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  • Die NATO: Würdiger Friedenspreisträger

    Die NATO: Würdiger Friedenspreisträger

    Der Westfälische Friedenspreis wird im kommenden Jahr an die NATO vergeben, das hat die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe in der vergangenen Woche mitgeteilt. Selbstverständlich hat diese Entscheidung sofort die erwartbaren Reflexe ausgelöst. Mit Blick auf die Jury-Mitglieder, zu denen drei CDU-Politiker, zwei prominente Genossen von der SPD sowie der Prinz von Preußen gehören, könnte man auch sagen: klar, da war nichts anderes zu erwarten. Und auch in der Liste der bisherigen Preisträger fällt die NATO nicht besonders auf.

    Diskussion anregen?

    Man wolle zur Diskussion anregen mit dieser Entscheidung, so verlautete es von Seiten der WWL. Die Frage ist, ob das überhaupt gelingen kann, ob es, über die wenig überraschenden Kommentare der Zustimmung und der Ablehnung hinaus, überhaupt zu einer ernsthaften Diskussion kommen kann. Was wäre denn zu diskutieren? Über die Frage, wer den Frieden schützt und wer ihn gefährdet, ist die Öffentlichkeit heillos zerstritten, da wird es anlässlich dieser Preisverleihung kaum zu einem konstruktiven Austausch kommen.

    Dennoch wäre es natürlich gut, wenn eine solche Diskussion in Gang käme. Ein erster Schritt dazu könnte sein, nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf die Zeit zu schauen, in der die NATO entstand und in der sie sich zu dem entwickelt hat, was sie heute ist.

    NATO: Frieden im Innern

    Die erste große Friedensleistung der NATO ist es, Länder in einem Bündnis zusammengebracht zu haben, die über viele Jahrzehnte verfeindet waren und die immer wieder Krieg gegeneinander geführt haben. Da sind natürlich zuerst Frankreich und Deutschland zu nennen. Was heute kaum noch vorstellbar ist, dass diese beiden Länder gegeneinander in den Krieg ziehen, ist letztlich vor allem dadurch möglich geworden, dass sie in der NATO zu Bündnispartnern geworden sind.

    Jahrzehntelang hat es in Europa quasi keinen Krieg gegeben, weil sich hier zwei Militärbündnisse gegenüberstanden, die zum einen je dafür gesorgt haben, dass die jeweiligen Bündnispartner miteinander keine Kriege angefangen haben, und die zum anderen gegen das je andere Bündnis eine Macht verkörpert haben, die der andere nicht angreifen mochte. Es war eigentlich eine paradoxe Situation: beide Seiten haben sich je selbst als Verteidigungsbund gesehen und den anderen als potentiellen Angreifer. Ob tatsächlich einer den anderen überfallen hätte, wenn der nur schwach genug erschienen wäre, bleibt Spekulation, ist aber schwer vorstellbar.

    Nach dem Ende der Blockkonfrontation blieb nur eines der beiden Bündnisse übrig, auf Seiten der osteuropäischen Länder gab es offenbar keinerlei Interesse, die militärische Kooperation mit dem „großen Bruder“ im Osten nur einen Tag länger als nötig fortzusetzen. Es wird eigentlich im Westen viel zu wenig darüber nachgedacht, dass kein einziges der Mitglieder des Warschauer Paktes Anstalten gemacht hat, das militärische Bündnis mit der Sowjetunion resp. Russland fortzusetzen. Wohl aber gab es den Wunsch, dem Bündnis der ehemaligen Feinde beizutreten.

    Nach dem Ende der Blockkonfrontation

    Es gab die Idee, mit dem Warschauer Vertrag auch die NATO aufzulösen. Das aber wäre vermutlich schon deshalb keine gute Idee gewesen, weil es die alten Zwistigkeiten zwischen den Mitgliedern wieder aufleben hätte lassen können. Auch wenn kaum jemand darüber spricht: Wenn Deutschland, Frankreich, Spanien, das Vereinigte Königreich und Italien nicht in einem militärischen Bündnis vereint wären, wüchse die Gefahr, dass alte nationale Zwistigkeiten und Aversionen wieder eskalieren könnten. Ein militärisches Bündnis, das möglichst alle europäischen Nationen und Armeen zusammenführt, ist eben der beste Garant dafür, dass diese nicht gegeneinander in den Krieg ziehen. Schaut man sich an, wo es in Europa in den letzten Jahrzehnten zum Krieg gekommen ist, bestätigt sich diese These.

    Nun kann man fragen, ob man dann nicht auch Russland hätte in die NATO aufnehmen müssen. Allerdings ist die Frage sehr akademisch. Spätestens mit der Präsidentschaft Putins hat Russland nie ernsthaft den Eindruck gemacht, einen solchen Verzicht auf militärische Souveränität tatsächlich in Kauf nehmen zu wollen. Und es gehört zu den großen Mysterien des späten 20. und des jungen 21. Jahrhunderts, dass kaum ein Land in Europa eine allzugroße Nähe zu Putins Russland anstrebt – und wenn doch, dann wird dieses Land zumeist von einem autoritären oder diktatorischen Präsidenten regiert.

    Wer sollte Friedenspreise erhalten?

    Man könnte nun natürlich sagen, dass Friedenspreise doch an Leute oder Organisationen gehen sollten, die in der Öffentlichkeit für Friedlichkeit und Freundschaftlichkeit auf allen Seiten werben, die mahnen und die nicht müde werden, Aufrüstung und Kriegsübungen anzuprangern, die immer wieder auf die Millionen Menschen verweisen, die in vergangenen Kriegen getötet und verstümmelt wurden, die die Grausamkeit eines jeden Kriegs ins öffentliche Bewusstsein bringen. Man kann allerdings auch fragen, ob diese Menschen mit ihrer aufopferungsvollen Arbeit je auch nur einen Krieg verhindert, auch nur die Zahl der Opfer in irgendeinem Krieg reduziert haben.

    Es zeigt sich jedenfalls, dass die NATO offenbar ein Bündnis ist, dem seit seiner Gründung zweierlei gelingt: Erstens, weitgehend Frieden im Inneren, unter den Mitgliedern, zu bewahren. Und zweitens, dafür zu sorgen, dass es nicht zum Krieg zwischen der NATO oder ihren Mitgliedern und anderen Ländern kommt. Das ist angesichts der Geschichte Europas, eine enorme Friedensleistung, die tatsächlich preiswürdig ist.

  • Rechter Rand oder Mitte? Wo ist der Platz der CDU?

    Rechter Rand oder Mitte? Wo ist der Platz der CDU?

    In der CDU hat sich eine Gruppe gebildet, die sich Compass Mitte nennt. Sie will die Partei auf den vermeintlich richtigen Kurs bringen: Weg vom rechten Rand, hin zur politischen Mitte. Das ist verständlich, aber politisch falsch.

    Keiner will am rechten Rand stehen

    Wer in eine politische Partei eintritt, dem kann es passieren, dass er seine politische Meinung über die nächsten Jahrzehnte so verändert, dass er sich mit der Politik der Partei nicht mehr in Einklang fühlt. Es kann auch sein, dass die Partei sich im politischen Raum verschiebt, sodass man sich nicht mehr in ihrer Mitte, sondern am Rand erlebt. Wenn man dann aber eine gewisse Verbundenheit zu dieser Partei entwickelt hat, dann wird man versuchen, die Partei wieder dahin zu verschieben, wo man sich selbst sieht. Das ist legitim.

    Wenn man diesen Prozess aber von außen betrachtet, kann es problematisch sein. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass Parteien im politischen System des Parteien-Parlamentarismus die Aufgabe haben, alle politischen Positionen, die tatsächlich existieren und die verfassungsgemäß sind, auch abzudecken, damit sie im Parlament möglichst vertreten sind, denn das Parlament soll die Meinungsvielfalt des Demos vertreten. Wenn da eine Lücke entsteht, wenn gar an den Rändern des demokratisch legitimen Meinungsraums ein Leerraum, eine Kluft entsteht, dann wird der von politischen Kräften besetzt, die ihren Schwerpunkt, ihr Zentrum außerhalb des legitimen Spektrums haben.

    Gegenwärtig beobachten wir, dass Menschen, die seit langem CDU-Mitglieder sind, ihre Partei gern von den Rändern weg in die Mitte des poltischen Meninungsraums bewegen wollen. Das ist menschlich verständlich, politisch aber falsch. Erstens sind dort schon andere Parteien, namentlich die Grünen und die SPD, es kommt also für die Wähler, die sich für eine Partei entscheiden müssen, zu Konflikten. Sie können die Parteien nicht mehr klar genug voneinander unterscheiden.

    Das ist umso schwieriger, als ohnehin kaum ein Wähler (und natürlich auch kaum ein Parteimitglied) ganz und in allen politischen Fragen mit einem Parteiprogramm übereinstimmt. Man orientiert sich also sozusagen am Schwerpunkt der Parteien (im buchstäblichen Sinn, sozusagen am Gravitationszentrum der Partei). Wenn diese Punkte aber zu dicht zusammenliegen, ist man als Wähler frustriert. Man braucht klare Differenzen, zwischen denen man sich dann am meisten zu einem hingezogen fühlt.

    Am rechten Rand entsteht eine Lücke

    Zweitens würde die CDU dann am „rechten Rand“ des legitimen Meinungsraums eine Lücke entstehen lassen, in die die AfD vordringt, die sie besetzt, ohne ihre Positionen jenseits dieses Randes aufzugeben. Es entstehen also Anziehungskräfte, die Wähler und politisch interessierte potentielle Mitglieder aus dem Feld des demokratisch Akzeptablen herausziehen.

    Früher verstanden sich CDU und SPD als Volksparteien, und das umfasste genau diese Funktion: Die Ränder des akzeptablen nach rechts und links zu bestimmen und ihr Angebot genau bis zu diesem Rand auszuweiten. Heute ist zumindest der „rechte Rand“ in Verruf geraten. Das ist aber fatal. Es ist legitim, zu fordern, dass Zuwanderung begrenzt wird. Man mag das selbst politisch ablehnen, aber es ist nicht im Konflikt mit dem Grundgesetz. Es ist auch legitim, zu fordern, dass Straftäter, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, das Land schnell verlassen müssen. Man kann politisch dagegen kämpfen, weil man die falschen Konsequenzen fürchtet, aber man muss akzeptieren, dass das Grundgesetz es nicht verbietet, einen solchen Standpunkt zu vertreten.

    Wenn die CDU sich nun weigern würde, diese Standpunkte mit abzudecken, dann tut es eben die AfD und nutzt es dafür, weitergehende, nicht mehr grundgesetzkonforme Forderungen und Ziele zu platzieren und „anschlussfähig“ zu machen. Es ist die Aufgabe der CDU, das zu verhindern, indem sie die legitimen Positionen vertritt.

    Erwartbare Diffamierungen

    Es ist klar, wenn auch demokratietheoretisch ebenso bedenklich, dass Grüne und SPD eine solche Politik zu diffamieren versuchen. Davon darf man sich aber als CDU-Mitglied nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil, man muss gerade die SPD an ihre Verantwortung erinnern, die gleiche Aufgabe am „linken Rand“ des politischen Meinungsraums zu übernehmen.

    CDU-Mitglieder sollten sich jedenfalls der Verantwortung ihrer Partei bewusst sein, jeden konservativen Standpunkt, der sich im legitimen Bereich bewegt, zu integrieren. Gern wird nun darauf hingewiesen, dass die CDU doch immer eine „Partei der Mitte“ gewesen sei, nicht links und nicht rechts. Das ist auch richtig. Der Irrtum dürfte darin bestehen, zu unterschätzen, wie groß die politische Mitte in einer komplexen demokratischen Gesellschaft ist. Diese Mitte umfasst eben alles, was durch das Grundgesetz nicht ausgeschlossen ist. Und in dieser Mitte muss die CDU die konservative Seite komplett abdecken und darf keinen Raum freilassen, den andere besetzen und damit das  ganze ausbalancierte System aus dem Gleichgewicht bringen können.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Phil Friedrich, in der es um den Verlust von Übereinstimmung zwischen der Coronapolitik und den Fragen von Krieg und Frieden geht. 

  • Den Schalter im Kopf umlegen

    Den Schalter im Kopf umlegen

    »Herr Hirsch, können Sie uns verraten, wie man es schafft, trocken zu werden?«
    »Nein, kann ich leider nicht.«
    »Aber Sie müssen doch einen Tipp für uns haben. Irgendeinen.«
    »Hören Sie heute mit dem Trinken auf.«
    »Mehr nicht?«
    »Mehr nicht.«

    Ich weiß, Sie sind nun enttäuscht, denn von einem wie mir hätten Sie mehr Kompetenz und Empathie erwartet. Aber es gibt kein Patentrezept gegen die Abhängigkeit. Die Sucht ist so bunt wie die Menschen, die ihr frönen. Deshalb wäre es Scharlatanerie, am Ende einer Lesung Ratschläge zu erteilen, die einzig auf meiner eigenen Erfahrung beruhen, jedoch nicht die individuellen Besonderheiten des Fragestellers berücksichtigen können. Was mir geholfen hat, muss ja nicht zwangsläufig auch bei Ihnen wirken.

    Lange Drogenkarriere absolviert

    Bevor ich gleich was zum geheimnisvollen Schalter schreibe, der umgelegt werden muss, fasse ich an dieser Stelle nochmal kurz das bisher Gesagte zusammen: Alkoholiker blicken auf eine lange Drogenkarriere zurück, die sich im Normalfall über zwei, drei Jahrzehnte erstreckt. Deshalb tun sie sich so verdammt schwer damit, sich ein Leben ohne Bier, Wein und Wodka überhaupt nur vorstellen zu können. Alles, was der Erkrankte bisher getan hat, geschah unter Zuhilfenahme des Stoffs: Er schläft unter Alkoholeinfluss, beruhigt sich mit Whisky, bringt sich mit Jägermeister in Schwung, kippt vor dem Sex vier Cola-Rum, fühlt sich in Gesellschaft bloß noch über 2,0 Promille wohl, trinkt abends, während er sich mit einem Gedichtband von Rilke entspannt, einen halben Kasten Bitburger. Die letzten Bastionen bilden oft Büro und Sportstudio. Sobald auch die geschleift sind, der Flachmann immer griffbereit unterm Schreibtisch bereitsteht, bestimmen der Alk und dessen Beschaffung den Tagesrhythmus, aus dem er nun nicht mehr wegzudenken ist.

    Jede Aktivität ist davon durchdrungen. Das Leben unter Dauerstrom wird als Normalzustand angesehen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Der Einstieg in die Abstinenz bedeutet die Entkopplung ALL dieser Aktivitäten vom Alkohol. Für einen Abhängigen zum einen eine Horrorvorstellung, zum anderen eine Aufgabe, die er als derart monströs erachtet, dass er vor ihr kapituliert, bevor er überhaupt mit ihr beginnt. Die Entkopplung oder Entflechtung des Lebens von der Droge ist wirklich schwierig. Weil unterm Strich der gesamte Alltag mit Bier und Schnaps verwoben sind. Nie mehr Krombacher zur Sportschau, nie mehr Wodka zum Runterkommen nach dem Job oder als Einschlafhilfe: Wie soll das denn jemals funktionieren?

    Alkoholiker sind chronische Nutzenmaximierer

    Schon mal vorab: Es funktioniert. Anfangs zwar holprig, jedoch mit zunehmender Zeitdauer der Abstinenz immer besser, bis einem der Nicht-Konsum irgendwann in Fleisch und Blut übergeht und als normalste Sache der Welt erscheint, wie vorher der Alkohol.

    Dem Ausstiegsentschluss voran geht eine Kosten-Nutzen-Analyse. Alkoholiker sind, auch wenn das auf den ersten Blick wegen ihres 24/7 Benebelungszustands nicht so scheinen mag, chronische und minutiöse Nutzenmaximierer. Sie manipulieren durch die ständige Zufuhr der Droge ihren Emotionshaushalt. Sei es, dass sie sich besser, als die Natur es ihnen normalerweise gestattet, fühlen wollen, sei es, dass sie unliebsame Gefühlsregungen abmildern oder sich gar zum Ende hin durchgängig betäuben wollen.

    Der Nutzen liegt also im Abgleiten in ein rosarotes Paralleluniversum; die Kosten hingegen bestehen einerseits im körperlichen Raubbau und andererseits im stetigen sozialen Abstieg. Während es für die Frühaussteiger reicht, wenn sich die Waage leicht ins Negative neigt, muss sie für den Harcdore-Trinker schon beinahe die Tischplatte berühren, bevor er den Exit als lohnenswerte Möglichkeit ins Kalkül zieht. Erst, wenn der Rausch keinerlei Genuss mehr erzeugt, sondern sofort ins Komatöse abgleitet, der Süchtige die Abstürze jedes Mal mit sehr schmerzhaften Entzügen bezahlen muss, wird der Prozess des Umdenkens einsetzen.

    Manche benötigen Reanimationsmaßnahmen auf der Intensivstation und Warnhinweise à la „Das nächste Saufgelage überleben Sie nicht“, um zur Vernunft zu kommen. Wobei Vernunft, Intelligenz und Willen nur Teilaspekte des berühmten „Es muss klick machen“ bilden. Manchmal lautet die Triebfeder für den Ausstieg auch ganz banal: Ich habe keinen Bock mehr auf den Wahnsinn. Ein Abwägen könnte dann beispielsweise so aussehen: Erreiche ich den gewünschten Zustand – ich fühle mich heiter, sorgenfrei, nichts kann mein seelisches Gleichgewicht trüben – überhaupt noch, oder saufe ich mich jedes Mal, sobald ich mir das erste Bier besorge, im Anschluss ohne Zwischenstopp im rosaroten Wunderland direkt auf die Intensivstation?

    Ohne Umweg erst in den Vollrausch, dann ins Koma

    So ging es mir nach ein paar Jahren. Das Heitere, Beschwingte, Was-kostet-die-Welt war mit einem Mal verschwunden. Ich trank mich unverzüglich in den Vollrausch, dem erst ein Koma zu Hause auf dem Sofa und dann ein mehrtägiger Krankenhausaufenthalt folgten. Und da ich weder Zu-Hause-Koma noch Intensivstation als sonderlich lohnenswerte Ziele empfand, war meine individuelle Kalkulation schnell gemacht: Nutzen = 0 bei gleichzeitig Kosten = 100. Ob ich das 2010 ebenfalls so glasklar sah wie heute mit dem Abstand von zehn Jahren, spielt keine Rolle. Ich spürte deutlich, dass der Alkohol-Weg nur noch eine Richtung für mich kannte, nämlich die steil nach unten. Und das reichte mir als Ergebnis meiner damaligen Analyse völlig aus.

    Das Erkennen des Ausstiegsfensters scheint vordergründig Glückssache zu sein. Der berühmte Aha-Moment, die noch berühmtere Sekunde, in der der Schalter endlich umgelegt wird. Manche spüren – und nutzen! – ihn, andere bemerken ihn zwar, nutzen die Möglichkeit jedoch nicht, und die Dritten spüren nie was. Man könnte die Sache also in die Rubrik „Glück“ oder „göttliche Fügung“ einsortieren und schlussfolgern: Die einen haben halt mehr Glück als die anderen bzw. Gott würfelt gerne.

    Das lapidare Schulterzucken würde der Angelegenheit allerdings nicht gerecht werden. Denn in 95 Prozent der Fälle arbeitet der Süchtige im Vorfeld viele Monate bis hin zu Jahren auf diesen einen Moment hin. Es kommt nur äußerst selten vor, dass jemand ohne vorherige Therapie den Ausstieg schafft. Je länger die Saufstrecke dauert, desto unwahrscheinlicher ist es, sich ohne fremde Hilfe und psychologisches Handwerkszeug aus dem Alkoholsumpf zu befreien. Es mag sein, dass es beim einen (sehr viel) länger dauert als beim anderen, bis sich das Fenster für ihn öffnet. Wenn er jedoch eines Tages davor steht, weiß der Süchtige, um welches Fenster es sich handelt, und dass es nun höchste Zeit ist, diese – zumeist nur kurz offenstehende – Gelegenheit zu ergreifen. Falls jetzt zum 1000-sten Mal lange über Pro & Contra gegrübelt wird, schließt sich das Fenster wieder, und all die vielen vorbereitenden Gruppentherapiestunden waren für den Flaschencontainer.

    Deshalb: den Schalter umlegen, mag vielen wie reines Glück oder Gottes einsame Entscheidung erscheinen. Die Wahrheit ist aber, dass es sich in den meisten Fällen um eine langwierig mühsam erarbeitete Chance handelt, die man natürlich, sobald sie sich einem bietet, auch beherzt nutzen muss. Viel mehr verbirgt sich eigentlich nicht hinter dem geheimnisvollen Schalter, wenngleich der Weg dorthin oft ein sehr dornenreicher sein wird.

    Drei Trinker – drei verschiedene Schicksale

    Um den Ausstieg bzw. Nicht-Ausstieg noch einmal zu verdeutlichen, will ich kurz drei exemplarische Trinkerschicksale skizzieren:

    Mein Freund Horst-Rüdiger, zu unserer gemeinsamen Schulzeit ein begnadeter Linksaußen und später ein ebenso begnadeter Trinker, der keinen Tag ohne seinen Gute-Morgen-Jägermeister begann und sich abends mit Minimum 3,0 Promille im Blut ins Bett legte, stoppte von heute auf morgen völlig eigenständig mit der Sauferei. Er hatte vorher keinen Arzt oder gar Psychologen konsultiert. »Brauche ich alles nicht«, erklärte er mir, als ich ihn an einem heißen Julimorgen bei der Polizei am Kölner Waidmarkt in Empfang nahm, wo er die Nacht aufgrund Ruhestörung und Randale mal wieder in der Ausnüchterungszelle verbracht hatte. Das ist mittlerweile zehn Jahre her. Horst-Rüdiger hat seitdem keinen Tropfen mehr angerührt. Ihm war während der sechs Stunden auf der Gummimatratze die Gnade der Spontanheilung zuteil geworden.

    Bei mir wiederum verhielt es sich so, dass ich eines Morgens ins Grübeln geriet, als ich nach einem Fünf- oder Sechspromilleabsturz mal wieder an allen Vieren fixiert auf der Intensivstation lag und mir die Ärzte eindringlicher als sonst erklärten, ich würde den nächsten Rückfall garantiert nicht überleben. Nicht, dass die Aussicht auf den eventuell nahenden Tod mich sonderlich schockte. Ihn hatte ich oft gesehen und mich an seinen Anblick gewöhnt. Aber irgendetwas in mir klammerte sich an diese trostlose Existenz, wollte noch nicht den Löffel abgeben.

    Sterben oder aufhören?

    Die Überlegung lautete: Weitermachen wie bisher und in ein paar Monaten ins Gras beißen oder aufhören und ein neues Leben beginnen? Die Fragestellung klingt einfach, die Lösung und der lange Marsch bis zu diesem Punkt sind für einen Hardcore-Alkoholiker allerdings beschwerlich. Ich wusste, was mich erwartet: Abstinenz – also nie mehr auch nur ein einziger Tropfen Alkohol –, lausig bezahlte Jobs in Call Centern und Paketdiensten, Misstrauen von Freunden und Familie, denn ich hatte ihr Vertrauen und ihre Hoffnungen viel zu oft enttäuscht.

    Je länger ich über diese trüben Zukunftsaussichten nachdachte, desto eher war ich geneigt, im Anschluss an den Klinikaufenthalt in mein altes Muster zurückzufallen. Die Ärzte haben Unsinn erzählt, wollten dir bloß Angst einjagen, ging es mir durch den Kopf. Als ich zehn Tage danach wieder in meinem kleinen Apartment saß, das ich ein paar Wochen zuvor angemietet hatte, war ich immer noch unentschlossen, in welche der beiden Richtungen ich gehen wollte. Obwohl mir die Monotonie meines Säuferlebens, das jenseits der Unterhaltungen im Raucherzimmer keine weitere Abwechslung kannte, mittlerweile selbst zum Hals raushing, stand ich kurz davor, mir im Supermarkt eine Pulle Doppelkorn zu besorgen, um der Langeweile durch Flucht in den Rausch zu entkommen.

    Aus einem Bauchgefühl heraus besuchte ich am selben Abend ein Meeting der Anonymen Alkoholiker. Die hatten mich schon so oft aufgefordert, mal bei ihnen vorbeizuschauen, aber nie hatte ich ihrer Einladung Folge geleistet. Ich erzählte meine Geschichte, versuchte, mich kurz zu fassen, quatschte eine halbe Stunde ohne Unterlass. Alle hörten aufmerksam zu, niemand unterbrach mich. Der Versammlungsleiter bedankte sich für meine offenen Worte, die anderen sprachen mir Mut zu: »Trink 24 Stunden nichts und komm morgen Abend wieder zu uns. Du packst das!«

    Als ich mich an diesem Tag um Mitternacht ins Bett legte und tatsächlich keinen Tropfen angerührt hatte, wusste ich plötzlich, dass ich es schaffen werde. Das Vertrauen der anderen in meine Stärke gab mir Kraft. Die Überredungskünste des Alkohols fielen zum ersten Mal seit früher Jugend nicht mehr auf den stets feuchten Resonanzboden meiner labilen Psyche. Mit dem guten Gefühl, dass der Dämon besiegbar ist, schlief ich ein.

    Im Unterschied zu Horst-Rüdiger hatte ich allerdings Dutzende Stunden mit Psychologen und zwei Reha-Aufenthalte hinter mich gebracht, war mir des Irrsinns meines Tuns also schon längere Zeit bewusst und benötigte dennoch weitere vier Jahre, bis ich den Stoppschalter betätigte. Im ersten Monat absolvierte ich das 30-Tage-Programm der Anonymen Alkoholiker: jeden Abend eine Gruppe besuchen. Danach war das Schlimmste überstanden, und ich änderte meine Frequenz in einmal pro Woche ab.

    Unser Kumpel Rolf, der mit Abstand Klügste und Belesenste von uns, dem Ursachen, Auslöser, Hochrisikofaktoren allesamt klar waren, benutzte seine Intelligenz dazu, den Ärzten Fehler bei der Behandlung und den Psychologinnen Inkompetenz bei der Analyse nachzuweisen. »Warum tust du das?«, fragte ich. »Weil sie alle keine Ahnung haben«, antwortete er. »Aber du hast Ahnung?«, hakte ich nach. »Auf jeden Fall mehr als die Quacksalber hier.« – »Und warum stoppst du dann nicht? Du bist ja öfter in der Klinik als ich.« – »Weil ich jetzt noch keine Lust dazu habe. Ich höre dann auf, wenn ich den Zeitpunkt für den richtigen halte. Das kann ich aber alleine. Dafür benötige ich keinen von den Kurpfuschern.«

    Drei Monate später und nach schiefgegangenen Experimenten mit Desinfektionsmittel oral und Wodkatampons anal saß Rolf sabbernd im Rollstuhl. Im Jahr darauf beerdigten wir ihn in einem anonymen Urnengrab, weil sein geschwächter Körper nach dem Trinken einer Pulle Mariacron auf Antabus endgültig alle Viere von sich gestreckt hatte.

    3 Bauteile für den Erfolg

    Wir haben in diesem Kapitel gelernt – der geheimnisvolle Schalter besteht aus drei Bauteilen:
    (1) Kosten-Nutzen-Analyse.
    (2) Den Moment, in dem sich die Ausgangstür öffnet, erkennen und beherzt durchschreiten.
    (3) Willens sein, den Alkohol aus sämtlichen Lebensbereichen (am Ende war das 24/7) zu entfernen, in denen wir ihn bisher eingesetzt haben.

    Etappenziel 5: Sie wissen nun, dass Gott nicht würfelt, sondern eine Menge Vorarbeit notwendig ist, um zu Ihrem persönlichen Aha-Erlebnis zu gelangen. Sobald der richtige Moment naht, muss er konsequent genutzt werden. Ob Sie jemals eine zweite Chance für den Ausstieg erhalten, ist sehr ungewiss.
    +++

    Entnommen aus:

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen
    humboldt Verlag
    ISBN 9783842630550

  • Corona und der Krieg. Eine persönliche Kolumne

    Corona und der Krieg. Eine persönliche Kolumne

    Eine Liedzeile von Hans-Eckardt Wenzel, die mich seit Jahrzehnten begleitet, lautet „Nur im Vergang’nen waren wir uns einig, was kommen würde, wird uns entzwei’n“. In den letzten Jahren, zwischen Nachdenken über Corona und Fragen nach der Möglichkeit von Krieg, muss ich wieder verstärkt daran denken.

    Zwischen Corona und Krieg

    2020, in der Pandemie, bin ich zum „Maßnahmenkritiker“ geworden. Ich habe vor allem in der WELT viele engagierte Artikel geschrieben, die Leopoldina kritisiert, Wissenschaftler, das Bundesverfassungsgericht und die Rolle des Virologen Christian Drosten – was mir eine Erwähnung in seinem Podcast und eine Unterlassungsklage eingebracht hat. Es hat mir aber auch eine gewisse Fangemeinde gebracht, vor allem bei X, das da zu Beginn noch Twitter hieß, aber auch im realen Leben.

    Nun erlebe ich, dass ich diese Fans verliere, wenn ich über den Ukraine-Krieg oder über die Auseinandersetzung mit Russland und die Konsequenzen für die europäische Verteidigungsfähigkeit schreibe. Ich erlebe das nicht zum ersten Mal. „Nur im Vergang’nen waren wir uns einig“. Die Argumentationsweise meiner Unterstützer bei Pandemie-Themen hat sich eigentlich gar nicht geändert. Sie bezweifeln die Verlautbarungen der Politiker, der Journalisten, der Mehrheit der Wissenschaftler, sie sehen Interessen und Vorurteile der Akteure als handlungstreibend an.

    Misstrauen oder Vertrauen?

    Deshalb trauen sie auch weder den verantwortlichen Politikern des eigenen Landes noch den Medien, die in diesem Land im grundsätzlichen Konsens mit den Institutionen der Politik agieren und auch nicht den Wissenschaftlern, die in staatlichen Universitäten ebenfalls im prinzipiellen Einverständnis mit den politischen Institutionen arbeiten und von den Medien gern als Experten befragt werden. Dieses Misstrauen war womöglich schon länger vorhanden, hat sich im Verlauf der Pandemie gefestigt, und wird nun auch in den Fragen von Krieg und Frieden und wohl auch beim Thema Klimawandel praktiziert.

    Ich hingegen traue eher den Menschen. Genauer: Ich glaube, dass Politiker, Wissenschaftler und Journalisten ungefähr genauso ehrlich, selbstlos, berechnend und eigennützig sind wie ich selbst und meine Freunde. Ich denke, dass auch Drosten und Merkel im Wesentlichen nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben, natürlich auch immer mit Blick auf ihre Reputation und ihren Einfluss und ihre Gestaltungs- oder Machtoptionen. Und ich denke, dass auch die Leute, die heute in Verantwortung sind oder als Experten gefragt sind, genauso sind.

    Aber warum war ich dann ein Kritiker der Corona-Maßnahmen und bin heute kein Gegner der Maßnahmen zur Kriegstüchtigkeit und zur Aufrüstung?

    Freiheit und Würde oder Leben um jeden Preis?

    Erstaunlicherweise gibt es dafür eine Antwort, die tatsächlich so einfach ist, dass ich selbst überrascht war, als sie mir klar als Gedanke im Kopf erschien: weil für mich in letzter Konsequenz Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenwürde wichtiger ist als das Leben. Genauer: das bloße Überleben, das aber durch Unfreiheit und unwürdige Lebensbedingungen erkauft wird, erscheint mir wertlos. Keine Maßnahme zur bloßen Lebenserhaltung darf letztlich in einem Leben enden, das von Zwang, Fremdbestimmung und Unterdrückung geprägt ist. Das wäre für mich nicht akzeptabel.

    Das hat mich zum Maßnahmengegner bei Corona gemacht, weil die Maßnahmen menschenunwürdige Konsequenzen hatten, weil die Freiheit der Menschen, ihre Möglichkeit, sich zu entwickeln und ihr Leben selbst zu gestalten, unzumutbar und auf absurde Weise beschnitten wurden. In so einer Welt würde ich nicht leben wollen, dann lieber an einem Virus zugrunde gehen. Und das macht mich heute zum entschiedenen Putin-Gegner und zum Unterstützer einer starken NATO und einer gut gerüsteten Bundeswehr, die dafür sorgen, dass sich Leute wie Putin nicht weiter vorwagen, und deshalb bin ich dafür, die Ukraine militärisch zu unterstützen, damit sie Putin möglichst irgendwann zurückdrängen und der es unterlässt, andere Nachbarn anzugreifen.

    Nun mag man sagen: Deine Prämissen nehmen auch den Tod von Menschen in Kauf, die das vielleicht anders sehen. Voraussetzung für Freiheit ist Leben und überhaupt kannst du das doch nicht für alle entscheiden. Letzteres ist richtig, aber ich kann mich in den gesellschaftlichen Diskurs einmischen und meine Position verteidigen. Und nicht jedes Leben ist Voraussetzung für Freiheit, es gibt auch Lebensbedingungen, die keine Freiheit und Selbstbestimmung zulassen und deshalb unwürdig sind.

    Und das macht mich jetzt auch zum Unterstützer einer starken NATO, der Investition in Waffentechnik, der Pflicht zum Dienst für die freiheitliche Gesellschaft. Ich bin vollkommen überzeugt davon, dass ein Leben unter einer Putin-Diktatur mit Verletzungen der Menschenwürde verbunden ist, und dass allen geholfen werden muss, die sich zu Recht davor fürchten, von diesem Diktator angegriffen zu werden. Mir schiene ein Leben unter solchen Bedingungen wert- und sinnlos und auch wenn ich mich selbst, hier in Münster, nicht fürchten muss, denke ich, dass ich diejenigen unterstützen muss, die sich da nicht so sicher sein können.

    Irrtum nicht ausgeschlossen, weder in der Kriegs- noch in der Corona-Frage

    Aber, so könnte man sagen, was ist, wenn du dich nun irrst, wenn du den Politikern, Medien und Wissenschaftlern gar nicht trauen kannst? Hat das die Pandemie nicht bewiesen? Glaubst du wirklich, dass die da alle ehrlich waren und nur die falsche Balance zwischen Freiheit und Leben gewählt haben?

    Ja, das weiß ich nicht, weder für die Frage nach Corona noch bei der nach dem Krieg. Ich kann dazu nur sagen, dass ich diese Maßnahmen während der Corona-Zeit eben auch nicht plausibel und sinnvoll fand, und dass ich das aber mit der Hilflosigkeit und dem Bedürfnis nach Handlungssicherheit bei den Verantwortlichen, verbunden mit dem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit erklären konnte. Heute, wo ein Krieg wieder denkbar wird, finde ich die Notwendigkeit von Aufrüstung und Stärkung der Verteidigungsfähigkeit plausibel und sehe auf der anderen Seite keinen vergleichbaren öffentlichen Handlungsdruck.

    Aber ich kann mich irren, so, wie ich mich schon manches Mal im Laufe meines Lebens geirrt habe.

  • Lasst die Kiffer in Ruhe kiffen

    Lasst die Kiffer in Ruhe kiffen

    Hin und wieder 1 Joint hat noch niemand geschadet

    Gedanken eines trockenen Alkoholikes übers Kiffen 

    Rufen wir uns nochmal kurz ins Gedächtnis, was im April vergangenen Jahres nach LANGER Vorarbeit und hunderten von innerkoalitionären (Ampel-) Diskussionsrunden endlich auf den Weg gebracht wurde = das sog. (Konsum-) Cannabisgesetz/(K) CanG. Es reguliert und (teil-) legalisiert privaten Besitz, Anbau und medizinisch-wissenschaftlichen Gebrauch der weiblichen Hanfblüten. Wir wären nicht in Deutschland, wenn dieses Gesetz nicht mehr Paragrafen als Weed-Sorten enthielte und einem nach dem Studium des Textes derart der Schädel schmerzt, dass man erst mal 1 kräftigen Zug White Widow benötigt, um wieder runterzukommen.

    Die Eckpunkte der (Teil-) Legalisierung bestehen in:
    (A) Privater Anbau zwecks Eigenkonsum ist erlaubt
    (B) Dasselbe gilt für gemeinschaftlichen, nicht-gewerblichen Anbau in sog. Anbauvereinigungen
    (C) Die Grenze für ‚Cannabis am Körper (oder im Rucksack)‘ wird bundeseinheitlich auf 25gr festgelegt.

    Man darf jetzt also zu Hause ein paar Pflanzen kultivieren, einen Verein zum Zwecke der Aufzucht und gerechten Verteilung von Hanf gründen (bzw. die Mitgliedschaft in einem beantragen) u.v.a. halbwegs unbeschwert mit dem Stoff durch unsere Straßen spazieren, ohne in ständiger Sorge sein zu müssen, wegen ein paar Krümeln hops genommen zu werden.

    Klingt erst mal gut, ist aber von der Komplettlegalisierung nach wie vor so weit entfernt wie die Haschisch-Hochburg Ketama (sehr malerisch am Fuße des Rif-Gebirges in Marokko gelegen) vom Kiffer-Partykeller in Köln-Klettenberg.

    Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz urteilte deshalb:

    Kein großer Wurf: Wer nun aber glaubt, ab dem 1.4.2024 sei für Konsumenten großartig etwas gewonnen, der irrt. Denn was da nun gesetzlich geregelt wurde, wird nicht allzu viel ändern. Jedenfalls nicht auf die Schnelle.
    © Heinrich Schmitz: Das Cannabis-Gesetzchen (23.03.2024)

    Der konservativen Opposition missfiel der Gesetzesvorschlag aus dem Hause Lauterbach, es kam zu leidenschaftlichen Debatten im Parlament über die (Teil-) Freigabe und den dadurch (angeblich) unweigerlich eintretenden Rutschbahneffekt in Richtung harter Drogen. Das Ding ging nach mehreren Lesungen knapp in Bundestag und -Rat durch, der Gesundheitsminister wischte sich den Schweiß von der Stirn, die Kiffer freuten sich und orderten Hanfsamen im Internet. Jedoch freuten sie sich eventuell zu früh, denn die seit diesem Frühjahr farblich anders zusammengesetzte Regierung will das Gesetzchen wieder aufschnüren, was wahrscheinlich nichts anderes als einen Euphemismus für dessen geplante Totalrücknahme bedeutet.

    Hendrik Streeck (CDU), der neue Drogenbeauftragte, bemängelt:
    (1) Jugendliche erleiden psychische Schäden durch den Konsum
    (2) Die Menge, die man zum privaten Gebrauch mit sich führen darf, sei zu hoch
    (3) Sog. Medizinalcannabis unterliegt nicht mehr dem BtMG und ist somit (zu) einfach zu beschaffen
    (4) Es wird weiterhin in großem Stil gedealt.

    Was ist von diesen Argumenten zu halten?

    Das zählebige Schauermärchen von der Einstiegsdroge

    Obwohl sich meine persönliche Erfahrung mit Haschisch (so hieß das Kraut in meiner Boomer-Jugend) auf eine Handvoll Joints während der Studentenzeit beschränkt, hatte ich weder damals, noch habe ich es heute, Probleme mit Menschen, die regelmäßig konsumieren. Kiffer sind überwiegend friedliche Zeitgenossen (was sie von häufig zu Gewalt neigenden Alkoholikern angenehm unterscheidet), bekommen tagsüber ihr Leben geregelt und schaffen den Ausstieg zumeist problemlos in Eigenregie, ohne dafür eine Suchtklinik von innen gesehen haben zu müssen. Das (konservative) Mantra, Marihuana sei DIE Einstiegsdroge für härtere Substanzen, ist Nonsens. Die Korrelation von THC zu Kokain/Crack & Oxys/Heroin ist genauso stark bzw. schwach ausgebildet wie die von Alkohol.

    Menschen, die sogenannte «harte Drogen» wie Kokain oder Heroin nehmen, konsumieren in vielen Fällen auch Cannabis. Doch der Umkehrschluss, wonach Menschen, die Cannabis konsumieren, später auch zu «harten Drogen» greifen, lässt sich daraus nicht ableiten! Tatsache ist: Es steigen nur wenige Cannabiskonsument:innen langfristig auf andere Drogen um.
    © Arud Zentrum für Suchtmedizin: Was ist dran am Mythos «Einstiegsdroge Cannabis»?

    Psychische (Langzeit-) Schäden begrenzen sich nicht auf Cannabis

    Dass Jugendliche (gemeint sind Personen bis 25 Jahre) durch häufigen Konsum evtl. einen psychischen Schaden erleiden können, ist unbestritten. Wobei dieser Anteil im kleinen einstelligen Prozentbereich liegt. Aber einen an der Waffel bekommen Minimum ebenfalls so viele junge Menschen durch die missbräuchliche Verwendung von Spirituosen. Sinnvoller, als Cannabis wieder zu kriminalisieren, wäre es mithin, den zulässigen THC-Anteil gesetzlich zu deckeln. Ähnlich wie Trinkern dazu zu raten, so lange als möglich bei Bier & Wein zu verharren und nicht sofort auf Wodka umzusteigen.

    Und gedealt wird sowieso

    Ein derart kompliziertes Gesetz, wie es das CanG unzweifelhaft darstellt, das Anbau und Konsum nur in sehr engen Grenzen zulässt, lädt selbstverständlich dazu ein, das Kraut weiterhin beim Dealer des Vertrauens zu kaufen. Die Kultivierung der Pflanzen auf dem eigenen Balkon dauert, die Beantragung der Mitgliedschaft in einem Liebhaber-der-Hanfpflanze-Klub dauert noch länger, und die Zeitspanne, bis ein neuer Verein gegründet und von den Behörden genehmigt wird, kann je nach Ordnungsamt bis zu einem halben Kifferleben betragen. Kein Wunder also, dass sich der 08/15 Pothead den Stoff auch künftig am Bahnhof oder im Darknet besorgt.

    Das CanG angewendet auf die feuchtfröhliche Welt des Alkohols würde zur Folge haben, dass man Bier (in geringer Menge) zu Hause brauen (und ausschließlich dort konsumieren) darf, alternativ einen Verein zum Zwecke des Weinbaus gründet, dessen handverlesene Mitglieder den edlen Saft jedoch nur im streng überwachten Klubhaus genießen können, und der Normalo-Trinker die Herkunft der 3 Flachmänner im Kofferraum bei einer Polizeikontrolle nicht zu erklären braucht. Wen würde es bei solcher Gesetzeslage wundern, wenn alsbald Flüsterkneipen aus dem Boden schießen, und der Stoff entweder illegal produziert oder bei Nacht & Nebel ins Land reingeschmuggelt wird?

    Klingt aberwitzig, sagen Sie?
    Jap, ist es; aber im Drogensegment THC halt traurige Realität.

    Warum ohne Not ein zweites Fass aufmachen?

    Die Diskussion über Sinn & Unsinn der Freigabe von Cannabis führe ich periodisch wiederkehrend seit meiner Studentenzeit. Die Argumente Pro & Contra sind dabei immer dieselben. Auf meinen Einwand, dass Alkohol mit WEITEM Abstand die Position als Volkskiller Nr. 1 einnimmt, dessen Produktion, Vertrieb und Verzehr trotz der damit verbundenen Risiken nahezu unreguliert vonstatten gehen, antwortete eine befreundete Ärztin vor ein paar Jahren: „Stimmt; ich behandle in meiner Praxis sehr viel mehr chronische Schluckspechte als Konsumenten anderer Rauschmittel. Aber weshalb sollte ich zusätzlich zum ersten verdorbenen Fass ein verkehrtes zweites öffnen? Die Probleme mit der Sauferei reichen völlig; zusätzliche Schwierigkeiten mit legalisiertem Marihuana brauchen wir nicht“. Das leuchtete mir aus ihrer medizinischen Perspektive vordergründig ein; wobei die jährlich von der DHS veröffentlichten Zahlen eindeutig was anderes besagen = 20-30.000 Alkoholtote (in Kombination mit Nikotin kann man die Zahlen verdoppeln) und 100-200.000 klinische Entzüge, denen 0 Cannabis-Tote und stationäre THC-Entgiftungen im kleinen dreistelligen Bereich (jeweils pro Jahr) gegenüberstehen. Hinsichtlich Gefährlichkeit für die Volksgesundheit unterscheiden sich die beiden deutschen Lieblingsdrogen mithin stark; und zwar eindeutig zu Lasten des Alkohols.

    Ausweichen auf Nebenkriegsschauplatz

    Der konservative Feldzug gegen den Hanf wäre SEHR viel glaubwürdiger, wenn der Gesetzgeber nur ein Viertel des Anti-THC-Elans ebenfalls in die Prävention des überall verbreiteten Alkoholmissbrauchs investierte. Z.B. Preise rauf, Verkaufsstellen ausdünnen, Konsumverbot in der Öffentlichkeit, keine Werbung. Davor scheut die Politik jedoch zurück. Die Volksdroge Nr. 1 ist sakrosankt und fordert Jahr für Jahr viele Menschenleben (nicht nur das eigene, sondern ebenfalls Dritte), um von den im Suff verprügelten Ehefrauen/Partnerinnen und in Mithaftung genommenen Co-Abhängigen gar nicht erst anzufangen.

    Statt dieses Megaproblem endlich beherzt anzupacken, weicht man lieber auf einen Nebenkriegsschauplatz aus und dämonisert Cannabis.

    Um es zugespitzt auf den Punkt zu bringen: eine Welt voller Kiffer wäre weitaus ungefährlicher als der momentane Zustand mit gewaltaffinen (u sich betrunken ans Steuer setzenden) Trinkern.

    Fazit: Um den mafiösen Schwarzmarkt auszutrocknen, muss bei THC genauso verfahren werden wie beim Alkohol = völlige Freigabe der Droge. Aufklärung und (im Bedarfsfall) ausreichend Therapieangebote sind die eindeutig vernünftigeren Lösungen als Kriminalisierung. Das CanG kann deshalb tatsächlich weg (weil zu kompliziert und nicht liberal genug) … lasst die Kiffer (endlich) in Ruhe kiffen!

    Rubrik: immer das (konservative) Gschiss mit dem Marihuana.
    +++

    In der vorherigen Kolumne von Henning Hirsch ging es um das Thema Doppeldiagnose.

  • Bill Gates und der Klimawandel: Umdenken erwünscht

    Bill Gates und der Klimawandel: Umdenken erwünscht

    An seinem 70. Geburtstag hat Bill Gates, Unternehmer und Philanthrop, eine gute Nachricht für jeden einzelnen von uns: Man kann auch mit 70 Jahren noch seine Meinung ändern, Man kann, wenn man ehrlich nachdenkt, auch in diesem Alter noch zu ganz neuen überraschenden Einsichten kommen. Es geht um den Klimawandel. Vor knapp fünf Jahren hatte Gates zu diesem Thema noch ein Buch veröffentlicht, in dem er, ganz Technokrat, beschrieben hatte, wie man den Klimawandel eindämmen könnte. Vorgestern nun postet Gates einen Beitrag auf seinem Blog GatesNotes, der ganz anders klang. Und das ist bemerkenswert.

    Bill Gates sagt: Wir werden im Klimawandel nicht sterben

    Gates ist keineswegs zum Klimwandel-Leugner geworden. Er behauptet auch nicht, dass der Klimawandel nicht menschgemacht sei. Aber er hat noch eine gute Nachricht für uns: Die Menschheit wird nicht untergehen. Zwar wird der Klimawandel ernsthafte Konsequenzen haben, vor allem für die Menschen in den ärmsten Ländern. Aber in den allermeisten Regionen der Erde werden die Menschen in der Lage sein, mit den Veränderungen umzugehen.

    Das klingt eigentlich fast trivial. Aber es ist eben eine ganz andere Ausgangsthese für die Frage, was angesichts des Klimawandels zu tun ist, als es die üblichen Weltuntergangserzählungen sind, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel oft verbreitet werden – vorgeblich, um die Dringlichkeit des Handelns zu betonen.

    Und das Handeln soll dann sein: alles tun, damit der Klimawandel begrenzt wird, damit die globale Erwärmung so gering wie möglich ausfällt. Und das wiederum, so die meist angenommene Konsequenz, bedeutet: absolute Priorität hat die Eindämmung des Ausstoßes von Klimagasen, allen voran des Kohlendioxids, das durch Verbrennung fossiler Energieträger entsteht.

    Dem setzt Bill Gates nüchtern entgegen: der Klimawandel, die globale Erwärmung, ist für sich genommen nicht das größte Problem, das wir haben. Selbst wenn die Zahl der Extremwetterereignisse zunimmt: die Menschheit hat schon in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass sie sich mit technischen Mitteln schützen kann. Die Zahl der Opfer von Naturkatastrophen geht dramatisch zurück. Zudem gibt es viele Gefahren, Pandemien, Kriege, Hungersnöte, die nicht Folgen des Klimawandels sind. Alle Ressourcen, finanzielle, wissenschaftliche, technische, politische, auf die Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen zu lenken, führt dazu, dass andere Probleme nicht angegangen werden.

    Beim Klimawandel will Bill Gates nicht nur auf den Temperaturanstieg schauen

    Gates‘ einfache Überlegung ist: die Reduktion eines Temperaturanstiegs ist kein Wert an sich. Es muss darum gehen, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, vor allem in den ärmsten Ländern. Es ist viel zu einfach gedacht, zu meinen, dass die Verringerung des Temperaturanstiegs automatisch die Lebensbedingungen verbessert. Es kann sogar sein, dass das Gegenteil bewirkt wird. Die Stabilisierung des Klimas wird mit Wohlstandverlusten und Verzicht auf Fortschritt erkauft, darunter leiden besonders die, denen es heute am schlechtesten geht.

    Diese Überlegung ist plausibel. Wenn man ehrlich ist, ist die Strategie der unbedingten Eindämmung des Klimawandels eine Idee derer, die im Wohlstand leben und den Wohlstand sichern wollen. Machen wir uns nichts vor: wir sehen die schönen Gletscher in den Alpen schmelzen und merken, dass der Winter in den Mittelgebirgen nicht mehr schneesicher ist. Wir stöhnen über Trockenheit und Temperaturen im Sommer, über die in anderen Erdgegenden nur gelächelt wird. Und wir wollen einfach, dass wir im Sommer nicht allzusehr schwitzen müssen und dass wir im Winter weiterhin schifahren können. Natürlich kaschieren wir das mit einer Sorge vor den Konsequenzen des Klimawandels für die Ärmsten der Welt. Aber ob die unseren Klimaschutz wollen, der für diese Menschen vor allem Verzicht auf den Wohlstand bedeutet, den wir schon haben, fragen wir lieber nicht.

    Eine pragmatische Sicht auf den Klimawandel

    Da ist der Ansatz von Bill Gates, mit dem Klimawandel klarzukommen, ehrlicher. Er bezieht wirklich die Interessen der armen Länder ein. Er fragt, was diese wirklich wollen. Wollen sie sich an den Klimawandel anpassen und die Chance auf Wohlstand nicht verpassen? Das klingt eigentlich plausibel.

    Ein solcher pragmatischer Umgang mit dem Klimawandel schlägt Bill Gates vor. Er macht die globale Mitteltemperatur nicht zum Fetisch. Er sieht sie vielmehr als einen Parameter unter vielen. Das könnte tatsächlich zu einer konstruktiven und kooperativen globalen Zusammenarbeit beim Klimaschutz führen. Klimaschutz wird nicht verstanden als Schutz des Klimas vor Veränderung, sondern als Schutz der Menschen vor den Veränderungen, die kommen werden. Und das könnte am Ende sogar zu einer friedlicheren Welt beitragen. Es ist gut, dass der alte Bill Gates noch nach- und umdenken kann.

    In seiner letzten Kolumne dachte Jörg Phil Friedrich über die Möglichkeit eines Militärputsches in den USA nach.

  • Doppeldiagnose

    Doppeldiagnose

    »Ich darf nicht mehr raus.«
    »Weshalb? Du gehst doch jeden Tag für uns einkaufen, Miriam.«
    »Sie lassen mich nicht mehr vor die Tür, Henning.«
    »Das ist ärgerlich. Du warst die Einzige, der sie den Spaziergang erlaubt haben. Wer soll nun Zigaretten und Schokolade besorgen? Die Pfleger werden das nicht für uns tun. Da haben die bestimmt keinen Bock drauf.«
    Miriam begann zu weinen.
    »Was hast du denn ausgefressen?«
    »Nichts!«

    »Für ‚Nichts’ bekommst du keine Ausgangssperre. Du hast dich ja immer korrekt verhalten. Warst pünktlich zurück. Hast nicht versucht, Alkohol rein zu schmuggeln. Irgendwas muss passiert sein, dass sie jetzt so streng mit dir sind.«
    »Ich bin beim Wiegen unter vierzig Kilo gefallen.«
    »Scheiße. Wusste ich nicht. Sorry.«
    »Die Ärzte haben gesagt, dass ich dieses Mal nur ins Freie darf, wenn ich mich bemühe, zuzunehmen. Das klappt aber einfach nicht.« Miriam sah verzweifelt aus.
    »Und das, obwohl du doppelt so viel isst wie ich.«
    »Henning, du weißt, warum das so ist!«
    »Ja ja, ich hör’s ja oft genug aus dem Nachbarzimmer.«

    Trotz Astronautennahrung unter 40 Kilo

    Miriam war eine superdünne Mitdreißigerin mit leicht schwäbischem Akzent, die es vor einiger Zeit berufsbedingt in unsere Gegend verschlagen hatte. Hübsches Gesicht, dunkle Haare. Sie musste früher gut ausgesehen haben. Rolf erzählte, dass sich die Typen bis vor ein paar Jahren nach ihr umgedreht und hinterher gepfiffen hatten. Von ihrem einstigen Glanz war heute nur noch wenig zu sehen. Die Krankheit forderte ihren Tribut; ließ sie ausgemergelt – mitunter sogar knochig – erscheinen.

    An guten Tagen war sie fröhlich, um dann über Nacht in Depressionen zu verfallen, die sie zwangen, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Dort saß sie dann stundenlang und starrte an die Wand. Es war in solchen Momenten schwer, ihr zu helfen, weil sie sich komplett einkapselte und niemanden an sich heranließ. Hin und wieder spielten wir abends zusammen Mühle oder Dame. Gar nicht meins. Ich tat es, weil es sie ablenkte. Der Spaß dauerte ohnehin nur eine Stunde, weil Miriam dann ermüdete.

    Jetzt hatte sie also – trotz hoch kalorienreicher Astronautennahrung und doppelter Portionen – die Grenze von vierzig Kilo unterschritten. Dem medizinischen Personal war das Risiko, dass Miriam mit einem Kreislaufkollaps draußen auf der Straße zusammenklappte, nun zu groß geworden. Aus Sicht der Ärzte war dieses Verbot vernünftig; für sie hingegen bedeutete es eine mittlere Katastrophe. Sie kam nun nicht mehr an die frische Luft. Miriam war seit sechs Wochen in der geschlossenen Abteilung. Die ersten Tage dienten der körperlichen Entgiftung. Danach war vorgesehen, sie langsam aufzupäppeln und in die Nähe der Fünfzigkilomarke heranzuführen. Anstatt zu- nahm sie jedoch immer mehr ab. Es war ein Trauerspiel.

    Doppeldiagnose = 2-faches Leid

    Abendessen. 18.15.:
    »Ich habe noch drei Scheiben Wurst übrig. Möchte die jemand haben?«
    »Ja ich, Henning.«
    »Nimm dir ruhig auch noch das restliche Brot, Miriam.«
    »Hat sonst noch jemand was übriggelassen?« Miriam blickte forschend durch den Speisesaal.
    »Du kannst aber essen. Sieht man dir gar nicht an, Mädel. Wo lässt du das bloß alles?« Ein Neuer, den ich heute Morgen zum ersten Mal gesehen hatte, wollte seinen Senf dazugeben.
    »Ist schon alles okay. Kümmere dich um deinen eigenen Teller«, sagte ich zu ihm.

    Miriam verschwand mit einem vollgepackten Tablett in ihrem Raum. Sie schlief als einzige alleine. Wir anderen waren entweder in Doppel- oder in Dreierzimmern untergebracht. Ich legte mich kurz aufs Bett, um in Ruhe den Sportteil der Zeitung zu studieren. Von nebenan hörte ich es wieder: ein Würgen, Schluchzen, das Klatschen von Nahrung in die Kloschüssel. Miriam kotzte sich die Seele aus dem Leib. Diese grauenhafte Prozedur fand dreimal täglich statt. Immer zwanzig Minuten nach den Mahlzeiten. Miriam jagte sich zwei Flaschen Mineralwasser als Gleitmittel hinein, steckte zwei Finger in den Hals und los ging es. Anfangs dachte ich noch: Schade um das gute Essen. Bis ich die Tragweite ihres Krankheitsbildes begriff: Alkohol gepaart mit Bulimie. Rolf bezeichnete das als Komorbidität. Er war ein kluger Kopf. Würde schon stimmen, wenn er das sagte. Ich nannte es einfach: Doppeldiagnose.

    Vorher eine Runde Intensivstation

    Miriam flog öfter als Rolf, René oder ich hier ein. Und das wollte schon was heißen. Zumeist knapp unter vier Promille. Wenn’s mehr war, musste sie vorher eine Runde in der Intensivstation drehen. So lauteten die Regeln der Klinik. Galten für uns alle. Wenngleich bei ihr eine Flasche Wein dieselbe Wirkung hervorrief wie bei uns anderen eine Pulle Wodka. Mit vierzig Kilo verträgst du ja so gut wie nichts, ging es mir durch den Kopf. Kein Wunder, dass Miriam alle zweiundsiebzig Stunden hier aufkreuzte. Um diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen, hatten die Ärzte dieses Mal auf einen mehrwöchigen Einweisungsbeschluss gedrungen. So blieb sie zwar trocken, verlor aber trotzdem weiterhin an Gewicht.

    Verlegung in eine andere Klinik

    Am nächsten Morgen. 10.25.:
    »Ich muss fort, Henning.«
    »Wohin?«
    »In eine andere Klinik.«
    »Können sie hier nichts mehr für dich tun?«
    »Ich wog vorhin nur noch neununddreißig. Da hat der Oberarzt gesagt, dass sich nun Spezialisten um mich kümmern werden.«
    »Ist wahrscheinlich vernünftig.«
    »Ich habe Angst.« Miriams Mundwinkel zuckten.
    »Musst du doch nicht haben.« Ich berührte sachte ihr rechtes Handgelenk.
    »Ich will nicht sterben.«
    »Warum solltest du das tun? Du bist noch jung.«
    »Es ist das erste Mal, dass sie mich woandershin überweisen. Sonst durfte ich immer nach Hause. «
    »Und warst nach spätestens vier Tagen wieder hier. Kann verstehen, dass die Ärzte nun einen neuen Weg einschlagen wollen. Du musst echt zunehmen. Wenn’s in dieser Station nicht funktioniert, dann eben in einer Spezialklinik
    »Bringst du mich noch bis zur Tür, Henning?«
    »Klar.«

    Wir umarmten uns kurz, dann begleiteten zwei Pfleger Miriam auf den Parkplatz zum dort bereits wartenden Krankentaxi.

    »Dann bleibt für uns ja ab sofort genug zu essen übrig, Jetzt, wo dieses gefräßige Huhn weg ist«, grinste der Neue, der unsere Abschiedsszene beobachtet hatte.
    »Halt dein blödes Maul«, erwiderte ich.

    Trauriges Finale

    Geschlossene Abteilung; zwei Monate später:
    »Hast du was von Miriam gehört, Rolf? Habe sie seit Juni nicht mehr gesehen.«
    »Du weiß das gar nicht?«
    »Nein, habe mich ausnahmsweise mal acht Wochen draußen gehalten. Ist ein langer Zeitraum, in dem viel passieren kann.«
    »Da sag‘ ste was, Henning. Miriam ist tot.«
    »WAS?«Ich blickte Rolf mit aufgerissenen Augen an.
    »Die konnten ihr in der anderen Klinik anscheinend auch nicht richtig helfen. Das Essen blieb nicht drin. Künstliche Ernährung funktioniert wohl nicht unbegrenzt. Sie magerte immer mehr ab und fiel irgendwann ins Koma. Bis dann die lebenswichtigen Organe versagten.«

    »Woher weißt du das?«
    »Hat mir Pfleger Martin erzählt. Und der hatte es wiederum vom Stationsarzt. Wird schon stimmen. Die Quelle ist zuverlässig.«
    »Tut mir leid um die Kleine. Ich konnte sie gut leiden«, sagte ich nachdenklich.
    »Mal schau’n, wen es als nächstes erwischt. Vielleicht einen von uns beiden, Henning.«
    »Tja, weiß man nicht. Ist halt ein riskantes Spiel, das wir hier alle betreiben.«

    An diesem Abend verspürte ich keinen Appetit und ließ mein Essen unangerührt in die Küche zurückgehen.

  • Militärputsch in den USA?

    Militärputsch in den USA?

    Wenn man die Meldungen über die Stimmung in den Führungsstäben der U.S. Army, der Air Force und der Navy konsequent weiterdenkt stellt sich die Frage, wie weit die USA von einem Militärputsch entfernt sind. Offenbar ist die Unzufriedenheit unter den Generälen groß.  Spätestens, seitdem ihr „Kriegsminister“ sie zusammengerufen hat um ihnen eine markige Rede über Gewichtsprobleme, Frisuren und mangelnde körperliche Fitness zu halten, fragen sich viele von ihnen, ob die neue Administration all das zerstören könnte, was das Selbstverständnis der stärksten Streitmacht der Welt ausmacht. Auch das, was er gegen Diversität und Frauen in der Army kundgetan hat, dürfte bei der Armeeführung auf wenig Verständnis oder gar Unterstützung gestoßen sein.

    Ist ein Militärputsch in den USA denkbar?

    Ein Militärputsch in den USA ist schwer vorstellbar. Schließlich handelt es sich um eine alte Demokratie. Militärputsche kennt man eigentlich nur aus Diktaturen oder als konterrevolutionäre Aktion gegen junge, noch instabile Demokratien. Autoritäre Machthaber schützen sich vor Verschwörungen ihres Militärs und des Regierungsapparats, indem sie ein Klima des Misstrauens schaffen. Ein Putin, Kim oder Xi hat Jahrzehnte Zeit, um dafür zu sorgen, dass im Regierungsapparat keiner dem anderen traut, sodass eine vertrauensvolle Vorbereitung eines Umsturzes nicht möglich ist.

    Die aktuelle Administration hat zwar versucht, binnen weniger Tage gewachsene Strukturen in Behörden und Institutionen zu zerschlagen und in den zerrütteten Verwaltungsapparat die wenigen Getreuen zu setzen, denen Trump, Vance und Hegseth trauen. Dort dürfte inzwischen Angst und gegenseitiges Misstrauen herrschen – genau das Klima, das ein Diktator braucht, um einigermaßen sicher vor einem Umsturz sein zu können.

    Im Gegensatz zu Diktatoren, die viel Zeit haben, die passende Mischung aus Angst und Gehorsam zu erzeugen, konnten Trump und seine Leute nicht über viele Jahre einen gefügigen Staatsapparat und eine folgsame Armeeführung aufbauen. Deshalb hat Trump auch Musk und seine DOGE-Truppe losgeschickt, um die gewachsenen Beamtenstrukturen zu zerstören, in der sich Widerstand organisieren könnte. In den zivilen Bereichen der Ministerien und Behörden könnte ihm das gelungen sein.

    Anders beim Militär. Man darf nicht vergessen, dass Generäle und Stabsoffiziere, die über Jahre und Jahrzehnte auf ganz verschiedenen Dienstposten, zumal überall auf der Welt und in existenziellen Herausforderungen, gedient haben, Netzwerke und Vertrauensbeziehungen aufgebaut haben, die stabil und auch in Krisensituationen sicher sind. Zum einen kann man eine Armee ohnehin nicht so einfach zerstören wie eine zivile Behörde. Zum anderen bleiben solche Netzwerke auch bestehen, wenn – wie ja geschehen – tatsächlich Führungspersonal ohne Angabe von Gründen entlassen wird. Der Korpsgeist des Militärs sorgt für stabile Vertrauensbeziehungen.

    Wie ein Putsch möglich wird, auch in Amerika

    Da ist es relativ einfach möglich, ein Gespräch zu führen, das etwa so beginnt: „So kann es nicht weitergehen. Die zerstören am Ende unsere militärische Stärke und alles, wofür dieses Land in der Welt steht.“ – „Aber was soll geschehen?“ – „Jedenfalls können wir nicht zulassen, dass die Army kaputtgeht.“ – „Außerdem können wir uns nicht zum Handlanger solcher Leute machen lassen.“ – „Und wenn er mit Putin gemeinsame Sache machen will, kann das am Ende zum Untergang der USA als Führungsnation führen.“

    Auf diese Weise werden Optionen geprüft und mögliche Handlungsspielräume erkundet, die auch einen Militärputsch in den USA nicht unmöglich erscheinen lassen.

    Zu berücksichtigen ist, dass Trump und seine Leute wahrscheinlich keine wirkliche Machtbasis in der Bevölkerung haben. Wer würde sich der Army entgegenstellen, wenn diese zum Staatsstreich schreitet? Die Nationalgarde? Und würde „das Volk“ auf die Straße gehen, um Trump zu unterstützen, wenn die Army sich in einem Putsch gegen ihn stellt? Wohl kaum.

    Viele werden einen Militärputsch in den USA für unmöglich halten, einfach, weil es unvorstellbar ist. Aber vieles war noch vor kurzem unvorstellbar schien, ist Realität geworden. Von allem Unvorstellbaren, was geschehen ist und noch geschehen kann, ist ein Sturz der US-Regierung durch Army, Navy und Air Force vielleicht eine der sympathischeren.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Phil Friedrich über die Möglichkeit einer gerechten und akzeptablen Wehrpflicht.

  • Eine gerechte und akzeptable Wehrpflicht ist möglich

    Eine gerechte und akzeptable Wehrpflicht ist möglich

    Die Wehrpflicht für Männer steht im Grundgesetz, über die muss eigentlich gar nicht gestritten werden. Hier geht es um die reale Durchsetzung dieser Pflicht, und die muss akzeptabel und gerecht sein. Niemand in der Politik ist ehrlich, wenn es um eine gerechte und akzeptable Wehrpflicht geht. Und offenbar ist auch niemand in der Lage, einen Plan zum Aufbau einer leistungsstarken modernen Armee zu entwickeln, der gerecht und akzeptabel ist.

    Zwei Wahrheiten über die allgemeine Wehrpflicht

    Zwei Dinge müssen klar ausgesprochen werden. Erstens: Deutschland braucht eine Armee, die ungefähr doppelt so groß ist wie die heutige, und diese Armee darf nicht nur aus Offizieren und Spezialisten bestehen, sie braucht vor allem Soldaten: Infanteristen, Artilleristen, Matrosen, Leute, die in Panzern sitzen, die an den Geschützen der Korvetten und Fregatten stehen. Der Ukraine-Krieg zeigt unübersehbar, dass der Krieg, der verhindert werden soll, auf dem Feld, an der Front stattfindet. Zudem muss die Bundeswehr im Kriegsfall Drohnen bekämpfen und Infrastruturen verteidigen. Deshalb brauchen wir nicht nur eine aktive Truppe, sondern auch eine starke Reserve, die dann die Territorialverteidigung übernimmt, die die Logistik und die Infrastruktur der NATO-Truppenbewegungen auf deutschem Boden sicherstellt. Eine solche Reserve wird aber nur auf der Basis eines professionellen, effektiven Wehrdienstes gebildet, gefolgt von regelmäßigen Übungen. Die Fähigkeiten, die dabei erworben werden, sind auch nützlich bei Sabotageakten, in Katastrophenfällen und Krisen, die auch ohne erklärten Krieg passieren werden.

    Zweitens: Die Bundeswehr ist heute gar nicht in der Lage, im eigentlich benötigten Umfang Wehrdienstleistende auszubilden. Es gibt keine Ausbilder, kein Material, keine Infrastrukturen, keine ausreichenden Truppenübungsplätze, nicht genug Kasernen.

    Wehrpflicht muss akzeptabel und gerecht sein

    Ohne das zuzugeben, versucht die Regierung nun irgendwie einen Wehrdienst auf die Beine zu stellen, der der Situation gerecht wird. Das kann nur scheitern, und diesem Scheitern schauen wir gerade zu. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so gefährlich wäre.

    Wenn man die Situation ernst nimmt und zugleich mit der notwendigen Offenheit gegenüber Volk und Wählern agiert, bleibt eine einfache Lösung, die akzeptabel und gerecht ist: Wehrdienst für alle – zunächst bis zur Grundgesetzänderung für alle Männer – im Alter von 18 bis, sagen wir, 35 Jahren, weil die heute 36jährigen die letzten waren, die noch der Wehrpflicht unterworfen waren. Das heißt, jeder in diesem Alter ist wehrpflichtig. Gezogen werden aber zunächst nicht die jüngsten, das wäre die ungerechteste Lösung angesichts der Tatsache, dass diese Jahrgänge während ihrer Schulzeit am meisten unter den Corona-Maßnahmen leiden mussten.

    Zuerst werden die einberufen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Wenn der Wehrdienst zunächst 6 Monate dauert, ist das zu verschmerzen. Das sind dann typischerweise Menschen, die zwischen 22 und 30 Jahren alt sind. Und das sind natürlich mehr, als die Bundeswehr in den nächsten Jahren verkraften kann. Deshalb wird es eine Reihe von Rückstellungsgründen geben können. Das können z.B. familiäre Gründe sein, Kinderbetreueung wäre der erste Grund, Pflege von Angehörigen auch. Zudem weitere Ausbildungsschritte, wichtige berufliche Verpflichtungen beim Übergang von der Ausbildung zum Erwerbsleben. Sodann kommen Aktivitäten in anderen gesellschaftlich wichtigen Bereichen, THW, DRK, soziale Dienste in Frage. Wer sich irgendwo bereits ernsthaft gesellschaftlich engagiert, kann befreit oder zurückgestellt werden von der Wehrpflicht, das kann auch die Leitung eines Chores, einer Theatergruppe oder die Arbeit als Trainer im Sportverein sein.

    Wichtig ist: Die akzeptable und gerechte Wehrpflicht ist allgemein, aber es gibt gute Gründe, mit denen man von ihr befreit werden kann, wenn man etwas anderes gesellschaftlich Nützliches oder familiär Sinnvolles tut.

    Man wird einwenden, dass das einen großen Prüfaufwand erfordert und dem Betrug Tür und Tor öffnet. Das mag sein, und wenn es so ist, dann haben wir in der Gesellschaft noch ein ganz anderes Problem. Aber zunächst reicht es ja, wenn auf diese Weise im Jahr ein paar tausend, später ein paar zehntausend Wehrdienstleistende zusammenkommen. In der ersten Phase kann man also nachsichtig sein, zumal diejenigen, die nicht zur Truppe müssen, erstmal nur zurückgestellt werden. Später, wenn auf diese Weise nicht genügend Wehrdienstleistende gewonnen werden, kann man strenger werden und genauer hinsehen. Auch das kann man offen und ehrlich von Anfang an sagen.

    In jedem Fall ist ein solcher Ansatz ehrlicher und akzeptabler als eine Wehrpflicht im Losverfahren. Sie trifft nicht willkürlich ein paar wenige, sondern wählt nach einem nachvollziehbaren Verfahren aus einer großen Zahl von Wehrpflichtigen aus. Freiwillige können bevorzugt und diejenigen, die auf andere Weise Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen, können befreit werden. So schafft man eine gerechte und akzeptable Wehrpflicht.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Phil Friedrich über die Rolle von Helden in der Demokratie.

  • Helden und Demokratie

    Helden und Demokratie

    Zu den vielgeliebten und zugleich selten hinterfragten Zitaten des Dichters Bertolt Brecht gehört der kleine Wortwechsel gegen Ende des Stücks Leben des Galilei, indem ein enttäuschter und verächtlicher Andrea Sarti sagt „Unglücklich das Land, das keine Helden hat“, worauf der alte Galilei erwidert „Nein, unglücklich das Land, das Helden nötig hat“. Die Beliebtheit des letzten Satzes zeigt, dass viele der Ansicht sind, ein gutes, halbwegs vernünftig eingerichtetes Land wäre daran zu erkennen, dass es in ihm keine Helden gibt, weil es keine Helden braucht. Die Demokratie braucht keine Helden, könnte man somit meinen. Werden aber Helden gebraucht, dann ist das Land eigentlich schon verloren, dann ist es schon im Unglück.

    Heldentum ist in Verruf geraten

    Deshalb meint man gerne, eine moderne Demokratie, als die etwa die Bundesrepublik gern gesehen wird, brauche keine Helden. Über die Jahrzehnte, in denen man meinte, in einem demokratisch eingerichteten, friedlichen, halbwegs funktionierenden, menschlichen und somit auch ziemlich glücklichen Land zu leben, ist das Heldentum sogar in Verruf gekommen. Man schätzt vielleicht noch den Bergretter im ZDF-Frühabendprogramm, aber schon der ist ja etwas anachronistisch. Im Feld des Politischen, der gesellschaftlichen Entscheidungen und Handlungen jedenfalls, werden Helden argwöhnisch betrachtet, die richtigen Lösungen sollen nicht durch Heldentaten herbeigeführt, sondern durch Argumentationen, Verhandlungen und Sachentscheidungen erreicht, das Böse soll nicht durch mutiges Heldentum, sondern durch Gerichte und die Polizei gestoppt werden.

    Allerdings sehen wir, dass der Heldenfreie Staat nicht glücklich macht. Kaum jemand wird behaupten, dass die legalen und legitimen Verfahren der Entscheidungsfindung die anstehenden Probleme lösen, dass sie sie auch nur benennen und nicht unter den Teppich kehren. Könnten da Helden helfen?

    Wer oder was ist ein Held? Jemand, der Gefahren riskiert und ernsthafte und langfristige Nachteile oder Schäden für sich in Kauf nimmt, die Konsequenzen einer Handlung sind, die er für moralisch geboten hält. Zum Heldentum gehört, dass man sich vorher bewusst ist, dass diese Nachteile drohen. Wer nur aus Naivität zum Helden wird, ist trotzdem einer, wenn er dann heldenhaft die Konsequenzen erträgt.

    Der Bergretter – Vorbild für Demokratie-Helden?

    Ist der Bergretter ein Held? Man könnte sagen, dass er sich nicht ernsthaft in Gefahr bringt, nicht nur, weil das Drehbuch ja dafür sorgt, dass am Ende alles gut geht, sondern vor allem, weil er, als Figur der Geschichte, hervorragend ausgebildet ist und all die Techniken beherrscht, die es ihm ermöglichen, ohne Verletzungen oder gar den Tod befürchten zu müssen, moralisch ausgezeichnet zu handeln. Leute wie er sollen ja gerade nicht zum Helden werden, sie sollen nur tun, was ihnen möglich ist, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Bergretter, Feuerwehrleute und Ärzte sind sozusagen die Grenzgänger, die gerade noch erlaubt sind in einer Welt, die Helden nicht nötig haben will.

    Wenn man nach dem Heldentum fragt, das für Länder, für die moderne Gesellschaft mit demokratischem Anspruch nötig wäre, dann geht es aber ohnehin nicht um Aktionen, die man so einüben kann, dass einem keine Gefahr droht. Die Gefahr kann hier nicht vermieden werden, weil sie zur Heldentat dazugehört, weil sie die Tat überhaupt heldenhaft macht. Schon der Widerruf des Galilei, um den es oben ja geht, zeigt es: Man kann das Widerrufen nicht üben, damit es ungefährlich wird. So ist es auch mit denen, die hier und heute heldenhaftes tun: Aktivisten, die in Schlachtbetriebe einbrechen, um skandalöse Bedingungen zu dokumentieren, Leute, die sich an Bäume ketten, damit die nicht gefällt werden. Das ist allerdings nicht immer so ganz heldenhaft, wenn man weiß, dass einem damit vielleicht ein paar Unannehmlichkeiten drohen, aber keine langfristigen Nachteile.

    Aber was ist mit den Aktivisten der ehemaligen Letzen Generation? Ihnen drohen immerhin Prozesse mit Geld- womöglich sogar Haftstrafen. Sie haben eine Menge riskiert, Verzögerungen in der Berufsausbildung, Verlust der sozialen Einbindung, Strafvollzug. Sie tun dies für einen moralisch guten Zweck, nämlich dafür, die Dringlichkeit von Klimaschutzmaßnahmen ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

    Die (un)geliebten Helden in der Demokratie

    Sind sie Helden? Hier kommt nun eine andere scheinbar selbstverständliche Eigenschaft von Helden ins Spiel. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass Helden etwas tun, was viele für richtig und notwendig halten, sich aber nicht trauen. Wieder ist der Bergretter ein tolles Beispiel: Menschen auf Bergnot retten ist zweifellos eine gute Tat, aber kaum jemand traut sich das, was der Held da tut. Was die Letzte Generation getan hat, halten nur wenige für gut und richtig, auch wenn die Ziele von vielen durchaus unterstützt werden.

    Man könnte allerdings einwenden, dass Helden, die mit ihrer Tat Missstände offensichtlich machen wollen, zunächst auf Ablehnung stoßen werden, wenn die Abschaffung der Misstände für viele unbequem ist. Erst im Nachhinein, im Rückblick stellt sich vielleicht heraus, dass die Mutigen wirklich Helden waren.

    In einer bürgerlichen Demokratie, die den Bürgern ein ruhiges und angenehmes Leben verspricht und in der man meint, keine Helden zu brauchen, ist der Held zunächst immer Störenfried. Solange in so einer Gesellschaft alles halbwegs gut läuft, meint man, keine Helden zu brauchen, man diskreditiert sie gern als vorlaut, pathetisch und ruhmsüchtig. Gerade, wenn das Heldentum in Vergessenheit geraten ist, ist es für die Helden auch schwer, die richtigen Aktionen zu finden, die wirklich Wirkung erzielen. Das ist umso schwerer, als die Aktion der Helden immer symbolisch ist, sie hat keine unmittelbare gute Wirkung, sie versucht nur, unmissverständlich zu zeigen, dass etwas getan, dass etwas anders werden muss.

    Wir brauchen Störenfriede

    Der demokratische Politikbetrieb mit seinen Parteien, Koalitionen, Fraktionen, Gesetzentwürfen und Vermittlungsausschüssen ist aber in die Krise geraten. Er versucht, so weiterzumachen wie es seit Jahrzehnten irgendwie funktioniert, aber er produziert keine Lösungen für anstehende Probleme mehr. Vielleicht müssen Helden her, die das laut und unübersehbar sichtbar machen, die das System durchschütteln, damit der Staub abfällt. Vielleicht braucht eine moderne Demokratie immer wieder Helden, damit sie am Leben bleibt und nicht an sich selbst erstickt.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Phil Friedrich über die Frage, was für eine Kandidatin Bundespräsidentin werden sollte.