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  • Wutbürger im Konzert?

    Ausgerechnet in Köln, musste das sein? Wenn wir jetzt „nach Köln“ sagen, dann wissen wir gar nicht mehr, ob von der Silvesternacht die Rede ist, oder von vergangenem Sonntag. Denn wie erst gestern (jawohl, erst mehr als 24 Stunden nach jenen unsäglichen Ereignissen, die uns alle noch immer umtreiben!) bekannt wurde, haben Konzertbesucher in Köln am Sonntag eine Aufführung eines Steve-Reich-Stückes so dermaßen gestört, dass die Aufführung abgebrochen werden musste!

    Er hat „Deutsch“ gesagt! Und „Gefälligst“!

    Doch damit nicht genug! Mindestens ein Zuschauer soll schon wenige Minuten zuvor, als der Cembalist Mahan Esfahani in englischer Sprache versuchte, dem Publikum das Musikstück zu erläutern, mit einem Zwischenruf aufgefallen sein, in dem er forderte, die Erläuterungen sollten doch „gefälligst“ auf Deutsch erfolgen!

    Jawohl, auf Deutsch! Und auch noch „gefälligst“! Da ist für die empörte Öffentlichkeit natürlich klar: Da ist wieder einmal das Wut-Bürgertum auffällig geworden, wieder haben wir einen Beleg dafür, dass der dumpfe Fremdenhass nun „in der Mitte der Gesellschaft“, ja, sogar in den Konzertsälen angekommen ist.

    Schauen wir uns die Sache mal der Reihe nach an. Wir haben ein Konzert, eine Konzertreihe mit einem Stammpublikum. Die Leute gehen da am Sonntag hin, um etwas Angenehmes zu erleben. Das kann man natürlich kritisch sehen, man kann fordern, dass die Zuhörer eines Konzerts mit sogenannter Ernster Musik sich nicht erfreuen, sondern sich ernsthaft beschäftigen und auseinandersetzen wollen.

    Dieses Publikum hatte, neben gefälligen und gewohnten Stücken von Familie Bach, nun schon zwei Kompositionen von zeitgenössischen Komponisten angehört. Wir wissen nicht, in welcher Verfassung sich die Zuhörer danach befanden. Aber sie haben tapfer bis hierhin ausgeharrt. Es folgte die Erläuterung des Cembalisten zu der Steve-Reich-Komposition – in englischer Sprache.

    Verstehen Sie Englisch?

    Ich persönlich kann dem Englischen recht gut folgen, etwa den Durchsagen auf einem internationalen Flughafen, und selbst den Nachrichten von BBC. Wenn ich Erläuterungen zu einem zeitgenössischen Musikstück in englischer Sprache hören würde, kann ich mir vorstellen, dass ich die in zweifacher Hinsicht nicht verstehe: Einerseits würden mir wohl einige Vokabeln fehlen, andererseits könnte ich die feinen Zusammenhänge und Bedeutungsspielräume des gesagten im mündlichen Vortrag wohl nicht ausreichend nachvollziehen, damit der Vortrag mir beim Verstehen des Stücks helfen könnte.

    Es ist schlicht eine Zumutung, einem Laien-Kunstpublikum in der eigenen Heimatstadt eine Erläuterung zu einem Kunstwerk in einer Fremdsprache anzubieten, ohne dass diese in die Muttersprache übertragen wird. Dabei ist es völlig egal, ob die Fremdsprache die Weltsprache Englisch ist und die Muttersprache das Deutsche, oder ob es zum Beispiel genau umgekehrt ist. Hier hat der Veranstalter schlicht versagt, wenn er es nicht für erforderlich hält, dem Englisch sprechenden Künstler einen Deutsch sprechenden kompetenten Übersetzer zur Seite zu stellen. Das ist eine Missachtung der Kunst ebenso wie des interessierten Publikums. Dass sich dieses darüber empört, ist gut nachvollziehbar.

    Störungen sind Teil der Performance

    Bleibt die Störung der Aufführung des Musikstücks selbst. Bekanntlich haben solche Störungen eine gute Tradition, sie sind fast notwendig Teil der Kunstrezeption und des Diskurses über Kunst. Der Künstler will mit seinem Werk etwas Neues, Ungewohntes schaffen, und muss damit rechnen, dass das mündige Publikum dieses Neue ablehnt, es zurückweist, dass er am Publikum scheitert. Da hilft es auch nicht, dass das Werk, das da am Sonntag zur Aufführung kam, bereits 50 Jahre alt ist, denn es gehört auch gerade zur Musikkultur, dass ihre gewöhnlichen Zeitspannen des Alt-Werdens nicht in Monaten, sondern in Jahrhunderten gemessen werden.

    Ich selbst bin begeisterter Steve-Reich-Hörer, auch wenn mein Zugang der eines Laien ist. Wenn ich ein Stück von ihm genießen möchte, lege ich zu Hause eine CD ein. Natürlich würde ich mir gern auch einmal ein Stück von ihm live anhören, aber wenn ich ins Konzert gehe, muss ich damit leben, dass gerade die öffentliche Musikaufführung in einem ganz spezifischen Sinn demokratisch ist – sie kann vom unverständigen aber mündigen Zuhörer auch gestört werden. Der Veranstalter kann viel dafür tun, dass diese Störungen unterbleiben – durch gute Erläuterungen und Einführungen. Wenn er das unterlässt, kann es sein, dass er scheitert, dass es zum Eklat kommt – das gehört als Risiko zu jedem Konzert.

    Mit Wutbürgertum und Fremdenfeindlichkeit hat das alles nichts zu tun. Leider leben wir aber in Zeiten, in denen die politischen Stimmungsmacher gern jedes Ereignis für ihre Zwecke ausnutzen und uminterpretieren. Auch damit muss man in einer Demokratie der (sozialen) Medien wohl leben.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über Lüge und Empörung in sozialen Medien.

  • Mit meiner Empörung brauche ich kein Abitur

    Mit meiner Empörung brauche ich kein Abitur

    Der Vorgang wiederholt sich inzwischen im Wochentakt: Bei Facebook taucht eine skandalöse Nachricht auf, die bei sozialen, feministischen oder anti-kapitalistischen Aktivisten Empörung auslöst. Von großen Facebook-Seiten mit ein paar 10.000 Fans werden sie ungeprüft veröffentlicht, hunderte Fans teilen die Meldung auf ihren Seiten, tausende empörte Kommentare sind die Folge. Oft greifen auch die Online-Redaktionen von Rundfunkanstalten innerhalb weniger Minuten die vorgebliche Nachricht auf. Ein Shitstorm entsteht, die Empörung, die sich dann oft gegen politische Institutionen oder private Unternehmen richtet, schlägt hohe Wellen.

    Nicht die Lüge ist empörend

    Wenn sich die ganze Sache dann als plumpe Fälschung herausstellt, richtet sich die Empörung aber keineswegs gegen diejenigen, die auf einfache Lügen hereingefallen sind und veröffentlicht haben. Die ganze empörte Community schämt sich nicht etwa ihrer Leichtgläubigkeit. Stattdessen argumentiert man etwa so: Daran, dass wir die Sache sofort geglaubt haben, sieht man eigentlich, dass sie hätte wahr sein können. Im konkreten Fall war es zwar gelogen, aber es war irgendwie „gut gelogen“ – es war irgendwie dicht an der Wahrheit, denn sonst hätten wir kritischen Geister das doch nie geglaubt. Also eigentlich hat es irgendwie doch gestimmt.

    Vor wenigen Tagen konnte man diese Entwicklung an der Geschichte um den angeblichen toten syrischen Flüchtling in Berlin beobachten. Zu Beginn dieser Woche gab es einen neuen Fall, der besonders markant zeigt, wie Meinungen mit Lügen gemacht werden und mit der Wahrheit nicht mehr geändert werden können.

    Der beliebte Vorwurf: Sexismus

    Am Montag veröffentlichte das „Missy Magazine“ das Foto eines Blattes, welches angeblich eine Werbung eines Fitnessstudios zeigen sollte. Darauf war eine schlanke, spärlich bekleidete Frau zu sehen, darüber der Spruch „Mit meiner Figur brauche ich kein Abitur“. Unten rechts sah man Logo und Claim des Fitnessstudios. Das Missy Magazine fragte süffisant: „Fitnessland, ist diese Werbung euer Ernst?“

    Das Missy Magazine betreibt auf Facebook eine Fan-Seite in der Rubrik „Medien/Nachrichten/Verlagswesen“ und auch auf der Webseite gewinnt man den Eindruck, dass das Unternehmen als professionelles Magazin, als journalistisches Angebot wahrgenommen werden will. Man würde erwarten, dass eine Redaktion ganz selbstverständlich vor der Veröffentlichung eines solchen Fotos wenigstens ansatzweise dessen Echtheit prüft.

    Eine einfache Internet-Recherche hätte schnell Folgendes ergeben: Die dargestellte Anzeige ist nirgends auf der Homepage des Unternehmens zu finden. Sie passt in Qualität und Ausführung überhaupt nicht zu den sonstigen Werbemitteln des Unternehmens. Zudem sollte das fotografierte Blatt stutzig machen, welches nicht aus einer Zeitschrift stammen kann, aber auch nicht Vorder- oder Rückseite eines Flyers zu sein scheint.

    Das hat das Missy Magazine aber nicht dazu veranlasst, bei seiner Quelle, wie später behauptet, einem Leser aus Braunschweig, nachzufragen.

    Innerhalb einer Stunde war das Bild bei Facebook hunderte Male geteilt, überall fanden sich empörte Kommentare über den Sexismus, der aus dieser Werbung sprechen würde. Auch bei Twitter postete das Missy Magazine das Bild – mit ähnlicher Wirkung.

    Nach zwei Stunden wurde das Fitnessstudio auf den Shitstorm aufmerksam und veröffentlichte eine Gegendarstellung. Das Unternehmen distanzierte sich von dieser Art der Werbung und versicherte, nicht der Urheber zu sein.

    Schnell alles löschen und weiter empören

    Was nun geschah, ist fast noch bizarrer als die ungeprüfte Veröffentlichung des Bildes. Missy Magazine löschte zunächst schlicht das Posting mit dem Bild, einschließlich aller Kommentare und Diskussionen. Da viele Diskussionen auf anderen Facebook-Seiten geführt worden waren, auf denen das Bild geteilt worden war, wurden all diese Postings und Diskussionen automatisch mit gelöscht. So einfach kann man im Internet die Spuren seines Fehlverhaltens löschen und die eigene Weste rein halten.

    Sodann veröffentlichte das Magazin ein neues Posting, in dem man zwar sagt, dass es einem leid täte, einem Hoax aufgesessen zu sein, im gleichen Satz aber verkündet, man sei eben „nicht überrascht“ gewesen von dieser Darstellung, schließlich habe es von dem betreffenden Fitnessstudio schon ähnliche Werbung gegeben. Es folgt der Link zu einer anonymen Webseite, auf der Unbekannte ein Foto einer Werbung des gleichen Fitnessstudios veröffentlicht haben. Quellenangabe, Nachweis der Echtheit? Fehlanzeige.

    Die Lüge – fast die Wahrheit?

    Es kann dahingestellt bleiben, ob das neue Foto echt ist oder nicht, und ob es tatsächlich ebenso Grund zur Kritik und zum Vorwurf des Sexismus gibt. Bemerkenswert ist hier, dass das Missy Magazine offenbar keinerlei Grund zur selbstkritischen Reflexion der eigenen Arbeit sieht. Stattdessen behauptet man mal eben, dass die Lüge fast eine Wahrheit ist und die Kritik am Fitnessstudio berechtigt gewesen wäre.

    Ein Shitstorm gegen das Missy Magazine bleibt jedoch aus. Denn das Magazin gehört ja zu den Guten, die unablässig die schlimmen Entwicklungen in der Welt anprangern. Meinungsmache durch Pseudo-Journalismus gehört offenbar nicht dazu.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über den Zika Virus und den Papst.

  • Zika-Virus und Gottes Plan

    Papst Franziskus ist der Meinung, dass das Verhindern einer Schwangerschaft nicht in jeder Situation eine absolute Sünde ist. Als aktuelles Beispiel – und in diesem Zusammenhang wurde er auch gefragt – nannte er die Gefahr einer Infektion mit dem Zika-Virus, die wahrscheinlich für die Möglichkeit schwerer Krankheiten und Fehlbildungen, der sogenannten Mikrozephalie, bei den Kindern der infizierten Mütter verantwortlich ist. Als weiteres Beispiel verwies der Papst auf den Fall von Nonnen in Belgisch Kongo, denen sein Vorgänger Paul VI ebenfalls die Verhütung erlaubt hätte, weil sie akut von Vergewaltigungen bedroht waren.

    Man könnte darüber hinweggehen, zumal, wenn man als nicht-katholischer Mann in Mitteleuropa aus vielen Gründen ohnehin nicht von der Erlaubnis des Papstes für irgendetwas abhängig ist. Aber der Fall wirft interessante Fragen auf, die zunächst theologischer Art sind, die aber, weil die katholische Kirche für die Entwicklung der Moral in der westlichen Welt bekanntlich nicht unwichtig ist, darüber hinaus Bedeutung haben.

    Das Zika-Virus – Teil der Schöpfung

    Dass die Frage eine eminent theologische Bedeutung hat, betont der Papst, indem er etwa die Frage der Abtreibung im Gegensatz zum Problem der Verhütung gerade nicht als theologisches Problem ansieht. Abtreibung ist für Franziskus ein Verbrechen, nicht eine Sünde. Bei der Abtreibung, so der Papst, wird das Leben eines Menschen für das Leben oder das Wohlergehen eines anderen geopfert. Das Oberhaupt der katholischen Kirche ist der Ansicht, dass Ärzte, die abtreiben, gegen den hippokratischen Eid verstoßen.

    Bei der Verhütung liegt die Sache anders – hier liegt kein weltliches Verbrechen vor, sondern eine Sünde – und diese wäre theologisch zu beurteilen.

    Welche Fragen hätte die Theologie hier zu beantworten? Wie kann die Ansicht des Papstes, dass es unter bestimmten Bedingungen erlaubt sein kann, eine Schwangerschaft zu verhindern, in anderen jedoch nicht, gerechtfertigt werden, wenn nicht schlicht aus der Autorität des Papstes, der Gottes Willen eben kennt?

    Aus katholischer Sicht muss das Zika-Virus einschließlich seiner Auswirkungen auf den Embryo Teil des göttlichen Schöpfungsplans sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass der Mensch die Erkrankung der Kleinkinder und das Leid einfach hinnehmen muss. Der Mensch ist von Gott mit Vernunft ausgestattet, um Lösungen für Probleme zu finden. Gott stellt den Menschen vor Herausforderungen, denen der Mensch sich stellen soll.

    Wenn man die Ausführungen des Papstes bedenkt, so könnte eine theologische Antwort also lauten: die Menschen sollen mit den Risiken, die dem ungeborenen Kind drohen, verantwortungsbewusst umgehen. Und wenn die Risiken für Krankheit und Leid groß zu sein scheinen, dann sollen die Menschen die Schwangerschaft verhindern – zumindest wäre das eine akzeptable Lösung des Konfliktes.

    Es soll nicht verschwiegen werden, dass der Papst eine weitere Antwort auf die Herausforderung des Zika-Virus genannt hat: Die Wissenschaftler sollen daran forschen, das Problem medizinisch zu lösen. Aber bis diese Lösung gefunden ist, müssen die Menschen nicht schicksalsergeben hinnehmen, was passiert, sie können künftiges Leid durch Schwangerschaftsverhütung verhindern.

    Verhütung auf Verdacht

    Allerdings ist bemerkenswert, dass der Papst dieses Verhüten in einer sehr frühen Situation gestattet, in der das tatsächliche Risiko gar nicht bekannt ist. Die Frauen sind noch nicht infiziert, es besteht lediglich die Möglichkeit, dass sie während der Schwangerschaft mit dem Virus infiziert werden. Die Gefahr einer solchen Infektion lässt sich möglicherweise durch recht einfache Maßnahmen, etwa durch die Anwendung von Mückenschutz, stark reduzieren. Die brasilianische Regierung hat zudem bereits Maßnahmen ergriffen, die die Ausbreitung der Mücken, die den Virus übertragen, zurückdrängen sollen. Hinzu kommt, dass der Zusammenhang zwischen dem Virus und den Erkrankungen und Fehlbildungen bei den Neugeborenen noch gar nicht geklärt ist.

    Wenn die katholische Kirche es also bereits in einem solchen unklaren und ungewissem Fall für zulässig hält, dass die Menschen eine Schwangerschaft verhüten, dann lassen sich eine Vielzahl weiterer Risikosituationen denken, in denen das Risiko für die Gesundheit und das Wohlergehen des Neugeborenen als so groß beurteilt wird, dass eine Schwangerschaftsverhütung wenigsten gestattet sein müsste. Immer, wenn eine Frau das Risiko für ein gesundes Aufwachsen eines möglichen Kindes als gegeben ansieht, muss es ihr gestattet sein, zu verhüten. Diese Option gehört offenbar zu den möglichen Antworten des selbstbestimmten und fehlbaren Menschen, die Gott als Reaktion auf die Herausforderungen seiner unüberschaubaren und nicht immer verständlichen Schöpfung akzeptiert.

    Oder wars der Teufel?

    Eine kurze Bemerkung am Ende zu einer anderen möglichen theologischen Option. Es könnte ja auch sein, dass der Zika-Virus nicht Teil des göttlichen Schöpfungsplans ist, sondern Werk des Teufels. Das Argument könnte dann sein, dass der Mensch auf Teufelswerk eben auch auf außerordentliche Weise reagieren darf, aber das gleiche eben für die normalen Herausforderungen des Lebens nicht gilt. Das ist aber unwahrscheinlich, da der Teufel, wenn es ihn überhaupt gibt, nicht selbst als Schöpfer auftritt, sondern nur als Verführer zu Bösem. Der Zika-Virus kann also nicht sein Werk sein.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich zu der Schwierigkeit, das Wort „Jude auszusprechen.

  • Noch einmal Carl Schmitt: Legalität und Legitimität

    Carl Schmitt hat in Legalität und Legitimität den „Rechtsstaat“ kritisch unter die Lupe genommen. Das war 1932. Schmitt selbst wurde bald danach zum „Kronjuristen der Nationalsozialisten“.  Ist es deshalb nutzlos, sich mit seiner Kritik zu beschäftigen?

    Als Podcast für den puren Hörgenuss gibt es die Aufnahme hier:

    Lesen Sie zum gleichen Thema: Der Rechtsstaat. Keine große Liebe

  • Sag mal „Jude“

    Eine kleine Übung

    Bevor Sie gleich weiterlesen, machen Sie mal eine kleine Sprechübung. Sagen Sie mal „Jude“ – oder „Juden“. Wenn das klappt, dann bilden Sie mal Sätze wie „Sind Sie Jüdin?“ oder „Gestern habe ich im Museum drei Juden gesehen.“

    Falls Ihnen das schwer fällt, dann sagen Sie zur Auflockerung erst mal Wörter wie „Franzose“, „Christin“, „Sind Sie Chinesin?“, „Gestern traf ich einen Buddhisten“. War das einfach? Dann probieren Sie wieder Sätze mit „Juden“, „Jude“ und „Jüdin“.

    So, mit dieser Sprecherfahrung können Sie in meinen kleinen Text einsteigen.

    Eine Anekdote

    Eine Bekannte, die ein paar Monate in Israel gearbeitet hatte, kehrte kürzlich nach Deutschland zurück. Am nächsten Tag brachte sie hier ihr Mobiltelefon zur Reparatur. Empört berichtete sie anschließend, dass der Mann im Laden sie beim Anblick der israelischen SIM-Karte gefragt habe, ob sie Jüdin sei. Sie empfand diese Frage irgendwie „verdammt deutsch“.

    Was aber soll daran nun besonders deutsch, sein, was ist daran verwerflich? Stellen wir uns vor, eine junge Frau mit Berliner Dialekt kommt in einen Handyladen und in ihrem Handy findet sich eine französische SIM-Karte. Natürlich könnte der Ladenbesitzer neugierig fragen „Sind Sie Französin?“ Auf diese Frage gäbe es eine Vielzahl möglicher Antworten, bis hin zu „Das geht Sie gar nichts an!“ aber niemand würde diese Frage als „verdammt deutsch“ bezeichnen.

    Es gibt kluge Leute, die darauf hinweisen, dass „Jude sein“ grundsätzlich etwas anderes bezeichnen würde als „Franzose sein“ oder „Italiener sein“. Wenn unser Handyladenbesitzer etwas Vergleichbares gefragt haben wollte, hätte seine Frage lauten müssen „Sind Sie Israelin?“. Das ist aber falsch.

    Israel: Der Staat der Juden

    Nehmen wir an, der gute Mann habe tatsächlich wissen wollen, ob meine Bekannte israelische Staatsbürgerin sei, oder ob sie zum israelischen Volk gehöre. Dann ist es wenigstens genauso präzise, sie zu fragen, ob sie Jüdin sei, wie es in Ordnung ist, zu fragen, ob jemand Franzose ist, von dem man eigentlich wissen will, ob er französischer Staatsbürger sei. Auch Deutsche können bekanntlich französische Staatsbürger werden, somit ist es nicht exakt das Gleiche, „Franzose“ zu sein und „französischer Staatsbürger“ zu sein. Israel ist der jüdische Staat, er ist zu dem Zweck gegründet worden, den Juden einen Staat, eine Heimat zu geben. Natürlich gibt es auch israelische Staatsbürger, die keine Juden sind, aber dass jemand, der aus Israel kommt, Jude ist, das ist keine so fern liegende Vermutung.

    Auch wenn den Mann die Staatsbürgerschaft weniger interessiert hat als die Volks- und Religionszugehörigkeit, wäre seine Frage hinreichend präzise und seine Vermutung berechtigt gewesen. Sie hätte die Bedeutung von „verstehen Sie sich als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft?“ – was bei jemandem, der ein Mobiltelefon mit einer israelischen SIM-Karte besitzt, etwa so plausibel ist, wie die Frage „Sind Sie Buddhist?“ wenn die SIM-Karte aus Bhutan gewesen wäre. Warum sollte man das nicht vermuten?

    Sprachliche Juden-Vernichtung

    Jetzt wird es empörend, das haben Sie, meine kritische Leserin, und Sie, mein aufmerksamer Leser, schon bei der Zwischenüberschrift gemerkt.

    Was passiert denn eigentlich, wenn man sich darüber empört, dass jemand einen anderen einen Juden nennt – oder ihn auch nur fragt, ob er Jude sei? Implizit wird das Jude-sein mit einem Makel versehen. Die abwertenden Bedeutung des Wortes Jude, die sicherlich eine jahrhundertealte Tradition in Europa hat und ihren schrecklichen Höhepunkt mit der Shoah fand, wird übernommen. Ignoriert wird, dass Menschen sich selbstbewusst und selbstverständlich als Juden empfinden – und auch als solche angesprochen und akzeptiert werden möchten. Die Unfähigkeit, das Wort Jude auszusprechen, eine Person gar darauf anzusprechen, ob sie Jüdin sei – das tabuisiert das Judentum, das jüdische Volk. Es drängt die Juden aufs Neue ins Nichts. Jude zu sein wird sieben Jahrzehnte nach dem Ende der Shoah als nicht-aussprechbarer Makel inszeniert. Es scheint, als wäre es empörend, dass jemand annehmen kann, man sei Jude.

    Nur wenn wir ganz selbstverständlich „Jude“ sagen können und andere Menschen als Juden ansprechen können, beenden wir die Vernichtung der Juden als Volk und als Identität von Menschen.

    Stellen wir uns vor, die junge Frau wäre tatsächlich Jüdin gewesen. Was wäre dann passiert, wie hätte sie auf die Frage „Sind Sie Jüdin?“ geantwortet? Wäre ihr die Frage unangenehm gewesen? Wohl kaum.

     

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die Welle um die Gravitationswellen.

  • Macht nicht so ’ne Welle!

    Das Heute-Journal hat ihnen gestern mindestens fünf Minuten gewidmet, die FAZ hat sie heute auf der Titelseite: Gravitationswellen. Im vergangenen Jahr wurden sie erstmals gemessen, gestern haben die Physiker ihre Entdeckung mit großer Geste inszeniert und alle Medien sind begeistert darauf eingestiegen.

    Man fragt sich: Warum?

    Eigentlich ist das gar keine so große Sache. Vor 100 Jahren hat Einstein mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie ein Konzept vorgelegt, in dem Gravitationswellen ganz selbstverständlich auftauchen. Für alle, die diese Theorie inzwischen weitgehend akzeptieren, ist selbstverständlich, dass es diese Wellen gibt. Ihr Nachweis ist keine wissenschaftliche Sensation, allerdings ist es eine Meisterleistung der Technik.

    Man kann verstehen, dass die Wissenschaftler das gern feiern wollen. Denn eigentlich leben sie in dürftigen Zeiten. Die Jahrzehnte, in denen die kühnen Entwürfe der Theoretiker die Menschen verstörten und begeisterten, sind eben lange vorbei. Wir reden über Theorien, die 100 Jahre alt sind – alles, was danach kam, war nur noch Verfeinerung. Die Zeit der Revolutionen ist in der Physik lange vorbei, seit dem gibt es nur noch Normalwissenschaft – auch wenn uns manche öffentlichkeitsfreudige Wissenschaftler etwas anderes weismachen wollen.

    Auch die Zeiten der großen Diskussionen über die Frage, wie physikalische Theorien und deren experimentelle und technische Folgen unser Weltbild und unser Leben verändern, sind Geschichte. In den 1950er Jahren schrieben Physiker wie Werner Heisenberg und Philosophen wie Martin Heidegger Aufsätze, über die wir bis heute nicht hinaus sind.

    Moderne Experimentalphysik ist teuer und die Forscher haben gelernt, dass sie ihre kleinen Erfolge groß inszenieren müssen, damit sie die gesellschaftliche Akzeptanz erhalten, die Voraussetzung für ihre öffentliche Finanzierung sind. Sie drucken bunte Bildchen von Computersimulationen aus und machen Gravitationswellen „hörbar“. Ich bin ihnen sogar dankbar, dass sie das tun, denn ich glaube, dass wissenschaftliches Forschen ohne Sinn aber mit Verstand zu den schönsten und besten Hobbies der Menschheit gehört – fast so schön wie Sex oder Kunst.

    Aber ich werde davon auch nachdenklich: Das Bild, was durch diesen Rummel von den Wissenschaften und von ihren Entdeckungen gezeichnet wird, könnte falscher nicht sein. So spektakulär sind diese Wellen eben nicht, sie sind auch nicht bunt und man kann sie nicht hören. Das, was uns da präsentiert wird, ist eine Show, weil das, was die Forscher da wirklich tun, eben kaum was mit uns zu tun hat. Es ist aber Teil eines Mechanismus, der uns suggerieren soll, dass Wissenschaft das wichtigste Mittel ist, um all unsere Probleme zu lösen.

    Nur Unterhaltung?

    Vielleicht ist es aber auch alles viel einfacher. Vielleicht sind die Zeitungsredaktionen und Fernsehjournalisten nur unendlich dankbar dafür, dass es mal eine Nachricht gibt, die einfach nur gut ist. Die keine bösen Konsequenzen hat. Sie ist Teil eines Unterhaltungsprogramms, dass uns für ein paar Minuten vom Elend der Welt abschalten lässt. Und ich bin der Spielverderber – ich bitte um Vergebung.

  • Es gibt zu wenig Neid

    Zuletzt bei Arm oder Reich

    Dass die Ungleichheit zwischen Arm und Reich wächst, muss gar kein Problem sein. Es kann sogar zum Nutzen für alle sein, denn die Reichen investieren ihr Vermögen zum großen Teil oder geben es für Konsum aus – wovon alle profitieren. Vielleicht muss das Vermögen der Reichen auch überdurchschnittlich wachsen, weil die Investitionen, die notwendig sind, damit der Wohlstand für alle wächst, immer größer werden.

    Ist die Welt voller Neid?

    Es gibt die These, dass ein zu großer Unterschied zwischen Arm und Reich die sozialen Spannungen verstärkt, und zwar unabhängig davon, wie groß die absolute Armut tatsächlich ist. Die Armen neiden den Reichen einfach ihr Leben in Saus und Braus, und wenn der Neid zu groß wird, dann gibt es halt eine Revolution, dann marschieren die Armen los und schlagen den Reichen die Köpfe ein, brechen die Türen zu den Schatzkammern auf und rauben sich, was sie da finden können.

    Gern werden zur Unterstützung dieser These Geschichten aus früheren Zeiten erzählt, etwa die von den Maschinenstürmern, oder die von den Revolutionen 1789 oder 1848, die der russischen Revolution von 1917 oder auch die aus den unsicheren Zeiten der Weimarer Republik.

    Ob sich die revolutionäre Gewalt in diesen Zeiten wirklich immer gegen die Reichen gerichtet hat, ob sie tatsächlich immer von den Armen ausgegangen ist, oder ob Bürgerkriege, Revolutionen und  andere Radikalisierungen nicht zumeist ganz andere Ursachen hatten, kann man sicher lange und erhitzt diskutieren. Geschichte wird immer aus der Perspektive einer bestimmten Weltauslegung erzählt, und wer nur lange genug gehört und gelesen hat, dass alle bisherige geschriebene Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist, der wird natürlich in jedem Bürgerkrieg die Auflehnung der Armen gegen die Reichen erkennen können.

    Das wollen wir hier gar nicht weiter verfolgen.* Wir schauen uns einfach die Gegenwart an. Sind die Gesellschaften besonders instabil, in denen die soziale Ungleichheit besonders groß ist? Die Ärmsten der Welt leben in den Ländern südlich der Sahara; am meisten Ausbeutung gibt es heute wohl in Ländern wie Bangladesch. Revolutionäre Bewegungen hat es aber in den vergangenen Jahren vor allem im nördlichen Afrika gegeben. Die Ursachen waren dort weniger ökonomisch, sondern eher politisch. Nicht die Armen sind in den Kampf gezogen, sondern die Intellektuellen, die sich von politischer Enge befreien wollten, die nach Demokratie und Meinungsfreiheit verlangten.

    Wie sieht es in Europa aus?

    Schauen wir in unsere direkte Umgebung, sehen wir uns in Mitteleuropa um. Entwickeln diejenigen, die wir den unteren Einkommensschichten zuordnen, ein besonders starkes revolutionäres Potential. Neiden sie den Fußballspielern und Filmstars, die sie im Fernsehen oder in der Boulevardpresse sehen, den glitzernden Reichtum? Entwickeln sie Hass oder Umsturzpläne gegen ein System, welches ihnen aus Hochglanzmagazinen entgegen leuchtet?

    Nichts von alledem. So lange der tägliche Lebensunterhalt gesichert ist, geht von den so genannten „relativ Armen“ einer Gesellschaft keine Umsturzgefahr aus. Warum auch – sie wissen vielleicht intuitiv, dass ihnen die ökonomische Funktionsweise der Gesellschaft, wie ich sie im letzten Teil skizziert hatte, den Lebensunterhalt stabil sichert.

    Aber auch die Mittelschicht entwickelt keinen Neid, aus dem ernsthaft eine Destabilisierung der Gesellschaft erwachsen würde. Natürlich ist die Meinung weit verbreitet, dass Manager zu viel Geld bekommen, aber wenn es konkret wird, will auch keiner tauschen. Über ein empörtes „Sehe ich auch so“ bei der Telefonumfrage der Meinungsforscher geht das revolutionäre Potential nicht hinaus.

    Keine Statistik!

    Es gibt keine Statistiken zu dem Thema – und manche meinen ja, man müsste eine Statistik haben, damit man irgendwas behaupten kann. Alles andere sei nur persönliche Meinung, kein harter Fakt. In Wirklichkeit ist es natürlich genau umgekehrt. Wenn irgendwas Fakt ist, dann sind es die eigenen Beobachtungen, über die man, wenn es gut läuft, in einer Diskussion auch noch Einigkeit erzielen kann. Das merkt man spätestens dann, wenn man einer Statistik, die jemand gerade noch als Argument herbei kopiert hat, methodische Fehler nachweist, wie etwa der berühmten Oxfam-Studie. Dann wird der, der gerade noch die Statistik als Beweis für irgendwas herangezogen hat, schnell böse und fragt: „Du willst doch wohl nicht bestreiten, dass …“

    Wir machen also gar nicht erst den Umweg über die Statistik und ihre Widerlegung sondern sagen gleich: Ungleichheit führt scheinbar nie zu sozialen Spannungen, auch Gesellschaften mit großen Ungleichheiten sind stabil. Fremder Reichtum ist selten ein Grund für Revolutionen, auch wenn man selbst arm ist.

    Man könnte einwenden, dass wir diese Stabilität eben den existierenden Umverteilungsmechanismen der sozialen Marktwirtschaft verdanken und dass wir deshalb, sozusagen im vorauseilenden Gehorsam gegenüber den potentiellen Revolutionären der Armen und Entrechteten, die Umverteilung vorantreiben müssten. Etwa, indem wir per 100%-Erbschaftssteuer dafür sorgen, dass jeder nur das verprassen kann, was er sich selbst verdient hat, und nicht auch das, was er von seinen Eltern übernommen hat. Darum geht es dann im nächsten Teil dieser Serie.

    Lesen Sie alle bisher erschienen Teile der Staffel Arm oder Reich von Arte-Fakten-Die-Serie.

    * Auch wenn wir – wenn wir in diese Richtung weiter denken – vielleicht dem Kollegen Leonid Luks widersprechen würden, der sagt, dass man aus der Geschichte lernen kann. Wir müssten ihm entgegenhalten, dass man aus der Geschichte vielleicht deshalb nichts lernt, weil man die tatsächliche Geschichte nicht kennen kann. Oder genauer: Weil man sie immer schon zu kennen meint, bevor man den historischen Tatsachen überhaupt begegnet. Aber aus dem, was man schon genau zu kennen meint, kann man nichts lernen.

  • Die FAZ erfindet sich neu

    Vor ein paar Jahren hatte ich in einem Beitrag für die FAZ über die Zukunft der Zeitung geschrieben – nun hat die FAZ selbst diese Zukunft wahr gemacht, mit der neuen App F.A.Z. plus*.

    Schon seit ein paar Jahren bietet die FAZ die Inhalte auch als e-Paper-App an, allerdings war das bisher nicht mehr als eine Zeitung im Tablet-Format mit Lesehilfen. Seit dieser Woche geht man aber gleich mehrere entscheidende Schritte weiter.

    Zeitung ohne Seiten

    In der App F.A.Z. plus wird die einzelne Zeitungsseite komplett aufgegeben, sowohl als Layoutprinzip, als auch bei der Strukturierung der Inhalte. Es wirkt dabei schon fast sentimental, dass der Einstieg in die Tagesausgabe noch immer „Seite 1“ heißt.

    An die Stelle von Seiten und Büchern (so heißen diese Stapel gemeinsam gefalteter Papierseiten) sind die inhaltlichen Bereiche, die Ressorts getreten, die man als Menü-Übersicht oben findet. Das erinnert natürlich an die Online-Ausgabe.

    Die App-Zeitung (es ist eigentlich keine Zeitungs-App, sondern eben eine Zeitung als App) verfügt über entscheidend mehr multimediale Inhalte: Fast jeder Artikel ist mit mindestens einem Bild in hoher Qualität versehen, und sei es nur das Portrait des Autors. Video-Sequenzen ergänzen die Text-Bild-Pakete.

    Interaktivität und Vernetzung

    Wo immer möglich und sinnvoll, ist die neue Zeitung interaktiv, das gilt bei der FAZ natürlich vor allem für die Börsendaten und das Fernsehprogramm. Keine eng gedruckten Datenspalten mehr, sondern Suchfunktionen und passende Klick-Hierarchien – so nutzt eine Zeitung die Möglichkeiten des Tablets.

    Zusammengehörige Artikel sind verlinkt, wie es inzwischen in Online-Medien State of the Art ist, sodass ich mich als Leser zusammenhängend mit einem Thema beschäftigen kann. Das alles wird mit ansprechenden aber zurückhaltenden Animationen beim Verschieben und Scrollen präsentiert. Auch da hat sich jemand offenbar Gedanken über die Erwartungen der geneigten Zielgruppe gemacht.

    Eine mutige Entscheidung war es, dass man von der App aus jeden, wirklich jeden Artikel in den sozialen Medien teilen oder per Mail verschicken kann. Über und unter jedem Text findet der Leser deutlich sichtbar die bekannten Symbole von Facebook und Twitter. D.h., über den zahlenden Abonnenten, der Inhalte teilt, kann prinzipiell jeder die FAZ-Inhalte lesen. Ich persönlich denke, dass dieser Schritt der FAZ unterm Strich mehr zahlende Abonnenten bringt, als dadurch verloren gehen.

    Zeitung bleibt Zeitung

    Auch wenn das Papier verschwindet, bleibt die Zeitung ein eigenständiges Medium (wie ich mal bei Telepolis schrieb), das zeigt diese App. Es gibt eine zusammenhängende Ausgabe, Zeitung bleibt ein Paket mit Redaktionsschluss und zugehörigen Qualitätssicherungsprozessen. Die App der FAZ ist dabei schon von Anfang an Abendzeitung: um 20:00 Uhr erscheint die Ausgabe des Folgetages.

    Die FAZ wird ihr Logo ändern müssen: Der kluge Kopf steckt zukünftig nicht mehr hinter einem großen Bogen Papier, sondern er wird überm Tablet sichtbar. Ob es genügend kluge Köpfe gibt, die bereit sind, für dieses Plus an Qualität und Inhalt zu bezahlen? Ich wünsche es den mutigen modernen Zeitungsmachern.

    *Ja, wirklich wieder mit Punkten!

  • Partisanen im virtuellen Raum

    Liest man die „Theorie des Partisanen“ von Carl Schmitt, dann wird schnell klar. Die Partisanen von heute verteidigen vor allem ihre Freiheit im Netz, ihre virtuelle Heimat. Es lohnt sich, das Buch von 1963 im Lichte aktueller Ereignisse zu lesen.

    Das Video bei YouTube:

    Den ganzen Podcast als puren Hörgenuss bei SoundCloud:

  • Vom Segen der Ungleichheit

    Die Reichen werden immer reicher. Seitdem allerdings die Armen nicht mehr immer ärmer werden, haben es die Kapitalismuskritiker und Globalisierungsgegner nicht mehr ganz so einfach wie früher, ihre Rufe nach Umverteilung und Zerschlagung der Großkonzerne zu begründen. Die Zahl der absolut armen Menschen sinkt weltweit, und zwar deutlich – und das, obwohl die Weltbevölkerung wächst, vor allem in den armen Ländern.

    Ökonomen führen das ausgerechnet auf die Globalisierung und den weltweiten Siegeszug marktwirtschaftlicher Prinzipien zurück. Die größten Erfolge wurden in Südostasien und vor allem in China erreicht – genau das sind die Regionen, bei denen die globalen Produktions- und Handelsnetze besonders intensiv waren und sind. Regionen in Afrika, die von diesen Entwicklungen bisher abgeschnitten sind, zeigen indes kaum Fortschritte in der Armutsbekämpfung.

    Wenn man das kapitalistische System kritisieren will, hat man nun zwei Möglichkeiten: Man kann einerseits anprangern, dass es noch immer viele Arme auf der Welt gibt und dem Kapitalismus daran die Schuld geben. Das wird uns später auch noch einmal beschäftigen. Man kann aber auch den Blick von der Armut abwenden und sich der Ungleichheit zuwenden – und die, so sagen die Kritiker, wächst ungebremst. Die Armen sind zwar nicht mehr so arm, aber der Reichtum der ganz Reichen wächst viel schneller.

    Statistiken, die keiner versteht

    Ungleichheit ist ein sperriger Begriff, man braucht Mathematik, vor allem Statistik, um klar zu machen, was man meint. Dass Mathematik kaum jemand versteht, schadet dabei nicht, es hilft den Kritikern sogar. Denn wenn man auch nicht viel vom Mathematikunterricht behalten hat, das hat fast jeder dabei gelernt: Mathematik ist irgendwie etwas ganz Unbestechliches, absolut Wahres – wenn man sich nicht verrechnet hat, dann kann man gegen Mathematik, und schon gar nicht gegen Statistik irgendetwas sagen.

    Unsere Zeitungen sind ja voll von Statistiken, ständig werden wir mit Tortendiagrammen und Prozentzahlen über die Welt da draußen informiert. Die Darstellungen sind schön bunt und animiert, die können nicht falsch sein. Zumeist vermuten wir, dass Experten die mit den unbestechlichen Methoden der Wissenschaft erstellt haben – und die können keinen Unsinn produzieren.

    Im Falle der jüngsten Oxfam-Studie zur Ungleichheit haben zwar verschiede andere Experten gezeigt, dass da ziemlicher Unsinn gemacht wurde, aber das soll uns hier gar nicht beschäftigen.*

    Ist Ungleichheit schlecht?

    Setzen wir einfach mal voraus, dass diese ominöse Ungleichheit immer weiter steigt. Der Abstand zwischen dem Besitz der Reichen und dem der Armen steigt in einem fort. Da stellt sich doch die Frage: Na und?

    Der Reichtum kann sich in zwei Varianten zeigen: Im Besitz von Fabriken, Büros, Telefonnetzen, Rechenzentren auf der einen Seite, oder im Besitz von Edelsteinen, Luxusjachten, Schlössern auf der anderen Seite. Viele meinen, dass die erste Variante nicht ganz so schlimm wäre wie die zweite. Ich denke, beides ist völlig ok – und es ist auch ok, wenn beides für wenige mehr zunimmt als für die meisten Menschen.

    Alle Segnungen unserer modernen Welt, die wir heute so schätzen, sind darin begründet, dass private Investoren Geld in die Hand genommen haben und kein Risiko scheuten, um Träume Wahrheit werden zu lassen. Vor 150 Jahren genügten dazu noch relativ geringe Beträge. Investitionen zum Aufbau moderner Mobilfunknetze oder digitaler TV-Technologien benötigen Milliardeninvestitionen – und Unternehmensgrößen, die die damit verbundenen Risiken tragen können. Das gilt für alle technologischen Innovationen, man denke nur an die Entwicklungen zum selbstfahrenden Auto.

    Wir brauchen die Konzentration des Kapitals

    Nun könnte man einwenden, dass das ja ruhig große Unternehmen machen können, aber dass die doch in der Hand vieler kleiner Eigentümer sein könnten. Warum sollten Mobilfunkunternehmen oder Suchmaschinenkonzerne nicht genossenschaftlich organisiert sein?

    Die Antwort ist natürlich einfach: Eine große Gemeinschaft von Entscheidern ist niemals in der Lage, zu einem risikoreichen Großprojekt eine gemeinsame Entscheidung zu fällen und diese auch noch durchzustehen. Solche Entscheidungen würden immer gegen das Risiko getroffen werden, man denke an alle Volksabstimmungen und Bürgerbegehren der letzten Jahrzehnte, in denen es irgendwie um eine große Sache ging.

    Risiken werden immer nur von einzelnen eingegangen, die ein großes Ziel verfolgen. Deshalb erfordern immer größere Investitionen in immer teurere Technologien auch eine Vergrößerung der Konzentration des Kapitals. So einfach ist das. Wir sollten froh sein, dass die Ungleichheit wächst – sie verschafft uns die Hoffnung, dass weiterhin an großen, aufwändigen Sachen geforscht wird, dass Techniken mit großen finanziellen Risiken ausprobiert werden, von denen wir am Ende alle profitieren.

    Der Nutzen des Protzes

    Aber wenn die Reichen nun mit ihrem Reichtum nur rumprotzen, Diamantringe im Wert von hundertausenden Dollar tragen, in riesigen Privatjets rumfliegen? Könnten und sollten wir nicht wenigstens die per höherer Steuer etwas ärmer machen?

    Jedes Schloss wird von jemandem gebaut, jeder Diamantring wird von jemandem geschliffen, jeder Privatjet muss geflogen und gewartet werden. Der Diamantschleifer wiederum muss Material kaufen, jeder Jet muss getankt werden. Juwelier und Pilot haben selbst Häuser, die sie von ihrem Einkommen bauen können, davon leben wieder andere. Alle kaufen sich Kleidung und Lebensmittel, gehen in Restaurants, Theater und Kinos.

    Protz ist nichts anderes als eine riesige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, das Geld rinnt den protzenden Reichen durch die Finger, und es rinnt, in immer feineren Strömen, von den Reichen zu den Armen. Sicher kann man da noch vieles verbessern und verschönern, auch darum wird es hier noch gehen, aber das ändert nichts am Prinzip.

    Manche behaupten nun, durch eine große Ungleichheit in der Gesellschaft würde aber der soziale Friede gefährdet. Die Armen würden irgendwann den Reichen ihren Reichtum neiden, die Zäune zu ihren Palästen einreißen und alles zerschlagen, einschließlich der Reichen-Schädel – oder so. Ist das plausibel? Um das zu beurteilen, müsste man erst mal wissen, wie man die Ungleichheit eigentlich wahrnimmt – ob ihr Ausdruck in Geldbeträgen wirklich was bedeutet. Darum geht es in der nächsten Woche.

    Dies ist die erste Folge von Arte-Fakten – Die Serie. Die erste Staffel dieser Serie trägt den Titel: Arm oder Reich. Eine Art Pilot-Kolumne zur Serie gab es vor einer Woche hier: Die Superreichen.

    * In der nächsten Folge werde ich allerdings etwas dazu schreiben, wie die konsequenten Kapitalismus-Kritiker damit umgehen, wenn man ihnen zeigt, dass die Zahlen, aus denen sie ihre Empörung ziehen, falsch sind oder in die Irre führen.