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  • Von dunklen Tech-Lords und schwindelfreien Populisten

    Von dunklen Tech-Lords und schwindelfreien Populisten

    „Wenig Text fürs Geld“, sagt die Tochter, die mir freundlicherweise Giuliano da Empolis neues Werk „Die Stunde der Raubtiere“ in einer Kölner Buchhandlung besorgt hat, und sonderlich umfangreich ist das Buch tatsächlich nicht. Ich nehme es sofort zur Hand, denn düstere Tech-Lords à la Darth Vader finde ich seit Kindheit hochspannend.

    Was es braucht, um Gesellschaften zu destabilisieren

    Der „dunkle Fürstenspiegel“ (so steht es im Klappentext) ist in 12 Kapitel unterteilt, in denen der Autor anhand persönlicher Begegnungen mit den Spitzen aus Politik und Hochfinanz nachzuweisen versucht, dass wir uns am Übergang der regelbasierten Periode – wie wir sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kannten – in eine Phase des Social Media getriebenen Chaos befinden. Da die meisten Kipppunkte bereits unwiderruflich überschritten sind, ist die Rückkehr zur alten Ordnung unwahrscheinlicher als der Eintritt ins Zeitalter ungezügelter Geldgier und zunehmender Brutalität.

    Die neue Ära wird bestimmt von Tech-Lords und Populisten, die einander bedingen. Ohne Musk & Zuckerberg keine Trump & Bukele, ohne Cambridge Analytica keine zielgenaue Manipulation des individuellen Wahlverhaltens, ohne superschlaue Algorithmen und künstliche Intelligenz keine Abstiegsängste der Mittelschicht. Während das Silicon Valley den Nährboden für die Demagogen bereitet, verschonen diese, sobald sie an den Schalthebeln der Macht sitzen, die Tech-Branche vor jeglicher Regulierung: Hass und Hetze werden nicht gesetzlich sanktioniert, sondern gelten als legitime Manifestationen des Rechts auf freie Meinungsäußerung, K.I. – obwohl längst als gefährlichste Waffe seit Erfindung der Atombombe ausgemacht – wird in den Händen der Privatwirtschaft belassen, anstatt sie strikter staatlicher Kontrolle zu unterziehen. Den offenkundigen Arbeitsplatzverlusten in traditionellen Branchen aufgrund von immer mehr Technik wird kein öffentliches Konjunkturprogramm entgegengestellt; man lässt die Sache einfach weiterlaufen. Wer nicht clever genug ist, sich vom Taxifahrer zum Smartphone-App-Programmierer umschulen zu lassen, landet auf der Straße. Ohne jegliche Alimentierung. Survival of the fittest.

    Da Empoli stellt 4 Thesen auf:
    (I) (Tech-) Milliardäre & Demagogen benötigen Chaos, um erfolgreich handeln zu können
    (II) Aktion (oft erratisch wirkend) tritt an die Stelle von Diplomatie
    (III) Angriffswaffen werden immer billiger -> Krieg lohnt sich
    (IV) Das Zeitalter unregulierter Gewalt steht unmittelbar bevor.

    Keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse

    Das sind keine brandneuen Einsichten; wer aufmerksam die Zeitung studiert oder hin und wieder Dokus auf Arte schaut, hat das alles schon mal gelesen und gehört. Dass Musk & Trump, auch wenn sie sich mitunter um Aufmerksamkeit buhlend auf ihren Plattformen bis aufs Blut fetzen, dennoch Best buddys bleiben, hat seinen Grund darin, weil sie beide voneinander abhängig sind: die Meinungsmache in X und die Milliarden von Musk bewirken hohe Zustimmungswerte für handwerklich schlechte Politik, und diese Politik wiederum garantiert, dass der Tech-Lord ungebremst weiter agieren kann, ohne staatliche Beaufsichtigung seines mitunter dubiosen Geschäftsgebarens befürchten zu müssen. Dass der US-amerikanische Präsident keine Memos studiert, bevor er ans Rednerpult tritt und oft Sachen sagt, die altgedienten Diplomaten den Angstschweiß auf die Stirn treiben – das ist ebenfalls bekannt. Drohnen revolutionieren die Kriegsführung nicht nur, sie machen Angriffskrieg vor allem rentabel. Der Verteidiger muss jetzt mehr Geld aufwenden als der Aggressor. Und die Verächtlichmachung von Völker- & Menschenrecht führt natürlich in der Konsequenz zu Grausamkeiten à la Krieg in der Ukraine und dem allmählichen Schleifen des Minderheitenschutzes in Ländern, die von Autokraten gekapert werden.

    Neu sind die einzelnen Thesen des Autors also nicht; neu ist allenfalls ihre Synthese in gestraffter Form.

    Französische Könige, Condottieri & Konquistadoren

    Da Empoli widersteht dem Reflex, die 20-er Jahre des 21-sten Jahrhunderts mit den frühen 30-ern des 20-sten gleichzusetzen, sondern springt stattdessen 500 Jahre zurück an den Beginn der sog. Neuzeit, als Franz VIII mit Hilfe der damals die Kriegsführung revolutionierenden schweren Artillerie weite Teile Italiens eroberte und eine längere Periode des Friedens auf der Apennin-Halbinsel abrupt beendete, Konquistadoren wie Cortez & Pizarro mit kleinen Mannschaften – aber technisch überlegen – die großen Reiche der Azteken und Inkas quasi im Handstreich in die Knie zwangen und schillernde Figuren wie Cesare Borgia die Bühne der Politik betraten, wo sie eine Zeit lang schwindelfrei agierten, bevor sie von der nächsten Generation machthungriger Thronanwärter beseitigt wurden.

    Das ist eine durchaus gelungene historische Analogie und man möchte nachträglich Henry Kissinger applaudieren, der auf die Frage, wie man sich am besten darauf vorbereitet, eine führende Rolle in der Weltpolitik zu spielen, antwortete: „Studieren Sie Geschichte, studieren Sie Geschichte, studieren Sie Geschichte!“ [Bonmot wird ursprünglich Churchill zugeschrieben].

    Autokratie mit Tech-Lords als politischer Normalzustand?

    Wer Bekanntes – unter der Voraussetzung, Sie lesen regelmäßig Zeitung und schauen Dokus auf Arte – in geraffter Form präsentiert haben möchte, dem sei „Die Stunde der Raubtiere“ durchaus ans Herz gelegt. Unser unaufhaltsamer Marsch ins neue Zeitalter von Disruption & Brutalität wird von da Empoli unterhaltsam geschildert, er verliert interessanterweise kaum Worte darüber, was man hätte anders machen können, wo (vertane) Chancen bestanden, den Prozess im letzten Moment zu stoppen. Der Weg in die Autokratie quasi als politisches „Natur-“ Gesetz. Der Aufbau des Buchs – alle Kapitel schildern persönliche Begegnungen mit Staatsmännern und Top-Unternehmenslenkern – wirkt ein bisschen eitel: schaut her, welche Politpromis ich kenne und mit wem ich schon alles geredet habe. Aber das sei dem Autor verziehen. Dessen Conclusio ist übrigens pessimistisch:

    Wir hatten das große Glück, eine lange Zeit des Friedens und der Demokratie zu erleben. Aber der Glaube, dass dieser Zustand normal ist, ist falsch. Tatsächlich ist das erfolgreiche Fernhalten der Raubtiere in der Geschichte eher die Ausnahme als die Regel. Es gibt immer wieder Phasen, in denen die Raubtiere frei umherstreifen, unterbrochen wiederum von Phasen, in denen sie gebändigt werden können.
    © Giuliano da Empoli im Interview: „Jetzt kommt die bitterböse Rechnung“
    +++

    Giuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
    Verlag C.H. Beck
    127 Seiten
    3. Aufl., Sep. 2025
    ISBN: 978-3-406-83821-7

  • Eine Bundespräsidentin, aber was für eine Kandidatin?

    Eine Bundespräsidentin, aber was für eine Kandidatin?

    Der aktuelle Bundespräsident hat noch zwei Jahre im Schloss Bellevue vor sich, aber die Debatte um die Kandidaten für seine Nachfolge ist bereits im Gange. Vor allem wird darüber diskutiert, ob nicht endlich eine Frau Kandidatin und dann Bundespräsidentin werden sollte. Man könnte sagen, dass es in der Tat höchste Zeit dafür ist. Man könnte auch einwenden, dass ausgerechnet ein Amt, von dem man im Allgemeinen sagt, dass es eher repräsentative Funktion hat, das letzte ist, was der Gleichstellung der Frauen im politischen Leben dient.

    Was macht eine gute Kandidatin aus?

    Bevor wir über das Geschlecht der Person an der Staatspitze verhandeln, sollte deshalb geklärt werden, was man von ihr eigentlich erwartet. Was für eine Person sollte Bundespräsidentin werden? Sie gehört zu keiner der Staatsgewalten, die sich die Macht teilen sollen, aber sie ist nicht machtlos. Nicht nur, dass sie in bestimmten Momenten des politischen Geschehens eben doch etwas entscheiden kann. Gerade weil sie jenseits der Gewalten steht, hat sie eine Bedeutung, wenn sie die Richtige ist. Denn wer im Schloss residiert, hat die störende Macht des Worts, auch wenn die, die im Tagesgeschäft der Politik ungern gestört werden wollen, den unbequemen Bundespräsidenten gern das Wort verbieten würden. Man denke an die Sternstunden des Amts, etwa an die Worte Roman Herzogs, dass ein Ruck durch Deutschland gehen müsse.

    Deshalb hat die politische Klasse, deren Vertreter über die Besetzung des Amtes entscheiden, das Amt auch am liebsten als Altersruhesitz für einen der ihren bestimmt. Eine ehemalige Politikerin, die Verständnis dafür hat, dass niemand durch das öffentliche präsidiale Wort aufgescheucht werden möchte, kommt da als Kandidatin und als Bundespräsidentin in Frage. Eine Person, die die Verbindlichkeiten, die sie gegen diejenigen hat, die ihn an diesen schönen Platz gestellt haben, von allzu kritischen oder provozierenden Reden abhalten, ist gern gesehener Sonntagsredner bei den Anlässen der erhebenden Selbstvergewisserung der Politik. Deshalb suchen die Parteien, und mit ihnen die geneigte Öffentlichkeit, nun auch unter ehemaligen und amtierenden Ministerpräsidentinnen und Parlamentsvorsitzenden nach einer geeigneten Dame.

    Die besten, nachhaltig eindrucksvollsten und unvergessenen Präsidenten waren aber bisher die, die nie oder kaum im politischen Geschäft waren. Deshalb sollte auch nach einer Präsidentin außerhalb der Riege der Ministerinnen und Abgeordneten gesucht werden. Was für Menschen kämen in Frage?

    Das Amt verlangt nach der Bereitschaft zu kritischer Reflexion und nach der Fähigkeit zur offensiven, eindringlichen und verständlichen Rede, die alle anspricht, die Mut machen kann, gerade weil sie auch Versäumnisse und Risiken benennt. Zugleich soll eine Kandidatin für die Position der Bundespräsidentin aber in der Lage sein, Gründe für Zuversicht zu nennen. Solche Leute findet man vermutlich am ehesten an den Universitäten und den Forschungsinstituten.

    Gute Kandidatinnen: Professorinnen und Publizistinnen

    Historikerinnen, Kunstwissenschaftlerinnen, Soziologinnen und Politikwissenschaftlerinnen oder Juristinnen kommen in Frage, aber auch Schriftstellerinnen, Künstlerinnen mit wachem Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Von ihnen gibt es viele im Lande. Sie äußern sich schon heute zugleich kritisch wie auch im Geiste der Demokratie und der Republik in den Medien. Sie schreiben Bücher über die Herausforderungen und über die Zukunftschancen unserer Gesellschaft.

    Die Parteien sollten den Mut haben, Kandidatinnen für das Amt der Bundespräsidentin außerhalb ihrer eigenen engen Zirkel zu suchen. Wenn sie Radio hören, wenn sie auf die Sachbuch-Neuerscheinungen der letzten Jahre schauen, wenn sie zuhören, wer sich öffentlich um die Demokratie im Lande, um die europäische Integration und um den Frieden in der Welt sorgt, werden sie die richtige Frau fürs Amt finden. Es muss keine Politikerin sein. Der politischen Stimmung im Lande würde das gut tun.

    In der letzten Kolumne von Jörg Phil Friedrich ging es um Fragen der medizinischen Lebensverlängerung und den assistierten Suizid.

  • Bürgergeld war gestern

    Bürgergeld war gestern

    Mittlerweile hat auch der letzte Sozialstaatromantiker-Boomer verstanden, dass Reformen hermüssen. Und zwar schon in diesem Herbst, weil sonst die Wirtschaft abschmiert, die Arbeitslosigkeit steigt, das System unbezahlbar wird, und es so halt auch im Wahlprogramm der CDU drinsteht, und der Kanzler zudem zur Eile drängt.

    Nun sind ja Reformen per se nichts Schlechtes. Irgendwas wird ständig reformiert – aktuell steht die Bundeswehr wieder ganz oben auf der To-do-Liste – oder re-reformiert wie beispielsweise die Rückabwicklung vieler von der Ampel beschlossener Klimaprojekte. Reform mithin als Normalzustand und Daueraktivität im Politikbetrieb. Warum also nicht auch die Sozialsysteme periodisch überprüfen und – falls notwendig – entsprechend neu justieren? Spricht erst mal nichts dagegen.

    Vorab ein paar Zahlen

    Aus der Sicht des Bundes stellt die Position ‚Soziales‘ (sog. Haushaltsstelle 11 = Bundesministerium für Arbeit und Soziales) wahrlich einen Riesenbrocken dar: im laufenden Jahr werden dafür nahezu 200 Milliarden Euro verausgabt, was wiederum ca. 38 Prozent des Gesamtbudgets entspricht. Damit ist ‚Soziales‘ unangefochtener Spitzenreiter. Auf den Plätzen folgen ‚Verteidigung‘ (16%) und ‚Allgemeine Finanzverwaltung‘ (was auch immer sich dahinter verbergen mag; knapp 9%). Die Haushaltsstelle 11 wird wiederum in Kapitel unterteilt, von denen die beiden wichtigsten ‚1102: Rentenversicherung und Grundsicherung im Alter‘ und ‚1101: Leistungen nach dem Zweiten und Dritten Sozialgesetzbuch‘ lauten. Da wir uns im Folgenden auf das Bürgergeld konzentrieren, soll Kapitel 1101 noch etwas weiter aufgedröselt werden. Es gliedert sich in ‚Titel‘, die da heißen: ‚Bürgergeld‘, ‚Beteiligung des Bundes an den Leistungen für Unterkunft und Heizung‘, ‚Verwaltungskosten‘, ‚Leistungen zur Eingliederung in Arbeit‘, ‚Darlehen an die Bundesagentur für Arbeit‘ zzgl. ein paar weitere kleine Titel und summiert sich auf sagenhafte 55 Mrd. Euro/Jahr (Bund). On top zu rechnen ist der Anteil der Kommunen für Unterbringung & Heizung, der von Bundesland zu Bundesland variiert; wenn wir ihn durchschnittlich hälftig ansetzen, wären das zusätzliche 6 bis 7 Mrd, sodass wir jetzt schon bei 60 angelangt sind. Da allerdings nicht sämtliche Ausgaben eins zu eins den Empfängern zufließen, liest und hört man in den Medien zumeist die Zahl 50 (Milliarden Euro/Jahr), sobald die Rede aufs Bürgergeld kommt, der ich mich, weil ich mir 50 gut merken kann, und das hier eine Kolumne und kein Fachreferat vor Finanzwissenschaftlern ist, der Einfachheit halber anschließen werde.

    Den 50 Milliarden stehen aktuell 5.5 Millionen Bezieher gegenüber. Diese splitten sich (grob) in: 4 Mio. erwerbsfähige (-> Arbeitslosengeld II) und 1.5 Mio. nicht-erwerbsfähige (-> Sozialgeld) Empfänger.

    Der monatlich vom Jobcenter an den „Kunden“ überwiesene Betrag setzt sich zusammen aus:
     Regelsatz: 563 Euro (alleinstehender Erwerbsfähiger)
     Kaltmiete
     Heizung
     Nebenkosten Wohnung.

    Ist natürlich wg. der Mietkosten von Stadt zu Stadt unterschiedlich, überschreitet jedoch selten die 1400-Euro-Marke. Der Normalfall wird darunter liegen, im Intervall zw. 1000 und 1200 Euro. Zusätzlich übernimmt der Staat für die Dauer des Bezugs die Beitragszahlung an die Krankenversicherung.

    Das war’s jetzt aber auch mit den langweiligen Zahlen, die ich alle mühsam recherchieren musste; wollte mir dieses Mal aber den Vorwurf, der Hirsch hat wie immer keine Ahnung, ersparen und habe mich morgens nach der ersten Tasse Kaffee drangesetzt, das Internet nach (seriösen) Statistiken zu durchforsten.

    Herbst der Reformen

    Die Koalition hat den ‚Herbst der Reformen‘ angekündigt, und als erstes soll das Bürgergeld generalüberholt werden.

    Wir sind sehr, sehr weit mit der Bürgergeldreform Teil eins, die jetzt im Herbst, wahrscheinlich jetzt im Oktober, das Licht der Öffentlichkeit erblickt – wahrscheinlich in den nächsten ein, zwei Wochen.
    © Carsten Linnemann, CDU-Generalsekretär

    Das reicht von Symbolischem – der freundliche Name Bürgergeld soll weg und durch das etwas sperrige ‚Grundsicherung für Arbeitssuchende‘ ersetzt werden – über Selbstverständlichkeiten – Sozialbetrug wird konsequent verfolgt – hin zu konkreten Kürzungen: Regelsatz einfrieren, Sanktionen bei unentschuldigtem oder mehrmaligem Fernbleiben von Terminen, (bisheriges: Schon-)  Vermögen wird angerechnet, bei Überschreiten des Mietendeckels oder der zulässigen Quadratmeterzahl muss sofort eine kleinere Wohnung gesucht werden etc.

    Unterm Strich soll eine Einsparung in der Größenordnung von 5 bis 7 Mrd. Euro stehen (die frühere Einschätzung 10 Mrd. erwies sich bei nochmaligem Kalkulieren anscheinend als zu optimistisch angesetzt, weshalb man sie vorerst fallen ließ). Kanzler Merz macht folgende Gleichung auf: 100.000 Bezieher raus = 1.5 Mrd. Euro gespart. Um auf die o.g. Zielgröße zu kommen, müssen also 3-500.000 Empfänger das System verlassen.

    Nun klingt das alles erst mal positiv: 5-7 Mrd. sparen, 300.000 Menschen sofort von der ALG2-Hängematte runterwerfen, die freiwerdenden Ressourcen auf die Vermittlung des Rests konzentrieren, die Verweildauer in staatlicher Alimentierung so kurz als möglich gestalten. Alle sind glücklich: die CDU, weil sie eins ihrer zentralen Wahlversprechen erfüllt, die Regierung, weil sie Einigkeit und Handlungsfähigkeit beweist und das Volk, weil den Sozialschmarotzern endlich der Geldhahn zugedreht wird. Bei näherer Betrachtung gerät man jedoch ins Grübeln und bemerkt, wie kleinmütige Gedanken vom Zwerchfell in die Zwischenhirnrinde hochkriechen:
    (a) 300.000 von 4 Millionen sind 7.5 Prozent
    (b) 5-7 Mrd. entsprechen 10-14 (in Bezug aufs Bürgergeld), bzw. 2.5-3.5 (in Relation zum Etat des Arbeitsministeriums) oder gar nur 1-1.4 Prozent (in Blickrichtung aufs gesamte Bundesbudget)
    (c) v.a. was passiert mit den 3.5 Mio. Erwerbsfähigen, die nach dem Herbst der Reformen weiterhin im ALG2-Bezug verbleiben?

    Zu verzagt gedacht, Herr Autor, sagen Sie? Irgendwo muss man anfangen. Und dieser Anfang besteht halt immer in einem ersten Schritt.
    Mag sein, antworte ich. Jedoch fehlt mir bei all der Sparerei ein schlüssiges Konzept, wie man diese Menschen wieder in (auskömmlich) bezahlte Arbeit bringt. Nur 3-500.000 aussortieren kann der Weisheit letzter Schluss wahrlich nicht sein. Zumal die prognostizierte Ersparnis für den Bund ja jetzt auch kein großer Wurf ist. Okay, okay, Kleinvieh macht auch Mist; sehe ich ein.

    Strengt euch (mehr) an!

    Atalay: „Also, es wird schwieriger für diejenigen, die sich nicht anstrengen sozusagen.”
    Merz: „Das könnte die Überschrift sein.”
    Atalay: „Also die Überschrift: Strengt euch an…!”
    Merz: „… dann helfen wir. Und wenn nicht, dann gehen wir davon aus, dass ihr die Hilfe des Staates nicht braucht. […] Wir wollen ja wirklich denen helfen, die die Hilfe brauchen. Und wir wollen vor allem dafür sorgen, dass sie zurück in den Arbeitsmarkt kommen. Da müssen sie hin. Und wir müssen einfach die Zahl derer, die im jetzigen Bürgergeld sind, deutlich reduzieren.”
    © RTL: Wer sich nicht anstrengt, braucht „die Hilfe des Staates nicht”

    Und hier gelangen wir nun an den Punkt, an dem es spannend wird = was plant die Regierung perspektivisch, um die Arbeitsvermittlung zu beschleunigen? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht; was aber vllt. daran liegt, dass bis auf die altbekannten Floskeln wie „Wirtschaftsmotor muss rasch angeworfen werden“, „(Unternehmens-) Steuern runter & Energiekosten senken!“, „Arbeit muss sich wieder lohnen“ diesbezüglich von der Politik wenig kommt. Bis der Wirtschaftsmotor erneut auf Hochtouren läuft (unter der optimistischen Voraussetzung, die Trumpschen Zölle lassen das überhaupt zu), sind vermutlich 3 Millionen der heutigen Bürgergeld-Erwerbsfähigen entweder in Rente oder liegen unter der Erde. Was könnte also schnell und konkret getan werden, um (Dauer-) Arbeitslosen zu sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen zu verhelfen?

    3 Vorschläge:
    (1) Zielgerichtete Fortbildungsmaßnahmen in Absprache mit den Betrieben (der Deal lautet: Arbeitsagentur/Jobcenter übernimmt die Finanzierung der Schulung; im Gegenzug verpflichtet sich das Unternehmen, den nun qualifizierten Kandidaten auch tatsächlich einzustellen)
    (2) Regionale Zumutbarkeit lockern: notfalls muss 50km (one way) zum Arbeitsplatz gependelt werden
    (3) Mehr Wechselbereitschaft: weshalb sollte ein arbeitsloser Schreinergeselle nicht alternativ im Fassadenbau beschäftigt werden, oder ein Industriearbeiter (nach entsprechender Umschulung) sein zukünftiges Glück im Handwerk finden?

    Wovon ich persönlich wenig halte, sind Sachen wie: betriebsbedingt entlassener und aufgrund seines fortgeschrittenen Alters (Mitte 50) dauerarbeitsloser Akademiker wird via Zeitarbeitsfirma in Call Center transferiert (im Bekanntenkreis schon erlebt) … solch ein doppeltes Downgrading (beruflich u finanziell) führt in der Konsequenz zu überbordendem Alkoholkonsum, weshalb man diesen Bekannten mittlerweile häufiger in der Suchtklinik als am Arbeitsplatz antrifft.

    Achtung: Wir sprechen hier einzig über die Mikroebene. Soll heißen: Wir versuchen, die offenen Stellen (aktuell 600-700.000 in Deutschland) möglichst rasch aus dem Heer der Bürgergeldempfänger zu bestücken. Selbst, wenn das zu 100 Prozent gelänge, verblieben jedoch weiterhin mehr als 2 Millionen Menschen ohne Arbeit -> wohin mit denen? Sollen die geduldig auf das Anspringen der Konjunktur warten?

    Die Politik kommt deshalb nicht drumherum, sich Gedanken über die Aufstockung des zweiten Arbeitsmarktes zu machen und muss wahrscheinlich sogar den öffentlichen Sektor vergrößern, wenn sie das Problem (Dauer-) Arbeitslosigkeit konsequent lösen möchte. Widerspricht der liberalen Wirtschaftslehre. Weiß ich. Vor die Wahl gestellt, einer ökonomischen Doktrin zu widersprechen und Menschen in Arbeit zu bringen, entscheide ich mich für die zweite Möglichkeit.

    Zuvorderst Symbolpolitik

    Wollen wir am Ende dieser Kolumne festhalten:
    (A) Es gibt ungefähr 5x so viele Menschen, die Arbeit suchen als offene Stellen
    (B) Die Vermittlung aus ALG2 heraus gestaltet sich oft schwierig (z.B. Arbeitsstelle räumlich zu weit entfernt, Bewerber möchte sich beruflich nicht verschlechtern, es gibt schlichtweg keinen passenden Job)
    (C) Der weitaus größte Teil der Bezieher ist unverschuldet (dauer-) arbeitslos und würde liebend gerne wieder arbeiten (unter der Voraussetzung, der neue Job ist zumutbar)
    (D) Regelsatz plus Miete plus Heizung & Nebenkosten stellen das Existenzminimum sicher
    (E) Sozialbetrug (Schwarzarbeit, Verschweigen von Vermögen u.ä. ) ist auch heute schon strafbar.

    Die geplanten Sanktionen/Kürzungen – so sie vor Gericht bestehen – mögen in Einzelfällen opportun sein, dürfen aber auf keinen Fall dazu führen, dass man eine der ärmsten Bevölkerungsgruppen unter den Generalverdacht stellt, es sich in der sozialen Hängematte bequem zu machen und generell arbeitsscheu zu sein. Dem widersprechen sämtliche Erfahrungen, die ich in den vergangenen 20 Jahren zum Thema Arbeitslosigkeit im Freundes- & Bekanntenkreis gesammelt habe. Niemand gammelt gerne 24/7 zu Hause auf dem Sofa rum. Alle möchten arbeiten, haben aber nach 200 abgelehnten Bewerbungen oft den Glauben ans System verloren und ertränken den Frust in Alkohol. Die Klugen treiben stattdessen Sport, um sich, falls ein Wunder eintreten sollte, und sie bei der 201sten Bewerbung ne Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen, fit zu halten. Sind aber nun mal nicht alle klug. Die Korrelation zwischen (Dauer-) Arbeitslosigkeit und Alkoholismus/Suchtklinik ist eng.

    Ob die Leistungen gem. Zweitem & Drittem Sozialgesetzbuch jetzt ALG 2, Hartz 4, Bürgergeld oder Grundsicherung genannt werden, ist ein Nebenkriegsschauplatz. Ich mag den von der Ampel eingeführten Terminus ‚Bürgergeld‘ ganz gerne, weil er freundlich anmutet, kann aber ebenfalls mit Grundsicherung gut leben. Für die Empfänger ist der Inhalt (pünktliche Zahlung) eh wichtiger als das Etikett. Ob der neue Name auch frischen Schwung in die Sache bringt iSv. die Vermittlungsquote zieht an, bleibt abzuwarten. Falls ja, wäre das überaus begrüßenswert. Allein mir fehlt der Glaube. Sanktionen & Kürzungen im Verein mit einer konsequenteren Verfolgung von Sozialbetrug werden zwar dazu führen, dass ein kleiner Prozentsatz der Bezieher aus dem System rausfällt, jedoch wird sich für den Rest (98-99 Prozent) nichts ändern, so lange nicht offene Stellen in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen.

    Rubrik: (bisher) mehr ein Reförmchen denn eine Reform aka Symbolpolitik.

  • Lebensverlängerung oder Assistierter Suizid: Das Sterben vermögen

    Lebensverlängerung oder Assistierter Suizid: Das Sterben vermögen

    Der Schutz des individuellen Lebens eines jeden Einzelnen ist in unserer Gesellschaft zum höchsten Wert geworden. Lebensverlängerung ist gut, assistierter Suizid ist problematisch. Um ein Leben zu retten, werden alle Mittel in Bewegung gesetzt, mit hohem Aufwand wird versucht, eine Bergsteigerin aus unwegsamem Gelände zu bergen, und um schwerkranke Menschen zu heilen oder wenigstens ihr Sterben so weit wie möglich hinauszuzögern, werden alle erdenklichen Möglichkeiten und Verfahren der modernen Medizin aufgewandt.

    Zwang zur Lebensverlängerung

    Aus dem Wunsch, jeder Person ein möglichst langes Leben zu ermöglichen, ist längst ein Zwang zum Weiterleben geworden, wobei man oft eher vom Weiterleiden sprechen müsste. Wer im Alter schwer erkrankt, muss heute damit rechnen, noch viele Jahre am Leben gehalten, genauer, vom Sterben abgehalten zu werden. Der Mensch sei sterblich, weil er sterben kann, weil er den Tod als Tod vermag, sagte der Philosoph Martin Heidegger. Aber wir werden vom Sterben abgehalten, selbst, wenn wir nicht mehr leben wollen, wenn das, was wir vor dem Sterben noch zu erwarten haben, nicht mehr als Leben bezeichnen wollen.

    Wir sehen heute viele Kranke und Alte, die zunehmend nur noch darauf warten und hoffen, dass es endlich zu Ende ist. Und viele Kinder und Enkel behalten ihre Eltern und Großeltern nicht als die starken, lebensfrohen Menschen in Erinnerung, die sie einmal waren, sondern als leidend, kaum noch ansprechbar, immer schwächer werdend und schließlich verschwindend. Diese letzten Begegnungen überdecken immer mehr die Erinnerung an die fröhlichen und guten Zeiten. Das ist oft eine Last vor allem für die, die da krank und schwach in Rollstühlen sitzen und in weißen Laken der Krankenbetten liegen.

    Dagegen regt sich seit einiger Zeit Widerstand, und die Forderung nach den Möglichkeiten des selbst bestimmten Sterbens wird laut. Zuletzt hat der 66jährige österreichische Journalist Niki Glattauer, der an Krebs erkrankt war und seinem Leben durch assistierten Suizid ein Ende gemacht hat, die Diskussion neu angeregt, indem er zuvor offen und ausführlich über seine Absicht und seine letzten Tage gesprochen hat.

    Assistierter Suizid: nur ein Aspekt

    Aber die Liberalisierung und die Akzeptanz der Möglichkeit des assistierten Suizids ist nur ein Aspekt der notwendigen gesellschaftlichen Debatte. Die Äußerungen Glattauers zeigen auch, dass dieser Weg zwar eine mögliche Option sein kann, seine Ermöglichung aber nicht alle Probleme löst. Das nicht einmal wegen der Befürchtung, kranke Alte könnten sich von der Gesellschaft oder von Verwandten zum Freitod gedrängt sehen.

    Das eine ist, wie man auch aus dem Gespräch mit Glattauer entnehmen kann, dass man sich den assistierten Suizid leisten können muss. Einige tausend Euro musste Glattauer insgesamt ausgeben. Das andere ist, dass es nur wenigen gelingen kann, den richtigen Moment für die freie und selbst bestimmte Entscheidung zu einem freien und selbst bestimmten, aktiven Suizid nicht zu verpassen. Wie auch immer ein assistierter Suizid gesetzlich ermöglich wird, er setzt voraus, dass man aktiv und frei handeln kann, das ist vielen, die sich im fortgeschrittenen Stadium einer schweren Krankheit befinden, nicht mehr möglich.

    Notwendig wäre, dass wir die Diskussion um den Anspruch zum Hinauszögern des Todes führen. Die Behauptung, dass jeder einen unbedingten Überlebenswillen habe, der in jeder Notsituation, unter allen Bedingungen wirken und der spätestens im Angesicht des möglichen Sterbens erwachen und stark werden würde, ist ein fragwürdiger Mythos. Wir sprechen zu wenig darüber, ob wir wirklich bei schwerer Krankheit immer wieder gerettet werden wollen.

    Selbstverständlich sagen dürfen: Es ist genug

    Wir brauchen die Möglichkeit, ganz selbstverständlich zu sagen, dass es genug ist, dass man sich selbst und seinen Nächsten das bevorstehende Leiden nicht zumuten will. Statt in immer neue Möglichkeiten des Hinauszögerns des endgültigen Todeszeitpunkts zu forschen, könnte die medizinische Wissenschaft dann Wege finden, ein solches Leben sachte zu Ende zu bringen, ohne dass ein Suizid nötig ist. Diese Frage stellt sich nicht erst, wenn es darum geht, ob die „Apparate abgeschaltet werden sollen“. Sie drängt sich schon dann auf, wenn absehbar ist, dass ein Leben ohne High-Tech-Medizin, ohne dutzende Medikament am Tag, ohne immer neue operative Eingriffe schon bald zu Ende sein würde.

    Diese Lebensphase nicht zu verlängern und nicht als unmenschliches Leiden erleben zu müssen, sondern sanft und würdig zu überstehbar zu machen, sollte zu einer selbstverständlichen und realistischen Option für jeden werden, der in mit einer Krankheit konfrontiert ist, die leidvoll zum Tode führt.

    In der letzten Kolumne beschäftigte sich Jörg Phil Friedrich mit dem Verhältnis von Recht, Gesetz und Gewissen.

  • Gesetz oder Gewissen

    Gesetz oder Gewissen

    Vor etwas mehr als einem Monat hat sich der Kollege Heinrich Schmitz in seiner Kolumne mit den Begriffen Recht, Gesetz und Gewissen beschäftigt. Die Fragen, die er da aufgeworfen hat, haben mich seitdem nicht losgelassen. Heute will ich meine Sicht auf die Beziehung zwischen den Dingen, die mit diesen Begriffen bezeichnet werden, endlich ausformulieren.

    Recht und Gesetz: Der Unterschied

    Was Gesetz ist, scheint klar: es sind all die Gesetze, die ein Gesetzgeber beschließt, also jene verbindlichen Vorschriften, die in der Bundesrepublik vom Bundestag oder von Landtagen beschlossen und im Gesetzblatt veröffentlicht werden. Es ist sicherlich sinnvoll, nach der Herkunft dieses Begriffs zu fragen, zumal es, wenigstens im allgemeinen Sprachgebrauch, ja auch ungeschriebene Gesetze gibt, die sicherlich nicht vom Bundestag beschlossen werden. Dazu gleich mehr.

    Was den Begriff Recht betrifft, möchte ich etwas von Heinrich Schmitz‘ Verständnis abweichen. Genauer gesagt, war er mir da etwas zu unpräzise unterwegs. Ich meine, dass das Wort eine doppelte Bedeutung hat. Einmal hat es diesen weiteren Sinn, den – wenn ich ihn richtig verstanden habe – der Kollege meinte. Es umfasst dann auch unsere Werte und Grundsätze, die zum Teil im Grundgesetz stehen, die aber auch in den Begriffen Rechtsempfinden und Gerechtigkeit Ausdruck finden.

    Wenn man aber sagt, die Richter seien an Recht und Gesetz gebunden, dann sind nicht solche allgemeinen Vorstellungen gemeint, es sei denn, sie stehen eben im Grundgesetz. Und in diesem Grundgesetz findet man auch Hinweise, was mit Recht gemeint ist, wenn man von der Bindung an Recht und Gesetz spricht. Da ist z.B. vom Bundesrecht die Rede, das Landesrecht bricht. Das sind aber keinen großen, allgemeinen Vorstellungen von Rechtmäßigkeit, Gerechtigkeit und Rechtsempfinden. Zum Recht in diesem Sinne gehören eben neben den Gesetzen auch die ganzen Verwaltungsvorschriften, Verordnungen, auch die Rechtsprechung der obersten Gerichte selbst. Recht in diesem Sinne ist was ganz unspektakuläres, die ganze Menge Vorschriften und allgemeinen Festlegungen, die auf legale Weise, in Beachtung und zur Umsetzung der Gesetze von den Institutionen festgelegt wurden, die die Berechtigung dazu haben.

    Recht als Gerechtigkeit

    Es gibt aber eben auch dieses andere Recht, das wir meinen, wenn wir sagen: Das kann doch nicht Rechtens sein. Das widerspricht meinem Rechtsempfinden, das ist ungerecht. Wenn man meint, dass ein Gesetz geändert werden müsse, abgeschafft oder auch neu eingeführt, dann liegt dem eben schon eine Vorstellung von Recht zu Grunde, das eigentlich gelten müsste.

    Gesetze müssen sich an irgendetwas messen lassen, an den ungeschriebenen Gesetzen der Gerechtigkeit, am Rechtsempfinden. Aber andererseits wäre die Existenz von Gesetzen sinnlos, wenn ich ihnen nur folgen müsste, soweit sie meinem Rechtsempfinden auch entsprechen.

    Einfach so zu sagen: dieser Paragraph dieses Gesetzes, diese Vorschrift, jene Verordnung, widerspricht meinem Rechtsempfinden, also muss ich mich auch nicht daran halten, scheint absurd.

    Widerspruch zwischen Gesetz und Gewissen?

    Man könnte einwenden: so absurd ist das gar nicht. Natürlich kann ich gegen ein Gesetz verstoßen, aber der Staat ist eben berechtigt, mich dafür zu bestrafen. Kein Gesetz kann mich dazu zwingen, etwas zu tun, was ich für Unrecht halte. Hier kommt das Gewissen ins Spiel. Wenn mein Gewissen mit dem Gesetz in Widerspruch gerät, dann soll ich dem Gewissen folgen – sagt das Gewissen. Es kann auch sein, dass ich ein Feigling bin, die Strafe vermeiden will und das Gewissen zum Schweigen bringe, um stattdessen zähneknirschend dem Gesetz zu folgen.

    Ein weiterer Einwand kann lauten: Man sollte gute Gründe haben, wenn man sein Rechtsempfinden, also das, was man eigentlich für rechtens hält, über das Gesetz stellt. Denn das Gesetz, im besten Fall, ist nach Spielregeln zustande gekommen, die es eigentlich akzeptabel machen müssten. Ich sollte also nicht einfach meiner ersten Intuition folgen, wenn ich mich der Forderung eines Gesetzes widersetze, sondern gut abwägen, nachdenken, reflektieren. Was ich in einer ersten emotionalen Reaktion als unrechtes Gesetz empfinde, kann sich, bei weiterem Nachdenken, als ein vernünftiger Kompromiss herausstellen.

    Am Ende bleibt aber das bestehen, was Heinrich Schmitz die Spannung zwischen Gesetz und Gewissen nennt. Ich sehe da allerdings kein Gleichgewicht. Das Gewissen steht, wenn ich es genau bedenke, am höchsten. Wo ein Gesetz, oder eben das Recht mit all den Verordnungen und Vorschriften, etwas von mir fordert, was mein Gewissen für falsch hält, da bin ich – nach gewissenhafter Prüfung – auch verpflichtet, dem Gewissen zu folgen. Dass ich damit den demokratisch legitimierten Staat herausfordere, darf letztlich kein Argument sein. Es mag sein, dass ich zu feige bin, oder zu bequem, die Sanktionen zu ertragen, die meine Gesetzesverletzung provoziert. Damit muss ich dann leben. Aber das Gewissen wird sich davon nicht beruhigen lassen.

    Um Probleme der Wahl von Bundesverfassungsrichtern durch Bundestag und Regierung ging es in der vorigen Kolumne von Jörg Phil Friedrich.

  • Wer darf seine eigenen Richter wählen?

    Wer darf seine eigenen Richter wählen?

    Das deutsche Grundgesetz ist eine wunderbare Erfindung und bewährt sich seit Jahrzehnten, und dennoch enthält es ein paar Baufehler, die sich heute kaum korrigieren lassen. Die Auswirkungen eines dieser Fehler kann man in diesen Monaten angesichts der Wahlen neuer Mitglieder zum Bundesverfassungsgericht erleben.

    Anspruch Gewaltenteilung

    Das Problem ist, dass die Verfassungsorgane, die sich die Macht teilen sollen, nicht unabhängig voneinander zustande kommen. Das ist schon problematisch bei der Wahl der Exekutive, der Regierung, durch das Parlament, die inzwischen eher umgekehrt zur Disziplinierung des Parlaments gegenüber den Partei- und Fraktionsführungen genutzt wird. Noch gravierender ist es bei der Wahl der Angehörigen des höchsten Gerichts. Die Wahlen zum Bundesverfassungsgericht, so bestimmt es das Grundgesetz in Artikel 93, erfolgen je zur Hälfte durch Bundestag und Bundesrat.

    Das führt natürlich dazu, dass diese Verfassungsorgane versuchen, in das Gericht solche Personen zu wählen, die ihnen politisch genehm sind. Man könnte meinen, dass eine ausreichende Durchmischung verfassungsrechtlicher Positionen allein schon dadurch gewährleistet werden könnte, dass die Plätze im Gericht für 12 Jahre vergeben werden. So wäre die Hoffnung, dass in unterschiedlichen Zeiten, bei unterschiedlichen Mehrheitsverhältnissen im Bundestag und in den Ländern, die die Zusammensetzung des Bundesrats bestimmen, auch unterschiedliche Positionen zur Auslegung des Grundgesetzes im Gericht vertreten werden würden, mal konservative, mal liberale, mal progressive.

    Das ist aber keineswegs der Fall. Einerseits führt der Zwang zum Konsens, den die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit hervorbringt, zu dem politischen Postengeschacher, das wir gegenwärtig erleben. Andererseits haben die Führungspersonen in den Partei- und Parlamentsgremien, die da tagen um Entscheidungen herbeizuführen, neben den unterschiedlichen politischen Positionen eben auch gemeinsame Interessen und Vorstellungen darüber, mit was für Personen das Gericht besetzt werden sollte. Nämlich mit solchen, die den Gesetzen und Vorschriften, die ihre Parteien erlassen wollen, eher nachsichtig gegenüber stehen, mit solchen, die Störenfrieden, die die Verfassungsmäßigkeit von Maßnahmen bestreiten, eher ablehnend gegenüberstehen. Grundsätzlich sind Parteipolitiker eher an einem Gericht interessiert, das die Ausweitung von Regelungen und die Begrenzung von Freiheiten, die jedes neue Gesetz mit sich bringt, unterstützen.

    Wer sollte die Wahlen zum Bundesverfassungsgericht durchführen?

    Was wäre die Alternative? Die Besetzung des Bundesverfassungsgerichts könnte durch Organe der Rechtsprechung selbst geregelt werden, man könnte sich ein Wahlgremium vorstellen, das etwa aus allen Berufsrichtern an Bundes-, Oberlandes- und Landgerichten besteht, ergänzt womöglich um die einschlägigen Lehrstuhlinhaber. Dann wäre die Besetzung keine politische, sondern eine fachliche Entscheidung von Juristinnen und Juristen. Persönliche Gespräche etwa mit Verfassungsrechtlern während der Pandemie haben gezeigt, dass unter ihnen Rat- und zum Teil Fassungslosigkeit herrschte angesichts der Grundrechtseinschränkungen, während das zuständige Gericht damals bekanntlich alles bestätigt hat, was die Regierung und das Parlament diszipliniert beschlossen hat. Ein Gericht, das tatsächlich unabhängig von politischen Mandatsträgern besetzt werden würde, hätte damals vermutlich eher ins Grundgesetz als auf Infektionszahlen und die Bilder aus Bergamo geschaut.

    Aber das sind wohl leider Wunschträume, jedenfalls ist es zu solchen Wahlen zum Bundesverfassungsgericht ein sehr weiter Weg. Das liegt an dem zweiten Baufehler unseres Grundgesetzes. Zu seiner Änderung müsste es immer eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag geben. Noch gravierender: Es gibt keinen Weg, die Verhandlung über eine Verfassungsänderung zwingend von außerhalb des politischen Systems her herbeizuführen. Warum aber sollte sich die politische Klasse das Instrument der Richterwahl freiwillig aus der Hand nehmen lassen?

    Auf jeden Fall aber ist die aktuelle Situation der richtige Moment, nicht nur über die Eignung konkreter Personen für einen Platz auf der Richterbank zu diskutieren. Wir müssen auch über die Disziplinierungskraft der Partei- und Fraktionsführungen reden, allem aber darüber, wer über die Zusammensetzung des Gerichtes bestimmen soll, dessen Aufgabe es ist, die Einhaltung des Grundgesetzes vor allem durch die zu kontrollieren, die ihre Richter derzeit selbst wählen dürfen.

    In der letzten Woche ging es in der Kolumne von Jörg Phil Friedrich darum, dass nicht alle Männer Patriarchen sind.

  • Alien Earth – neuer Blickwinkel auf das Weltraummonster

    Alien Earth – neuer Blickwinkel auf das Weltraummonster

    Jeder hat ja in der Jugend ein paar Filme gesehen, die einen derart packten, dass man sie 5x im Kino u im Anschluss noch Minimum 3 Dutzend Mal auf Videocassette angeschaut hat, und von denen man noch im Seniorenstift den anderen Senioren erzählt. Bei mir waren das u.a. Blade Runner, Apocalypse now, Die durch die Hölle gehen, Shining UND Alien – Das unheimliche Wesen aus einer anderen Welt.

    Qualität der Filme lässt seit Teil 2 zu wünschen übrig

    Bei Alien 1 (1979) stimmte alles: der Mix zw. Scifi & Horror, die klaustrophobische Atmosphäre im Raumschiff, der allmähliche Spannungsaufbau, der in schier nicht enden wollenden Schrecken mündet, Innovationen wie das bisher so noch nie gesehene Monster u der Androide Ash und die hervorragend besetzte Crew, aus der Sigourney Weaver in ihrer Rolle als Zweiter Offizier Ellen Louise Ripley herausragt. 1 der 3 Meisterwerke (neben dem o.g. ‚Blade Runner‘ u ‚American Gangster‘) von Ridley Scott (ja ja, er hat noch mehr gute Filme als die 3 genannten gedreht. Schon klar). Bewertung = 10 Punkte.

    Wie’s mit erfolgreichen Produktionen (leider) oft passiert -> es gibt Fortsetzungen. 1986 kam ‚Alien 2 – Die Rückkehr‘ ins Kino. Regie führte nun James Cameron, was man dem Film auch anmerkt: die Story wird schneller erzählt, Actionszenen bestimmen das Bild, die Handlung ist unterhaltsam, hinterlässt jedoch keinen bleibenden Eindruck beim Zuschauer (8 Punkte). Mit ‚Alien 3‘ (1992), der in einem am äußersten Ende des Universums gelegenen Strafgefangenlager spielt, fremdelte ich schon sehr, und bei ‚Die Wiedergeburt‘ (1997) war ich froh, dass die Reihe mit der nun zur Mutter aller Weltallmonster mutierten Ellen Ripley zum Ende kam. Mehr an Alien braucht kein Mensch.

    Das sahen die Produzenten allerdings anders u verfielen 15 Jahre später auf die Idee, dem Franchise ein Prequel voranzustellen: ‚Prometheus‘ (2012), Regie führte erneut Scott. Trotz Riesenbudget, technisch vieler Gimmicks u einer Besetzung, die dem Who is who Hollywoods ähnelt, gelang es dem Streifen an keiner Stelle, cineastisch zu überzeugen. Der Versuch, das Ganze mit der (Prequel-) Fortsetzung ‚Covenant‘ (2017) zu retten, erwies sich als Griff ins Klo, weshalb die öde Vorgeschichte dann auch GSD eingestellt wurde.

    2024 ein weiterer Versuch, nunmehr zeitlich angesiedelt zw. den alten Teilen 1 & 2: ‚Romulus‘. Ein Weltraummonster/Teenager-Lovestory-Hybrid. Technisch gut gemacht, ne Menge Baller- & Splatterszenen; aber weder stellt sich der Grusel des Originals ein, noch verleitet die Handlung dazu, im Gedächtnis haften zu bleiben oder gar im Nachgang über Fragen wie ‚Muss der Mensch alles erschaffen, was die Technik ermöglicht?‘ o ‚Ist das Monster eine allegorische Darstellung der von uns vergewaltigten Natur, die plötzlich zurückschlägt?‘ nachzudenken. Sobald der Abspann läuft, kann man die Geschichte getrost wieder vergessen. (Mit Mühe) 5 Punkte.

    Die Serie kehrt an den Ursprung zurück

    Seit diesem Sommer nun ein weiterer Versuch: Alien: Earth. Dieses Mal als Serie. Kann das gutgehen, ist über das Monster mittlerweile nicht ALLES erzählt worden, was es dazu zu erzählen gibt, grübelte ich und war einige Wochen lang unentschlossen, ob ich da reinschauen will. Vor ein paar Tagen entschloss ich mich spontan, es doch zu tun und wurde (bisher) angenehm überrascht.

    Die Geschichte spielt im Jahr 2120: 5 Megakonzerne regieren die Welt, die wiederum von teils hyperkapitalistischen, teils spleenigen Milliardär-CEOs präsidiert werden. Weyland-Yutani(1 der 5; kennt man seit dem Auftaktfilm) hat vor 65 Jahren ein Forschungsschiff auf die Reise zu einer abgelegenen Galaxie entsandt, um dort nach außerirdischem Leben zu suchen. Die Crew ist fündig geworden und kehrt mit ein paar besonders gruseligen Spezies an Bord zurück zum Heimathafen. Ein paar Tage vor der Landung bricht Feuer aus, die (anfangs kleinen) Monster entkommen aus ihren Käfigen und das Unheil nimmt seinen Lauf. Bis hierher erinnert die Story an die nahezu gleichverlaufende Handlung von Teil 1. Auch die Charaktere sind ähnlich gezeichnet: Zaveri = Ripley (wobei die Zweitgenannte cooler war), Morrow = Ash, Bronski = Kane, Schmuel = Brett. Im Unterschied zum Film verliert sich das Schiff jedoch nicht führungslos in den Weiten des Alls, sondern strandet auf der Erde und zwar in einem Wolkenkratzer in New Siam (Bangkok). Diese Megalopolis gehört zum Einflussbereich von Prodigy (ein weiterer der 5 Konzerne).

    An dieser Stelle betritt die Serie Neuland bzw. spinnt einen zweiten Handlungsfaden: Prodigy hat vor kurzem eine bahnbrechende humanoide Lebensform entwickelt – die sog. Hybriden: Hightech-Körper (Sleeves), in die menschliches Bewusstsein übertragen wird (die Spender sterben nach der Übertragung). Auf diese Weise entsteht die Protagonistin Wendy (im früheren Leben hieß sie: Marcy) = die Karosserie einer 20-jährigen, bestückt mit Erfahrungen & Emotionen eines Kindes. Die Hybriden lernen schnell, da sie nicht wie wir Menschen langweilige Bücher lesen müssen, um sich fortzubilden, sondern sich stattdessen per USB-Anschluss mit einer Datenbank verbinden u das gewünschte Wissen binnen Sekunden dort runterladen. Wendy u ein halbes Dutzend weiterer Superkinder leben in einem Forschungslabor auf einer Insel im südchinesischen Meer, zwei Flugstunden von der Absturzstelle entfernt. Ihre Mentoren sind eine Psychologin (Mensch) u ein Wissenschaftler (Synth = Hightech-Body kombiniert mit einem K.I.-Bewusstsein. Gut gespielt von Timothy Olyphant).

    Die Truppe macht sich auf, das verunglückte Raumschiff zu inspizieren. Und trifft dabei (in dieser Reihenfolge) auf den einzigen Überlebenden Morrow (ein Cyborg = kybernetisch erweiterter Mensch), die extraterrestrischen Spezies (die jetzt schon nicht mehr so klein wie noch vor ein paar Tagen sind) u Wendys Bruder Joseph (als Sanitäter am Unglücksort), der seine Schwester Marcy tot glaubte. Zurück auf der Insel reklamiert der Prodigy-CEO (genannt ‚Der clevere Junge‘. Erinnert ein bisschen an Jesse Eisenbergs Darstellung des jungen Mark Zuckerberg in „The Social Network“)) die Alien-Fracht für sich, was natürlich der Präsidentin von Weyland-Yutani missfällt, die nun Morrow zzgl. einer Hundertschaft schwerbewaffneter Söldner losschickt, um die Aliens ihrem „rechtmäßigen“ Eigentümer zuzuführen. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Humanoide: Maschinen oder doch Menschen?

    Speziell der zweite Handlungsstrang ist es, was die Serie ausmacht; denn der erste im Raumschiff ist ja bloß ein Remake der Story von 1979. Die Geschichte mit der Erschaffung der Hybriden ist spannend, obwohl man Ähnliches schon woanders gesehen hat (bspw. „Altered carbon“). Was passiert, wenn man kindliches Bewusstsein in Chassis verpflanzt, die eher zu 20- o 30-jährigen passen? -> kleine Jungs & Mädchen in Erwachsenenkörpern, die weiterhin von kindlichen Ängsten geplagt werden und mit Puppen spielen. Einzig Marcy durchläuft schnell den Reifeprozess hin zur jungen Frau. Die anderen Hybriden stagnieren emotional. Ist ein Kunstmensch ein Mensch oder eine Maschine (-> eine Sache, die einem Dritten gehört, die man verkaufen u kaufen kann)? Alles nicht superneu: Hybride/Synths gab’s schon immer in den Alien-Filmen, bloß stand bisher noch nie deren Genese im Zentrum des Geschehens. Die Frage, ab welchem Punkt künstliche Intelligenz als dem Menschen ebenbürtig einzustufen ist, woraus dann wiederum individuelle Freiheitsrechte resultieren, wurde bereits in vielen Scifi-Produktionen gestellt. I.d.R. entscheidet der Stärkere der beiden über die Antwort: ist es der Mensch, bleibt die Maschine – egal, wie klug sie ist – auf ewig Maschine; ist es die K.I., tötet sie ihren Schöpfer u versklavt den Rest der Menschheit. Bleibt abzuwarten, wie sich dieses bereits in den ersten Episoden klar erkennbare Spannungsfeld in „Alien Earth“ weiterentwickelt.

    Die Kunstmenschen haben den Vorteil, dass die extraterrestrischen Spezies kein Interesse an ihnen zeigen, sie sich Alien & Co gefahrlos nähern können, während für den normal sterblichen Homo Sapiens bei Kontakt akute Lebensgefahr droht. Diese „Immunität“ prädestiniert die Humanoiden für wissenschaftliche Versuche an den außerirdischen Arten. Wendy erlernt zudem in Rekordzeit die „Sprache“ des Xenomorphs (so wird das Weltraummonster in der Serie bezeichnet): eine Mischung aus Schnalzlauten à la Flipper u Grillenzirpen und kann ihm Befehle erteilen. Wird sie die biologische Superwaffe demnächst gegen ihre Erschaffer richten?

    Mehr Tiefgang als die meisten Filme des Franchise

    Innovativ an der Serie ist das zusätzliche Augenmerk auf die Entstehung der Kunstmenschen, bzw. die Geschichte wird dieses Mal vorrangig aus dem Blickwinkel einer Hybriden erzählt (das gab’s ansatzweise in ‚Alien 4 – die Wiedergeburt‘ mit Winona Ryder als Synth Call, wobei man da lange nicht wusste, dass Call ein Kunstwesen ist). Die düstere Enge des Raumschiffs ergänzt um die räumliche Begrenztheit einer Tropeninsel. Das Monster fühlt sich in beiden Habitaten sofort heimisch.

    Durchgängig unterhaltsam, ohne in Popcorn-Action abzugleiten, bietet eine neue Perspektive auf die Alien-Saga, verfügt über mehr Tiefgang als die meisten der gleichnamigen Filme und ist speziell mit Wendy/Marcy (Sydney Chandler) u Chefwissenschaftler Kirsh (Timothy Olyphant) hervorragend besetzt.

    8.5 Punkte (Staffel 1)
    Auf Disney+

    Nachtrag: bis gestern Abend dachte ich irrtümlich, Alien Earth wäre eine alternative Version des Originals von 1979. ISv. Alien landet auf der Erde, statt im All verschollen zu gehen. Seit heute Morgen weiß ich (ich recherchiere ja schon ein bisschen, wenn ich so nen Text schreibe), dass die Serie das Prequel zum Auftaktfilm sein soll -> das Monster im Raumschiff war gar nicht das erste, sondern sein „Bruder“ geisterte schon einige Jahre zuvor über eine Tropeninsel. Ob das eine gute Idee ist (nimmt nachträglich den Aha-Effekt aus dem Original raus) -> keine Ahnung. mMn wär’s besser gewesen, die neue Geschichte völlig eigenständig zu erzählen, anstatt die Story mühsam in eine Chronologie zu pressen. Aber ich bin eh kein Fan von Prequels.

  • Männer und Patriarchen

    Männer und Patriarchen

    Unbestritten sind noch immer die meisten Menschen in mächtigen Positionen Männer, sei es in der Politik, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft oder im Sport. Ebenso unstrittig ist, dass die meisten Gewalttaten (zumeist gegen Männer) von Männern ausgehen, dass die meisten Morde, von Männern (und an Männern) verübt werden. Aber dass Patriarchen Männer sind, die an der Macht sind, heißt nicht, dass Männer schlechthin Patriarchen sind, dass es Männer sind, die gewalttätig sind, heißt nicht, dass Männer schlechthin gewalttätig sind. Es ist sicherlich eine wichtige Frage, warum an bestimmten Stellen viel häufiger Männer auftauchen als Frauen, aber allein aus dieser Häufung kann man nicht schließen, dass die Männer überhaupt die Herrschenden sind, dass quasi Männer schlechthin gewalttätig sind.

    Sind Männer Patriarchen?

    Wenn linke Politik Herrschaftsstrukturen bekämpfen will und die Macht von Menschen über andere Menschen begrenzen will, muss sie nüchtern analysieren, wer da wirklich wen beherrscht und darf nicht Leute zu den Mächtigen zählen, die eigentlich ohnmächtig sind. Denn dann kann es passieren, dass die, die sich dann zurecht vor den Kopf gestoßen fühlen, sich anderen politischen Kräften zuwenden, solchen, denen es nicht daran liegt, Machtstrukturen zu beseitigen, die vielmehr Macht durch Populismus stabilisieren wollen.

    Die meisten Männer sind gerade nicht in Herrschaftspositionen, sie sind nicht gewalttätig, sie sind keine Mörder. Die meisten Männer haben einen Job, in dem ihnen gesagt wird, was sie tun sollen, sie haben eine Familie, in der sie keine Gewalt ausüben.

    Ein durchschnittlicher Mann durchschnittlichen Alters ist kein Herrscher, weder im Privaten noch im Beruf. Er geht acht Stunden am Tag arbeiten, wo er meist das tut, was ihm ein anderer vorschreibt. Er erledigt zu Hause die körperlich anstrengende Gartenarbeit, erledigt die anfallenden Reparaturen, fährt das Auto in die Werkstatt oder wechselt selbst die Winterreifen, er fährt die Familie in den Urlaub. Und um einem schnellen Einwand sogleich zu begegnen: Ja, das machen alles auch Frauen, aber auch Männer machen mit den Kindern Hausaufgaben, bringen die alten Eltern zum Arzt oder erledigen ihnen die schweren Einkäufe. Männer gehen mit den Kindern auf den Fußballplatz, sie streichen die Wände der Wohnung oder des Hauses.

    Wenn diese Männer abends den Fernseher anschalten oder im Internet herumsurfen erfahren sie, dass sie zu den Herrschern der Welt gehören und im Übrigen für den Untergang der menschlichen Zivilisation verantwortlich sind: Weil sie nicht genug Care-Arbeit leisten würden, weil sie nicht richtig gendern, weil sie Auto fahren und Fleisch grillen.

    Für wen linke Politik da ist

    Das finden diese Männer absurd, und ihre Frauen übrigens ebenfalls. Denn die finden die Arbeitsteilung in der Familie ziemlich in Ordnung, im Gegensatz zu den Frauen, die gar keine Familie und jedenfalls keine Kinder haben, die zu weit entfernt von ihren Eltern wohnen, um im Alltag irgendwas für sie erledigen zu können und die dennoch oder deshalb über die ungebrochene Männerherrschaft diskutieren. Männer und Frauen, die zusammen einen Haushalt führen und sich dabei den Aufwand teilen, der nötig ist, von der bezahlten Arbeit über die Betreuung von Kindern und Eltern bis zur Instandhaltung von Wohnung, Fahrrad, Rasenmäher und Auto, die sich freuen, dann abends zusammen auf dem Sofa oder im Garten sitzen und am Wochenende ein paar Freunde treffen zu können, schütteln über die Patriarchats-Debatten in den Medien nur den Kopf. Und die Parteien, die meinen, ausgerechnet diese Debatten seien wichtig für die Zukunft des Landes, mögen und können sie nicht wählen.

    Für diese Leute, Männer wie Frauen, war linke Politik mal da. Sie hat ihnen gesagt: Wir machen Politik für euch, und wir wissen, dass ihr es seid, die dieses Land, die Wirtschaft und die Gesellschaft überhaupt am Laufen halten. Und wir tun politisch alles dafür, dass das für euch erträglich ist, dass die Macht, die euch regiert und dirigiert, nicht zu stark ist. Heute scheint es so, als ob die Parteien, die sich als Links bezeichnen, den Druck auf diese Leute noch erhöhen wollen, indem sie ihnen sagen, was sie alles falsch machen. Wer das für linke Politik hält, darf sich nicht wundern, wenn die Wähler weglaufen.

  • Wenn die Blase wieder drückt oder …

    Wenn die Blase wieder drückt oder …

    Die Linke kritisiert hohe Toilettengebühren entlang der Autobahnen. Abhilfe soll die Verstaatlichung bringen.

    Die Linke hat gefordert, Autobahnraststätten wieder in staatliche Hand zu überführen. Wie der „Stern“ berichtet, kritisiert die Partei insbesondere die aus ihrer Sicht überhöhten Gebühren für Toilettenanlagen entlang deutscher Autobahnen.
    © t-online: Linke will Raststätten verstaatlichen

    Ich überlege noch, ob ich diesen Text so beginne: Im August müssen ebenfalls Toiletten herhalten, um das Sommerloch zu füllen … oder doch lieber so: Wenn mit zunehmenden Alter 3 Dinge nachlassen, dann das Gedächtnis, die Libido und die Blase. Als 63-jähriger Noch-nicht-ganz-Rentner weiß ich hier ausnahmsweise mal, wovon ich rede.

    Losgelöst von der Widersprüchlichkeit, genug Geld für eine Reise mit dem Auto zu besitzen, um dann an der Raststätte plötzlich zu bemerken, dass der 1 Euro für die Urinalnutzung das Urlaubsbudget sprengt, soll’s in dieser Kolumne auch gar nicht um die angeblich fehlende Sozialverträglichkeit des WC-Obolus gehen, sondern wir wollen uns stattdessen mit dem traurigen Zustand des öffentlichen Toilettenwesens in unserem Land beschäftigen.

    Mit leerer Blase shoppt es sich besser

    Wie sieht die Realität für einen bspw. 63-jährigen Noch-nicht-ganz-Rentner aus dem Bonner Süden aus, sobald er beabsichtigt, die eigenen 4 Wände für einen Halbtagestrip nach Köln zu verlassen? Einfach ins Auto setzen und munter losfahren, ist in diesem Alter nicht mehr. So ein Ausflug muss schon minutiös geplant werden. Der Noch-nicht-ganz-Rentner sollte zum einen darauf achten, dass seine Blase komplett entleert ist, in etwa hochrechnen, wie viele Toilettengänge innerhalb der nächsten Stunden bevorstehen und sich klugerweise vorab darüber Gewissheit verschaffen, welche Anlaufstellen er im Bedarfsfall ansteuern kann.

    Denn, wenn eines in diesem Land sicher ist, dann die Tatsache, dass aushäusiges Urinieren ein Abenteuer darstellt. Fangen wir mit dem angenehmsten Fall an: Sie sind in Köln zum Essen verabredet. Mittelpreisiges Restaurant, mediterrane Küche, nach 1 Flasche Mineralwasser, 1 Viertelliter Valpolicella classico plus 2 Espressi drückt die Blase mittlerweile sehr, Sie entschuldigen sich kurz bei Ihrem Gegenüber, fragen die nette Bedienung nach dem Weg (häufig geht’s ne enge Treppe runter in den Keller), öffnen die Tür mit dem zu Ihnen passenden Identitäts-Symbol, zwängen sich am Waschbecken vorbei und hoffen, dass der Gast vor Ihnen den Ort in einem halbwegs akzeptablen Zustand zurückgelassen hat. Im Anschluss setzen Sie sich entweder auf die nicht mehr ganz taufrische Klobrille (der Lack blättert an zwei Dutzend Stellen ab) oder verrichten Ihr (kleines) Geschäft im Stehen. Dann zurück ans Waschbecken, wo Sie zwar ein paar Tropfen aus einem verrosteten Seifenspender rausquetschen können, jedoch am Handtuch scheitern, weil das so aussieht, als sei es das letzte Mal vor 14 Tagen gewechselt worden. Also die Finger an der Hose abstreifen, die Treppe zurück nach oben, zahlen (Trinkgeld für die nette Bedienung nicht vergessen. Die kann ja nichts fürs 14 Tage alte Handtuch), sich vom Gegenüber verabschieden (mit trockenen Händen, dafür jedoch leicht nassen Hosenbeinen), ins Auto setzen und während der Rückfahrt aufs eigene Badezimmer freuen.

    Wenn das der angenehme Fall war – was bedeutet dann unangenehm, fragen Sie mich nun nicht ganz zu Unrecht? Der unangenehme Fall – und das ist der weitaus häufigere – besteht im normalen Einkaufsbummel. Wenn man eben nicht mal schnell die Treppe in einem mittelpreisigen Restaurant runterlaufen kann, sondern bei Harndrang vor folgender Überlegung steht: Schaffe ich es rechtzeitig zurück nach Hause (dagegen sprechen einige Faktoren: von der Kölner Innenstadt bis in den Bonner Süden dauert es Minimum 1 Stunde – wahrscheinlich wg. des gleich einsetzenden Feierabendverkehrs länger –, das, was ich besorgen wollte, habe ich noch nicht gefunden – Mission also vorzeitig abbrechen?, u.v.a. die 63-jährige Blase hält nicht mehr das, was sie mit 40 noch locker hielt), oder muss ich mich gezwungenermaßen nach Alternativen zum heimischen Klo umsehen? Die Ausweich-WCs können sein/liegen:
    (1) beim Herrenbekleider (nicht: -bestatter): sind zumeist nur fürs Personal vorgesehen
    (2) im McDonald’s: Hunger auf ein BigMac-Menü verspüre ich leider keinen
    (3) in den Systembäckereien: hier reicht zumeist 1 Tasse Kaffee, um den Schlüssel für die Toilette zu erhalten.

    Gute Nerven von Vorteil beim Besuch öffentlicher Toiletten

    Egal, ob man seinem Harndrang in (2) oder (3) nachgibt: angenehm ist das, was einen hinter der Tür erwartet, zumeist nicht. Defekte und übergelaufene Urinale bestimmen das Bild, die Boxen mit den Einzeltoiletten betritt man tunlichst nur dann, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht, Seife ist Glückssache, und die Papierhandtücher sind zumeist alle, weil irgendein Bekloppter 100 Stück auf einmal aus dem Spender rausgezerrt hat (und das Personal nur 1x/täglich auffüllt). Türgriff anfassen verboten, weil man sich das vorherige Händewaschen dann auch hätte sparen können. Wieder draußen auf der Treppe kann von Flach- auf Normalatmung umgestellt werden. Beim Verlassen des Lokals gehen einem Sachen durch den Kopf wie: Hoffentlich sieht es in der Küche hygienischer als auf dem Gäste-WC aus, u/o ich hätte das belegte Brötchen eben besser nicht gegessen. Vorausschauende Menschen haben Sagrotan im Handschuhfach des Autos deponiert, mit dem sie sich vor der Rückfahrt bis zum Ellenbogengelenk desinfizieren.

    Okay, dass Toilettenbesuche bei McDonald’s und in Systembäckereien nicht ohne sind, wissen wir jetzt; aber was ist mit (4) der guten alten, von der Kommune betriebenen, öffentlichen Toilette? Wo ist die geblieben?

    Ja, wo ist die geblieben? Das frage ich mich auch oft, wenn ich durch unsere Innenstädte schlendere. In Köln und Bonn ist es einfacher, einen Straßendealer ausfindig zu machen, als ein kommunales WC zu entdecken. Es gibt sie vereinzelt noch; allerdings sollte man tunlichst über 3 Eigenschaften verfügen, bevor man sie betritt:
    (a) robuster Magen
    (b) stabiles Immunsystem
    (c) generell: gute Nerven.

    Das, was wir in (2) und (3) als unangenehm empfanden, tritt bei (4) potenziert auf -> Augenlicht auf unscharf dimmen, Aufhören zu atmen, NICHTS anfassen, die Einzelboxen NICHT betreten (für Frauen natürlich schwierig), nicht länger als unbedingt nötig verweilen, Seife (eh nicht vorhanden) & Wasser (an den Hähnen nisten 1 Milliarden Bakterien & Viren) sind egal, Türklinke mit dem bedeckten Unterarm öffnen, SCHNELL zum Auto: dort die komplette Sagrotanflasche über die Hände geben und die Arme damit bis zum Schulteransatz einreiben. Zurück zu Hause 1 Viertelstunde unter die Dusche und prophylaktisch Vomex auf dem Nachttisch deponieren.

    Höchste Zeit für mehr (saubere) Klos!

    Das ist aber VIEL Aufwand, nur um mal eine öffentliche Toilette zu frequentieren, meinen Sie? Ja, das ist verdammt viel Aufwand, antworte ich; aber Sie hätten ja auch weniger trinken oder Ihren Einkaufsbummel virtuell durchführen können, statt mit prall gefüllter Blase durch die Kölner Innenstadt zu latschen.

    Da ich jetzt selber gleich ins Bad muss (sitze seit 8h am Schreibtisch und habe 5 Tassen Kaffee intus), wollen wir so langsam ans Ende dieser Kolumne kommen und fürs Erste festhalten:
    (A) Toilettengänge jenseits der eigenen 4 Wände sind ein Wagnis
    (B) Das öffentliche WC-Netz ist schwächer ausgebildet als der ÖPNV im Bonner Süden zw. Mitternacht und 5h morgens
    (C) Faustregel: je öffentlicher, desto verdreckter
    (D) Das Risiko, sich irgendwas auf ner öffentlichen Toilette einzufangen, steigt mit zunehmendem Alter exponentiell an.

    Es wäre also ne Menge gewonnen, wenn unsere kommunalen Entscheider beim Stichwort „Infrastruktur“ nicht einzig an vierspurigen Straßenausbau & superschnelles DSL an jedem gottverdammten Winkel der Republik dächten, sondern ebenfalls Mittel für eine flächendeckende Grundversorgung mit schnell erreichbaren & hygienischen Toiletten bereitstellten. Speziell Wähler mit schwacher Blase würden ihnen danken (und die werden aufgrund der Demografie immer mehr).

    Wer also möchte, dass sich auch Ältere in unsere Innenstädte trauen (und dort den lokalen Einzelhandel stützen), ohne dass gleichzeitig das Wildpinkeln in den Grünanlagen überhandnimmt, der muss folglich in das öffentliche WC-Wesen investieren.

    Jetzt wird es höchste Zeit für mich, den Schlusspunkt zu setzen, sonst schaffe ich es nicht mehr bis aufs eigene Klo, sondern muss mich vom Balkon runter erleichtern.

    Rubrik: Der öffentliche Toilettengang war immer schon ein Abenteuer. Aber früher gab’s definitiv mehr Möglichkeiten, es gratis zu tun.

  • Lasst die Leute länger arbeiten!

    Lasst die Leute länger arbeiten!

    Beim Thema Rente hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sich klar positioniert: Die Deutschen müssen ihrer Meinung nach länger und mehr arbeiten. „Der demografische Wandel und die weiter steigende Lebenserwartung machen es unumgänglich: Die Lebensarbeitszeit muss steigen“, sagte die CDU-Politikerin in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Es kann jedenfalls auf Dauer nicht gut gehen, dass wir nur zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen“, so Reiche.
    […]
    Scharfe Kritik an ihren Aussagen kommt nun vom CDU-Sozialflügel. CDA-Bundesvize Christian Bäumler sieht Reiche als Fremdkörper in der Bundesregierung. Ihre Forderungen hätten keine Grundlage im Koalitionsvertrag. „Wer als Wirtschaftsministerin nicht realisiert, dass Deutschland eine hohe Teilzeitquote und damit eine niedrige durchschnittliche Jahresarbeitszeit hat, ist eine Fehlbesetzung“, sagte er.
    © t-online: CDU-internes Zerwürfnis. „Fehlbesetzung“ – Scharfe Kritik an Reiche

    Jetzt mal ganz ehrlich – was macht der Normalo-Deutsche (m/w/d), sobald er das Rentenalter erreicht hat?

    Er/sie/divers schläft die ersten 3 Monate morgens länger, räumt zu Hause endlich mal ordentlich auf, streicht die Wände neu, mäht 2x/Woche den Rasen, verabredet sich alle 14 Tage mit seinen Rentnerfreunden*innen zum Rentner-Brunch in einem Lokal, das mit Rentner-Rabatten wirbt. Manche, die was gespart haben, kaufen sich ein Wohnmobil und touren durch Europa; andere fliegen 5x/Jahr auf den Ballermann (in die Ecke, die für Senioren reserviert ist). Einige versuchen sich an ihren Memoiren, weil ihr Leben so superspannend war, dass man es unbedingt der breiten Öffentlichkeit mitteilen muss (davon kommen allerdings 95 Prozent nicht über Seite 20 hinaus; die restlichen 5 müssen im Eigenverlag veröffentlichen). Eine kleine Rentner-Avantgarde versucht sich an ausgefallenen Hobbies wie Biohacking, Geocaching, Gin Tasting, veganes Bier brauen (die beiden Letztgenannten sind auf Dauer nicht gut für die Leber) oder treten einem Paintball-Club bei. ALLE gehen recht schnell ihren Kindern auf die Nerven, weil sie die jetzt ständig anrufen, besuchen wollen und sich ungefragt in die Erziehung der Enkel einmischen.

    Zwischenfazit 1: Der Rentner nervt.

    Spätestens nach 5 Jahren, sobald das eigene Haus kernsaniert, der Rasen totgemäht (oder alternativ in eine Steinwüste verwandelt), die Figur aufgrund von zu viel Rentner-Brunch aus allen Nähten platzt, die eigenen Kinder sofort auflegen, sobald der Opa anruft, und die Balearen einen Einreisestopp für deutsche Senioren beschließen, treten wir in Phase 2 des schönen Rentnerlebens ein. Diese wird fortan bestimmt durch häufige Arztbesuche: den wöchentlichen Gang zum Allgemeinmediziner, weil die Zipperlein zunehmen (der Rücken, die Knie, Kurzatmigkeit, Libido & Verdauung sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren, mann kann beim Pinkeln – falls Mann das noch im Stehen tut – seine Zehen nicht mehr sehen, die Hämorrhoiden jucken schlimmer als 20 Moskitobisse etc.) sowie (möglichst unentdeckt) zum Psychologen – am besten ein Fachtherapeut mit Spezialisierung auf Geriatrie –, um mit dem über so Sachen wie Altersfrust, Alterszorn, depressive Schübe, suizidale Gedanken u.ä. zu reden. Bewirkt v.a. durch 1 Auslöser = galoppierende Fadheit.

    Zwischenfazit 2: Das Rentnertum verursacht Krankheiten, die der Mensch, als er noch der arbeitenden Bevölkerung angehörte, nur vom Hörensagen kannte.

    Trotz des bekanntermaßen rapide einsetzenden körperlichen & geistigen Verfalls, der mit dem plötzlichen Ausscheiden aus dem Berufsleben einhergeht, beharren dennoch 99 Prozent der arbeitenden Bevölkerung störrisch darauf, pünktlich am Stichtag ihren Bürosessel zu räumen und sich die verbleibendenden Lebensjahre – die dank moderner Medizintechnik und viel Pharmazie weitere 20 bis 30 betragen können – mit gepflegter Langeweile zu vertreiben.

    Zwischenfazit 3: in unseren westlichen Industrieländern wird es alsbald zugehen wie auf der Krankenstation eines Altersheims.

    Vor diesem deprimierenden Hintergrund ist es schleierhaft, weshalb der naheliegende Vorschlag unserer Wirtschaftsministerin, die Lebensarbeitszeit um xy (bspw. 5) Jahre zu verlängern, auf solch großen Widerstand stößt. Zum einen entlastet das sofort die Rentenkasse, verschont des Weiteren die junge Generation davor, die Hälfte ihres Einkommens für Sozialbeiträge zu verpulvern und bewahrt zum anderen ne Menge Menschen vor den o.g. rentenbedingten Krankheiten.

    Wir sollten deshalb in einem ersten Schritt die Leute länger arbeiten lassen, die das freiwillig oder sogar gerne tun würden (ich persönlich hätte kein Problem damit, bis 75 am Schreibtisch zu sitzen). Insofern sich genügend Teilnehmer melden, um einen spürbaren Entlastungseffekt zu bewirken = fein. Falls nein, dann muss im zweiten Schritt über eine gesetzliche Regelung, das Renteneintrittsalter spürbar anzuheben, nachgedacht werden. Aber eventuell reicht Freiwilligkeit ja bereits aus. Das wäre dann für alle Betroffenen (die Gruppe, die nicht mit 65 zwangsverrentet werden möchte und diejenigen, die das letzte Viertel oder Drittel ihres Lebens lieber der Pflege ihres Vorgartens widmen wollen) die erfreulichste Lösung. Unsere Kinder & Enkel werden uns nicht nur dafür dankbar sein, wenn wir vom alten Diesel auf einen flotten Elektroroller umsteigen, um so den individuellen CO2-Fußabdruck zu optimieren, sondern sie fänden es ebenfalls super, falls wir ihnen durch unsere Bereitschaft, länger zu arbeiten, ein bankrottes Rentensystem und explodierende Sozialbeiträge ersparen.

    Fazit: Wer 100 werden (und nen solide finanzierten Lebensabend verbringen) will, muss halt in der Konsequenz ein paar Jahre mehr malochen.