nicht mehr via Fraktionschef ihre Ansagen durchsetzen kann.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über das Verschenken von Büchern.