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  • Der Lebens-Koffer

    Der Lebens-Koffer

    Wer will schon ewig leben? Die Frage stellte Freddy Mercury bekanntlich in einem Lied, das zur Filmmusik ausgerechnet für einen Film gehörte, in dem es irgendwie tatsächlich Aufgabe war, das ewige Leben zu erreichen, indem man alle anderen, die diese Fähigkeit auch hatten, eben umbrachte.

    Es scheint ein hartnäckiger Konsens in der Gesellschaft zu sein, dass der Mensch, wenn schon nicht ewig, doch so lange wie irgendwie möglich leben wollen müsste. Wir würden am Leben hängen, behauptet man, wir würden, wenn das Ende naht, so sehr hoffen, dass es noch nicht zu Ende sei. Wir hätten so einen unbändigen Weiterlebenswillen, der uns plötzlich zu Kämpfern macht, die mit dem Tode ringen, wenn es ans Sterben geht oder gehen könnte.

    Ich frage mich seit langem, ob das tatsächlich so ist, und wenn es so wäre, ob das vielleicht einfach aus diesem selbstverständlichen Konsens, dieser gesellschaftlichen Erzählung stammt. Es gibt für mich, ehrlich gesagt, gar keinen Grund, möglichst lange zu leben.

    Meine Vorstellung vom Leben ist die von einem Koffer oder einem Paket. Man kann Erfahrungen und Erlebnisse hineintun, man kann auch welche wieder rausnehmen (die vergisst man dann eben), wenn was Neues hinzukommt. Aber die Menge, die da reinpasst, ist überschaubar. Das Faszinierende aber ist, dass irgendwann gar nichts wirklich Neues mehr kommt, was man hineintun müsste, weil eine Version dieses vermeintlich Neuen schon enthalten ist.

    Familiäres

    Beispiel Familie: Man macht zunächst die Erfahrung, Kind zu sein, mit Eltern, Geschwistern, Verwandten. Diese Erfahrung ist ohnehin einmalig, die macht man kein zweites Mal. Man verliebt sich, vielleicht ein zweites, vielleicht ein drittes Mal. Die Erfahrung „sich neu verlieben“ kann man im Laufe des Lebens mehrfach machen, aber wer meint, da müsse immer noch eine Erfahrung „Neue Liebe“ dazu, ist vielleicht einfach vergesslich und weiß nicht mehr, dass er die schon kennt.

    Man macht die Erfahrung, selbst Kinder zu haben, die kann man auch ein paarmal machen, und die zweite unterscheidet sich auf jeden Fall von der ersten, aber die dritte ähnelt schon der zweiten und irgendwann weiß man, wie es ist, Kinder zu haben.

    Natürlich gibt es Menschen, die diese Erfahrung, und einige Weitere, die ich noch nennen werde, nicht haben – aber denen nützt ab irgendwann auch kein längeres Leben mehr, sie haben diese Erfahrung verpasst und können sie nicht mehr nachholen.

    Ich selbst habe inzwischen drei Enkel, und ich möchte die Erfahrung, Großvater zu sein, nicht missen. Ich spiele mit der Dreizehnjährigen gemeinsam Gitarre („Who wants to live forever…?) und mit den Achtjährigen Fußball. Ich freue mich darauf, diese Enkel noch als Erwachsene zus sehen. Ich bin auch erst 60, das passt also noch in meinen Koffer. Gern können noch ein paar Enkel dazukommen, aber die Erfahrung, Enkel zu haben, die hab ich schon, und Urenkel, was vielleicht noch mal anders ist, sind noch drin. Unbedingt noch Ur-Ur-Enkel zu haben – das muss nicht zwingend in den Koffer.

    Ich weiß schon, wie es ist, wenn nahe Verwandte sterben, und ich weiß, dass diese Erfahrung in den nächsten Jahren noch auf mich wartet. Ich werde auch von den traurigen Erfahrungen noch genug in den Koffer packen können.

    Was schaffen

    Ich weiß, wie es ist, etwas zu lernen, eine Ausbildung abzuschließen (habe ich drei Mal in den Koffer gepackt), einen Beruf auszuüben, etwas zu schaffen, etwas nicht zu schaffen, zu scheitern, zu versagen, wieder Erfolg zu haben. Auch das kann man noch öfter wiederholen, klar. Man kann immer was Neues beginnen, und wer es noch nicht getan hat, der hat in meinem Alter noch genug Zeit, damit anzufangen und diese Erfahrungen noch einzusammeln.

    Ebenso ist es mit anderen wichtigen Dingen. Ich habe- mit mäßigem Erfolg – zwei Musikinstrumente zu spielen und sogar mal etwas Singen gelernt, ich ärgere mich über mangelnden Fleiß und Beharrlichkeit, und ich weiß, dass ich das wohl nicht mehr perfekt hinkriegen werde – aber da würde es mir auch nicht helfen, meinen Tod am Ende noch hinauszuzögern. Ich bin in die Berge gegangen, stand auf ein paar Gipfeln, nichts Extremes, ich habe Wildnistouren im Winter in Nordfinnland gemacht. Ich werde das auch zukünftig tun und Freude daran haben. Vielleicht werde ich auch neue Herausforderungen suchen, aber die Erfahrung, unter unwirtlichen Verhältnissen in der Natur klarzukommen, die habe ich schon ein paarmal im Koffer. Einiges, was ich mal machen wollte, werde ich nicht mehr schaffen, das weiß ich schon, aber auch das macht mir den Abschied vom Leben nicht schwer.

    Spuren hinterlassen

    Ich will Spuren in der Welt hinterlassen und ein bisschen was dazu tun, dass sie nicht schlechter wird und nicht kaputtgeht. Als Kind dachte ich, ich würde da was ganz großes, unvergessliches Notwendiges vollbringen. Inzwischen meine ich, dass das bisher niemandem gelungen ist und auch mir nicht gelingen wird. Zudem ist mir klargeworden, dass die Wirkung, die man erzielen will, nie die ist, die man wirklich erzielt, und es ist vielleicht besser, sich auf kleine, überschaubare Wirkungen zu konzentrieren, die man selbst noch ein wenig korrigieren kann, als etwas zu tun was „nicht in Äonen untergehen“ kann aber dann das Gegenteil von dem ist, was man beabsichtigt hat. Also habe ich einiges geschrieben und geredet und zu bewegen versucht und werde das weiterhin tun, auch da habe ich die Erfahrung kleiner Erfolge und großen Scheiterns bereits gemacht und in den Koffer gepackt, auch in der Ecke ist noch ein bisschen Platz, aber es würde sich nicht lohnen, um ein paar Wochen oder Monate weiteren Lebens zu kämpfen, damit da unbedingt noch die ganz große Leistung, der große Erfolg oder die Überzeugung, nun doch unvergesslich in die Ahnengalerie der Guten eingetragen zu sein, hinzukommt.

    Fortschritt und Rückschritt

    Ich habe staunenswerte technische Fortschritte und begeisternde gesellschaftliche Entwicklungen erlebt, ich habe die Kehrseiten und die Rückschritte ebenso kennengelernt. Auch da passt noch was in den Koffer, aber auch da ähnelt sich das Erleben von mal zu mal mehr, das Erstaunen und die Freude bleiben, aber sie werden durch die Sorge vor dem Kommenden schon getrübt.

    Was die Welt und die Menschheit überhaupt betrifft, meine ich, dass sie in Schwingungen oder Wellen existiert, jedenfalls in einem endlosen Auf und Ab. Ich habe eine Zeit erlebt, in der wir schon mal dachten, alles wäre bald zu Ende (Kalter Krieg, Atomkriegsgefahr, Wettrüsten), ich habe in einer Zeit gelebt, in der wir dachten, nun käme doch der ewige Frieden, ich erlebe heute wieder, dass wir Angst vor den weiteren Geschehnissen haben müssen. Ich weiß nicht, wie schlimm es wird, aber der Blick in die Geschichte lehrt mich, dass es auch wieder besser wird – und ich hoffe, dass die bessere Zeit dann die ist, in der ich gehe – und dass ich mit dem Gedanken sterben kann, dass ich ein bisschen was dafür getan habe. Aber wenn es in einer schlechten Zeit mit mir zu Ende geht, dann bringt es auch nichts, auf ein klein wenig Verlängerung zu hoffen. Die Gewissheit, dass es irgendwann wieder aufwärts geht, habe ich schon heute, und die hätte ich dann auch.

    Noch nicht ganz voll

    Mein Koffer ist nach 60 Jahren eines intensiven Lebens schon ganz gut gefüllt, es passt noch etwas rein, aber das Meiste ist „im Kasten“. Wer in meinem Alter ist und das noch nicht sagen kann, dem kann ich nur empfehlen: Los geht’s, es ist noch nicht zu spät, jedenfalls für das Meiste, und das, was nicht mehr geht, das kann man noch durch anderes ersetzen. Bei mir passt noch einiges rein, und ich werde den Koffer gern bis zum Rand füllen, aber wenn es demnächst irgendwann, warum auch immer, zu Ende gehen würde, dann könnte ich auch sagen: es ist auch so schon genug.

    Traurig ist es für die, deren Leben zu Ende geht, ohne dass sie ihren Koffer schon halbwegs gefüllt haben. Für die lohnt es sich, um das Weiterleben zu kämpfen, wenn es durch Krankheit oder Unfall auf der Kippe steht. Und da sehe ich auch die gesellschaftliche Aufgabe, diesen Menschen mit allem zu helfen, damit die Chancen bewahrt werden, dass sie ihren Koffer weiter füllen können, vielleicht anders als zuvor, aber es gibt ja so viele Möglichkeiten.

    In meinem eigenen Koffer bleibt wahrscheinlich immer noch etwas Platz, um noch eine schöne oder eine traurige und dennoch bedeutende Kleinigkeit hineinzupacken. Ich stelle mir aber vor, dass ich, wenn es zu Ende geht, einfach sagen kann, er ist gut gefüllt, jetzt kann ich ihn schließen.

  • Ein Jahr Trump II – (mein) Abschied von Amerika

    Ein Jahr Trump II – (mein) Abschied von Amerika

    Ein Jahr, das alles verändert hat

    Heute vor einem Jahr trat Donald Trump seine zweite Amtszeit an. Was seither geschehen ist, sprengt selbst die Prognosefähigkeit eines notorischen Pessimisten, wie ich einer bin. Damals, am 20. Januar 2025, hätte ich nicht gedacht, dass schon zwölf Monate später ein wehmütiger Abschied notwendig sein würde. Ein Abschied nicht nur von einer Regierung, sondern von einem Land, wie ich es seit früher Kindheit wahrgenommen, erlebt und – ja – geliebt habe.

    Dieser Text ist kein politikwissenschaftlicher Lagebericht. Er ist auch keine Chronik aller Verwerfungen, die diese zwölf Monate hervorgebracht haben. Er ist persönlicher. Vielleicht auch sentimentaler. Denn es geht um den Verlust eines inneren Bildes: der USA als moralischem Bezugspunkt, als Freund, als Beschützer – als Sehnsuchtsort.

    Wie Amerika Teil meines Lebens wurde

    Meine Amerika-Sozialisation begann früh. 1968 lernte ich lesen mit Donald Duck und Micky Maus. Keine Helden mit Übermenschlichkeit, sondern Figuren mit Fehlern, Humor und einem unerschütterlichen Glauben daran, dass es am Ende irgendwie gut ausgeht. 1969 saß ich gebannt vor dem Fernseher und fieberte bei der Mondlandung mit. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit“ – das war nicht nur Technikgeschichte, das war ein Versprechen.

    1978 ging ich als Schüler nach New York. Die Stadt war schmutzig, laut, manchmal beängstigend – und elektrisierend. Freiheit hatte hier einen Geruch, einen Soundtrack, eine Geschwindigkeit. 1990 durfte ich mit einem Promotionsstipendium nach Washington, D.C. Ich lernte Archive kennen, Debatten, die Ernsthaftigkeit eines Systems, das sich seiner Verantwortung bewusst war. Bis 2010 folgten immer wieder Aufenthalte in den USA. Teile meiner Familie leben bis heute über das Land verstreut – von der Ost- bis zur Westküste.

    Als Student in den 1980er-Jahren entdeckte ich meine Liebe zu Charles Bukowski. Seine brutale Ehrlichkeit, die Lakonie, der Trotz gegen jede Form von Selbstbetrug – all das war für mich eine andere, dunklere Variante des amerikanischen Way of Life. Allein seinetwegen hätte ich mir vorstellen können, die letzten Lebensjahre, die mir als Alsbald‑Rentner bleiben, in East Hollywood zu verbringen: nicht aus Nostalgie, sondern aus Nähe zu einer Wahrheit, die sich nichts vormacht. Dieser Traum ist nun ebenfalls geplatzt. Nicht weil Bukowski verschwunden wäre, sondern weil das Land, das solche Stimmen aushielt, sich selbst nicht mehr erträgt.

    Das amerikanische Versprechen

    Bei aller – oft berechtigten – Kritik und bei allen Schattenseiten waren die USA für mich immer vier Dinge zugleich: Erstens die Guten. Zweitens unser Freund. Drittens der Beschützer des Westens. Und viertens ein Traumziel.

    Nach einem Jahr Trump II haben sich diese Vorstellungen beim Blick über den Atlantik nahezu verflüchtigt.

    Die Erosion begann früher

    Natürlich begann dieser Prozess nicht erst 2025. Wer ehrlich ist, muss einräumen: Die Erosion setzte früher ein. Spätestens mit der ersten Trump-Präsidentschaft, vielleicht schon mit dem Irakkrieg, mit Guantánamo, mit der Finanzkrise. Aber es gab immer die Hoffnung auf Korrektur. Auf das berühmte amerikanische Pendel. Auf Institutionen, die stärker sind als ein Mann.

    Diese Hoffnung ist in den vergangenen zwölf Monaten in Siebenmeilenstiefeln zerstört worden, bis von ihr kaum noch was übrigblieb.

    Trump II: Kein Chaos mehr, sondern Programm

    Trump II ist nicht Trump I. Was in der ersten Amtszeit noch wie Chaos, Inkompetenz und Eitelkeit wirkte, erscheint heute als Generalprobe. Die zweite Amtszeit begann vorbereitet, organisiert, entschlossen. Loyalisten statt Fachleute. Dekrete statt Debatten. Drohungen statt Diplomatie.

    Der Ton hat sich verändert – und mit ihm die Substanz. Verbündete werden nicht mehr brüskiert, sondern offen verachtet. Internationale Abkommen gelten als Schwäche. Demokratie wird zur Verhandlungssache erklärt, abhängig vom eigenen Wahlergebnis. Medien sind nicht mehr nur Fake News, sondern konkrete Zielscheiben politischer Repression.

    Die gefährliche Normalisierung

    Was mich dabei am meisten erschüttert, ist nicht Trump selbst. Er ist, bei allem Entsetzen, eine bekannte Größe. Er tut, was er immer getan hat. Er sagt, was er immer gesagt hat. Er meint es diesmal nur ernster.

    Erschütternd ist etwas anderes: die Normalisierung. Die Normalisierung der Grenzüberschreitung. Die Normalisierung der Lüge. Die Normalisierung der offenen Verachtung rechtsstaatlicher Prinzipien. Und vor allem: die Normalisierung der Gleichgültigkeit. Ein Land, das einst stolz darauf war, „a city upon a hill“ zu sein, wirkt müde. Abgekämpft. Zynisch. Die großen Worte – Freiheit, Verantwortung, Führung – sind zu Requisiten in einem innenpolitischen Kulturkampf verkommen. Außenpolitik dient der Kränkung, nicht mehr der Ordnung der Welt.

    Europas strategische Zäsur

    Für Europa ist das mehr als ein Stimmungsproblem. Es ist eine strategische Zäsur. Jahrzehntelang konnten wir uns – manchmal bequem, manchmal naiv – darauf verlassen, dass im Ernstfall jemand da ist, der es gut meint mit dem Westen. Nicht immer klug, nicht immer selbstlos, aber im Kern verlässlich.

    Diese Verlässlichkeit ist weg. An ihre Stelle ist eine transaktionale Logik getreten: Was bringt es uns? Wer zahlt? Wer ordnet sich unter? Freundschaft wird bilanziert, Sicherheit privatisiert, Solidarität verspottet.

    Und ja, Europa hätte früher erwachsen werden müssen. Ja, wir haben uns zu lange in moralischer Überlegenheit eingerichtet. Aber all das ändert nichts an der Tatsache, dass der Verlust der USA als stabilisierender Faktor ein historischer Einschnitt ist.

    Abschied von einem alten Freund

    Für mich persönlich fühlt es sich an wie der Abschied von einem alten Freund, den man nicht wiedererkennt. Jemand, mit dem man Erinnerungen teilt, gemeinsame Werte, gemeinsame Siege und Niederlagen – und der nun in einer Sprache spricht, die einem fremd geworden ist.

    Ich weiß, dass es die anderen USA noch gibt. Die Professorin in Boston. Den Erdnussfarmer in Georgia. Die Krankenschwester in Seattle. Die Studentinnen in Yale und Stanford. Menschen, die verzweifelt zusehen, wie ihr Land sich resend schnell von etwas entfernt, das sie selbst verkörpern: Toleranz und Weltoffenheit. Aber sie sind leiser geworden. Oder wurden leise gemacht.

    Vielleicht ist das der schmerzhafteste Punkt: Nicht der Aufstieg des Autoritären, sondern der Rückzug des Liberal-Demokratischen aus dem öffentlichen Raum. Aus Angst. Aus Erschöpfung. Aus dem Gefühl heraus, ohnehin nichts mehr ändern zu können.

    Ein Richtungsentscheid

    Ein Jahr Trump II reicht, um zu verstehen: Dies ist kein Betriebsunfall. Es ist ein Richtungsentscheid.

    Ob er irreversibel ist, weiß ich nicht. Geschichte kennt Wendungen, Überraschungen, Comebacks. Aber sie kennt auch Kipppunkte. Momente, nach denen nichts mehr so wird wie zuvor.

    Der 20. Januar 2025 könnte ein solcher Moment gewesen sein.

    Ich schreibe diese Zeilen nicht aus antiamerikanischem Affekt. Im Gegenteil. Sie kommen aus einer tiefen Verbundenheit heraus. Aus Dankbarkeit für das, was dieses Land einmal war – und für das, was es mir gegeben hat.

    Gerade deshalb schmerzt der Abschied. Vielleicht ist es kein endgültiger. Vielleicht ist es nur ein langes, trauriges Auf Wiedersehen. Aber im Moment fühlt es sich an, als müsste ich ein inneres Kapitel schließen.

    Die USA waren für mich die Guten. Unser Freund. Der Beschützer des Westens. Eine feste positive Größe in meinem Weltbild.
    Heute, ein Jahr nach Trumps zweiter Amtseinführung, bleibt davon vor allem die Erinnerung.
    +++

    Lesen Sie auch: Der Untergang des Abendlandes – Trump und wie er Europa sieht

  • Grundgesetz – alles gut?

    Grundgesetz – alles gut?

    Geschätzte Lesezeit: 12 Minuten

    In akademischen Verlagen erscheinen Jahr für Jahr unzählige Bücher, die außerhalb der jeweiligen Experten-Zirkel kaum wahrgenommen werden: Monographien zu ausgefallenen Forschungsthemen, Sammelbände mit den Beiträgen zu Fachkonferenzen. Die Auflagen sind gering, der größte Teil wird in Universitätsbibliotheken verkauft, wo die Werke stehen, bis jemand einmal zu dem Thema eine Masterarbeit, eine Dissertation oder eine weitere Monographie schreibt und die bisher dazu schon erschienene Fachliteratur sichtet, um den Forschungsstand darzustellen und einen kleinen Baustein zu ergänzen.

    Dass diese Bücher kein breites Publikum erreichen, liegt nicht nur an der schlichten Ausstattung dieser Bücher und am nüchternen Cover, das sie im bunten Buchmarkt fast unsichtbar macht, und auch nicht an der akademischen Sprache, in der sie verfasst sind. Es liegt auch am Preis, denn oft kostet so ein Buch mit einem Umfang von 250 Seiten knapp 100 € – das wiederum liegt allerdings auch daran, dass ein günstiger Preis eben nur bei einer großen Auflage rentabel ist. Zudem haben die akademischen Verlage auch kaum die Vertriebswege, die es bräuchte, um ihre Produkte in die Regale der Buchhandlungen zu bringen.

    Das ist bedauerlich, denn immer wieder gibt es in diesem Bereich Bücher, die mitten in die öffentliche gesellschaftliche Diskussion gehören, die aber kaum wahrgenommen werden. Um eines dieser Bücher geht es hier. Es ist das Ergebnis einer Tagung, die anlässlich des 75jährigen Bestehens des Grundgesetzes 2024 stattgefunden hat, und ist 2025 erschienen. Es trägt den schlichten Titel 75 Jahre Grundgesetz und ist in der Reihe „Gesetzgebung und Verfassung“ im Nomos-Verlag, dem führenden deutschsprachigen Verlag für Rechts- und Geisteswissenschaften, erschienen. Man könnte meinen, nichts könnte langweiliger sein – aber da irrt man sich gewaltig. Die Autoren der Beiträge des Bandes widmen sich nämlich, wohl wissend, dass außerhalb der Spezialisten-Community kaum jemand davon Notiz nehmen würde, kritisch und ohne Rücksicht auf politische Befindlichkeiten der Entstehung, der Wirkungsgeschichte sowie den Stärken und Schwächen unseres hogelobten deutschen Grundgesetzes.

    Entstehungs- und (Um-)Deutungsgeschichte des Grundgesetzes

    Gleich im ersten Beitrag macht Peter Hoeres, Professor für Neueste Geschichte in Würzburg, klar, dass die Entstehung des Grundgesetzes keineswegs Ergebnis einer breiten Diskussion war: „Statt des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments ging es um handfeste Machtinteressen und Herrschaftsverhältnisse“. Der Zirkel der Beteiligten war sehr überschaubar. Nach einem Verfassungskonvent, der aus einem kleinen Kreis von Experten (aus jedem Land je ein Experte) bestand, trat der Parlamentarische Rat zusammen, der gerade einmal aus 77 Abgeordneten der Länderparlamente bestand, wobei die Berliner nicht stimmberechtigt waren. „In den Ausschüssen und informellen Gremien fand somit eine für die breite Öffentlichkeit nicht transparente juristische Arbeit statt.“ Selbst diese keine Gruppe erzielte aber über das Ergebnis keine Einigkeit, nur die 53 Abgeordneten von CDU, SPD und Liberalen sowie zwei fränkische CSU-Abgeordnete stimmten letztlich dafür, die übrige CSU, das Zentrum, die Deutsche Partei und die KPD stimmten dagegen.

    In seinem Beitrag zur Sprache des Grundgesetzes ergänzt Thomas Sprecher, die „Mitglieder des Parlamentarischen Rates von 1948/49 waren zu zwei Dritteln Beamte und zur Hälfte Juristen… Man wollte keine Parteipolitiker, sondern Fachexperten.“ Da kann man natürlich auch fragen, ob das Grundgesetz ein Text von Beamten und Juristen für Beamte und Juristen geworden ist. Sprecher verweist denn auch auf die berechtigte Forderung nach Verständlichkeit, gerade einer Verfassung: „Sie gilt als ‚Bringschuld des demokratischen Rechtsstaates‘.“ Recht soll verständlich sein „und zwar im Falle des Grundgesetzes möglichst aus sich selbst, ohne Rechtskenntnisse vorauszusetzen. Jeder und jede ihm Unterworfene sollte das Grundgesetz ohne weiteres verstehen, das heißt, unmittelbar, ohne gelehrte Kommentare bei erster Lektüre.“ – eine Forderung, die Sprecher selbst allerdings sogleich als überzogen bezeichnet.

    Auf Kritik stieß das Grundgesetz von vielen Seiten, auch in den jungen demokratischen Medien wie Spiegel und ZEIT. Hoeres zitiert den ZEIT-Chefredakteur Tüngel, der die Proklamation „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ mit der auch heute noch interessanten Bemerkung konterte „es wird kaum eine westdemokratische Verfassung geben, in der das Volk unmittelbar so sehr von der Staatsgewalt ausgeschlossen ist wie hier“. ZEIT-Chefredakteur Friedländer habe angemerkt, dass es für die Parteien wohl unvorstellbar sei, „dass möglicherweise die Freiheit gegen sogenannte demokratische Parteien geschützt werden müsste“, was Hoeres als einen „geradezu prophetischen Satz“ bezeichnet.

    67 Änderungen gab es am Grundgesetz bis zu dem Tag, an dem Hoeres seinen Aufsatz zum Druck freigab, aber er schreibt „problematischer als die Verfassungsänderungen scheinen die Umdeutungen des Grundgesetzes durch ein rechtsschöpfendes Bundesverfassungsgericht, den Gesetzgeber und nachgeordnete Behörden zu sein.“ Dafür zählt er eine Reihe von Beispielen auf, etwa den „Klimabeschluss“ des BverfG vom 24. März 2021, mit dem das Gericht „sehr weitreichende Anweisungen Richtung Planwirtschaft auf Grundlage unsicherer Prognostik … vorgegeben“ habe. Durch die Einführung der „Ehe für alle“ habe die Legislative „den Sinngehalt von Artikel 6 geradezu ins Gegenteil“ verkehrt. „Die Exekutive wiederum ging während der Corona-Pandemie äußerst robust mit den Grundrechten um.“ Und schließlich „konstruierte das Bundesamt für Verfassungsschutz, eine nachgeordnete Behörde … ein verengtes Verständnis von ‚deutschem Volk‘ als Staatsvolk; dass es damit eklatant Wortlaut und Bestimmungen des Grundgesetzes missachtete, ist mittlerweile von mehreren Juristen und Publizisten festgestellt worden.“

    Ob Hoeres in seiner Kritik, Legislative, Exekutive und Judikative hätten hier problematische Umdeutungen des Grundgesetzes vorgenommen, in jedem Fall Recht hat, kann dahingestellt bleiben. Die genannten Kritikpunkte sollen zunächst aber nur beispielhaft zeigen, welche Fragen von gesellschaftlicher Brisanz in akademischen Diskussionen auftauchen. Allerdings verweist auch der Beitrag von Angelika Nußberger (siehe nächster Abschnitt) auf „die gesellschaftsverändernden Grundentscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, die das Grundgesetz neu lesen“. Weiter schreibt sie „erfunden wird ein neues Menschen- und Gesellschaftsbild, das nicht nur auf einer radikalen Selbstbestimmungs-, sondern auch Selbsterfindungsmöglichkeit beruht.“

    Exportschlager und Ladenhüter zeigen Probleme des Grundgesetzes

    Für Nicht-Juristen besonders interessant sind vielleicht die beiden letzten Beiträge des Sammelbandes. Angelika Nußberger, ehemalige Vizepräsidentin des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte und heute Akademiedirektorin an der Universität Köln, schreibt über die internationale Wirkung des Grundgesetzes. Das ist interessant, weil man einerseits erfährt, welche Elemente der deutschen Verfassung zu „Exportschlagern“ geworden und welche „Ladenhüter“ geblieben sind, man andererseits aber auch sehen kann, wie sich Elemente der deutschen Verfassung unter anderen politischen Bedingungen und bei unerwarteten Entwicklungen auswirken können.

    Während sich „innovative Ideen wie eine starke Verfassungsgerichtsbarkeit und das Bekenntnis zur Menschenwürde“ beim verfassungsrechtlichen Neubeginn in Osteuropa durchgesetzt hätten, seien „etwa die schwache Stellung des Präsidenten oder der komplex strukturierte Föderalismus eher Ladenhüter“. Was Nußberger an dieser Stelle leider nicht genauer betrachtet, ist die komplizierte Definition des Gesetzgebungsverfahrens, die allerdings mit dem komplex strukturierten Föderalismus zu tun hat und die von den Grundsätzen der Gewaltenteilung nicht viel übriglässt.

    Der Exportschlager Verfassungsgerichtbarkeit, den z.B. Russland, die Ukraine und Polen übernommen haben, erwies sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte allerdings als problematisch. Das polnische Verfassungsgericht wurde „unter der PiS-Regierung politisch gekippt, sodass es nunmehr nur aus der PiS nahestehenden Richterinnen und Richter zusammengesetzt ist“ und „wurde für politisch nicht durchsetzbare Reformen instrumentalisiert… Damit erwies sich die einst als ‚Krönung der Rechtsstaatlichkeit‘ gepriesene Institution als zutiefst undemokratisch.“ Ähnliches geschah in der Ukraine zu Zeiten von Janukowytsch und in Russland. „Das nach dem Vorbild des Bundesverfassungsgerichtes geschaffene russische Verfassungsgericht hat die Machtverlängerung Putins ebenso wie die Annexion der ukrainischen Territorien Donezk, Luhansk, Kherson und Saporischschja sowie der Krim verfassungsrechtlich sakralisiert.“ So sind die Ideen des Grundgesetzes in Misskredit geraten. „Andere Modelle aber lassen sich im Grundgesetz nicht finden. Insbesondere hat es keine guten Antworten auf die Aushölung des Rechtsstaats gegeben.“ „Ein resistentes Modell gegen eine Unterminierung der Justiz konnte auf der Grundlage des Grundgesetzes nicht geboten werden,“ was aber „inzwischen Gegenstand der rechtspolitischen Debatten“ sei.  Das sollte, gerade wegen des großen Respekts, den das Bundesverfassungsgericht in Deutschland genießt, zu denken geben. Nußberger merkt zudem an, „dass die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts in ihrer Auseinandersetzung mit dem EuGH und dem EGMR eine große Angriffsfläche bot für Fehlinterpretationen und Missbrauch durch andere Verfassungsgerichte“.

    Parteienstaat und Demokratie-Defizite

    In seinem „Rückblick und Ausblick“-Beitrag geht der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht und heutige Lehrstuhlinhaber an der LMU München Peter Huber auf eine Vielzahl von Aspekten ein, aus denen hier nur zwei herausgegriffen werden sollen. Die Anerkennung der politischen Parteien als Einrichtungen des Verfassungslebens habe „eine parteienstaatliche Überformung des Institutionengefüges zur Folge gehabt, in der Koalitionsabsprachen und -rationalitäten und die Willensbildung auf Parteitagen und Mitgliederabstimmungen politisch wichtiger sind als die Entscheidungsfindung in Regierung und Parlament gemäß den geschriebenen Regeln der Verfassung.“ Ist das problematisch? Huber nennt im Kapitel „Defizite“ vor allem die Folge der „Marginalisierung des Abgeordneten“, die aus „dem stark hierarchisierten Parlamentsbetrieb, der faktisch weitgehend von der Regierung und/oder den Parlamentsspitzen bestimmt wird“, folgt. Er konstatiert eine „von der Verfassung so nicht vorgesehene Disziplinierung der Abgeordneten“. Vor dem Hintergrund des „Verhältniswahlrechts mit der Dominanz starrer, von der Parteiführung im Wesentlichen vorbestimmter Listen … muss der um seine Wiederwahl ringende Abgeordnete sich mehr um das Wohlwollen der Partei- und Fraktionsführung sorgen denn um die Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger.“

    Das beeinträchtige, so Huber, „die Responsivität des politischen Systems, schwächt den wichtigsten Hebel für die politische Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger und führt bei diesen zu Ohnmachtsgefühlen“. Insgesamt „lässt die Responsivität unseres politischen Systems doch zu wünschen übrig.“ Das erinnert an die oben zitierte Kritik des ZEIT-Chefredakteurs Tüngel. Huber nennt Beispiele aus der Zeit der Migrationskrise und der Pandemiebekämpfung, bei der Klimaschutzpolitik und die „Fixierung auf eine ‚Brandmauer‘“.

    „Das demokratische Portfolio des Souveräns ist bei all dem überschaubar“ meint Huber. Gewählt wird selten und das „politische Establishment strebt sogar eine Verlängerung der Legislaturperiode auch für den Bund an“. Die Einführung von Volksbegehren und Volksentscheiden auf Bundesebene sei bisher nicht gelungen. „Als Ersatz gibt es ausgeloste Bürgerräte, die Demokratie simulieren sollen.“

    „Unter dem Strich bleibt die Einsicht, dass Politiker nur wenig ‚Angst‘ vor den Wählern haben und diese relativ gefahrlos mit vermeintlichen Alternativlosigkeiten konfrontiert werden können. Das ist freilich Gift für die Demokratie und ihre Akzeptanz.“

    Wirkung des Grundgesetzes auf Straf- und Zivilrecht

    Was die Überschrift dieses Abschnitts verspricht, mag sich zunächst nach einem Fachdiskurs anhören, der wirklich nur Juristen interessiert, und wenn man in die Beiträge des Sammelbandes zu diesen Themen einsteigt, scheint sich das erstmal zu bestätigen. Liest man weiter, merkt man schnell, dass das keineswegs der Fall ist. Zum Thema Zivilrecht zeichnet Dirk Harke, Ordinarius für Bürgerliches Recht in Jena, die Diskussion um die spannende Frage nach, inwiefern die Grundrechte auch für privatrechtliche Streitfälle relevant sind. Das Grundgesetz bindet mit den Grundrechten ja „bloß Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung, nicht aber Private“. Unter Privaten kann also etwa eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit oder der freien Wahl des Wohnsitzes vereinbart werden, ohne dass sich die eingeschränkte Partei sogleich ans Bundesverfassungsgericht wenden kann, um seine Freiheit einzuklagen. Heute werde, schreibt Harke, „kaum noch bestritten …, dass die Grundrechte auch zivilrechtliche Entscheidungen beeinflussen“. Zugleich sei man sich aber aus „Sorge vor einer Überformung des Zivilrechts“ einig, „dass nicht jeder Privatrechtsfall zur Verfassungsfrage gemacht werden darf“.

    Im Bereich des Strafrechts sieht die Situation offenbar anders aus, denn „Strafrechtspflege ist Ausübung von Staatsgewalt, sodass die Vorgaben des Grundgesetzes unmittelbar auch für das Strafrecht und seine Anwendung gelten“ schreibt der Strafrechts-Professor Eric Hilgendorf. Dennoch macht er „Konfliktzonen“ zwischen Strafrecht und Verfassungsrecht aus. „Strafbarkeit ergibt sich nur aus dem Strafgesetz und nicht aus den politischen Vorstellungen des Richters“, schreibt er, bevor er zu einer Kritik am Stil der Argumentation und der Methodenlehre des Bundesverfassungsgerichts übergeht. „Die juristische Argumentation im Verfassungsrecht [habe sich] teilweise vom Wortlaut des Grundgesetzes deutlich entfernt“. Das erinnert an die kritischen Worte von Peter Hoeres, die oben bereits erwähnt wurden. Bei der Interpretation der Grundrechte habe das „‚Abwägen‘ von Grundrechtspositionen die Orientierung am Wortlaut in den Hintergrund gedrängt. … Die Vorteile dieser Praxis sind Flexibilität, allgemeine Verständlichkeit, Nähe zum politischen Zeitgeist und Akzeptanz in der Bevölkerung. … Zu den Nachteilen gehört allerdings die Inthronisierung von demokratisch nur unzulänglich legitimierten Richterinnen und Richtern als Quasi-Gesetzgeber“.

    Fazit: Was soll’s und was nun?

    Auch wenn dieser Beitrag recht lang geworden ist, wird er der Vielfalt der Beiträge, die der Band „75 Jahre Grundgesetz“ enthält, nicht gerecht und man mag mir vorwerfen, dass die Auswahl der besprochenen Beiträge und der dort ausgewählten Zitate einem eigenen Interesse des Autors folgt. Das ist auch richtig. Gezeigt werden sollte, dass fast acht Jahrzehnte nach der Verabschiedung des Grundgesetzes keineswegs gesagt werden kann, dass es ein unumstrittenes Meisterwerk der Demokratie ist, das uns bei korrekter Beachtung durch die Krisen und Herausforderungen der Gegenwart sicher leiten kann. Es muss gründlich durchdacht, womöglich auch verändert oder sogar neu geschrieben werden. Es hat Schwächen, die benannt werden müssen. Ob Änderungen des Grundgesetzes möglich sind, die diese Schwächen Stück für Stück beheben, ist allerdings fragwürdig, denn diese Änderungen müssten von denen vorgenommen werden, die sich mit diesen Schwächen gut eingerichtet haben und die von ihnen sogar profitieren. Vielleicht muss der Weg des Artikels 146 gesucht und gegangen werden, was allerdings mit langem Atem gut vorbereitet und in einer öffentlichen Debatte konstruktiv gestaltet werden müsste.

     

     

     

  • 63 ist das neue 45 – mit Narkose

    63 ist das neue 45 – mit Narkose

    „Du musst dringend was machen lassen, siehst mittlerweile aus wie ne Bulldogge, die demnächst eingeschläfert gehört“, sagt die alte Schulfreundin.
    „Ich mach 5x/Woche was!“
    „Ich mein‘ nicht das blöde Fitness, sondern dein Gesicht. Zerknitterter als meine Bluse nach ner 2 Stunden Kochwäsche.“
    „So’n Botox-Zeug?“
    „Ein bisschen Botox hat noch keinem 63-jährigen geschadet. Und wenn du schon dabei bist: tausch die morschen Brücken gegen Implantate aus und lass die Augenlider straffen. Ein bisschen Fettabsaugen an den Hüften wäre auch nicht verkehrt.“
    „Nur über meine Leiche!“

    Das Gesicht als letzte Baustelle

    Aha. Mein Gesicht. Das eigentliche Problem. Zerknitterter als ihre Bluse nach zwei Stunden 90-Grad-Wäsche. Botox, Implantate, Augenlider, Hüften. Ein Komplettangebot, als wäre ich kein Mensch, sondern ein Altbau mit Schimmel, Asbest und unklarer Statik.

    Wir leben in einer Zeit, in der Altern nicht mehr vorgesehen ist. Jedenfalls nicht sichtbar. Falten sind kein Zeichen gelebten Lebens, sondern mangelnder Wartung. Wer mit über 60 aussieht wie über 60, hat etwas falsch gemacht. Oder schlimmer: aufgegeben.

    Früher wurde man alt. Heute altert man nur noch, wenn man es sich leisten kann, es zu kaschieren. Altern ist kein Naturprozess mehr, sondern ein Imageproblem.

    Der Körper als Dauerprojekt

    Der moderne Mensch ist nie fertig. Schon gar nicht mit sich selbst. Der Körper ist kein Zuhause mehr, sondern eine Baustelle. Und wer nichts macht, wird gemacht – nämlich aussortiert.

    Die Industrie hilft gern. Sie spricht nicht von Schnitten, sondern von Behandlungen. Nicht von Narben, sondern von Ergebnissen. Nicht von Angst, sondern von Selbstfürsorge.

    Die große Lüge vom gefühlten Alter

    „Man ist so alt, wie man sich fühlt.“

    Ein Satz wie ein warmes Bad. Leider endet seine Glaubwürdigkeit beim Blick in den Spiegel. Oder beim Aufstehen aus dem Sessel. Oder beim Geräusch, das die Knie dabei machen. Das Gefühl mag jung sein. Die Oberfläche ist es nicht. Und genau hier setzt die ästhetische Medizin an. Sie verspricht Ausgleich. Innen 45, außen bitte synchron.

    Botox kann viel – nur keine Zeit anhalten

    Was dabei gern verschwiegen wird: Altern ist kein Softwareproblem. Botox ist kein Update. Es lähmt Muskeln, nicht Jahrzehnte. Implantate ersetzen Zähne, nicht Biografien. Fettabsaugung entfernt Fett, aber nicht die Jahre, in denen man gelernt hat, sich selbst zu belohnen.

    Aber Hoffnung verkauft sich besser als Realität. Und die Hoffnung lautet: Vielleicht merkt es ja keiner.

    Die Vergleichshölle

    Wir sind umgeben von Siebzigjährigen, die aussehen, als hätten sie einen Wartungsvertrag mit der Ewigkeit. Prominente, Nachbarn, LinkedIn-Profile mit Fotos aus der Ära Schröder I. Der Vergleich ist permanent. Und er ist brutal.

    Wer nicht mithält, fällt auf. Wer auffällt, verliert. Sichtbares Altern ist heute ein Wettbewerbsnachteil.
    Männer holen auf – leider

    Lange durften Männer altern. Grau galt als interessant, Bauch als souverän, Falten als Zeichen von Denken. Diese Zeiten sind vorbei.
    Heute gilt auch für Männer: Wer nicht optimiert, wird überholt. Der Bauch ist kein Genuss mehr, sondern Disziplinlosigkeit. Die Falte kein Denkmal, sondern ein Makel. Der alternde Mann ist nicht mehr würdevoll, sondern verdächtig.

    Es bleibt nie beim „bisschen“

    „Ich hab ja nur ein bisschen machen lassen.“

    Das ist der Satz, mit dem alles beginnt. Ein bisschen Botox hier, ein bisschen Lidstraffung da. Man will ja nur wieder aussehen wie man selbst – nur weniger müde, weniger vergangen.

    Das Problem: Wer anfängt, sieht plötzlich überall Defizite. Ist die Stirn glatt, stört der Mundwinkel. Sind die Augen offen, wirkt der Hals beleidigt. Der Körper wird zur Excel-Tabelle voller Optimierungspotenziale.

    Wenn Gesichter ihre Geschichte verlieren

    Irgendwann kippt es. Dann sieht man nicht jünger aus, sondern gemacht. Nicht gepflegt, sondern bearbeitet. Das ist kein moralisches Urteil, sondern ein ästhetisches.

    Der Körper altert im Zusammenhang. Wenn man einzelne Teile herausoperiert, zerfällt oft das Ganze. Junges Gesicht, alter Gang. Glatte Haut, müde Augen.

    Instagram-Filter trifft Treppenhaus.

    Natürlich gibt es gute Gründe
    Ja, es gibt sie. Medizinische, funktionale, nachvollziehbare. Hängende Lider, die das Sichtfeld einschränken, sind kein Charaktertest. Rekonstruktionen nach Krankheit oder Unfall sind keine Eitelkeit. Und wer sich wohler fühlt, wenn der Spiegel nicht jeden Morgen „Endstadium“ ruft, hat jedes Recht zu handeln.
    Der entscheidende Punkt ist nicht der Eingriff. Es ist der Grund.

    Selbstfürsorge oder Selbstverleugnung?

    Will ich etwas machen lassen, weil ich mich selbst kaum noch ertrage? Oder weil ich Angst habe, im Vergleich alt auszusehen? Will ich mir etwas Gutes tun – oder renne ich einem Ideal hinterher, das sich permanent verschiebt?

    Denn dieses Spiel ist nicht zu gewinnen. Die Zeit ist ein geduldiger Gegner. Sie lässt sich irritieren, aber nicht besiegen. Jede OP kauft Aufschub, keine Erlösung.

    Wenn Pflege in Panik kippt

    Irgendwann übersteigt der Aufwand den Ertrag. Dann wird aus Pflege Nervosität. Aus Optimierung Angst. Aus Selbstbestimmung Zwang.
    Man erkennt es daran, dass der Spiegel nicht mehr konsultiert, sondern bekämpft wird.

    Die große gesellschaftliche Ausrede

    Besonders unerquicklich ist die Behauptung, all das sei eine rein private Entscheidung. Ist es nicht. Jede geglättete Stirn verschiebt die Norm. Jedes „Sieht man gar nicht!“ erhöht den Druck auf alle, bei denen man es sieht.

    Wir altern nicht mehr gemeinsam. Wir konkurrieren.

    Die eigentliche Zumutung

    Vielleicht sollten wir die Frage neu stellen. Nicht: Soll man im Alter Schönheits-OPs machen lassen oder nicht?
    Sondern: Halten wir es überhaupt noch aus, alt auszusehen?

    Nicht heroisch. Nicht würdevoll. Sondern einfach sichtbar.

    Alter als Marktsegment

    Was dabei gern übersehen wird: Altern ist inzwischen ein lukratives Marktsegment. Die Generation, die früher als „alt“ galt, heißt heute „Best Ager“ und verfügt über Zeit, Geld und diffuse Angst. Eine ideale Zielgruppe.

    Die Botschaft ist immer dieselbe: Du darfst alt sein – aber bitte nicht danach aussehen. Du darfst Erfahrung haben – aber keine Spuren davon. Das Alter wird toleriert, solange es unsichtbar bleibt.

    Würde ist kein Verkaufsargument

    „Würdevoll altern“ klingt gut, verkauft sich aber schlecht. Würde hat keinen Vorher-Nachher-Effekt. Keine Rabattaktion. Keine Ratenzahlung.

    Die ästhetische Industrie dagegen liefert klare Versprechen: jünger, frischer, straffer. Nicht glücklicher, wohlgemerkt. Aber konkurrenzfähig. Und das reicht offenbar.

    Stille Verachtung fürs Alte

    Hinter all dem steckt etwas Unangenehmes: eine tiefe Abneigung gegen sichtbares Alter. Alte Haut gilt als unästhetisch, alte Körper als störend, alte Gesichter als Zumutung.

    Man sagt es nur nicht mehr so. Man nennt es jetzt Optimierung.

    Illusion der Kontrolle

    Schönheits-OPs verkaufen Kontrolle. Die Vorstellung, man könne den eigenen Verfall managen wie ein Projekt. Checklisten statt Schicksal.

    Das funktioniert eine Weile. Und dann nicht mehr. Spätestens dann, wenn trotz aller Eingriffe das Alter zurückblickt – nicht im Gesicht, sondern im Gang, im Tempo, in der Erschöpfung.

    Wenn Altern wieder sichtbar wird

    Das ist der Moment, in dem viele noch mehr machen lassen. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Trotz. Gegen die Erkenntnis, dass der Körper kein Vertragspartner ist, sondern ein eigenwilliger Mitbewohner.

    Was bleibt

    Vielleicht wäre es an der Zeit, dem Alter wieder etwas Platz einzuräumen. Nicht als Heldentat, sondern als Normalität. Nicht jede Falte ist ein Problem. Nicht jede Veränderung eine Katastrophe.

    Das heißt nicht, dass man nichts machen darf. Aber vielleicht, dass man nicht alles muss.

    Ein letzter Blick

    Die Bulldogge im Spiegel jedenfalls hat mir heute Morgen wieder zugezwinkert. Nicht optimiert, nicht gestrafft, nicht verhandlungsbereit. Ich habe zurückgezwinkert. Mit beiden, leicht hängenden Lidern. Und ohne Termin beim Chirurgen.

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    Lesen Siue auch: Gesund sterben wollen wir alle
    Ich laufe, also bin ich noch

  • Finnland, Russland und die NATO

    Finnland, Russland und die NATO

    Wenn man Anfang Januar in Nordfinnland eine Backcountry-Ski-Tour von einer Wildnishütte zur anderen macht, dann hat man viel Zeit. Auch wenn die Sonne nicht aufgeht, bewegt man sich etwa 5 Stunden im Licht der Bürgerlichen Dämmerung, in der man keine Stirnlampen braucht, dazu kommt, in den klaren, kalten Tagen der letzten Woche, das Licht des allmählich abnehmenden Mondes. Die helle Zeit reicht, wenn man kurz vor der Dämmerung startet, um die nächste Hütte nach ca. 20 km zu erreichen, dort die Ausrüstung von der Pulka ins Haus zu tragen, Schnee für das benötigte Wasser zu sammeln, Holz zum Heizen aus dem nahen Schuppen zu holen. Und wenn die Hütte dann warm ist, dann hat man vor allem viel Zeit zum Reden. Über das, was man redet, kann man dann am nächsten Tag auf der Tour nachdenken, um abends weiterzureden.

    Man redet über Politik

    Man trifft natürlich nicht viele Menschen, abgesehen von den wenigen, mit denen man gemeinsam unterwegs ist. Mit ein paar Leuten aus Norwegen oder Finnland, die gerade ähnliches tun, sitzt man abends auf Bänken zusammen und isst die schlichten, aber energiereichen Malzeiten, deren Zutaten man auf der Pulka hierhergebracht hat.

    Dann fängt man an zu reden, und irgendwann, meist dauert es nicht lange, kommt man auf politische Dinge zu sprechen. Oft geht es zuerst um Geschichte, denn wenn man als Deutscher in Finnland unterwegs ist – ich war es nun zum dritten Mal – merkt man schnell, dass Finnen und Deutsche eine Menge Geschichte verbindet, vor allem eine Menge Kriegsgeschichte. Und das wiederum vor allem mit Bezug auf den Nachbarn im Osten. Schon im Dreißigjährigen Krieg waren es vor allem finnische Kavalleristen, die für Schweden in Europa kämpften. Im Zusammenhang mit den Napoleonischen Kriegen wurde Finnland Teil des russischen Reiches, versuchte aber immer wieder, größtmögliche Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu erreichen. Das gelang 1907.

    Finnland zwischen Deutschland und Russland

    1917 organsierten die Deutschen Lenins Reise durch Deutschland, Schweden und schließlich Finnland nach Russland mit dem Ziel, Russland zu destabilisieren. Nach der Oktoberrevolution versuchten die Bolschewiki dann, auch in Finnland das sowjetische Rätesystem einzuführen, was nach einem erbitterten Bürgerkrieg allerdings misslang.

    Als Hitler und Stalin ihren Pakt schlossen, teilten sie Finnland dem sowjetischen Einflussbereich zu, aber im Winterkrieg 1939 kamen Stalins Truppen erst mal nicht weit. Im Fortsetzungskrieg kämpften die Finnen deshalb zusammen mit Deutschland gegen die Sowjetunion, um die verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Als sich allerdings die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg allmählich abzeichnete, musste Finnland sich im Lapplandkrieg wiederum auf die Seite der sowjetischen Truppen stellen. All dies kann man an Abenden in einer finnischen Wildnishütte lernen, während das Birkenholz im Ofen verbrennt und allmählich den Raum erwärmt.

    Finnland ist vielleicht dasjenige Land, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs am meisten und am nachhaltigsten aus seiner Geschichte gelernt hat. Es entzog sich geschickt den Bestrebungen Moskaus, es in den Ostblock zu integrieren, blieb parlamentarisch-demokratisch und marktwirtschaftlich, verstand sich immer als Teil der westlichen Welt, blieb aber politisch neutral und hatte im RGW, dem osteuropäischen Gegenstück zur EWG, sogar einen Beobachterstatus.

    Mit dem russischen Angriff änderte sich alles

    Umso interessanter ist es, den Stimmungsumschwung im Lande zu betrachten, den der Angriff Russlands auf die Ukraine ausgelöst hat. Mein abendlicher Gesprächspartner in der von arktischer Kälte umgebenen Wildnishütte am Polarkreis erzählte, dass bis zum russischen Überfall auf den Nachbarn 80% der Finnen gegen einen NATO-Beitritt und für die Neutralität des Landes gewesen seien, und dass dann innerhalb weniger Wochen die Meinung dazu völlig umgekippt sei und seitdem 80% den NATO-Beitritt des Landes forderten und zu dem inzwischen vollzogenen Beitritt weiterhin stehen würden.

    Eine Recherche stützt das, auch wenn die Zahlen nicht ganz so dramatisch sind. Über Jahrzehnte beantworteten stabil rund sechzig Prozent der Finnen die Frage, ob das Land der NATO beitreten solle, mit „Nein“, je zwanzig Prozent antworteten „Ja“ oder „Weiß nicht“. In den ersten Monaten des Jahres 2022 drehte sich das um. Im April 2022 sagten dann 68%, das Land solle NATO-Mitglied werden, nur noch 12% sagten „Nein“.

    Wahrscheinlich hat kaum ein Land aus eigenen Erfahrungen so klare Vorstellungen von den Bestrebungen und Plänen der russischen Machthaber wie Finnland. Es sollte wohl jedem, der denkt, Putin habe ganz sicher keine Pläne über die Ukraine hinaus, zu denken geben, wie die Menschen in Finnland das sehen – und dass sie zugleich ihre eigene Sicherheit und Zukunft keineswegs in der Neutralität oder gar in einer größeren Nähe zu Russland, sondern in der engeren Bindung an das westliche Verteidigungsbündnis sehen.

    Wird die NATO Finnland beschützen?

    Als ich am nächsten Tag wieder durch die weite arktische Landschaft Nordfinnlands stapfte, ließ mich allerdings die Frage nicht los, ob wir, die westeuropäischen NATO-Länder, wirklich in der Lage sind, den Finnen die Sicherheit zu geben, die sie bei uns suchen. Man stelle sich vor, Russland würde tatsächlich die finnische Grenze verletzen, würde in dieses weite, dünn besiedelte Land vorrücken – was könnte die NATO dem schnell und energisch entgegensetzen? Und würde sich die mitteleuropäische Bevölkerung, von der ein beachtlicher Teil nicht mal bereit ist, das eigene Land zu verteidigen, dazu bringen lassen, eine Politik zu unterstützen, die Geld, Waffen und womöglich Soldaten zur Verteidigung der finnischen Seenlandschaft, über deren Eis- und Schneeflächen ich gerade glitt, zu senden?

    Vielleicht dreht sich aber auch hierzulande die Stimmung unter denen, die nach Diplomatie und Verhandlungen mit Putin rufen, wenn es für Finnland bedrohlich wird. Das wäre zu hoffen, denn es ist ein schönes Land mit freundlichen, klugen und kreativen Menschen. Sie bauen auf unseren Beistand und wir sollten sie darin sicher machen, dass wir den auch leisten würden, wenn es nötig wäre.

  • Vom Sonntagsbraten zum Deutschland-Korb

    Vom Sonntagsbraten zum Deutschland-Korb

    Als Essen noch kein politisches Thema war

    In meiner Kindheit, in den 60er- und 70er-Jahren, war Essen vor allem eines: berechenbar. Lebensmittelpreise kannten im Alltag kaum Überraschungen. Butter kostete, was Butter eben kostete, Brot war Brot, und Fleisch gab es sonntags. Nicht, weil es so teuer war, sondern weil es etwas Besonderes blieb. Niemand sprach von „Inflation an der Kühltheke“, niemand verglich Preise über Apps oder scannte Grundpreise pro 100 Gramm. Gegessen wurde, was da war – und gekocht wurde zu Hause.

    Natürlich war damals nicht alles billiger. Der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel am Einkommen lag deutlich höher als heute. Aber die Preise bewegten sich langsam, verlässlich, fast geräuschlos. Das Gefühl permanenter Verteuerung, dieses ständige „Schon wieder teurer?“, kannte man nicht. Essen war kein politisches Thema, sondern Teil des Alltags.

    Teurer geworden – aber nicht unbezahlbar

    Heute ist das anders. Lebensmittel sind teurer geworden. Das ist keine gefühlte Wahrheit, sondern eine statistische. Seit 2020 haben sich viele Preise um rund ein Drittel erhöht. Butter, Obst, Gemüse – alles Dinge, die man nicht aus Luxus kauft, sondern weil man essen muss. Gleichzeitig gilt: Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland ein Niedrigpreisland. Wer einmal in Frankreich, Italien oder Skandinavien an der Supermarktkasse stand, weiß, dass „teuer“ ein sehr relativer Begriff ist.

    Die Politik greift nach dem Einkaufswagen

    Und doch greift nun die Politik nach dem Einkaufswagen. Genauer: die SPD. Aus ihrer Ideenküche stammt der Vorschlag eines sogenannten „Deutschland-Korbs“ – eines Bündels aus günstigen, preisstabilen, in Deutschland produzierten Grundnahrungsmitteln. Freiwillig angeboten vom Handel, gut sichtbar für die Kundschaft, gedacht als schnelle Entlastung für Verbraucher. Ein griffiger Name, ein verständliches Anliegen – aber ein Konzept, das bei näherem Hinsehen mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

    Günstiger als günstig?

    Zunächst die Grundannahme: Der Handel soll günstiger verkaufen. Aber günstiger als was? Als die ohnehin knallhart kalkulierten Eigenmarken? Als die Preise, die im europäischen Vergleich bereits niedrig sind? Wer glaubt, dass zwischen Molkerei, Schlachthof, Logistik, Energie, Personal und Miete noch nennenswerte Luft steckt, verwechselt politische Wunschvorstellungen mit betriebswirtschaftlicher Realität.

    Freiwillig – und trotzdem flächendeckend?

    Dann die Freiwilligkeit. Der Deutschland-Korb soll freiwillig sein – und gleichzeitig flächendeckend wirken. Das erinnert an Diätvorsätze am Neujahrstag: gut gemeint, aber ohne Durchschlagskraft. Warum sollte ein Händler mitmachen, wenn der Wettbewerber zwei Straßen weiter es nicht tut? Und wenn alle mitmachen – wer definiert dann, was „preisstabil“ ist und wie lange diese Stabilität gelten soll?

    Deutsch produziert, billig verkauft?

    Noch komplizierter wird es beim Etikett „in Deutschland produziert“. Das klingt nach Regionalität, Versorgungssicherheit und fairen Bedingungen. In der Praxis aber heißt es: höhere Produktionskosten. Deutsche Standards sind teuer – aus gutem Grund. Doch genau diese Kosten stehen im Widerspruch zum politischen Wunsch nach dauerhaft niedrigen Preisen. Beides zugleich geht nur, wenn jemand die Differenz trägt. Die Frage ist: Wer?

    Am Ende zahlt immer jemand

    Der Staat? Dann reden wir über Subventionen, also Steuergeld. Der Handel? Dann schrumpfen Margen, die ohnehin nicht üppig sind. Die Hersteller und Landwirte? Dann konterkariert man das Ziel fairer Erzeugerpreise gleich mit. Oder am Ende doch der Verbraucher – über kleinere Packungen, geringere Auswahl oder Qualitätseinbußen?

    Mehr Symbol als Lösung

    Der Deutschland-Korb ist damit weniger ein wirtschaftliches Instrument als ein politisches Symbol. Er signalisiert Handlungsbereitschaft, ohne das Grundproblem zu lösen: Lebensmittel sind teurer geworden, weil Energie, Löhne, Rohstoffe und Regulierung teurer geworden sind. Das lässt sich nicht wegkörben.

    Die offene Rechnung

    Vielleicht wäre mehr Ehrlichkeit hilfreicher als neue Wortschöpfungen. Ja, Essen kostet mehr. Nein, Deutschland ist kein Hochpreisland. Und ja, soziale Entlastung ist notwendig – aber sie lässt sich nicht dauerhaft an der Supermarktkasse organisieren. Wer Grundversorgung sichern will, muss Einkommen stärken oder gezielt unterstützen, nicht den Einkaufskorb neu erfinden.

    Denn am Ende bleibt die einfache Frage: Wer trägt den Deutschland-Korb nach Hause? Und wer bezahlt ihn wirklich?
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    Lesen Sie auch: Bauer als Feindbild?

    Bauer als Feindbild

    Bild: Pixabay

  • Die Eule der Minerva oder vom Sinn des Fliegens in der Dämmerung

    Die Eule der Minerva oder vom Sinn des Fliegens in der Dämmerung

    Vor über 200 Jahren hat Hegel die berühmten Worte über die Philosophie notiert, nach der „die Eule der Minerva […] erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ beginnt, denn die Vorrede zu den Grundlinien der Philosophie des Rechts wurde im Mai 1820 geschrieben. Seitdem ich diesen Satz, der zum Sprichwort geworden ist, zum ersten Mal gelesen habe, frage ich mich: warum fliegt die Eule dann überhaupt noch los? Warum bleibt sie nicht sitzen? Natürlich war Hegel kein Ornithologe sondern Philosoph, die Gründe, die die Eule hat, in der Dämmerung zu fliegen, waren ihm wahrscheinlich egal. Was er ja sagen wollte: Die Philosophie findet erst zu ihrer Sprache, wenn die Ereignisse, die die Menschen aufwühlen und umhertreiben, schon wieder der Ruhe der Müdigkeit gewichen sind. Die Philosophie kommt mit ihrem Nachdenken immer zu spät, und was sie dann vielleicht herausfindet, interessiert am nächsten, neuen Tag niemanden mehr. Vielleicht auch: die Philosophie redet, wenn niemand zuhört, weil alles schläft.

    Zweierlei kann man sich nun fragen: erstens: Ist das wirklich so? Warum sollte die Philosophie nicht in die Ereignisse hineinreden, die gerade stattfinden? Ist es wirklich ausgeschlossen, dass sie zum aktuellen Geschehen etwas beizutragen hätte? Zweitens: welchen Sinn hat das philosophische Reden, wenn es nicht bei dem hilft, was die Menschen gerade umtreibt?

    Beide Fragen könnten helfen, eine Antwort zu finden auf die Frage „Was ist der Mensch?“, und das ist bekanntlich eine philosophische Frage, was man schon daran merkt, dass man mit ihrer Antwort praktisch vermutlich nichts anfangen kann.

    Wer handelt, denkt nicht nach

    Die Eule der Minerva handelt nicht, solange handeln geboten ist. Wer handelt, denkt nicht nach, darf nicht nachdenken und sollte besser nicht zu viel nachdenken, denn das Nachdenken hält immer vom Handeln ab. Das klingt abwegig, weil wir ja ständig, schon von den kleinen Kindern, verlangen, erst nachzudenken, bevor sie etwas tun. „Denk doch erst mal nach, bevor du etwas tust!“ – wer hätte diese Forderung noch nicht gehört? Und wurde nicht die Bundeskanzlerin Merkel dafür gelobt, dass sie erst ganz genau nachgedacht hat, die Wissenschaft befragt, abgewogen, bevor sie – wie man gern anerkennend gesagt hat – rational (also nachdenkend) entschieden hat?

    Ich weiß nicht, wie es genau abgelaufen ist, wenn Angela Merkel zu ihren Entscheidungen gekommen ist. Ich weiß auch nicht, ob je ein Kind oder ein junger Erwachsener auf die Ermahnung zum Nachdenken gehört hätte. Aber probehalber kann ich mich an Situationen erinnern, bei denen ich selbst Entscheidungen zum Handeln zu treffen hatte. Wie sah das dann aus? Ich habe Informationen eingeholt, Handlungsalternativen ausfindig gemacht, vielleicht sogar abgewogen – und dann eben entschieden.

    Was hieße „Nachdenken“ in einer solchen Situation? Die Konsequenzen der Alternativen zu ermitteln, gegeneinander abzuwägen, dabei Maßstäbe für die Abwägung zu suchen, diese Maßstäbe wiederum zu befragen, die Gründe für die Bewertung der Maßstäbe zu finden, diese Gründe wieder zu bewerten…

    Kein Mensch kann das tun, wenn er entscheiden muss. Was man da vernünftigerweise tut, ist, sich möglichst unterschiedliche Informationen und Varianten „anzusehen“, Aspekte wenigstens zu benennen, Risiken auszumachen – und dann eben zu entscheiden.

    Wer entscheiden und handeln muss, sollte mit dem Nachdenken möglichst bald aufhören, und wer das Nachdenken bevorzugt, sollte sich aus Entscheidungen raushalten und nicht versuchen, Entscheider in ihrem Handeln zu beeinflussen. Über „den Menschen“ sagt uns das: Wir sind viel zu schwach im Denken, um bei komplizierten, neuen Fragen, die eigentlich Nachdenken erfordern würden, wirklich nachzudenken. Die Frage ist, warum wir trotzdem halbwegs erfolgreich durchs Leben kommen.

    Das Gute ist, dass wir eigentlich meistens nicht entscheiden und handeln, aber auch nicht nachdenken müssen. Meistens leben wir in der Dämmerung. Wir leben so vor uns hin und alles läuft wie gewohnt, und wir machen, ohne groß nachzudenken, das, was gestern schon funktioniert hat, oder was bei anderen auch funktioniert – wir also nachmachen können.

    Hier könnte nun die Philosophie ins Spiel kommen, die Eule der Minerva, die in der Dämmerung ihren Flug beginnt. Sie nutzt die Ruhe, um das zu durchdenken, was in der Hektik der Entscheidungen nicht durchdacht werden kann. Sie fragt nach den Maßstäben, sie weist darauf hin, dass wir oft ohne Gründe entscheiden, sie überlegt, wie Moral und Essen zusammenpassen. Das tut sie nicht, wenn das Böse uns attackiert oder das Essen knapp ist, sie tut es, wenn wir gerade weder gut noch böse sein müssen und auch halbwegs satt sind.

    Nachdenken im Nachhinein

    Was nützt das? Die Entscheidungen, die einmal getroffen sind, werden morgen nicht wieder zu treffen sein, für die durch Nachdenken im Nachhinein die „richtigen Lösungen“ zu finden, ist müßig.

    Allerdings könnte es sein, dass das Nachdenken der Philosophie das Handeln und das Entscheiden auf eine subversive Weise doch beeinflusst, und dass das beharrliche philosophische Denken und Reden das erfolgreiche Handeln und Entscheiden mit vorbereiten kann, weil als Basis der Entscheidungen dann das Wissen um Gründe, Abgründe, Maßstäbe und Maßlosigkeiten mit eingeht. Unsere Zeit braucht insofern den Flug der Eule der Minerva, sie braucht mehr Philosophie, aber nicht für die täglichen Entscheidungen, sondern für die Vorbereitung eines Entscheidens, das die Fragilität seiner Begründung kennt.

  • Dry January: 1 Monat Verzicht, 11 Monate Ausrede

    Dry January: 1 Monat Verzicht, 11 Monate Ausrede

    „Mein Vorsatz fürs Neue Jahr: Ich trink nix im Januar. Nullkommanull, Zero, nada. Hab das jetzt schon 5 Tage durchgezogen“, erklärt Clemens, ein notorischer Schluckspecht, vorgestern Abend bei unserer allmonatlichen Skatrunde.
    „Respekt, Bro!“, sagt Klaus und passt dann bei 23.
    „Und du, Henning; du sagst nichts dazu?“
    „Was soll ich dazu sagen?“
    „Du könntest beispielsweise sagen: Finde ich super, Clemens. Wenn du das schaffst, bin ich stolz auf dich.“
    „So einen Kack soll ich erzählen?“, antworte ich, während ich versuche, mit 1 Buben und auch sonst nur Mist auf der Hand mein Spiel zu machen, weil ich eben dummerweise 24 gesagt hatte.
    „War klar, dass man es einem protestantischen Abstinenzler nicht recht machen kann. Menschen wie dir geht jegliche Sinnenfreude ab. Ein buddhistischer Mönch in einem tibetischen Kloster führt ein lustvolleres Leben als du.“
    „Lasst uns nicht streiten, sondern aufs Spiel konzentrieren“, sagt Klaus und trumpft mit der Kreuz 10 mein Ass Herz, weil ich nicht aufmerksam mitgezählt hatte. „Ich bin auf jeden Fall stolz auf dich. Die restlichen 26 Tage schaffst du locker.“
    „Und danach kannst du dir mit gutem Gewissen wieder die Kante geben“, sage ich, zähle den vor mir liegenden Kartenstapel, komme nur auf 59 und fluche: „Scheiße!“
    „Hör nicht auf ihn, Clemens. Der ist nur sauer, weil er heute Abend mal wieder verliert, der Mann mit dem klarsten Kopf von uns allen. Auch nach 10 Jahren Abstinenz spielt Henning wie ein somnambuler Alki, der große Probleme mit der Impulskontrolle hat.“
    „Leck mich“, sage ich und reize dann bis 36, weil ich auch das nächste Spiel unbedingt spielen will. „Morgen sind es bloß noch 25 Tage. Schau’n wir mal, ob du das ohne Turkey hinbekommst“, erwähne ich noch und danach spiele ich einen Herz ohne 4.
    „Du bist so ein Arsch“, jammert Clemens.
    +++

    Trockener Januar: Detox fürs Gewissen

    Kaum ist das Silvesterkonfetti aus den Teppichen gesaugt, beginnt wieder die Zeit der kollektiven Selbstoptimierung. Fitnessstudios verzeichnen Neuanmeldungen von Menschen, die man dort ab Februar nie wieder sehen wird, Kühlschränke füllen sich mit Chiasamen, und irgendwo zwischen guter Vorsatz und Selbstbetrug taucht jedes Jahr aufs Neue ein alter Bekannter auf: der Dry January.

    Ein ganzer Monat ohne Alkohol. Kein Bier. Kein Wein. Kein „Ach komm, ist ja nur ein Glas“. Stattdessen Leitungswasser, Kräutertee und das wohlige Gefühl moralischer Überlegenheit. Die Idee stammt aus Großbritannien, wo Alkohol nicht nur gesellschaftliches Schmiermittel, sondern handfestes Gesundheitsproblem ist. Dort gilt er seit Jahren als eine der häufigsten Todesursachen bei Menschen zwischen 15 und 49 Jahren – eine Statistik, die den Begriff „Feierabendbier“ in ein eher ungünstiges Licht rückt. In Deutschland sieht es, wenig überraschend, kaum besser aus.

    Die Verheißungen des trockenen Januars klingen entsprechend paradiesisch: besserer Schlaf, Gewichtsverlust, schönere Haut, stabileres Immunsystem, klarerer Kopf. Kurz: Man wacht nach 31 Tagen als eine Art alkoholfreie Version seiner selbst auf – jünger, wacher, moralisch einwandfrei. Kein Wunder also, dass ich jedes Jahr eine ganze Reihe Menschen kenne, die in der Silvesternacht mit glasigen Augen schwören, ab morgen „erst mal gar nichts“ zu trinken. Wir reden hier ausdrücklich über Alkohol. Januar ohne Zucker, Nikotin, Sex oder soziale Medien lassen wir außen vor – wobei ein Monat ohne Instagram für viele vermutlich schmerzhafter wäre als ein Jahr ohne Schnaps.

    31 trockene Tage sind besser als 31 nasse – Überraschung

    Fangen wir mit einer banalen Wahrheit an: 31 Tage ohne Alkohol sind für Körper und Geist besser als 31 Tage mit Alkohol. Das ist keine gewagte These, sondern Biologie. Alkohol ist ein Zellgift. Punkt. Eine Pause davon ist nie verkehrt, ganz egal, wie sehr die Weinlobby etwas anderes behauptet.

    Neuere Studien zeigen sogar, dass sich bereits nach vier Wochen messbare Effekte einstellen: Der Blutdruck sinkt, die Insulinsensitivität verbessert sich, Leberfett wird abgebaut. Auch der Schlaf wird tatsächlich tiefer – nicht weil man früher ins Bett geht, sondern weil Alkohol die nächtliche Regeneration sabotiert. Selbst die oft belächelte Sache mit der Haut stimmt: weniger Entzündungen, weniger aufgedunsene Gesichter, weniger „Ich-habe-gestern-nur-zwei-Gläser-getrunken“-Augen.

    Das Problem ist nur: All diese Effekte sind reversibel. Der Körper freut sich über die Pause, aber er vergisst auch schnell. Wer ihm ab Februar wieder regelmäßig Ethanol zuführt, darf sich darauf verlassen, dass Blutdruck, Schlafqualität und Leberwerte ebenso zuverlässig zurückkehren wie der Kater am Sonntagmorgen.

    Das eigentliche Problem beginnt am 1. Februar

    Der trockene Januar scheitert nicht am Januar. Er scheitert am Februar. Wer am 31. Januar stolz verkündet, man habe nun „bewiesen“, dass man kein Problem habe, und sich zur Feier des Tages eine Flasche Rotwein öffnet, hat exakt gar nichts verstanden. Ein Monat Abstinenz kompensiert kein Jahr Überkonsum. Das ist ungefähr so, als würde man im August einmal Salat essen und erwarten, dass sich das auf die Weihnachtsfigur auswirkt.

    Der trockene Januar kann nur dann sinnvoll sein, wenn er als Startpunkt gedacht ist – nicht als Ausnahmezustand. Und genau hier wird es unerquicklich, denn man muss die Menschen nun einmal grob in drei Gruppen einteilen:

    Typ A trinkt gelegentlich, kennt seine Grenzen und braucht keinen Aktionsmonat, um sonntagabends Wasser zu bestellen.
    Typ B trinkt regelmäßig. Kein Absturz, aber kaum ein Abend ohne Alkohol.
    Typ C trinkt regelmäßig und deutlich zu viel. Filmrisse inklusive.

    Drei Typen, drei Effekte – und nur einer profitiert halbwegs
    Typ A braucht keinen trockenen Januar. Er macht vielleicht mit, weil es gerade en vogue ist oder weil der Partner zu Typ B oder C gehört. Medizinisch ist der Effekt überschaubar, psychologisch nett, aber entbehrlich.

    Typ C hingegen wird mit einem Monat nichts reißen. Falls er ihn überhaupt durchhält. Und falls doch, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er im Februar genau dort weitermacht, wo er aufgehört hat – nur mit dem guten Gefühl, es „ja schon mal geschafft“ zu haben. Für diese Gruppe sind Kampagnen, Challenges und Lifestyle-Hacks ungefähr so hilfreich wie ein Pflaster bei offenem Bruch. Hier helfen nur professionelle Unterstützung, Therapie, Selbsthilfe – und ja: oft lebenslange Abstinenz. Alles andere ist Selbstbetrug mit Filterkaffee-Aroma.

    Bleibt Typ B. Und nur hier entfaltet der trockene Januar eine gewisse Berechtigung. Für Menschen, die sich an den täglichen Alkohol gewöhnt haben, kann ein Monat Pause tatsächlich ein Augenöffner sein. Neuere Langzeituntersuchungen zeigen, dass ein Teil der Dry-January-Teilnehmer auch Monate später noch weniger trinkt als zuvor. Nicht alle – aber einige. Und das ist mehr, als man von den meisten Neujahrsvorsätzen behaupten kann.

    Medizinisch begrenzt – psychologisch nicht völlig nutzlos

    Bringt der trockene Januar also medizinisch viel? Nein. Dafür ist er zu kurz. Die Leber applaudiert höflich, das war’s. Wer 334 Tage im Jahr trinkt, kann nicht erwarten, dass der Körper sich mit 31 Tagen Pause zufriedengibt.

    Aber: Der Januar kann ein Denkanstoß sein. Eine Art Probewohnen in einem Leben mit weniger Alkohol. Für Menschen, die bei „lebenslang verzichten“ sofort innerlich kündigen, ist ein Monat überschaubar genug, um ihn überhaupt zu versuchen. Der Dry January ist keine Therapie, sondern PR. Öffentlichkeitsarbeit für das Thema Konsum. Und das ist, bei aller berechtigten Kritik, nicht nichts.

    Das Problem bleibt nur: Ausgerechnet die, die am dringendsten etwas ändern müssten, profitieren am wenigsten davon. Und die, die ohnehin halbwegs vernünftig trinken, können sich danach selbstzufrieden auf die Schulter klopfen.

    Also alles Quatsch? Nicht völlig nein. Leider auch nicht ja.

    Heißt das, wir können uns den trockenen Januar sparen? Jein. Wer fest vorhat, ab Februar wieder nahtlos weiterzutrinken wie zuvor, kann sich den Aufwand tatsächlich sparen und stattdessen direkt ehrlich zu sich selbst sein. Wer den Monat hingegen nutzt, um dauerhaft etwas zu verändern – von täglich zu gelegentlich, von regelmäßig zu bewusst –, für den kann der Januar der Startschuss sein.

    Das werden nicht viele sein. Aber selbst wenn es nur wenige sind, ist der Schaden gering und der mögliche Nutzen vorhanden. Nur sollte man sich nichts vormachen: Ein Monat ohne Alkohol macht niemanden gesund. Er zeigt höchstens, wie es sich anfühlen könnte, wenn man weniger trinkt.

    Und das ist vielleicht die ehrlichste Botschaft des Dry January: Nicht der Januar ist das Problem. Die restlichen elf Monate sind es.

    PS: Falls Sie in der kommenden Silvesternacht wieder überlegen, beim Dry January mitzumachen: Lesen Sie diesen Text ruhig noch einmal. Vorausgesetzt, Sie finden ihn wieder. Und erinnern sich. Was erfahrungsgemäß unwahrscheinlicher ist als ein alkoholfreier Februar.

    PPS. Was mit Clemens passiert ist? Der hat nach der Skatrunde im Spätie eine Pulle Wodka gekauft und die noch am selben Abend zur Hälfte geleert. „Schuld bist du, Henning“, erklärt mir Klaus gestern am Telefon, „weil du unseren gemeinsamen Freund völlig demotiviert hast.“  – „Er kann ja im Januar 2027 den nächsten Versuch starten. Wenn er dann noch lebt“, antworte ich. – „Du bist so ein Arsch.“
    +++

    Lesen Sie auch: Trocken bleiben … aber wie?

  • Im Alten Griechenland

    Im Alten Griechenland

    Das Schwierige

    Ich hatte mich auf eine lange Reise begeben. Mein Ziel war der Anfang, die Quelle des Stroms, von dem wir uns heute noch ernähren. Die Gegend, die ich erkunden wollte, deren Bewohner ich kennenlernen wollte, lag ganz im fremden Inneren unserer Welt, die Reise war zugleich eine Wanderung auf höchste Berge wie sie eine Erkundung tiefster Erdschichten war.

    Die Leute, die ich treffen wollte, sprachen eine fremde Sprache, auch wenn mir viele Worte, die sie hatten, vertraut vorkamen, wusste ich doch, dass ich den Bedeutungen, die ich kannte, nicht trauen konnte. Zwar gab es viele freundliche Dolmetscher, aber ich hielt es für klug, mir ein paar dicke Wörterbücher einzupacken, mit deren Hilfe ich den Sinn dessen erkunden wollte, was mir die Weisesten der Leute dort, wie ich hoffte, anvertrauen würden.

    Ohne Halt hatte ich mich fast bis ganz in den innersten und ältesten Bezirk dieses Landes begeben. In Milet traf ich einen einsilbigen, mürrischen Alten, den sie als einen der Weisesten bezeichneten. Er hieß Thales. Er schaute nicht auf, als ich sein Haus betrat und ihn ehrfurchtsvoll grüßte.

    Was sollte ich ihn fragen? Was könnte die erste, wichtigste Frage sein, die ich auf meinem Weg als Antwort bräuchte. Diese Frage zu finden, schien mir das schwierigste überhaupt zu sein. Was mochte wohl für Thales das Schwierigste sein? Ohne noch länger weiterzugrübeln, fragte ich ihn genau das: Was ist für Dich, Thales, das Schwierigste?

    Er schaute hoch, sah mich an und lächelte. Dann antwortete er:

    Τὸ ἑαυτὸν γνῶναι.
    To heauton gnonai.

    Mein erster Versuch, diesen Satz zu verstehen, ergab „Das Sich-selbst-Erkennen“. Allerdings konnte ich das Verb γιγνώσκω (gignósko), zu dem γνῶναι gehörte, auch mit „kennen“ oder „kennenlernen“ übersetzen. Es geht also nicht um Erkenntnis im Sinne der Wissenschaften, für das es ja das Wort επιστήμη (epistéme) gab, das mit dem Verb ἐπίσταμαι (epistamai) zusammengehört, das erkennen, sich-auskennen, sich-auf-etwas-verstehen bedeutet.

    Ich beschloss, die Bemerkung von Thales so zu verstehen, dass er es für das Schwierigste ansah, sich selbst zu verstehen, sich selbst kennenzulernen, mit sich selbst vertraut zu sein. Vielleicht in dem Sinne, dass es kaum möglich sei, nicht von sich selbst, seinen eigenen Wünschen und Handlungen überrascht zu sein? Meinte er, dass es schwierig sei, die eigenen Gründe für Hoffnungen oder Ängste zu durchschauen?

    Aber wenn das so schwierig wäre, wenn es sogar das Schwierigste wäre, wie sollte man dann andere verstehen? Oder die Welt da draußen, mit den vielen unbekannten Dingen und Ereignissen, die alle miteinander zusammenhängen?

    Der Alte schwieg. Na, das war ja ein gelungener Anfang meiner Reise. Vielleicht sollte ich doch irgendwo anders beginnen? Ich beschloss, ein bisschen in der Nähe zu bleiben, über die Antwort von Thales weiter nachzudenken und andere Weise in der Umgebung aufzusuchen.

    Eine lakonische Aufforderung

    In Sparta traf ich einen weisen Mann, der auch nicht viel gesprächiger war als Thales. Er hieß Chilon. Die Einsilbigkeit war in diesem Landstrich, der Lakonien genannt wurde, typisch. Die Leute lebten spartanisch und gaben lakonische Auskünfte.

    Chilon war einer von ihnen und er sagte nicht viel. Als ich ihn fragte, was ich tun sollte, um ein weiser Mensch zu werden und die Welt zu verstehen, antwortete er nur:

    Γνῶθι σαυτόν
    Gnothi sauton!

    Auch wenn Chilon einen anderen Dialekt als Thales sprach, brauchte ich gar nicht ins Wörterbuch zu schauen, um ihn zu verstehen. Γνῶθι gehört auch zum Verb γιγνώσκω (gignósko), das mich schon seit meinem Treffen mit Thales beschäftigte. „Verstehe oder erkenne dich selbst!“, „Lerne dich selbst kennen!“ – das war der Rat des weisen Chilon. Also genau das, was Thales als das Schwierigste bezeichnet hatte, sollte die Aufgabe sein?

    So sehr ich überlegte, ich kam immer wieder zu dem Ergebnis, dass es eigentlich doch das Einfachste sein müsste, sich selbst kennenzulernen. Schließlich habe ich zu mir selbst den besten Zugang, ich kann mich am besten bei allem beobachten. Es ist allerdings kein Kinderspiel, denn man konnte sich über sich selbst täuschen, man konnte sich selbst etwas über sich selbst vormachen. Aber wenn man nur ehrlich zu sich selbst war – warum sollte es so schwer sein, sich selbst zu verstehen?

    Als ich mich von Chilon verabschiedet hatte und ich mich gerade wieder auf den Weg machen wollte, sah ich zwei Leute, von denen der eine zum andren sagte

    Γνῶθι καιρός
    Gnothi kairós!

    Ich wusste, dass es sich um eine Redewendung handelte, mit der der eine den anderen ermahnen wollte, den richtigen Zeitpunkt für eine Handlung oder Entscheidung nicht verstreichen zu lassen. Man könnte sie mit „Erkenne die Gelegenheit!“ übersetzen. Da wurde mir klar, dass γιγνώσκω (gignósko), als „erkennen“ natürlich einen etwas anderen Bedeutungs-Schwerpunkt hat als das Erkennen bei der Erkenntnis! Es ist z.B. das Erkennen einer anderen Person, einer Gelegenheit, eines Umstandes.

    Sollte ich den Rat „Erkenne dich selbst“ eher so deuten, dass er mich auffordert, mich als mich selbst wahrzunehmen? Geht es gar nicht in erster Linie um die Ausforschung meiner Beweggründe und der Struktur meines „Selbst“, sondern eben erst mal darum, mit mir selbst so vertraut zu werden, dass ich mich in dem, was ich tue, denke, wünsche und fürchte, selbst erkenne? Natürlich ist das dann auch ein Verstehen, ein Selbst-Verstehen entsprechend meines richtig erkannten Selbstverständnisses. Irgendwie passte das auch wieder zu dem, was ich schon bei Thales gedacht hatte.

    Auf jeden Fall war mir Chilons Rat nun sympathisch und plausibel. Wenn ich mich selbst verstehe, so dachte ich, dann verstehe ich ja schon mal einen Menschen, und da ich ein Mensch wie jeder andere bin, verstehe ich auf diese Weise auch die Menschen überhaupt besser. Das machte mir Mut, voller Vorfreude auf weitere Begegnungen setzte ich meine Reise fort.

    Bei Heraklit

    Ich entschied mich, einen Philosophen aufzusuchen, von dem ich schon viel gehört hatte: Heraklit. Mir war zu Ohren gekommen, dass er gesagt haben soll, dass alles fließt und dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen könne. Der konnte ja unmöglich nur über sich selbst nachdenken, vermutete ich. Ich traf ihn als alten, offenbar ziemlich wohlhabenden Mann in Ephesos.

    Da ich ihn nicht gleich mit der Sache mit dem Fluss behelligen wollte, fragte ich ihn – auch wenn ich schon befürchtete, dass seine Antwort der von Thales und Chilon ähneln würde – doch als erstes danach, womit er sich in seinem Philosophenleben denn am meisten beschäftigt hätte.

    ἐδιζησάμην ἐμεωυτόν
    edizesámen emeouton

    Das war seine Antwort. Ich hatte es ja befürchtet. Wieder tauchte dieses „ich selbst“ in dem Satz auf: ἐμεωυτόν bedeutete, wenn auch wieder in einem etwas anderen Dialekt, „mich selbst“ oder „mir selbst“. Aber was ist die Bedeutung von ἐδιζησάμην? Schnell schlug ich in meinen Wörterbüchern nach und fand, dass es zu διζημαι gehört, also bedeutet, dass man nach etwas sucht, indem man etwas ausforscht, durchsucht. Heraklits Antwort könnte also bedeuten, dass er sich selbst immer gesucht hat, oder auch, dass er sich selbst durchsucht, durchforscht hat. Oder beides, er hat sich selbst durchforscht und dabei sich selbst gesucht.

    Aber warum waren die Philosophen alle so sehr an sich selbst interessiert? Ich fragte Heraklit einfach danach. Er antwortete bereitwillig

    Ψυχῆζ ἐστι λογος ἑαυτὸν αὔξον
    Psyches esti logos heauton auxon.

    Oh je! Da steckten nun gleich zwei besonders wichtige Wörter drin, die nicht so einfach zu verstehen waren, wie man auf den ersten Blick meinen konnte. Ψυχη kann man natürlich prima übersetzen, man muss es nur aussprechen: Psyche! Aber ich wusste, dass es für die Griechen eine umfassendere Bedeutung hatte: es war die Lebenskraft, der Lebensatem überhaupt. Eigentlich, wenn man genau darüber nachdenkt, genau in dem Sinne, wie wir noch heute von Lebenskraft oder Lebensfreude sprechen: das Seelische, das uns im Leben hält, das uns Mut macht und dazu bringt, unser Leben zu gestalten. Man sagt auch, dass einer seine Lebenskraft eingebüßt hat, wenn er mutlos geworden ist. Diese Lebenskraft sahen die Alten Griechen aber nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Tieren und anderen Lebewesen.

    Das andere Wort, bei dem man sich leicht irren kann, ist λογος – wieder kann man es einfach aussprechen und meint schon, es zu verstehen: Logos. Aber sooft es einem begegnet, sooft merkt man, dass es eine ziemlich umfassende Bedeutung hat. Vielleicht war ich vor allem hierhergekommen, um herauszufinden, was Logos ist. Die Wörterbücher boten so vieles an: Rede, Erklärung, Begründung, Wort, Gedanke, Lehre, Argument.

    Im Zusammenhang damit, dass mir Heraklit zuvor gesagt hatte, dass er sich als Philosoph vor allem selbst durchforscht, um sich zu suchen, schien mir der Satz aber plötzlich ganz verständlich: Er sagt doch, dass seine Lebenskraft sich dadurch mehrt (ἑαυτὸν αὔξον bedeutet ja „sich selbst mehren“), dass er sie durchdenkt, dass er sie zu erklären versucht, dass er sich Gedanken über sie macht!

    Welche Psyche liegt näher als die eigene, um sie zu durchdenken? Und wenn das wiederum diese Psyche stärkt und mehrt, dann ist es natürlich eine gute Idee, genau das zu tun.

    Ich beschloss, länger bei Heraklit zu bleiben und meine Seelenkraft bei ihm zu mehren – zumal ich ihn ja noch gar nicht nach diesem Fluss gefragt hatte, in den man angeblich nicht zweimal steigen konnte.

    Unerreichbare Grenzen

    Am Abend nach meinem ersten Gespräch mit Heraklit hatte ich noch eine Weile über die Psyche nachgedacht, diese Lebenskraft, deren Bedeutungsvielfalt sich selbst mehrt. Umso mehr ich darüber nachdachte, desto undeutlicher wurde mir wieder der Sinn des Satzes. Ich wollte Heraklit am nächsten Tag erneut danach fragen, was es mit dem Logos der Psyche, also der begrifflichen Vorstellung von dieser Lebenskraft auf sich hat.

    Heraklits neue Auskunft war nicht viel klarer als die, die er mir beim ersten Mal gegeben hatte. Er sagte:

    Ψυχῆς πείρατα ἰων οὐκ ἄν ἐχεύροιο·
    Psyches peirata ion ouk án echeúroio.

    Die Konstruktion ἄν ἐχεύροιο war neu für mich, ich verstand sie nicht gleich. ἐχεύροιο ist ein Optativ, ein Modus von Verben, den wir im Deutschen nicht haben, er drückt einen Wunsch aus. Mit ἄν zusammen drückt er aber eine Möglichkeit, eine Macht aus. Wörtlich genommen bedeutete Heraklits Satz also: Psyches Grenzen gehend nicht kannst herausfinden – wobei mir schon klar war, dass ich „Psyche“ nicht im modernen Sinn verstehen durfte. Aber ich konnte das Wort hier als meine geistige, seelische Kraft auffassen, die mich zum Denken und Handeln befähigt und antreibt. Dann bedeutete Heraklits Satz, dass es nicht möglich wäre, dieses Psychische ganz auszuloten, je bis in den letzten Winkel zu verstehen. Das passte natürlich gut mit seinem ersten Satz zusammen, den er an mich gerichtet hatte, nämlich das die Psyche eine Bedeutungsvielfalt hat, die sich dadurch vermehrt, dass man sie zu erfassen versucht. Wenn das so wäre, meinte ich, dann ist es auch verständlich, dass man die Grenzen dieser Psyche nie erreichen kann.

    Plötzlich sprach Heraklit weiter:

    Οὕτω βαθὺν λόγον ἔχει
    Hoúto bathyn logon échei.

    Das konnte ich einfach Wort für Wort übersetzen und verstehen, wenn ich daran dachte, das Logos eine vielgestaltige Bedeutung hatte: „So tiefen Logos hat sie“.
    Was also die Psyche so interessant für Heraklit machte, das verstand ich nun, war, dass sie immer vielfältiger, tiefer und weiter wurde, je mehr er darüber nachdachte. Sie zu erforschen war also eine unendliche Aufgabe! Und natürlich war es ganz naheliegend, die eigene Psyche immer neu denkend zu durchwandern, weil sie ja die einzige ist, die im Denken unmittelbar gegeben ist.

    Aber, so fragte ich mich, würde das denn auch noch gelten, wenn ich aus der tiefen Vergangenheit der alten Griechen wieder in meine moderne Gegenwart zurückgekehrt wäre? Schließlich haben wir doch inzwischen eine richtige eigene Wissenschaft entwickelt, die Psyche und Logos zusammen im Namen hat, die Psychologie. Brauchte es denn da noch die denkende Durchforschung der eigenen Seelenwelt, um sie zu verstehen? Vor allem – konnte das Ergebnis noch philosophisch von Interesse sein?

    Andererseits: Vielleicht kann die moderne Psychologie vieles erklären, aber was sie überhaupt erklären soll, das muss man ja zuvor als Gegenstand bestimmt haben. Um zu wissen, ob die Psychologie auch meine Seele mit ihren Begierden, Wünschen, Handlungsantrieben, mit ihrer Vorsicht und ihrem Übermut, mit ihren Konflikten und Sorgen erklärt, muss ich sie erst einmal kennengelernt und irgendwie denkend erfasst haben. Und da ich ein Mensch wie andere Menschen bin, konnte das, was ich auf diese Weise über mein eigenes Seelenleben, meine Weise, die Welt zu erleben, zu gestalten und in ihr zurechtzukommen, herausfinden und beschreiben kann, auch für andere interessant sein. Die eigene Seele zu durchforschen und in allgemeinen Begriffen zu beschreiben (das wäre der Logos meiner Psyche) – das ist also auf jeden Fall ein interessantes philosophisches Ziel.

    Mit Heraklit am Fluss

    Nun war ich schon eine Weile bei Heraklit und endlich wollte ich ihm die Frage stellen, was es nun mit dem Fließenden auf sich hatte. Anderswo hatte ich gehört, dass der Satz

    πάντα ῥεῖ (pánta rhei – „alles bewegt sich / alles fließt“)

    von ihm stammen würde, ein Satz, der es ja als „geflügeltes Wort“ bis in unsere Zeit geschafft hatte. Der Satz klang natürlich irgendwie richtig, aber ich mochte nicht glauben, dass schon ein Denker aus dem alten Griechenland zu dieser Einsicht gekommen sein sollte. Selbst für uns heutige gab es doch vieles, was unveränderlich schien, die astronomischen Prozesse etwa, aber auch die Gebirge und die wichtigen Formen der Landschaften veränderten sich kaum.

    Wir brauchen Geschichtsbücher und die Wissenschaften, um davon überzeugt zu sein, dass auch in diesen Gegebenheiten stetiger Wandel stattfand. Wie sollte jemand, der keine moderne Naturwissenschaft kannte und für den auch die Lehren aus der Geschichte noch nicht unbedingt auf stetige Veränderung der Welt hinweisen mussten, zu einer solchen Einsicht kommen? Gerade die Flüsse zeugten doch in ihren Flussbetten von einer bemerkenswerten Konstanz und Stabilität, da wo der Fluss vor vielen Jahren gewesen war, ist er auch heute noch und da wird er wohl auch in vielen Jahren noch sein. Ich fragte Heraklit, ob der Fluss, in dem ich heute badete, nicht der gleiche sei wie der von gestern?

    Ποταμος τοῖς αὐτοῖς ἐμβαίνομέν τε και ουκ ἐμβαίνομεν
    Potamos tois autois embainomen te kai ouk embainomen.

    Ποταμος ist der Fluss, Ποταμος τοῖς αὐτοῖς ist also „derselbe Fluss“, ἐμβαίνομέν bedeutet „wir steigen hinein“, και ist „und“ und ουκ bedeutet „nicht“ – somit konnte ich Heraklits Satz übersetzen mit „in den selben Fluss steigen wir hinein und steigen wir nicht hinein“. Was meinte er damit? Ich bat ihn, mir das genauer zu erklären. Er antwortete

    Ποταμοῖσι τοῖσιν αὐτοῖσιν ἐμβαίνουσιν ἔτερα και ἔτερα ὕδατα ἐπιρρεῖ
    Potamoisi toisin autoisin embainousin etera kai etera hydata epirrei

    ἔτερα bedeutet „andere“, ὕδατα ist Wasser in der Mehrzahl, also so etwa „die Wassermassen“ oder „die Gewässer“ und ἐπιρρεῖ enthielt ja wieder das ρεῖ, das „fließen“, bedeutete also soviel wie „zuströmen“ oder „entgegenfließen“. Somit konnte ich den Satz übersetzen mit „Den in die gleichen Flüsse steigenden andere und andere Gewässer entgegenfließen“ oder etwas moderner: Denen, die in dieselben Flüsse steigen, fließen immer wieder andere Gewässer entgegen.

    So allmählich verstand ich den Sinn und die Weisheit, die in Heraklits Gedanken vom Fließen steckte. Es bedeutete gar nicht unbedingt, dass alles veränderlich ist. Die Erkenntnis von Heraklit war, dass der selbe Fluss immer wieder aus anderem Wasser bestand. Der Fluss ist zwar das Wasser, das ihn bildet, aber es ist immer wieder anderes Wasser. Im Wechsel der Materie bleibt der Fluss eben doch derselbe, auch wenn das Wasser immer wieder ein anderes ist. Das Strömen immer wieder anderer Wassermassen macht sogar die Identität des Flusses aus.

    Heraklits Einsicht war also gar nicht, dass sich alles ständig verändert, sondern vielmehr, dass in der ständigen Veränderung und im Wechsel der Bestandteile, des Materials eines Dinges eine Stabilität und Identität des Dings selbst möglich ist. So, wie der selbe Fluss immer aus anderem Wasser besteht, setzt sich dieselbe Gesellschaft aus immer anderen Menschen zusammen. Diese Stabilität ist es allerdings, die Veränderung im wirklichen Sinn erst möglich macht. Denn Veränderung ist nicht Chaos oder eine regellose Abfolge von ganz unterschiedlichen Zuständen.

    Veränderung ist eine allmähliche Variation und Verschiebung, in der man die Identität des Dings immer noch wiedererkennt. Wenn ich einen Fluss nach langer Zeit wieder sehe, erkenne ich vielleicht, dass sich sein Flussbett verlagert hat, dass er hier breiter und dort schmaler geworden ist. Aber ich erkenne ihn doch als den gleichen Fluss noch wieder.

    Heraklit war also nicht der Philosoph der ständigen Veränderung, er hat nicht behauptet, dass nichts so bleibt, wie es war. Aber er hat erkannt, warum Wandel überhaupt möglich ist: weil die Dinge in ihrem Innern „im Fluss sind“, weil alles, was uns als gleichbleibend erscheint, ein ständiger Wechsel der Bestandteile ist.

    Dass Identität und Wandel zusammengehören, gehört vielleicht zu den wichtigsten Einsichten der Philosophie. Es ist das Grundprinzip unserer Welt: im Kleinen findet ein ständiger Austausch statt, aber dieser Austausch sichert doch die gleichbleibende Fortexistenz des Großen, und ist zugleich Voraussetzung dafür, dass dieses Große sich verändert.

    Parmenides, Denken und Sein

    Meine Reise durch das Alte Griechenland führte mich nun weit nach Westen und mir wurde klar, dass die Heimat der ersten Philosophen, die ich bisher nur auf den griechischen Halbinseln vermutet hatte, viel größer war. Im Osten gehörten Teile des Landes dazu, das ich als die Türkei kannte, und nun kam ich nach Süditalien, sozusagen an das Schienbein des italienischen Stiefels – nach Elea. Hier wollte ich mich länger aufhalten, denn als Zeitreisender wusste ich schon, dass ich an diesem Ort nicht nur Parmenides antreffen würde, sondern etwas später auch Zenon, den Hegel den „Anfänger der Dialektik“ genannt hatte.

    Auf meiner langen Schiffsreise vom Osten in den Westen dachte ich darüber nach, wie wunderbar es doch ist, zu philosophieren. Alles konnte ich zum Gegenstand des Nachdenkens machen – das, was mich direkt umgab, was ich vor mir sah, das, was ich noch nicht kannte, aber kennenzulernen hoffte, aber auch die Dinge, die es vielleicht gar nicht gab, die gar nicht existierten.

    Aber kann man überhaupt über Dinge nachdenken, die es nicht gibt? Kaum hatte ich bei Parmenides Platz genommen, fragte ich ihn, ob es möglich sei, Dinge denkend zu analysieren, die gar nicht existierten.

    Parmenides reagierte so empört, dass ich schon befürchtete, er würde mich sofort wieder hinausjagen.

    οὔτε γὰρ ἂν γνοίης τό γε μὴ ἐὸν οὔτε φράσαις·
    Oúte gar an gnoies tó ge mè eòn oúte frásais

    rief er. Ich hatte keine große Mühe, ihn zu verstehen: Weder kann man erforschen, was nicht ist, noch kann man es aussprechen!

    Aber warum sollte das nicht möglich sein? Ich kann mir doch auch etwas ausdenken, etwas „frei erfinden“ – wie etwa eine Romangestalt, einen fiktiven Charakter, und dann kann ich doch auch über ihn nachdenken und auch darüber sprechen. Zumal ich ja auch über Dinge nachdenken könnte, von denen ich gar nicht weiß, ob sie existieren, von denen ich es nur vermutete. Wenn ich Parmenides recht verstand, war er der Meinung, dass ich das nur könnte, wenn diese Dinge wirklich existierten! Vorsichtig fragte ich nach. Parmenides antwortete:

    τὸ γὰρ αὐτὸ νοεῖν ἐστίν τε καὶ εἶναι.
    Tò gàr aútò noein te kai einai.

    Das verwirrte mich noch mehr. Auch wenn ich noch nicht ganz sicher war, wie ich das νοεῖν verstehen sollte, schien mir die Aussage ziemlich abwegig: „Nämlich dasselbe sind Denken und Sein!“ oder wie wir heute sagen würden: „Denken und Sein sind nämlich dasselbe!“

    νοεῖν (noein) konnte ich natürlich nicht nur als „denken“ übersetzen, sondern auch als „wahrnehmen“ – allerdings dann als „denkend wahrnehmen“ als „bewusst wahrnehmen“. Ein bisschen erinnerte mich der Satz von Parmenides dann an das berühmte „esse est percipi“ (Sein ist Wahrgenommenwerden) von George Berkeley, der im 17. Jahrhundert lebte – die Idee schien also durch die Jahrhunderte Bestand zu haben und konnte dementsprechend nicht ganz abwegig sein.

    Das würde ja bedeuten, dass alles, was ich denke, auch existiert! Also auch Romangestalten, Fabelwesen, auch die Strings der theoretischen Physiker, egal, ob sie jemals wirklich nachgewiesen werden können. Das Denken würde die Dinge ins Sein bringen.

    Ich wollte Parmenides nicht weiter mit meinen Fragen aufregen, zumal ich erschöpft von der Reise war. Also zog ich mich zur Nachtruhe zurück. Auf meinem harten Nachtlager konnte ich aber lange nicht einschlafen. Gegenüber rauschten die Blätter eines Baums im Wind – oder war es das Meer? Ich dachte über den Baum nach, der das Geräusch machte – existierte er schon, indem ich an ihn dachte?

    Plötzlich, vielleicht schlief ich schon, kam mir eine Idee: Natürlich gab es den Baum in meinem Denken, er war ja da, er stand mir ganz klar vor meinem geistigen Auge, und ich meinte sogar, dass das Rauschen, das ich hörte, von ihm herkam. Die Dinge in meinem Geist sind ja auch real, eben als Gegenstände meines Denkens. Und wenn ich es genau bedachte, konnte ich nur über diese Dinge, die ich in meinem Geist hatte, richtig nachdenken. Ob da draußen irgendwas war, das ein Geräusch machte, war dafür nicht nötig.

    Oft ist es ja sogar so, sinnierte ich weiter, dass ich über die Realität gar nicht nachdenken kann. Sie ist viel zu kompliziert. Ich sage: Da ist etwas, es ist ein Baum. Über den kann ich nachdenken. Wenn jemand kommt und sagt, dass da kein Baum ist, was dann? Ist da „nichts“? das kann nicht sein. Vielleicht sagt er: „Das ist ein Strauch, oder ein Gebüsch!“ Denken, dass da etwas ist, bedeutet immer, darüber nachzudenken, was es ist. Aber wenn ich keinen Begriff davon habe, wenn ich keinen Begriff davon haben kann? Dann kann ich auch nicht darüber nachdenken. Aber wenn ich wirklich gar keinen Begriff davon haben kann – ist dann da überhaupt etwas?

    Vielleicht hat der Parmenides doch recht, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

  • Der Alte aus Rhöndorf

    Der Alte aus Rhöndorf

    Nähe und Distanz

    Gäbe es ein nicht-karnevalistisches rheinisches Dreigestirn des 20. Jahrhunderts, es würde aus Konrad Adenauer, Wolfgang Overath Overath und Willy Millowitsch bestehen. Diese drei gehören zu Köln wie der Dom zur Silhouette, der Rhein zum Lebensgefühl und der Karneval zur Sinnenfreude. Sie stehen für Politik, Fußball und Bühne, für Macht, Leidenschaft und Humor – und damit für jene rheinische Mischung aus Ernst und Leichtigkeit, ohne die diese Stadt kaum zu denken ist.

    Am 5. Januar jährt sich der Geburtstag Konrad Adenauers zum 150. Mal. Ein Datum, das in Geschichtsbüchern fett gedruckt gehört, im Alltag aber leicht untergeht. Und doch: Wer, wie ich, im Bonner Süden lebt, kommt an Adenauer schlicht nicht vorbei. Die Adenauerallee zieht sich wie eine historische Magistrale am Rhein entlang, die Villa in Rhöndorf liegt nur einen kurzen Ausflug entfernt, sein Name prangt an Schulen, Stiftungen, Brücken, Preisen. Adenauer ist hier keine ferne Figur aus dem Schwarzweiß-Fernsehen, sondern Teil der Topografie.

    Und trotzdem ist da eine merkwürdige Distanz. Selbst ich, Ü60, kenne die Geschichten über „den Alten“ vor allem vom Hörensagen. Erzählungen meiner Eltern und Großeltern, die ihn erlebt haben: als knorrigen Patriarchen, als sturen Rheinländer, als jemanden, der mit 73 Jahren Kanzler wurde und mit 87 immer noch regierte. Adenauer ist für meine Generation weniger Erinnerung als Überlieferung. Vielleicht ist gerade das ein guter Anlass, ihn neu zu betrachten – mit Respekt, aber ohne Ehrfurchtsstarre.

    Der Alte und der Neubeginn

    Adenauer war kein Mann der großen Gesten. Er war kein Charismatiker im modernen Sinne, keiner, der mitreißende Reden hielt oder Visionen in poetische Bilder goss. Seine Stärke lag woanders: im Beharren, im Taktieren, im nüchternen Machtinstinkt. „Keine Experimente“ – dieser Satz bringt nicht nur einen Wahlkampf, sondern eine ganze politische Haltung auf den Punkt. Nach 1945 war das vielleicht genau das, was ein zerstörtes, moralisch diskreditiertes Land brauchte.

    Zu seinen unbestreitbaren Verdiensten gehört die konsequente  Neuorientierung der jungen Bundesrepublik. Adenauer entschied sich früh und klar für die Anbindung an die westlichen Demokratien, für die Integration in europäische und transatlantische Strukturen. Diese Entscheidung war keineswegs alternativlos. Sie bedeutete, die deutsche Teilung zunächst zu akzeptieren und Hoffnungen auf eine schnelle Wiedervereinigung hintanzustellen. Adenauer hat dafür viel Kritik geerntet – und doch zeigt die Rückschau, wie weise diese Weichenstellung war.

    Annäherung an Israel und Grundsteinlegung für ein friedliches Europa

    Zu den leisen, aber historisch besonders gewichtigen Linien seiner Politik gehört die allmähliche Annäherung an Israel. In einer Zeit, in der offene Kontakte politisch wie gesellschaftlich hoch umstritten waren, suchte Adenauer den Weg der Verantwortung. Das Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen von 1952 war kein Akt der Versöhnung im emotionalen Sinn, sondern ein nüchternes, zugleich mutiges politisches Signal: Deutschland bekannte sich zu seiner Schuld gegenüber den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. Diese Annäherung blieb vorsichtig, oft technokratisch, aber sie legte den Grundstein für die späteren diplomatischen Beziehungen – und für ein Verhältnis, das bis heute von besonderer historischer Verpflichtung geprägt ist.

    Die Montanunion, aus der später die Europäische Gemeinschaft und schließlich die Europäische Union hervorgingen, war mehr als ein wirtschaftliches Projekt. Sie war der Versuch, die alten Erbfeindschaften – allen voran zwischen Deutschland und Frankreich – durch gegenseitige Abhängigkeit zu überwinden. Kohle und Stahl, die Grundlage jeder Rüstungsindustrie, sollten gemeinsam verwaltet werden. Frieden durch Verflechtung. Auch das war Adenauer: ein Pragmatiker mit historischem Instinkt.

    Nicht zu unterschätzen ist auch die emotionale Bedeutung der Rückholung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion 1955. Für viele Familien war das ein zutiefst persönlicher Moment, ein spätes Ende des Krieges. Adenauer reiste nach Moskau, verhandelte zäh und brachte Menschen zurück, die mancher schon abgeschrieben hatte. Politisch mag das Kalkül dahinter nüchtern gewesen sein, menschlich war es für viele ein Akt der Erlösung. Solche Gesten prägen das Bild eines Staatsmannes nachhaltig.

    Der Hobby-Erfinder

    Zu diesem Bild des nüchternen Machtpolitikers passt auf den ersten Blick kaum eine andere, fast liebenswerte Seite Adenauers: seine Leidenschaft fürs Erfinden. Adenauer war ein notorischer Tüftler, ein Hobby-Ingenieur mit erstaunlicher Hartnäckigkeit. Schon als Kölner Oberbürgermeister meldete er Patente an – etwa für eine verbesserte Sojawurst, die in den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg Fleisch ersetzen sollte. Später beschäftigte er sich mit energiesparenden Backöfen und alternativen Heizmethoden. Vieles davon war technisch unausgereift oder wirtschaftlich erfolglos, aber es zeigt einen Mann, der Probleme nicht nur politisch, sondern auch praktisch lösen wollte. Vielleicht erklärt sich daraus auch sein Politikstil: weniger Vision als Konstruktion, weniger Pathos als Funktionsfähigkeit.

    Die blinden Flecken

    Doch Adenauer nur zu würdigen hieße, ihn zu verklären. Gerade eine Kolumne darf – ja muss – die Schattenseiten benennen. Eine der schwersten Hypotheken seiner Kanzlerschaft ist der Umgang mit der NS-Vergangenheit. Adenauer setzte auf Integration statt auf umfassende Aufarbeitung. Das mag aus seiner Sicht staatspolitisch motiviert gewesen sein: Er wollte Stabilität, Funktionsfähigkeit, einen Neuanfang ohne permanente Selbstanklage. Der Preis dafür war hoch.

    Symbolisch dafür steht die Rolle Hans Globkes, Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt. Globke war Mitverfasser der Kommentare zu den Nürnberger Rassengesetzen – ein Faktum, das Adenauer kannte und bewusst in Kauf nahm. Globke galt als effizient, loyal, unersetzlich. Moralische Bedenken traten hinter politische Zweckmäßigkeit zurück. Dass dies bis heute irritiert, ja empört, ist mehr als verständlich.

    Auch insgesamt war Adenauers Interesse an einer tiefgehenden Aufarbeitung der NS-Verbrechen begrenzt. Viele Täter wurden rasch wieder integriert, Entnazifizierungsverfahren abgekürzt, belastete Biografien stillschweigend akzeptiert. Die junge Bundesrepublik funktionierte – aber sie tat es auf einem Fundament des Schweigens. Erst spätere Generationen, vor allem ab den 1960er- und 70er-Jahren, brachen die Grabesstille auf. Adenauer hat diesen Prozess nicht angestoßen, eher gebremst.

    Hier zeigt sich die Ambivalenz seiner Politik: Er war ein Staatsmann der Stabilisierung, nicht der moralischen Erneuerung.

    Alt trifft Jung: Adenauer und Kennedy

    Diese Ambivalenz wurde auch im persönlichen Auftreten sichtbar. Als John F. Kennedy 1963 Berlin besuchte, prallten Welten aufeinander. Hier der junge, dynamische amerikanische Präsident, mediengewandt, lässig, Projektionsfläche einer neuen Generation. Dort Adenauer, inzwischen 87 Jahre alt, misstrauisch gegenüber Kameras, skeptisch gegenüber Charisma und schnellen Bildern. Kennedy sprach zu den Massen, Adenauer dachte in Aktenvermerken und Machtachsen. Für viele Deutsche wirkte dieser Kontrast wie ein Blick in die Zukunft – und zugleich wie ein leiser Abschied von der politischen Ära des „Alten“. Vielleicht konnte er Letzteres auch gar nicht leisten. Vielleicht war seine Generation zu sehr verstrickt, zu sehr geprägt von autoritären Denkweisen und eigenen Verdrängungsmechanismen. Das entschuldigt nichts, erklärt aber manches.

    Macht und Abgang

    Adenauers Verhältnis zur Macht blieb bis zuletzt spannungsgeladen. Er klammerte sich an das Kanzleramt, überging mögliche Nachfolger und verschob seinen Rückzug immer wieder. Als er schließlich 1963 abtrat, wirkte der Abgang unerquicklich und unfreiwillig, eher Ergebnis parteiinterner Ermüdung als souveräner Entschluss. Der große Gestalter fand keinen großen Schlussakkord – vielleicht, weil Macht für ihn nie Mittel, sondern immer auch Zweck gewesen war.

    Wenn man heute, 150 Jahre nach seiner Geburt, durch den Bonner Süden geht, kann man diese Ambivalenz fast körperlich spüren. Die gepflegten Villen, die ruhigen Straßen, der Blick auf den Rhein – all das atmet den Geist der alten Bundesrepublik: bürgerlich, westlich, stabil. Adenauer hat diesen Geist geprägt wie kaum ein anderer. Er hat dem Provisorium Bonn ein politisches Gewicht gegeben, das weit über seine Größe hinausging.

    Einordnung

    Am Ende bleibt die Frage: Wie ordnet man Adenauer ein? Für mich gehört er – bei aller Kritik – in die Reihe der großen Nachkriegs-Staatsmänner. Neben Charles de Gaulle, der Frankreich neu erfand und versöhnte, neben Alcide De Gasperi, der Italien demokratisch stabilisierte. Männer, die aus Trümmern Staaten formten, nicht perfekt, nicht frei von Fehlern, aber mit historischem Format.

    Adenauer war kein Held im moralischen Sinn. Er war ein Machtpolitiker mit klaren Prioritäten, begrenzter Empathie für Opfer jenseits seines Kalküls und einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber allzu viel Selbstkritik. Und doch: Ohne ihn sähe Deutschland heute anders aus. Vielleicht unsicherer, vielleicht weniger fest verankert, vielleicht anfälliger für alte Versuchungen.

    150 Jahre nach seiner Geburt darf man Adenauer würdigen, ohne ihn übermäßig zu feiern. Man darf ihn kritisieren, ohne ihn zu verdammen. Und man darf – gerade hier im Bonner Süden – anerkennen, dass Historie manchmal näher ist, als sie scheint. Sie liegt nicht nur in Archiven, sondern auf unseren täglichen Wegen. Und sie bleibt widersprüchlich, so wie der Mann, der sie geprägt hat.

    Vielleicht liegt darin auch die leise Wehmut dieses Jubiläums: dass mit Adenauer nicht nur die Geschichte der eigenen Kindheit vorüberzieht, sondern eine überwiegend glückliche  politische Epoche immer mehr verblasst, die sich nicht mehr wiederholen lässt.
    +++

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