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  • Alles erklärt, nichts mehr gefühlt – warum Stranger Things am Ende sein Geheimnis einbüßt

    Alles erklärt, nichts mehr gefühlt – warum Stranger Things am Ende sein Geheimnis einbüßt

    „Hast du dir die letzte Staffel von Stranger Things angesehen?“, will die alte Schulfreundin wissen, als wir am (späten) Morgen des 1. Januar telefonieren, um uns gegenseitig ein vor allem gesundes Neues Jahr zu wünschen.
    „Die ersten 3 Episoden haben mich nicht vom Hocker gehauen“, sage ich.
    „Schau dir ALLE Folgen an, und im Anschluss setzt du dich an eine Kolumne. Das machst du doch gerne.“
    „Okay.“

    Und so habe ich den Neujahrsabend damit verbracht, mir den Rest von Stranger Things (und zwei Packungen gesalzene Chips) reinzuziehen.

    Eine Pause, die jede emotionale Bindung gekappt hat

    Es ist kein gutes Zeichen, wenn man das Staffelfinale einer Serie einschaltet und sich dabei ertappt, wie man sich fragt: Moment, worum ging es hier eigentlich noch mal genau? Wer ist tot, wer nicht, wer steckt im anderen Paralleluniversum fest – und warum überhaupt? Die Pause zwischen Staffel vier und fünf von Stranger Things war nicht einfach nur lang, sie war dramaturgisch tödlich. Zu viel Zeit, um sich emotional zu entkoppeln, zu viel Raum für andere Serien, andere Geschichten, andere Obsessionen.

    So beginnt das große Finale nicht mit Gänsehaut, sondern mit Rekapitulation. Mit innerem Nachschlagen. Mit dem unguten Gefühl, dass man eigentlich erst mal ein Previously-on bräuchte, das länger dauert als eine Episode.

    Wenn Nostalgie zur Dekoration verkommt

    Dabei war Stranger Things einmal genau das Gegenteil davon: eine Serie, die einen sofort hineinzieht, die nicht alles ausbuchstabiert, sondern andeutet, die Atmosphäre über Logik stellt. Das 80er-Jahre-Flair war dabei nie bloß Kulisse, sondern emotionale Abkürzung.

    In Staffel fünf wirkt diese Nostalgie jedoch zunehmend erschöpft. Fahrräder, Walkie-Talkies, Synthesizer, Neonfarben – alles schon gesehen, alles schon zitiert, alles schon bis zur Selbstparodie ausgereizt. Was früher liebevolle Referenz war, fühlt sich nun an wie ein Pflichtprogramm: Ach ja, wir sind ja immer noch in den Achtzigern. Das Stilmittel trägt nichts Neues mehr bei, es erinnert eher daran, wie frisch sich das alles einmal angefühlt hat.

    Vom Flüstern zum Dauerfeuer

    Und genau hier beginnt das eigentliche Problem dieser Staffel. Stranger Things hat sich von seiner eigenen Zurückhaltung verabschiedet. Wo früher das Unheimliche im Verborgenen lauerte, regiert nun die Dauerbeschallung aus Actionsequenzen, CGI-Monstern und dramatischen Kamerafahrten.

    Das Upside Down ist kein albtraumhafter Ort mehr, sondern ein digital aufpolierter Abenteuerspielplatz. Beeindruckend? Ohne Frage. Aber Spannung entsteht nicht durch Lautstärke. Sie entsteht durch Erwartung, durch Leere, durch das, was man nicht sieht. All das geht im Effektrausch verloren.

    Warum erklärtes Böses kein gutes Böses ist

    Der grundlegendste Fehler von Staffel fünf liegt jedoch tiefer – er ist konzeptionell. Das Böse, das über Jahre hinweg bewusst diffus blieb, wird nun greifbar gemacht, historisiert, motiviert. Ursprünge werden offengelegt, Zusammenhänge ausformuliert, innere Logiken präsentiert.

    Was als Mysterium begann, endet als Gegner mit Lebenslauf. Und damit verliert das Böse genau das, was es gefährlich gemacht hat: seine Unberechenbarkeit. Ein erklärter Schrecken ist kein Schrecken mehr, sondern ein Problem, das gelöst werden will. Ein Bosslevel. Kein Albtraum.

    Effekte statt Atmosphäre

    Man spürt in jeder Folge den Wunsch, noch größer, noch epischer, noch endgültiger zu sein. Doch je mehr gezeigt wird, desto weniger bleibt hängen. Die Serie vertraut nicht mehr auf das Unbehagen, sondern auf die Wucht.

    Das ist ein altes Serienproblem: der Glaube, dass ein Finale alles toppen muss, was zuvor war. Dabei hätte Stranger Things gerade am Ende von Reduktion profitiert. Von Dunkelheit. Von Stille. Von dem Mut, Dinge offen zu lassen.

    Dialoge, die mehr sagen – und weniger bedeuten

    Hinzu kommen Dialoge, die erschreckend oft wirken, als seien sie nicht geschrieben, sondern aus vorgefertigten Textbausteinen zusammengesetzt worden. Viel Pathos, viele bedeutungsschwere Pausen, viele Sätze, die offensichtlich dafür gedacht sind, zitiert zu werden – und genau deshalb leer bleiben.

    Emotion wird behauptet, nicht erzeugt. Figuren sagen, was sie fühlen, statt es zu zeigen. Man hört zu und merkt, wie einem langsam die Augenlider schwer werden. Das ist bequemes Erzählen. Und es ist langweilig.

    Will weint, der Zuschauer gähnt

    Am deutlichsten zeigt sich diese erzählerische Ermüdung im Coming-out von Will. Was eigentlich ein leiser, berührender Moment hätte sein können, wird zu einer überdehnten, künstlich aufgeladenen Tränendrüsen-Nummer. Jede Subtilität wird vermieden, jede Emotion mehrfach ausgestellt.

    Repräsentation ist wichtig – aber sie funktioniert nicht über Länge und Nachdruck, sondern über Wahrhaftigkeit. Über kleine Gesten, über Unsicherheit, über Vertrauen ins Publikum. All das fehlt hier. Stattdessen spürt man vor allem den Willen der Serie, etwas Bedeutendes zu tun. Und genau das macht den Moment so unecht.

    Ein Ende ohne Nachhall

    So bleibt vom großen Staffelfinale vor allem Ernüchterung. Nicht, weil Stranger Things plötzlich schlecht wäre – sondern weil es sich selbst nicht mehr traut. Es traut dem Geheimnis nicht, der Stille nicht, dem Unausgesprochenen nicht.

    Alles muss größer, lauter, eindeutiger werden. Und verliert dabei genau das, was diese Serie einst ausgezeichnet hat. Stranger Things verabschiedet sich mit viel Lärm – und erstaunlich wenig Nachhall.

    Und man bleibt zurück mit dem Gefühl, nicht nur eine Serie verloren zu haben. Sondern ein Geheimnis.
    +++

    „Und – wie fandst du das Finale?“, erkundigt sich die alte Schulfreundin gestern Abend per WhatsApp.
    „Lies morgen meine Kolumne. Da steht alles drin.“
    „Vorher drüber reden willst du nicht?“
    „Nein.“

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  • Macht Feuerwerk!

    Macht Feuerwerk!

    Alle Jahre wieder, dieses Wortspiel muss erlaubt sein, kehrt pünktlich nach Weihnachten die Diskussion um das Böllerverbot in die deutschen Medien zurück. Kurz nach Neujahr hat sie nun auch die Kolumnisten erreicht, die Kollegin Cythia Tschoëk findet, die Tradition brauche ein Update und das Böllern gehöre endlich verboten, weil wir ja schließlich auch andere Dummheiten schon lange nicht mehr machen würden, etwa genüsslich bei der Vollstreckung von Todesurteilen zuschauen.

    Das Tierschutz-Argument

    Es sind immer die gleichen drei Argumente, die vorgetragen werden, in den letzten Jahren sind alledings die armen Haustiere, die so sehr unter der Silvester-Feuerwerkerei leiden würden, in den Mittelpunkt gerückt. Tierleid zieht schon lange am besten gegen jeden Spaß, den sich Menschen gern erlauben würden. Im Falle des Böllerns zu Silvester ist das allerdings besonders makaber: Diejenigen, die das ganze Jahr über Hunde und Katzen in engen Wohnungen und in Städten, die für Tiere nun wirklich nicht gemacht sind, halten, die, die ihre Tiere 365 Tage im Jahr wegsperren oder an einer Leine durch den Straßenverkehr führen, die, die sich für Exemplare von Tierrassen entscheiden, die künstlich gezüchtet sind und nur unter extrem künstlichen Bedingungen halbwegs überleben können, die ihre Tiere mit hochgradig denaturiertem Futter ernähren, das als Menschennahrung mit Sicherheit verboten wäre, die erregen sich darüber, dass andere an einem Tag im Jahr, konzentriert auf wenige Stunden, etwas tun, was diesen Tieren Angst macht und was sie dazu bringt, dass sie sich notdürftig unter einem Tisch oder einem Sofa verstecken, die mit ihren natürlichen Verstecken nichts gemein haben.

    Dass Tiere sich erschrecken, wenn was knallt und blitzt, ist übrigens nicht so unnatürlich, bei weitem nicht so unnatürlich wie ein beliebiges „Gespräch“, das Katzen- und Tierhalter mit ihren „Schützlingen“ führen, wenn sie sie an der Leine führen, in den Kofferraum sperren oder auf ihren Schoß zwingen. In der Natur, das wissen vielleicht die wenigsten dieser besorgten Tierhalter, blitzt, kracht und brennt es immer wieder, nicht nur ein Mal im Jahr. Tiere verstecken sich dann, das ist in Ordnung und völlig natürlich. Allerdings bieten die Wohnungen der Tierhalter leider weder gute Verstecke noch Fluchtmöglichkeiten. Und ja, manche Tiere sterben auch, wenn sie sich erschrecken und in Panik geraten. Dass Tiere, die weitab vor der Natur leben müssen und gezüchtet wurden, um menschlichen Spiel- und Geselligkeitsbedürfnissen zu genügen, da besonders anfällig sind, ist tragisch, aber sicherlich nicht die Schuld von Feuerwerks-Liebhabern.

    Umwelt- und Gesundheitsschutz

    Das zweite Argument ist natürlich der Umweltschutz. Dass das Silvester-Feuerwerk eine größere Umweltsünde ist als einige andere menschliche Rituale, wie etwa das Osterfeuer, Kreuzfahrtschiffe, Lagerfeuer am Strand und vieles mehr, ist nicht bekannt. Es wäre natürlich nicht überraschend, wenn Leute, die gern das Feuerwerk in der Neujahrsnacht verbieten würden, auch gleich noch das Osterfeuer und die Kreuzfahrtschiffe mit verbieten würden. Dem Verbieten unvernünftiger menschlicher Handlungen kann man kein Ende setzen, das ist das Tolle daran, man findet immer noch was, was unvernünftig und irgendwie sogar gefährlich ist, was man noch verbieten könnte. Das Menschen Freude daran haben, ist egal, denn auf Freude kommt es nicht an, wenn man vernünftig sein will, koste es, was es wolle.

    Damit sind wir auch schon beim dritten Argument, der Unfallgefahr. Denn es ist ja so gefährlich, in betrunkenem Zustand Feuerwerk zu zünden, es belastet die Feuerwehren und die Rettungsdienste. Das ist korrekt, aber der Mensch ist nun mal kein vernünftiges Wesen. Der Schreiber dieses Textes wird sich, kaum ist dieser Text erschienen, auf dem Weg in den hohen Norden befinden, mit einem Flugzeug wird er an die Nordspitze Skandinaviens reisen um dort sechs Tage auf Schi bei -25°C durch die Wildnis zu stapfen, von einer Wildnishütte zur anderen, die übrigens selbst mit Holz beheizt werden müssen, das ist auch irgendwie gefährlich und zudem völlig sinnlos – es ist unvernünftig. Wenn da was schief geht, rücken Rettungskräfte aus und sammeln ihn hoffentlich lebend wieder ein, um ihn dann in einem modernen Krankenhaus gesund zu pflegen, damit er schon bald wieder ärgerliche Kolumnen schreiben kann. Sollte man das nicht auch verbieten, so wie Bergsteigerei, übermäßigen Sport, Marathonläufe?

    Das Unvernünftige ist das Sinnvolle

    Wenn die Menschen nur noch vernünftige Dinge tun, dann stellt sich die Frage, wozu sind sie überhaupt da? Welchen Sinn hat ein vernünftiges Leben? Das, was wir uns erzählen, ist immer das Unvernünftige, das hat Bedeutung für uns.

    Und dazu gehört auch ein buntes, glitzerndes, leuchtendes und ja, auch geräuschvolles Feuerwerk. Wir stehen da und staunen und sind begeistert. Das Wort Feuerwerk ist ja geradezu ein Synonym für den Rausch, nach dem wir uns sehnen und den wir genießen, weil wir wissen, dass er vergänglich ist. Ein Feuerwerk der Farben, ein Feuerwerk der Gefühle, selbst die Erklärung der Neurobiologen für das, was da geschieht, heißt Neuronenfeuerwerk.

    Natürlich gäbe es auch Alternativen zu einem vollständigen Verbot, und an einigen wird ja schon lange gearbeitet. Feuerwerkskörper werden immer sicherer, und daran kann man weiter arbeiten. Es gibt Feuerwerke, die leuchtende Effekte erzielen ohne viel Krach zu machen. Man kann daran arbeiten, Schadstoffe zu reduzieren. Aber leider kennt die öffentliche Debatte, wie so oft, nur die Extreme, alles oder nichts. Es wird kein Konsens oder gar Kompromisse gesucht, es wird nur nach Verboten gerufen.

    Deshalb ist zu befürchten, dass es mit dem Feuerwerk bald vorbei ist. Umfragen wollen ermittelt haben, dass 60% der Deutschen dafür sind, das Silvesterfeuerwerk zu verbieten oder allenfalls noch ein gesittetes, zentrales, offizielles Feuerwerk zu gestatten. Wie das den Hunden und Katzen hilft und warum es weniger umweltbelastend ist, bleibt das Geheimnis derer, die so etwas als „Kompromiss“ vorschlagen. Aber es wäre natürlich ein geschickter Schritt zum Komplettverbot: Hat man das Feuerwerk erstmal in städtische Hand gegeben, kann man im nächsten Schritt darauf hinweisen, dass die Städte doch viel zu wenig Geld haben, sowas zu finanzieren. Und denen, die Feuerwerke lieben, weil sie es auch gern selbst machen und in der Nähe erleben wollen, wird es bald egal sein, weil ein zentrales Feuerwerk an einem Platz eh nicht das gleiche Erlebnis ist.

    Den 60% angeblichen Feuerwerks-Gegnern stehen zwar die steigenden Umsätze des Feuerwerkshandels entgegen, aber es ist zu befürchten, dass die Politik schon bald erwacht und verkündet, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Nichts ist bekanntlich einfacher als etwas zu verbieten, von dem Umfragen behaupten, dass die Mehrheit der Menschen dagegen sei, und was zudem noch mit dem Vorwand des angeblichen Tier-, Umwelt- und Gesundheitsschutzes versehen werden kann. Wir sehen trostlosen, grauen Zeiten entgegen, in denen wir sehr sehr lange leben können, wenn man das dann noch Leben nennen mag.

  • Alice und Bob philosophieren

    Alice und Bob philosophieren

    In die Natur

    „Lass uns hinaus in die Natur fahren!“ hatte Bob am Morgen vorgeschlagen. Alice war skeptisch: „Wo soll denn das sein?“ fragte sie. Bob, der auf schwierige Fragen beim Frühstück noch keine Lust hatte, antwortete einfach: „Lass dich überraschen!“

    Nun radelten sie über schmale Straßen durch Felder und Wälder, Bob genoss die Luft und den Anblick der Bäume und Pflanzen. An einer Bank, die am Wegesrand stand, machten sie Rast.

    Bob wollte wissen, wie Alice die Landschaft gefiel. „Ganz schön“ antwortete diese, dann fragte sie mit spöttischem Lächeln: „… und wann kommt die Natur?“

    Bob hoffte noch, der philosophischen Diskussion entgehen zu können: „Schau dich um, die Wälder, die Bäume, das alles ist doch Natur!“

    Natürlich ließ Alice nicht locker: „Natur? Das ist doch alles künstlich angelegt, der Wald ist ein Forst, die Bäume sind gezüchtet, die Felder sind auf hohen Ertrag optimiert. Daran ist nichts natürliches!“

    „Was ist denn für dich ‚Natur‘?“ wollte Bob wissen, der natürlich schon beim Frühstück geahnt hatte, dass er um diese Diskussion nicht herumkommen würde.

    „Natur, das ist all das, was unabhängig vom Menschen gewachsen ist. Wilde Pflanzen und Tiere, Urwälder! Alles andere ist Kultur, eine künstlich vom Menschen geschaffene Welt.“ dozierte Alice.

    „Hm, du meinst die unberührte Natur, die Wildnis?“

    „Ja natürlich!“ Alice war sich sicher. „Natur ist das Natürliche, das unbearbeitete, ursprünglich Gewachsene und Entstandene.“

    „Aber warum“ sinnierte Bob, „brauchen wir dann noch den Begriff der Wildnis?“

    „Wildnis oder Natur, das ist doch das selbe!“ erwiderte Alice schnell. „Das Wort Wildnis verwenden wir nur, um die Natur zu kennzeichnen, die uns unbekannt ist und vor der wir uns zu recht fürchten.“

    „Also ist Natur die bekannte, verstandene Wildnis?“

    „Genau!“

    „Hm. Aber es gibt nichts, was wir kennen, was wir verstanden haben, und was wir sozusagen beim Kennenlernen nicht umgestaltet hätten. Also könnte es Natur gar nicht geben, weil wir ja beim Kennenlernen die Wildnis schon verändern. Schon dadurch, dass wir einen Weg durch die Wildnis schlagen, machen wir sie – nach deiner Vorstellung – zur Kulturlandschaft!“

    Alice dachte nach: „Vielleicht hast du recht. Wir könnten den Begriff der Natur auch anders von der Wildnis trennen. Das Wort stammt ja von einem lateinischen Wort ab, das „geboren werden“ und „wachsen“ bedeutet. Das entsprechende altgriechische Wort φυσιζ (physis) bedeutet „das Gewachsene“ oder „Gewordene“. Natur – damit könnten wir z.B. eine Pflanze bezeichnen, die sozusagen entsprechend ihrer eigenen Anlagen gewachsen ist, ob sie nun vom Menschen angebaut wurde, oder nicht. Ein Baum im Wald und sogar das Korn auf dem Feld wachsen ziemlich natürlich. Ein Baum im Garten, der jedes Jahr beschnitten wird, ist eher Kultur…“

    „Aber das hieße, dass auch eine ganz künstliche Züchtung Natur ist…“

    „Wenn sie ohne menschliche Unterstützung wachsen kann, warum nicht? Aber wenn sie nur im Glashaus gedeihen kann, und unter freiem Himmel sofort eingehen würde, dann würde ich sie nicht zur Natur rechnen…“

    Bob sah nachdenklich zum Himmel – und sprang plötzlich auf: „Schau nur, da braut sich ein Regenschauer zusammen. Lass uns schnell nach Hause fahren! Ich bin nicht so ein Naturbursche, wenn ich nass werde, erkälte ich mich!“

    Im Nebel

    Alice und Bob joggten am Strand entlang und Bob sann noch ihrem letzten Gespräch über die Natur nach. Er sagte sich, dass dieser Strand und das Meer, wie sie waren, ganz sicher zur Natur zählten, denn auch sie waren ja im Laufe der Zeit so geworden, wie sie jetzt waren, ganz ohne (oder wenigstens fast ohne) Zutun der Menschen.

    Plötzlich wurde es neblig, der Nebel war wohl unmerklich vom Wasser aufgestiegen und waberte nun über das Land.

    Bob griff nach Alices Hand: „Ich sehe nichts!“. Spöttisch zog Alice ihre Hand zurück: „Du siehst noch den Sand zu deinen Füßen, und da, die Wellen siehst du auch noch. Sand und Wellen sind nicht Nichts.“

    Bob ahnte schon, was kommen würde, trotzdem wandte er ein: „Ja, ich sehe noch ein bisschen vom Strand und vom Wasser, aber wenn ich weiter schaue, dann sehe ich sonst – Nichts!“

    Alice lachte: „So so, du siehst also das Nichts. Wie sieht es denn aus, das Nichts?“

    Bob hatte keine Lust auf philosophische Spitzfindigkeiten: „Ich rede nicht von ‚dem Nichts‘ – ich sage, ich sehe nichts!“

    Alice ließ natürlich nicht locker: „Also du sagst, du siehst – nichts. Du kannst es sogar sehen!“

    „Das Nichts kann man nicht sehen! Weil es das Nichts nämlich nicht gibt!“

    Plötzlich blieb er stehen: „Guck mal da, da war was! Ich habe einen Schatten im Nebel gesehen!“

    Alice schaute in die Richtung, in die Bob gezeigt hatte: Sie konnte aber nur milchig-trübes Einerlei entdecken, wie in allen anderen Richtungen auch: „Da ist nichts“ sagte sie „ich sehe jedenfalls nichts“. Sie stutzte kurz und lachte: „Ich habe das Nichts entdeckt, da ist es!“

    Bob ließ sich nicht beirren: „Klar war da was, ich habe deutlich einen Schatten gesehen!“

    „Hm… wie bekommen wir nun raus, ob du recht hast? Gehen wir hin, und schauen wir nach?“

    „Selbst wenn wir da nichts finden, heißt das nicht, dass da nichts war!“ erwiderte Bob.

    „Schon wieder ein neues Problem, das heben wir uns für die nächste Gelegenheit auf. Bleiben wir mal beim Nichts. Du sagst, dass es das Nichts nicht gibt. Aber warum redest du dann immer so, als ob es da ist? Du sagst: Da ist Nichts. Du sagst: Du siehst Nichts. Du sagst: Ich finde Nichts. Du sagst: Vielleicht war da Nichts! Immerzu redest du vom Nichts, als ob es existiert, und doch sagst du, es gäbe kein Nichts!“

    Bob grübelte: „Neulich hab ich durch ein Fernrohr in den Sternenhimmel geschaut. Meistens waren Sterne zu sehen, aber dazwischen war es wirklich dunkel. Da war dann, dachte ich, wirklich nichts! Aber vielleicht stimmt das ja auch nicht. Schließlich sind diese ganzen elektromagnetischen Felder ja auch irgendwie da. Dass es das Nichts nicht gibt, bedeutet vielleicht, dass immer und überall irgendwas ist, auch wenn wir nichts erkennen. So wie her jetzt im Nebel. Schließlich ist wenigstens der Nebel da.“

    Alice meinte: „Aber dann wäre es völlig sinnlos, vom Nichts zu reden. Wir müssten das Wort aus unserem Wortschatz streichen, weil es nichts bedeutet.“
    Bob lachte: „Nichts bedeutet nichts! Was für ein philosophischer Satz!“

    Alice blieb ernst: „Und wie vieldeutig dieser kleine Satz ist. Denk mal drüber nach!“

    In diesem Moment lichtete sich der Nebel, und alles, was gerade verschwunden war (oder verschwunden zu sein schien), tauchte wieder auf: Die Schiffe auf dem Wasser genauso wie die Dünen dort, wo der Strand aufhörte.

    „Ich kann auf das Wort ‚nichts‘ nicht verzichten. Es sagt etwas über mich und meine Fähigkeit, die Welt zu verstehen, aus. ‚Da ist nichts‘ bedeutet, ich kann dem, was ich wahrnehme, keinen Sinn geben, weil ich nichts erkenne.“ – Wer das gesagt hat, Alice oder Bob? Was täte es zu Sache, das zu wissen? Nichts!

    Eine Notiz

    Beim Aufräumen fand Bob einen Zettel, auf dem eine 3 notiert war. Nichts weiter als eine Drei. Alice musste sie bei ihrem letzten Besuch da draufgeschrieben haben und das Blatt dann wohl vergessen haben. Sogleich rief er sie an, denn es konnte ja sein, dass die Drei auf diesem Zettel eine wichtige Bedeutung hatte.

    Alice allerdings war verwundert: „Ich habe keine Drei auf einen Zettel bei dir geschrieben, ganz sicher! Warum sollte ich das tun?“

    „Das weiß ich doch nicht,“ antwortete Bob, „wahrscheinlich wolltest du dir etwas wichtiges merken. Vielleicht, dass du noch drei Äpfel kaufen wolltest…“

    Plötzlich lachte Alice: „Dreh das Blatt mal um. Das ist keine Drei. Das ist ein E! Mir war plötzlich eingefallen, dass ich meiner Freundin Eva noch ein Geschenk machen muss!“

    „Für mich ist das kein E. Das ist eine Drei,“ gab Bob zurück.

    „Hör mal, das ist Unsinn, Bob. Für dich ist das gar nichts. Du hast dir nur eingebildet, dass es eine Drei sei. Ich hab es ja aufgeschrieben, ich weiß, was es ist: ein E!“

    „Du meinst, für mich ist das, was du geschrieben hast, nichts, nur weil du es geschrieben hast?“

    „Genau, für dich hat das keine Bedeutung, ich habe die Bedeutung festgelegt, als ich den Stift aufs Papier gesetzt habe.“

    Bob überlegte: „Aber es ist auch für mich nicht nichts, ich sehe, dass es eine Notiz ist, ich habe dich angerufen, weil ich dachte, dass es wichtig sein könnte. Es hatte Bedeutung für mich, weil ich wusste, dass es Bedeutung für dich hat!“

    Alice lachte, und wieder einmal kam dieser spöttische Tonfall in ihre Stimme: „Nein, das hast du nur vermutet. Es hätte auch sein können, dass ich diese Linie nur aus Langweile aufs Papier gemalt habe, weil du so lange im Keller warst, um Wein zu holen.“

    „Du malst aus Langweile eine Drei aufs Papier?“

    „Es ist ein E! Aber es könnte auch sein, dass ich einfach mit dem Stift gekritzelt habe! Du konntest nicht einmal wissen, dass es ein Symbol für irgendwas ist. Für dich war es nichts. Du hast nur eine Bedeutung da hineingedichtet…“

    Bob widersprach: „Ich hatte aber Recht mit meiner Vermutung, dass es sich eben nicht um irgendein Gekritzel handelt, sondern um ein Symbol, das eine Bedeutung hat. Und wenn es ein A gewesen wäre, oder eine 7, dann hätte ich auch recht gehabt, wenn ich gesagt hätte ‚Da steht ein A, oder eben eine 7, auf dem Papier.“

    Alice schwieg, und Bob fuhr fort: „Du kannst eben nicht allein festlegen, was von dem Bedeutung hat, was du machst, und was nicht. Schließlich weiß ich auch, wie Buchstaben und Zahlen aussehen, und wie es aussieht, wenn du kritzelst!“

    „Aber du kannst dich auch irren, du hast dich geirrt. Ich hatte ein E aufgeschrieben, und du hast es für eine Drei gehalten!“

    „Ich hab mich vielleicht darin geirrt, was es genau für ein Symbol ist, aber das es ein Symbol ist, dass es etwas bedeutet, darin habe ich Recht gehabt. Also war es auch für mich nicht ‚Nichts‘.“

    Alice schwieg wieder. Bob hatte ein Argument auf seiner Seite, und das mochte sie nicht. Ich muss mich endlich um das Geschenk für Eva kümmern, dachte sie, und verabschiedete sich schnell von Bob. Natürlich nicht, ohne sich bei ihm dafür zu bedanken, dass er sie wegen dieses E, oder wegen der Drei, angerufen hatte.

    Ein gutes Messer

    Wieder einmal war Bob bei Alice zu Besuch, und wieder einmal war sie mit dem Essen, das sie vorbereiten wollte, noch nicht fertig. Bob dachte „Eigentlich ist Alice keine gute Gastgeberin“ bevor er sich – wie immer – daran machte, ihr zu helfen. Ganz selbstverständlich griff er in die Schublade mit den Messern und begann, Salat zu schneiden. Gutes Werkzeug hat Alice, das musste man ihr lassen. Gerade wollte er das aussprechen, als Alice sagte: „Du bist wirklich ein guter Freund, du beschwerst dich nicht, dass ich noch nicht fertig bin, sondern hilfst einfach mit!“

    Bob ließ das Messer sinken und erwiderte „Gerade wollte ich sagen, dass du gute Messer hast, denn dieses Messer schneidet wirklich wunderbar. Aber nun frage ich mich, ob ich als Freund genauso gut bin wie dieses Ding hier als Messer gut ist…“

    Alice musste lachen und goss Wein in die Gläser: „Schneid ruhig weiter Salatblätter, ich erkläre dir inzwischen, was es mit dem Gut-Sein auf sich hat: Gut – das bedeutet eigentlich nichts anderes als: es entspricht der Idee von dem Begriff, den man verwendet, ideal. Ein Messer ist ein Schneide-Ding, und ein gutes Messer schneidet eben so, wie man es sich vom Messer nur wünschen kann. Übrigens bist du kein guter Koch, sonst würdest du den Salat gar nicht schneiden, sondern zupfen, schau…“ sagte sie und riss ein bisschen am Salat herum. Bob fand die geschnittenen Blätter schöner, außerdem ging es mit dem Schneiden schneller, aber er antwortete nur „Und ein Freund ist so ein Helfer-Ding und wer immer hilft, ist ein guter Freund?“

    „Genau so ist es!“ rief Alice.

    „Und wenn ich dir jetzt nicht geholfen hätte, wäre ich kein guter Freund? Was, wenn ich dir nur helfe, damit wir schneller fertig werden, weil du, als nicht ganz so gute Gastgeberin, nie mit dem Essen fertig bist, wenn ich komme – obwohl du weißt, dass ich Hunger habe!“

    „Du findest, ich sei keine gute Gastgeberin, nur, weil das Essen noch nicht fertig ist?“ Alice war nun doch ein bisschen empört.

    „Nein nein,“ versuchte Bob sie zu beruhigen, „Aber mit Begriffen wie ‚Freund‘ oder ‚Gastgeber‘ scheint mir die Sache mit dem ‚Gut-sein‘ eben nicht so einfach zu sein, wie mit dem Messer. Vielleicht bedeutet ‚Gut‘ ja bei Menschen was ganz anderes, als bei Gegenständen?“

    „Nein, das glaube ich nicht. ‚Gut‘ – das ist immer: der Ideal-Vorstellung von dem Begriff entsprechen. Nur sind die Ideale, was Menschen betrifft, eben komplexer als die von Gegenständen. Bei Werkzeugen ist es ja ganz einfach, die sollen einen Nutzen haben, und was diesen Nutzen hat, ist gut, Nutzen und Ideal sind da dasselbe.“
    „Stimmt, aber wenn du sagst, ich bin ein guter Freund, weil ich dir helfe, und weil Freund-Sein so ein Helfer-Ding ist, dann bestimmst du mein Gut-Sein eben doch über meinen Nutzen!“

    „Ach Bob, du bist mein Freund, weil ich dich mag, und weil wir zusammen streiten und lachen, egal ob es Nutzen hat. Weil du mich anrufst, wenn ich bei dir eine Notiz vergessen habe. Klar, auch weil ich dir vertraue und dir manches anvertrauen kann – und da kann man natürlich wieder sagen, dass das für mich nützlich ist… Es ist kompliziert.“

    So saßen sie wieder lange zusammen, der Salat war gut, der Wein war gut, die Stimmung war gut – es war überhaupt ein guter Abend.

    Die Gartenlaube

    Letzten Samstag besuchte Bob Alice in ihrem Garten. Die war gerade dabei, ihre Gartenlaube neu zu streichen.

    „Du werkelst ja schon wieder an deinem Schuppen herum“ rief er.

    „Das ist schon lange kein Schuppen mehr, das ist eine Gartenlaube“ erwiderte Alice mit gespielter Empörung.

    „Du hast recht. Ich glaube, in den letzten Jahren hast du alle Wände erneuert und auch der Fußboden und das Dach sind neu. Wahrscheinlich ist kein Brett von dem Schuppen übrig geblieben, der da früher stand!“

    „Das stimmt. Und das Häuschen ist geräumiger geworden, die Fenster größer, die Tür breiter!“

    „Wenn ich das richtig sehe“ meinte Bob, „hast du im Laufe der Zeit sogar das ganze Haus ein Stück zur Seite gerückt?“

    „Gut erkannt!“ Alice lachte. „Ich hab erst an der einen Seite einen Meter angebaut und später, als ich die andere Seite erneuern wollte, hab ich mich entschlossen, das Häuschen doch wieder etwas schmaler zu machen. So ist es ein bisschen gewandert.“

    „Genau genommen ist es gar nicht mehr das gleiche Haus,“ sinnierte Bob, indem er sich auf der Terrasse in die Sonne setzte. „Es steht nicht am selben Fleck, kein einziges Brett ist vom alten Haus übrig, und es ist auch kein Schuppen mehr,“ setzte er spöttisch hinzu „sondern eine Gartenlaube!“

    „Was für ein Unsinn!“ Alice schien ärgerlich zu werden: „Natürlich ist es das selbe Haus! Ich bin jedes Jahr in dieses Haus hineingegangen und aus ihm herausgekommen. Es ist dasselbe Haus geblieben, es hat sich nur verändert!“

    „Wie kann eine Gartenlaube mit großem Fenster und breiter Tür, sauber verarbeitetem dickem Holz, glattem Boden und regendichtem Dach das selbe Haus sein wie der windschiefe Schuppen, der vor Jahren hier stand?“ fragte Bob.

    Alice erklärte: „Es kommt für die Identität gar nicht darauf an, dass alle Eigenschaften übereinstimmen. Es kommt auf die Kontinuität in der Veränderung an. Ich habe jedes Jahr an diesem Schuppen irgendetwas verändert, aber es war immer mein Gartenhäuschen, an dem ich gearbeitet habe. Und weil es immer das selbe Häuschen war, ist es auch noch dasselbe wie am ersten Tag.“

    „Aber wenn wir Identität überprüfen, dann prüfen wir das an den Merkmalen, die wir jetzt feststellen. Wenn der Beamte an der Grenze in meinen Ausweis schaut, dann muss ich darin so aussehen, wie ich eben jetzt aussehe, deshalb brauche ich ja auch alle paar Jahre einen neuen Ausweis! Und wenn du jemandem ein Foto von dem Schuppen zeigst, der hier vor Jahren stand, dann wird der dir nie glauben, dass das der selbe ist wie der, der jetzt da steht. Wir können die Identität eines Dings nur an den Eigenschaften prüfen, die es jetzt hat!“

    „Das Problem ist, dass wir das so sehen, ja.“ Antwortete Alice „Wir könnten ja auch die Geschichte des Dings erzählen, um seine Identität mit sich selbst zu belegen.“

    Bob schwieg, schloss die Augen und genoss die Frühlingssonne. Er dachte, dass er früher, als Kind, nicht einfach so daliegen mochte, da wäre er durch den Garten getobt, hätte mit Alice gerauft… er hatte sich ganz schön verändert.

    Alice hantierte mit ihrem Werkzeug, sie schlug schon wieder irgendwo einen Nagel ein: „Du bist auch nicht mehr derselbe wie früher! Früher hättest du mich gefragt, ob du mir helfen kannst!“

    Die Warteschlange

    Fast wäre Bob zu seiner letzten Verabredung mit Alice zu spät gekommen, denn er hatte wirklich lange an der Supermarktkasse anstehen müssen. Dennoch, so berichtete er Alice gleich nach der Begrüßung, hatte er eigentlich eine müde alte Dame noch vorlassen wollen, die er ganz am Ende der Warteschlange erspäht hatte als er gerade dabei war, seine eigenen Einkäufe aufs Band zu legen. Freundlich hatte er ihr zugerufen, sie solle doch nach vorn kommen und sich vor ihm selbst einreihen, dann wäre sie direkt als nächste Kundin an der Kasse gewesen.

    Alice lächelte wissend, denn sie ahnte schon, was dann passiert war: „Das haben sich die anderen Kunden natürlich nicht gefallen lassen, stimmt’s?“

    „So ist es,“ antwortete Bob aufgeregt, „manche Leute haben sich so empört, dass die arme Frau ganz eingeschüchtert in der Reihe stehen geblieben ist. Sie hat sich fast entschuldigt für meinen Vorschlag!“

    „Du weißt natürlich nicht, wie es den Leuten ging, die selbst in der Schlange standen. Vielleicht war jemand krank, hatte Fieber und musste aber dringend was einkaufen? Vielleicht war eine alleinstehende Mutter dabei, deren Kinder zu Hause warteten? Vielleicht kam jemand von einer anstrengenden Schicht und brauchte noch etwas zum Abendbrot…“

    Bob war unzufrieden: „Gut gut gut, mag alles sein. Aber wenn man so denkt, kann man nie einem Menschen gegenüber was Gutes tun! Es kann ja immer sein, dass man irgendwem anderes damit ein Leid zufügt, ohne es zu wissen.“

    Alice überlegte: „Na, es gibt schon Situationen, in denen klar ist, dass du jemandem helfen kannst, ohne dass jemand anders betroffen ist. Wenn die Frau direkt hinter dir in der Schlange gewesen wäre, hättest du sie natürlich vorlassen können, das hätte niemanden gestört.“

    „Aber selbst dann könnte man sagen, dass ich die Zeit, die ich selbst dabei verloren hätte, eher für jemanden anders hätte einsetzen sollen…“ antwortete Bob „auf jeden Fall aber bleiben nur wenige und sehr unbedeutende Momente übrig, in denen ich etwas Gutes tun könnte, wenn ich ständig über die Konsequenzen für andere nachdenke, bevor ich überhaupt etwas tue. Das kann nicht richtig sein.“

    „Da hast du recht“ musste Alice zugeben. „Außerdem klingt das auch nach einer Ausrede, man überlegt so lange, ob es richtig wäre, zu handeln, bis die Situation vorbei ist. Irgendwie habe ich ja auch das Gefühl, dass es richtig war, dass du die alte Frau nach vorn durchlassen wolltest.“

    Bobs Gesicht hellte sich auf: „Vielleicht liegt unser Denkfehler ganz woanders. Natürlich war es richtig, die Frau nach vorn zu bitten. Meine moralische Intuition hat es mir gesagt, und alle rationalen Erwägungen verwässern das nur. Aber es war falsch, über die anderen zu richten, die sich aufgeregt haben. Denn vielleicht waren sie auch im Recht, ich kannte ja ihre Gründe nicht.“

    „Das hieße,“ antwortete Alice, „dass man eigentlich immer im Dilemma ist, wenn man moralisch handeln will. Man kann nicht alles richtig machen, und man hat nicht genug Zeit, alle Informationen zu beschaffen und alles zu erwägen. Man muss eben seiner Intuition, seinem Gewissen folgen. Aber man sollte auch nachsichtig mit denen sein, die meinen, dass diese Handlung falsch war.“

    Buridans Bergsteiger

    In diesem Sommer verbrachten Alice und Bob eine Woche gemeinsam in den Bergen. Nach einer langen und anstrengenden Tour durch unwegsames Gelände und mit einiger Kletterei sagte Alice Abends lachend zu Bob: „Du hast mich heute manchmal an Buridans Esel erinnert, der vor zwei gleich großen Heuhaufen stand, sich nicht entscheiden konnte, von welchem er fressen sollte und schließlich verhungert ist. So hast du manchmal fast ewig vor schwierigen Kletterstellen gestanden und konntest dich nicht entscheiden, ob du hier- oder dorthin trittst.“

    „So eine Entscheidung ist ja auch schwierig,“ erwiderte Bob, „hier ist der Griff besser zu erreichen, dort kann man besser Tritt fassen. Da ist der Stein feucht und rutschig, dort ist das Gestein locker und bietet keinen sicheren Halt. Wie soll man da die beste Entscheidung für den richtigen Weg treffen?“

    „Wichtig ist, dass du dich überhaupt entscheidest, sonst kommst du nie ans Ziel!“ lachte Alice.

    Bob überlegte: „Und überhaupt, was heißt denn ‚Entscheidung‘? Die meiste Zeit bin ich ja einfach geklettert und gestiegen und getreten ohne zu überlegen. Ohne Abwägung und Überlegung gibt es gar keine Entscheidung!“

    „Da gebe ich dir mal Recht.“ Alice wurde ernst. „Entscheidung bedeutet, dass man abwägt und Gründe für den einen oder den anderen Weg angeben und bewerten kann. Auch, dass man über Konsequenzen der einen oder anderen Variante nachdenkt – und dann die auswählt, die einem als beste Lösung erscheint.“

    „Das würde aber heißen,“ meinte Bob, „dass ich zumeist gar keine Entscheidungen treffe, wenn ich etwas tue. Die meisten Dinge mache ich ohne darüber nachzudenken: gehen, essen, an der Kreuzung bei Rot stehen bleiben… und auch beim Bergsteigen greife ich doch meistens automatisch nach dem richtigen Felsvorsprung. Ich handle intuitiv, nicht überlegend!“

    „Jede Erfahrung, die du machst, trägt dazu bei, dass du später weniger entscheiden musst, du hast sozusagen mit jeder guten Entscheidung schon für viele spätere Situationen, die ähnlich sind, mit entschieden.“ Alice liebte es, wenn sie Bob etwas erklären konnte.

    „Gut, das klingt plausibel. Das erklärt auch, warum ich früher viel länger überlegt habe und viel unsicherer war, wenn ich in den Bergen unterwegs war – und warum du viel sicherer und schneller entscheidest, wo du lang gehst, denn du hast mehr Erfahrung.“
    Alice lächelte zustimmend, sie liebte es auch, wenn Bob ihr Komplimente machte.

    Bob fuhr fort: „Aber wenn ich es mir recht überlege, hat die Sache einen Haken: meistens könnte ich dir nämlich nicht sagen, warum ich mich gerade so und nicht für einen anderen Weg entschieden habe. Ich schaue hier hin und dort hin, sehe diese Möglichkeit und jenes Risiko, und am Ende handle ich dann einfach irgendwie.“

    Alice überlegte. „Ist das wirklich so? Vielleicht kannst du dich im Nachhinein nur nicht erinnern, warum du dich so und nicht anders entschieden hast…“. Aber Bob unterbrach sie: „Vielleicht haben ja doch diejenigen recht, die sagen, dass es gar keine Entscheidungsfreiheit und keinen freien Willen gibt! Ich bilde mir nur ein, dass es meine Entscheidung wäre, wie ich handle, aber in Wirklichkeit bin ich ein Automat, der aus Erfahrungen lernt und sich einfach nach Programmen bewegt! Und meine Entscheidungsfreiheit ist vielleicht nur Einbildung!“

    „Beruhige dich!“ Alice lächelte wieder. „Es wird wohl eher so sein, dass deine Prüfung der verschiedenen Möglichkeiten ergeben hat, dass beide Wege möglich sind und dass du nicht genug Informationen hast, um eine besser zu bewerten als die andere. Und dann entscheidest du dich, den Zufall entscheiden zu lassen: Da, wo du gerade hinschaust, trittst du auch hin. Trotzdem basiert also deine Handlung auf einer echten Entscheidung. Und deine Entscheidungsfreiheit ist davon nicht beeinträchtigt. Würdest du nicht Gründe haben, die dich vermuten lassen, dass beide Wege gangbar sind, dann würdest du keinen von beiden nehmen.“

    „Das stimmt.“ Bob war zufrieden. „Manchmal stehe ich da und überlege hin und her. Und dann sage ich mir plötzlich: Ist doch egal, ob links oder rechts, Hauptsache ich gehe endlich weiter. Weil du ja nie wartest!“

    „Meine Ungeduld ist eben auch ein Umstand, der deine Entscheidung beeinflusst. Sie sorgt dafür, dass du dich entscheidest, etwas zu tun, auch wenn du noch nicht ganz sicher bist, den besten Weg gefunden zu haben. Aber bei unserer nächsten Tour schau bitte einfach, wo ich langgehe. Du weißt ja, ich hab mehr Erfahrung als du.“

    Wann ist ein Berg ein Berg?

    Wenn die Wanderung nicht ganz so anstrengend war, sprang Bob gern von einer kleinen Anhöhe zur nächsten und stieg auf jeden Stein am Wegesrand. Jedes Mal rief er „Schon wieder bin ich auf einen Berg gestiegen“ oder „Ich habe schon wieder einen Gipfel erklommen!“ Alice lächelte nachsichtig und sagte: „Das sind weder Berge noch Gipfel. Du kannst nicht jede kleine Erhebung als Gipfel oder gar als Berg bezeichnen!“

    „Aber warum nicht? Gibt es eine allgemeine Definition, die ich anerkennen müsste?“

    Am Abend recherchierte Alice im Internet und kam zu dem Schluss: „Eine allgemeine Definition gibt es wohl nicht. Aber man versucht schon, festzulegen, wann eine Erhebung als Berg oder als Gipfel zählt.“

    „Das ist doch aber merkwürdig, findest du nicht?“ fragte Bob. „Ich meine, wir reden so sicher davon, dass der Watzmann z.B. ein Berg ist, der drei Gipfel hat. Man weiß sogar ganz genau, wie viele 8.000er es gibt, obwohl da bestimmt mehr einzelne Felsspitzen stehen. Aber es gibt keine genaue Definition?“

    „Selbst wenn es eine gäbe,“ erwiderte Alice, „warum solltest du sie für dich anerkennen? Wer soll uns beiden vorschreiben, wann wir etwas als Berg anerkennen? Schließlich gibt es kein objektives Kriterium, so etwas ist immer Verabredung. Denk an die Sache mit den Planeten, da wurde entschieden, dass Pluto kein Planet mehr ist, nur, weil er ein bisschen zu klein ist!“

    „Aber wenn in den Zeitungen steht, dass eine Bergsteigerin alle 8.000er bestiegen hat, dann muss es doch eine allgemeine Bestimmung geben, nach der man festlegen kann, dass genau diese Gipfel als 8.000er gelten!“

    „Na klar, das wird festgelegt, und wenn alle sich an die Festlegung halten, dann ist es eben so. Da wird dann eben gesagt, dass im Himalaja alle Erhebungen mit einer Schartenhöhe von mindestens 500 m eigenständige Berge sind, und schon kannst du durchzählen, wie viele davon über 8.000 m hoch sind.“

    „Vorausgesetzt, man einigt sich auch noch darüber, wo genau die Null-Höhe ist, von der aus man misst…“

    Beide schwiegen. Dann sagte Bob: „Meistens ist es also bloße Verabredung, eine Festlegung von irgendeiner Autorität, wenn wir in der Natur ein einzelnes Ding als Individuum ansehen und von anderen abgrenzen. Und man benötigt das nur, weil man irgendwas bewerten oder vergleichen will. Das würde bedeuten, dass die Natur gar nicht aus Einzeldingen besteht! Es gibt gar keine Berge, auch keine Ozeane oder Kontinente, was genau dazu gehört oder ob nicht alles fließend ineinander übergeht, ist irgendwie nur willkürlich festgelegt. Und nur, weil wir das in der Praxis akzeptieren, wird es ‚real‘. Was für eine merkwürdige Realität!“

    Alice sinnierte: „Ganz so kann es auch nicht sein. Schau, wir standen gestern vor einem Berg, auf den wir steigen wollten, wir konnten darauf zeigen, und waren einig, dass das ein Berg ist. Und als wir oben waren, waren wir auch sicher, dass wir auf einen richtigen Berg gestiegen waren.“

    „Stimmt,“ antwortete Bob, „wir können uns sozusagen an sicheren Beispielen sicher darauf einigen, dass das wirklich so ein Ding von der Sorte ist, wie unser Begriff es sagt. Aber es hängt dann doch immer noch von unserer Sprache und unserer Verständigung ab. Als ob das Ding dadurch zum Berg würde, dass wir es so nennen!“

    „Und dadurch, dass wir draufsteigen und übers Land schauen und uns über die Aussicht freuen, denn man von dieser Höhe aus hat. Das ist es ja auch, was den Berg zum Berg macht: Die Möglichkeit, hochzusteigen, sich dabei anzustrengen und dann die Aussicht zu genießen.“

    „Und stolz darauf zu sein, was man gemacht hat! Was scheren uns die Definitionen der Autoritäten? Ein Berg ist die Anstrengung beim Hochsteigen und die Freude beim weiten Blick übers Land und der stolz auf das, was man da getan hat.“

  • Warum wir lieber suchen als finden

    Warum wir lieber suchen als finden

    „Du kannst doch nicht für immer allein bleiben“, sagt die alte Schulfreundin, die seit Jahren in einer Beziehung feststeckt, die sie nur mit Sarkasmus und (zu viel) Rotwein erträgt, während sie sich hin und wieder unter einem Pseudonym beim Online-Dating tummelt.

    „Doch“, sage ich. „Das geht.“

    „Aber willst du das tatsächlich?“

    „Nein. Aber ich will den Rest auch nicht.“

    Damit sind wir schon im Thema. Partnersuche im fortgeschrittenen Erwachsenenalter ist kein romantisches Unterfangen mehr, sondern eine Abwägung zwischen zwei Übeln: Alleinsein oder Kompromiss. Wer behauptet, es gehe noch um große Gefühle, hält Wunschdenken für einen Plan oder verdient sein Geld mit Paartherapie.

    Ein bisschen Statistik, um die Illusion zu töten

    Gefühlt 80 Prozent der Menschen zwischen 40 und 60 sind entweder frisch getrennt, latent unzufrieden oder offiziell „offen für Neues“. Das ist keine belastbare Studie, sondern eine Kneipenstatistik, aber wie bei allen guten Statistiken stimmt die Richtung. Kaum jemand ist glücklich vergeben, kaum jemand wirklich gern allein. Die meisten dümpeln dazwischen wie Treibgut nach einem Beziehungs-Tsunami.

    Interessant ist: Alle suchen. Und fast alle klagen über dieselben Dinge. Die anderen seien schwierig, bindungsgestört, oberflächlich, egoistisch, psychisch angeschlagen oder schlicht unattraktiv. Niemand kommt auf die Idee, dass er selbst Teil des Problems sein könnte. Das wäre ja auch unerquicklich.

    Online-Dating: Der Markt regelt – leider

    Partnersuche ist heute Markt. Punkt. Angebot, Nachfrage, Selbstdarstellung, Konkurrenz. Wer das leugnet, ist entweder neu dabei oder hoffnungslos romantisch deformiert. Datingplattformen funktionieren wie Online-Shops. Man filtert, sortiert aus, legt Kriterien fest, die man früher nie formuliert hätte.

    „Nichtraucher, sportlich, humorvoll, emotional verfügbar, bitte ohne Altlasten.“ Altlasten – ein wunderschönes Wort für Kinder, Ex-Partner, Lebenserfahrung.

    Gleichzeitig bringt jeder selbst einen ganzen LKW davon mit.

    Man selbst ist das Produkt. Mit Bildern, Texten, Versprechen. „Reiselustig“, „tiefgründig“, „lache gerne“. Wer nicht gerne lacht, schreibt das natürlich nicht rein. Ehrlichkeit ist hier ein theoretisches Konzept.

    Die große Lüge vom Matching

    Uns wird suggeriert, Algorithmen könnten Passung berechnen. Als ließe sich Begehren mathematisch erfassen. In Wahrheit filtern diese Systeme nur grob vor: Alter, Entfernung, Bildungsgrad. Der Rest ist Zufall. Oder Pech.

    Das Matching erzeugt vor allem eines: die Illusion unbegrenzter Auswahl. Und diese Illusion ist Gift. Denn wer glaubt, es gäbe immer noch etwas Besseres, bleibt innerlich unverbindlich. Warum investieren, wenn der nächste Swipe vielleicht ein Upgrade bringt?

    So entsteht eine Generation emotionaler Leasingverträge. Jeder ist ersetzbar, niemand unverzichtbar.

    Kontaktaufnahme – oder: der stille Massenfriedhof

    Die meisten Nachrichten versanden. Das ist kein Drama, sondern Normalität. Wer damit nicht umgehen kann, sollte sofort aufhören. Ghosting ist keine persönliche Beleidigung, sondern eine Effizienzmaßnahme. Die Postfächer quellen über. Selektion erfolgt brutal.

    Männer schreiben zu viel, Frauen antworten zu wenig – das alte Lied. Daraus resultieren Frust, Ressentiments und bizarre Theorien über das jeweils andere Geschlecht. Er glaubt, sie sei überheblich. Sie glaubt, er sei verzweifelt. Beide haben recht.

    Gespräche ohne Risiko

    Kommt es zum Austausch, ist alles merkwürdig glatt. Niemand will anecken. Niemand zeigt sich wirklich. Man spricht über Reisen, Essen, Serien. Tiefe wird behauptet, aber vermieden. Bloß nicht zu früh ehrlich sein. Ehrlichkeit könnte abschrecken. Und Abschrecken ist das Schlimmste, was passieren kann – noch schlimmer als sich selbst zu verlieren.

    Das Resultat sind Gespräche, die man nach zwei Tagen vergessen hat. Menschen werden austauschbar. Nicht, weil sie es sind, sondern weil man sie so behandelt.

    Das erste Treffen – 30 Sekunden Wahrheit

    Das erste Treffen ist gnadenlos. Innerhalb von Sekunden entscheidet sich alles. Stimme, Geruch, Präsenz. Dinge, die kein Profil abbildet. Danach läuft ein inneres Protokoll:

    – Könnte ich mir vorstellen, mit dieser Person aufzuwachen?
    – Würde mich ihre/seine Art auf Dauer nerven?
    – Ist genug Anziehung da, um mich selbst zu belügen?

    Häufige Antwort: nein.

    Dann folgt der Satz: „Du bist total nett, aber…“ Nett ist der diplomatische Begriff für: keinerlei erotische Relevanz. Nett ist Endstation.

    Warum es strukturell nicht funktioniert

    Die meisten scheitern nicht an einzelnen Begegnungen, sondern an systemischen Widersprüchen:

    Man will Nähe, aber keine Verpflichtung.
    Man will Freiheit, aber nicht allein sein.

    Man will verstanden werden, ohne sich erklären zu müssen.
    Man will einen reifen Partner, ist selbst aber kaum kompromissfähig.

    Hinzu kommt die Vorgeschichte. Jeder bringt Verletzungen mit, die angeblich verarbeitet sind. Spoiler: sind sie nicht. Man reagiert auf alte Muster, nicht auf den aktuellen Menschen. Ein falsches Wort, und die Vergangenheit übernimmt.

    Der Mythos der „richtigen Zeit“

    Oft heißt es: „Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt.“ Das ist Unsinn. Der Zeitpunkt ist fast nie richtig. Entweder ist man noch beschädigt von der letzten Beziehung oder bereits zynisch von der Suche. Das Zeitfenster emotionaler Offenheit ist schmal – und wird mit zunehmendem Alter eher kleiner.

    Illusionsverzicht als Überlebensstrategie

    Vielleicht liegt die Lösung nicht darin, besser zu suchen, sondern weniger zu erwarten. Keine ewige Liebe, keine Seelenverwandtschaft, kein Hollywood-Finale, sondern: stattdessen funktionierende Nähe auf Zeit. Respekt. Humor. Sexuelle Anziehung. Und die Fähigkeit, sich wieder zu trennen, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen.

    Das ist unromantisch. Aber realistisch.

    Wer ohne Illusionen sucht, hat bessere Chancen, nicht bitter zu werden. Die Partnersuche wird dadurch nicht erfolgreicher, aber erträglicher. Und manchmal ist das schon ein Gewinn.

    Oder man lässt es ganz. Auch das ist legitim. Alleinsein ist kein Makel, sondern ein Zustand. Mit Vorteilen. Vor allem Ruhe.

    Und Ruhe, das stellt man irgendwann fest, ist ohnehin das attraktivste Beziehungsmodell.
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    Lesen Sie auch: Männer und Frauen sind das nackte Grauen

  • Welche Gefahr geht von Putin aus?

    Welche Gefahr geht von Putin aus?

    Ein oft gehörtes Gegenargument gegen die gegenwärtige Verteidigungspolitik der NATO, die zu einer Stärkung der militärischen Kraft des Bündnisses führen soll, ist, dass Russland doch auf keinen Fall den Plan habe, Europa zu unterwerfen, in Berlin einzumarschieren und einen großen Krieg gegen die Nato zu führen. Man stellt sich dabei auf den Standpunkt, dass Deutschland, Frankreich, Italien oder das Vereinigte Königreich sich doch nur bedroht fühlen müssten, wenn Putin den Plan hätte, ganz Mittel- und Westeuropa mit einem Krieg zu überziehen und unter seine Vorherrschaft zu bringen. Dabei denkt man offenbar in Kategorien der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, als Militärbündnisse um die Vorherrschaft über ganz Europa kämpften oder das nationalsozialistische Deutschland plante, den Großteil Europas und zumindest den europäischen Teil der damaligen Sowjetunion zu unterwerfen.

    Da dieses Szenario unwahrscheinlich ist, so die Argumentation, ist eine militärische Stärkung der NATO, insbesondere seiner mittel- und westeuropäischen Mitglieder keineswegs notwendig. Untermalt wird diese Sicht wahlweise mit den Thesen, dass Putin an den rohstoffarmen westeuropäischen Regionen kein Interesse hätte, dass Westeuropa wirtschaftlich und militärisch schon heute ein viel zu starker Gegner für Russland wäre oder dass Russland in der Geschichte niemals nach Macht in Europa gestrebt hätte.

    Will Putin Westeuropa unterwerfen?

    Nun behauptet allerdings auch niemand, dass Putin und seine Militärs und Komplizen derzeit einen Angriff auf Deutschland oder Frankreich planen würden. Wenn von einem möglichen Angriff auf die Nato die Rede ist, dann geht es um die östlichen Mitglieder, jene Länder, die sich erst vor wenigen Jahrzehnten aus der Vorherrschaft der russischen Machthaber befreit haben. Diese Länder haben sich der Nato als einem Verteidigungsbündnis angeschlossen, um sich vor dem Zugriff russischer Herrschaftsbestrebungen in Sicherheit zu bringen. Die Pflicht und Verantwortung der anderen Nato-Mitglieder ist es, diese Sicherheit zu bieten.

    Für Putin ist der Zerfall der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Zwar behauptete er vor 10 Jahren, nachdem Russland die ukrainische Krim bereits besetzt hatte, dass er die Sowjetunion nicht wieder herstellen wolle, und er beklagte sich, dass niemand ihm glauben würde, aber im August provozierte sein Außenminister dann die Welt, indem er beim Treffen in Alaska ein T-Shirt mit der russischen Abkürzung der Sowjetunion (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken – UdSSR, kyrillisch СССР) trug.

    Worauf sich der Westen einstellen sollte

    Zumindest mit dem Szenario, dass Putin versuchen könnte, die geopolitische Katastrophe rückgängig zu machen, muss man sich also als verantwortungsvoller Politiker beschäftigen. Und auch die Möglichkeit, dass er, sollte er damit erfolgreich sein, einen Schritt weitergehen könnte und versuchen könnte den russischen Herrschaftsbereich auf den ehemaligen Ostblock, also wenigstens Richtung Bulgarien, Rumänien, Ungarn, die Slowakei, womöglich auch auf Polen und Tschechien auszudehnen, darf man nicht völlig abtun. Dabei könnte er eine Strategie der Destabilisierung der noch relativ fragilen staatlichen Strukturen, der Unterstützung russlandfreundlicher Regierungen, aber auch des militärischen Eingreifens unter dem Vorwand, russische Minderheiten schützen oder angebliche Gefahren für Russland abwenden zu müssen, verfolgen.

    Das muss nicht in jedem Fall mit einem militärischen Angriff Russlands auf das betreffende Land und mit dem Einmarsch und der Besetzung des Landes durch Putins Truppen verbunden sein. Auch für Putin dürfte diese Option die letzte und nicht die erste Wahl sein. Ihm wird es genügen, wenn in den betreffenden Ländern Diktatoren an die Macht kommen, die eine gelenkte Demokratie nach russischem Vorbild errichten und sich der Vormacht Russlands unterordnen, so, wie es etwa der weißrussische Diktator vorgemacht hat. Nur dort, wo das nicht gelingt, wird Russland zunächst versuchen, die Demokratie zu destabilisieren, als letzter Schritt kommt dann der Einmarsch in Frage.

    Die größte Gefahr nach einem Ende der russischen Aggression in der Ukraine wird vermutlich für Länder bestehen, die nicht zur Nato gehören, allen voran vermutlich Georgien, wenn es dort nicht ohnehin gelingt, dauerhaft eine Regierung zu implementieren, die sich ähnlich russlandtreu wie die weißrussische verhält. Aber das größte Interesse dürften Putin und seine Leute wohl am Baltikum haben. Dort ist es auch am einfachsten, Vorwände zu konstruieren, die auch russlandfreundlichen und Nato-kritischen Gruppen in West- und Mitteleuropa plausibel erscheinen werden. Man wird eine Gefahr für die russische Enklave von Kaliningrad behaupten, man kann zudem, ähnlich wie in der Ukraine, eine Unterdrückung russischer Minderheiten in den baltischen Republiken herbeireden. Da ließen sich auch auf einfache Weise Probleme inszenieren und Anlässe für eine Eskalation provozieren.

    Die Frage ist, wie die russische Führung die Bereitschaft der Nato-Länder einschätzt, diese Mitglieder tatsächlich in einem Konflikt zu verteidigen, wie konsequent sie das tun würden – und wie schnell und effektiv sie dazu in der Lage wären. Wer die Gefahr gern kleinredet, argumentiert etwa so: Diese Länder sind ja Nato-Mitglieder, also muss und wird die Nato jeden Angriff einfach zurückschlagen, und da die Nato militärisch doch viel stärker ist, wird Russland einen solchen Angriff niemals wagen, da müsse man sich doch gar keine Sorgen machen.

    Die Sache könnte aber auch anders aussehen: Die Verteidigung gegen einen Angriff auf Nato-Länder ist kein Automatismus. Jeder Einsatz muss jeweils national beschlossen werden, das kostet Zeit und ist zudem nicht sicher. Wenn ein Land tatsächlich den Einsatz seiner Truppen zusagt, müssen die koordiniert, verlegt und einsatzfähig gemacht werden. Zugleich muss es in parlamentarischen Demokratien wenigstens eine gewisse Zustimmung in der Bevölkerung und der Öffentlichkeit zu solchen Einsätzen geben.

    Wenn man bedenkt, wie laut derzeit die Stimmen derer sind, die nicht einmal bereit sind, das eigene Land gegen einen Aggressor zu verteidigen, dann kann man sich leicht ausrechnen, wie gering die Bereitschaft sein könnte, eine Politik zu unterstützen, die Bodentruppen und die Luftwaffe für eine Verteidigung baltischer Republiken in den Kampf schickt. Zumal die russische Desinformation, Zersetzungs- und Spaltungspolitik bis dahin weitergehen dürfte. Man kann schon heute darauf wetten, welche Parteien und Experten sich hierzulande Putins Geschichten über Gefahren für seine „Landsleute“ im Baltikum, über „faschistische“ Regierungen und aggressives Verhalten der Nato in der Nähe der russischen Grenze zu eigen machen werden. Das wird Diskussionen und Abstimmungen in West- und Mitteleuropa in die Länge ziehen und die Verteidigungsfähigkeit der betroffenen Länder schwächen.

    Es kommt nun nicht einmal darauf an, wie es um diese Bedingungen tatsächlich bestellt ist, es kommt darauf an, wie Russland, wenn es solche Ziele verfolgt, die Situation einschätzt. Wenn der innere Zirkel um Putin zu der Überzeugung kommt, dass der Rückhalt für eine Verteidigung Estlands, Litauens oder Lettlands in den westeuropäischen Ländern gering ist, wenn sie zu dem Urteil kommen, dass die Nato schwerfällig entscheidet, träge handelt und die Truppen schlecht koordiniert zum Einsatz bringt, dann können diese Leute sich ermutigt fühlen, auszutesten, wie weit sie gehen können.

    Was wäre ein mögliches Szenario?

    Zunächst wird es zu weiteren Luftraumverletzungen kommen, die von Russlands Unterstützern in Westeuropa kleingeredet und von Putins Medien geleugnet werden. Zugleich wird man versuchen, durch Provokationen und Zusammenstöße zwischen Gruppen der russischen Minderheiten und russlandfeindlichen Gruppen in den baltischen Ländern die Lage zu destabilisieren. Die Frage ist dann, wie lange die Nato zuschaut, zumal jede Antwort von Putin und seinen Freunden in Westeuropa als die eigentliche unangemessene Provokation und Einmischung dargestellt werden wird. So kann der russische Machthaber austesten, wie weit er gehen kann und wie schnell, wie konsequent und mit welchen innenpolitischen Konsequenzen der Westen reagieren kann.

    Putin und die Chancen der Diplomatie

    Was daraus entsteht, ist heute nur spekulativ zu beurteilen. Klar sollte aber sein, dass der Westen versuchen muss, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Viele meinen, man müsse deshalb die diplomatischen Bemühungen verstärken. Aber wie soll Diplomatie wirken, wenn man einer Macht gegenüber steht, die es darauf absieht, ihren Machtbereich auszudehnen? Manche Menschen scheinen zu denken, Diplomatie würde irgendwie so funktionieren, dass man einem aggressiven Gegenspieler erklärt, es sei doch viel schöner, friedlich miteinander zu verkehren und von Ausdehnungen des Machtbereichs abzusehen. Diplomatie funktioniert aber nur, wenn man dem Gegner entweder entgegenkommt oder ihm klarmachen kann, dass seine Vorhaben für ihn selbst zu gefährlich sind. Entgegenkommen gibt es aber im Falle der russischen Pläne nicht.

    Kein Land, das sich aus der Vorherrschaft Russlands in der Sowjetunion, dem Warschauer Vertrag oder dem „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“, kurz gesagt, aus dem russisch dominierten Ostblock befreit hat, will wieder unter irgendeine Kontrolle dieses Machtzentrums geraten, vielleicht mit Ausnahme der Führungen von Ungarn und der Slowakei. Das aber ist es, was Putin und seine Leute wollen. Da kann es keine Kompromisse und kein Entgegenkommen geben, die Putin davon abhalten. Deshalb muss die Voraussetzung von Diplomatie Klarheit, Bereitschaft zur Konsequenz und zur Verteidigung jedes Nato-Partners und Stärke sein.

  • Framing und Dialektik

    Framing und Dialektik

    Framing ist in den letzten Jahren zu einem Begriff geworden, an dem sich die Gemüter erhitzen. Gemeint ist mit diesem Begriff eine Methode, Aussagen durch geschickte Auswahl von Begriffen und Formulierungen in einen Kontext zu rücken, der eine gewünschte emotionale und moralische Bewertung des Sachverhalts provoziert. Politiker verwenden bestimmte Wörter in ihren Aussagen, die das, was sie sagen, in einen bestimmten Kontext schieben, die eine gewisse Einfärbung zur vermeintlichen Aussage hinzufügen. Die verwendeten Wörter geben der Aussage einen Rahmen, der die Deutung des gesagten in eine bestimmte gewünschte Richtung lenkt.

    Vor ein paar Jahren hat ein Dokument für großes Aufsehen und auch für empörte Kritik gesorgt, in dem die Sprachforscherin Elisabeth Wehling der ARD Empfehlungen für den Einsatz von Framing formuliert. Es geht vor allem um die Eigendarstellung der Sendeanstalt im Vergleich und in Abgrenzung zu anderen Medien.

    Die Empörung war deshalb so groß, weil „Framing“ bisher immer als Vorwurf der Manipulation durch geschickte Einbindung einer sachlich korrekten Information in einen moralischen oder ideologischen Kontext verurteilt wurde. Dass nun die ARD-Mitarbeiter Framing sozusagen für einen guten Zweck verwenden sollen, stößt bei denen, die Framing vor allem als Methode politisch extremer Akteure bekämpft haben, auf erbitterte Ablehnung.

    Aber gibt es Framing überhaupt?

    Wer eine Aussage unter die Leute bringen will, muss dazu Wörter verwenden, die die Leute schon kennen. Die gleiche Aussage lässt sich mit verschiedenen Wörtern formulieren, deren Bedeutung mehr oder weniger voneinander abweicht. Insbesondere kann ich die gleiche Sache mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnen. Wenn ich etwa sagen will, dass die Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten zumeist irrational sind, kann ich sagen „Trumps Entscheidungen sind schwer nachvollziehbar“, ich kann aber auch sagen „Ich verstehe überhaupt nicht, wie Trump denkt“ – schließlich kann ich auch schlicht sagen „Trump ist ein Idiot“. Statt „Idiot“ kann ich auch „Trottel“, „Dummkopf“, FIFA-Pisspreisträger und Horrorclown oder „Geisteskranker“ sagen. Statt „Trump“ kann ich auch sagen „Der amerikanische Präsident“ oder „der alte Mann im Weißen Haus“ oder „der Typ mit der XY-Frisur“. Meine Aussage wird jedesmal in einen anderen Rahmen des  Sprechens eingebaut, mal ist sie moralisch wertend, mal klingt sie medizinisch, in einer anderen Form sachlich analytisch, dann wieder politisch-verurteilend. Framing bedeutet, sich zu überlegen, welchen begrifflich-sprachlichen Rahmen man verwenden will, um der Aussage den gewünschten Effekt zu geben.

    Die Idee des Framings setzt allerdings eine undialektische Weltsicht voraus. Sie funktioniert nur, wenn man annimmt, dass die Begriffe feste und klare Bedeutungen unabhängig von der Aussage haben, die ich gerade mache. Die Bedeutungen sind schon vor dem Aussprechen der Aussage da und sie sind anschließend immer noch die gleichen. Ein begrifflicher Rahmen rahmt in diesem Vorstellung ein Aussage-Bild und verändert damit das Ausgesagte. Er wird von diesem Bild selbst aber nicht verändert.

    Dieses Modell des Sprechens ist völlig untauglich für die Beschreibung oder gar die Gestaltung einer öffentlich geäußerten Aussage. Natürlich bindet sich jede Aussage durch die verwendeten Begriffe und Formulierungen in den Diskurs der Gesellschaft ein, und sie erhält ihre Bedeutung auch durch das, was an Bedeutungen schon vorher im Diskurs da war. Gleichzeitig verändert jede Aussage aber auch diesen Diskurs und die Bedeutungen der verwendeten Begriffe. Die Gleichzeitigkeit ist wichtig, denn die tatsächlichen Bedeutungen der Begriffe entstehen auch erst durch die Aussage. Wenn ich sage „Trump ist ein Idiot“, definiere ich dadurch mit, was ein „Idiot“ ist – ich knüpfe zwar an das Vorverständnis dieses Begriffs an, aber zugleich sage ich auch, was ich mit „Idiot“ meine, wenn ich zugleich auf Trump zeige. Die Bedeutung des verwendeten Wortes ist von seiner Verwendung nicht unabhängig, auch wenn zugleich die Möglichkeit, dass mein Satz verstanden wird, von der Vor-Bedeutung des Wortes abhängt. Mit jeder Verwendung eines Wortes entsteht seine Bedeutung neu.

    Framing entsteht erst, wenn jemand „Framing!“ ruft

    Es ist aber noch dramatischer: Dass die Verwendung des Wortes „Idiot“ in diesem Fall womöglich als Framing verstanden werden kann, fällt erst dann auf, wenn jemand „Framing!“ ruft. Die Rahmung entsteht erst, wenn jemand an dem Satz „Rahmen“ und „Bild“ voneinander unterscheidet. Man stelle sich einen Menschen Bob vor, der Bilder betrachtet, ohne eine Vorstellung davon zu haben, dass sie aus einem „Rahmen“ und einem „eigentlichen Bild“ bestehen. Für Bob gibt es nur Bilder, die ihm gefallen oder missfallen. Wenn nun Alice kommt und den Rahmen vom Bild trennt und sagt, das eine sein ja nur der Rahmen, der dem Bild eine gewisse Wirkung verleiht, das das Bild ohne den Rahmen nicht hätte, dann wird Bob vermutlich zunächst Alice verständnislos ansehen. Natürlich, so wird Bob sagen, ist es ein anderes Bild, wenn man es in seine Teile zerlegt. Erst durch Alices Zergliederung ist der Rahmen überhaupt entstanden.

    Jedes Äußern von Aussagen ist ein dialektisches Spiel, in dem Bedeutungen entstehen und sich verschieben, Bedeutungen, die merkwürdigerweise aber schon „da sein müssen“, damit sie sich überhaupt verändern können. Dieses Dasein der Bedeutungen entsteht aber erst dadurch, dass sie festgestellt werden, aber dieses Feststellen funktioniert nur für einen kurzen flüchtigen Moment, denn jede neue Verwendung löst den Begriff wieder aus seinem Bedeutungsrahmen. Alle Bedeutungen sind zugleich Bild und Rahmen füreinander, und jedes reden ist ein Umgestalten von Bildern zu Rahmen und von Rahmen zu Bildern. Ein gutes Gespräch sollte nicht krampfhaft die einen Begriffe als Rahmen und die anderen als Bilder festzuhalten versuchen, sondern das Spiel der Bedeutungen, die sich dynamisch aneinander binden und verändern, sichtbar machen.

  • Essen ohne Illusionen

    Essen ohne Illusionen

    „Deine Kolumne über Fitness war total depri“, sagt die alte Schulfreundin, „am Ende wollte ich mich umbringen.“
    „Du hattest nen depri Text bestellt und hast einen depri Text bekommen“, antworte ich.
    „Du musst doch nicht alles, was ich sage, buchstabengetreu verstehen.“
    „Das höre ich heute zum ersten Mal von dir.“
    „Manchmal ist es besser, die Botschaft zwischen den Zeilen zu erkennen. Aber das war noch nie deine Stärke. Du nimmst alles wortwörtlich, wie ein kleines Kind.“
    „Okay, hab’s verstanden. Beim nächsten Mal achte ich auf die unausgesprochene Botschaft und mach’s weniger depri.“

    „Du solltest den Text ein zweites Mal schreiben: positiver, mit heiterer Grundnote: Weshalb es auch für 60-jährige sinnvoll und wichtig ist, regelmäßig ins Sportstudio zu gehen. Zuzüglich ein paar altersgerechte Fitnesstipps. Sowas in der Art.“
    „Ich schreibe doch nicht denselben Text 2x!!“
    „Warum nicht?“
    „Kein Kolumnist, der auf sich hält, tut das.“
    „Kein anständiger Mensch wird Kolumnist. Zumindest keiner, den ich außer dir kenne. Das ist ein Beruf für Taugenichtse.“
    „Hast du mir schon 100x gesagt.“

    „Dann schreib was über Ernährung“, ruft die alte Schulfreundin aus der Küche.
    „Davon habe ich NULL AHNUNG“, rufe ich vom Sofa zurück.
    „Seit wann haben Kolumnisten Ahnung davon, worüber sie schreiben? Das wäre mir neu … dieses Mal könnte ich dich dabei unterstützen. Denn von Kochen & gesunder Ernährung habe ich VIEL AHNUNG.“
    „Na gut, dann schreibe ich die nächste Kolumne über Ernährung. Warum nicht? Ist ein Thema wie jedes andere … zufrieden?“
    „Das weiß ich erst, wenn ich den Entwurf gelesen habe. Mein Tipp: weniger depri, mehr hoffnungsvoll. Also nicht: egal, wie gesund wir uns ernähren, wir sterben sowieso. Stattdessen: Bewusstes Essen kann dein Leben bereichern und verlängern.“
    „Ist das jetzt die Botschaft, oder gibt’s zusätzlich ne dahinter verborgene Message?“
    „Das ist DIE Botschaft! … und erwähne unbedingt, dass ich 1x/Woche liebevoll für dich koche und dadurch vor dem ansonsten unweigerlich bald eintretenden Junk-Food-Tod bewahre.“

    „Ich geh jetzt und setz mich zu Hause an den Text.“
    „Tu das. Und nimm was vom Blumenkohl-Kichererbsen-Auflauf mit. Den kannst du morgen Mittag in der Mikrowelle aufwärmen: 6 Minuten bei 400 Watt. NICHT 600 Watt!! Schaffst du das?“
    „Ich versuch’s.“

    Früher war essen einfach

    Und nun sitze ich am Schreibtisch und brüte darüber, was nicht allzu Depressives zum Thema „Ernährung im Alter“ zu Papier zu bringen. Hoffnungsvoll soll es sein. Heiter. Ernährung im Alter. Schon beim Tippen des Titels merke ich, wie mein Körper innerlich die Schultern hochzieht. Aber gut. Ich habe es versprochen. Und Versprechen sind im Alter ohnehin das Einzige, was man noch halbwegs einhält.

    Früher war Essen einfach. Ich aß, was mir schmeckte, und hörte auf, sobald nichts mehr da war. Heute rühre ich Sachen wie Chiasamen und Kurkuma drunter, wenn ein schlauer Ökotrophologe in einem auf Senioren zugeschnittenen Ratgeber das gegen vorzeitige Demenz empfiehlt. Oder ich zwinge mir trockenen Blumenkohl-Kichererbsen-Auflauf rein, den mir die alte Schulfreundin verpackt in einer Tupperdose (die ich ihr unbedingt zurückbringen soll) in die Hand drückt und dabei so schaut, als hätte sie gerade einen Hund aus dem Tierheim gerettet.

    Ernährung im Alter beginnt mit einer schmerzhaften Erkenntnis: Der Körper ist kein Verhandlungspartner mehr. Früher konnte ich ihn überreden. Mit Ausreden. Mit Sport am nächsten Tag. Mit guten Vorsätzen. Heute reagiert er sofort. Und zwar beleidigt. Auf Fett. Auf Zucker. Auf Alkohol. Auf alles, was früher ein halbwegs erträgliches Leben ausgemacht hat. Der Körper hat irgendwann beschlossen, ab jetzt ehrlich zu sein. Brutal ehrlich. Ohne Kulanz.

    Dabei geht es gar nicht darum, ab sofort geregelten Stuhlgang zu haben und kein Sodbrennen mehr zu bekommen. Das funktioniert nur in der Werbung für kleine, sündhaft teure, Trinkjoghurts. Es geht vielmehr darum, nicht aktiv gegen sich selbst zu arbeiten. Ein Ziel, das mit zunehmenden Jahren immer ambitionierter wird. Man ersetzt Dinge. Nicht mutig. Nicht radikal. Sondern aufgrund altersbedingter Vorsicht und schrittweise. Weißbrot durch etwas, das aussieht wie Baustoff. Wurst durch veganen Aufstrich. Sahnesoße durch die Erinnerung daran, wie Sahnesoße geschmeckt hat.

    Das Erstaunliche: Man gewöhnt sich schneller daran, als einem lieb ist. Nach drei Wochen schmeckt das Zeug nicht mehr schlecht, nur noch egal. Nach sechs Wochen verteidigt man es. Nach drei Monaten hört man sich Sätze sagen wie: „Eigentlich fehlt mir nichts.“ Spätestens dann sollte man kurz innehalten und prüfen, ob noch alles mit einem stimmt.

    Warum Männer bei Junk Food schwachwerden

    Missverstanden wird oft die männliche Liebe für Junk Food. Big Mac. Whopper. Chicken Wings. Döner. Pommes. Das ist keine Ernährung, das ist Identität. Der letzte akzeptierte Ort, an dem Männlichkeit noch fettig sein darf, laut, maßlos und ohne Rechtfertigung. Junk Food ist der Restbestand aus einer Zeit, in der niemand nach Inhaltsstoffen fragte und der Körper einfach mitmachte. Wer glaubt, man könne diese Beziehung einfach kündigen, versteht nichts. Ein Mann über 60 geht an einer Dönerbude nicht vorbei – er passiert sie mit Haltung. Kurz langsamer werdend. Blick geradeaus. Innere Verhandlung. Junk Food ist kein Laster, es ist das letzte Stück Unabhängigkeit. Wenn auch das wegfällt, bleibt nur noch Disziplin. Und Disziplin ist kein Ersatz für Würde.

    Die Kapitulation kommt später. Still. Ohne Drama. Meist unterwegs. Ich fahre irgendwo im Niemandsland zwischen Köln-Süd und Bonn-Nord an einer Imbissbude vorbei, spontan hungrig aus einem Grund, den ich nicht exakt benennen kann, stoppe mit quietschenden Reifen, überfliege das Tagesangebot und bestelle. Nicht aus Lust, sondern aus Erschöpfung. Der Burger schmeckt nicht mehr wie früher, aber er beruhigt. Für zehn Minuten bin ich wieder jemand, der nicht optimiert werden muss. Danach geht es weiter. Mit Salat. Mit Vernunft. Mit dem Wissen, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist, sondern nur zu verwalten. Als ginge es darum, sich alles zu verbieten, um dafür Gevatter Tod ein paar zusätzliche Jahre abzuluchsen, in denen man dann weiter verzichtet. Verzicht, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Ich esse nicht weniger gern. Ich esse vorsichtiger. Wie jemand, der weiß, dass der Boden rutschig ist.

    Besonders abends. Wer abends schwer isst, schläft schlecht. Wer schlecht schläft, ist schlecht gelaunt. Wer schlecht gelaunt ist, trifft schlechte Entscheidungen. Zum Beispiel beim Frühstück. Ernährung ist im Alter weniger Genuss als Logistik. Wer das nicht versteht, verliert.

    Routine als letztes Bollwerk

    Superwichtig ist Regelmäßigkeit. Früher das Synonym für Spießertum. Heute das letzte Bollwerk gegen den vollständigen Zerfall. Der Körper mag Routine. Feste Zeiten. Keine Überraschungen. Keine kulinarischen Experimente nach 18 Uhr. Was früher Abenteuer war, ist heute ein medizinisches Risiko. Wobei „essen“ inzwischen ein dehnbarer Begriff ist. Es gibt Tage, die beginne und beende ich mit Proteinpulver. Verrührt in Magermilch und in einem Handshaker ordentlich geschüttelt. Oder Astronautennahrung in Tablettenform. Nicht, weil ich daran glaube, sondern weil ich dem ganzen Theater misstraue. Ich weiß, was drin ist, es ist schnell erledigt, und niemand versucht, mir dabei Lebensfreude unterzujubeln. Das ist keine Kapitulation. Es ist der Versuch, Essen auf das zu reduzieren, was es im Kern geworden ist: Wartung.

    Gemüse spielt dabei seit einigen Jahren eine zentrale Rolle. Leider. Gemüse ist das, was man isst, damit alles andere noch eine Weile funktioniert. Es ist nicht aufregend, nicht sexy, nicht erinnerungswürdig. Aber zuverlässig. Wie ein Kollege, den man nie mochte, der aber seit 30 Jahren pünktlich ist. Blumenkohl zum Beispiel. Ich hätte nie gedacht, dass dieses staubtrockene Zeug einmal so viel Macht über mein Leben haben würde. Aber da ist er nun. Gedämpft. Gekocht. Wieder aufgewärmt. Und plötzlich nicht mehr der Feind, sondern Teil des Systems. Einer, der still seine Arbeit macht und keine Fragen stellt.

    Ich esse langsamer. Nicht aus Achtsamkeit, sondern weil alles länger dauert. Der Körper braucht Zeit. Der Kopf auch. Wer langsam isst, merkt eher, wann es reicht. Früher aß ich, bis nichts mehr da war. Heute höre ich auf, bevor etwas eskaliert.

    Zu zweit isst man gesünder (z.B. Blumenkohl)

    Ernährung im Alter ist auch ein soziales Thema. Alleine isst man schlechter. Achtloser. Lustloser. Wenn jemand für einen kocht, isst man besser. Regelmäßiger. Und sagt Danke. Auch das gehört dazu. Dankbarkeit ist im Alter kein Gefühl mehr, sondern eine Technik.

    Perfektion ist dabei keine Option. Niemand hält das durch. Es gibt Ausnahmen. Geburtstage. Feiern. Tage, an denen ich beschließe, dass es jetzt auch egal ist. Wer sich alles verbietet, scheitert. Wer sich gelegentlich selbst sabotiert, bleibt erstaunlich stabil.

    Am Ende geht es bei Ernährung im Alter nicht darum, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Der hat Zeit. Es geht darum, die Strecke bis dahin halbwegs benutzbar zu halten. Mit möglichst wenig Schmerzen. Mit möglichst wenig Selbstbetrug.

    Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft zwischen den Zeilen: Hoffnung ist nichts Großes. Sie steckt im Alltag. Im Einkauf. Im Kochen. Im Aufwärmen von Blumenkohl bei exakt 400 Watt. Nicht 600.
    +++

    Ich lese den Text noch einmal final durch. Er macht nicht satt. Aber er passt. Mehr kann man im Alter weder von einem Essen, noch von einer Kolumne darüber, verlangen. Ob er der alten Schulfreundin gefallen wird? Wahrscheinlich nicht (v.a. weil ich sie zu wenig erwähnt habe) Aber die meckert eh gerne mit mir. Und im Anschluss tauschen wir die zurückgebrachte Tupperdose gegen was Neues, Supergesundes zum Aufwärmen aus.

    PS. Wie ich das ab übermorgen mit der Weihnachtsvöllerei halten werde?

    Keinen blassen Schimmer, aber trotzdem eine in diesem Zusammenhang legitime Frage.

    Wahrscheinlich im Januar die Blumenkohl-Kichererbsen-Dosis spürbar erhöhen, bis die Waage wieder (deutlich) <90kg anzeigt.

    +++

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  • Die NATO – Stärker als Russland?

    Die NATO – Stärker als Russland?

    Kritiker der derzeitigen europäischen Verteidigungspolitik argumentieren gern mit der vermeintlichen militärischen Überlegenheit der NATO gegenüber Russland. Tatsächlich ist es so, dass die NATO, egal welche Kennzahl man nimmt, deutlich stärker dasteht. So hat das westliche Militärbündnis mehr als drei Mal so viele aktive Soldaten wie Russland, und auch bei vielen weiteren Zahlen übertrifft die NATO Russland jeweils um das Mehrfache. Auch wenn man naheliegenderweise die USA einmal aus der Rechnung herausnimmt, bleiben die NATO-Staaten den russischen Truppen weit überlegen.

    Heißt das, dass all die Ausgaben für neue Rüstungsprojekte sowie die Verstärkung des Personals der Streitkräfte in Europa gar nicht nötig sind und tatsächlich nur von Kriegstreiberei und der Macht der Rüstungskonzerne zeugen?

    Was ist Verteidigungsfähigkeit?

    Verteidigungsfähigkeit besteht allerdings nicht nur in einer rechnerischen Überzahl an Soldaten und Gerät. Die Frage ist, in welchem Umfang sich Soldaten, Flugzeuge, Panzer, Schiffe und andere Waffen an einer konkreten Stelle eines möglichen Angriffs tatsächlich mobilisieren lassen. Um diese Frage zu beantworten, muss man bedenken, dass die NATO keineswegs ein straff organisiertes und geführtes Militärbündnis ist, im Gegensatz etwa zu den russischen Streitkräften. Zwar haben sich die Mitglieder mit Artikel 5 des NATO-Vertrages verpflichtet, jeden Angriff auf ein Mitgliedsland als einen Angriff auf alle zu betrachten, aber Artikel 5 sagt auch, dass jeder Staat für sich entscheidet, welche Mittel und Kräfte er für die Verteidigung im konkreten Fall bereitstellen will. Das heißt, es stehen keineswegs alle Streitkräfte und Waffensysteme zur Verfügung, nicht nur aus logistischen Gründen, sondern weil jedes Land erst einmal bereit sein muss, seine Truppen im konkreten Fall zum Einsatz zu bringen. Würde Russland etwa im Baltikum die Grenze der NATO überschreiten, wäre sehr fraglich, ob sich etwa die Türkei oder Ungarn an der Verteidigung von Estland oder Litauen beteiligen würden. Und gerade die Türkei hat an der militärischen Stärke der NATO wiederum einen bedeutenden Anteil.

    Neben der politischen Frage der Bereitstellung von Truppen und Gerät spielen natürlich auch die logistischen Möglichkeiten eine große Rolle. Selbstverständlich kann auch Russland nicht alle seine Truppen, etwa aus den fernen Osten, kurzfristig an der Grenze zu einem NATO-Staat zusammenziehen. Ein Blick auf die Karte zeigt aber, dass es für Putins Streitkräfte viel einfacher ist, an der Grenze zum Baltikum aufzumarschieren, als es für die NATO möglich ist, dort zu verteidigen. Natürlich ist es denkbar, dass die NATO sich in einem solchen Fall zu Gegenangriffen an anderen Grenzabschnitten entschließt, das wiederum würde aber voraussetzen, dass die betreffenden NATO-Mitglieder, die Grenzen zu Russland haben, bereit wären, ihr Territorium für einen solchen Angriff zur Verfügung zu stellen.

    Insofern stellt sich nicht die Frage, ob die NATO allgemein ausreichend Waffen und Soldaten hat, sondern ob die Länder, die bereit und in der Lage sind, auf einen Angriff zu reagieren, diese Ressourcen haben.

    Russland steht nicht allein da

    Überhaupt muss man natürlich die Frage stellen, ob die Gegenüberstellung Russland-NATO nicht in die Irre führt. Denn Russland steht ja keineswegs allein da, auch wenn es derzeit kein festes Militärbündnis gibt, in dem Russland die führende Kraft wäre. Aber es hat militärische Partner, und die Bereitschaft dieser Partner, in einem Konflikt mit der NATO an der Seite Russlands zu stehen, ist vielleicht größer als die mancher NATO-Mitglieder, sich bei der Verteidigung des Baltikums, Finnlands oder Polens zu engagieren. Da wäre natürlich zuerst der feste Verbündete Belorus zu nennen, sodann Nordkorea, das schon Truppen in den Ukraine-Krieg geschickt hat. Unter den ehemaligen Sowjetrepubliken sind vor allem Kasachstan und Turmenistan zu nennen. Auch in Europa hat Putin Verbündete, etwa Serbien sowie bosnische Separatisten, und selbst bei NATO-Mitgliedern wie Ungarn und der Slowakei kann man bekanntlich nicht sicher sein, auf welcher Seite sie im Konfliktfall stünden. Auch wenn ihre militärische Kraft vergleichsweise gering ist, könnten sie die politische und militärischen Entscheidungsfähigkeit der NATO im Ernstfall schwächen.

    Die globale Perspektive

    Bei der Militärparade 2025 zum Tag des Sieges in Moskau marschierten neben turkmenischen Einheiten auch Soldaten aus Laos. Auch Vietnam zählt zu den festen Verbündeten, dazu weitere asiatische, afrikanische und lateinamerikanische Staaten.

    Nun kann man einwenden, dass die aber im Falle einer militärischen Eskalation etwa im Baltikum oder an der finnischen Grenze sehr weit weg wären – obwohl andererseits eben nordkoreanische Soldaten schon beim Angriff gegen die Ukraine zum Einsatz kamen. Der Blick auf diese weltweiten Verbündeten bringt aber zugleich die globale Perspektive ins Spiel. Und da sind natürlich vor allem China und Indien zu berücksichtigen. Wenn man sich fragt, ob die NATO, insbesondere ihr europäischer Teil, auch langfristig militärisch stark genug ist, sich zu verteidigen, muss man nicht nur auf die Grenze zu Russland schauen. Was, wenn es zu einer globalen Zuspitzung der Konfrontationen kommt? Ist Europa stark genug, um ein Bündnis, das von Russland und China angeführt wird und in dem ehemalige Sowjetrepubliken und frühere „sozialistische Staaten“ wie Vietnam, Kuba und Nicaragua, zudem womöglich Südafrika, Ägypten und Indien militärische Unterstützung bereitstellen würden, von einem Angriff abzuschrecken?

    Das mag nach einer weit entfernten Dystopie klingen, aber wenn man fragt, was die europäischen Länder heute für ihre Verteidigungsfähigkeit und ihre militärische Sicherheit tun müssen, dann mus man auch solche Szenarien betrachten. Eine rechnerische militärische Überlegenheit der NATO gegenüber Russland mag kurzfristig beruhigend klingen. Fragt man aber, wie sicher der Kern des Bündnisses, die Länder, die tatsächlich bereit sind, füreinander einzustehen, gegen die mittel- und langfristigen Bedrohungen ist, die sich abzeichnen, dann sieht die Lage anders aus. Und dann wird schnell klar, dass es für dieses Europa notwendig ist, in Verteidigungsfähigkeit zu investieren, um auf für die nächsten Jahrzehnte die Freiheit zu sichern, die uns über Jahrzehnte so selbstverständlich geworden ist.

     

  • Mehr Denkmäler bitte!

    Mehr Denkmäler bitte!

    Immer wenn Denkmäler gestürzt oder abmontiert werden, wenn Straßen, Plätze oder Universitäten umbenannt werden, regt sich Widerstand. Reden wir nicht von den Ewiggestrigen, die die alten Kaiser, Sklavenhändler und sonstigen Größen vergangener Zeiten immer noch verehren, denen die Denkmäler und Benennungen gewidmet waren. Gegen das „Ausradieren der Vergangenheit“ wenden sich auch diejenigen, die befürchten, dass auch die Erinnerung an die dunkle Vergangenheit verschwindet, wenn man die Namen der früheren Helden aus der Öffentlichkeit verbannt. Wir sollten dazu stehen, so das Argument, dass diese Männer einmal verehrt wurden, wir sollten ihre Abbilder und Namen als verstörende Erinnerung in der Öffentlichkeit bewahren, damit wir immer an die Zeiten erinnert werden, in denen diese Leute als Vorbilder und Lichtgestalten verehrt wurden.

    Denkmäler einreißen als Befreiung

    Das ist ein gutes Argument, und es gibt sicher auch andere Möglichkeiten, zu zeigen, dass wir inzwischen anders über diese Menschen denken als zu der Zeit, als ihnen Denkmäler gebaut wurden.

    Andererseits kann das Einreißen von Denkmälern, das Austauschen von Straßennamen, das Umbenennen von Institutionen auch ein Akt der Befreiung sein. „Jemanden vom Sockel stoßen“, dass ist sogar ein geflügeltes Wort, das bedeutet, sich mit Kraft und Gewalt von einer Last zu befreien. Der Akt des öffentlichen Vernichtens von Symbolen der Verehrung ist selbst eine Form der Umgestaltung der Gesellschaft, des Diskurses, des Kampfes mit der Vergangenheit, der Neubestimmung. Die zivilisierte Gesellschaft ist in der Lage, dem Sturz des Denkmals selbst einen Erinnerungsort zu schaffen, sie hat Museen, in denen die gestürzte Statue ihren Platz finden kann, sie kann die Geschichte der Straßennamen dokumentieren und den Befreiungsaktion selbst in der Erinnerung bewahren. Insofern wäre es gut, wenn an jedem neuen Namensschild eine Erinnerungsplakette angebracht würde, die auf den alten Namen hinweist und an den Moment der Umbenennung erinnert.

    Erinnerung wird vermieden

    Bedenklich ist, dass wir in einer Zeit leben, die die Erinnerung an Personen und an Ereignisse, auf die die Gesellschaft stolz sein könnte, vermeidet. Als der Hindenburgplatz in Münster zu Recht umbenannt wurde, hätte man ihn z.B. nach der ersten Frau, die in Münster promoviert hat, „Johanna-Richter-Platz“ nennen können. Statt dessen heißt er jetzt Schlossplatz. Die Umbenennung der Westfälischen Wilhelms-Universität brachte der Hochschule den wenig kreativen Namen „Universität Münster“. Gerade einmal Hamburg und München haben es gewagt, ihre Flughäfen nach Politikern zu benennen. Und wo stehen die Denkmäler für die Helden unserer Zeit? Wenn Denkmäler gebaut werden, sind sie selten großen Ereignissen und schon gar keinen verehrungswürdigen Personen gewidmet. Abstrakten Idealen werden Denkmäler gesetzt, die in Zukunft kaum Anstoß erregen werden, weil sie je nach politischer Lage auch umgedeutet werden können.

    Unseren Nachkommen nehmen wir so die Chance, über unsere Zeit zu streiten, sich an unseren Denkmälern abzuarbeiten und sie womöglich zu stürzen. Wie wird man in späteren Jahren über uns diskutieren können, wie wird man sich von unseren Fehlern distanzieren können, wenn wir keine Denkmäler für die Menschen errichten, die wir als Symbole unserer Ideale verehren? Wir brauchen mehr Straßen und Plätze mit den Namen der „Großen unserer Zeit“, Denkmäler für unsere Helden – damit unsere Nachfahren sie stürzen können, wenn sie meinen, dass sie gestürzt werden müssen.

  • Gesund sterben wollen wir alle, oder …

    Gesund sterben wollen wir alle, oder …

    „Du gehst doch jeden Tag ins Fitnessstudio“, sagt die alte Schulfreundin, und es klingt leicht vorwurfsvoll, wie sie das sagt.
    „Nur 5x/Woche“, antworte ich.
    „Das ist 5x mehr als ich und die meisten meiner Freundinnen.“
    „Nicht mein Problem.“
    „Was machst du da so oft? Läufst du vor dem Tod davon? Denn dass du in deinem fortgeschrittenen Alter attraktiver wirst, glaubst du doch nicht wirklich?“
    „Ich mach’s, weil ich es halt mache.“
    „Na, das ist ja mal wieder eine superschlaue Antwort … aber weißt du was: Du könntest darüber einen Ratgeber schreiben.“
    „Einen Ratgeber?“
    „Genau: einen Ratgeber. Tenor: Warum ich 5x/Woche zum Training gehe, wissend, dass es wenig bringt, weil mein Körper seine beste Zeit definitiv hinter sich hat. Welches tiefere Geheimnis verbirgt sich hinter dem Fitnesswahn von Rentnern?“
    „Ich bin kein Rentner!!!“
    „Aber bald … so ein ü60-Ratgeber wäre sicher ein Verkaufsschlager. Fang klein an mit 1 Kolumne. Damit beschäftigst du dich doch gerne, wenn du ausnahmsweise mal nicht an der Klimmzugstange hängst.“
    „Ich überleg’s mir.“
    „Aber überlege nicht zu lange; denn eines nicht fernen Tages fällst du tot vom Laufband. Und vorher solltest du auf jeden Fall das Manuskript fertiggestellt haben.“
    +++

    Okay, hier der erste Versuch – mit Betonung auf der Vergeblichkeit des (Training-) Tuns, so wie es die alte Schulfreundin gerne hören bzw. lesen möchte:

    Wandelndes Mahnmal

    Mit 60 geht man nicht mehr ins Fitnessstudio, man entschuldigt sich: für den Zustand des Körpers, für die seufzenden Geräusche, die einem auf der Hantelbank (oral!) entfahren, für die langsame Fortbewegung zwischen den Geräten. Man ist nicht Kunde, man ist Mahnmal. Ein lebender Beweis dafür, dass Zeit keine Gnade kennt und dass gute Vorsätze irgendwann aussehen wie orthopädische Maßnahmen. Man kommt nicht, um etwas zu werden, sondern um nicht ganz zu verfallen. Der Körper ist kein Aufbauprojekt mehr, sondern ein Sanierungsfall.

    Trainiert wird trotzdem.

    Nicht aus Hoffnung. Hoffnung wäre unangebracht. Hoffnung setzt einen Spielraum voraus, den es nicht mehr gibt. Ich trainiere, weil ich es tue. Weil es in meinem Alter verdächtig wäre, es nicht zu tun. Stillstand gilt als Geständnis. Wer stehen bleibt, hat kapituliert. Und Kapitulation führt unweigerlich zum vorzeitigen Tod.

    Das Fitnessstudio ist kein Ort der Gesundheit. Es ist ein Ort der Flucht. Niemand kommt hierher, weil er glaubt, etwas grundlegend zu verbessern. Wir kommen, weil wir glauben, etwas hinauszuzögern. Zeit. Abbau. Ende. Das reicht als Motivation.

    Der Tod sieht schweigend zu

    Ich steige auf das Laufband. Das ist mein bevorzugter Fluchtweg. Er ist begrenzt, überwacht und vollkommen sinnlos. Ich laufe, ohne voranzukommen. Ich bleibe exakt dort, wo ich bin, und tue so, als würde ich entkommen. Das ist ehrlich. Ehrlicher als jede andere Form von Aktivität in diesem Alter. Der Tod läuft nicht hinter mir her. Er steht irgendwo und wartet. Geduldig. Ohne Pulsuhr. Ich weiß das. Ich laufe trotzdem. Nicht, um schneller zu sein, sondern um beschäftigt zu wirken. Wer läuft, sieht aus, als hätte er noch etwas vor.

    Das Display zeigt Zahlen. Zahlen sind wichtig. Sie ersetzen Bedeutung. Geschwindigkeit, Distanz, Kalorien. Alles messbar. Alles ohne Konsequenz. Der Tod interessiert sich nicht für Zahlen. Aber Zahlen beruhigen mich. Sie sagen mir, dass etwas passiert. Auch wenn nichts passiert.

    Der Körper macht die Flucht schwer. Er ist schwerfällig, laut, widerständig. Die Gelenke melden sich bei jedem Schritt. Sie knacken, knirschen, melden Bedenken an. Früher war mein Körper still. Heute kommentiert er alles. Er ist kein Werkzeug mehr, sondern ein Protokoll.

    Ich ignoriere ihn. Flucht ist kein Gespräch. Flucht ist ein Monolog.

    Trainieren, um nicht zu verfallen

    Die Geräte im Studio sind für junge Körper konzipiert. Sie gehen von Voraussetzungen aus, die bei einem 60-jährigen längst entfallen sind: Beweglichkeit. Belastbarkeit. Regeneration. Ich passe mich an. Langsamer. Vorsichtiger. Mit der stillen Hoffnung, dass nichts reißt, was nicht wieder zusammenwächst.

    Ich trainiere nicht, um besser zu werden. Ich trainiere, um nicht schlechter zu werden. Und selbst das gelingt nur eingeschränkt. Jede Woche kostet mehr als die vorherige. Mehr Zeit. Mehr Konzentration. Mehr Erholung. Der Ertrag schrumpft. Das ist kein Training, das ist Verwaltung.

    Um mich herum schwitzen andere. Manche glauben noch an Fortschritt. Andere tun zumindest so. Ich habe diese Phase hinter mir. Ich schwitze nicht, weil ich glaube, dass es etwas bringt. Ich schwitze, weil Schweiß in diesem Kontext als Einsatz gilt. Wer schwitzt, darf behaupten, er habe es versucht.

    Ich hebe angestrengt Gewichte, mit denen ich mich früher aufgewärmt habe. Heute sind sie Arbeit. Harte Arbeit. Nicht heroisch, nicht beeindruckend. Nur notwendig, um das Gefühl zu vermeiden, endgültig abgehängt zu sein. Wer nichts mehr hebt, hebt irgendwann nur noch Erinnerungen.

    Zwischen den Sätzen pausiere ich länger als früher. Ich nenne es bewusstes Atmen. In Wahrheit sammle ich mich. Mein Körper braucht diese Pausen. Er fordert sie ein. Ignorieren kann ich seinen Wunsch nur bis zu einem gewissen Punkt.

    Ich weiß, dass ich hier niemanden täusche. Am wenigsten mich selbst. Ich werde nicht fitter im klassischen Sinn. Ich verfalle etwas langsamer. Das ist der Maßstab. Nicht mehr Leistungssteigerung, sondern Funktions­erhalt. Und selbst der ist fragil.

    Flucht auf dem Laufband

    Ich laufe weiter. Auf dem Laufband. Wieder und wieder. Es ist eine Flucht ohne Hoffnung auf Erfolg. Aber es ist Bewegung. Und Bewegung ist die letzte akzeptierte Form des Widerstands.

    Sitzen ist gefährlich. Sitzen signalisiert Aufgabe. Wer sitzt, gehört bald nicht mehr dazu. Wer sitzt, wird angesprochen. Behandelt. Geschont. Ich will nicht geschont werden. Ich will noch ignoriert werden dürfen. Dafür muss ich laufen.

    Ich laufe nicht, um dem Tod zu entkommen. Ich laufe, um ihm zu zeigen, dass ich ihn wahrgenommen habe. Dass ich nicht einfach stehen geblieben bin. Dass ich wenigstens versucht habe, ihm nicht kampflos entgegenzugehen.

    Natürlich wird er mich einholen. Das steht außer Frage. Die Frage ist nur, in welchem Zustand. Laufend oder sitzend. Beschäftigt oder wartend. Aktiv oder abgestellt.

    Vergebliche Liebesmüh

    Das Training im Alter ist nahezu vergeblich. Das weiß ich. Jeder hier weiß es. Aber niemand spricht es aus. Vergeblichkeit ist schlecht fürs Geschäft. Also reden wir von „dranbleiben“, von „Kontinuität“, von „Lebensstil“. Große Worte für kleine Effekte. Das Training ändert nichts am Ausgang. Es ändert nur die Haltung. Wer läuft und fleißig Gewichte stemmt, stirbt nicht besser. Aber vielleicht später. Vielleicht noch nicht mal das. Egal. Wichtig ist nur, dass man nicht kampflos aufgibt.

    Das Fitnessstudio ist kein Ort der Hoffnung. Es ist ein Wartesaal auf den Tod mit Bewegungspflicht und Spiegeln. Wer hier ist, hat verstanden, dass es keine Lösung gibt. Nur Beschäftigung.

    Solange ich laufe, sitze ich nicht.
    Solange ich laufe, bin ich nicht fertig.
    Solange ich laufe, tue ich so, als hätte ich noch Zeit.

    Mehr verlange ich nicht.

    PS. Ob dieser– zugegebenermaßen leicht depressive – Text der Schulfreundin gefallen wird? Wenn ich ihn mir jetzt am Ende noch mal durchlese, kommen mir doch Zweifel, ob er ihr zusagt. Denn insgeheim findet sie es ja gut, dass ich 5x/Woche trainieren gehe. Egal. Notfalls schreibe ich morgen eine neue Kolumne mit etwas heiterer Grundnote.
    +++

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