Blog

  • Demokratie oder Moral

    In seltener Übereinstimmung hört man in diesen Tagen einen Chor aus europäischen Regierungssprechern, politischen Kommentatoren und Zivilgesellschaft: Nein, ein demokratisch gewählter und mithin legitimierter Präsident darf auf keinen Fall durch einen Putsch aus dem Amt gedrängt werden, schon gar nicht, wenn dieser Präsident eine Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite weiß. Die Regierungszeit eines gewählten Staats- oder Regierungschefs darf immer nur durch eine erneute demokratische Wahl entsprechend der Verfassungsregeln des betreffenden Landes beendet werden, niemals durch den gewaltsamen Druck einer oppositionellen Gruppe.

    Aus einer solchen Perspektive ist natürlich konsequenterweise jedes Attentat etwa auf Adolf Hitler zu verurteilen. Schließlich ist auch er durch ein demokratisches Verfahren entsprechend der Regelungen der Weimarer Republik an die Macht gekommen, schließlich jubelten die Massen ihm zu, und das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 wurde mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit vom demokratisch gewählten Reichstag beschlossen. Auch Hitlers Macht sowie die Abschaffung der Demokratie durch die Nationalsozialisten war also demokratisch legitimiert – ein Aufbegehren dagegen, ein Aufstand oder Putsch gar, müsste also von Demokraten auch heute noch zurückgewiesen werden

    Da kann irgendetwas nicht richtig sein. Wo steckt der Fehler?

    Demokratische Verfahren und Regelungen sind keineswegs ein Garant dafür, dass es zu „richtigen“ oder gar „guten“ Entscheidungen kommt. Die Demokratie kann nicht einmal eine gesellschaftliche Diskussion sichern, in der ermittelt werden könnte, was denn das Richtige oder das Gute überhaupt ist. In der demokratischen Entscheidung steckt keine „Weisheit“, das Volk trifft durch den demokratischen Prozess keine klugen Entscheidungen, die irgendwie gut für die Menschen oder für die Gemeinschaft sind.

    Zwei Dinge kann die Demokratie halbwegs sicherstellen. Das eine ist, zu verhindern, dass sich Einzelne Menschen zu viel Macht aneignen. In der Demokratie wird die Macht immer nur auf Zeit vergeben. Das andere ist, dass durch den demokratischen Prozess – wenn auch auf verwickelte Weise – alle Interessen irgendwie berücksichtigt werden, sodass die meisten Menschen mit dem, was dabei herauskommt, halbwegs ihren Frieden machen können.

    Beides ist aber keineswegs sicher. Vielmehr kann, das zeigen sowohl historische als auch aktuelle Beispiele, per demokratischer Entscheidung auch die Abschaffung der Demokratie, der Menschenrechte, der allgemeinen Freiheit in die Wege geleitet werden.

    Deshalb ist die Einhaltung demokratischer Regeln niemals der höchste Maßstab für richtiges Handeln. Das mag in Zeiten langlebiger, stabiler parlamentarischer politischer Systeme und Traditionen merkwürdig klingen. Aber die Tatsache, dass eine politische Entwicklung demokratisch legitimiert ist, sagt eben noch längst nicht, dass sie im Interesse der Menschen ist, dass sie irgendwelchen moralischen Prinzipien entspricht.

    Es kann auch den moralischen Zwang zum Widerstand in der Demokratie geben, und wenn dieser Widerstand nicht mit demokratischen Mitteln geleistet werden kann, dann kann es moralisch auch geboten sein, zu nicht-demokratischen Mitteln zu greifen. Keine demonstrierenden Menschenmengen, die einem demokratisch legitimierten Führer zujubeln, können darüber hinwegtäuschen, dass die Moral uns zum Widerstand gegen die politischen Herrscher zwingt. Wir können in der glücklichen Lage sein, dass dieser Widerstand sich demokratischer Mittel bedienen kann. Aber es kann auch immer die Situation entstehen, dass die Demokratie ihre eigenen Feinde so stark gemacht hat, dass sie sich selbst nicht mehr helfen kann. Dann ist außerdemokratischer Widerstand geboten.

    Die letzte Instanz um zu prüfen, ob eine Widerstandsform legitim ist, ist nicht die objektive Prüfung der Einhaltung eines Regelwerks – und sei es durch das Signum der Demokratie noch so sehr glorifiziert. Die letzte Instanz ist das Gewissen des Menschen, der sich zum Widerstand gegen die falsche Herrschaft gezwungen sieht, der sieht, was getan werden muss, um die Freiheit gegen Diktatoren zu sichern. Dass die mal bei einer demokratischen Wahl an die Macht gekommen sind, spielt dabei keine Rolle.

  • Fremdsprache oder Naturwissenschaft?

    Vor zwei Jahren hat sich die Regierung  eine Digitale Agenda gegeben, und zu dieser Agenda gehört, dass die Informatische Ausbildung in der Schule verbessert werden soll. Wirtschaftsminister Gabriel forderte auf dem nationalen IT-Gipfel sogar, dass Programmieren als eine zweite Fremdsprache angeboten werden sollte. Wirtschaftsvertreter gehen darüber hinaus und fordern das Fach Programmieren bereits als Pflichtfach. Online-Aktivisten schließen sich diesen Forderungen euphorisch an.

    In den letzten Tagen ist die Debatte wieder aufgeflammt. Das ist der richtige Moment, einmal einige grundsätzliche Erwägungen einzustreuen.

    Natürlich Allgemeinbildung

    Keine Frage, die Produkte der Informations- und Kommunikationstechnologien bestimmen unsere Lebenswelt heute in einem Maße, dass es eine selbstverständliche Notwendigkeit ist, die Grundlagen und Zusammenhänge dieser Technologien und ihre Wirkungen auf unser Leben zum Teil der Allgemeinbildung zu machen, der bereits an den Schulen fest verankert werden muss. Hier besteht mit Sicherheit Nachholbedarf und es ist zu begrüßen, dass die Politik sich dieses Themas annimmt. „Programmieren als Fremdsprache“, das ist da ein griffiger Slogan, der zudem den Vorteil hat, dass er gleich ganz klar mit ansagt, was genau zu tun ist. Man muss sich nur noch eine passende Programmiersprache aussuchen, dann kann es auch schon losgehen. Dass Wirtschaft und die Aktivisten der digitalen Welt begeistert applaudieren, scheint zu zeigen, dass man den richtigen Weg verfolgt, und dass man als Politik endlich mal die Zeichen der modernen Zeiten erkannt hat.

    Aber was würden die Kinder und Jugendlichen wirklich über die digitale Welt lernen, wenn sie im Laufe der Schuljahre ein paar hundert Zeilen Code zum Laufen gebracht hätten, mit denen sie vielleicht nach dem Satz des Pythagoras die Seitenlänge eines Dreiecks berechnen könnten, möglicherweise sogar schön mit einem Dialog vornweg und einer Grafischen Anzeige hinterher? Was hätten sie damit über ihre Apps auf den Smartphones, die sie mit der Welt verbinden, gelernt? Was wüssten sie damit von den Algorithmen der Suchmaschinen könnten sie sich damit erklären, warum jeder Geldautomat auf der Welt ihren Kontostand kennt? Und hätten sie irgendeine Vorstellung davon erworben, wie all das ihr Leben beeinflusst, und wie sie selbst die Systeme verändern, die sie benutzen?

    Zweite Fremdsprache „Programmieren“?

    Programmieren lernen in der Schule, das hat tatsächlich etwas von einer zweiten Fremdsprache. Man paukt Vokabeln und Grammatik, liest und schreibt mühsam Texte, die nur der Lehrer lesen und verstehen soll, und weiß tief im Innern, dass das Ganze mit dem eigenen Leben nichts zu tun hat, und dass man es wohl nie wieder brauchen wird.

    Das soll nicht heißen, dass in der Schule nur das gelehrt werden soll, was man später im Leben mal mit Sicherheit braucht, schon gar nicht, dass Lehrinhalte nach dem Prinzip zu definieren wären, dass Lehrer immer auf die Frage der Schüler, wozu sie das denn wissen müssten, eine treffende und überzeugende Antwort haben müssten. Allgemeinbildung soll Orientierungswissen erzeugen, ein Fundament, auf dem man aufbauen kann, auf dem man sicher steht, um sich umsehen zu können und einen Überblick über die Lebenswelt zu bekommen.

    Aber dafür hilft hinsichtlich der digitalen Welt das Verstehen einer Programmiersprache am wenigsten, jedenfalls in dem Umfang, der in der Schule überhaupt gelehrt werden kann. Oft hört man das Argument, in jedem technischen Ding sei heute schließlich irgendetwas Programmiertes drin, das das Funktionieren der Sache ermöglicht. Es ist, als wenn der Biologieunterricht als erstes und vor allem die biochemischen Prozesse in den Zellen lehren würde, weil ja schließlich in jedem Lebewesen solche Prozesse dafür sorgen, dass es existieren kann.

    Eher eine Naturwissenschaft!

    Aus gutem Grund beginnt der Biologieunterricht aber beim ganzen Tier und bei der ganzen Pflanze, bei dem was man sehen kann. Es geht um die Wechselwirkungen zwischen den Lebewesen, und dann um ihren Aufbau, den man durch praktisches Auseinandernehmen und Ansehen erfahren kann. Und auch der Physikunterricht beginnt nicht bei der Atomphysik.

    Informatikunterricht soll die Grundprinzipien einer Welt verständlich machen, die aus Computern und Apps, aus vernetzen Fernsehern, aus unsichtbaren, aber gewaltigen Servern, aus Algorithmen und dem Internet besteht. Er soll ermöglichen, dass die jungen Menschen in dieser Welt zurecht kommen. Der Informatikunterricht ist nicht dazu da, der IT-Industrie einen Teil der Ausbildung ihrer Programmierer abzunehmen, und auch in Zukunft werden die meisten Menschen keine Programmierer sein. Für den Umgang mit der digitalen Welt ist es nicht wichtig, dass ich weiß, dass in der Textverarbeitungssoftware auf meinem Tablet, mit der ich diesen Text schreibe, irgendwo eine for-Schleife enthalten ist, aber wichtig ist, dass ich eine Vorstellung davon habe, was es heißt und welche Konsequenzen es hat, dass der Text irgendwo in „der Cloud“ gespeichert ist.

    Und auch um Konsequenzen muss es in der Informatik-Ausbildung in der Schule gehen. So, wie in Physik irgendwann der Klimawandel zum Thema wird, so, wie in Biologie und Chemie die Umweltverschmutzung zur Sprache kommt, so muss im Informatik-Unterricht diskutiert werden, welche Auswirkungen es hat, dass wir immer mehr abhängig sind von Systemen, die wir kaum noch überblicken, dass wir Gefahr laufen, manipuliert zu werden von Systemen, die sich hinter lockenden Benutzeroberflächen verbergen.

    Ja, der Informatik-Unterricht gehört als wichtiges Pflichtfach an die Schulen. Nicht, weil wir alle Informatiker werden müssen, sondern weil unsere Welt digital wird, und weil wir uns zwischen all dem Digitalen orientieren müssen. Aber das Fach, was wir dazu brauchen, ist keine neue Fremdsprache. Wir sprechen mit den Systemen nicht Java, auch wenn in ihrem inneren Javaprogramme laufen. Wir brauchen Informatik als Naturwissenschaft, in der seziert und experimentiert wird, in der gelernt wird, genau hinzusehen, und am Ende, was diese wunderbaren Dinge mit uns selbst zu tun haben.

  • Europäischen Union: Frieden ist wichtiger als die Abgasnorm

    Europäischen Union: Frieden ist wichtiger als die Abgasnorm

    Wer jetzt von einem tiefen Riss spricht, der durch die Britische Bevölkerung ginge, zeigt, dass er noch immer in Träumen und Illusionen gefangen ist. Auch jene Briten, die sich für einen Verbleib in der Europäischen Union ausgesprochen hatten, waren zum großen Teil Gegner der EU, wie sie heute ist. Sie wollten ein starkes und eigenständiges Britannien innerhalb einer reformierten EU. EU-Skeptisch sind fast alle Briten, diejenigen, die für einen Verbleib gestimmt hatten, hatten vielleicht Angst vor den ökonomischen Folgen, aber in der Mehrzahl sind auch sie keine glühenden Europäer.

    Das Gleiche gilt für einen großen Teil der Menschen auf dem Kontinent. Und wir müssen endlich einmal einsehen, dass das auch keine Katastrophe ist. Ein irgendwie politisch vereinigtes Europa, das war immer nur eine Vision der Eliten – genau genommen ohne rationale Rechtfertigung.

    Was wir brauchen, ist eine stabile NATO. Und das weniger als Verteidigung gegen äußere Feinde, als vielmehr als Versicherung dagegen, dass die Europäischen Staaten wieder einen Krieg gegeneinander anfangen. Die militärische Union ist vor allem ein Friedenspakt der NATO-Mitglieder untereinander, Länder, die über Jahrhunderte alle paar Jahrzehnte gegeneinander in den Krieg gezogen sind, haben sich militärisch miteinander verwoben – das ist die beste Garantie für Frieden auf dem Kontinent.

    Jede weitere Europapolitik muss von der Tatsache ausgehen, dass die Menschen sich zum großen Teil zunächst national oder sogar regional identifizieren. Das ist eine Selbstverständlichkeit, denn auf nationaler oder regionaler Ebene sind wir in der Lage, einander zuzuhören, den politischen Diskurs zu verfolgen, uns eine Meinung zu bilden.

    Das liegt nicht nur an der Sprache, sondern am Vorverständnis der kulturellen Selbstverständlichkeiten, das jeder von uns durch seine Einbindung in eine ganz konkrete Gemeinschaft ausgebildet hat. Das gibt einem Menschen Sicherheit, man weiß, wie die Dinge hier so laufen, und man merkt jedes Mal, wenn man in eine andere Gegend kommt, dass die Dinge einem da fremd sind – und das schafft Unsicherheit. Diese Unsicherheit wird durch kein intellektuelles visionäres Gerede vom Ende des Nationalstaats aus der Welt geschafft.

    Demokratisch legitimierte nationale Parlamente und Regierungen sind tausendmal besser als europäische Apparate und Institutionen, die den Bürgern fremd bleiben und deren demokratische Legitimität abstrakt und akademisch bleibt. Die nationalen und regionalen Volksvertretungen müssen die Dinge wieder mehr selbst in die Hände nehmen, damit uns die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene nicht um die Ohren fliegt.

    Denn Zusammenarbeit ist wichtig, nicht Vereinigung oder Union. Wir brauchen Kooperationen, gemeinsame Projekte und Verträge zwischen souveränen Nationen oder regionalen Akteuren – das schafft Vertrauen zueinander.

    Bitte, Freunde der europäischen Idee, überdenkt eure verschlissenen Argumente, macht die Augen auf, und habt keine Angst vor den Menschen, die euren Visionen nicht folgen wollen. Fragt euch, was wirklich nötig ist dafür, dass wir weiter in Frieden leben auf diesem Kontinent. Denn Frieden ist das entscheidende, nicht die einheitliche Hochschulausbildung, auch nicht die einheitliche Abgasnorm und auch nicht die Vereinheitlichung der Gleichstellung aller Geschlechter. Das kann man alles vor Ort aushandeln – solange es auf dem Kontinent friedlich bleibt.

    Zur letzten Kolumne von Jörg Friedrich: Ich bin ein Feigling.

  • Ich bin ein Feigling

    Die Liste der Texte, die ich nicht schreibe, wird länger. Nur zwei Beispiele aus den letzten Tagen. Vor einigen Tagen ging die Geschichte der vorgeblichen Vergewaltigung von Gina-Lisa Lohfink durch die Medien, vor allem wohl durch die sozialen Medien. Immer wieder wurde über die deutsche Justiz geschimpft, die den Opfern von Vergewaltigungen nicht hilft und sie stattdessen auch noch zu Täterinnen macht.

    Ich wollte dagegen anschreiben, wollte darauf hinweisen, dass die Staatsanwältin und die Richterin womöglich Informationen und Erkenntnisse haben könnten, die uns allen in diesem ganzen Internet nicht vorliegen. Dass es keinen plausiblen Grund gibt, wirklich anzunehmen, dass sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Gericht ohne Beweis und Argument nicht nur die Klage der Frau abweisen, sondern sie auch noch wegen Falschaussage verurteilen.

    Aber ich habe es nicht getan. Ich war nachher froh, zu sehen, dass wenigstens Jan Fleischhauer in seiner Kolumne bei Spiegel Online mutig genug war.

    Zweites Beispiel: In Münster gibt es zurzeit Plakate, auf denen eine Frau von hinten zu sehen ist. Oben drüber steht: „Belästigung bleibt haften“. Auf dem Pullover der Frau haften Post-Ist, da steht so was drauf wie „Nachgepfiffen“, „Nachgegafft“ und „Nachgerufen“.

    Ich denke immer, wenn ich daran vorbeiradle: Wenn das schon Belästigungen sind, gegen die man Plakate aufhängen muss, dann wird es bald eine sehr sterile Gesellschaft sein, in der wir leben. Auch darüber wollte ich schreiben, aber ich kriege es nicht fertig.

    Warum? Mir macht meine Schreibangst Angst. Ich habe schon oft erlebt, seit ich öffentlich schreibe, dass Leser mich extrem missverstehen, dass sie argumentative Keulen schwingen, die mich zusammenzucken und schweigsam werden lassen. Ich habe auf der anderen Seite noch nie erlebt, dass ich jemanden zum Nachdenken bringen konnte, der nicht ohnehin schon fast meiner Meinung war.

    Ich habe keine Kraft und keine Lust mehr, solche Texte zu schreiben, die mutig einen Standpunkt vertreten, solche Texte wie damals in meiner Kolumne beim Freitag. Noch vor wenigen Jahren bin ich keiner Diskussion ausgewichen. Heute ziehe ich mich ins Philosophieren zurück, auch, weil ich feststellen musste, dass man doch wenig oder nichts mit diesem Schreiben ausrichten kann.

    In der Zwischenzeit entwickelt sich diese Gesellschaft immer schneller in eine Richtung, in der wir einander nur noch als Neutren behandeln, aus der die Erotik verbannt sein wird, in der die möglichen Beziehungen, bevor wir sie eingehen, rational ausgehandelt werden müssen. Das Ergebnis wird sein, dass wir eben keine Nähe mehr zulassen werden, keine Überraschungen mehr akzeptieren. Wahrscheinlich wird schon bald ein Kompliment, das sich auf einen Anblick, eine Bewegung oder gar einen Duft bezieht, als sexuelle Belästigung verurteilt.

    Und ich werde mir eingestehen müssen, dass ich daran mit Schuld bin. Weil ich zu feige war, darüber zu schreiben, als es noch nicht ganz zu spät war.

  • Studie ohne Hemmung

    In den letzten Tagen machte wieder einmal eine Studie Schlagzeilen. Genauer gesagt machte – wie das immer so ist – nicht die Studie die Schlagzeilen, sondern die Journalisten, die über die Studie berichteten. Wobei man in diesem Falle schon sagen muss, dass die Autoren der Studie ihren Teil zum Zeilenschlagen beigetragen haben, trug sie doch die schlagende Titelzeile: „Die enthemmte Mitte“. Der erläuternde Untertitel war dann „Autoritäre und rechtextreme Einstellungen in Deutschland“.

    Soso, die Mitte ist also „enthemmt“ – das heißt dann wohl, früher war sie mal gehemmt, ihre „autoritären und rechtsextremen Einstellungen“ zu zeigen, aber jetzt lässt sie alle Hemmungen fallen und ist womöglich ganz offen rechtsextrem und autoritär. Das ist natürlich eine ernste Sache, die besorgt auch den Philosophen. Schauen wir also mal mit einem vorsichtigen philosophischen Blick in dieses Produkt gesellschaftswissenschaftlicher Forschung.

    Die große Aufgabe

    Denn diesen Anspruch hat die Studie. Gleich zu Beginn des ersten Kapitels heißt es:

    Eine wesentliche Aufgabe der Gesellschaftswissenschaften ist die Untersuchung von rechtsextremen Einstellungen und autoritären Orientierungen.

    Da ist man ja schon gleich das erste Mal verblüfft. Dachte man doch gerade noch, dass die Wissenschaften frei sind und sich erst mal gegen jede Art von „Aufgabenzuweisungen“ wehren dürften und auch sollten, erfährt man hier, dass die Gesellschaftswissenschaften sogar eine „wesentliche Aufgabe“ haben. Die ist zudem sogar sehr speziell. Sie richtet sich nicht etwa auf alle möglichen gesellschaftlichen Phänomene und Strukturen, sondern vor allem auf „rechtsextreme Einstellungen und autoritäre Orientierungen“.

    Da fragt man sich natürlich, wer den Gesellschaftswissenschaften diese wesentliche Aufgabe gegeben hat. Leider findet sich dazu in der Studie keine Fußnote. In einem Land vor unserer Zeit hätte es ganz sicher so eine Fußnote gegeben, da wäre der entsprechende Politbürobeschluss genannt gewesen, oder wenigstens eine Rede des Generalsekretärs.

    Hier aber nichts dergleichen – zum Glück. Wir müssen vermuten, dass „die Gesellschaftswissenschaften“ sich ihre „wesentliche Aufgabe“ denn doch selbst gegeben haben – man hätte natürlich trotzdem gern gewusst, warum es gerade diese war und wie „die Gesellschaftswissenschaften“ das anstellen, sich eine solche Aufgabe zu geben.

    Was ist nochmal rechts?

    Wer sich so eine wesentliche Aufgabe gibt, der wird sicherlich genau wissen, was der Gegenstand der Aufgabe ist. Man vermutet ja als naiver Philosoph, dass „Rechtsextrem“ irgendwie so etwas ist wie „extrem weit rechts“ und ist nun gespannt darauf, einen Hinweis zu finden, was eigentlich „rechts“ (vermutlich im Gegensatz zu „links“) ist.

    Tatsächlich gibt es in der Studie sogar eine „Definition“ – die definiert aber nicht „Rechts“ sondern gleich „Rechtsextrem“. Diese Definition lautet:

    Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen.

    Da ist man schon wieder verblüfft. „Ungleichwertigkeitsvorstellungen“ sind also das „verbindende Kennzeichen“ der „rechtsextremen Einstellungsmuster“.

    Damit eine Definition gut ist, so haben wir irgendwie schon bei Aristoteles gelernt, muss sie trennscharf sein, d.h., man muss ganz gut feststellen können, was dazu gehört, und was nicht. „Ungleichwertigkeitsvorstellungen“ – naja, die Linksextremen z.B. halten die Kapitalisten wahrscheinlich auch nicht für so wertvoll wie die unterdrückten Proletarier. Und die Extremen unter den Natur- und Umweltschützern haben wohl auch klare Vorstellungen davon, was oder wer wertvoll ist und was nicht.

    Wahrscheinlich ist es ja so, dass Extreme überhaupt dadurch extrem werden, dass sie aus Unterschieden zwischen Menschen Bewertungen machen, durch die die einen wertvoller als die anderen zu sein scheinen. Während die Gemäßigten zwar Unterschiede zu ihren Gegnern sehen, ist dem Extremen der Andere weniger Wert, er ist ihm so fremd, dass er ihn, um sich selbst zu behaupten, ab-werten muss.

    Exkurs: Schmitt, Mouffe, Greven

    Dazu einen kleinen Exkurs: Ich stehe, was das Verständnis politischer Kategorien betrifft, in der Tradition von Carl Schmitt, insbesondere in der Rezeption durch Chantal Mouffe und Michael Th. Greven. In dieser Tradition scheint mir zweierlei plausibel zu sein: Unter den Gemäßigten, egal welcher Ausrichtung, gibt es natürlich einen Konsens, wie man sein muss, wenn man dazu gehören will. Die diesen Konsens nicht einhalten, sind die Extremen, oder die Extremisten. Als solche werden Leute identifiziert, die den kulturstiftenden Konsens ablehnen. Gleichzeitig kann man den Extremismusvorwurf aber auch im Kampf gegen den politischen Gegner nutzen, indem man „Politik im moralischen Register“ spielt, d.h., den politischen Gegner dann mit links- resp. rechtsextremistischen Vorwürfen überzieht. Dann wirft man ihm eben vor, nicht gegen die extremistische Version der jeweiligen Seite immun zu sein, denen Eintrittspforten zu öffnen, sodass der (jeweilige) Extremismus „in die Mitte der Gesellschaft“ vordringen kann.

    Konsequenz ist dann allerdings, dass der kulturstiftende Konsens der Gemäßigten damit aufs Spiel gesetzt wird. Ein Gegenmittel gegen diese Gefahr scheint mir zu sein, die wesentlichen Gemeinsamkeiten der verschiedenen Extremismen herauszustellen.

    Die Konsensus-Konferenz

    Also muss hier zunächst mal ein Begriff des Rechten existieren, dessen extreme Ausprägung man untersucht. Die wird aber nicht expliziert. Stattdessen werden Dimensionen aufgezählt, die man abgeleitet habe. Wie das gemacht wurde, das erkennt man weder in der Studie, noch in der Quelle (Vom Rand zur Mitte, Seite 20), dort wird nur auf die „Konsensuskonferenz“ verwiesen. Die hat nicht nur die Definition „gefunden“, sondern auch die Dimensionen „abgeleitet“. Leider wird nirgends auch nur in einer Fußnote angegeben, wie das geschah oder wo man das genauer nachlesen kann. Vielleicht muss man sich ja eine gesellschaftswissenschaftliche Konsensuskonferenz so ungefähr wie ein Pfingstwunder vorstellen.

    Was mich aber gerade interessieren würde, ist, wie diese Dimensionen – und gerade diese und keine anderen – aus dieser These von den Ungleichwertigkeitsvorstellungen in der spezifisch rechten Ausprägung folgen. Mir ist es etwa nicht intuitiv plausibel, warum Leute, die einen autoritären Staat bevorzugen, von Ungleichwertigkeitsvorstellungen geleitet sein müssen. Schon gar nicht ist mir klar, was daran „rechts“ ist. Einheitsparteien mit hierarchischen Strukturen und starken Staat sehe ich als Sehnsucht eher auf der linken Seite des politischen Spektrums.

    Das geschlossene rechtsextreme Weltbild

    Vielleicht habe ich ja irgendwas übersehen, aber die Studie belegt soweit ich das sehe nicht, dass es Korrelationen zwischen den Dimensionen gibt. Also dass etwa Leute, die einen autoritären Staat wollen, auch antisemitisch und schwulenfeindlich sind und den Nationalsozialismus verharmlosen. Nur dann würde der Begriff des Rechtsextremismus als Zuschreibung für eine Personengruppe ja durch das Modell gestützt werden können. Sonst sieht es ja so aus: Ich sammle mir mal alle Einstellungen, die ich irgendwie aus einem Konsens heraus ablehne, und klebe ihnen allen ein Etikett auf. Und dann summiere ich alle Leute, die eine dieser Einstellungen haben, unter dem Etikett, und wundere mich, dass es so viele sind.

    Tatsächlich scheint die Grafik 13 zum so genannten „geschlossenen rechtsextremen Weltbild“ die sechs Dimensionen irgendwie zusammenführen zu sollen, wobei rätselhaft bleibt, was die Formulierung „Die hier aufgeführten Befragten stimmten im Durchschnitt allen sechs Dimensionen der rechtsextremen Einstellung zu“ bedeuten soll. „Im Durchschnitt allen Dimensionen zustimmen“ – ich glaube, so eine Formulierung hätte mir kein Professor in einer Statistik-Seminararbeit durchgehen lassen. Aber nehmen wir mal an, das bedeutet irgendwie, dass die betreffenden bei wenigsten fünf der sechs Dimensionen die Fragen zustimmend beantworten. Die Dimension „Verharmlosung Nationasozialismus“ hat nur eine Zustimmungsquote von 2,1%, die Dimension „Sozialdarwinismus“ von 3,4% – wie da noch 5,4% „im Durchschnitt allen“ Dimensionen zustimmen können, ist mir mathematisch ein Rätsel.

    Die Schwulenfeindlichkeit

    Irgendwie war die Studie noch nicht dick genug und deshalb musste sie, vielleicht auch, weil sie diesen merkwürdigen Titel von der enthemmten Mitte hat, auch noch was zur Schwulenfeindlichkeit sagen. Klar, irgendwie sind Nazis bestimmt auch Schwulenhasser, und wenn wir schon nur 2,1 % der Befragten der Verharmlosung des Nationalsozialismus überführen können – vielleicht finden wir ja ein paar mehr Leute – vor allem in der „enthemmten Mitte“ – die Schwule hassen.

    Die Sache mit der angeblichen Schwulenfeindlichkeit findet sich in der Studie auf Seite 50f. Da wird dann also gefragt, ob man das „eklig findet“ wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. 40% stimmen dem irgendwie zu. Leider unterscheiden die Autoren hier plötzlich nicht mehr zwischen den fünf Stufen der Zustimmung/ Ablehnung, sodass wir überhaupt nicht wissen, wie stark die Ablehnung wirklich ist. Außerdem wird nicht zum Vergleich gefragt, wie es mit der Aussage aussieht „Ich finde es überhaupt eklig, wenn sich Leute in der Öffentlichkeit küssen.“ Der Aussage „Homosexualität ist unmoralisch“ stimmen ja weit weniger Leute zu (auch hier kennen wir den Grad der Zustimmung nicht). Daraus einen allgemeinen Schwulenhass abzuleiten, ist also fragwürdig. Vielmehr kann es sein, dass ein großer Teil der Deutschen es ablehnt, dass in der Öffentlichkeit geküsst wird.

    Merkwürdig ist auch, dass es eine Verdoppelung der Homosexuellen-Ablehnung innerhalb von zwei Jahren geben soll. Aus irgendeinem Grunde haben die Autoren nämlich Zahlen aus einer anderen Studie, die in 2014 erstellt wurde, und aus einer weiteren Quelle, die noch älter ist, hinzugezogen. Grafisch sieht es nun so aus, als sei die Schwulenfeindlichkeit enorm gestiegen. Die Studie vermerkt lapidar, dass die früheren Zahlen in Telefoninterviews erhoben wurden, während sie selbst Face-to-Face-Interviews gemacht haben. Warum aber sollte das zu einer Verdoppelung der Zustimmung zu anti-homosexuellen Aussagen führen? Wäre nicht eher das Gegenteil zu erwarten? Dazu schweigt die Studie.

    Aber was am Ende hängen bleibt: 40% der Deutschen sind Schwulenhasser. Aber das ist Quatsch, lässt sich jedenfalls mit dieser Studie nicht seriös belegen.

    Wo ist denn nun die „enthemmte Mitte“?

    Was es mit der Mitte auf sich hat, die angeblich hemmungslos geworden ist, bleibt auch nach Ende der Lektüre ein Rätsel. Das Wort „enthemmt“ kommt in der ganzen Studie fünf Mal vor: Auf dem Deckblatt, auf dem zweiten Deckblatt, auf dem dritten Deckblatt, im Inhaltsverzeichnis und auf einem weiteren Deckblatt nach dem Vorwort. Im laufenden Text ist es nicht zu finden – kein Scherz.

    Was lehrt uns das? Wenn eine wissenschaftliche Arbeit damit beginnt, dass sie die „wesentliche Aufgabe“ der Disziplin benennt, zu der sie sich rechnet, sollte man, um die Achtung vor der Wissenschaft nicht zu verlieren, das Werk schnell wieder zuklappen.

  • Das Digitale denken

    Wie beeinflusst die digitale Welt unser Denken? Denken wir schon digital genug, oder wird unser Denken von der digitalen Welt bestimmt? Müssen wir Angst vor einer Digitalisierung des Denkens haben oder eher fürchten, dass das Denken mit der Digitialisierung der Welt nicht Schritt halten könne?

    Wer sich solche Fragen stellt, der tut gut daran, zunächst einmal zu fragen: Was ist denn digital? Und was bedeutet es, zu denken?

    Wann denken wir?

    Wenn wir solchen Fragen nachgehen, dann denken wir, das scheint klar. Zum Denken gehört irgendwie alles, was bewusst im Kopf vorgeht. Gedanken zu bilden, zu verändern, zu prüfen, zu verwerfen, das bezeichnet man als Denken. Oft, insbesondere wenn die Frage diskutiert wird, ob auch Computer denken können, wird das Ableiten logischer Schlüsse aus Prämissen, das Treffen „richtiger“ Entscheidungen, das stichhaltige Begründen von Handlungsentscheidungen als Denken bezeichnet. Für dieses Denken wurde schon vor langer Zeit die Logik entwickelt, Vorschriften für das richtige Ableiten von Schlussfolgerungen aus gegebenen Tatsachen oder Annahmen. Die Einhaltung solcher Denkgesetze bezeichnen wir dann als „logisches Denken“.

    Aber Denken ist natürlich weit mehr als das, vielleicht ist es nicht einmal typisch für das Denken, „logisch richtig“ zu sein. Wenn ich jemanden Frage, wohin er gern einmal reisen möchte, und er antwortet: „Lass mich nachdenken…“ dann wird dieses Nachdenken vermutlich kein logisches Schlussfolgern aus Prämissen sein, eher ein Ausforschen der eigenen Wünsche und Sehnsüchte, ein intuitives Abwägen von Ängsten und Hoffnungen. Wenn ein alter Freund mich fragt, ob ich hin und wieder noch an die gemeinsame Studienzeit denke, dann fragt er nicht nach Betrachtungen zwingender Logik. Wenn ich Handlungen und Worte bereue, die jemanden verletzt haben, dann meldet sich das Gewissen nicht in der Weise logischer Syllogismen. Andenken, Nachdenken, Sinnieren, Reflektieren, Gedenken, Gewissen, Wünschen und Hoffen – das alles gehört zum Denken, und auch wenn wir dieses Denken in Worte fassen können gibt es dafür bis heute keine Logik, die uns sagen könnte, ob wir richtig oder falsch denken.

    Versuchen wir, das Digitale zu denken.

    Wenden wir uns denkend dem Digitalen zu. Wir könnten zunächst versuchen, einen Logik-tauglichen Begriff zu finden, der all das bezeichnet, was wir heute selbstverständlich als „digital“ bezeichnen. Es gibt „digitale Endgeräte“, „digitale Formulare“, „digitale Anzeigen“ auf Waagen und Thermometern, „digitale Ausgaben“ von Zeitungen, das „Digitalradio“ und „digitales Fernsehen“, es gibt sogar eine „digitale Welt“ und es ist die Rede vom „digitalen Denken“. Irgendwie verstehen wir all diese Bezeichnungen. Wir können sie benutzen und werden von anderen verstanden.  Also müssen wir auch einen passenden Begriff von diesem Attribut „digital“ haben.

    Das Digitale hat mit Computern zu tun, es ist das, was vom Computer erzeugt wird. Die digitale Welt ist dann all das, was im Innern von Computern gesteuert wird, und das, was davon erzeugt wird. Allerdings kann es dann kein digitales Denken geben, solange wir annehmen, dass das Denken im Kopf stattfindet. Der Kopf, genauer, der Ort im Menschen, an dem die Gedanken ihren Platz haben, ist schließlich kein Computer. Oder vielleicht doch? Bevor wir dieser Frage nachgehen bleiben wir noch einen Moment beim „Ort der Gedanken“. Natürlich sind die irgendwo im Kopf. Aber wenn ich nachdenke, kann ich auch Dinge einbeziehen, die außerhalb meines Kopfes sind. Wenn ich herausfinden will, wohin ich in diesem Jahr in den Urlaub fahren möchte, kann ich Bilder von Gebirgen und Meeresstränden ansehen, ich kann mir Informationen beschaffen, Wegstrecken berechnen. Ich kann mir auch eine Liste mit Vor- und Nachteilen der verschiedenen Ziele machen. All das gehört zu meinem Nachdenken, das dann nicht mehr nur im Kopf stattfindet.

    Führe ich meine Recherchen im Internet aus, lasse ich mir gar von einer App oder einem Online-Assistenten Vorschläge machen, nachdem ich meine wichtigsten Kriterien eingegeben habe, dann könnten wir mein Verhalten als digitales Denken bezeichnen. Wir kennen dieses Denken bereits von Dating-Portalen und Wahl-O-Maten.

    Wenn wir diesem Verhalten, ganz ohne Nutzung von Suchmaschinen und Online-Lexika, noch ein wenig nachdenken, dann bekommen wir einen klaren Begriff vom Digitalen. Das Digitale hat, von alters her, in seinem Kern das Abzählbare, das Einsortieren der vielfältigen Welt in klare und möglichst wenige Kategorien. Das digitale Ideal ist die eindeutige Alternative: Ja oder Nein, Richtig oder Falsch, Drinnen oder Draußen, Freund oder Feind. Die digitale Welt ist die der sauberen Trennungen, der Kategorisierungen, der eindeutigen Identifikation. Jedes logische Schließen im Sinne der heute bekannten und in Schulen gelehrten Logik braucht diese klären Kategorien, selbst die gefeierte Fuzzy-Logik kommt am Ende nicht ohne sie aus.

    Gezähmtes Denken

    Wenn wir unser Denken zähmen, wenn wir es auf klare Kategorien konzentrieren und auf die Bahnen der Logik lenken, dann denken wir tatsächlich digital. Wir können dieses Denken auch als die vernetzte Vernunft bezeichnen. Sie ist es nicht nur deshalb, weil sie ihr Wissen aus dem Netz bezieht und weil sie ohne die digitalen Endgeräte, die sie mit dem Netz verbindet, nicht denken kann. Sie ist es, weil sie sich in einem Netz, auf den Bahnen eines Wissens-Netzwerks bewegt. Dieses wird gebildet aus den klaren, eindeutigen Begriffen der Kategorien, die durch eindeutige, zwingende Schlussfolgerungen miteinander verbunden sind. In einem solchen Netzwerk kommt man schnell zu einem Ziel und man kann immer angeben, wie und warum man genau hier angekommen ist. Dafür sorgt die zwingende Logik – aber sie zwingt uns eben auf die Bahnen des Netzwerks, sie lässt uns nicht ins schimmernde, uneindeutige Zwischen.

    Wenn wir digital denken, dann wird unser Kopf tatsächlich zum Computer, denn Gefühle, Intuition, Sorgen, Sehnsüchte und das Gewissen sind aus diesem Denken ausgeklammert. Ein Computer hat keine Gedanken, er kennt keine persönlichen Erfahrungen, war nie verliebt, stand nie auf dem Gipfel eines Berges. Euphorie und Angst sind ihm fremd. Die Logik akzeptiert  als Schlussweisen vor allem die Deduktion und ein wenig die Induktion, aber niemals die Intuition.

    Man könnte fragen, ob wir nicht wenigstens versuchen sollten, digital zu denken. Die Entwicklung der digitalen Welt ist doch eine Erfolgsgeschichte. Dagegen spricht allerdings einiges, denn die digitale Logik kennt weder Moral noch Freude. Spitzfindige Logiker könnten argumentieren, dass es gelingen könnte, moralische Entscheidungen ebenso wie freudenvolle Erlebnisse in digitalen Kategorien zu beschreiben und nach digitalen Maßstäben zu bewerten. Die Frage, ob das akzeptabel und wünschenswert ist, kann das digitale Denken allerdings nicht beantworten.

    Das menschliche Denken ist nicht digital, und zwar nicht deshalb, weil es nicht im Computer steckt, sondern deshalb, weil Sehnsucht, Gewissen und Intuition dazu gehören. Man kann das bedauern oder sich darüber freuen, man muss es jedenfalls akzeptieren.

    Mehr zum digitalen Denken gibt es in der letzten Kolumne von Jörg Friedrich.

  • Die Herkunft der digitalen Welt

    1918 notierte der junge Ludwig Wittgenstein sein berühmtes Diktum „was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen. Und worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“. Diese zwei Sätze zeigen, dass vor 100 Jahren die Digitalisierung der westlichen Kultur schon weit fortgeschritten war. Es ist nicht überraschend, dass sie zu den beliebtesten Wittgenstein-Zitaten in der heutigen Online-Welt zählen. Wenn wir über die Situation der heutigen vernetzten Vernunft sprechen wollen, dann müssen wir nicht beim Internet anfangen, sondern bei der Herkunft des digitalen Denkens.

    Was heißt heute digital?

    Wir haben uns angewöhnt, all das als „digital“ zu bezeichnen, was irgendwie auf Computern und deren Vernetzung beruht. Aber nehmen wir das Wort „digital“ beim Wort. Es bedeutet: Zählbar. Sein Gegenwort ist „analog“. Das Analoge besteht in einem Kontinuum von Übergängen, Abstufungen, Variationen. Das Digitale besteht aus abzählbaren und abgegrenzten Werten, aus Klassen und Kategorien, in die alles, was uns begegnet, ohne Zweifel eingeordnet werden kann.

    Wir haben das Attribut „Digital“ scheinbar von seiner ursprünglichen Bedeutung entfernt. Aber der Schein trügt. Das Wort digital eignet sich deshalb so gut für die Kennzeichnung unserer Zivilisation als einer digitalen Gesellschaft, weil die Ideen der Zählbarkeit und der Klassifikation tief in unserem Gebrauch dieser technischen Netzwerke eingeschrieben sind. Man kann sogar sagen: Nicht die Computer und Netzwerkprotokolle sind irgendwo tief in ihrem Innern digital, sondern unsere Kommunikation, unser Wissen, unser Reden und unsere Vernunft sind es.

    Logos steht bekanntlich bei den Griechen noch gleichermaßen für die Rede und die Vernunft, die vernünftige Begründung von Wissen. Dass wir heute die Logik allein auf das Feststellen von Wahr und Falsch nach festen Regeln reduzieren, nicht nur in der Mathematik, sondern ebenso im Alltag und in jeder Form des Wissens, zeigt die Digitalisierung als Kulturprozess eindringlicher an als die Nutzungsintensität von Tablets und Smartphones.

    Wir fordern die Klarheit im Sagen, mithin also die mathematische Logik im Logos, wie es der junge Wittgenstein tat. Das zwingt ständig zu digitalen Entscheidungen: Wahr oder Falsch, Erfasst oder nicht Erfasst, Enthalten oder nicht enthalten, Klar oder Unklar, ja, sogar Logisch oder Unlogisch. Die Logik sagt, was gilt, was Geltung hat. Sie bringt die Dinge auf den Punkt, der ein Schnitt-Punkt, ein Knoten im Begriffsnetzen der vernetzen Vernunft ist.

    Digitale vernetzte Vernunft

    Die so verstandene wissenschaftliche Logik zwingt uns auf die Bahn der digitalen Vernunft. Diese bildet die Wirklichkeit in eine Welt der definierten Dinge ab. Die Dinge werden Kategorien zugewiesen, welche Attribute vorgeben, die wir messen und protokollieren können und die verstandenen Gesetzen gehorchen. Dieses Denken hat Martin Heidegger im Wintersemester 1951/52 als das „eingleisige Denken“ bezeichnet. Wir können es heute treffender die vernetzte Vernunft nennen.

    Die vernetzte Vernunft ordnet ihr Wissen in Begriffsnetzen. Die Vielfalt und Differenziertheit der Wirklichkeit wird auf eine Welt von klaren abgegrenzten Begriffen abgebildet, die durch logische Relationen miteinander verbunden sind. Ein einfaches Beispiel soll dies erläutern. Ein Kind beobachtet zum ersten Mal Schneekristalle, es sieht die Vielfalt der Formen. Die Eltern weisen es auf die sechseckige Sternenform hin. Kaum einer der Kristalle genügt dieser Form. Manche sind zerbrochen, andere ungleichmäßig gewachsen. Sie haben sich ineinander verhakt, sind zusammengewachsen. Diejenigen, die dem Ideal besonders nahe kommen, werden bewundert, sie werden als wahre, schöne, wunderbare Schneekristalle bezeichnet. Sie werden gemalt. Die Bilder werden im Kinderzimmer aufgehängt. Sie werden fotografiert und im Internet hochgeladen. Wir suchen im Internet nach Bildern von Schneekristallen und finden lauter schöne, fast ideale Exemplare. Bald betrachten wir den Schnee draußen vorm Fenster nicht mehr so genau. Wie ein Schneekristall aussieht, lernen wir im Internet. Aber die Digitalisierung des Schnees hat nicht mit dem digitalen Fotoapparat begonnen, sondern mit dem digitalen Blick auf die Lebenswelt.

    In meiner Welt sind Schneekristalle symmetrische Sterne mit sechs Strahlen. Ich kann sie klar vom Hagel und vom Graupel abgrenzen. Ich kann über sie kommunizieren in den Netzwerken, die mich mit anderen Menschen meiner digitalen Kultur verbinden. Ich verstehe den Wetterbericht, ich kann bei Facebook mit einem fremden Menschen darüber streiten, ob es gerade schneit oder graupelt.

    Die Wahrheit liegt im Dazwischen

    Martin Heidegger hat das, was wir hier als vernetzte Vernunft bezeichnen, das eingleisige Denken genannt und ihm genau genommen den Namen Denken verwehrt, denn er sagt „Das Bedenkliche an unserer bedenklichen Zeit ist, dass wir noch nicht denken“. Aber wir sind doch sehr erfolgreich mit der vernetzten Vernunft. Das ist richtig, und niemand wollte bestreiten, dass die vernetzte Vernunft eine nützliche Sache ist. Wir formen uns die Wirklichkeit nach unserem digitalen Bilde um, wir schaffen uns in der Wirklichkeit die Gleise, auf denen unsere Denken, aber auch wir selbst zügig zu Zielen kommen. Sie bringen uns zu Knoten in den Netzwerken, die wir gebaut haben. Von diesen Knoten aus brechen wir zu weiteren Netzwerkknoten auf, die Wegweiser an den Verzweigungen geben uns die Entfernung zum Ziel an. Das gilt für das digitale Denken ebenso wie für die digitale Kommunikation und das digitale Handeln.

    Aber es könnte ja sein, dass ein Ziel im Dazwischen liegt, sei es die Wahrheit oder das Ziel des Willens. Wir merken es daran, dass die Sehnsucht, die Intuition oder das Gewissen uns sagt, dass die rationale richtige Antwort nicht die Wahrheit sein kann, dass wir mit den Wegen und den erreichten Orten in den Netzwerken unzufrieden bleiben. Das hat auch der junge Wittgenstein gesehen, der im Tractatus auch schrieb:

    Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsre Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.

    Wir werfen Netzwerke über die Wirklichkeit, um die Realität einzufangen. Netzwerke aus Begriffen, Netzwerke aus Personen. Netzwerke bestehen aus kategorisierten Objekten, die miteinander verknüpft werden können und deren Verknüpfungen wieder lösbar sind. Das geschieht nach klaren Regeln, nach Standards und Protokollen. So können wir Netzwerke umbauen und erweitern. Aber das Dazwischen bleibt unberührt, auch wenn es gefangen ist. Und wenn auch das Netzwerk als Ganzes Stabil bleibt, ist die einzelne Verbindung immer prekär.

    Netzwerk und Gewebe

    Das menschliche Denken gehorcht nie den Zwängen der vernetzten Vernunft, es schlüpft durch die Maschen. Intuition, Sehnsucht und Gewissen lassen sich nicht in Standards und logische Rationalität pressen, wenn wir logisch hier eben als Logik-gemäß und nicht als Logos verstehen. Das menschliche Denken ist kein Vernetzen, sondern ein Spinnen und Weben. Es baut Trampelpfade am Verkehrsnetz, es lagert sich als Filz an den Knoten und Verbindungen des Netzwerks an.

    Das Internet kennt beide Prinzipien: Netzwerk und Gewebe. Nicht von ungefähr bezeichnen wir es mal als Net und mal als Web. Hannah Arendt schreibt in Vita Activa, dass „Handeln darin besteht, den eigenen Faden in ein Gewebe zu schlagen, das man nicht selbst gemacht hat“. Das ist etwas anderes, als sich zu vernetzen. Und so, wie wir handeln, denken wir auch, wenn wir es denn schaffen, zu denken. Wo die vernetzte Vernunft regelkonforme Schlussfolgerungen zieht, beginnt das Denken zu sinnieren, zu reflektieren, in den Sedimenten der Erfahrungen zu suchen.

    Nicht das Internet ist digital, sondern die vernetzte Vernunft, die allerdings mit der Ordnungsmacht des Net-Prinzips versucht, das Net vom Wildwuchs eines Gewebes frei zu halten. Wo Spekulation durch logisches Schließen bekämpft wird, wo schillernde Begriffe auf den Punkt gezwungen werden, ist die Ordnungsmacht des digitalen Denkens, der vernetzten Vernunft am Werk. Sie kann Fortschritte und erstaunliche Werke zu ihrer Rechtfertigung vorweisen. Aber sie digitalisiert uns, sie zwängt uns ins Netz.

  • Sexuelle Attraktivität: Bin ich schwul? Bist du lesbisch?

    Sexuelle Attraktivität: Bin ich schwul? Bist du lesbisch?

    Seit Jahrtausenden sind wir der Meinung, die sexuelle Attraktivität sei vor allem durch das Geschlecht der attraktiven Person bestimmt. Diese Überzeugung ist sogar schon in dem Wort „Sex“ verankert, denn es kommt vom lateinischen  sexus, was (biologisches) Geschlecht bedeutet. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders.

    In einem Merkblatt der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft, das auch in deutscher Übersetzung verfügbar ist, kann man nachlesen, dass es keinen wissenschaftlichen Konsens über die exakten Ursachen gibt, die zur Ausprägung einer individuellen sexuellen Orientierung führen. Vieles wurde untersucht, doch kein Faktor, weder genetisch oder hormonell, noch kulturell oder sozial, wurde gefunden, von dem man sagen könnte, er determiniere die sexuelle Orientierung des Menschen.

    Ist sexuelle Attraktivität durch das Geschlecht bestimmt?

    Das sollte Anlass genug sein, über die Konsequenzen folgender These nachzudenken: Kein Mensch ist eindeutig auf ein Geschlecht orientiert, weder auf das eigene, noch auf das andere. Vielmehr ist das Geschlecht nur einer von mehreren Faktoren, die die sexuelle Attraktivität ausmachen. Das, was eine Person attraktiv findet, ist eher ein Gesamteindruck, der sich aus Aussehen, Verhalten, Gerüchen und anderen Sinneseindrücken zusammensetzt. Diese Wahrnehmungen sind zwar vom Geschlecht mitbestimmt, werden aber auch durch anderes hervorgerufen.

    Wir finden ja beileibe nicht alle Angehörigen des anderen Geschlechts sexuell attraktiv, wenn wir uns als heterosexuell empfinden, im Gegenteil, erotische Anziehungskraft geht eher von Wenigen aus. Vieles muss stimmen, und wer sagt, dass vieles nicht auch bei einem Angehörigen des Geschlechtes stimmt, zu welchem wir uns nicht hingezogen fühlen?

    Zudem könnte man annehmen, dass wir die Wahrnehmung der sexuellen Attraktivität im Laufe des Lebens erlernen, so wie wir auch ästhetische Urteile erlernen können. Zudem verändert sich das, was als sexuelle Attraktivität wahrgenommen wird, im Verlauf des Lebens und kann auch aktiv gestaltet werden. Die Rolle des Geschlechts (welches wir hier mal selbst als unveränderlich annehmen) kann dann im Laufe des Lebens auf die sexuelle Attraktivität ganz unterschiedliche Auswirkungen haben.

    Eine Konsequenz dieser These wäre, dass sich die sexuelle Präferenz eines Menschen während seines Lebens tatsächlich verändern kann, und dass diese Veränderung auch ein bewusster, aktiv gestalteter Prozess sein kann. Diese Konsequenz wird vermutlich von vielen Menschen, seien sie homosexuell oder heterosexuell, spontan rundweg abgelehnt. Wir sind uns, glaube ich, spätestens als Erwachsene zumeist ziemlich sicher, ob wir schwul oder lesbisch, hetero- oder bisexuell orientiert sind und von wem eine sexuelle Attraktivität für uns ausgeht.

    Aber diese Gewissheit kann, wie die meisten kulturellen normativen Gewissheiten, ja durchaus im Laufe der Kindheit erworben worden sein: durch Beobachtung, Nachahmung, positive und negative Erfahrung.

    Die erotische Attraktivität

    Nehmen wir ein Kind, das seine heterosexuellen Eltern und viele andere heterosexuelle Paare beobachtet. Es wird diese Konstellation als „normal“ betrachten, es wird erwarten, dass es selbst auch auf einen andersgeschlechtlichen Partner trifft. Es wird diese Situation spätestens als Jugendlicher suchen. Erlebt es einen andersgeschlechtlichen Partner in dieser Erwartungshaltung als sexuell attraktiv und wird es selbst von andersgeschlechtlichen Personen als sexuell attraktiv empfunden, wird es seine Erwartung bestätigt finden.

    Vielleicht sollte man hier lieber von erotischer Attraktivität sprechen, um die Orientierung am Geschlecht (sexus) einen Moment zu vergessen. Ob das erotische Bedürfnis tatsächlich primär durch das Geschlecht des anderen hervorgerufen wird oder durch seine Gesamterscheinung, seinen Eros, wird das Kind nicht reflektieren. Weitere sexuelle Aktivitäten werden dann auf das andere Geschlecht eingeschränkt, man kommt gleichgeschlechtlichen Menschen gar nicht mehr auf eine Weise nahe, dass sich das Gefühl der erotischen Anziehung einstellen könnte.

    Ist die Erfahrung mit andersgeschlechtlichen Partnern aber negativ, werden diese auch nicht als attraktiv empfunden. Erscheinen stattdessen gleichgeschlechtliche Personen anziehend, dann wird sich ein Mensch auch als homosexuell empfinden und seine Sexualpartner, vorausgesetzt, in der Gesellschaft ist das akzeptiert, auch unter gleichgeschlechtlichen Personen suchen. Wiederum muss man nicht darüber reflektieren, ob das Geschlecht dieser Person ausschlaggebend ist, oder ob es schlicht zu einem gewissen Gesamtverhalten und einer Gesamterscheinung beiträgt, der erotischen Ausstrahlung, die als anziehend empfunden wird, die aber auch bei Personen des anderen Geschlechts möglich ist.

    Feste Gewissheiten

    Im Laufe des Lebens bilden sich so durch Erfahrung feste Gewissheiten aus.

    Eine solche dynamische Vorstellung von Sexualität würde erklären, warum sich in offenen, toleranten Gesellschaften mehr Menschen als homosexuell erkennen als in heteronormativen Gesellschaften. In letzteren ist die positive Erfahrung homosexueller Attraktivität kaum möglich. Deshalb suchen junge Menschen nach heterosexueller Erfahrung und prägen, positive Erlebnisse vorausgesetzt, ihr heterosexuelles Selbstverständnis stabil aus, ohne überhaupt auf die Idee zu kommen, andere Erfahrungen mit dem eigenen Geschlecht machen zu wollen oder zu können. Sie erleben sich als heterosexuell und kämen nie auf die Idee, dass es auch anders sein könnte und ihnen auch gefallen würde.

    Andersherum besteht in der toleranten Gesellschaft diese Option, und so können homosexuelle Experimente gemacht werden, die zu einem großen Spektrum sexueller Orientierung führen können. Auch dieser Orientierung sind sich die Menschen dann jedoch ziemlich gewiss, denn selbst wenn es nicht die Norm ist, dass man heterosexuell ist, so ist es die Norm, dass man genau irgendwas ist, dass man eben eine sexuelle Orientierung hat, die unveränderlich ist.

    Aber selbst diese Norm könnten wir probeweise verabschieden. Dann könnten homosexuelle Menschen tatsächlich herauszufinden versuchen, ob sie vielleicht doch auch andersgeschlechtliche Menschen attraktiv finden, und Heterosexuelle könnten Erfahrungen mit Personen des gleichen Geschlechts machen. Ob man homo- oder heterosexuell ist, ist vielleicht keine Frage der Intuition oder der theoretischen Erwägung, sondern des Zulassens praktischer Erfahrungen mit dem Eros der Anderen. Vermutlich könnte man da einige Überraschungen erleben, wenn man wollte. Die Frage ist allerdings, ob ein Mensch, der sich seiner Sexualität gewiss ist, überhaupt auf Menschen erotisch wirken kann, die er selbst bisher gar nicht anziehend fand. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über einen ästhetischen Blick auf die Politik.

  • Ein ästhetischer Blick auf die Politik

    Der amerikanische Philosoph Frank Sibley zeigte in den 1960er Jahren, dass es wesentliche Unterschiede in der Begründbarkeit ästhetischer und nicht-ästhetischer Aussagen gibt. Er zeigte, dass sich die Aussage “Dies ist elegant, ausgewogen, dynamisch,…” nicht in gleicher Weise begründen lässt wie Aussagen des Typs “Dies ist rot, blass, …” aber auch nicht so, wie “Das ist intelligent, effizient, praktisch,…”.

    Kann man ästhetische Urteile begründen?

    Trotzdem hat man auch bei ästhetischen Aussagen den Wunsch, Begründungen zu liefern, die einem Gesprächspartner ermöglichen, das eigene Urteil nachzuvollziehen. Empfindet man z.B. ein Kunstwerk als “ausgewogen” oder “anmutig” und erzählt dies einem Freund, der diese Einschätzung überhaupt nicht teilt, so wird man nach Gründen suchen, die den Freund umstimmen.

    Die Ähnlichkeit zwischen ästhetischen und politischen Urteilen, die uns bei der Betrachtung des jeweils aktuellen gesellschaftlichen Geschehens begegnen, ist frapierend. Wo der eine nur wirres Chaos erkennen kann, scheinen dem anderen die Aktivitäten der politisch handelnden Menschen, einzelne ihrer Lösungen oder sogar das ganze politische System weitgehend “gelungen”, “ausgewogen”, “dynamisch” oder “elegant”.

    Politischer Geschmack

    “Über Geschmack kann man nicht streiten” sagt man manchmal, wenn die Meinungen über ein Werk der zeitgenössischen Kunst zu weit auseinander liegen. Und vielleicht ist das auch ein passendes Motto in manch einer politischen Diskussion. Aber jeder weiß: Verzichtet man auf die Auseinandersetzung, vermeidet man vielleicht den Streit, auf Dauer aber stellt sich Frustration ein. Denn auch wenn man akzeptieren muss, dass ästhetische Urteile nicht in gleicher Weise begründet werden können wie nicht-ästhetische, so glaubt man tief im Innern doch, eigentlich die besseren Argumente zu haben.

    Und genauso ist es in der politischen Debatte.

    Frank Sibley hat in seiner grundlegenden Arbeit “Ästhetische Begriffe” von 1963 auch Überlegungen darüber angestellt, wie eine ästhetische Diskussion geführt werden kann. Er geht dabei davon aus, dass ästhetische Urteile zwar nicht notwendig und eindeutig aus bestimmten nicht-ästhetischen Eigenschaften gefolgert werden können (man kann z.B. nicht aus der Existenz geschwungener Linien in einem Bild in Kombination von blassen Farben logisch auf eine “anmutige Gestalt” schließen) aber ein bestimmtes ästhetisches Urteil in einem konkreten Fall kann durch nicht-ästhetische und klar nachvollziehbare Eigenschaften gestützt werden (diese Gestalt ist anmutig wegen der so gebogenen Linien wegen dieser blassen Farben).

    Der Kritiker

    Eine zentrale Rolle beim Erkennen von ästhetischen Eigenschaften kommt nach Sibley dem Kritiker zu, der sein Publikum auf so einer Grundlage mit dem Werk vertraut macht. Dieser Kritiker wird z.B. auf bestimmte nicht-ästhetische Eigenschaften aufmerksam machen, die dem Betrachter vielleicht entgangen sind (”Sehen Sie, wie die Linien alle zu diesem einen Punkt hinführen?”), er wird die ästhetische Wirkung dieser konkreten Elemente betonen (”aus dieser Linienführung erhält die Figur ihre Eleganz”), wird ästhetische Urteile mit anderen, dem Betrachter vielleicht schon bekannten und geläufigen ästhetischen Eigenschaften verknüpfen (”die Unbeschwertheit der Darstellung ergibt sich aus der farbenfrohen Gestaltung des Hintergrundes”).

    Wenn der Betrachter das ästhetische Urteil des Kritikers trotzdem nicht nachvollziehen kann, wird dieser – so Frank Sibley – dem Betrachter vielleicht andere Werke zur Betrachtung empfehlen, und er wird ihm raten, später zu diesem Werk zurückzukehren.
    Für die politische Diskussion können wir einiges von diesen Überlegungen zur Ästhetik lernen. Der Blick auf die Politik ist genauso verwirrend wie der auf ein zeitgenössisches Kunstwerk. Trotzdem herrscht hier wie da kein Chaos. Und das, was wir auf den ersten Blick ablehnen, erweist sich bei genauerer und wiederholter Betrachtung durchaus als gelungen.

    Politik als Kunst

    Begegnet man gegensätzlichen politischen Ansichten, so ist es meist aussichtslos, den anderen mit “rationalen Argumenten” überzeugen zu wollen. Politik ist, ebenso wie Kunst (und viele andere Bereiche der menschlichen Tätigkeit) nicht vorrangig rational. Politische Bewertungen können deshalb auch nicht auf die gleiche Weise begründet werden, wie naturwissenschaftliche Aussagen, eher schon so, wie ästhetische Urteile.

    Wir können unseren Gesprächspartner auf Elemente hinweisen, die seinem Blick bisher vielleicht entgangen sind. Wir können begründen, wie unser Urteil in einem konkreten Fall aus diesen Tatsachen folgt, ohne dass diese Folgerung in jedem anderen Fall genauso gültig sein muss. Und wir können unseren Gegenüber bitten, sich andere Fälle anzusehen, und später vielleicht zur Betrachtung des strittigen Vorgangs zurückzukehren.

    Reflexion statt Reflex

    Das erfordert Gelassenheit. Im Moment dominiert im politischen Gespräch allerdings das Gegenteil – hektische Unruhe und unüberlegte – dafür umso lautere – Gegenrede. Aber Reflexe sind das Gegenteil von Reflexion.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über den Aufruf der AfD, die Stimmauszählung bei den Wahlen zu kontrollieren.

  • Klar, kontrolliert die Wahl!

    Genau in einer Woche werden in drei Bundesländern neue Landtage gewählt. Und um 18:00 Uhr, wenn die Wahllokale schließen, beginnt die Stimmauszählung. Die ist öffentlich. Jede interessierte Person kann da hingehen und beobachten, ob alles mit rechten Dingen zugeht, ob die Wahlhelfer, die Schriftführerinnen und Wahlvorstände richtig sortieren und zählen, ob sie die Ungültigkeit von Stimmzetteln richtig bewerten, ob sie die Ergebnisse richtig zusammenrechnen und in die vorgesehenen Formulare eintragen.

    So geht Demokratie

    Als ehrenamtlicher Wahlvorstand habe ich da so meine Erfahrungen mit der Öffentlichkeit. Man macht kurz nach 18:00 Uhr die Türe des Wahllokals auf, um die interessierte Bevölkerung hereinzubitten – aber es ist niemand da. Also bleibt man unter sich, zählt, prüft, rechnet und protokolliert, verpackt, meldet, liefert. Und dann ab nach Hause, wo die interessierte Bevölkerung schon vor den Fernsehern sitzt und der zur unterhaltsamen Sportberichterstattung gewandelten Wahlberichterstattung zusieht.

    Es ist Teil des demokratischen Verfahrens, dass die Auszählung öffentlich ist und es täte diesem Verfahren gut, wenn sich mehr Menschen dafür interessieren würden, wie das Ergebnis tatsächlich zusammengetragen wird statt sich bunte Tortengrafik-Animationen und blasse Politikerstatements im Fernsehen anzusehen. Dabei Aber Politik und Demokratie interessiert uns eben fast nur noch medial und nicht physisch-unmittelbar.

    Nun hat eine Partei ihre Anhänger dazu aufgerufen, die Auszählung in den Wahllokalen zu beobachten, den Wahlhelfern auf die Finger und über die Schultern zu sehen. Gute Idee, sollte man meinen, da könnten sich die anderen Parteien doch anschließen.

    Beißreflexe, fehlende Gelassenheit

    Aber es war die AfD, die am Donnerstag diesen Aufruf gestartet hatte, und AfD, das löst bei allen anderen Parteien nur Hass- und Beißreflexe aus. Unterstellt wird, dass die AfD den ehrenamtlichen Wahlhelfern nicht traut. Das mag ja auch richtig sein. Aber was auf diese Weise passiert, ist auch nicht besser: Die beobachtende Teilnahme der Bevölkerung an der Feststellung des Ergebnisses, die im Sinne der demokratischen Republik (res publika, die öffentliche Sache) zu wünschen wäre, wird denunziert als misstrauisches Bewachen und Nachspionieren.

    Natürlich muss in der Demokratie auch immer kontrolliert werden. Diese Kontrolle soll eben vom Volk, von den Bürgern ausgeübt werden und nicht von den Behörden. Nicht das Wahlamt ist der Garant für demokratische Prozesse in der Gesellschaft, sondern die Teilnahme der Menschen. Dazu gehört, dass die Stimmauszählung nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch öffentlich – publik – ist.

    Dass wir von einer solchen Öffentlichkeit weit entfernt sind, ist eine weit größere Gefahr für die Demokratie als das Herumgeschreie von Populisten. Wie sehr wir uns um die Demokratie sorgen müssen, zeigt genau dieser Fall: Diejenigen, die von allen Seiten als Freiheitsfeinde und Demokratiegegner gekennzeichnet werden, können Stimmung machen mit dem Aufruf zur Bürgerbeteiligung und demokratischer Teilhabe.

    Gelassenheit wäre notwendig. Warum keifen die anderen Parteien von Grün bis Schwarz, sobald die AfD triviale Selbstverständlichkeiten fordert? Warum ist die politische Klasse nicht fähig, zu sagen: Klar sollen alle heute um 18:00 Uhr in die Wahllokale gehen, um zu schauen, wie ihre Stimmen zusammengezählt werden, um sich gleichzeitig über die politische Stimmung ganz nah im eigenen Wohngebiet zu informieren, und auch, um zu beobachten, ob alles mit rechten Dingen zugeht.

    Gegen das Misstrauen hilft nur: Macht es doch!

    Wir können doch sicher sein: Die Leute in den Wahllokalen machen ihre Sache gut, sie arbeiten Gewissenhaft und Unparteiisch. Geht hin, Leute, seht zu, wie das Wahlergebnis entsteht – das passiert nicht im Fernsehen sondern im Wahllokal. Diese Beobachtung wird euch zeigen, dass die AfD mit ihrem Misstrauen unrecht hat.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich überangebliche Wutbürger im Konzert.