Blog

  • Es piept wohl

    Als ich zum ersten Mal dieses Piepen vernommen habe, war es eine Freude. Das ist jetzt rund ein Vierteljahrhundert her. Ich schaltete zum ersten Mal meinen Personalcomputer ein (ein Schneider Euro PC) und es machte „Piep“. Tausende Male habe ich seitdem ein solches Piepen gehört, aus verschiedenen Computergehäusen drang es zu mir, es signalisierte mir, dass das Gerät in Ordnung war, dass es ihm gut ging und dass es in wenigen Augenblicken meinen Wünschen zur Verfügung stehen würde.

    Computer piepen schon lange nicht mehr, wenn man sie einschaltet. Heute machen sie irgendeinen Sound, eine kurze Melodie, so wie auch Smartphones und manch andere Geräte, die einen Lautsprecher haben.

    Das allgegenwärtige Piepen

    Das Piepen ist aber nicht verschwunden, im Gegenteil, es hat eine unheimliche Macht über meinen Alltag bekommen. Es freut mich nicht mehr, es macht mir Angst.

    Da gibt es zum einen das informative Piepen, das ist ganz in Ordnung. Es ist noch ein bisschen mit dem guten alten PC-Piepen verwandt. Mein Auto macht Piep-Geräusche beim Einparken, aus denen ich die Entfernung zu anderen Autos, Pfeilern oder Tiefgaragenwänden ableiten kann. Man sollte bremsen, wenn aus dem Piep Piep Piep Piep Piep ein Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiep wird. Das ist ok.

    Dann gibt es das Anfass-Piepen. Man hält es zuerst auch für ein informatives Piepen, sagt es einem doch, dass man irgendeinen Gegenstand berührt hat. Meist handelt es sich allerdings nicht wirklich um einen Gegenstand, sondern um einen gewissen Bereich, ein Symbol auf einem Gegenstand. Etwa die Zahl des Stockwerks, in welches man mit dem Fahrstuhl gelangen will. Man berührt die 4, sie wird rot und es macht Piep. Man berührt das Symbol ><, die Fahrstuhltür schließt sich, aber zuvor macht es Piep. Man berührt am Herd das Symbol für ein Kochfeld, es erscheint eine Zahl, und es macht Piep! Man verstellt die Alarmzeit am Herd, es piept bei jedem Schritt.

    Wahrscheinlich gibt es irgendeine Systemeinstellung, zu der ich mich via vieler piepender Menüpunkte vorarbeiten könnte, um das Piepen auszustellen. Aber warum belästigt man mich überhaupt damit? Ich sehe doch, dass da was passiert, ich muss es nicht noch per Piepen bestätigt bekommen.

    Bevormundung per Piep

    Die neueste Erfindung der Piep-Industrie ist aber natürlich das Ermahnungs-Piepen. Wenn ich etwa bei meinem neuen Kühlschrank 10 Eier in die dafür vorgesehenen Halterungen einsortieren möchte, schaffe ich das nicht, ohne dass das Gerät vorwurfsvoll zu piepen beginnt, um mir zu sagen, dass die Kühlschranktüre noch offen steht! „Ich weiß es!“ möchte ich das Gerät anschreien, aber ich weiß ja, dass der arme Kühlschrank daran unschuldig ist.

    Ebenso wie mein Auto, welches nicht nur informativ piepen kann, sondern auch nervig-ermahnend. Etwa, wenn ich mich nicht angeschnallt habe.

    So wird das Piepen, das ich einmal so geschätzt habe, inzwischen zur Nervensäge, und zum Symbol unserer Zeit: Es sagt mir, was ich selbst schon weiß, und lässt sich nicht abschalten, weil sicherlich irgendein Sicherheitsexperte zusammen mit einem Vorschriftenschreiber sich das so ausgedacht hat, damit ich ja keinen Fehler mache. Kann ich da nicht selbst aufpassen? Bei denen piepts wohl.

  • Die Superreichen

    Oxfam hat mal wieder – wie in jedem Jahr – die Einführung des Kommunismus auf der ganzen Welt gefordert, weil es damit den armen Menschen endlich viel besser gehen würde. Dazu eine kleine Geschichte und eine Anmerkung.

    Die Geschichte

    In einem Dorf lange vor unserer Zeit lebten 100 Familien. Einer Familie gehörte das Land rund um das Dorf sowie die Maschinen, mit denen das Land bearbeitet, die Saat ausgebracht und die Ernte eingefahren wurde. Vor langer Zeit war diese Familie als erste in die Gegend gekommen, sie hatte das Land urbar gemacht und Getreide in die Stadt gekarrt, um es da zu verkaufen. Nach einiger Zeit hatte sie Arbeiter angeheuert, die die Saat ausbrachten, diese Arbeiter hatten sich kleine Häuser gebaut – so war das Dorf entstanden.

    Die Landbesitzer-Familie kümmerte sich um die Beschaffung der Saat, legte Geld für neue Maschinen zurück und verkaufte das Getreide in der Stadt. Das Familienoberhaupt entschied, wann neue Maschinen gekauft werden, wo welche Saat auszubringen war und zu welchem Preis das Getreide verkauft wurde. Ihm allein gehörte das alles also, und wenn er alt war, übertrug er es an sein ältestes Kind.

    Der Wert des Landes, der Maschinen, der Saat und des Getreides betrug 99.000 Dukaten, außerdem hatte die Familie noch ungefähr 1000 Dukaten in einem Geldbeutel, mal mehr, mal weniger, je nach dem, ob gerade Getreide verkauft war oder neues Saatgut geholt worden war.

    Die anderen 99 Familien arbeiteten bei dem Landbesitzer auf dem Feld oder in der Werkstatt, oder sie fuhren in die Stadt, um Getreide zu verkaufen und neues Saatgut zu holen. Dafür bekamen sie jedes Jahr 100 Dukaten, wovon sie lebten. Außerdem hatte jede Familie ein Haus, das 900 Dukaten wert war.

    Sie lebten glücklich in dem Dorf, bis zu dem Tag, als kluge Menschen ins Dorf kamen die ausrechneten, dass in diesem Dorf 1% der Bevölkerung mehr besaß als die restlichen 99% zusammen!

    Eine Anmerkung: Ist Erben Diebstahl?

    Man könnte argumentieren, dass die meisten Menschen ihren Reichtum nicht selbst erarbeiten, sondern erben. Das, so sagen manche, sei aber Diebstahl, weil der Reichtum beim Tod eines Menschen irgendwie wieder an alle und nicht an „Erben“ fallen müsste.

    Pragmatisch kann man argumentieren, dass Erbschaft die Stabilität der bestehenden gesellschaftlichen Institutionen sichert. Ob es nun moralisch gut oder schlecht ist, dass jemand durch Erbschaft etwas bekommt, wofür er selbst nicht gearbeitet hat, könnte dahingestellt bleiben unter dem Argument, dass die bestehenden verlässlichen Strukturen mit jedem Todesfall prekär sein würden, was letztlich auch nicht im Interesse derer wäre, die nicht erben, sondern etwa in einer vererbten Fabrik zur Arbeit gehen.

    Mein Argument geht aber noch ein bisschen anders: Erbschaft ist eigentlich nur ein anderes Wort für „Die Familie ist die Keimzelle / kleinste Einheit der Gesellschaft“. Das Eigentum, so möchte ich argumentieren gehört eigentlich nicht zum Individuum, auch wenn das moderne Recht immer einen persönlichen Besitzer benötigt. Eigentum gehört eigentlich zur Familie als dieser kleinsten Einheit, aus der die Gesellschaft gemacht ist. Jedes Familienmitglied übernimmt davon etwas, pflegt es und gibt es weiter. Natürlich kann sich eine Familie auch teilen und damit kann auch das Eigentum geteilt werden. Aber auch nach der Teilung und nach der Zusammenführung mit einer anderen Familie (oder der Gründung einer neuen Familie) bleibt das Eigentum bei der Familie.

    Die Idee, das Erbschaft Diebstahl ist, kann eigentlich erst aufkommen, wenn man die Familie als Grundelement der Gesellschaft schon aufgegeben hat.

    Ab nächsten Sonntag bei Arte-Faken: Die Serie! Erste Staffel: Arm oder Reich?

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die Freiheit hinter verschlossenen Türen.

  • Freiheit hinter verschlossenen Türen

    Friedrich Hölderlin pries die Freiheit des Menschen, die es ihm erlaubt, aufzubrechen, wohin er will. Wer freiheitlich denkt, der beansprucht diese Option nicht nur für sich selbst, sondern für alle Menschen. Verschlossene Türen beschränken diese Freiheit, egal, ob sie den Weg nach draußen oder den nach drinnen versperren. Deshalb scheint eine liberale Gesinnung mit einem restriktiven Grenzregime nicht vereinbar zu sein. Solange sich jemand nichts zuschulden kommen lässt, sollen ihm keine Grenzen zum Hindernis seiner freien Bewegung werden – erst recht nicht, wenn er auf der Flucht ist, wenn er aufgebrochen ist, ein friedliches, freies, selbstbestimmtes Leben zu suchen.

    Worauf gründet unsere Freiheit?

    Freiheit wird im Alltag nicht in erster Linie durch staatliche Restriktion begrenzt – das gilt jedenfalls in West- und Mitteleuropa. Nehmen wir Hölderlins Freiheit mal ganz alltäglich: Wenn ich, ein schmächtiger, nicht besonders kräftiger Mann mittleren Alters, heute Abend mit dem Rad nach Hause aufbrechen will, dann habe ich keine Sorge, mein Ziel zu erreichen: keine Bösewichte werden mich vom Rad zerren und mich ausrauben, niemand wird mich erschlagen, um mir meine warme italienische Jacke vom Leib zu reißen.

    Diese Gewissheit gründet sich nicht nur auf meine bisherigen guten Erfahrungen, sondern auch auf mein Verständnis davon, wie wir hier und jetzt „so drauf“ sind – um mal das große Wort von der „Sozialisierung“ zu vermeiden. Die meisten Menschen um mich herum sind in der gleichen Gesellschaft wie ich groß geworden, sie wissen, was man tut und was nicht. Zusammen haben wir ein gewisses gemeinsames Verständnis davon, warum und wie unsere Gesellschaft im Alltag ganz gut funktioniert: Wir lassen einander in Ruhe, wir sind einigermaßen verlässlich, wir sagen ziemlich oft die Wahrheit. Wir haben einen gewissen Respekt voreinander.

    Natürlich wissen wir aus den Zeitungen und aus den Spielfilmen, dass es da auch andere gibt: Diebe und Schläger, Räuber und Verbrecher. Intuitiv können wir aber zumeist ungefähr einschätzen, wo wir sehr sicher sind und wo es besser ist, vorsichtig zu sein. Und meistens sind wir uns ziemlich sicher, dass wir sicher sind.

    Das suspekte Wir

    Das alles gründet sich – wie gesagt – darauf, dass wir hier und jetzt einander kennen und beurteilen können. Dieses Beurteilen-Können der Anderen, die so sind, wie ich, ist eine zentrale Grundlage meiner praktischen Freiheit. Mit den Anderen zusammen bin ich Wir. Wir hier machen so was nicht. Wir hier benehmen uns so und so.

    Vielen liberalen Menschen ist dieses Wir suspekt. Weltbürger würden das Wir gern so weit fassen, dass da alle Menschen drin enthalten sind. Das klingt theoretisch sehr schön, aufgeklärt und tolerant. Praktisch aber kommt das Wir sehr schnell an eine Grenze. Ich persönlich merke schon im nahen europäischen Ausland, dass Die Da mir fremd sind, dass sie nicht so sind wie Wir. Dann werde ich unsicher, meine Freiheit wird begrenzt, weil ich Situationen nicht beurteilen kann. Ich werde vorsichtig, ich mache nicht alles, was ich will.

    Auch die größten Verfechter eines globalen Menschheits-Wir müssen, so denke ich, eingestehen, dass die Menschen mit der Freiheit, die sie einander einräumen, es nicht überall gleich wichtig nehmen. Hinsichtlich der Gleichberechtigung aller Menschen, seien sie schwach oder stark, Männer oder Frauen, arm oder reich, sportlich oder gebrechlich, haben Wir es hier und heute schon ziemlich weit gebracht. Daran ändert es auch nichts, dass die eifrigsten Befürworter des globalen Menschheits-Wir immer wieder betonen, dass es auch hier und jetzt noch Bösewichte, Verbrecher und patriarchalische Ewiggestrige gibt.

    Hinter dieses Erreichte wollen wir nicht zurück, auch nicht die, die erst dann gut über das hier und jetzt sprechen würden, wenn wirklich #ausnahmslos alle Menschen hier gute Menschen geworden sein würden. Deshalb müssen wir auch offen sagen, dass wir uns hier im Miteinander Standards einer Freiheit geschaffen haben, die weltweit nicht alltäglich und selbstverständlich sind.

    Zum Punkt

    Nun kommen also viele Menschen aus Gegenden zu uns ins Hier und Jetzt, die nicht nur Andere sind, sondern Fremde: Wir wissen fast nichts über sie. Wir gestehen ihnen das Recht zum Aufbruch zu, keine Frage, die Freiheit, aufzubrechen wohin sie wollen, gilt auch für sie. Aber wir hier haben keine Ahnung, ob sie so sind, wie wir. Wir wissen nicht mal, ob sie wissen, was wir erwarten, was wir für normal halten im Umgang miteinander. Sie sind nicht mit uns aufgewachsen, sondern in einer fremden Welt mit Normen, regeln und Selbstverständlichkeiten, die wir nicht kennen.

    Ein Beispiel: Ich war neulich in Tansania. In den Unterlagen, die ich zuvor bekommen hatte, stand, ich sollte mein Bargeld in einer Bauchtasche direkt am Körper tragen. So etwas halte ich in Deutschland zum Beispiel nicht für notwendig. Die Begründung war verblüffend, aber einleuchtend: Das Bestehlen von westlichen Ausländern wird dort weitgehend als Kavaliersdelikt angesehen, als Sport, als Geschicklichkeitsspiel. Es ist für die Menschen dort völlig klar, dass wir unermesslich reich sind, kommen wir doch mit einem Flugzeug von weit her, um in diesem Land nur ein paar Tage zu verbringen. Das, was ein Taschendieb mir dort vielleicht stiehlt, ist für ihn so eine Art ehrlich verdientes Geld, der Preis für seine Geschicklichkeit, für mich ist es – so die Vorstellung dort – in jedem Fall nur eine Kleinigkeit.

    Das Beispiel soll illustrieren, dass die Vorstellungen von dem, was kriminell ist, was erlaubt und was verboten, in verschiedenen Regionen dieser Welt weit auseinander gehen können.

    Damit wir uns hier und jetzt aber unsere Freiheit erhalten, müssen wir sicher sein, dass die ankommenden Fremden zuerst lernen, was bei Uns ein normaler Umgang miteinander ist. Das mögen manche moralische Überheblichkeit nennen. Ich nenne es Sicherung der Freiheit, die wir schätzen. Wir sichern diese Freiheit auch im Interesse derer, die zu uns kommen, denn sie sind ja hierher aufgebrochen, weil sie glauben, dass hier manches besser funktioniert als da, wo sie herkommen.

    Manch einer meint, es gäbe nur die Wahl zwischen dem völlig freien Zuzug von Flüchtlingen und dem Schließen der Grenzen. Das ist falsch. Niemand sollte den Menschen verbieten, sich auf den Weg zu machen, oder pauschal zu verhindern versuchen, dass sie ihr Glück bei uns finden können. Aber wir müssen diese Menschen auffangen und auf unsere Welt vorbereiten. Jeder, der dazu bereit ist, sich an unsere Regeln zu halten, sollte eine Chance dazu bekommen.

    Wir können unsere Türen nicht schließen, wir sollten sie auch nicht einfach weit öffnen. Wir müssen eine Schleuse einbauen, damit unsere Freiheit weiterhin – und für jeden – funktioniert.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über Unkräuter, Untaten und Unwörter.

  • Unglaublich unwissenschaftliche Unverständlichkeiten

    Ist ein Unwort eigentlich ein Wort? Eine Untat ist auch eine Tat, ein Unkraut ist ein Kraut, ein Unmensch ist ein Mensch. Also ist ein Unwort vermutlich auch ein Wort. Alles andere wäre ein Unding, das ja auch ein Ding ist. (bei der Untiefe habe ich nie verstanden, ob sie nun eine Tiefe ist oder nicht. Wikipedia hilft da auch nicht weiter, denn auch eine geringe Tiefe ist ja eine Tiefe.)

    Die Untaten der Unmenschen

    Undinge wie Unkräuter, Untaten und Unmenschen sind irgendwie zwar Dinge, aber sie benehmen sich nicht so, wie man das von den Dingen erwartet oder erhofft. Sie sind unanständig (was dann aber keine besondere Form von Anständigkeit ist). Damit können Undinge eigentlich keine Begriffe der Wissenschaften sein, denn die Wissenschaft bewertet nicht, sie beschreibt nur, wie die Dinge sind, und sie erklärt, wie sie so werden, wie sie sind. Da macht die Wissenschaft keinen Unterschied zwischen dem Kraut und dem Unkraut – das macht der Gärtner, der die einen Kräuter haben will und die anderen nicht.*

    Dem Wissenschaftler sind alle Kräuter gleich lieb, er will sie nicht essen, er will sie verstehen. Alles andere wäre unwissenschaftlich, was dann allerdings eben gerade auf keinen Fall wissenschaftlich ist, so, wie das Ungeheure nicht geheuer ist, die Unzufriedenheit nicht zufrieden ist, das Unmenschliche nicht menschlich – ach nein, stimmt nicht, das Unmenschliche ist vielleicht sogar zutiefst menschlich.

    Es ist unglaublich mit diesem un – wobei das nicht heißt, das wir es nicht glauben können, so wie wir das unverständliche nicht verstehen. Das Unglaubliche glauben wir ja sogar besonders gern – man muss uns nur beteuern, dass es unglaublich ist – aber wahr. Nur die Unwahrheit sollten wir nicht glauben, das wäre unklug.

    Unsinn und Sinn

    Sprachwissenschaftler können diese unübersichtliche Ungetüm „Un“ erforschen, beschreiben, systematisieren. Sie können Sinn in den ganzen Unsinn bringen, den ich hier bisher ausgebreitet habe. Sie bewerten dabei nicht, ob das nun gut oder schlecht ist, was diese Vorsilbe Un mit den Wörtern macht. Sie wollen es nur verstehen.

    Manchen von ihnen reicht das aber nicht. Sie wollen die guten von den bösen Wörtern trennen, sie wollen uns sagen, was wir sagen sollen und was nicht. Sie wollen festlegen, was die Unworte sind, die nur von Unmenschen für ihre Untaten benutzt werden.

    Dieses Mal ist es also der Gutmensch. Eigentlich ein spannendes Wort. Es wäre wirklich interessant, was den Gutmenschen vom guten Menschen unterscheidet. Ist es das Gleiche, wie der Unterschied des Schöngeists vom schönen Geist?  Unterscheiden sich die beiden genauso voneinander wie der Vollidiot und der volle Idiot, oder eher so wie der Neubürger von neuen Bürger? Wie kommen solche Wortverbindungen zustande, wie entwickeln sie sich, wie verändern sie Bedeutungen?

    Das alles kann Wissenschaft erforschen und uns mitteilen, damit wir – frei entscheidend – bewusster mit unserer Sprache umgehen und nicht unbewusst Unsinn reden.

    Aber uns Vorschriften zu machen, wie wir reden sollen, um gute Menschen zu sein – das ist unnützer Unfug – noch dazu zur Unzeit und alles andere als unentbehrlich.

    *(In der Kritik der vernetzten Vernunft habe ich mal geschrieben, dass die Trolle das Unkraut des Internet sind – ein oft missverstandener Satz, bei dem viele Leser ignoriert haben, dass ich direkt danach schrieb, dass es die Entscheidung des Gärtners ist, welches Kraut er liebt, und welches er vernichten will.)

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich zur Trauer um berühmte Künstler.

  • The Stars Look Very Different Today

    The Stars Look Very Different Today

    Ich habe gestern nicht geweint, als ich hörte, dass David Bowie gestorben sei. Zugegeben, ich war etwas schockiert, weil ich doch wenige Tage zuvor von seinem neuen Album gelesen hatte. Sein Tod – glaube ich – geht mir auch nahe, aber eine Trauer um den Künstler hat sich bei mir nicht eingestellt.

    Es war anders, als ich vom Tode des kirgisischen Autors Tschingis Aitmatov hörte, oder als ich las, dass Christa Wolf gestorben ist. Da war ich richtig traurig. Ich nehme an, dass der Tod des Musikers Bowie für viele etwa das Gleiche bedeutete wie für mich der Tod der beiden Schriftsteller.

    Woher kommt diese Trauer um Künstler?

    Warum trauern wir um solche Menschen, die wir doch gar nicht persönlich kannten? Auf Facebook stellte Horst Kläuser gestern die Frage, warum wir in dem Moment, wenn wir vom Tod eines fernen berühmten Menschen hören, mehr trauern, als wenn wir etwa erfahren, dass ein alter Schulfreund oder eine ehemalige gute Nachbarin gestorben ist.

    Ich glaube, es gibt tatsächlich einen großen Unterschied, der es rechtfertigt, dass uns große Trauer ergreift, wenn ein Künstler, eine Autorin oder ein Musiker stirbt, während uns der Tod eines ehemaligen Freundes nicht so berührt. Im Falle des Künstlers wird uns schlagartig klar: Es gibt keine Hoffnung auf etwas Neues mehr. Unsere Beziehung zu diesem Menschen war noch nicht zu Ende. Wir haben mit ihm eine Erwartung verbunden – es wird noch etwas von ihnen kommen, was uns berühren und bewegen kann.

    Ich weiß noch sehr genau, dass ich so schockiert vom Tode Aitmatovs war, weil ich dachte: Nie wieder werde ich ein neues Buch von ihm in den Händen halten. Alle, die es gab, hatte ich gelesen, und jeden weiteren Roman hätte ich begierig aufgenommen. Ähnlich ging es mir mit Christa Wolf.

    Schade, nicht traurig

    Man mag es bedauern, aber mit alten Freunden und Bekannten ist es anders. Die Beziehung zu ihnen hat sich allmählich verflüchtigt. Der Moment, in dem wir darüber hätten traurig sein sollen, ist längst vorbei. Wir sagen dann nicht, dass es traurig sei, dass wir uns aus den Augen verloren haben, sondern allenfalls, dass es schade ist, dass wir uns so voneinander entfernt haben.

    Anders ist es, wenn etwas offen geblieben ist, wenn eine Geschichte noch nicht zu Ende ist. Wenn noch etwas zu klären gewesen wäre. Das ist aber mit ganz alten Freunden selten der Fall.

    Vielleicht ist die Trauer um Künstler tatsächlich so groß, weil wir einen Verlust für das erleben, was vor uns liegt. Ich komme auch in Zukunft gut ohne den alten Schulfreund zurecht, so wie ich in den letzten Jahren ohne ihn klar gekommen bin. Aber ohne die Vorfreude auf das nächste Album von David Bowie wird manchem etwas Wichtiges fehlen, so wie mir, der ich nicht mehr auf ein neues Werk von Tschingis Aitmatov oder Christa Wolf hoffen kann.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die Härte des Liberalismus.

  • Die Härte des Liberalismus

    Der Liberalismus sei gescheitert, so meinte jemand, in einem zustimmenden Kommentar zu meiner letzten Kolumne über die Notwendigkeit einer Wende in der Asylpolitik. Das ist ein gewaltiger Irrtum.

    Voraussetzungen einer liberalen Gesellschaft

    Wir schränken die Freiheit nicht ein, wenn wir ihre Feinde in die Schranken weisen. Im Gegenteil: Voraussetzung eines Lebens in wirklicher Freiheit ist, dass diejenigen, die das freie Leben lieben, weitgehend sicher sein können, sich damit keiner Gefahr für Leib und Leben auszusetzen. „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss“ meinte zwar Goethes Faust sehr pathetisch, aber das gilt, wenn überhaupt, nur für revolutionäre, unsicher Zeiten.

    Wir haben uns in den europäischen Demokratien eine freie Welt geschaffen, in der wir unsere Freiheit nicht im täglichen Alltag selbst gegen Angriffe verteidigen müssen. Diese Aufgabe haben wir an den Staat delegiert, und das aus gutem Grund. Eine Gesellschaft, in der jeder selbst dafür zuständig ist, seine Rechte zu verteidigen, kann nicht zur Ruhe kommen. Deshalb ist es heute eben anders als in Goethes Vorstellung, wo „Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen“, wenn Gefahr droht. Für den Schutz der Dämme haben wir die Bundespolizei.

    Wenn wir nun erkennen müssen, dass durch den Zustrom von Flüchtlingen auch viele Personen zu uns kommen, die unser liberales Weltbild nicht teilen, denen die Würde anderer Menschen gleichgültig ist, dann müssen wir zuallererst dafür sorgen, dass die Stabilität unseres Zusammenlebens nicht gefährdet wird. Und solange wir nicht wissen, wer unter den Ankömmlingen bereit ist, sich in unser Verständnis von Freiheit und Individualität einzuordnen und wer nicht, müssen wir Verfahren finden, die den notwendigen Schutz bieten, ohne unsere Freiheit einzuschränken. Ich hatte vorgestern ein solches Verfahren mit dem Begriff „Internierungslager“ belegt, um keine schönfärberische Verbrämung möglich zu machen. Ja, wir müssen wohl die Ankömmlinge zunächst isolieren, prüfen und auf unsere Welt vorbereiten, bevor wir sie, in kleinen Gruppen und dezentral, in unsere Gemeinschaft integrieren.

    Damit begraben wir nicht unsere liberalen Ideale – im Gegenteil, wir schützen sie nachhaltig. Wir sichern unsere Freiräume, unseren liberalen Umgang miteinander, unsere Möglichkeiten, uns frei zu bewegen, wie wir es wollen – ohne Angst vor Übergriffen. Wir tun das auch im Interesse der Flüchtlinge, die zu uns kommen, um an unseren liberalen Idealen teilzuhaben. Denn wir können diese Menschen nur integrieren, wenn wir keine Angst vor ihnen haben. Im Moment gibt es eine solche Angst, und die Ereignisse der Silvesternacht zeigen, dass sie berechtigt ist.

    Kontrolle ohne Abschottung

    Internierung ist gerade keine Abschottung, ist keine Zurückweisung von Menschen in Not. Es ist ein Verfahren, um diejenigen, denen wir von Herzen helfen wollen und die uns willkommen sind, von denen zu trennen, die unsere Werte verachten und unsere Gemeinschaft gefährden können. Wir müssen uns eingestehen, dass wir nicht wirklich wissen, wer da aus welchen Gründen zu uns kommt – und wir brauchen eine Sicherheit, dass wir uns auch die Friedfertigkeit und Loyalität der neuen Mitbürger halbwegs verlassen können.

    Natürlich bietet ein solches strenges Verfahren keine vollständige Sicherheit vor Gewalttätern und Feinden der freien Gesellschaft. Aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Integration derer gelingt, die den Prozess der Prüfung und Qualifikation erfolgreich durchlaufen haben. Und es wir auch eine gewisse abschreckende Wirkung auf jene haben, die sich gar nicht integrieren wollen.

    Wir benötigen diese Gewissheit auch, um denjenigen entgegentreten zu können, die alles Fremde hassen. Der liberalen Gesellschaft droht nicht nur Gefahr von den neu ankommenden Feinden der Freiheit, sondern weiterhin auch von denen, mit denen wir uns hierzulande schon lange herumplagen. Jede Straftat eines Asylbewerbers ist Wasser auf die Mühlen der rechten Fremdenhasser – und sie werden immer mehr Anhänger finden, wenn wir diese Straftaten nicht nachhaltig unterbinden können. Wenn wir Ereignisse, die den Bürgern Angst machen, herunterspielen als Taten einiger weniger Chaoten, dann hilft das nur diesen ebenso anti-liberalen Gruppen. Machen wir uns nichts vor: Wenn der Staat es nicht schafft, die Freiheit auf der Straße zu garantieren, dann wird die Straße von den Radikalen besetzt, und mit der Freiheit ist es schnell zu Ende.

    Es gibt sehr viele gute Menschen unter denen, die derzeit zu uns kommen wollen. Sie bilden die Mehrheit und sie werden unsere freiheitliche Gesellschaft noch bunter und reicher machen. Aber so paradox es klingt: Damit ihre Integration gelingt, müssen wir es ihnen schwer machen.

  • Köln: Das Fukushima der Flüchtlingspolitik

    Als vor fast fünf Jahren ein Erdbeben und ein Tsunami im japanischen Kernkraftwerk Fukushima eine Nuklearkatastrophe auslösten, kam es innerhalb von nur drei Tagen zu einem radikalen Kurswechsel in der deutschen Energiepolitik. Bis zum 11.03.2011 galt die Atomenergie als wichtiger Bestandteil der Energieversorgung in Deutschland – genehmigte Laufzeiten wurden sogar verlängert. Schon am 14.03.2011 jedoch war alles anders: 8 Kernkraftwerke wurden vorübergehend stillgelegt, für die gerade wenige Monate zuvor noch Laufzeitverlängerungen genehmigt worden waren, der Atomausstieg bis 2022 war drei Monate später beschlossene Sache. Eine politische Wende, die Anfang 2011 nicht denkbar gewesen war.

    Die Katastrophe von Köln

    Was in der Nacht vom 31.12. zum 01.01. in Köln geschehen ist, hat das Potenzial, zu einer ebenso radikalen Wende in der Flüchtlingspolitik zu führen. Es ist bedenklich, dass die Kanzlerin, die im März 2011 Sätze wie „Wir haben eine völlig neue Lage“ und „Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“ sprach, nun schwer verständlich und umständlich darüber räsoniert, „ob wir, was Ausreisenotwendigkeiten anbelangt … schon alles getan haben, was notwendig ist, um hier auch klare Zeichen zu setzen an diejenigen, die nicht gewillt sind, unsere Rechtsordnung einzuhalten“.

    Es hilft in diesem Moment überhaupt nicht weiter, darauf hinzuweisen, dass die meisten Flüchtlinge keine Sexualstraftäter sind – in den meisten Kernkraftwerken finden auch keine ernsthaften Unfälle statt und trotzdem werden sie abgeschaltet. Ja natürlich, Menschen darf man nicht mit Maschinen vergleichen. Aber Köln zeigt, es ist mit der Einreise von hunderttausenden Flüchtlingen ein Risiko für die Stabilität und Zuverlässigkeit unserer sozialen Ordnung entstanden, das wir nicht hinnehmen können. Da hilft es weder, darauf hinzuweisen, dass die Gefahr nur von einem geringen Prozentsatz der Asylbewerber ausgeht, noch, darüber zu spekulieren, wie sich deutsche Männer in einer ähnlichen Situation verhalten würden.

    Kein „Plan B“

    Vielleicht ist Merkel deshalb derzeit viel zögerlicher als vor fünf Jahren mit der Energiewende, weil sie keine Alternative zu ihrer aktuellen Flüchtlingspolitik sieht. Und in der Tat: Migrationsbewegungen lassen sich nicht einfach abschalten wie Kraftwerke. Deshalb bleibt es auch dumm, über eine „Obergrenze für Flüchtlinge“ zu reden. Wie viele Flüchtlinge nach Deutschland unterwegs sind, entscheidet sich nicht in Deutschland, sondern in den Herkunftsländern. Mit dieser Zahl muss Deutschland umgehen, egal, ob die Menschen ins Land gelassen werden, oder ob man sie an den Grenzen zurückweist.

    Trotzdem gibt es Optionen für eine radikale Wende. Nennen wir sie beim Namen:

    Intervention und Internierung

    Wenn die Situation in einem Land dazu führt, dass hunderttausende seiner Bürger fliehen, dann hat das Land, in dem sie Zuflucht suchen, das Recht, in diesem Land politisch zu intervenieren. Das gilt für die Balkanstaaten genauso wie für die Bürgerkriegsländer Syrien und Afghanistan – auch wenn die Mittel der Intervention andere sein werden. Wir müssen bereit sein, die Regierungen der Heimatländer der Flüchtlinge so unter Druck zu setzen, dass in diesen Ländern die Fluchtgründe entfallen. Wir müssen die Kräfte unterstützen, die die politische Situation in diesen Ländern ändern wollen, damit die Menschen in ihrer Heimat eine Perspektive sehen.

    Diejenigen hingegen, die sich weiterhin auf den Weg nach Europa, insbesondere nach Deutschland machen, müssen zwar versorgt werden, dürfen aber nicht sofort mit allen Freiheiten ausgestattet werden, die uns selbst so lieb und selbstverständlich sind. Die Katastrophe von Köln zeigt: Auch wenn es uns schwerfällt, wir können nicht jeden, der zu uns kommt, mit Taschengeld ausstatten und frei herumlaufen lassen. Auch wenn die meisten von ihnen keinem etwas zu leide tun würden: Das Risiko, das von den übrigen ausgeht, ist derzeit einfach zu groß. Also brauchen wie schnell effektive Einrichtungen, in denen die Ankommenden versorgt und untergebracht werden. Nennen wir diese Einrichtungen ruhig Internierungslager. In diesen Einrichtungen müssen die ankommenden Personen geprüft werden, und diejenigen, für die eine Integration in unsere Gesellschaft in Frage kommt, müssen dort geschult und vorbereitet werden, bevor sie in kleinen Gruppen dezentral in den Alltag unserer Gesellschaft eingeführt werden.

    Das wird teuer, und es bleibt eine Herausforderung mit vielen Unwägbarkeiten. Aber der Spagat zwischen humanitärer Flüchtlingshilfe und Sicherung unserer friedlichen Gesellschaft, die wir in Jahrzehnten aufgebaut haben, sollte es uns wert sein. „Wir können das schaffen, und wir schaffen das“ hat Angela Merkel gesagt. Wenn wir nach der Kölner Katastrophe Mut zum radikalen Umdenken haben, kann sie am Ende Recht behalten.

  • Was bleibt von der Religion?

    Die Adventszeit und das Weihnachtsfest zeigen es Jahr für Jahr: Wir leben in einer christlich geprägten Gesellschaft. Seit rund 2.000 Jahren bestimmt die christliche Religion die Traditionen, den Rhythmus der Arbeitswoche, die Feiertage, die Redewendungen. Bedeutende Kunstwerke sind von christlichen Motiven geprägt, die beeindruckende Architektur in den Städten überall in Europa verdankt ihre Entstehung und ihr Aussehen der Anbetung des christlichen Gottes. Unsere moralischen Grundsätze fassen wir, ob wir gläubige Christen sind oder nicht, in Worte, die der Heiligen Schrift dieser Religion entnommen sind.

    Heute geht der Einfluss der christlichen Kirchen gerade da stetig zurück, wo sie in den letzten zwei Jahrtausenden besonders prägend waren. Mit dem Gottesglauben, so wie er vom Christentum verstanden wird, können sich immer weniger Menschen identifizieren. Die Naturwissenschaften haben die Vorstellungen von Gott und Jenseits fragwürdig gemacht. Damit sind auch alle moralischen Normen, die das Christentum mit Bezug auf diesen Gottesglauben gesetzt hat und noch immer setzt, fragwürdig geworden. Wenn ich mich moralisch letztendlich vor einem Gott, der als Person verstanden wird, zu verantworten habe, dann wird der Moral mit dem Glauben an diesen Gott letztlich der Boden unter den Füßen weggezogen.

    Gegenwärtig ist die Meinung verbreitet, dass mit dem Reputationsverlust der alten Kirchen das Ende der Religionen überhaupt gekommen wäre. Warum haben die Menschen überhaupt immer wieder eine neue Religion und eine neue Kirche aus dem Bestehenden heraus geschaffen, warum haben sie die ganze Idee der religiösen Kulte, die von einer Kirche zelebriert und gepflegt werden, nicht längst lachend beiseite getan? Die Vermutung, dass eben erst wir heute so klug sind, zu erkennen, dass es keinen Gott und kein Jenseits gibt, dass alles erklärbar ist und dass es für Götter keinen Ort und keine Notwendigkeit gibt, greift zu kurz. Auch die alten Griechen hielten die Welt für erkennbar, auch unter ihnen gab es schon Denker, die die Existenz der Götter bestritten und dafür gute Gründe angeben konnten. Wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, dass die Menschen in früheren Jahrtausenden eben einfach noch dümmer oder unwissender waren als wir, und erst wir heute so viel Wissen angehäuft hätten, um beweisen zu können, dass es Götter nicht gibt oder dass sie wenigstens nicht gebraucht werden.

    Glauben, Kult und Autorität

    Wenn wir dem Geheimnis der Anziehungskraft der Religionen auf die Spur kommen wollen, ist es sinnvoll, erst einmal die Frage zu stellen, was mit diesem Begriff eigentlich bezeichnet wird. Je nach der Weltgegend und historischer Epoche begegnen uns ganz verschiedene Traditionen und Handlungsweisen, die wir doch ziemlich sicher unter dem Begriff der Religion zusammenfassen. Manche Religionen haben eine ganze Vielzahl von Göttern, die sie anbeten und mit denen sie auf besondere Weise ins Gespräch kommen. Andere haben einen einzigen Gott, wieder andere haben gar keinen Gott, aber dennoch eine Instanz, außerhalb der Alltagserfahrung, mit der sie auf nicht alltägliche Weise in Verbindung kommen. Manche Religionen organisieren sich in einer straff geführten hierarchischen Kirche, während andere nur einzelne religiöse Führer haben. Es gibt verschieden bestimmte heilige Orte, an denen die Angehörigen der Religionsgemeinschaft zu bestimmten Zeiten oder Ereignissen zusammenkommen, um Rituale zu zelebrieren, religiösen Inszenierungen zu folgen oder, wiederum auf ganz verschiedene Weise, gemeinsam zu beten.

    Was ist all diesen vielfältigen Traditionen und Handlungen gemeinsam? Es scheint, als ob es bei jedem Phänomen, das wir als Religion bezeichnen, drei Aspekte gibt, die miteinander verschränkt oder dicht verwoben sind, sodass man diese manchmal miteinander gleichsetzt. Da ist zuerst einmal der Aspekt des Glaubens an etwas, das außerhalb des Alltags der Gemeinschaft existiert, und doch für diese Gemeinschaft und für das Leben eines jeden Einzelnen in der Gemeinschaft von ganz grundsätzlicher Bedeutung ist. Der zweite Aspekt ist der des Kults oder des Rituals. Im Ritual, dem gemeinsam und nach gewissen traditionell vorgegebenen Vorschriften inszenierten Kult, wird das, woran die Gemeinschaft glaubt, erfahrbar gemacht. Hier wird die Verbindung zum Alltag gelöst und zum Wesentlichen, dem der Glauben gilt, hergestellt. Schließlich gibt es den Aspekt der Institution, in der sich die Gemeinschaft organisiert und der eine Autorität die Einhaltung des Kults organisiert und sichert. Die Institution Kirche ist, sowohl im praktischen als auch im metaphorischen Sinn, die Stätte, an der die Religionsausübung stattfindet und die die Stabilität der religiösen Erfahrung über lange Zeit und an den verschiedenen Orten, an denen die Religionsgemeinschaft zusammenkommt, sichert.

    Der Dreiklang von Glauben, Kult und Autorität ist nicht nur bei kulturellen Phänomenen zu beobachten, die wir im engeren Sinne als Religionen bezeichnen. Politische Parteien und wirtschaftliche Unternehmen haben ihre spezifischen Überzeugungen, die sie als ihre Aufgabe oder ihre Mission ansehen, sie pflegen und inszenieren regelmäßig bestimmte Rituale, um die Angehörigen auf die Gemeinschaft und die gemeinsamen Ziele einzuschwören, und sie haben dafür spezielle Organisationsformen und Versammlungsstätten, die der Pflege der Traditionen und Kulte dienen. Nicht umsonst sprechen wir, wenn der Dreiklang dieser gemeinschaftlichen Traditionspflege besonders stark und emotional ausgeprägt ist, davon, dass die Versammlung der jeweiligen Gemeinschaft religiöse Züge annimmt.

    Was unterscheidet diese manchmal religiös anmutende Traditionspflege von Religionen im engeren Sinne? Es ist nicht die Intensität des Glaubens oder die Strenge des Rituals, es ist auch nicht der Organisationsgrad der Gemeinschaft. In einer Religion geht es auf sehr fundamentale Weise immer um den ganzen Menschen und um seine Stellung in der Gemeinschaft, somit geht es auch für die Gemeinschaft in grundsätzlicher Weise um ihren Sinn und den Zweck allen Tuns selbst. Eine politische Partei hat ein politisches Ziel, um dessen Willen das gemeinschaftliche Handeln gestärkt werden soll, so wie ein Unternehmen ein wirtschaftliches Ziel hat und ein Sportverein ein sportliches Ziel. Um diese Ziele zu erreichen, soll das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden, und dazu gilt es, den Glauben an das Ziel und an die Kraft der Gemeinschaft zu stärken, indem Traditionen gepflegt und Rituale gelebt werden, dazu werden Organisationsformen geschaffen und gemeinschaftliche Ereignisse an besonders geeigneten Orten organisiert.

    In einer Religion geht es jedoch um den Sinn allen gemeinschaftlichen Tuns und um die Bedeutung des Einzelnen in dieser Gemeinschaft selbst. Es geht darum, wie sich die einzelne Person auf die Gemeinschaft in all ihrem Handeln verpflichtet, es geht um die moralischen Grundsätze der ganzen Gemeinschaft in all ihrem Wirken. Letztlich bildet das Erleben dieser Gemeinschaft die Grundlage für jede Gemeinschaftlichkeit, auch für die politische und wirtschaftliche.

    Viele Menschen meinen heute, ohne eine solche verpflichtende Gemeinschaftlichkeit einer Religion, in die sie eingebunden sind, auskommen zu können. Vielleicht heißt das letztlich, dass die Gesellschaft auch ohne ein ganz fundamentales Gemeinschaftsempfinden auskommen kann, dass sich Gemeinschaftlichkeit auch gebunden an konkrete Zwecke auf Zeit ausbilden kann und dass die Menschen ansonsten voneinander unabhängige und einander nicht verpflichtete Individuen sein können. Es spricht aber auch einiges dafür, dass Verantwortung und Pflichtgefühl im einzelnen nur stabil und zuverlässig möglich sind, wenn sie auf einem allgemeinen moralischen Fundament ruhen, das durch eine Gewissheit der Bedeutsamkeit von Gemeinschaft und des eigenen Handelns für eine Gemeinschaft zustande kommt.

    Sinn und Bedeutsamkeit

    Wenn wir fragen, worin aller religiöser Glauben, sei er mit einem personalen Gott verbunden oder nicht, zusammenkommt, dann darin, dass das, was uns in der Welt begegnet, und unser Handeln in der Welt einen Sinn hat, dass es Bedeutung über das hinaus hat, was uns jeweils zum Weiterleben nötig ist. Mit ihrem Glauben versehen die Menschen ihre Welt mit Bedeutsamkeit. Das gilt für die Position jedes einzelnen Lebens innerhalb der Gemeinschaft als auch für das gemeinschaftliche Wirken in der Welt, für das Verstehen dieser Wirklichkeit, in der die Realität auf die Menschen wirkt, so wie umgekehrt menschliche Praxis auf die Welt wirkt. Wir können diese Verwebung und Einwebung der Menschen in die Gemeinschaft und in die Welt nur verstehen, indem wir sie in ihrer Bedeutung begreifen. Die einzelnen Bedeutungen bringen wir in einen Bedeutungszusammenhang, der Geburt, Leben und Tod, die Regelmäßigkeiten des gemeinschaftlichen Lebens, die Differenzierungen innerhalb unserer gesellschaftlichen Einbindungen und die Wechselfälle und Ereignisse des Lebens einschließt. Religiosität bedeutet, diese Bedeutsamkeit gemeinsam verständlich und erfahrbar zu machen und damit „dem Ganzen“ einen Sinn zu geben, den wir akzeptieren können. Gerade für die Dinge, die uns wichtig und groß erscheinen, ist diese Bedeutsamkeit besonders augenfällig. Das moralische Handeln sowie das Suchen nach Wahrheit und Schönheit sind mit der Gewissheit verbunden, dass sie einen Sinn über den Moment hinaus haben, unabhängig davon, ob sie direkt nützlich und erfolgreich sind, oder nicht.

    Glauben ist die Überzeugung, dass es etwas gibt, ohne dass wir uns selbst von seiner Existenz überzeugt hätten, sei es durch direkte Anschauung oder sei es durch logische Schlussfolgerung aus solchen direkten Anschauungen. Streng genommen basiert fast alles, was wir als sicheres Wissen bezeichnen, auf Glauben. Wir glauben, was die Eltern sagen, was die Lehrer und Professoren uns lehren, wir glauben, was in den Lehrbüchern steht und was die Nachrichten uns mitteilen. So ist es auch mit den moralischen Überzeugungen, die wir durch die Befragung des Gewissens gewinnen und festigen und von denen wir wissen, dass wir sie mit anderen teilen.

    Manche Menschen verbinden diese ganz grundsätzlichen Gewissheiten mit einem Gott oder mit anderen Wesen, die außerhalb der Alltagserfahrung angesiedelt sind und zu denen sie durch ihr Gewissen in bestimmten Momenten und Situationen in Kontakt kommen, andere haben für das, was hinter diesen Grundsätzen steht, keinen Namen. Auch ohne von einem Gott zu sprechen, sagen wir oft, dass uns diese Dinge „heilig“ sind. Heilig kann uns auch die gewaltige Natur sein, der Sternenhimmel, der Regenbogen, das Wachsen der Lebewesen, die Geburt eines Menschen, die Gemeinschaft, in der wir uns geborgen fühlen. Das sind die Dinge, an deren Bedeutsamkeit wir glauben, unabhängig davon, ob wir sie mit einem Gott verknüpfen oder nicht.

    Das Ritual: Die Sprache des Bedeutsamen

    Die Sprache, in der sich Bedeutsamkeit zeigt, ist die der Rituale. Zwar können wir die Bedeutungen von Ereignissen und den Sinn vor Erlebnissen auch in Worte fassen, aber sie offenbaren sich im Ritual. Ich kann meinem Freund versichern, dass ich ihn schätze und ihm beistehen werde, aber viel verständlicher wird, was er mir bedeutet, im festen Händedruck. Die Bedeutung des Abschiedsschmerzes spüren wir in der Umarmung am Bahnsteig. Durch die Zeremonie der Zeugnisübergabe wird den Schülern die Bedeutung des Moments für das ganze Leben bewusst. Sie spricht im Ritual, das die Gemeinschaft mit diesem Moment verbindet, und umso selbstverständlicher und stärker das Ritual gelebt wird, desto bedeutsamer ist der Moment. Wir glauben die Bedeutung einer Freundschaft umso sicherer, desto fester und selbstverständlicher der Händedruck und die Umarmung beim Abschied sind.

    In den Ritualen feiern die Menschen die Bedeutsamkeit dessen, woran sie im eben beschriebenen Sinne glauben, die Feiertage sind deshalb auch die wichtigen Momente, in denen die Menschen sich ihrer Zugehörigkeit zu einer solchen Gemeinschaft versichern. Es ist nicht überraschend, dass Menschen etwa in Europa dabei an die christlichen Feiertage und Rituale anknüpfen. Wie schon gesagt, wir sind in all unseren Traditionen über zweitausend Jahre christlich geprägt. Das bedeutet nicht nur, dass wir an Feiertage wie etwa Ostern und Weihnachten, oder an bestimmte Rituale im Zusammenhang mit der Geburt eines Menschen, dem Erwachsenwerden, der Hochzeit und dem Tod „gewöhnt“ sind, sondern dass sich die Bedeutsamkeit, der Sinn dieser Feiern mit der Bedeutung, die wir in der Einbindung eines jeden von uns in die Gemeinschaft erleben, aus dieser langen Tradition herleitet. Wir haben bestimmte Vorstellungen von den moralischen Verpflichtungen der Gemeinschaft gegenüber einem Neugeborenen, von den Pflichten, die zwei Menschen durch Heirat füreinander übernehmen. Wir haben auch die Überzeugung, dass wir uns immer wieder auf den Wert der Gemeinschaft, auf unsere Schwächen, auf die Fähigkeit, füreinander einzustehen, besinnen sollten.

    In einem ganz ursprünglichen und fundamentalen Sinn ist uns Menschen eine so verstandene Religiosität offenbar wesenseigen. Das bedeutet nicht, wie man manchmal meint, dass Spiritualität oder gar Mystik oder der Wunsch nach schönen Ritualen in einem romantischen Sinn ein Bedürfnis sind, das die Religionen in den Kirchen befriedigen, so wie Rockbands und Fußballmannschaften in Stadien unser Bedürfnis nach gemeinsamen Erlebnissen befriedigen. Religiosität ist vielmehr die Weise, wie die Menschen als Gemeinschaft mit sich und der Welt überhaupt umgehen können, es ist die Methode, mit der wir uns selbst in die Gesellschaft integrieren und das Wirken in dieser Gesellschaft und aus ihr heraus in die Umwelt hinein verstehen und gestalten können.

    Eine so verstandene Religiosität wird mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und den technischen Errungenschaften nicht überflüssig, denn diese können weder unserer Verbindung mit der Welt, noch der Verflechtung der einzelnen Person mit der Gesellschaft Bedeutung und Sinn geben, sie können uns vielleicht sagen, warum die Dinge so sind, wie wir sie vorfinden, aber nicht, warum wir die Dinge verändern sollen, sie können uns Werkzeuge zum Handeln geben, aber keinen Grund, aus dem heraus wir handeln sollten.

    Das macht deutlich, dass Religionen nicht irgendein merkwürdiges Bedürfnis befriedigen, es geht nicht um Unterhaltung oder um Erbauung, nicht darum, sich gemeinsam ein paar schöne Stunden zu machen und dafür einige geeignete Anlässe zu finden. Es geht auch nicht darum, die Grundsätze einer christlich geprägten Moral in das nachchristliche Zeitalter hinüberzuretten, weil wir gemerkt haben, dass es für ein halbwegs gelungenes Zusammenleben der Menschen ganz sinnvoll sein kann, weiterhin an die zehn Gebote und die Bergpredigt zu denken. Wir sollten die Traditionen der nahen und fernen Religionsgemeinschaften gerade nicht wie einen Fundus nützlicher Regeln, einen Steinbruch für Lebens- und Moralbausteine betrachten, die wir geschickt und planvoll in unser modernes, gottfernes Lebensgebäude einbauen können.

    Religiosität ist – auch wenn das immer noch befremdlich klingt – das Grundprinzip des menschlichen Weltverstehens, die Basis des sicheren menschlichen Handelns. So, wie sich die Alten Griechen, die im Zentrum ihrer Religion Geschichten einer komplexen Götterwelt hatten, wohl nicht vorstellen konnten, dass zur Religion ein einziger Gott ausreicht, so können sich Christen nicht vorstellen, dass Religiosität auch ganz ohne einen Gottesglauben möglich und sinnvoll sein kann. Aber die vieltausendjährige Geschichte der monotheistischen Religionen hat gezeigt, welche vielfältigen Ausprägungen mit dem Glauben an einen Gott möglich sind. Wie sich die Religiosität der Menschen in Zukunft gestaltet, ist natürlich nicht konkret vorhersagbar. Sicher scheint nur, dass wir am Beginn eines Umbruchs stehen, sicher scheint auch, dass Traditionen, Rituale, Geschichten und Symbole der alten Kirchen in neue Formen von etwas, das man vielleicht eine „weltliche Religiosität“ nennen könnte, eingehen werden. Gleichzeitig können Bräuche aus dem nichtreligiösen Alltag sich, wenn sie die Bedeutsamkeit des Zusammenseins erlebbar machen, in solch eine neue Gemeinschaft eingehen. Eine gewisse Vorstellung davon, wie das aussehen könnte, kann man sich machen, wenn man beobachtet, wie wir schon heute außerhalb der Kirchen unsere Gemeinschaftlichkeit erlebbar machen. Zwei gemeinsame Handlungsformen tauchen dabei immer wieder auf: das gemeinsame Essen und das gemeinsame Singen. Es ist nicht überraschend, dass uns diese auch von den christlichen Kirchen her schon bekannt sind.

    In den bisherigen Kirchen wird das gemeinsame Abendmahl auf Gott bezogen, und von ihm her kommt auch die Speise und der Trank. Hier wird Gemeinschaft zwar durch das Teilen des Brots und des Weins erlebt, aber sie wird durch Gott hergestellt. In einer Kirche ohne Gottesbezug kommt die Speise, die geteilt wird, auch von der Gemeinschaft. Wir kennen das bereits: Immer häufiger sagen wir, wenn wir zusammen feiern wollen, dass alle, die teilnehmen, auch etwas mitbringen, Salat, Brot, Würstchen, Wein, ungefähr so viel, wie man selbst essen möchte. Dann wird geteilt, niemand isst das selbst mitgebrachte, sondern alle probieren das, was andere mitgebracht haben. Im gemeinsamen religiösen Fest könnte es so sein, dass alle eine Kleinigkeit, vielleicht ein selbst gebackenes kleines Brot, mitzubringen hätten, welches geteilt und in einen gemeinsamen Korb getan wird, aus dem alle sich, zu einem bestimmten Moment am Ende der Feier, ein Stück nehmen. Es wäre auch denkbar, dass dies die Einleitung zu einem anschließenden gemeinsamen Essen ist, zu dem alle etwas zu Essen und zu Trinken mitgebracht haben.

    Den gemeinsamen Gesang als Erlebnis von Gemeinschaft kennen wir ebenfalls sowohl aus den Kirchen als auch aus nichtreligiösen Zusammenhängen. Es ist erstaunlich, wie schwer es uns manchmal fällt, in so einen Chor einzustimmen, während wir in anderen Situationen, etwa, weil jemand aus dem Freundeskreis Geburtstag hat, mehr oder weniger lautstark mitsingen. Wenn es darum geht, weder einen Gott noch einen einzelnen zu preisen, dann kommt es auf den Text vielleicht gar nicht an. In einer Kirche ohne Gottesbezug, in der es um die Feier der Gemeinschaft selbst geht, kann man die Melodien auch mitsummen oder klatschen. Wichtig wäre vor allem, dass die Gemeinschaft selbst es ist, die die Musik macht, und dass sie sich nicht nur etwas vorspielen lässt, so wie wir es heute häufig bei „feierlichen Anlässen“ erleben, bei denen man sich vielleicht gut unterhält oder andächtig lauscht, aber trotz großer Zuhörerzahl kein Gemeinschaftsgefühl aufkommt. Das entsteht erst, wie wir aus Fußballstadien und von Rockkonzerten wissen, wenn die Zuhörer zum großen Chor werden.

    Man könnte nun fragen, warum es eine Kirche und vielleicht sogar einen festen Ritus des gemeinsamen Essens und ein Gesangsbuch brauchen soll, um auf diese Weise Gemeinschaft zu erleben. Das Problem ist, dass die Freundeskreise und die Fangemeinden oft ganz lokal beschränkt sind, und sie umfassen immer nur einen ziemlich kleinen Teil der ganzen Gemeinschaft, zu der wir eigentlich gehören und die wir, egal wohin wir kommen, eigentlich erleben könnten. Eine weltliche Kirche könnte der Ort der Gemeinschaft sein, der letztlich überall schon eingerichtet ist, wo wir hinkommen, sie lässt uns eine prinzipiell grenzenlose Gemeinschaft sein, die nicht auf dieses oder jenes Interesse oder auf zufällige Bekanntschaften bezogen ist, sondern auf die Gemeinschaftlichkeit der Menschen und ihre Verantwortung füreinander und für ihre Welt selbst. Wenn es einen Menschen irgendwo hin verschlägt, wo er niemanden kennt, könnte er sich die örtliche Gemeinde suchen, er kennt ihre Rituale, kann an ihren Feiern ganz natürlich teilnehmen, und erlebt, dass es überall Gemeinschaft, überall ein Stück Heimat gibt.

    Lesen Sie zum gleichen Thema die Kolumne Guter Gott? Böser Gott? von Jörg Friedrich.

    In Jörg Friedrichs letzter Kolumne ging es um Flaschensammeln in Würde.

  • Flaschensammeln in Würde?

    Flaschensammeln in Würde?

    Vor ein paar Jahren kam ein Designstudent aus Köln auf eine tolle Idee, die seither von einfühlsamen Menschen regelmäßig wieder in die Diskussion gebracht wird: Man sollte öffentliche Mülleimer doch mit Flaschenhaltern (so genannten Pfandringen) versehen. Damit kann man, so das Argument, armen Menschen, die darauf angewiesen sind, sich ein paar Euro mit dem Sammeln von Pfandflaschen zu verdienen, ihre Würde zurückgeben. Jawohl, es geht um nicht weniger als die Würde des Menschen, die bekanntlich unantastbar ist.

    Wer hat die Würde weggenommen?

    Da fragt man sich natürlich sogleich, wie die Würde der Flaschensammler denn abhandengekommen ist, wer sie ihnen weggenommen hat, und wie sie in die Hände des Designstudenten gekommen ist, der sie, gemeinsam mit Stadtverwaltungen und Bürgerinitiativen, nun zurückgeben will.

    Aber der Reihe nach. Würde ist ja ein ganz schwieriger Begriff. Irgendwie weiß jeder, dass er eine Würde hat, die er nicht verlieren will. Würde ist aber auch ein Niveau, unter das man nicht sinken will – man sagt dann, dieses und jenes ist unter meiner Würde. Wir können uns etwa einen jungen Designstudenten vorstellen, der zu seinen Kommilitonen sagt: „Das wäre unter meiner Würde“, während er beobachtet, wie ein ärmlich gekleideter Mensch die Bierflasche, die er selbst gerade in den Mülleimer geworfen hat, wieder heraussammelt.

    Der Flaschensammler betrachtet seine Tätigkeit vielleicht als seinen Broterwerb. Er ist froh, nicht betteln zu müssen, sondern etwas Sinnvolles zu tun. Vielleicht sagt er sich, dass er dazu beiträgt, die Müllberge kleiner zu machen, wertvolle Verpackungen der Wiederverwendung zuzuführen.

    Dass man sich bei dieser Tätigkeit die Hände schmutzig macht, dass man dabei im Abfall wühlt, macht die Sache noch nicht würdelos. Sowas machen viele andere Menschen auch.

    Die Würdelosigkeit entsteht im Kopf des Beobachters, der für sich sagt: Das wäre nichts für mich. Durch diese Beurteilung hat er dem Mann am Mülleimer die Würde erst genommen, die er ihm sogleich per Pfandring zurückgeben will.

    Damit entwertet er jedoch die Arbeit des Flaschensammlers. Aus dessen sinnvoller Tätigkeit wird die Entgegennahme einer großzügigen Spende. Auch wenn wir nicht so genau wissen, was Würde ist, sind wir doch ziemlich sicher, dass wir mehr Würde darin finden, uns durch sinnvolle Arbeit etwas Geld zu verdienen, als auf bequeme Weise Spenden reicher Passanten entgegenzunehmen.

    Mitnahmegeschäft

    Dazu kommt: Der Pfandring bringt den Flaschensammler, der bereit ist, die Flasche aus dem Mülleimer herauszusammeln, in Wettbewerb mit all jenen, die nie in einen Mülleimer fassen würden, das „Mitnahmegeschäft“ aber nicht verschmähen. Aus dem Pfandring können sich auch Kinder gut betuchter Bürger das Taschengeld aufbessern.

    Die Würde wird Menschen übrigens vor allem dadurch genommen, dass man ihnen das Leben erleichtern will, ohne sie zu fragen, ob ihnen das Recht ist. Die Flaschensammler werden zumeist nicht gefragt, ob sie die gelben Pfandringe überhaupt haben wollen, wenn Kommunalpolitiker und Stadtverwaltungen gut gemeinte Pilotprojekte starten. Außer in Nürnberg – und da war die Antwort eindeutig. Flaschensammler wollen keine Pfandringe.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über Unschuldsvermutung und Strafe.

  • Unschuldsvermutung und Strafe

    Natürlich könnte ich einfach milde lächelnd darauf hinweisen, dass Heinrich Schmitz mich in seiner gestrigen Antwort auf meine Kolumne schlicht falsch verstanden und an meinen Überlegungen vorbeigeredet hat. Aber auch das ist ja ein guter Grund zur Reflexion. Deshalb möchte ich zu seinen beiden zentralen Punkten ein paar Gedanken loswerden, unabhängig davon, ob sie als Kritik an meinem Standpunkt taugen oder nicht.

    Unschuldsvermutung

    Heinrich Schmitz ist der Meinung, ich hätte „die Unschuldsvermutung einfach mal so gekippt“. Das ist zwar falsch, weil es in meinem Text, und auch im Teaser, gar nicht um die tatsächliche Schuld der Angeklagten im NSU-Prozess geht, und mit ein bisschen logischem Verständnis kann man das selbst im prägnant formulierten Teaser erkennen. Aber es ist auch ein willkommener Anlass, über die allgemeine und wohlfeile Phrase, es gelte für jeden Angeklagten bis zum Beweis seiner Schuld die Unschuldsvermutung, einmal etwas genauer nachzudenken.

    Erstens: Der Begriff ist irreführend. Niemand kann dazu aufgefordert werden, etwas zu vermuten, was ich vermute, kann mir keine Norm vorschreiben. Deshalb heißt es in den grundlegenden Normentexten auch (z.B. in der Europäischen Menschenrechtskonvention, §6, Absatz 2)

    Jede Person, die einer Straftat angeklagt ist, gilt bis zum gesetzlichen Beweis ihrer Schuld als unschuldig.

    „Als etwas gelten“ ist aber etwas anderes, als „etwas sein“ und „etwas vermuten“. Wenn etwa die Leute in den Strafverfolgungsbehörden vermuten würden, dass eine Angeklagte unschuldig ist, würden sie kaum in der Lage sein, effektiv eine Schuld nachzuweisen. Staatsanwälte und sonstige Kläger vermuten natürlich, dass die Angeklagte schuldig ist – aber sie müssen sich damit abfinden, dass sie als unschuldig gilt, solange für die Schuld nicht der gesetzliche Beweis erbracht ist.

    Als unschuldig gelten – das ist eine gesellschaftliche Vereinbarung, jemanden auf eine bestimmte Weise zu behandeln. Allerdings ist selbst das gar nicht so einfach – denn wenn man Angeklagte einfach wie Unschuldige behandeln würde, könnte man sie nicht guten Gewissens in Untersuchungshaft einsperren – man muss dafür gute Gründe haben: eine Schuld vermuten.

    Die nächste Frage ist: Wer hat sich eigentlich an diese Unschuldsvermutung zu halten? Der oben zitierte Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention regelt die „Rechte auf ein faires Verfahren“ und der Artikel 47 „Charta der Grundrechte der Europäischen Union“, der mit „Unschuldsvermutung und Verteidigungsrechte“ überschrieben ist, steht im Abschnitt „Justizielle Rechte“. Innerhalb des juristischen Verfahrens gilt also die „Unschuldsvermutung“, da hat eine angeklagte Person als unschuldig zu gelten.

    Das heißt also nicht, dass wir uns in der öffentlichen Diskussion jederzeit der Forderung unterwerfen müssten, so zu sprechen, als sei ein Angeklagter eigentlich unschuldig. Wir müssen uns nicht einmal jederzeit gegenseitig versichern, die Peron gelte natürlich als unschuldig. Wir können uns offen und frei über unsere Vermutungen austauschen – zumal wir ohnehin mit unseren Vermutungen nicht an das Urteil eines Gerichts gebunden sind – denn dieses stellt, wie man in dem zitierten Artikel auch nachlesen kann, nur die gesetzliche Schuld, nicht aber etwa eine moralische oder faktische Schuld fest.

    Eine simple Ausweitung der Unschuldsvermutung auf jede öffentliche Diskussion – zumal, wenn sie tatsächlich als Verbot, über Schuldvermutungen zu sprechen, verstanden wird, wäre auch eine unzulässige Einschränkung der Meinungsfreiheit.

    Allerdings gibt es eine weitere Einschränkung: Den Pressekodex. Da steht in Ziffer 13:

    Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse.

    Es lohnt sich, die Details dieser Ziffer 13 nachzulesen, dann sieht man, dass das alles gar nicht so einfach ist. Auf ein Detail komme ich unten noch mal zurück. Zumindest soll aber die Berichterstattung über Verfahren keine Vorverurteilung beinhalten.

    Spannend ist aber viel mehr, welche Verbindlichkeit der Pressekodex eigentlich hat. Autor ist der Presserat, ein eingetragener Verein, dessen Mitglieder Berufsorganisationen von Verlagen und Journalisten sind. Der Pressekodex ist kein Gesetz, sondern ein Regelwerk, in dem ein bestimmter Berufstand für sich selbst festlegt, wie mit Beschwerden über journalistische Produkte umgegangen werden soll.

    Der Pressekodex ist als Regelwerk Ergebnis eines stetigen Aushandlungsprozesses zwischen denen, die selbst journalistisch tätig sind. Er ist ständiger Kritik unterworfen und muss auch dauernd in Frage gestellt werden, damit er z.B. nicht Instrument einer trägen angepassten Journalistenmehrheit gegen investigative und provozierende Kollegen wird. Ob eine Plattform wie DieKolumnisten, die sich in ihrem Claim selbst als „Parteiisch, persönlich und provokant“ bezeichnet, sich pauschal dem Pressekodex unterwerfen sollte, scheint wenigstens fragwürdig zu sein.

    Wer bestimmt, was Strafe ist

    Zu einem anderen Punkt: Heinrich Schmitz ist in seiner Antwort auf meinen Text offenbar der Meinung, dass die Rechtssprechung als gesetzgebende Praxis oder wenigstens die Rechtswissenschaft als Disziplin die allgemeine Definitionshoheit über rechtlich relevante Begriffe wie „Strafe“ hat. Er beklagt meine „Erwägungen zur Strafe und zum Strafmaß, die sich dermaßen jenseits des Strafrechts bewegen, dass ich da ein paar Dinge zurechtrücken muss“.

    Warum sollte das Strafrecht dafür entscheidend sein, welche Bedeutung der Begriff der Strafe allgemein in der Gesellschaft oder überhaupt in anderen Diskursen als dem juristischen haben? Natürlich braucht das Strafrecht einen Begriff der „Strafe“ und man kann nur hoffen, dass es sich dabei an die alltagssprachliche Bedeutung des Begriffes anschließt. Aber die Begriffe sind nicht identisch. Im Allgemeinen sind die fachsprachlichen Begriffe einer Institution enger als die allgemeinsprachlichen – ohne dabei präzisier oder gar besser sein zu müssen. Sie haben einfach einen kleineren Anwendungsbereich, sie bezeichnen weniger Sachverhalte als die der allgemeinen Sprache.

    Übrigens hat das auch die Rechtsprechung in einem wichtigen und allgemein bekannten Urteil anerkannt. Das berühmte „Soldaten-sind-Mörder“-Urteil des Bundesverfassungsgerichts basiert genau darauf, dass der Begriff des Mordes, wie er in der Allgemeinsprache verwendet wird, nicht identisch ist mit dem des Strafrechts. In der Urteilsbegründung des Bundesverfassungsgerichts heißt es nämlich:

    In der Alltagssprache ist ein unspezifischer Gebrauch der Begriffe »Mord« und »Mörder«, der nicht auf juristische Abgrenzungen abstellt, durchaus üblich. Danach kann unter »Mord« jede Tötung eines Menschen verstanden werden, die als ungerechtfertigt beurteilt und deshalb missbilligt wird.

    Bedenklich ist, dass in diesem Fall sowohl das Amtsgericht als auch das Landgericht ganz selbstverständlich die Definition von Mord aus dem Strafgesetzbuch als allgemeingültig angesehen hatten und dass erst das höchste Gericht darauf hinweisen musste, dass  es „keine Anhaltspunkte dafür [sieht], warum ein verständiger Leser des Aufklebers die Aussage in einem solchen fachlich-technischen Sinn verstehen musste.“

    Die Anmaßung, dass Experten eine allgemeine Definitionsmacht für die Begriffe haben, die sie selbst aus der Alltagssprache entnommen und für ihre Bedürfnisse zugerichtet haben, teilen Juristen übrigens mit vielen anderen Experten. Es sind oft insbesondere Naturwissenschaftler, etwa Physikern, die beanspruchen, allgemeinverbindlich festzulegen, was wirklich eine Dimension oder Energie sei, oder Biologen, die meinen, bestimmen zu können, was wirklich eine Beere sei und was nicht. Philosophie hat nach meinem Verständnis die Aufgabe, solche Ansprüche und ihre Konsequenzen kritisch zu reflektieren. Dabei geht es mir nicht darum, eine eigene Definition anzubieten und zu verteidigen, wie es Heinrich Schmitz in einem Facebook-Kommentar gefordert hat. Mir reicht es völlig, zu zeigen, dass Fachdefinitionen im Alltag schnell an ihre Grenzen kommen und Konsequenzen haben können, die unerwünscht sind.

    Strafe und Unschuldsvermutung

    Interessanterweise ist ausgerechnet die Unschuldsvermutung ein Beleg dafür, dass Strafe eben außerhalb des Verfahrens der gesetzlichen Urteilsfindung und -vollstreckung etwas anderes ist als das, was die Juristen darunter verstehen. Dazu schauen wir schließlich noch einmal kurz in den Pressekodex. Dort heißt es nämlich weiter: „Ziel der Berichterstattung darf in einem Rechtsstaat nicht eine soziale Zusatzbestrafung Verurteilter mit Hilfe eines „Medien-Prangers“ sein“. Eine solche Zusatzbestrafung wäre ja gar nicht möglich, wenn sich Strafe in dem erschöpfen würde, was das Strafrecht darunter versteht. Mithin würde die Forderung nach einer Unschuldsvermutung in der Berichterstattung obsolet. Die Medien könnten berichten, was sie wollten, das wäre für den Angeklagten, sollte er freigesprochen werden, gar keine Strafe. Jeder weiß, dass das eben nicht so ist, und deshalb lohnt es sich, darüber nachzudenken, was alles zur Strafe gehört, über das hinaus, was ein Gesetz als Zahl in einen Strafrechtsparagraphen schreiben kann.