Kategorie: Kultur

  • Zur Abwechslung mal Liebesgedichte

    Zur Abwechslung mal Liebesgedichte

    Nachdem ich mich seit Wochen über Hartz 4, Flüchtlinge, No-Go-Areas und den Islam auslasse, werde ich heute zur Abwechslung mal eine Kolumne über Liebesgedichte zu Papier bringen. Schont die Nerven der Kommentatoren. Und natürlich auch meine eigenen. Obwohl ich mich an Kommis wie diesen:

    Meine Güte, hätte der Hirsch wenigstens einen blassen Schimmer von dem, über das er schreibt

    schnell gewöhnt habe, weil ich solche und artverwandte Sätze früher oft aus dem Mund meiner Deutschlehrer zu hören bekam.

    Heute geht’s um Poesie. Und zwar um die Spezialgattung: Liebeslyrik. Ich lese die abends nach dem Job gerne zur Entspannung, lege mich danach mit einem wohligen Gefühl ins Bett und träume angenehm. Andere tun das mit Rotwein oder einem Joint, aber meine Drogenphase habe ich vor vielen Jahren hinter mich gebracht. Ich probier’s seitdem mit Rilke, Williams (nicht die Birne, sondern der Autor) und Bukowski. Lassen Sie uns die Illias, Ovid und Walther von der Vogelweide als zu weit zurückliegend überspringen, den Barock- und Rokoko-Kitsch meiden, uns ebenfalls an Goethe, Schiller und Lessing – denn von diesen drei gab’s ja in der Schule schon eine Überdosis – vorbeilavieren und auch die, mir persönlich zu schwärmerische und mit teils komischen Worten operierende, Romantik links liegen. Dann landen wir ziemlich genau an der vorletzten Jahrhundertwende und damit bei Rilke. Für mich DER Großmeister der deutschsprachigen Lyrik.

    Rilke: filigranes Versmaß

    Geboren 1875 in Prag, Böhmen. Damals noch Bestandteil des Gebiets der KuK-Monarchie. Gestorben 1926 in einem Sanatorium in der Nähe von Montreux.

    Hier meine zwei Lieblingsgedichte aus seiner Feder:

    Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
    und keine Heimat haben in der Zeit.
    Und das sind Wünsche: leise Dialoge
    täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

    Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
    die einsamste von allen Stunden steigt,
    die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
    dem Ewigen entgegenschweigt

    Bei mir bringt vor allem die Zeile „und keine Heimat haben in der Zeit“ irgendwas, was ich aber nicht konkret in Worte fassen kann, zum Schwingen: Einsamer Wanderer, nirgendwo zu Hause, Sonderling, beschäftigt sich lieber mit seiner Kunst als mit anderen Menschen. So in diese Richtung; aber vielleicht auch komplett anders.

    | Die Kurtisane
    Venedigs Sonne wird in meinem Haar
    ein Gold bereiten: aller Alchemie
    erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
    den Brücken gleichen, siehst du sie

    hinführen ob der lautlosen Gefahr
    der Augen, die ein heimlicher Verkehr
    an die Kanäle schließt, so daß das Meer
    in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer

    mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
    weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
    die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,

    die unverwundbare, geschmückt, erholt -.
    Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
    gehen wie an Gift an meinem Mund zugrund

    Was für ein Finale furioso: Gehen wie Gift an meinem Mund zugrund. Wow!

    Interessantes Versmaß: a-b-b-b/ a-c-c-c-/ d-e-f-/ f-e-d.
    Rhythmus nicht ohne: überwiegend 10-Silber, ein eingestreuter 8er und am Schluss zwei 11er. Das ist – wenn es sich reimen soll – echt schwierig, hier durchgängig den Takt zu halten und nicht zwischendurch die Balance zu verlieren. Rilke, der natürlich über jahrzehntelange Übung in der Disziplin Liebeslyrik verfügte, gelingt dieses Kunststück schlafwandlerisch.

    Die schwermütige Russin

    Wir bewegen uns auf dem Zeitstrahl ein paar Jahre nach vorne und räumlich 1500 Kilometer Richtung Osten: Anna (Andrejewna) Achmatowa. Geboren 1889 in der Nähe von Odessa. Gestorben 1966 in Domodedowo bei Moskau. Wurde in der langen stalinschen Schreckensperiode zeitweise mit Schreibverbot belegt und dichtete in diesen Jahren privat für sich selbst:

    Als alle Welt mir ihn verhieß
    der Horizont, der trüb umsäumte
    die Brise, die zu Ostern blies
    der Traum, den ich zur Christnacht träumte

    die Rebenzweige rötlich braun
    der Park mit seinen Wasserfällen
    und auf dem rostgen Gartenzaun
    die beiden riesigen Libellen

    wie könnte ich zu jener Zeit
    an seiner Freundschaft Zweifel hegen?
    da schritt ich mit Gelassenheit
    auf brennendheißen Felsenwegen

    Ich kann mir die alleine in einer winzigen Wohnung in einer Moskauer Vorort-Mietskaserne bei flackerndem Glühbirnenlicht einen fiktiven Geliebten herbeisehnende Dichterin (bzw. ihr Lyrisches ich) lebhaft vorstellen. „Auf brennendheißen Felsenwegen“ umschreibt entweder die sie verzehrende Glut der Liebe oder verheißt ein ungutes Ende derselbigen.

    Gedicht, das auch ein Porno sein könnte

    Weiter geht es zu William Carlos Williams. In etwa zeitgleich mit der unglücklich schmachtenden Anna Achmatowa lebend. Allerdings am entgegengesetzten Ende der nördlichen Halbkugel: Rutherford, New Jersey. Jim Jarmusch hat ihm mit dem Film Paterson ein kleines Denkmal gesetzt.

    Nackte Leiber wie geschälte Stämme
    geben mitunter süßesten
    Geruch von sich. Mann und Frau

    unter den Bäumen in voller Extase
    im Einklang mit dem Kissen aus
    duftenden Kiefernadeln
    mit Fäden aus Geißblatt durchwachsen
    der Stoff für ein Sonett

    ja, Stoff für ein Sonett! Geruch von Extase
    Geruch von Kiefernadeln, Geruch
    geschälter Stämme, Geruch von keinem Geruch
    als dem des Geißblatts, das

    ohne Geruch ist, Geruch einer nackten Frau
    mitunter Geruch eines Mannes

    „Das ist als Lyrik verkleidete Pornografie, die sich nicht reimt“, sagen Sie? Stimmt. Porno ist es, und reimen tut es sich ebenfalls nicht. Und trotzdem ist es Poesie. „Geruch von Extase“ (warum auch immer in der deutschen Übersetzung mit X geschrieben) gefällt mir beinahe genauso gut wie „Geruch von keinem Geruch“. Apropos: reimen. In den Autorenforen tobt seit vielen Jahren die Diskussion, ob sich „richtige“ Poesie reimen muss. Die einen sagen apodiktisch ja, die anderen nicht weniger dogmatisch: nein. Ich oszilliere diesbezüglich in der Mitte. Soll heißen: mir ist es egal, ob sich die Zeilen eines Gedichts reimen oder nicht. Die Worte müssen was in mir zum Klingen bringen. Und das passiert mit mir sowohl beim reimenden Rilke als auch beim nicht-reimenden Williams. Ich bevorzuge allerdings klar guten Nicht-Reim vor trivialen Reim-Viersilbern, wie man sie gerne auf Hochzeiten und runden Geburtstagen serviert bekommt. Sobald ich mir einen dümmlichen Vers im Wilhelm-Busch-Gedächtnis-Rhythmus anhören muss, lasse ich den Rest des Essens stehen, weil mir der Appetit sofort vergeht.

    Und nun noch Enzensberger, Brett und Buk

    Zum Schluss der Kolumne noch Kostproben dreier (halbwegs) zeitgenössischer Lyriker:

    Später, als sich das unabsehbare Zimmer
    vollkommen verdunkelt hatte
    war niemand mehr da
    außer dem toten Mann
    und einer Unbekannten

    Freundin und Feindin
    waren zusammengeschmolzen
    zu einer Anderen

    die Unbekannte vernahm seine ruhigen Atemzüge
    beugte sich über ihn in der Dunkelheit
    verschloss ihm den Mund, küsste ihn
    und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund
    © H.M. Enzensberger

    Was da gerade los war in dem „unabsehbaren Zimmer“? Flotter Dreier, Orgasmus mit Todesfolge, geschah ein Mord aus Eifersucht? Keine Ahnung. Ist mir auch wurscht. Ich find’s ohnehin mühsam, Gedichte tot zu analysieren. Sowas tun die Oberstudienräte im Fach Deutsch und verderben mit dieser Vorgehensweise Generationen von Schülern den spielerischen Umgang mit Poesie. „Und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund“ ist super. Das reicht mir schon, um dieses kleine Meisterwerk zu mögen.

    Manchmal lässt sich
    eine schreckliche Traurigkeit
    auf mir nieder

    sie ist gewichtig
    diese Traurigkeit
    und bedeckt Gräber
    und Friedhöfe

    sie ist so schwer
    wie Quecksilber
    und flink

    sie klebt
    an meiner Haut
    und füllt
    meine Eingeweide

    sie ist dicht
    diese Traurigkeit
    als ob sich

    all die
    trostlosen Splitter

    und die entmutigten Partikel
    in
    der Luft
    verbunden hätten

    ich sitze inmitten
    dieser Traurigkeit
    und vermisse dich
    © Lily Brett

    Sie kennen das Gefühl der Traurigkeit, die ihre Eingeweide füllt, gar nicht? Sie Glücklicher. Allerdings vermute ich, dass Sie bisher noch nie richtig geliebt haben.

    Sie hat schon 200 Männer
    gehabt, in zehn Bundesstaaten
    fünf haben sich umgebracht
    drei sind durch und durch
    wahnsinnig geworden. Jedesmal
    wenn sie in eine neue Stadt zieht
    folgen ihr zehn Männer
    jetzt sitzt sie auf meiner Couch
    in einem blauen Minikleid
    sie wirkt ganz gesund und
    kregel: sogar unschuldig
    „ich verliere das Interesse an
    einem Mann“, sagt sie, „sobald
    er anfängt, was für mich zu
    empfinden“
    ich gieße ihr nach
    sie zieht das Kleid hoch und
    zeigt mir ihren schwarzen Slip
    „sexy, nicht?“, sagt sie
    „ja“, sage ich, „sexy“
    Sie steht auf, geht durchs
    Zimmer, in mein Schlafzimmer
    und von dort ins Bad
    nach einer Weile höre ich
    die Klosettspülung
    ihr Name ist Nana, und sie
    bewohnt die Erde schon seit
    5000 Jahren
    © Charles Bukowski

    „Das ist überhaupt kein Gedicht!“, sagen Sie? „Allenfalls eine Ultra-Kurzgeschichte mit komischen Zeilenumbrüchen“. DOCH, es ist ein typisches (Bukowski-) Gedicht!! Das war die Art, wie der große Alte aus East-Hollywood Lyrik interpretierte. Wem’s nicht gefällt, der lese halt Max und Moritz. Zumal Hank – so lautet sein Alter-Ego-Pseudonym – mit der 5000jährigen Nana voll ins Schwarze trifft. Wie oft bin ich solchen Frauen schon begegnet? Die Finger beider Hände reichen nicht aus, um sie zu zählen.

    Tun Sie es selbst. Also Gedichte schreiben

    Nachdem ich Ihnen in dieser Kolumne über ein halbes Dutzend teils gereimter, teil ungereimter Gedichte vorgestellt habe, sollten sie Geschmack an der Sache finden, sich heute Abend hinsetzen und selbst ein paar Strophen zu Papier bringen. Ist keine Hexerei. Ihr Partner wird sich freuen, wenn sie ihn demnächst mit selbst produzierten Versen überraschen, anstatt ständig langweilige Blumen oder noch langweiligere Küchengeräte anzuschleppen.

    Fürs Finale habe ich noch eins meiner kleinen Amateurwerke vorgesehen. Mit dem ich vor einigen Jahren bei der Adressatin allerdings keinen Erfolg erzielte.

    | Halbes Kilo Hackfleisch
    Verlieb dich nicht in hundertzehn Pfund blonde Frau
    verlieb dich nicht in weiche Kissen, Satinlaken, pinke Dildos
    die sie mit zarten Fingern berührt hat triefend von teurer Maniküre gefrorene Maracujasorbet-Lippen gebleichte Traumstrandzähne Instant-Gefühle
    verlieb dich nicht in ihre Sätze
    die sie wie Textbausteine sprudeln lässt jeder Discountfuselrausch schmeckt besser als dieses fade Blond
    verlieb dich nicht in den Gesang einer Schwänin verlieb dich nicht in durchsichtige Nylons
    unter denen blaue Adern schimmern in das Fleisch der Schenkel
    dieses stets verlockende Fleisch verlieb dich nicht in die Taxifahrerin die dich nachts nach Hause bringt aber verlieb dich auch nicht
    in Zölibat, Onanie, abstruse Fetische
    die Einsamkeit schmeichelt deiner Eitelkeit
    dabei würde jede kleine Umarmung gesünder sein als die Tonnen Pornografie, die du täglich durchblätterst
    bloß, um heuchlerisch zu sagen: „brauche ich nicht“ verlieb dich nicht in Stundenhotels, grüne Perücken Push-BHs und schwarzglänzende Nuttenstiefel verlieb dich nie in die Vergangenheit, denn sie ist unwiderruflich Geschichte
    deine Gegenwart so öde wie die graugesichtige Sekretärin
    die du jeden Morgen gedankenlos grüßt fürchte die Zukunft, die den Tod bringt panische Angst vor braunen Augen Erschrecken bei einem zarten Lächeln du hast zu lange auf der Straße gelebt
    als dass du noch Vertrauen fassen könntest verlieb dich nie in einen anderen
    es wird dein Verderben sein
    ein halbes Kilo Hackfleisch bei McDonalds stillt den Appetit für ein paar Stunden bevor der unersättliche Hunger nach Liebe von neuem in dir wütet
    hundertzehn Pfund balancierend auf High Heels können dein Ende bedeuten
    also: Mann mit der verdorrten Seele verliebe dich nie mehr
    wenn du an deinem billigen Frieden hängst wie ein Morphinist an der Nadel.

    Unmittelbar nach Erhalt dieser Zeilen brach der Kontakt mit der damals Angebeteten sang- und klanglos ab. Die Dame stand vermutlich eher auf Küchengeräte, bzw ich hatte im voreiligen Verliebtheitswahn die Situation falsch eingeschätzt.

  • Tabubruch?

    Tabubruch?

    »Hast du das von dem Tellkamp gelesen?«, fragt Jupp.
    »Wer ist das?« Ich fülle gerade einen Tippschein für den kommenden Bundesligaspieltag aus.
    »Der Schriftsteller aus Dresden, der … «
    »Ach, der.«
    »Was hältst du davon, dass er jetzt eine Erklärung zur illegalen Masseneinwanderung abgegeben hat?«
    »Keine Ahnung. Ich muss mich hier echt konzentrieren. Wird Köln in Hoffenheim gewinnen oder nicht?«

    Was ist eigentlich ein Tabu?

    »Über Tabuthemen darf nicht offen geredet werden, sonst läufst du Gefahr, dass der (linke) Mainstream dich zerfetzt«, hört man in letzter Zeit oft. Und zwar nicht mehr bloß aus dem Mund der AfD-Funktionäre und von deren Anhängern, sondern ebenfalls von Intellektuellen, die einen faireren Umgang mit den Sorgen der Bürger anmahnen. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Auch ich habe manchmal Sorgen und bin dann froh, wenn jemand die sich anhört. Zum Beispiel: wird meine kleine Rente in ein paar Jahren ausreichen, um meinen aktuellen Lebensstandard auch nur zur Hälfte aufrecht zu erhalten, was hilft schnell bei Hexenschuss, steigt der FC im Mai in die zweite Liga ab? Aber um so profane Ängste geht es Tellkamp und seinen Mitstreitern natürlich nicht. Sie warnen vor illegaler Masseneinwanderung und der Tabuisierung des Themas.

    Was ist überhaupt ein Tabu? Sigmund Freud beschreibt es so:

    Das Tabu (-verbot) entbehrt jeder Begründung, ist unbekannter Herkunft, für uns unverständlich, erscheint es jedem selbstverständlich, der unter seiner Herrschaft lebt.
    (in: Totem und Tabu, 1913)

    Oder andersherum ausgedrückt: Ein Tabu ist etwas Verbotenes, etwas Unausgesprochenes, gar Unaussprechliches. Etwas, über das man sich – falls überhaupt – nur im kleinen Kreis und hinter vorgehaltener Hand unterhält.

    Hier ein paar Beispiele für Tabus: Pornos (alle schauen sie, aber niemand will offen zugeben, dass er es tut), die Vielehe (unsere christliche Prägung zwingt selbst Atheisten zur Monogamie), Sex mit Minderjährigen, (bis vor kurzem noch) offen gelebte Homosexualität, die Forderung nach einer flächendeckenden Höchstgeschwindigkeit auf deutschen Straßen, die Relativierung oder gar Leugnung des Holocausts, der Waffenbesitz in den USA, das deutsche Reinheitsgebot und die Ausschließlichkeit der Verwendung von Hartweizen bei der Herstellung italienischer Pasta.

    Gefolgt von Kostproben für Tabubrüche: in der frühen Neuzeit zu behaupten, dass die Erde um die Sonne kreist (Kopernikus und Galileo), die Monarchie abschaffen wollen (Lenin, Trotzki), Anfang des 20sten Jahrhunderts das allgemeine Frauenwahlrecht einfordern (Emmeline Pankhurst), unter McCarthy zu sagen, dass jetzt am Sozialismus nicht alles schlecht ist (Joseph Losey, Carl Foreman, Charles Chaplin, Arthur Miller), den Roman „Die Geschichte der O“ zu Papier zu bringen (Anne Desclos aka Pauline Réage), in den 70er Jahren nackt durch deutsche Innenstädte laufen, Rushdies „Satanische Verse“.

    Die oben genannten Tabubrecher waren sofort bedroht von Berufsverbot, Gefängnisstrafen oder gar dem Tod. Weil’s halt richtige – und mutige – Tabubrecher waren.

    Nicht alles, wo Tabu draufsteht, ist tatsächlich eines

    Zurück zu Tellkamp und seinem Illegale-Masseneinwanderungstabu. Auch über diese Sorge kann man selbstverständlich diskutieren. Warum nicht? Also wollen wir es hier mal tun. Aber wenn ich es mir recht überlege: wir reden doch seit gut zwei Jahren über kaum was anderes als Flüchtlinge und den Islam. Und zwar jeden Tag, in jeder Zeitung und auf jedem Fernsehkanal. Es ist ja nun nicht so, dass der Dresdner Autor der Erste wäre, der die Brisanz des Themas entdeckt und offen anspricht. Das haben vor ihm schon zig tausend andere getan, bis hin zu Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht, das allerdings bis heute keine einzige dieser Eingaben als triftig akzeptiert hat und deshalb alle zurückwies.

    Was also meinen Tellkamp und Dobrindt – um zwei der aktuellen Wortführer der konservativen Revolution herauszupicken –, wenn sie vor der Tabuisierung der Islamfrage warnen, sich selbst sogar zu Tabubrechern hochstilisieren? Denn, dass sie uns ihre Meinung nicht mitteilen dürften, ist offenkundiger Unsinn. Sie tun es und zwar sehr viel öfter, als ich persönlich sie lesen und hören möchte. Und ihre Aussagen werden von der Presse auch nicht totgeschwiegen, sondern – ganz im Gegenteil – eifrig publiziert. Andernfalls gelangte ich Durchschnittsrheinländer ja überhaupt nicht in Kenntnis der Ansichten von Herrn Tellkamp, der mir vorher ein völlig Unbekannter war. Ich soll mehr Romane lesen, sagen Sie? Tue ich, aber halt nicht die von Herrn Tellkamp. Dass also vom Mainstream abweichende Meinungen unter den Tisch fallen oder gar Zensur herrscht, ist ein derart hanebüchener Vorwurf, dass es sich für mich nicht lohnt, an dieser Stelle ernsthaft darauf einzugehen.

    Die Mär vom (linken) Mainstream

    Wer oder was ist eigentlich der (linke) Mainstream, den die Rechten so verachten?

    Bei 300 Tageszeitungen, Dutzenden Politmagazinen, jeder Menge TV-Sender, die unterschiedlichen politischen Richtungen angehören, kann von einer staatlich gelenkten Einheitspresse nun wirklich keine Rede sein. Was der Spiegel nicht haben will, veröffentlicht dann eben der Focus, was der FAZ zu links erscheint, wird in der Süddeutschen abgedruckt, wer nicht von ARD-Maischberger eingeladen wird, sitzt zwei Tage später bei ZDF-Lanz etc etc. Dass die AfD nicht zu Worte käme: ein dummes Gerücht. Derart häufig, wie ich Gauland, Weidel, Storch in den Talkshows erblicke, stellt sich bei mir bereits seit Monaten ein Gefühl der ungesunden Übersättigung durch zu viel hellblaues Blabla ein.

    Zwischenfazit 1: den (linken) Mainstream gibt es nicht. Er ist ein von den Konservativen konstruiertes Phantom zum Zwecke der generellen Diskreditierung von Andersmeinungen

    Was ist dran am Vorwurf der Lückenpresse?

    Schwieriger, weil für Außenstehende kaum beweisbar, ist die Klärung des Vorwurfs, dass Vorkommnisse unter den Tisch gekehrt werden – die sogenannte Lückenpresse –, wir also vorsätzlich im Irrglauben belassen werden, die Spitze sei bereits der Eisberg. Oder, um einen Satz des früheren Bundesinnenministers zu zitieren:

    Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern

    Unterstellt, es gäbe tatsächlich solche Verschleierungsversuche (moslemischer) Straftaten: (a) wer soll die angeordnet haben? (b) halten alle Beteiligte 24/7 dicht? (c) weshalb sollte die Presse, sobald sie Wind davon bekommt, darüber nicht berichten? Als ob sich die Bildzeitung so eine Schlagzeile entgehen ließe.

    Ich will gar nicht kategorisch ausschließen, dass manche Organisationen religiöse Konflikte zwischen Mitarbeitern, Studenten, Schülern etc. lieber intern regeln, als die an die große Glocke zu hängen. Aber was, außer der Befriedigung unserer Neugier, wäre gewonnen, wenn sie es täten?

    Dass Kapitalverbrechen verschwiegen werden, glaubt außer notorischen Verschwörungsjunkies keiner ernsthaft. Oder mittlerweile doch?

    Die bei Tabubruch eventuell drohenden Konsequenzen

    Interessanter ist es, sich mit den von den rechten Rebellen befürchteten Konsequenzen ihres publizistischen Tuns zu beschäftigen. Die da lauten:

    (1) „Ich werde harten Gegenwind ernten.“ Klar, werden sie das. Passiert allerdings ebenfalls einem Linken, der die Verstaatlichung des Bankenwesens fordert oder einem Fußballspieler, der seinen Trainer disst. Wird auch mir im Anschluss an diese Kolumne widerfahren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bekomme ich 50x zu lesen, dass ich entweder naiv, völlig ahnungslos oder ein Islamproblem-Schönredner oder alles drei zusammen bin. Kann ich mit leben. Jeder, der sich in der Öffentlichkeit äußert, sollte sich vorher prüfen, ob er Kritik an seiner Kritik erträgt. Wer das nicht kann: besser die Klappe halten. Man muss nicht in jedes einem hingehaltene Mikrophon reinplappern.

    (2) „Man wird mich als Nazi beschimpfen.“ Das ist fürwahr eine Unsitte: die Keule wird zu schnell und zu oft geschwungen. Allerdings zuvorderst im privaten Gespräch und in den sozialen Netzwerken. In den seriösen Medien liest man den Begriff eher selten. Nicht jeder, der einen anderslautenden Standpunkt einnimmt, ist deshalb gleich ein Faschist. Manche sind bloß besorgt, stockkonservativ oder reaktionär. Die rechte Skala weist – wie die linke – Abstufungen auf.  Mir wurde auch schon einige Male „Linksfaschist“ um die Ohren gehauen. Ich zucke dann mit den Schultern und scrolle zum nächsten Kommentar weiter.

    (3) „Ich werde Nachteile zu erwarten haben.“ Welche konkret könnten das sein? Dass ein konservativer Tabubrecher ins Gefängnis wanderte, wäre mir neu. Am wahrscheinlichsten wären mithin Berufsverbote. Aktuelles Beispiel sei die Distanzierung Suhrkamps von den Äußerungen Tellkamps, behaupten nicht wenige Kommentatoren in Facebook. Ob es klug war, das zu tun, kann man durchaus diskutieren. Was aber definitiv nicht vorliegt, ist ein Berufsverbot. Denn Suhrkamp als privatwirtschaftlichem Unternehmen steht es selbstverständlich zu, Bücher zu publizieren oder Manuskripte – aus welchem Grund auch immer – abzulehnen. Nennt man: Vertragsfreiheit. Zudem bleibt abzuwarten, ob Suhrkamp einen seiner Starautoren tatsächlich entsorgt, oder es nicht vielmehr bei der kleinen Abmahnung belässt. Sollte sich das Berliner Traditionshaus von Tellkmap trennen, müsste der sich eben einen neuen Verlag suchen. Zwar etwas mühsam, jedoch weit entfernt von einem Berufsverbot. Aber auch hier gilt das weiter oben Gesagte: wenn’s blöde läuft, kann jeder, der sich öffentlich äußert, dafür abgestraft werden. Erkundigt euch mal bei Fußballtrainern, wie schnell die fliegen, wenn sie was sagen, was der Vereinsspitze nicht in den Kram passt. Das ist fürwahr kein Phänomen, das sich auf rechte Rebellen eingrenzen lässt.

    Zwischenfazit 2 – Konsequenzen: alles Lichtjahre entfernt von dem, was den weiter oben genannten richtigen Tabubrechern drohte.

    Tabubrecher heute: vor allem realitätsleugnende Geschichtenerzähler

    So falsch es also ist, von EINEM (linken) Mainstream zu sprechen, so verkehrt ist es, die Flüchtlingsfrage als Tabu zu geißeln, das es zu überwinden gilt. Beides trifft nicht zu. Die Presselandschaft bleibt bunt und der publizistische Umgang mit den beiden großen – und zusammenhängenden – Themen Migration und Islam wird seit Anbeginn von vielen Pro- und Contraargumenten geprägt.

    Wer hingegen glaubt, die Verlautbarung, „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird“, sei eine Heldentat, hält es sicher ebenfalls für mutig, wenn man in der Öffentlichkeit vor zu viel Zucker in Nutella warnt oder dem britischen Außenminister einen Friseurbesuch empfiehlt. Nein, all das ist weder draufgängerisch noch gar ein Überschreiten tabuisierter Grenzlinien! Es sind Sätze, die schon tausend Mal vorher ausgesprochen wurden, ohne dass irgendeine Sanktion erfolgte. Rebellentum ist wirklich was anderes als die in ihrer politischen Schlichtheit erschreckende „Gemeinsame Erklärung“ vom 15. März.

    Wer ein Tabu bricht, das gar nicht besteht, ist eher ein realitätsleugnender Geschichtenerzähler als ein (konservativer) Revolutionär. Ob uns seine Meinung gefällt oder nicht: sie wird vervielfältigt und in jeden deutschen Haushalt transportiert. So dass nun auch ich – Express- und Bukowskileser – weiß, dass Tellkamp den Roman „Der Turm“ verfasst hat. Das ist Werbung, über die er sich eigentlich freuen sollte.

  • Pippi und der Negerkönig

    Pippi und der Negerkönig

    Nachträgliche Revision von kritischen Formulierungen in Kinderbüchern: Zensur oder notwendige Korrektur?

    „Meine Mama ist ein Engel und mein Papa ist ein Negerkönig. Es gibt wahrhaftig nicht viele Kinder, die so feine Eltern haben!“, pflegte Pippi sehr stolz zu sagen. „Und wenn mein Papa sich nur ein Schiff bauen kann, dann kommt er und holt mich, und dann werde ich Negerprinzessin.“
    Pippi in Taka-Tuka-Land (1948)

    Wer spontan Lust auf eine lange und kontroverse Diskussion verspürt, der braucht in Facebook bloß die Frage zu stellen, ob alte Begriffe wie Neger, Mohr und Zigeuner aus unserem Sprachschatz eliminiert werden sollen. In wenigen Minuten ist der digitale Teufel los. Die Gemüter erhitzen sich schneller als ein Cerankochfeld auf Stufe 12, die Tastaturen laufen heiß. Die Standpunkte reichen von „ich lasse mir doch den Mund nicht verbieten“, „das ist Gehirnwäsche“ über „es hängt vom Kontext ab“ bis hin zu „ihr seid alle Sprachfaschisten“. Da kommen binnen weniger Stunden schon mal vier-, fünfhundert Kommentare zusammen.

    Falls man es bereits als vergebliche Liebesmühe ansieht, seine Zeitgenossen davon überzeugen zu wollen, in der Kantine eine Portion Schweinefleisch mit Paprikasoße statt eines Zigeunerschnitzels zu bestellen, oder Schaumkuss für Mohrenkopf zu sagen, dürfte man sich an das Thema „nachträgliche Textkorrektur“  gar nicht erst heranwagen. Denn hier drohen sofort Keulen wie Zensur, „Kunst darf niemals von Fremden angetastet werden“ und „Orwells Neusprech lässt grüßen“. Trotzdem soll in dieser Kolumne der Versuch unternommen werden, Pro & Contra-Argumente zur Revision kritischer Begriffe in KINDERbüchern gegenüberzustellen und zu einer vernünftigen Vorgehensweise zu gelangen.

    N- und Z-Worte waren nie neutral

    Zuerst muss allerdings mit einem Irrglauben aufgeräumt werden: Neger, Mohr und Zigeuner waren im Deutschen NIE neutral oder gar positiv besetzt gewesen. So leitet sich Neger zwar – über die Zwischenstationen negro und nègre – vom lateinischen Adjektiv niger (schwarz) ab, zielt also bei oberflächlicher Betrachtung einzig auf die Hautfarbe. Erfunden wurde der Ausdruck im 16ten Jahrhundert und diente als Produktbezeichnung für Menschen, die von Westafrika verschleppt und in die neuen amerikanischen Kolonien verkauft wurden. Neger war also ein Synonym für Sklave. Diesen Zusammenhang kannten die Deutschen, als sie den Begriff mit ein paar Jahrzehnten Verspätung von den Franzosen übernahmen und die ältere Vokabel Mohr dafür über Bord warfen. Mohr wiederum geht auf die Wurzeln moros (altgriechisch = töricht, dumm) und maurus (lateinisch = schwarz, dunkel) zurück, was in der Kombination der beiden Eigenschaftsworte einen stark abwertenden Beigeschmack erhält und in der Konsequenz dazu führte, Schwarze vor allem als Diener ihrer weißen Herren zu betrachten. Die genaue Herkunft von Zigeuner ist bis heute nicht abschließend geklärt. Im Raum stehen mehrere Deutungen: Athinganoi (Anhänger einer gnostischen Sekte, die sich angeblich auf Wahrsagerei und Schlangenbeschwörung spezialisiert hatte), Ciganch (persisch = Musiker, Tänzer), čïgāń (alttürkisch = arm, mittellos). Noch in einer Brockhausausgabe von 1848 wird Zigeuner sogar mit Ziehgauner (also ein nomadisierender Kleinkrimineller) übersetzt. Die seit Mitte des 19ten Jahrhunderts betriebene – auf völlig irrigen Annahmen beruhende – und achtzig Jahre später von den Nationalsozialisten in barbarische Ausrottungsorgien umgesetzte Rassenlehre bedeutete den endgültigen Todesstoß für die oben genannten, diskriminierenden Kennzeichnungen. Sollte man meinen. Dem war aber nicht so. Es dauerte weitere dreißig Jahre, bis endlich eine flächendeckende Sensibilisierung für diese Problematik eintrat.

    Denn – und das ist wichtig und entscheidend –: schwarze Menschen möchten nicht als Neger und Mohren tituliert und Sinti & Roma keinesfalls als Zigeuner verunglimpft werden. Tun wir es dennoch, obwohl wir um die negative Konnotation der Worte wissen, reden wir in diskriminierender Weise. Die Argumente, „das haben wir immer schon so gesagt“ und „ich sag’s zwar, meine es aber nicht böse“, ziehen nicht bei Ausdrücken, deren herabsetzende  Zielrichtung seit Jahrzehnten klar erkannt und benannt ist.  Da hilft auch nicht, irgendeinen nebulösen Kontext bemühen zu wollen.

    Wenn also unsere Großeltern noch nach Kriegsende die Vokabeln Neger und Zigeuner in den Mund nahmen, war ihnen durchaus bewusst, dass sie sich unkorrekt ausdrückten. Es ist ein frommes Märchen, dass ihnen keine freundlicheren Beschreibungen zur Verfügung gestanden hätten. Afrikaner und Schwarzer waren auch damals schon als Synonyme im Umlauf. Sobald Oma und Opa von Neger sprachen, dann meinten sie es latent abwertend. Es herrschte bis weit in die 70er Jahre die Denkweise vor: „Schau, was aus den ehemaligen Kolonien geworden ist, seitdem die Neger auf sich alleine gestellt sind. Nichts außer Tohuwabohu und Mord und Totschlag“. Insofern jedoch bereits meiner Großmutter halbwegs klar war, dass man das N-Wort besser nicht sagen sollte, um wie viel schwerer wirkt der Gebrauch wider besseren Wissens in Blickrichtung auf Autoren, denen diese Formulierung ja nicht spontan im Verlauf einer Konversation herausrutschte, sondern die alle Zeit der Welt besaßen, sich über die von ihnen fabrizierten Sätze Gedanken zu machen? Der Vorwurf des Rassismus ist bei Lindgren, Preußler, Ende – um nur drei prominente Beispiele aufzuzählen – sicher etliche Nummern zu hoch gegriffen. Kinderbuchschreiber, die Neger, Negerlein, Mohren und Zigeuner in ihre Geschichten integrieren, müssen sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, fahrlässig mit diesen Worten hantiert zu haben. Speziell Negerlein – für das kein Pendant bei anderen Hautfarben existiert – erweckt in mir die Assoziation nach putzigen Haustieren. Sie tanzen, trommeln, pfeifen immer gerne die Negerlein in ihren bunten Baströckchen und sind dabei so erfrischend natürlich, was nichts anderes als naiv bedeutet. Während die weißen Helden der Geschichten stets klug, abenteuerlustig und mutig gezeichnet werden.

    Nachträgliche Anpassung: pro & contra

    So weit, so gut bzw. schlecht. Wie soll nun ein Verlag im Jahre 2017 bei der Neuauflage von Taka-Tuka-Land verfahren? Die mittlerweile indizierten Wendungen unangetastet lassen oder durch politisch korrekte Termini ersetzen? An dieser Stelle muss mit einem weiteren Mythos aufgeräumt werden: Neubearbeitungen von Texten gab es immer schon. Wie oft sind Altes und Neues Testament in verschiedene Sprachen übersetzt und der Wortlaut dem jeweils geltenden Sprachgebrauch angepasst worden? Wer will schon seine Hand dafür ins Feuer legen, dass sämtliche ausländischen Romane eins zu eins ins Deutsche übertragen wurden und werden? Wie viel Gestaltungsspielraum genießt eigentlich ein Übersetzer? Wie häufig kommt es vor, dass Filmhelden in der synchronisierten Fassung andere Sätze in den Mund gelegt werden, als sie sie im Original von sich geben? Sehr oft!

    Sören Heim erklärt dazu in seiner Kolumne Politische Korrektheit – in Literatur immer fehl am Platz? (Okt. 2015):

    Schauen wir lieber darauf, was die Bearbeitung mit dem Werk macht, ob sie es verbessert, bereichert, ihm etwas wegnimmt, oder ob sie es kaum berührt.

    Solange frühere Versionen nicht unzugänglich gemacht werden, ist gegen künstlerische Bearbeitungen auch im Sinne politisch korrekter Vorstellungen nichts einzuwenden. Nur wäre die Diskussion darüber, ob das Werk dadurch gewinnt oder verliert, nicht mit einem Tabu zu belegen.

    Preußler zeigte sich kompromissbereit, Lindgren blieb bis zum Tod stur, Ende war zu Lebzeiten nicht mehr gefragt worden. Trotzdem wurde der Negerkönig in Taka-Tuka-Land nachträglich in Südseekönig abgewandelt. Die Beibehaltung des Negers in Jim Knopf hingegen soll gemäß Erklärung des Verlags dazu dienen, den so redenden Fotografen Ärmel als Besserwisser darzustellen.

    Auch wenn ich künstlerische Freiheit als hohes und schützenswertes Gut erachte, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass sämtliche Literatur sakrosankt ist und nicht kritisch hinterfragt und in bestimmten Fällen sogar korrigiert werden darf. Welche Vorgehensweisen bieten sich an?

    (1) Gar nichts tun. Alles so lassen, wie es einst zu Papier gebracht wurde
    (2) Wie (1), jedoch einen Erklärtext voranstellen
    (3) Die Worte austauschen.

    Die Befürworter von (1) stellen sich auf den Standpunkt, dass diskriminierende Formulierungen am besten durch den vorlesenden Elternteil erklärt und mit dem zuhörenden Kind diskutiert werden. Das sei sinnvoller als reines Window dressing. Klingt plausibel, entpuppt sich allerdings bei näherer Betrachtung als fromme Absichtserklärung.  Die meisten Bücher liest man als Kind und Jugendlicher alleine und erkundigt sich auch im Nachgang nicht bei Vater und Mutter, ob bestimmte Vokabeln vom Autor richtig oder falsch eingesetzt wurden. (2) ist eine Totgeburt. Denn – Hand aufs Herz – wer studiert schon ein Vorwort oder gar eine Gebrauchsanweisung fürs korrekte Verständnis eines Textes? Niemand! Dann also doch (3) Auswechseln der Begriffe?

    Ich bin da zwiegespalten. Zum einen verstehe ich den Wunsch der betroffenen Gruppen, die monierten Bezeichnungen in sämtlichen Werken zu eliminieren, frage mich aber zum anderen: wo anfangen und wo aufhören?  Was ist mit älteren Büchern? Muss der Mohr im Struwwelpeter raus, sind sämtliche Märchen von Grimm, Andersen und Hauff zu entrümpeln, soll untersucht werden, ob sich Dickens, Stevenson, Cooper, Defoe und Karl May durchgängig politisch korrekt ausdrückten? Was passiert, wenn neue kritische Wendungen auftauchen, über die sich beispielsweise Feministinnen empören? Wie soll verfahren werden, falls es sich nicht bloß um einzelne Worte, sondern um längere Textabschnitte handelt, die vom heutigen Blickwinkel aus als diskriminierend einzustufen sind? Pippis Vater als weißer Südseekönig ließ die schwarzen Insulaner für sich arbeiten und begründete so den Reichtum, von dem auch seine Tochter im weit entfernten Schweden prima leben konnte. Liegt hier nicht ein verklärendes Kolonialklischee vor? Fragen über Fragen.

    Phase 1: Konzentration auf Nachkriegsliteratur

    Bevor dem Lektor über diesem Problem graue Haare wachsen, und er aus Verzweiflung zur Flasche greifen muss – hier ein Lösungsvorschlag zur Güte: Kinderliteratur, die nach 1945 entstand, wird ausnahmslos auf den aktuell politisch korrekten Stand gebracht. Denn spätestens mit Beendigung von WK2 war klar, dass die Begriffe Neger, Mohr und Zigeuner in den Mülleimer der Geschichte gehören. Wer sie als Autor trotzdem verwendete, handelte fahrlässig. Bei älteren Werken kann – muss aber nicht – angepasst werden. Diese Forderung gilt einzig für den Austausch einzelner Worte, nicht hingegen fürs nachträgliche Umschreiben ganzer Kapitel. Die Transformation von Neger in Insulaner berührt den Inhalt nur marginal, während das Herausnehmen der Taka-Tuka-Land-Passage die gesamte Pippi-Langstrumpf-Geschichte ad absurdum führen würde. Schulen können wertvolle flankierende Aufklärungsarbeit leisten. Zwar wird ein Kind durch das ungefilterte Lesen von diskriminierenden Bezeichnungen nicht zwangsläufig zum Rassisten; es reicht aber mMn alleine der Wunsch der betroffenen Gruppen nach Anpassung des antiquierten Vokabulars an die aktuelle Sprachregelung aus, um die nachträglichen Korrekturen zu rechtfertigen.  Die künstlerische Freiheit eines Kinderbuches endet dort, wo sich Menschen berechtigterweise (!) durch die Wortwahl diskriminiert fühlen. Stellten wir uns taub, würden wir damit demonstrieren, dass uns die Anliegen von Minderheiten völlig egal sind, und wir lieber aufgrund eines falsch verstandenen Kunstbegriffs an kontaminierten Ausdrücken festhalten, als uns als Mehrheitsgesellschaft auf diese Personenkreise zuzubewegen.

    Und das hat alles nicht das Geringste mit Orwells Neusprech zu tun!!

  • Der ComiXjunkie. Heute: Asterix in Italien

    Der ComiXjunkie. Heute: Asterix in Italien

    Asterix in Italien

    Band XXXVII

    »Wir brauchen dringend Stoff für die bunte Seite«, meinte Heinrich auf der letzten Redaktionskonferenz.
    »Was schwebt dir da vor?«, fragte Ulf.
    »Na, zum Beispiel der neue Asterix. Alle reden drüber. Aber wir haben bisher nichts dazu gebracht. Wer meldet sich freiwillig?«
    Alle blickten nach unten und taten plötzlich sehr beschäftigt mit ihren Notizblöcken und Smartphones. »Henning ist eigentlich unser Mann fürs Triviale«, meldete sich Ulf zu Wort. Ein halbes Dutzend Paar Augen richteten sich nun auf mich.
    »Okay, okay, ich tue es«, willigte ich ein. »Deadline?«
    »Morgen«, sagte Heinrich.
    »War klar«, antwortete ich.

    Wegen Feiertag waren alle Kioske geschlossen, und ich fuhr zur Bonner Bahnhofsbuchhandlung, um mir den Band dort zu besorgen. Prangte mir schon in riesigen Lettern im Schaufenster entgegen: Asterix in Italien. Laufende Nummer 37 der Reihe. Ich setzte mich in ein Café, bestellte einen Cappuccino, begann in den Seiten zu blättern, tauchte ein in die mir seit Kindheit wohlvertrauten bunten Bilder und Sprechblasen, ließ mich hineinziehen in  die immer gleiche Geschichte von Ränke schmiedenden, dekadenten  Römern und anfangs naiven, am Ende aber stets aufgrund der Cleverness von Asterix und der Stärke von Obelix erfolgreichen Gallier, deren kleines Ökodorf den kompletten Gegenentwurf zur durchkommerzialisierten Weltmetropole am Tiber darstellt, seufzte wehmütig, sobald ich eine Reminiszenz an frühere Ausgaben erkannte und legte das Heft eine Stunde und zwei Cappuccini später wieder vor mich auf den Tisch. War Nr. 37 nun eine gelungene Ausgabe oder nicht?

    Was soll man als Kritiker über eine Serie schreiben, die man bereits Mitte der 80er Jahre abgehakt hatte? Beginne ich mit dem Positiven: die Zeichnungen von Didier Conrad erreichen durchgängig die Qualität Uderzos. Auch mit geübtem Auge lassen sich keine Unterschiede erkennen. Haptik wie gewohnt, Preis mit 6.90€ – bei 46 Seiten – fürs Softcover völlig okay. Story gefällig, kann man in einem Rutsch durchlesen. Ich hatt’s mir nach den Tiefpunkten Nr. 30 (A. & Maestria) und Nr. 32 (A. plaudert aus der Schule) deutlich schlimmer vorgestellt.

    Antike Schlaglöcher und eine korrupte Verwaltung

    Worum geht’s in Nr. 37? Der für den Bereich Verkehrswesen im römischen Reich zuständige Senator Lactus Bifidus soll in einem Ausschuss erklären, weshalb sich das Wegenetz im Kernland Italien in desaströsem Zustand befindet. Seine Kollegen bezichtigen ihn der Unterschlagung von Steuergeldern. Um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, schlägt Bifidus die Organisation eines Wagenrennens vor, das von Nord nach Süd  über den gesamten Stiefel führt, um somit der Bevölkerung und dem misstrauischen Senat zu demonstrieren,  dass die Straßen in weit besserem Zustand sind, als seine politischen Gegner böswillig behaupten. Cäsar bekommt Wind von der Sache und regt eine Erweiterung des Teilnehmerfelds auf alle Völker der von der Wölfin beherrschten Welt an. Allerdings unter der Voraussetzung, dass am Ende ein Römer gewinnen muss.  Unsere beiden Helden erfahren natürlich von dem in Kürze bevorstehenden Großereignis, kaufen eine gallische Sportkarosse und machen sich auf zum Startpunkt des antiken Giro d’Italia: Monza. Dort haben sich rund zwei Dutzend Wagenlenker aus sämtlichen Regionen des Imperium eingefunden. U.a. der als unbesiegbar geltende Lokalmatador Caligarius, der mit goldener Maske antritt, samt Copilot Bleifuß. Das Rennen startet sofort und führt über die Stationen Venedig, Parma, Florenz, Siena, mit längerem Zwischenstopp am Tiber bis zum Zielort Neapel. Zwischendurch wird natürlich von den Römern auf Teufel komm raus getrickst: Schilder weisen in die falsche Richtung, Räder werden angesägt, Öl auf der Straße verteilt, langwierige Verkehrskontrollen für sämtliche ausländischen Gespanne durchgeführt. Das Feld der Teilnehmer lichtet sich bedenklich. Caligarius rast derweil von einem  Etappensieg zum nächsten. Misstrauisch geworden, stellt Asterix den Römer, reißt ihm den Helm vom Kopf und erfährt vom abgefeimten Spiel, hinter dem Senator Bifidus als Planer und Bleifuß als sein Vollstrecker stecken. Obelix zerstört das Gefährt, Caligarius bleibt als Häufchen Elend am Straßenrand zurück. Nun eilen unsere Gallier dem Sieg entgegen, als sie plötzlich an den Hängen des Vesuvs vom Mann mit der goldenen Maske überholt werden. Wie konnte das geschehen? … mehr erzähle ich nicht, denn ich will den potenziellen Band 37-Käufern ja nicht alles vorher verraten.

    Müder Abklatsch einer alten Story

    Liest sich munter wie ein Donald-Duck-Abenteuer. ABER – und an dieser Stelle muss ein großgetipptes Aber erfolgen – der Story mangelt es an zwei wichtigen Zutaten: Witz und Originalität. Das Ganze gab’s nämlich schon mal: Band 6, Tour de France (in Deutschland erschienen 1970; im frz. Original 1965 als lfd. Nr. 5). Ich krame das Heft aus einem Umzugskarton hervor, nehme es nach gefühlt dreißig Jahren zum ersten Mal wieder in die Hand. WAS für ein Unterschied! Goscinny war im Genre (Semi-) Funnies ein Comictextriese, prägte mit seiner Handschrift Serien wie Umpah-Pah, Lucky Luke, Isnogud und natürlich Asterix, die ohne seinen feinen Humor über Micky-Maus-Niveau nie hinausgelangt wären. Asterix nahm, vom leicht hölzernen Start mit „Der Gallier“ (1961) mal abgesehen, sofort in Band 2 „Die goldene Sichel“ (in Frankreich veröffentlicht 1962, Deutschland: 1970 als Nr. 5) gehörig Fahrt auf. Es folgten Kracher wie: Kleopatra, Legionär, Arvernerschild, Der Seher, um nur einige der Highlights von insgesamt 24 sehr guten bis hin zu hervorragenden Alben aufzuzählen.

    Unvergessen die Bonmots:
    „Die spinnen die Römer“ (in jedem Heft)
    „Sie hat einen schwierigen Charakter, aber eine hübsche Nase“ (über Kleopatra)
    „Warum Cäsar geben, was wir selbst behalten können?“ (bei den Belgiern)
    „Zeit ist Sesterz“ (A. und die Normannen)
    „Mit den Römern ist es wie mit den Austern: allzu viele sind ungesund“ (Tour de France)
    „Das ist ein Essen für die Goten!“ (als Legionär)
    „Ich erzähl ihm von Ruhm, und der kommt mir mit Pilzen“ (Arvernerschild).

    Wer erinnert sich nicht an die Running gags:
    • Die Fesselung von Troubadix vor dem Schlussbankett, damit dieser nicht singt
    • Die Diskussionen zwischen Automatix und Fischverleihnix über den Frischegrad der vom Zweitgenannten angebotenen Produkte
    • Die Eifersuchtsszenen des Methusalix
    • Der Sekundenschlaf eines der beiden Träger von Majestix, woraufhin der Häuptling vom Schild fällt
    • Das Versenken des Piratenschiffs
    • „Wer ist dick? Ich sehe keinen Dicken. Du etwa Asterix?“

    Die sparsam, aber regelmäßig, eingeflochtenen lateinischen Sprüche versöhnten uns mit dem drögen „de bello gallico“, den wir gerade in der Mittelstufe durchnahmen.

    Dieses kunstvolle Gebilde, in dem Text und Illustrationen millimetergenau aufeinander abgestimmt waren, bröckelte bereits mit dem ersten Album, das nach Goscinnys Tod erschien: Der große Graben (1980, Nr. 25), um dann in beängstigender Schnelligkeit von Heft zu Heft weiter an textlicher Qualität einzubüßen, bis die Serie Ende der 80er Jahre auf der Talsohle des Fix- & Foxi-Niveaus angelangt war, von dem sie sich nicht mehr erholte, solange Uderzo in Pesonalunion für Bilder und Text verantwortlich zeichnete.

    Goscinnys Witz bleibt unerreicht

    Seit Nr. 35 (bei den Pikten) haben sich zwei neue Künstler der dahinsiechenden Reihe angenommen: Didier Conrad (Zeichnungen. Bekannt durch die Serie: Helden ohne Skrupel) und Jean-Yves Ferri (Text. Publizierte vorher vorwiegend im französischsprachigen Raum). Während Conrad scheinbar mühelos Uderzo kopiert, erkennt man bei Ferri, dass im Genre Funnies niemand mehr den Wortwitz Goscinnys erreicht. Neben dem gigantischen Altmeister wirken sämtliche Schüler wie Zwerge, bestenfalls durchschnittlich begabte Handwerker. Die Mittelmäßigkeit zieht sich zäh wie ein ausgelutschter Kaugummi durch den gesamten Band 37. An Stellen wie „Das war nun wirklich nicht nötig, sich massakrieren zu lassen, nur um hierher zurückzukehren“ (ein Legionär zum anderen vor dem Lazarettzelt im Lager Kleinbonum) in Nr. 6, bei denen man auch heute noch herzhaft lachen kann, herrscht in „Asterix in Italien“ stattdessen Humor à la Deutsche Comedians in einer ZDF-Spendengala vor: bemüht, aber nicht lustig.

    Die Macher wollen zu viel gleichzeitig: Parallelen zum heutigen Zeitgeschehen aufzeigen, Figuren aus alten Bänden einflechten, uns durch jede Stadt der Apenninenhalbinsel führen (ganz überflüssig bei Venedig, das damals noch nicht existierte), eine Mischung aus antiker Formel 1 und Giro d’Italia kredenzen, erklären, dass es einen Unterschied zwischen Italikern und Römern gab, Cäsar auf Teufel komm raus integrieren und was ihnen sonst noch auf jeder Seite so an vordergründig Innovativem einfiel. Aber bei all diesen tausend Mosaiksteinen verlieren sie das Wichtigste aus dem Auge: nämlich eine gute Geschichte zu erzählen. Weniger wäre hier wirklich mehr gewesen. Ständig erscheinen neue Personen auf der Bildfläche. Die Charaktere bleiben deshalb oberflächlich. Es ist eine durchschnittliche Comicstory, wie sie auch aus dem Hause Disney stammen könnte. Flott gezeichnet, hastig erzählt, die Szenerie wechselt im Sekundentakt. Erinnert von der Vorgehensweise her an Fluch der Karibik. Man schaut es an, fühlt sich während der 90 Minuten ganz gut unterhalten, schaltet aus und vergisst die Handlung sofort wieder. Diese bittere Erkenntnis gilt leider für sämtliche Asterixalben, die nach dem Tode Goscinnys auf den Markt geworfen wurden. Nr. 37 macht da keine Ausnahme. Das Publikum schmunzelt und applaudiert aus Freundlichkeit. Zu mehr reicht es nicht.

    Asterix liegt auf der Intensivstation und wird dort künstlich am Leben erhalten

    Als trauriges Fazit bleibt zu sagen, dass die beiden Helden mittlerweile nicht nur stark angestaubt wirken, sondern sich auch längst überlebt haben und schon seit vielen Jahren auf dem Friedhof der Comicgeschichte ruhen müssten. Es ist jedoch wie bei James Bond: der Patient will einfach nicht sterben. Ständig wird eine neue Folge rausgehauen und die altersschwache Kuh solange gemolken, bis sie völlig ausgesaugt und ihres letzten Fitzelchens Attraktivität beraubt vom Verlag den Gnadenschuss erhält.  Vielleicht hilft ein kompletter Relaunch: Beibehaltung des Settings, jedoch andere Protagonisten, frische Zeichnungen und neue Texte. Den Wortwitz des Altmeisters kann man nicht kopieren; es trotzdem probieren zu wollen, ist eine Mission impossible. Das Klügste wäre gewesen, die Reihe mit Band 24 (bei den Belgiern) – die letzte Nummer für die Goscinny textete – zu stoppen. Alles, was danach kam, erreichte nie mehr auch nur annähernd den vorherigen Qualitätsstandard. Es geschah nun das, wogegen die gallischen Helden stets ankämpften: vollständige Kommerzialisierung der Marke: Filme, Asterixfunpark, Fanartikel, Übersetzung in zahlreiche Sprachen bei gleichzeitiger Nivellierung des Produkts auf Disney-Level. Fehlt noch ein Asterix-Musical, um das Grauen perfekt zu machen. Man kann der Serie bloß wünschen, dass sie spätestens mit Nr. 40 eingestellt und nicht bis Nr. 100 vollends zu Schanden geritten wird. Goscinny würde im Grab rotieren, wenn er lesen müsste, was sein früherer Kompagnon Uderzo aus dem einstigen Flagschiff-Comic gemacht hat. Der ist mittlerweile so tief im Morast der Banalität versunken, dass auch das neue Duo (die Herren gehen übrigens beide stramm auf die 60 zu) ihn da nicht mehr wird rausziehen können.

    Leseempfehlung „Asterix in Italien“: 4 von 10 möglichen Punkten bis hin zu: man verpasst nichts, wenn man es nicht tut. Eventuell was für Nostalgiker, die sich an den Bildern mehr erfreuen als am Text. Ich werde das Heft nun in einen Karton im Keller legen, wo es vergilbt und irgendwann zu Staub zerfällt, denn ich werde es hundertpro nicht nochmal in die Hand nehmen.

  • Von Kolumnisten und Pferdewetten – Kapitel 5

    Von Kolumnisten und Pferdewetten – Kapitel 5

    »Wie geht die Geschichte mit Javier weiter?«, frage ich, »Hast du ihn abblitzen lassen, oder war sein Werben erfolgreich?«

    »Er hat mich ins Tokyo Hibachi eingeladen.«

    »Ist das ein guter Laden? Habe keine Ahnung. Bin nicht so oft in L.A.«

    »Ein überteuerter Schuppen für Vorstadtzuhälter und Touristen aus der Provinz, die Fischstäbchen mit Sushi verwechseln«, ätzt Hank, während er eine Flasche Wein entkorkt.

    »War bestimmt nicht billig«, sage ich. »Konnte Javier denn die Rechnung bezahlen?«

    »Natürlich! Er war ja durchaus wohlhabend. Fuhr mit einem niegelnagelneuen Ford Shelby vor.«

    »Du hast also erstmal keinen Verdacht geschöpft?«

    »Ich war zu Anfang, als ich ihn im Fahrstuhl kennenlernte, zugegebenermaßen misstrauisch. Wer ist das nicht bei einem Mexikaner? Aber er sprach nahezu akzentfreies Englisch, immer elegant gekleidet, auf Hochglanz polierte Schuhe, weiße Zähne, gepflegte Hände, tadellose Manieren. Ging drei Mal mit mir aus, bevor wir nach dem Besuch von High School zum ersten Mal bei ihm auf dem Sofa landeten, wo wir harmlos wie Teenager ein bisschen aneinander rumfummelten.«

    »High School?«

    »Ein superdämliches Musical. Von allen Musicals, die ich kenne, das dämlichste. Mir unbegreiflich, dass ich mich mit einer Frau, die auf solch einen musikalischen Dreck abfährt, einmal die Woche in meiner Wohnung treffe.« Hank schüttelt seinen riesigen Kopf wild hin und her, spielt den Entrüsteten.

    »Typ Gentleman der alten Schule«, sage ich.

    »Typ elender Schmierlappen«. Hank wieder.

    »Ja, ich habe mich blenden lassen. Ich war damals so naiv.«

    »Du warst nie naiv«, sagt Hank, »hattest vielmehr gehofft, du würdest dir einen solvent-potenten Latino-Millionario angeln. Berechnend nennt man so ein Verhalten da, wo ich herkomme.«

    »Er sah wirklich hollywoodmäßig aus«, seufzt Betsy. »Wie hätte ich ahnen können, dass sich hinter Javiers hoher, kluger Stirn dieses ungeheure Ausmaß an Verkommenheit verbirgt?«

    »Du warst damals schon das dumme Landhuhn aus Iowa, das du immer noch bist. Allerdings jünger und knackiger. Nicht so eine aufgetakelte, dicke Henne wie heute.«

    »Hank, lass das. Du siehst doch, wie sehr ihr die Geschichte mit Javier noch an die Nieren geht.« Ich habe Null Bock auf Zoff zwischen Buk und seiner Mittwochabendbraut.

    »Er ist eifersüchtig auf Javier«, sagt Betsy.

    »Ich bin was? Mach dich nicht lächerlich.«

    »Doch, eifersüchtig bist du, weil Javier im Gegensatz zu dir charmant und ein hervorragender Liebhaber war.«

    »Warum bist du dann nicht bei ihm geblieben? Das hätte dir und mir eine Menge Kopfschmerzen erspart.«

    »Wird Betsy uns gleich erzählen.« Ich versuche, den Druck im Kessel, der beim Thema Javier langsam aber stetig ansteigt, gering zu halten. »Einen Job und gültige Papiere hatte er?«

    »Ja«, antwortet Betsy, »habe ich mir alles zeigen lassen.«

    »Was machte er?«

    »Key Account Manager bei einem großen Versicherungsmakler. Schwerpunkt: Brandschutz für Gewerbeimmobilien. Er kümmerte sich um den Vertrieb in Lateinamerika.«

    »Klingt nicht schlecht«, sage ich.

    »Riecht nach Betrug und Brandstiftung«, ergänzt Hank.

    »Was von beiden trifft zu, Betsy?«, frage ich. »Javier war ein Ehrenmann, der dir das Herz gebrochen hat oder ein Hochstapler à la Felix Krull?«

    »???«

    »Eine Figur aus einem Roman von Thomas Mann. Warum bist du nur so unglaublich ungebildet? … ein Kerl wie Raymond Fernandez in Lonely Heart Killers. Den kennst du, oder?« Jetzt bin ich erstaunt, dass Bukowski Filme mit John Travolta anschaut.

    »Javier hat doch keine Frauen umgebracht.«

    Bevor Betsy mit ihrer Geschichte fortfahren kann, werden wir durch ein Klopfen unterbrochen. »Jemand da?«, ruft eine männliche Stimme vom Flur aus in Hanks Apartment hinein.

    »Klar, bin ich da. Sonst stünde die Tür ja nicht sperrangelweit offen.«

    »Ich bringe euch die Burritos.« Joey taucht plötzlich im Wohnzimmer auf. Klein und gedrungen, reicht mir kaum über die Schultern. Wirkte hinter der Theke in seinem Kiosk größer, geht es mir durch den Kopf.

    »Der Chef persönlich liefert abends das Junkfood aus.« Hank will aufstehen, schafft es nicht, bleibt sitzen. »Hat dein pakistanischer Hilfskoch Schiss gekriegt, als er meinen Namen hörte?«

    »Wir haben heute alle Hände voll zu tun. Die ganze Stadt ordert Burritos. Kamal kommt nicht weg vom Telefon.«

    »Die ganze Stadt will DEINE Burritos? Mach dich nicht lächerlich. Die schmecken bestenfalls mittelmäßig, häufig sogar richtig mies. Hast du an den Tequila gedacht?«

    »Welchen Tequila? Steht nichts von auf dem Bestellzettel.«

    »Joey, mach uns beide nicht unglücklich. Die Burritos kannst du sofort im Klo runterspülen, wenn du den Schnaps nicht dabei hast.« Hank stützt sich mit beiden Armen auf die Tischplatte, stemmt seine hundert Kilo nach oben, schwankt ein bisschen, bleibt aber aufrecht, geht auf Joey zu, baut sich vor dem auf.

    »Ist doch nur ein Scherz, Hank. Klar habe ich an den Tequila gedacht.« Joey packt in die große Plastikbox, die er in der rechten Hand trägt und fingert die Burritos und den Schnaps heraus.

    »Die Hausmarke, du Gauner?«

    »Natürlich. Eine andere trinkst du doch nicht.«

    »Jose, Jose, für einen kurzen Augenblick dachte ich, du willst unsere Freundschaft aufs Spiel setzen.« Hank öffnet den Drehverschluss und genehmigt sich einen kräftigen Schluck direkt aus der Flasche.

    »Joey heißt Jose?«, frage ich.

    »Joey ist sein amerikanisierter Name.«

    »Auch Mexikaner?«

    »Mexikaner, Nicaraguaner, Kolumbianer, San Salvadorianer wie alle in dieser Straße. Die einzigen Nicht-Latinos in gesamt East-Hollywood sind Betsy, ich und der alte Bob, der den Schuhladen an der Romaine, Ecke Mariposa betreibt. Der ganze Rest mittlerweile Tacos. America quo vadis?«

    »Hank, du übertreibst mal wieder«, sagt Betsy, während sie ihren Burrito mit Messer und Gabel in kleine Teile zerlegt.

    »Natürlich übertreibe ich. Aber nur durch diese Zuspitzung wird Henning die Dramatik der aktuellen Situation verstehen. Diese verdammten europäischen Liberalen leugnen doch, dass überhaupt ein Migrationsproblem besteht. Und wenn sie damit konfrontiert werden, erzählen sie was von größeren Anstrengungen, die die einheimische Bevölkerung unternehmen muss, um all die Fremden hier zu integrieren. Dabei wollen die meisten von euch doch gar nicht so sein wie wir, oder Joey?«

    »Joey wahrscheinlich schon. Sonst würde er sich nicht Joey nennen«, sage ich.

    »Okay, Joey ist ein schlechtes Beispiel. Aber Kamal , seine pakistanische Allzweckwaffe, der trabt, wenn er mit dem Job fertig ist, den er ja nun mal ausüben muss, um seine riesige, sich im Neun-Monats-Rhythmus reproduzierende Familie durchzufüttern, sofort nach Hause, erstmal seine Alte verprügeln und dann in die Moschee, um dort mit seinen Kumpels einen Terroranschlag auszubaldowern.«

    »Kamal ist ein nicht praktizierender Hindu aus der Kaste der Unberührbaren und SEHR liebevoller Ehemann und Familienvater. Das weißt du, Hank.« Joey redet mit sanfter Stimme, nahezu liebevoll auf Bukowski ein. Ich empfinde mit einem Mal Sympathie für den amerikanisierten Mexikaner.

    »Wollen Sie sich einen Moment zu uns gesellen, Jose?«, frage ich ihn.

    »Bin heute Abend wirklich superbusy. Sind noch ein Dutzend Bestellungen in der Pipeline, die ich ausliefern muss. Ein anderes Mal gerne.«

    »Die Burritos haben Zeit. Taugen eh bloß als Futter für rumstreunende Köter. Los, setz dich zu uns!« Hank drückt Joey runter auf einen Stuhl. »Mein Freund Henning ist ein berühmter Journalist, der in Deutschland für die Kolumnisten schreibt.«

    »Was sind Kolumnisten? Irgendeine extreme politische Sekte? Damit möchte ich nichts zu tun haben. Ich bin Demokrat.« Jose schaut mich skeptisch von der Seite an.

    »Ähnlich wie Zeitungskommentatoren, aber schlauer«, antwortet Hank. »Und sie arbeiten gratis, was bei uns in Kalifornien ein triftiger Grund wäre, sie psychologisch untersuchen zu lassen.«

    »Gratis?« Joeys Augen weiten sich, er starrt mich jetzt an wie einen armen Irren.

    »Alles halb so wild«, sage ich. »Wir betreiben das als Hobby. So wie Hank zum Pferderennen geht. Soll Spaß machen.«

    »Pferdewetten sind kein Spaß, sondern ein todernstes Geschäft«, brummt Hank.

    »Dann eben kein Pferdewettenvergleich. Ist doch jetzt auch völlig egal. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, Jose, wenn Sie mir aus erster Hand über Ihre Erfahrungen mit der Integration hier berichteten. Dauert auch nicht lange. In einer Stunde bin ich durch mit meinen Fragen. Dann entlassen wir Sie in die Freiheit, zurück zu Ihren Burritos.«

    »Was habe ich davon? Wir können uns nicht alle ein zeitaufwändiges Hobby wie Sie leisten.«

    »Die amerikanische Geschäftstüchtigkeit haben Sie ja schon prima verinnerlicht. Ich biete Ihnen an, dass ich Sie an prominenter Stelle zitiere und ein Foto von Ihnen in Ihrem Laden mitten im Text platziere.«

    »Wie hoch ist die Auflage?«

    »Ist eine Online-Publikation. Kann also weltweit gelesen werden.«

    »Auch in East-Hollywood?«

    »Klar. Speziell in East-Hollywood. Werbeeffekt für Joeys Tacodienst dürfte groß sein. Und das alles für sechzig Minuten, die Sie investieren.«

    »Okay, ich mach’s. Aber bitte sagen Sie „du“ zu mir.«

    »Kein Problem. Lass uns zum „du“ wechseln. Das lockert unser Frage-Antwort-Spiel sofort auf … Jose, ich darf dich doch bei dem Namen nennen, auf den du getauft wurdest, oder? Jose, du bist erste oder zweite Generation?«

    »Erste. Aber schon als Kind in die USA gekommen. Mitte der 70er Jahre.«

    »Joey gehört noch der Generation an, die nachts durch den Rio Grande geschwommen ist, um ins gelobte Land zu gelangen«, unterbricht Hank. »Heute werden sie in LKW-Ladungen angekarrt. Jede Stunde überqueren hunderte Bohnenfresser die Grenze. So schnell kannst du die gar nicht einfangen und zurückbefördern, wie sie hinter deinem Rücken wieder reinschleichen.«

    »Du bist also ein Befürworter der großen Mauer?«, frage ich.

    »Ach die Mauer ist ein Riesenhaufen Scheiße. Ausgeheckt von einem Bauunternehmer, der nun unser Präsident ist, um ein Megakonjunkturprogramm aufzulegen. Nützt einzig und alleine der Bauindustrie. Wird aber das eigentliche Problem Nullkommanull lösen.«

    »Warum?«

    »Weil die Mexikaner und ihre Schleuser, die sie korrekterweise als Kojoten bezeichnen, denn nichts anderes sind diese Menschenhändler: armselige Kojoten, clever agieren. Sie werden drüber wegfliegen, in Massen an Fallschirmen abspringen wie damals unsere Jungs in der Normandie, Tunnel drunter durch buddeln, mit Schiffen an den Stränden landen, uns überfluten und in nicht allzu ferner Zukunft mit ihrer schieren Masse erdrücken. Sie sind so erfindungsreich, wenn es darum geht, ihr von Drogenkrieg und Korruption zerfressenes Land zu verlassen, dass ich manchmal glaube, es ist vernünftiger, die Schlagbäume komplett hochzuziehen und abzuwarten, was dann passiert, als sich jeden Tag aufs Neue über diesen Wahnsinn aufzuregen.«

    »Wie kommt Hackfleisch in meinen Burrito? Ich hatte ausdrücklich einen Vegetariano bestellt. Das kann ich nicht essen. Mir wird es speiübel«, kreischt plötzlich Betsy.

    Im nächsten Teil wird die Geschichte mit Javier endlich aufgelöst, und Jose stellt uns seinen Cousinen vor.

  • Heilige Schriften

    Heilige Schriften

    Es gibt Bücher, die sind dir heilig. So ein heiliges Buch kann im Bücherregal stehen, du nimmst es von Zeit zu Zeit liebevoll in die Hand, blätterst darin, liest ein paar Sätze, und ein andachtsvoller Schauer erfasst dich.

    Für mich gab es lange Zeit so ein Buch, es war die Erstausgabe von Christa Wolfs „Sommerstück“. Das Buch war 1989 erschienen, es muss irgendwann im Frühjahr oder Frühsommer gewesen sein, denn ich war noch Student in Berlin. Wir wussten, dass das Buch jeden Tag in die Buchhandlung kommen konnte, so standen wir, ein paar Studenten, jeden Morgen eine halbe Stunde vor Ladenöffnung am „Internationalen Buch“, warteten, bis sich die Tür öffnete und die Verkäuferin sagte: „Ist noch nicht da“ . Bis zu dem Tag, wo sie das eben nicht mehr sagte, sondern uns zu dem kleinen Stapel vorließ, von dem jeder von uns nun ein Exemplar nahm, bezahlte, und glücklich verschwand.

    Das „Sommerstück“ war ein schönes Buch, der Einband, das Schriftbild, alles war schön. Außerdem enthielt es Zeichnungen – von wem, weiß ich nicht mehr. Und die Sprache hat mich bezaubert, die Geschichte hat mich berührt.

    Irgendwann war das Buch verschwunden, ich weiß nicht mehr, habe ich es verliehen, oder habe ich es sogar verschenkt? Während ich dies schreibe, will ich sogar glauben, dass ich es verschenkt habe. Jedenfalls ist es nicht mehr da, ich habe mir irgendwann eine Taschenbuchausgabe gekauft. Ich habe noch nicht hineingesehen.

    Buch oder Schrift

    Das Wort „Buch“ ist doppeldeutig, es bezeichnet einen physischen Gegenstand, ein Stapel Papier, bedruckt zumeist mit Schrift, und ein Einband, vielleicht aus Pappe, vielleicht mit einem Schutzumschlag versehen. Ein Buch kann ein heiliger Gegenstand sein, eine Reliquie.

    Aber wenn einer ein Buch geschrieben oder ein anderer ein Buch gelesen hat, dann meint man nicht dieses Papierding, sondern die Schrift darin, den Text. Wenn jemandem so ein Text heilig ist, könnte er ihn als seine heilige Schrift bezeichnen.

    Ich scheue mich davor, zuzugeben, dass es für mich heilige Schriften gibt. Wenn ich so vor meinem Bücherregal stehe und auf die Buchrücken schaue, wenn ich dieses oder jenes Buch herausziehe und darin blättere, dann muss ich mir allerdings eingestehen, dass es Texte gibt, die einen gewissen heiligen Status für mich haben. Gedichte von Rilke, ja, und, ich muss es zugeben, auch „Sein und Zeit“ und einige Vorlesungen von Heidegger, „Der Satz vom Grund“ etwa, oder „Was heißt Denken?“. Auch einige Schriften des Aristoteles gehören dazu. Natürlich will ich das sofort relativieren, kaum, dass ich es hingeschrieben habe.

    Was ist das „Heilige“?

    Wenn zwei zusammenkommen, denen die gleichen Schriften heilig sind, dann bildet sich Gemeinschaft. Man liest sich gegenseitig den einen oder anderen Abschnitt vor, sieht die leuchtenden Augen des Anderen, merkt, dass man einander durch und in diesen Texten versteht. Und man ist verwundert und berührt von der Tatsache, dass ein paar Worte, vor langer Zeit geschrieben, den Autor mit uns hier und jetzt zu einer Gemeinschaft vereint.

    Das ist ja überhaupt das Heilige: Dass es auf intuitive Weise Gemeinschaft herstellt, mit anderen, die anwesend sind, aber auch mit denen, die schon zuvor dieses Heilige erfahren haben. Man ist dann geneigt, ja, man kann vielleicht nicht mal umhin, intuitiv zu verstehen, dass es eine Idee geben muss, die in diesem heiligen Werk lebt, eine Idee, die die einzelnen Menschen überdauert, und dass es diese Idee ist, die die Gemeinschaft derer, die von diesem Heiligen erfasst werden, erzeugt und sicherstellt.

    Damit sind wir im Bereich der Religionen angekommen, und gleichzeitig an einer Stelle, die den Philosophen immer wieder Kopfzerbrechen bereitet und diese merkwürdige Verwandtschaft zwischen Philosophie und Theologie erklärt. Denn wie es sein kann, dass solche Ideen über Jahrhunderte hinweg existieren, dass wir heute spüren, dass schon Aristoteles die gleichen Gedanken umgetrieben haben wie uns jetzt, dass sich in einem Rilke-Gedicht etwa ausspricht (ja, es spricht sich aus) was ich erspüren kann – dass es also dieses Reich der Ideen irgendwie wirklich geben muss, dass lässt die Philosophen schlaflos sein, während die Theologen einfach Gott dazu sagen. Die Gemeinschaft, die sich um eine bestimmte Heilige Schrift herum bildet, ist dann eben eine Religions-Gemeinschaft, deren Anhänger sich darüber einig sind, dass genau in dieser Schrift die Ideen ihres Gottes sprechen.

    Religiöse Züge

    So weit, so gut, und wir sagen nicht umsonst, dass die Verehrung eines Dichters oder Denkers hier und da „religiöse Züge“ annimmt. Diese Art von Religiosität ist vielleicht wirklich eine zutiefst menschliche Angelegenheit, die die Identifikation und Gemeinschaft mit weit entfernten und längst verstorbenen Menschen eben über diese gemeinsamen Ideen, die uns Sterbliche überdauern, ermöglicht. Das ist ganz wunderbar, und wir täten gut daran, das Phänomen der Religiosität aus der Enge der Kirchen herauszuholen und es viel allgemeiner und selbstverständlicher zu beschreiben.

    Aber nicht in diesem Text. Denn hier soll es denn doch noch um die Schriften gehen, die den großen Glaubensgemeinschaften heute als heilig gelten: Die Bücher und Evangelien der Bibel etwa, oder der Koran.

    Diese Schriften, so heißt es, sind von einem Gott selbst geschrieben oder wenigstens diktiert. Sie sind deshalb unumstößlich wahr, und soweit sie Anweisungen für das praktische Leben enthalten, sind diese von denen einzuhalten, die sich zur jeweiligen Glaubensgemeinschaft zählen.

    Idee oder Gott

    Man muss nicht an einen aktiv schreibenden oder diktierenden Gott glauben, um die Entstehung einer Heiligen Schrift zu verstehen und zu akzeptieren. Nimmt man an, dass es Ideen gibt, die unabhängig von konkreten Menschen und deren Einzelzielen und Anschauungen existieren (etwa die Idee der Freiheit, die der Gerechtigkeit, der Ehrlichkeit, der Liebe, der Freundschaft, des Glücks und des guten Lebens), dann kann man sich die Entstehung einer heiligen Schrift auch so vorstellen. Ein Autor, der die wichtigen Ideen der Gemeinschaft besonders intensiv und direkt erkannt hat und zudem die Fähigkeit besaß, diese Ideen in bildhafter Sprache und in verständlichen Geschichten zum Ausdruck zu bringen, hat diese Texte geschrieben. Der Autor kann dieses Schreiben durchaus als intuitives Erkennen der Ideen, als Sprechen der Ideen zu ihm und durch ihn, erlebt haben. Durch die Akzeptanz der Gemeinschaft ist zudem gesichert, dass es tatsächlich diese Ideen der Gemeinschaft sind, die unabhängig vom Autor da sind, die aus dem Text sprechen.

    Wie auch immer, damit diese Texte verständlich sind, müssen sie an das Leben der aktuellen Gemeinschaft, an ihre konkrete Erfahrung, ihre Gewohnheiten, ihre Lebensweise anknüpfen. Auch ein Gott muss, um sich seinen Gläubigen verständlich zu machen, in ihrer Sprache sprechen, muss in Gleichnissen reden, die ihrem Alltag und ihrem Weltverständnis entnommen sind.

    Gott muss alltäglich sprechen

    Wenn also spätere Generationen die Ideen einer heiligen Schrift verstehen wollen, müssen sie sie deuten. Man muss sie nicht einmal in die heutige Welt „übersetzen“, aber man muss die Idee aus dem Text herausdeuten. Der pure Text kann nicht die Botschaft sein. Auch wenn ich heute bei Aristoteles etwas über seine Idee der Demokratie erfahren will, muss ich seine Welt und die seiner Mitdenker in mein Denken mit hineinholen. Jede heilige Schrift ist Gleichnis in der Welt ihres Entstehens, die Idee, die sie ausspricht, muss neu erspürt werden. Das eigentlich Wunderbare ist ja, dass das wirklich geht.

    Auch diejenigen also, die sich immer wieder gern aus moderner Sicht über alte heilige Texte lustig machen, zeigen nur, dass sie das Wesen einer Heiligen Schrift nicht verstanden haben. Die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments etwa, in der Gott in sieben Tagen die Welt erschuf, halten sie von der modernen Naturwissenschaft für widerlegt. Aber versetzen wir uns einmal in die Lage Gottes, der den Menschen vor ein paar tausend Jahren erklären wollte, dass auch diese Welt, so wie sie heute ist nicht ewig existierte. Wir Heutigen haben natürlich eine gewisse Vorstellung davon, was Millionen oder Milliarden Jahre sind, aber in einer Zeit ohne Geschichtsschreibung, ohne Archäologie oder Geologie, wie sollte man da die Idee vom Werden der Welt erklären? Wenn man das in Betracht zieht, dann ist es eigentlich ganz faszinierend, wie genau die Schöpfungsgeschichte mit dem heutigen naturwissenschaftlichen Denken übereinstimmt: erst die Entstehung von Sonne und Erde, die Notwendigkeit des Lichts und des Wassers, dann die Pflanzenwelt, dann erst die Tierwelt und schließlich der Mensch. So falsch ist das nicht, und wenn man bedenkt, dass die Autoren dieser Schriften wirklich keinen einzigen empirischen Hinweis hatten, dass es so gewesen sein muss, dann muss man staunen über die Intuition dieser Denker.

    Aber auch diejenigen, die die Heiligen Schriften akzeptieren und als Vor-Schriften für Ihre Gemeinschaft nehmen, müssen sich vergegenwärtigen, dass ihr Gott zu ihnen hier und heute anders sprechen würde, in anderen Bildern, anderen Gleichnissen, und dass er ihnen auch andere Vorschriften machen würde, die in die heutige Welt passen. Sie müssen die Ideen hinter den Geschichten erspüren, die universellen Normen hinter den Gesetzen, die in einer ganz bestimmten Zeit formuliert worden sind.

    Viele Heilige Schriften – und immer die gleichen Ideen

    Vielleicht würde es ihnen auch helfen, wenn sie sich vorstellen könnten, dass dieser Gott an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Heilige Schriften geschrieben hat, und dass sie nur durch die Zusammenschau all dieser Texte zu der Idee kommen können, die ihnen ihr Gott auch heute mit auf den Weg geben will. Und vielleicht stecken diese Ideen ja auch in anderen Schriften, denn der Gott, zu dem die einen oder anderen beten, ist ja universell, er kann auch zu Menschen sprechen, die nicht an ihn glauben. Vielleicht ist ja selbst dieser Text hier von diesem Gott diktiert.

    Oder er ist eben ein Ausdruck einer allgemeinen Idee, die auch in diesem Text lebt, die mich aus meinen heiligen Schriften anweht und die mich, auch durch diesen Text, überdauert.

  • Schirach ohne Moral

    Schirach ohne Moral

    Es wird wohl das erfolgreichste Theaterstück der kommenden Spielzeit an deutschsprachigen Bühnen werden. Schon jetzt haben 125.000 Menschen das Stück gesehen, und viele Theater haben für die kommende Spielzeit die Premiere im Programm.

    Dabei ist Terror von Ferdinand von Schirach gar kein „richtiges Theaterstück“. Es ist sozusagen die Live- und Echtzeitdarstellung einer Gerichtsverhandlung, mit „Anklageverlesung“, „Zeugenvernehmungen“, „Plädoyers“ und einem „Urteil“ – und die Zuschauer, die sind bei dem ganzen Schauspiel auch nicht einfach das Publikum, sie sind die „Richter“, oder die „Schöffen“, die ein „Urteil“ sprechen, die über „Freispruch“ oder „Schuldig“ zu befinden haben.

    Ja, viele Anführungszeichen stehen in diesem ersten Absatz, viel uneigentliche Rede, das sieht absurd aus. Und irgendwie ist die ganze Sache auch absurd. Auf einer Webseite kann man verfolgen, wieviel Prozent der Zuschauer in welchem Theater auf „Schuldig“ oder „Freispruch“ plädiert haben. Dort kann man auf schwarzem Grund Statistiken in Rot und Grün abrufen, die zeigen, wie sich andere „Schöffen“ an anderen Orten „entschieden“ (ja, auch dieses Wort gehört in Anführungszeichen) haben. Spätestens dort fragt man sich, welcher Show man hier eigentlich beiwohnt.

    Keine Theaterkritik

    Ich habe Terror vor Monaten in Düsseldorf gesehen, und ich werde mir die Premiere am Wolfgang-Borchert-Theater in Münster ansehen. Der Moment, in dem ich diesen Text schreibe, hat den größtmöglichen Abstand zwischen diesen beiden Theaterabenden. Denn hier geht es nicht um konkrete Inszenierungen, hier geht es um das Stück als Text und um diese merkwürdige Einbeziehung der Zuschauer. Dies ist keine Theaterkritik.

    Das Stück macht den fiktiven Abschuss eines Verkehrsflugzeuges durch einen Bundeswehr-Piloten zum Thema. Das Flugzeug ist von Terroristen gekapert worden und diese beabsichtigen, es in einem vollbesetzten Stadion abstürzen zu lassen. Der Pilot hat sich, unabhängig von Vorgaben und Befehlen, dafür entschieden, das Flugzeug abzuschießen, die 100 oder 200 Passagiere zu opfern, um Zehntausende im Stadion zu retten.

    Die Frage ist nun also, ob er schuldig oder unschuldig am Tode der Passagiere ist, ob er deshalb zu verurteilen (und dementsprechend einzusperren) oder freizusprechen ist.

    Ich will mich hier nicht mit den Details der Argumentation von Anklage, Verteidigung, Zeugen und Angeklagtem befassen. Jeder mag da selbst ins Theater gehen und sich die einzelnen Monologe und Dialoge anhören – die sind im Detail durchaus interessant und bewegend. Mir geht es um grundsätzliche Fragen, die sich an dieser Konstellation diskutieren lassen.

    Das moralische „Dilemma“: Eine lange, aber irrige Tradition

    Über den größten Teil von Terror wird die moralische Konfliktsituation, in der sich der Pilot befindet, als Dilemma dargestellt: Das Leben der Menschen an Bord des Flugzeugs gegen das Leben der Menschen im Stadion. Dieses Dilemma wird in verschiedenen Variationen durchgespielt, an leicht abgewandelten Beispielen in einfacher oder komplizierterer Form behandelt. Damit befindet sich von Schirarch in einer bekannten, aber ganz irrigen Tradition. Die Frage, ob man das Leben Weniger für das Vieler opfern sollte oder dürfte, wird immer wieder als eine moralische Grundfrage dargestellt. Man meint, anhand solcher so genannten Dilemma-Situationen darüber reflektieren zu müssen, ob Moral etwas mit Nutzen, sogar mit größerem oder kleinerem Nutzen, mit dem Verrechnen oder Abwägen von Übel und Freude, von Tod und Leben zu tun habe.

    Von Schirach meint offenbar, dass das moralische Denken darin bestehen würde, dass die Menschen aus den bestehenden Optionen die richtige, die beste auswählen. Selbst in dem Moment, als kurz aufscheint, dass die Verantwortlichen mehr als zwei Optionen gehabt hätten, wird von diesem Paradigma nicht abgegangen. Es ist der Moment, als die Staatsanwältin fragt, warum das Stadion nicht geräumt worden ist, auch wenn doch noch fast eine Stunde Zeit gewesen sei. In diesem kurzen Moment, der jedoch auch gleich wieder überspielt wird, wird in der konstruierten Situation aus dem Dilemma ein Trilemma, aber immer noch bleibt es dabei, dass es moralisch sei, aus den bestehenden Optionen eine auswählen zu können, und dass diese Auswahl irgendwie nach mathematischen Kriterien erfolgen könnte.

    Auch bei der Beurteilung des Handelns des Piloten wird man diese „dritte Option“ außen vor lassen können, denn für die mögliche Räumung des Stadions war er ja nicht zuständig. Wenn die Zuschauer dann am Ende gefragt werden, ob er schuldig oder freizusprechen sei, bleibt eben nur die Frage: War es richtig, das Flugzeug abzuschießen, oder war es falsch?

    Vielleicht richtig, aber niemals gut

    Aber mit dieser Frage ist das Feld des Moralischen noch gar nicht betreten. Die Frage nach dem moralischen Handeln, die Frage nach der moralischen Schuld, wird gerade verdrängt durch all diese Erwägungen über das Dilemma und über die Zwänge und die Verfahren, die das politische und militärische Entscheiden beeinflussen. All diese Abschätzungen, Syllogismen, Schlussfolgerungen, Gleichnisse, Argumentationen sind nur dazu da, die Stimme des Gewissens und der Moral zum Schweigen zu bringen.

    Der moralische Mensch weiß, dass er schuldig ist, wenn er Menschen tötet. Es mag richtig sein, das zu tun, aber es ist niemals gut. Immer, wenn ich einem anderen Leid zufüge, belade ich mich mit Schuld. Auch wenn ich meine, keine andere Wahl gehabt zu haben. Ich muss diese Schuld tragen, sie wird mir nicht durch das Urteil, dass es doch aber richtig gewesen sei, abgenommen.

    Das moralische Spektrum erstreckt sich nicht zwischen Richtig und Falsch, sondern zwischen Gut und Böse. Mit dem Versuch, eine moralische Frage im Richtig-Falsch-Spektrum zu beantworten, stellen wir uns schon außerhalb der Moral auf. Wir umgehen die moralische Frage, wenn wir fragen, ob unsere Entscheidung richtig war.

    Wir halten Moral nicht mehr aus

    Denken wir zurück an die griechischen Tragödien. Auch hier werden Menschen in Dilemma-Situationen gestellt. Käme irgendein Zuschauer einer solchen Tragödie auf die Idee, die Charaktere wären unschuldig? Im Gegenteil, die Tatsache, dass sie Schuld auf sich geladen haben, dass ihr Schicksal ihnen keine andere Wahl ließ, als schuldig zu werden, ist der Kern der griechischen Tragödie. Wir Heutigen halten diese einfache Tatsache offenbar nicht mehr aus.

    Ganz unmoralisch wird das Projekt, wenn der Autor versucht, die tatsächlich unlösbare Schicksals-Situation auf eine simple Entweder-Oder-Entscheidung zu reduzieren und den Zuschauer per Abstimmung entscheiden zu lassen, ob der Pilot nun schuldig sei oder freizusprechen ist. Freizusprechen wovon? Schuldig woran? Hier werden rechtliche und moralische Fragen auch noch aufs Übelste miteinander vermischt. Aber das ist nicht das schlimmste: Mit der „Abstimmung“ erfolgt sozusagen die definitive moralische Entlastung der Zuschauer, an die Stelle der Katharsis hat von Schirach die „demokratische Entscheidung“ des Publikums gesetzt. Damit können wir, in der Pause und auf dem Heimweg, ganz intellektuell, gelehrt und sachlich die Für und Wider besprechen, die Vor- und Nachteile wägen und uns von der moralischen Belastung, die uns das ungeheuerliche Ereignis eigentlich aufbürden müsste, befreien – falls wir sie überhaupt empfunden haben. Und am Ende schauen wir ins Internet, stellen fest, dass andere Zuschauer anderswo ganz ähnlich „entschieden“ haben und kommen zu dem Schluss, dass es ja dann wohl richtig so sein wird, und schlafen ruhig ein.

    Der Pilot in Terror geht nicht an seiner moralischen Schuld zugrunde, er kann als „unschuldig“ in sein tägliches Leben zurückkehren. Er hat das „Richtige“ getan, das versichert ihm die Gemeinschaft des Publikums.

    Das ist nicht gut.

    Ihnen hat dieser Artikel gefallen? Sie möchten die Arbeit der Kolumnisten unterstützen? Dann freuen wir uns über Ihre Spende:




  • Monogam? „Partnerschaft“ kommt nicht von „Paar“

    Monogam? „Partnerschaft“ kommt nicht von „Paar“

    „Ehe für alle“ – so lautet heute das allgemeine Motto einer Bewegung, die vor 15 Jahren ihren ersten großen Erfolg errang – denn vor anderthalb Jahrzehnten trat das „Gesetz über die Eingetragene Lebenspartnerschaft“ in Kraft. Seit dem dürfen homosexuelle Paare den „Bund fürs Leben“ schließen, und die Gleichstellung dieser Lebensgemeinschaften mit der Ehe zwischen Frau und Mann wurde und wird nun immer weiter vorangetrieben. Aber monogam sollen sie sein.

    Die Idee, die hinter dieser Gleichstellung aller Lebenspartnerschaften steckt, ist so zeitgemäß wie naheliegend. Der Zusammenschluss zweier Menschen zu einer Lebensgemeinschaft hat schon lange nicht mehr selbstverständlich den Zweck, gemeinsam Kinder zu zeugen und großzuziehen. Viele Ehen bleiben, gewollt oder ungewollt, kinderlos. Den Staat geht es auch nichts an, ob sich zwei Menschen zum Zwecke der Familiengründung zusammentun oder eben einfach nur aus Liebe.

    Der Zweck der Ehe ist gleichgültig

    Oder aus welchen Gründen auch immer, denn letztlich kann es dem Staat auch egal sein, ob diese beiden Menschen einander lieben oder vielleicht nur eine Zweckgemeinschaft bilden.  Der Zweck der rechtlichen Sicherheit und Klarheit bezüglich des Nachwuchses war ja auch schon vor Jahrzehnten der eigentliche Grund für den vertraglichen Zusammenschluss der zukünftigen Väter und Mütter. Ob da Liebe im Spiel war oder nicht, konnte und sollte dem Staat, der die Ehe bestätigte und förderte, gleichgültig sein.

    Letztendlich ist eine Ehe für den Staat und die durch ihn vertretene Gemeinschaft eine Zweckkonstruktion – und das bleibt sie unabhängig von der geschlechtlichen Konstellation der Personen, die sich da zusammentun und natürlich auch völlig losgelöst von den Gründen und Gefühlen, welche die zwei zusammengeführt haben. Wichtig ist, dass die Partner füreinander Verantwortung übernehmen, dass sie bereit sind, füreinander zu sorgen. Damit entlasten sie den Staat und die Sozialsysteme, und das kann die Gemeinschaft wiederum unterstützen und prämieren.

    Der Staat unterstützt also die Ehe nicht mehr, weil sie Rechtssicherheit für das „Großziehen“ von Kindern schafft und damit zur Reproduktion der Gemeinschaft beiträgt. Aus der Sicht des sozialen Gemeinwesens ist sie dazu da, dass die Beteiligten sich „in guten und in schlechten Zeiten“ gegenseitig unterstützen und damit die anderen von dieser Aufgabe entlasten.

    Damit stellt sich allerdings die Frage, warum diese Institution auf zwei Personen beschränkt sein soll. Die klassische Ehe hat, wenn auch unausgesprochen, die Voraussetzung, dass Mann und Frau sich wechselseitig und monogam lieben. Streng genommen kam es darauf nicht an, aber die Beziehung zwischen genau einer Frau und genau einem Mann war eben der ideal-einfache Fall um eine rechtlich klare Konstellation für eine Familie mit Kindern zu schaffen. Es sind nun einmal genau zwei Personen die Eltern eines jeden Kindes: ein Vater und eine Mutter. Wenn das als Grund für die Ehe zwischen Menschen wegfällt, dann muss man sich fragen: Warum gerade zwei?

    Sind wir monogam?

    Auch zwischen Heterosexuellen ist uns der Fall der wechselseitigen monogamen Liebesbeziehung zwar aus tausenden herzzerreißenden Liebesfilmen vertraut – aber selbstverständlich ist das deshalb nicht. Schon Friedrich Engels stellte in seiner Untersuchung über den „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ fest, dass strenge Monogamie bei den Vögeln nichts über den Menschen aussagt: die Menschen sind nun Mal keine Vögel.

    Man darf annehmen, dass die gegenwärtige Tendenz zur Monogamie in homosexuellen Lebensgemeinschaften nicht viel mehr als eine sentimentale Reminiszenz an die vertraute Paarbeziehung zwischen Mann und Frau ist – genauso natürlich die Monogamie in kinderlosen heterosexuellen Beziehungen.

    Wenn die Ehe für alle erst einmal etablierte Selbstverständlichkeit ist, und 15 Jahre nach dem ersten Gesetz zur eingetragenen Lebenspartnerschaft sind wir davon nicht mehr weit entfernt, dann wird sich schnell die Frage stellen: Warum soll dieses Rechtkonstrukt nur für Paarbeziehungen möglich sein? Dem Staat kann die Mehr-Personen-Ehe nur recht sein: Umso mehr Personen freiwillig eine private Sorge-Gemeinschaft miteinander eingehen, desto besser für die staatlichen Sozial- und Vorsorgesysteme.

  • Amerikaner: Menschen wie wir!

    Amerikaner: Menschen wie wir!

    Ich habe ein paar Tage in den USA verbracht, genauer: elf Tage in Alaska, vier Stunden in einem Flugzeug der Alaska Airlines, sowie 3 Stunden auf dem Flughafen von Seattle. Die Zeiten an Bord von Condor-Maschinen will ich nicht zählen.

    Meine Kontakte zu Amerikanern waren notwendig beschränkt auf wenige Personen, das sei gleich vorweg zugegeben. Ein Paar aus Reno, Nevada, eine junge Frau aus Houston, Texas, ein junger Mann, der von irgendwo oder überall her stammte und uns auf unserer Trekking-Tour begleitete, der Besitzer der Firma aus McCarthy, einem Ort ganz weit draußen in Alaska, bei der wir das Trekking gebucht hatten. Darüber hinaus: ein paar Bar-Keeper in Anchorage, ein Juwelier-Paar, eine Stewardess – Zufallsbekanntschaften. Keine repräsentative Stichprobe, aber es ergab sich ein Bild. Das ist jetzt mein Bild von „den Amerikanern“.

    Fußball

    Amerikaner gucken europäischen Fußball. Bei unserem ersten Besuch in der Hotelbar lief das EM-Spiel Deutschland-Italien auf zwei Bildschirmen. Es war zu diesem Zeitpunkt schon vorbei, wir waren im Flugzeug sogar über den Verlauf informiert worden. Aber nun hätten wir, wenn wir gewollt hätten, das Spiel auch noch sehen können.

    Als ich unseren amerikanischen Mit-Trekkern am nächsten Tag verwundert davon erzählte, erwiderten sie mit leuchtenden Augen „We saw the shootout!“ (Wir haben das Elfmeterschießen gesehen!)

    Politik

    Amerikaner interessieren sich für europäische Politik. Das heißt in diesen Tagen vor allem: Sie fragten uns nach dem Referendum in Großbritannien. Dabei zeigten sie wenig bis gar kein Verständnis für die EU-Ablehnung der Briten.

    Merkel ist natürlich eine große Politikerin und eine famose Kanzlerin.

    TTIP hingegen sagt ihnen gar nichts, davon hatten sie noch nichts gehört. Auf unsere Erklärung hin fanden sie die Idee natürlich gut. Chlorhähnchen lehnen sie auch ab.

    Insgesamt glaube ich, dass der Verbraucherschutz in den USA wenigstens genauso gut ist wie in Europa.

    Deutschland

    Deutschland finden die Amerikaner toll, nicht nur den Fußball und die Kanzlerin. Jeder, der merkte, dass wir aus Deutschland kommen, wollte wissen, wo wir genau her sind. Münster kannte aber niemand. „Zwischen Köln und Hamburg“ – das war eine befriedigende Auskunft. Lukas Podolski kommt aus Köln – das habe ich in Alaska gelernt. Und der Juwelier war ganz stolz, dass er Namen wie „Götze“, „Müller“ und „Manuel Neuer“ aussprechen kann.

    Überhaupt sind die Leute extrem freundlich. Der Barkeeper meinte „The best wines of the world are from Germany!“ (Die besten Weine der Welt kommen aus Deutschland!). Da ist man dann doch zunächst sprachlos und etwas irritiert. Gemeint war aber der weiße, der Riesling – gut, da mögen unsere Weinbauern führend sein.

    Ausrüstung

    Die Trekking-Ausrüstung, die man sich in Houston, Texas, oder in Reno, Nevada, kauft, ist exakt dieselbe wie die, die man in Münster, NRW, kauft. Bis hin zur Farbe der Schuhe und der Suppenschüssel. Die Luftmatratzen und Trinkflaschen die wir hatten, kamen sowieso aus den USA, da war vorher schon klar, dass wir alle dieselben haben.

    Noch was

    Vor amerikanischen Supermärkten gibt es genauso viele unbenutzte Behindertenparkplätze wie bei uns. Was wir aber noch lernen können: Auf jedem öffentlichen Herren-WC, egal, ob irgendwo in Alaska oder auf dem Flughafen von Seattle, gibt es einen Baby-Wickel-Tisch.

    Um jeden Anflug von Shitstorm zu vermeiden: Ich finde das gut. Ich finde Amerika überhaupt gut. Ich werde dahin zurückkehren.

    P.S.

    Da es sich bei diesem Bericht fast um so etwas wie eine persönliche Urlaubs-Nachlese handelt, hier noch ein paar Eindrücke in bewegten Bildern:

    Backpack Trekking im Nationalpark Wrangell – St. Elias, Alaska


    Eindrücke aus den Orten McCarthy und Kennecott, ganz weit draußen in Alaska


    Schließlich noch ein paar Bilder aus Anchorage, der Hauptstadt Alaskas.

  • Ich bin ein Feigling

    Die Liste der Texte, die ich nicht schreibe, wird länger. Nur zwei Beispiele aus den letzten Tagen. Vor einigen Tagen ging die Geschichte der vorgeblichen Vergewaltigung von Gina-Lisa Lohfink durch die Medien, vor allem wohl durch die sozialen Medien. Immer wieder wurde über die deutsche Justiz geschimpft, die den Opfern von Vergewaltigungen nicht hilft und sie stattdessen auch noch zu Täterinnen macht.

    Ich wollte dagegen anschreiben, wollte darauf hinweisen, dass die Staatsanwältin und die Richterin womöglich Informationen und Erkenntnisse haben könnten, die uns allen in diesem ganzen Internet nicht vorliegen. Dass es keinen plausiblen Grund gibt, wirklich anzunehmen, dass sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Gericht ohne Beweis und Argument nicht nur die Klage der Frau abweisen, sondern sie auch noch wegen Falschaussage verurteilen.

    Aber ich habe es nicht getan. Ich war nachher froh, zu sehen, dass wenigstens Jan Fleischhauer in seiner Kolumne bei Spiegel Online mutig genug war.

    Zweites Beispiel: In Münster gibt es zurzeit Plakate, auf denen eine Frau von hinten zu sehen ist. Oben drüber steht: „Belästigung bleibt haften“. Auf dem Pullover der Frau haften Post-Ist, da steht so was drauf wie „Nachgepfiffen“, „Nachgegafft“ und „Nachgerufen“.

    Ich denke immer, wenn ich daran vorbeiradle: Wenn das schon Belästigungen sind, gegen die man Plakate aufhängen muss, dann wird es bald eine sehr sterile Gesellschaft sein, in der wir leben. Auch darüber wollte ich schreiben, aber ich kriege es nicht fertig.

    Warum? Mir macht meine Schreibangst Angst. Ich habe schon oft erlebt, seit ich öffentlich schreibe, dass Leser mich extrem missverstehen, dass sie argumentative Keulen schwingen, die mich zusammenzucken und schweigsam werden lassen. Ich habe auf der anderen Seite noch nie erlebt, dass ich jemanden zum Nachdenken bringen konnte, der nicht ohnehin schon fast meiner Meinung war.

    Ich habe keine Kraft und keine Lust mehr, solche Texte zu schreiben, die mutig einen Standpunkt vertreten, solche Texte wie damals in meiner Kolumne beim Freitag. Noch vor wenigen Jahren bin ich keiner Diskussion ausgewichen. Heute ziehe ich mich ins Philosophieren zurück, auch, weil ich feststellen musste, dass man doch wenig oder nichts mit diesem Schreiben ausrichten kann.

    In der Zwischenzeit entwickelt sich diese Gesellschaft immer schneller in eine Richtung, in der wir einander nur noch als Neutren behandeln, aus der die Erotik verbannt sein wird, in der die möglichen Beziehungen, bevor wir sie eingehen, rational ausgehandelt werden müssen. Das Ergebnis wird sein, dass wir eben keine Nähe mehr zulassen werden, keine Überraschungen mehr akzeptieren. Wahrscheinlich wird schon bald ein Kompliment, das sich auf einen Anblick, eine Bewegung oder gar einen Duft bezieht, als sexuelle Belästigung verurteilt.

    Und ich werde mir eingestehen müssen, dass ich daran mit Schuld bin. Weil ich zu feige war, darüber zu schreiben, als es noch nicht ganz zu spät war.