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  • Big Brother war gestern – die Maschine ist heute

    Big Brother war gestern – die Maschine ist heute

    „Nur die Paranoiden überleben.“
    „Es ist keine Paranoia, wenn man tatsächlich verfolgt wird.“
    (c) Dialog zwischen Finch und Reese

    Person of Interest [Person von besonderem (polizeilichen) Interesse] ist eine schon etwas ältere Serie aus der Ideenschmiede des britischen Drehbuchautors Jonathan Nolan, die in 103 Episoden, verteilt auf 5 Staffeln, die Fiktion der (Beinahe-) Machtergreifung einer Super-KI über den gesamten Globus schildert. Im Februar dieses Jahres nahm Netflix das komplette Paket in sein Streamingangebot auf, wo die Erzählung vom Kampf Mensch gegen Maschine sofort in die Top 3 einstieg. Neugierig geworden, zappte ich rein. Während ich anfangs glaubte, hier was Antiquarisches à la „The Wire“ aufgetischt zu bekommen, wurde ich schnell eines Besseren belehrt: Der Kern der Geschichte ist heute aktueller als damals. Vor allem Zeitgenossen wie ich, die Schübe von Verfolgungswahn kennen und deshalb weder Alexas im Haus dulden, noch GPS-Tracking im Smartphone zulassen, dürften sich in ihrer Paranoia bestätigt fühlen.

    Aber, der Reihe nach:

    Zwei Männer, eine Maschine und die Frage nach der Zukunft

    Wir werden beobachtet. Die Regierung hat dafür ein geheimes System: eine Maschine, die dich ausspioniert, rund um die Uhr, jeden Tag. Ich weiß es, denn ich habe sie gebaut.
    (c) Intro von Finch vor jeder Episode

    Im Zentrum von Person of Interest steht eine ebenso einfache wie beunruhigende Grundidee: Was wäre, wenn es eine Maschine gäbe, die Verbrechen vorhersagen kann, bevor sie geschehen?

    Genau eine solche Maschine hat der zurückgezogen lebende Milliardär und Programmierer Harold Finch (Michael Emerson) nach den Terroranschlägen des 11. September im Auftrag der US-Regierung entwickelt. Das System analysiert Kommunikationsdaten, Kamerabilder, Bewegungsprofile und digitale Spuren und ist dadurch in der Lage, potenzielle Gewalttaten zu erkennen, bevor sie stattfinden. Doch die Regierung interessiert sich nur für terroristische Bedrohungen. Alle anderen Fälle – gewöhnliche Morde, Entführungen, Gewaltverbrechen – werden als „irrelevant“ aussortiert und verschwinden im Datenrauschen.

    Finch kann das nicht akzeptieren.

    Also beschließt er, die Maschine heimlich weiter zu nutzen. Da er selbst weder kämpfen noch Menschen beschatten kann, engagiert er John Reese (Jim Caviezel), einen ehemaligen CIA-Agenten, der nach einer gescheiterten Mission als verschollen gilt und in New York ein Leben am Rand der Gesellschaft führt. Reese wird zum operativen Arm des Projekts: Er beschattet Verdächtige, schützt potenzielle Opfer und greift ein, sobald die Situation eskaliert.

    Das Problem dabei: Die Maschine liefert nur eine Sozialversicherungsnummer. Keine Erklärung, keine Begründung, keine moralische Einordnung. Die betreffende Person kann Opfer oder Täter sein – oder beides zugleich.

    Jede neue Nummer stellt daher ein moralisches Dilemma dar.

    Im Verlauf der Handlung geraten Finch und Reese zunehmend in ein Netzwerk aus Polizei, Geheimdiensten und kriminellen Banden, das weit über einzelne Verbrechen hinausreicht. Unterstützung erhalten sie von den NYPD-Mordermittlern Lionel Fusco (Kevin Chapman) und Joss Carter (Taraji P. Henson), die sich ebenfalls mit den ungewöhnlichen Fällen beschäftigen, die sich in ihrem Zuständigkeitsbereich häufen.

    Parallel dazu wird nach und nach deutlich, dass die staatlichen Stellen alles daransetzen, sämtliche nicht authorisierten Nutzer zu eliminieren. Die Gruppe wird nun um die vormalige Bundesagentin Sameen Shaw (Sarah Shahi) und die Hackerin Samantha Groves/alias: Root (Amy Acker) ergänzt.

    Als eine zweite Superintelligenz namens Samaritan auf den Markt kommt, die aufgrund ihrer ungezügelten Überwachungsalgorithmen Finch’s „moralischer“ Maschine den Rang abläuft, spitzt sich die ohnehin schwieirige Situation des kleinen Teams immer mehr zu: Carter stirbt bei einem Einsatz im Kugelhagel, Shaw wird entführt und verschwindet spurlos. Können die vier Übriggebliebenen die Welt vor der Machergreifung durch Samaritan retten? Kann die stark geschwächte Maschine sie bei ihrem nahezu aussichtlosen Kampf unterstützen? Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Die Zukunft als Gegenwart

    Bis hierhin könnte Person of Interest als solide konstruierte Crime-Serie mit Science-Fiction-Elementen beschrieben werden. Ein technisches Gedankenspiel, das mit der Idee einer allwissenden Maschine spielt und daraus eine Mischung aus Ermittlungsformat und Verschwörungserzählung entwickelt. Nichts, was das Fernsehen nicht schon öfter versucht hätte.

    Der Unterschied liegt jedoch im Zeitpunkt.

    Denn wenn man die Serie heute sieht, fällt es schwer, sie noch als bloße Fiktion zu betrachten. Zu viele der Grundannahmen, auf denen die Handlung basiert, sind inzwischen Teil unserer Realität geworden. Kameras im öffentlichen Raum, digitale Bewegungsprofile, Kommunikationsüberwachung, algorithmische Auswertung von Daten, automatisierte Risikoanalysen – all das wirkt nicht mehr wie eine spekulative Zukunftsvision, sondern wie eine nüchterne Beschreibung der Gegenwart. Der Gedanke, dass irgendwo im Hintergrund Systeme existieren, die unser Verhalten analysieren und darauf aufbauend Prognosen erstellen, erscheint nicht mehr abwegig, sondern fast selbstverständlich.

    Und genau an diesem Punkt beginnt die Serie, unangenehm zu werden.

    Menschen im System

    Denn sie erzählt ihre Geschichte nicht aus der Perspektive spektakulärer Technologie, sondern aus dem Blickwinkel von Menschen, die versuchen, mit dieser Technologie zu leben. Menschen, die Entscheidungen treffen müssen, obwohl sie wissen, dass sie nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit sehen. Menschen, die Verantwortung übernehmen, obwohl sie Teil eines Systems sind, das sich ihrer Kontrolle entzieht.

    Vielleicht ist das der Grund, warum mich Person of Interest stärker beschäftigt hat, als ich ursprünglich erwartet hatte. Ich habe Serien über Überwachung schon früher gesehen, dystopische Zukunftsentwürfe, politische Thriller, technologische Warnszenarien. Doch meist blieb zwischen Fiktion und Realität eine beruhigende Distanz. Man konnte das Gesehene als überzeichnete Zukunft abtun, als erzählerische Zuspitzung, als Gedankenexperiment.

    Diese Distanz fehlt hier.

    Wenn Fiktion zu nah kommt

    Je weiter die Handlung voranschreitet, desto deutlicher wird, dass die Serie nicht in erster Linie eine mögliche Zukunft beschreibt, sondern eine Entwicklung, die längst begonnen hat. Die Maschine wirkt nicht wie ein fernes Szenario, sondern wie die logische Konsequenz aus heute bereits gängigen Technologien. Und gerade weil die Apparatur in der Serie als unsichtbare Infrastruktur im Hintergrund arbeitet, erscheint sie so plausibel.

    Es gibt keine spektakulären Roboterarmeen, keine futuristischen Megastädte, keine offensichtliche Dystopie. Stattdessen sieht man Straßen, Büros, Wohnungen, Polizeireviere – eine Welt, die unserer eigenen zum Verwechseln ähnlich ist.

    Und genau diese Normalität macht das Ganze so irritierend.

    Die eigene Paranoia

    Vielleicht hat mich das auch deshalb so getroffen, weil ich ohnehin zu den Menschen gehöre, die ein gewisses Misstrauen gegenüber allgegenwärtiger Technik nicht ganz ablegen können. Ich benutze Smartphones, ich arbeite online, ich bewege mich selbstverständlich durch digitale Räume, und doch bleibt immer dieses leise Gefühl, dass irgendwo Daten gesammelt werden, die ich nie bewusst preisgegeben habe.

    Kein akuter Verfolgungswahn, eher eine unterschwellige Skepsis gegenüber einer Welt, in der Information zur wichtigsten Ressource geworden ist. Eine Skepsis, die man im Alltag meist verdrängt, weil sie unbequem ist.

    Person of Interest macht es schwer, sie zu verdrängen.

    Denn die Serie zeigt eine Welt, in der Überwachung nicht als Ausnahmezustand existiert, sondern als strukturelle Normalität. Eine Welt, in der Sicherheit und Kontrolle untrennbar miteinander verbunden sind. Eine Welt, in der die Frage nicht mehr lautet, ob Daten gesammelt werden, sondern nur noch, wer Zugriff darauf hat.

    Der prophetische Kern

    Und genau hier beginnt der eigentliche prophetische Kern der Serie.

    Nicht in der Existenz einer allwissenden Maschine, sondern in der nüchternen Erkenntnis, dass technologische Entwicklungen immer auch gesellschaftliche Konsequenzen haben. Dass jede neue Form der Datenerfassung neue Machtstrukturen erzeugt. Dass jede Verbesserung der Analysefähigkeiten die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit verschiebt.

    Mit anderen Worten: Person of Interest erzählt nicht nur eine Geschichte über künstliche Intelligenz. Die Serie erzählt eine Geschichte darüber, wie sich eine Gesellschaft verändert, wenn Information zur zentralen Währung wird.

    Und das ist der Punkt, an dem aus einer gut konstruierten Fernsehserie plötzlich eine erstaunlich präzise Gegenwartsdiagnose wird.

    Amerika nach 9/11

    Um zu verstehen, warum Person of Interest so präzise wirkt, muss man sich den historischen Moment ansehen, in dem die Serie entstand. Sie ist ein Produkt einer Zeit, die maßgeblich von einem Ereignis geprägt wurde: den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

    Nach 9/11 veränderte sich die Sicherheitsarchitektur der Vereinigten Staaten grundlegend. Überwachung wurde nicht mehr nur als polizeiliches Instrument verstanden, sondern als nationale Notwendigkeit. Neue Gesetze ermöglichten es Geheimdiensten, Kommunikationsdaten in einem Ausmaß zu sammeln, das zuvor politisch kaum durchsetzbar gewesen wäre. Der Staat erhielt Zugriff auf Informationen, die früher als privat galten, und die Bevölkerung akzeptierte diese Entwicklung weitgehend – aus Angst vor neuen Attentaten und im Vertrauen darauf, dass Sicherheit Vorrang haben müsse.

    Die Vorstellung, dass eine Maschine sämtliche Kommunikationsdaten auswertet, war auch 2011 kein reines Science-Fiction-Konzept mehr, sondern eine logische Zuspitzung des Wunsches nach lückenloser Kontrolle. Die Serie griff eine Entwicklung auf, die im politischen Diskurs zwar bekannt war, deren tatsächliches Ausmaß jedoch noch im Verborgenen lag. Sie stellte die Frage, was passieren würde, wenn Überwachung konsequent zu Ende gedacht wird – nicht als punktuelles Werkzeug, sondern als permanentes System.

    Zwei Jahre später sollte sich zeigen, wie nah diese Fiktion an der Realität war.

    Der Snowden-Moment

    Im Jahr 2013 veröffentlichte Edward Snowden brisante Dokumente der amerikanischen Geheimdienste und machte damit öffentlich, was viele zuvor nur vermutet hatten: dass staatliche Bespitzelung längst eine globale Dimension erreicht hatte. Programme zur massenhaften Datensammlung, zur Analyse von Kommunikationsverbindungen und zur systematischen Auswertung digitaler Informationen waren keine theoretischen Szenarien, sondern gelebte Praxis.

    Plötzlich sprach die ganze Welt über Metadaten, über Telefonüberwachung, über Internetprotokolle und über Systeme, die in der Lage waren, Bewegungs- und Kommunikationsmuster von Millionen Menschen zu analysieren. Begriffe wie „PRISM“ oder „Massenüberwachung“ wurden Teil des öffentlichen Diskurses, und die Grenze zwischen Sicherheitspolitik und Eingriff in die Privatsphäre rückte ins Zentrum politischer Debatten.

    Rückblickend wirkt es fast unheimlich, dass Person of Interest genau in dieser Phase ausgestrahlt wurde.

    Während die Serie eine Maschine zeigte, die Telefonnummern ausspuckt und Verhalten prognostiziert, enthüllte Snowden, dass reale Systeme bereits Kommunikationsdaten in einem Umfang sammelten, der eine ähnliche Logik möglich machte. Natürlich war die Realität weniger spektakulär als die Fernsehfiktion – keine allwissende KI, keine klaren Vorhersagen, keine eindeutigen Identitäten von Tätern und Opfern. Aber das Prinzip war vergleichbar: Daten sammeln, Muster erkennen, Risiken berechnen.

    Die Serie hatte keine konkrete Technologie vorhergesagt, sondern eine Denkweise.

    Die Vereinigten Staaten: Sicherheit als Infrastruktur

    In den Vereinigten Staaten zeigte sich nach den Snowden-Enthüllungen, wie stark Überwachung bereits in die staatliche Infrastruktur integriert war. Geheimdienste arbeiteten mit Technologieunternehmen zusammen, Kommunikationsdaten wurden analysiert, internationale Verbindungen überwacht, und digitale Informationen wurden zu einem zentralen Bestandteil der Sicherheitsstrategie.

    Was Person of Interest als fiktionales System darstellt, existiert in der Realität in fragmentierter Form: unterschiedliche Programme, verschiedene Behörden, zahlreiche Datenquellen, die miteinander verknüpft werden können. Keine einzelne Maschine, aber ein Netzwerk aus Technologien, das ähnliche Ziele verfolgt – Risiken erkennen, Bedrohungen identifizieren, Sicherheit gewährleisten.

    Dabei ist entscheidend, dass diese Systeme meist unsichtbar bleiben. Sie arbeiten im Hintergrund, fernab des Alltags, und genau deshalb werden sie von der Öffentlichkeit oft nur dann wahrgenommen, wenn Skandale oder Enthüllungen ans Licht kommen. Im Normalfall sind sie Teil der staatlichen Routine geworden – wie Flughafenkontrollen, Überwachungskameras oder digitale Identitätsprüfungen.

    Diese Normalisierung ist es, die Person of Interest so treffend vorwegnimmt: Überwachung als unspektakuläre, administrative Realität.

    China: Kontrolle als System

    Während in den Vereinigten Staaten Überwachung vor allem mit Sicherheit und Terrorabwehr begründet wird, zeigt sich in China eine andere Entwicklung: die systematische Integration von Datenerfassung in staatliche Kontrolle.

    Kamerasysteme mit Gesichtserkennung, umfassende digitale Registrierung, algorithmische Auswertung von Verhalten und das sogenannte Sozialkreditsystem bilden ein Netzwerk, das nicht nur Sicherheit gewährleisten, sondern auch gesellschaftliches Verhalten steuern soll. Bewegungen, Kontakte, finanzielle Aktivitäten und öffentliche Auftritte können erfasst und bewertet werden, wodurch ein System entsteht, das gesellschaftliche Normen technisch durchsetzbar macht.

    Hier wird sichtbar, was Person of Interest als Möglichkeit andeutet: dass Daten nicht nur zur Verbrechensbekämpfung genutzt werden, sondern zur Strukturierung von Gesellschaft.

    Die Maschine der Serie entscheidet über Leben und Tod im Einzelfall. Die realen Systeme in China entscheiden über Kredite, Reisen, Arbeitsmöglichkeiten oder soziale Reputation. Unterschiedliche Ziele, unterschiedliche politische Systeme – aber ein gemeinsamer Kern: die Vorstellung, dass Daten Verhalten berechenbar machen.

    Zwischen Freiheit und Kontrolle

    Genau in dieser globalen Entwicklung liegt die eigentliche Stärke von Person of Interest. Die Serie erzählt nicht nur eine amerikanische Geschichte, sondern beschreibt ein universelles Dilemma moderner Gesellschaften: Wie viel Überwachung ist notwendig, um Sicherheit zu gewährleisten, und wann beginnt sie, Freiheit zu ersetzen?

    Nach 9/11 wurde Sicherheit zum politischen Leitmotiv. Nach Snowden wurde Überwachung zur öffentlichen Realität. Und mit der technologischen Entwicklung der letzten Jahre ist Datenanalyse zu einem alltäglichen Bestandteil moderner Staaten geworden – unabhängig davon, ob es sich um Demokratien oder autoritäre Systeme handelt.

    Die Welt, die Person of Interest zeigt, ist daher keine ferne Zukunft und keine reine Fiktion. Sie ist eine pointierte Version eines globalen Trends, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten entwickelt und exponentiell schnell weiter voranschreitet.

    Und genau an diesem Punkt bietet die Serie mehr als nur reine Unterhaltung. Sie wird zu einem Spiegel der Gegenwart – und zu einer Warnung davor, wie leicht sich der Wunsch nach Sicherheit in ein System verwandeln kann, das irgendwann selbst darüber entscheidet, was Sicherheit überhaupt bedeutet.

    Die Menschen hinter der Maschine

    Die Erzählung lebt natürlich ebenfalls von ihren Figuren, die der Geschichte ihre emotionale und moralische Dimension geben.

    Im Mittelpunkt steht John Reese, gespielt von Jim Caviezel, vielen vor allem bekannt aus The Passion of the Christ. Reese ist ein klassischer gebrochener Held: ehemaliger CIA-Agent, traumatisiert von gescheiterten Missionen, geprägt von Schuld und Verlust, ein Mann, der eigentlich aus der Welt verschwinden wollte und nun doch wieder Verantwortung übernehmen muss. Seine stoische Ruhe gepaar mit einer fast mechanische Effizienz bilden den operativen Gegenpol zu Finchs intellektuellem Ansatz.

    Harold Finch, verkörpert von Michael Emerson, den viele Zuschauer aus der Serie Lost kennen, stellt das moralische Zentrum der Handlung dar. Finch ist kein klassischer Visionär, sondern ein zutiefst vorsichtiger Mensch, der sich der Gefahren seiner eigenen Erfindung bewusst ist. Er hat eine Maschine geschaffen, die die Welt verändern kann, und verbringt den Rest seines Lebens damit, ihre Folgen zu kontrollieren. Seine Zurückhaltung, seine Prinzipien und seine Angst vor Macht machen ihn zum komplexesten Charakter der Serie.

    Mit der Zeit erweitert sich das Ensemble, und dadurch verschiebt sich die Dynamik der Handlung erheblich. Sameen Shaw, gespielt von Sarah Shahi (bekannt aus The L Word und Sex/Life) bringt eine neue Handlungsmaxime in das Team: pragmatisch, rational, emotional distanziert, geprägt von militärischer Logik und klaren Entscheidungen. Shaw steht für eine Welt, in der Moral oft zweitrangig ist und Effizienz über allem steht.

    Noch stärker verändert wird das Gleichgewicht durch Samantha Groves alais Root, eine Hackerin – dargestellt von Amy Acker (Angel und Dollhouse). Root verkörpert eine radikal andere Sicht auf die Maschine: Für sie ist das System kein Werkzeug, sondern eine höhere Form von Intelligenz, die nicht kontrolliert, sondern verstanden werden muss. Durch ihre Perspektive entwickelt sich die Serie zunehmend von einem klassischen Überwachungsthriller hin zu einer philosophischen Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz.

    Ergänzt wird dieses Quartett durch zwei Figuren, die den Boden der Realität repräsentieren: Lionel Fusco und Joss Carter. Fusco, ein korrupter Cop, der langsam zu einem Verbündeten wird, steht für die Grauzonen des Systems, während Detective Carter den (letztlich scheiternden) Versuch verkörpert, Recht und Ordnung innerhalb des bestehenden gesetzlichen Rahmens aufrechtzuerhalten. Beide Figuren erden die Handlung und zeigen, dass Überwachung und Gewalt immer konkrete Auswirkungen auf reale Menschen und  die Institutionen, in denen sie arbeiten, haben.

    Gemeinsam bilden diese Charaktere ein Ensemble, das unterschiedliche moralische Positionen abbildet: Pflicht und Gewissen, Kontrolle und Vertrauen, Rationalität und Glaube, Sicherheit und Freiheit. Die Maschine mag das Zentrum der Handlung sein – aber es sind diese sechs Figuren, die die entscheidenden Fragen stellen.

    Stärken und Schwächen

    Wie jede Serie ist auch Person of Interest nicht frei von Problemen. Gerade in den frühen Staffeln merkt man deutlich, dass sie ursprünglich als klassische Network-Produktion konzipiert wurde. Viele Episoden folgen einem festen Schema: neue Nummer, neuer Fall, Konflikt, Lösung. Diese Struktur sorgt zwar für Übersichtlichkeit, führt aber auch dazu, dass sich einzelne Folgen wiederholen und die Handlung zeitweise langsamer voranschreitet, als es für die große Geschichte hilfreich ist.

    Auch die Länge mancher Staffeln wirkt im Rückblick überdimensioniert. Mehrere Episoden hätten gestrafft oder stärker in den übergeordneten Handlungsbogen integriert werden können. Wer eine durchgehend stringente Erzählung erwartet, braucht daher etwas Geduld, bis sich die langfristigen Konflikte vollständig entfalten.

    Hinzu kommt, dass die Serie gelegentlich zwischen Crime-Format, Science-Fiction und politischem Thriller schwankt. Diese Mischung ist zwar Teil ihres Konzepts, führt aber stellenweise zu tonal unterschiedlichen Episoden, die nicht immer nahtlos ineinandergreifen.

    Person of Interest entwickelt sich über die Staffeln hinweg kontinuierlich weiter und gewinnt mit jeder neuen Figur, jeder neuen Konfliktlinie und jeder neuen technologischen Idee an Tiefe. Die Serie nutzt ihr episodisches Fundament, um nach und nach eine größere Geschichte aufzubauen, die sich schließlich zu einem komplexen Gesamtbild fügt. Besonders in den späteren Staffeln entsteht eine erzählerische Dichte, die weit über das hinausgeht, was man von einer klassischen Crime-Serie erwarten würde. Positiv wirkt sich dabei auch die weitgehende Beschränkung auf ein zentrales Thema aus, ohne mäandernde Nebenstränge zu eröffnen.
    Person of Interest bietet mehr, als bloß spannender Thriller oder intelligentes Science-Fiction-Format zu sein. Es ist die Reflexion über eine Gesellschaft, die sich in den letzten Jahren schneller verändert hat, als viele von uns erwartet hätten. Eine Welt, in der Daten Macht bedeuten, in der Überwachung zur Normalität geworden ist und in der die Frage nach der Kontrolle über die nahezu allmächtige Technologie immer dringlicher wird.

    Wenn eine Geschichte es schafft, fünfzehn Jahre nach ihrer Entstehung aktueller zu wirken als zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung, ist das mehr als nur gute Unterhaltung. Dann avanciert sie zu einem ein Stück kultureller Gegenwartsdiagnose. Eine Serie, zwar nicht zu hundert Prozent perfekt, die jedoch durch die thematische Tiefe kombiniert mit der erzählerischen Entwicklung und v.a. aufgrund ihrer prophetischen Kraft zu den bemerkenswerten Produktionen des modernen Fernsehens gehört.

    Bewertung: 9 Punkte.

    Steckbrief

    Originaltitel: Person of Interest
    Genre: Science-Fiction, Crime, Thriller, Drama
    Showrunner / Creator: Jonathan Nolan
    Hauptproduzenten: Jonathan Nolan, J. J. Abrams, Bryan Burk, Greg Plageman
    Produktionsfirmen: Bad Robot Productions, Warner Bros. Television, CBS Television Studios
    Erstausstrahlung (USA): 22. September 2011
    Finale: 21. Juni 2016
    Originalsender: CBS
    Staffeln: 5
    Episoden: 103
    Laufzeit pro Folge: ca. 42–45 Minuten
    Drehbuch / Autoren (Auswahl): Jonathan Nolan, Greg Plageman, Denise Thé, Erik Mountain, Amanda Segel
    Hauptdarsteller:
    Jim Caviezel (John Reese)
    Michael Emerson (Harold Finch)
    Taraji P. Henson (Joss Carter)
    Kevin Chapman (Lionel Fusco)
    Sarah Shahi (Sameen Shaw)
    Amy Acker (Root)
    Musik: Ramin Djawadi
    Drehorte: vor allem New York City
    Streaming (aktuell in vielen Regionen): u. a. Netflix
    +++

    Epilog

    Ja, dieser Text ist recht ausführlich geraten. Speziell für einen Online-Blog, in dem der durchschnittliche Leser maximal 3 Minuten verweilt, bevor er zur nächsten Seite weiterzappt (auch wir Kolumnisten verwenden selbstverständlich technische Hilfsmittel, um unsere Besucher zu analysieren und klassifizieren). Aber vor dem Hintergrund von 103(!!) Episoden erschien mir eine nutzergerechte 180-Sekunden-Rezension dann doch nicht angebracht, weshalb ich mich für die lange Variante entschied. Und nun empfehle ich mich, weil ich dringend meine Kaffeemaschine in ihre Einzelteile zerlegen muss, um die darin enthaltene Mini-Kamera (von der weiß ich seit Folge 47) aufzuspüren und zu zerstören.
    +++

    Lesen Sie auch: Pluribus und die lange Geschichte des HiveMind‑Motivs
    Hive Mind

  • Ostermontag – Hinaus aus der Stadt

    Ostermontag – Hinaus aus der Stadt

    Zufällig ist in den letzten Tagen eine kleine Feiertagsserie bei den Kolumnisten entstanden, begonnen hat Chris Kaiser am Palmsonntag, Gründonnerstag hat Matthias von Schramm übernommen, gefolgt von Ulf Kubanke am Karfreitag. Gestern war am Ostersonntag Chris Kaiser noch einmal dran, und diese Ostermontagskolumne bildet nun den Schluss.

    Ich bin an einem Ostermontag geboren worden. Allerdings war das für mich nichts Besonderes, denn in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, wurde der Ostermontag als gesetzlicher Feiertag bald nach meiner Geburt abgeschafft – was allerdings nichts damit zu tun hat, dass meine Geburt auf diesen Tag fiel. Es ist eigentlich erstaunlich, dass ich immer gewusst habe, dass ich an diesem zweiten österlichen Feiertag das Licht der Welt erblickt habe, denn einerseits, wie man weiß, ist so ein Geburtstag im ersten Frühlingsmonat keineswegs jeder Jahr in Feiertagsnähe und andererseits bin ich in einem sehr atheistischen Land in einer sehr atheistischen Familie zu einem sehr atheistischen Menschen herangewachsen, der mit Ostern keinerlei religiöse Gefühle verband und der den Ostermontag deshalb auch nicht vermisst hat.

    Nachdenken über Religion

    Wann ich angefangen habe, mich mit den christlichen Feiertagen und den Geschichten, die mit ihnen verbunden sind, zu beschäftigen, weiß ich nicht mehr. So richtig erwacht ist mein religiöses Interesse erst mit meinem Philosophiestudium, bei der Beschäftigung mit der Religionsphilosophie. Ich begann, darüber zu spekulieren, wie man sich einen Gott überhaupt denken kann, wie ein Gott mit unserem Erleben der Welt zusammenpassen könnte. Eine Beschäftigung, die schließlich darin mündete, dass ich das Buch „Der plausible Gott“ geschrieben habe, und die zunächst natürlich nichts mit den christlichen Feiertagen zu tun hatte. Allerdings passte in meine Überlegungen sehr gut, dass Autoren – nicht nur die der Bibel, aber auch die – von einem göttlichen Geist inspiriert sein könnten, und dass das erklären könnte, warum manche Geschichten, eben auch die der Bibel, uns über einen Zeitraum von Jahrtausenden immer noch „etwas sagen“ können.

    Was an den biblischen Texten ja so erstaunlich ist, sind diese Geschichten, die mit bestimmten Tagen im Jahr verbunden sind und die jedes Jahr wieder dazu einladen, über existenzielle Aspekte des menschlichen Lebens nachzudenken. Ostermontag ist da keine Ausnahme, auch wenn das Geschehen dieses Tages, welches da gefeiert wird, den meisten Menschen nicht so präsent ist wie die Ereignisse in der Heiligen Nacht, am Karfreitag oder gar am Ostersonntag.

    Was geschah an diesem Montag nach der Auferstehung?

    Zwei der Jünger Jesu hatten Jerusalem, den Ort des Leidens und der Niederlage, verlassen und waren voller Trauer auf dem Weg. Zwar wussten sie schon, dass das Grab leer war und dass die Frauen erzählt hatten, Jesus sei ihnen erschienen, aber offenbar glaubten sie es nicht. Ein Fremder schloss sich ihnen an und fragte nach dem Grund ihrer Traurigkeit. Sie waren irritiert, dass er offenbar über die Ereignisse der letzten Tage in Jerusalem nichts wusste und erzählten ihm, was geschehen war. Er, natürlich war es der auferstandene Jesus, den sie nicht erkannten, erklärte ihnen, warum der Menschensohn dieses ganze Leid ertragen musste.

    Im nächsten Ort luden die beiden den Fremden zum Essen ein, und als er das Brot brach, erkannten sie Jesus plötzlich, der aber im gleichen Moment verschwand. Sie eilten nach Jerusalem zurück und erzählten den anderen Jüngern von ihrer Begegnung mit Jesus.

    Diese Ostermontagsgeschichte ist, wie viele anderen Geschichten der Bibel, ein Geschehen, das symbolisch steht für vieles, was uns Menschen charakterisiert, hier für unseren zweifelnden und blinden Umgang mit der Realität. Was andere erzählen, glauben wir schon mal nicht, wenn wir es für unglaublich halten, selbst wenn diese Leute gute Freunde sind und eigentlich vertrauenswürdig. Und wenn wir in unseren Überzeugungen auch emotional tief gefangen sind, dann erkennen wir die Wirklichkeit nicht, auch wenn sie uns vor Augen steht.

    Vor allem aber ist an der Ostermontagsgeschichte bedenkenswert, in welchem Moment die Wahrheit dann doch offenbar wird: nicht Worte und lange, beeindruckende Erklärungen überzeugen, sondern die einfache, sichtbare, physische Handlung, das Brechen des Brotes – daran erkennen sie ihren Freund und das macht ihnen schlagartig sichtbar, dass er es ist.

    Osterspaziergang

    Darüber kann man heute beim Osterspaziergang sinnieren, und es heißt, dass der Osterspaziergang überhaupt an diese Wanderung der beiden Jünger am Ostermontag erinnern soll. Pass auf, liebe Leserin, wem du heute begegnest, achte auf seine Worte, aber vor allem auf seine Hände, auf das, was er tut – vielleicht erkennst du jemanden, auf den du nicht mehr gehofft hast. Heute oder an einem anderen Tag.

  • Unsterblich ist nur der Mythos

    Unsterblich ist nur der Mythos

    Über sechs Staffeln hinweg gelingt Peaky Blinders etwas, das nur wenige Serien schaffen: stilistische Konsequenz gepaart mit inhaltlicher Entwicklung. Die Reise von Thomas Shelby ist komplex, widersprüchlich und über lange Strecken kompromisslos erzählt. Eine Figur, die ebenso faszinierend wie (selbst-) zerstörerisch ist. Besonders stark sind die ersten vier Staffeln, in denen Aufstieg, Machtkonsolidierung und persönliche Abgründe perfekt austariert sind.Mit dem abschließenden Film The Immortal Man wurde dieses düstere Epos nun zu Ende geführt – zumindest formal. Doch eine Frage bleibt zum Schluss: Wird hier tatsächlich ein Kreis geschlossen oder lediglich ein Mythos konserviert?

    Der Aufstieg: Macht als Überlebensstrategie

    Die erste Staffel von Peaky Blinders beginnt beinahe unscheinbar: Birmingham nach dem Ersten Weltkrieg, eine Stadt voller Narben, Männer ohne Perspektive und ein Machtvakuum, das darauf wartet, gefüllt zu werden. Tommy Shelby kehrt als dekorierter, aber traumatisierter Soldat zurück und erkennt schnell, dass Moral in dieser neuen Welt keine Währung mehr ist. Was zählt, ist Kontrolle.

    Schon früh etabliert die Serie ihr zentrales Thema: Macht ist kein Ziel, sondern ein Zustand permanenter Unsicherheit. Tommy baut sein Imperium nicht aus Gier auf, sondern aus Notwendigkeit – zumindest redet er sich das ein. Seine Familie, die Shelby Family, fungiert dabei sowohl als Anker als auch als Belastung. Loyalität ist ihre größte Stärke – und gleichzeitig die größte Schwäche.

    Expansion und Selbstzerstörung

    Mit jeder Staffel wächst nicht nur das geschäftliche Imperium der Shelbys, sondern ebenfalls die moralische Fallhöhe. Was als lokale Gang beginnt, entwickelt sich zu einem Netzwerk mit politischen Verbindungen, internationalen Deals und existenziellen Risiken. Die Serie verlagert ihren Fokus zunehmend von Straßenkriminalität hin zu geopolitischen Verstrickungen – ein kluger, wenn auch riskanter Schritt.

    Tommy wird in diesem Prozess immer mehr zu einem Mann, der nicht mehr zwischen Strategie und Selbstzerstörung unterscheiden kann. Seine Beziehungen zerbrechen, sein Vertrauen schwindet, und seine Entscheidungen werden zunehmend von Paranoia getrieben. Besonders eindrücklich ist dabei sein Verhältnis zum älteren Bruder Arthur, dessen emotionale Instabilität als Spiegel für Tommys unterdrückte Traumata dient.

    Die Serie stellt dabei immer wieder dieselbe Frage: Kann ein Mensch, deseen Leben überwiegend auf Gewalt aufgebaut ist, jemals Frieden finden? Die Antwort scheint über weite Strecken klar zu sein – nein. Und doch bleibt ein Rest Hoffnung, der sich hartnäckig durch alle sechs Staffeln zieht.

    Politik, Ideologie und der Verlust der Kontrolle

    Spätestens mit der Einführung realhistorischer Figuren wie Oswald Mosley erreicht die Serie eine neue Ebene. Die Bedrohung ist nicht mehr nur physisch, sondern ideologisch. Faschismus, Nationalismus und politische Manipulation treten in den Vordergrund – und Tommy findet sich plötzlich in einem Spiel wieder, das selbst er nicht mehr vollständig kontrollieren kann.

    Diese Entwicklung ist einer der stärksten Aspekte der späteren Staffeln. Sie zeigt, dass Macht, egal wie groß sie erscheint, immer relativ ist. Tommy mag ein König in Birmingham sein, doch auf der politischen Bühne ist er lediglich eine Figur unter vielen – austauschbar, manipulierbar, verletzlich.

    Gleichzeitig beginnt die Serie, sich stärker auf Tommys Innenleben zu konzentrieren. Seine Visionen, seine Schuldgefühle und seine zunehmende Isolation machen deutlich, dass der wahre Konflikt nicht mehr im Außen liegt. Es ist ein Kampf gegen sich selbst – und einer, den er kaum gewinnen kann.

    Staffel 6: Das Ende ohne Abschluss

    Die sechste Staffel wirkt stellenweise wie ein Epilog, der sich weigert, einer zu sein. Viele Handlungsstränge werden nicht vollständig aufgelöst, sondern bewusst offen gelassen. Das ist mutig, aber auch frustrierend. Besonders Tommys vermeintlicher Abschied vom Leben – und seine anschließende Rückkehr – fühlt sich weniger wie ein organischer Abschluss an, sondern eher wie eine Vorbereitung auf etwas Größeres.

    Und genau hier setzt The Immortal Man an.

    Der Film: Mythos statt Mensch

    The Immortal Man versucht, das zu liefern, was die Serie bewusst vermieden hat: einen klaren, endgültigen Abschluss. Doch genau darin liegt auch das größte Problem.

    Der Film inszeniert Tommy Shelby weniger als Mensch und mehr als Legende. Der Titel ist Programm – Unsterblichkeit wird hier nicht biologisch verstanden, sondern narrativ. Tommy wird zum Symbol, zur Ikone, zur Projektionsfläche. Das ist beeindruckend inszeniert, mit opulenten Bildern, einer dichten Atmosphäre und der gewohnt starken Performance von Cillian Murphy. Doch es geht etwas verloren: die Ambivalenz.

    Während die Serie stets davon lebte, dass Tommy gleichzeitig Täter und Opfer war, reduziert der Film diese Komplexität zugunsten eines beinahe heroischen Abschlusses. Selbst seine dunkelsten Entscheidungen werden in einem Licht dargestellt, das eher Verständnis als Kritik erzeugt. Das mag emotional befriedigend sein, ist aber erzählerisch wenig konsequent.

    Stil über Substanz?

    Visuell bleibt der Film dem Stil der Serie treu – vielleicht sogar zu treu. Zeitlupen, dramatische Musik und bildgewaltige Einstellungen dominieren die Szenerie. Was früher als stilistisches Mittel funktionierte, wirkt hier stellenweise wie Selbstzitat. Es ist, als würde sich die Serie selbst imitieren.

    Auch narrativ setzt der Film stark auf bekannte Muster: Verrat, Rache, Erlösung. Doch im Gegensatz zur Serie fehlt oft die Zeit, diese Motive wirklich auszuspielen. Konflikte werden schneller gelöst, Charaktere weniger differenziert gezeichnet. Besonders Nebenfiguren wirken wie Statisten in Tommys finalem Akt, statt eigenständige Stimmen zu sein.

    Ein würdiger Abschluss?

    Die Antwort hängt stark davon ab, was man erwartet. Wer sich einen klaren, emotional aufgeladenen Abschluss wünscht, wird mit The Immortal Man zufrieden sein. Der Film liefert große Momente, starke Bilder und eine finale Botschaft, die sich wie ein Schlusspunkt anfühlt.

    Wer jedoch die komplexe, oft unbequeme Erzählweise der Serie schätzt, könnte enttäuscht sein. Der Film glättet viele der Ecken und Kanten, die Peaky Blinders so besonders gemacht haben. Er ersetzt Ambiguität durch Klarheit, Zweifel durch Gewissheit – und nimmt der Geschichte damit einen Teil ihrer Tiefe.

    Fazit: Zwischen Legende und Verlust

    Peaky Blinders war nie nur eine Gangster-Serie. Es war eine Studie über Macht, Trauma und die Unmöglichkeit, der eigenen Vergangenheit zu entkommen. Über sechs Staffeln hinweg hat die Serie ein vielschichtiges Porträt eines Mannes gezeichnet, der alles erreicht und dabei sich selbst verloren hat.

    The Immortal Man setzt diesem Porträt ein Denkmal – im wahrsten Sinne des Wortes. Doch Denkmäler sind statisch. Sie bewahren, aber sie erzählen nicht weiter. Und vielleicht ist genau das der größte Unterschied zwischen Serie und Film: Während die Serie lebte, atmete und sich ständig veränderte, wirkt der Film wie ein eingefrorener Moment.

    Ein schöner, eindrucksvoller Moment – aber eben auch ein endgültiger.

    Und vielleicht ist das die eigentliche Tragik: Nicht, dass Tommy Shelby unsterblich ist. Sondern dass seine Geschichte es nicht mehr ist.

    Bewertung:
    Serie: 9 Punkte
    Film: 6
    +++

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  • Bundespräsident und Bundesverfassungsgericht

    Bundespräsident und Bundesverfassungsgericht

    Letzte Woche hat Frank-Walter Steinmeier, der Bundespräsident der Republik, es mal wieder in die Medien geschafft, weil er eine Rede gehalten hat, die der Politik der Bundesregierung, nun ja, widersprochen hat. Das hat sogleich, wenn auch nur kurz, die Debatte wiederbelebt, die um dieses Amt seit der Verabschiedung des Grundgesetzes schwelt und immer mal wieder aufflackert, wenn auch ohne irgendeine Wirkung zu erzielen: Was soll dieses Amt überhaupt.

    Die Rolle des Bundespräsidenten

    Das Grundgesetz sieht für den Präsidenten des Bundes fast nur eine protokollarische und eine repräsentative Funktion vor, die weitgehend verzichtbar erscheint und von anderen Spitzenämtern der Verfassungsorgane, ein bisschen vom Kanzler, ein bisschen vom Bundestagspräsidenten und ein bisschen vielleicht sogar vom Präsidenten des Verfassungsgerichts miterledigt werden könnte. Jedenfalls ist es kein Amt, das einen einflussbewussten Menschen ganz ausfüllen könnte.

    Einige haben deshalb versucht, das Amt deshalb als moralische Instanz oder als Motivationstrainer der Nation zu nutzen, was immer ein Balanceakt ist, weil bislang noch jede Ruck-Rede von irgendeiner politischen Seite instrumentalisiert oder zurückgewiesen wurde. Die politische Herkunft der bisherigen Präsidenten, die sie zumeist klar einer Position im politischen Spektrum zuordnen ließ und die Tatsache, dass Präsidenten zumeist ihre Wurzeln im politischen System nicht durchtrennen konnten, schadeten zudem ihrem überparteilichen oder gar überpolitischen Anspruch.

    Gesucht: eine sinnvolle Aufgabe

    Bleibt die Frage, ob es einen sinnvollen Platz im politischen System für das Amt des Bundespräsidenten geben könnte, den das Grundgesetz bislang unbesetzt gelassen hat und der aber sinnvoll zu besetzen wäre. Und diesen gibt es.

    Schon heute hat der Bundespräsident zwei Aufgaben, die über Repräsentation und Protokoll wie auch über moralisch aufmunternde Worte eines Bundestrainers hinausgehen: Er übt das Gnadenrecht aus und prüft, ob die Gesetze, die er unterzeichnet, nach den Vorschriften des Grundgesetzes zustandegekommen sind. Die Prüfkompetenz für Bundesgesetze ist indirekt definiert durch Artikel 82 GG der besagt, dass die „nach den Vorschriften dieses Grundgesetzes zustande gekommenen Gesetze … vom Bundespräsidenten nach Gegenzeichnung ausgefertigt und im Bundesgesetzblatt verkündet“ werden. Wie weit die Prüfkompetenz des Präsidenten da geht ist umstritten, das ist an dieser Stelle aber auch nebensächlich. Es zeigt jedenfalls, dass das Amt des Bundespräsidenten die Kompetenz einer gewissen Überwachung der anderen Verfassungsorgane ist, ob sie denn in den Grenzen und nach den Vorschriften des Grundgesetzes agieren.

    Das klingt vielleicht überraschend, weil man doch meinen kann, dafür sei das Bundesverfassungsgericht da. Der Bundespräsident kann aber, wenigstens grundsätzlich, schon eingreifen, wenn das Gesetz noch gar nicht gilt, seine Unterschrift ist der letzte Haltepunkt, der das Inkrafttreten noch stoppen kann.

    Wer überwacht das Bundesverfassungsgericht?

    Diese Funktion des Präsidenten als Prüfer des Handelns der Verfassungsorgane, die an der Gesetzgebung beteiligt sind, lenkt nun den Blick auf eine Leerstelle, die das Grundgesetz gelassen hat. Denn es gibt ein Verfassungsorgan, das bisher keinen Prüfer über sich hat: das Bundesverfassungsgericht. Zwar kann das Parlament, wenn es mit den Entscheidungen des Gerichts nicht zufrieden ist, das Grundgesetz selbst ändern. So ist es z.B. im NPD-Verbotsverfahren geschehen: Nachdem das Gericht den Verbotsantrag abgelehnt hatte, hat das Parlament einen Passus ins Grundgesetz eingefügt, nach dem dann erfolgreich immerhin die staatliche Parteienfinanzierung für die NPD gestrichen werden konnte.

    Interpretationen des Grundgesetzes, die das Gericht vornimmt, kann aber niemand erfolgreich zurückweisen. Die können vielleicht in der Rechtswissenschaft diskutiert werden, aber wenn das Gericht „gesellschaftsverändernde Grundentscheidungen“ trifft, „die das Grundgesetz neu lesen“, wie es die Rechtswissenschaftlerin Angelika Nußberger[1] konstatiert, dann gibt es keine Instanz, die eine Überprüfung und Revision dieser Entscheidungen veranlassen und verbindlich organisieren kann. Die Politikwissenschaftlerin Ingeborg Maus sprach schon vor 20 Jahren davon, dass das Gericht „den Status einer Gerechtigkeitsexpertokratie gegenüber den demokratischen Willensbildungsprozessen der Gesetzgebung in vorparlamentarischen und parlamentarischen Kontexten gewinnt.“[2]

    Hier könnte nun dem Bundespräsidenten eine neue, wichtige Aufgabe zuwachsen. Er könnte als die Instanz bestimmt werden, an die andere Verfassungsorgane, etwa der Bundestag oder die Regierung, Anträge zur Überprüfung von Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts stellen. Natürlich wird der Präsident eine solche Überprüfung nicht allein durchführen und schon gar nicht wird er eine abschließende Entscheidung treffen können. Er kann aber die Kompetenz bekommen, einen solchen Prozess zu organisieren und zu moderieren.

    Konkret könnte das so aussehen, dass der Präsident im Falle eines solchen Antrags zunächst öffentliche Anhörungen von Sachverständigen veranstaltet, aus denen ein Bild von der verfassungsrechtlichen Beurteilung der Experten entsteht. Auf dieser Grundlage könnte der Präsident die Sache dann an den anderen Senat des Bundesverfassungsgerichts zur erneuten Verhandlung zurückverweisen.

    Allein die Tatsache, dass es ein solches Prüfverfahren gibt, würde das Bundesverfassungsgericht womöglich davor bewahren, allzu „(entscheidungsmacht)erweiternde Auslegungen des GG“[3] vorzunehmen. Der Schweizer Staatsrechtler Giovanni Biaggini hat darauf hingewiesen, dass es „kein Gericht ohne institutionelles Gegengewicht“[4] geben sollte. Für das deutsche Bundesverfassungsgericht könnte dieses Gegengewicht beim Bundespräsidenten liegen.

    [1] Angelika Nußberger: „Das Grundgesetz und die internationale Staatengemeinschaft“. In: 75 Jahre Grundgesetz. Nomos 2025. Seite 202. Nußberger nennt hier etwa die „sexuelle Orientierung“, die das Gericht als ungeschriebenes Diskriminierungsverbot in Artikel 3(3) GG hineininterpretiert habe, das „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“, sowie die Mitumfassung des „dritten Geschlechts“ in „Geschlecht“ in Artikel 3(3) GG.

    [2] Ingeborg Maus: Über Volkssouveränität. Elemente einer Demokratietheorie. 3. Auflage, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2011. Seite 62.

    [3] Angelika Nußberger: Juristische Vollkaskoversicherung – Verfassungsinterpretation aus deutscher Sicht. In: Verfassungsinterpretation. Dike Verlag 2025. Seite 13.

    [4] Giovanni Biaggini: Grundrechsinnovation in einem System von checks and balances. In: Verfassungsinterpretation. Dike Verlag 2025. Seite 141.

  • Pluribus und …

    Pluribus und …

    Einführung und Ausgangssituation der Pluribus Serie

    Die Science-Fiction-Serie Pluribus (dt. Untertitel: Glück ist ansteckend) beginnt mit einer der radikalsten Ausgangssituationen, die das Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat: Ein rätselhaftes außerirdisches RNA-Signal breitet sich rasend schnell über den Globus aus und verändert die gesamte Menschheit. Fast alle Erdbewohner schließen sich einem kollektiven Bewusstsein an – einer gemeinsamen Intelligenz, die sich selbst „die Others“ nennt. Die Welt wird dadurch überraschend ruhig: Konflikte verschwinden, Gewalt endet, und die globale Gesellschaft scheint plötzlich in perfekter Harmonie zu existieren.

    Eine kleine Gruppe von dreizehn Personen bleibt jedoch immun gegen dieses Ereignis. Zu ihnen gehört die Schriftstellerin Carol Sturka (Rhea Seehorn), die zurückgezogen in den Rocky Mountains lebt. Carol ist eine erfolgreiche Autorin von Fantasyromanen, aber zugleich ein ausgesprochen eigenwilliger Charakter. Als der Rest des Planeten Teil eines einzigen Bewusstseins geworden ist, besteht sie hartnäckig darauf, ihre Individualität zu behalten.

    Die erste Staffel verfolgt vor allem Carols Perspektive auf die neue Realität. Während die „Others“ versuchen, mit ihr in Kontakt zu treten, bewegt sie sich zumeist schlechtgelaunt in einem Umfeld, das ihr gleichzeitig vertraut und völlig fremd geworden ist. Regierungen, Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren weiterhin, aber nun koordiniert durch 1 Weltgeist. Konflikte werden nicht mehr konfrontativ ausgetragen, sondern auf eine fast unheimlich harmonische Weise gelöst.

    Ein zentraler Bestandteil der Handlung ist die Begegnung zwischen Carol und einer jungen Frau namens Zosia (Karolina Wydra). Sie gehört zum kollektiven Bewusstsein, scheint aber eine besondere Rolle zu spielen. Durch ihre Gespräche wird deutlich, dass die Others Carol nicht zwingen wollen, sich ihnen anzuschließen – sie analysieren fürs Erste bloß, warum jemand die (misanthrope) Individualität dem globalen Glück vorzieht.
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    * Pluribus (lat.) = „von vielen“ oder „aus vielen“ … zu finden u.a. auf US-amerikanischen Münzen: E pluribus unum (iSv. und aus vielen/13 Kolonien wird 1 = die Vereinigten Staaten von Amerika = sog. Great Seal of the United States).
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    Was bedeutet eigentlich „Hive Mind“?

    Der Begriff Hive Mind (Schwarmbewusstsein) stammt ursprünglich aus der Beobachtung sozialer Insekten wie Bienen oder Ameisen. Ein Bienenstock funktioniert gewissermaßen wie ein einzelner Organismus: Viele Individuen handeln koordiniert und erfüllen unterschiedliche Aufgaben, während das Überleben des gesamten Schwarms im Mittelpunkt steht.

    In der Science Fiction bezeichnet ein Hive Mind eine Intelligenz, bei der viele Individuen ihre Gedanken oder Wahrnehmungen teilen und dadurch wie Teile eines gemeinsamen Geistes funktionieren. Die einzelnen Körper bleiben zwar bestehen, doch Entscheidungen werden kollektiv getroffen oder von einer interagierenden  Instanz gesteuert.

    Manche Geschichten zeigen ein streng hierarchisches Hive Mind mit einer zentralen „Königin“. Andere stellen sich ein Netzwerk vor, in dem alle Mitglieder gleichberechtigt miteinander verbunden sind. In beiden Fällen steht die gleiche Frage im Raum: Was passiert mit der Individualität, wenn viele Psychen zu einer einzigen verschmelzen?

    Literarische Wurzeln der Idee

    Mit dieser Prämisse knüpft Pluribus an eine lange Tradition von Science-Fiction-Erzählungen über kollektive Intelligenzen an.

    Ein frühes und berühmtes Beispiel ist der Roman „Childhood’s End“ von Arthur C. Clarke. Dort entwickelt sich die Menschheit am Ende zu einem gemeinsamen Bewusstsein und verschmilzt mit einer kosmischen Intelligenz, dem Overmind. Individualität erscheint dabei als eine Übergangsphase der Evolution.

    Eine ganz andere Variante zeigt „Ender’s Game“ von Orson Scott Card. Die außerirdischen Gegner der Menschheit sind hier ein klassisches Hive Mind, das von einer telepathischen Königin gesteuert wird.

    In beiden Fällen erscheint das kollektive Bewusstsein als etwas grundlegend Fremdes – entweder als transzendente Evolution oder als bedrohlicher Schwarm.

    Hive Minds in Film und Fernsehen

    In Film und Fernsehen wird das Motiv meist dystopisch dargestellt. Ein bekanntes Beispiel ist das Kollektiv der Borg aus der Serie Star Trek: The Next Generation, das Individuen assimiliert und in eine gemeinsame Intelligenz integriert.

    Ein anderer Ansatz findet sich im Film Avatar von James Cameron. Auf dem Planeten Pandora sind Pflanzen, Tiere und Bewohner über ein biologisches Netzwerk miteinander verbunden. Dieses planetare System bildet eine Art übergeordnetes Bewusstsein.

    Die Handlungen schwanken typischerweise zwischen zwei Extremen: dem bedrohlichen Verlust der Individualität und der utopischen Verschmelzung mit einer höheren Intelligenz.

    Frühe Variationen im Comic

    Auch klassische europäische Science-Fiction-Comics haben mit dem Hive Mind experimentiert. In der Serie Valérian und Veronique von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières begegnen die Helden regelmäßig fremden Zivilisationen mit ungewöhnlichen Formen kollektiver Intelligenz.

    Ähnliche Gedanken finden sich in der belgischen Serie Luc Orient von Eddy Paape. Dort werden außerirdische Gesellschaften häufig als stark kollektiv organisiert beschrieben, in denen individuelle Interessen hinter dem Wohl der Gemeinschaft zurücktreten.

    In diesen Comics dient das Motiv meist dazu, fremdartige Gesellschaftsformen zu erkunden – weniger als direkte Vision der Zukunft der Menschheit.

    Was Pluribus anders macht.

    Die eigentliche Originalität von Pluribus liegt darin, dass das kollektive Bewusstsein hier nicht als Bedrohung erscheint. Die Others sind friedlich, rational und offensichtlich daran interessiert, die Welt stabil zu halten.

    Die Serie zwingt das Publikum, eine unbequeme Frage zu stellen: Vielleicht hat das kollektive Bewusstsein tatsächlich recht.

    Damit wird aus einer klassischen Science-Fiction-Idee ein philosophisches Experiment über Individualität, Freiheit und die mögliche Zukunft der menschlichen Spezies.

    Was Pluribus neu macht

    Pluribus verschiebt den Fokus. Statt einer fernen Aliengesellschaft ist die gesamte Menschheit selbst zum Hive Mind geworden.

    Besonders interessant ist, dass das kollektive Bewusstsein nicht brutal oder feindselig erscheint. Die „Others“ sind freundlich, kooperativ und wollen Konflikte vermeiden. Genau das macht die Situation für Carol so beunruhigend: Das Kollektiv scheint moralisch überlegen, aber es löscht die Individualität aus.

    Die Serie entwickelt daraus eine sehr persönliche Geschichte. Die Figur Zosia – ein Mitglied des Hive Minds – dient als emotionaler Vermittler zwischen Carol und der kollektiven Intelligenz. Dadurch wird das philosophische Problem konkret:

    Ist eine Welt ohne Einsamkeit, aber auch ohne individuelle Freiheit, tatsächlich eine Verbesserung?

    Die kreativen Köpfe hinter der Serie

    Hinter Pluribus steht mit Vince Gilligan ein Showrunner, der sich längst als einer der prägendsten Serienschöpfer der Gegenwart etabliert hat. Gilligan fungiert nicht nur als Creator der Story, sondern ist auch an den Drehbüchern beteiligt und führt bei mehreren Episoden selbst Regie. Zum Autorenteam gehören unter anderem Gordon Smith, Alison Tatlock und Jenn Carroll, die gemeinsam die Mischung aus Science-Fiction, Gesellschaftsdrama und philosophischem Gedankenspiel ausgestalten.

    Dass Carol ausgerechnet in Albuquerque lebt, dürfte für Gilligan-Kenner ein bewusst gesetztes Detail sein. Die Stadt war bereits der ikonische Schauplatz von Breaking Bad und Better Call Saul – und wirkt hier wie ein augenzwinkerndes Meta-Gimmick: kein inhaltliches Crossover, sondern eine kleine Reminiszenz an jene Serienwelt, mit der Gilligan Fernsehgeschichte geschrieben hat.

    Fazit

    Pluribus steht in einer langen Tradition von Science-Fiction-Werken über kollektive Intelligenzen – von frühen literarischen Visionen über filmische Dystopien bis hin zu experimentellen Comics.

    Die Serie verschiebt jedoch den Fokus: Das Hive Mind ist hier nicht primär Monster oder Bedrohung, sondern eine mögliche nächste Stufe der menschlichen Entwicklung.

    Gerade darin liegt ihre Stärke. Pluribus erzählt keine klassische Invasionsgeschichte, sondern eine überraschend persönliche und philosophische Science-Fiction-Erzählung über die Frage, was Individualität eigentlich bedeutet.
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    Bewertung: 8 Punkte

    Stärken:
    – Originelle Variation des Hive-Mind-Motivs: Anders als bei klassischen Beispielen wie den Borg aus Star Trek: The Next Generation oder den Formics aus Ender’s Game ist das kollektive Bewusstsein hier nicht aggressiv, sondern freundlich und fast utopisch.
    – Philosophische Frage: Die Serie stellt ernsthaft zur Diskussion, ob Individualität wirklich ein Wert ist. Das erinnert an Ideen aus Childhood’s End.
    – Starke Figurenkonstellation: Die Beziehung zwischen Carol und Zosia gibt der abstrakten Idee eine emotionale Dimension.

    Schwächen:
    – Langsames Tempo: Einige Episoden wirken eher wie philosophische Dialoge als klassische Science-Fiction-Action.
    – Begrenzte Perspektive: Man sieht die globale Transformation hauptsächlich durch sehr wenige Figuren.

    Auf: Apple tv

    Staffel 2 ist bereits bestätigt und in Vorbereitung. Voraussichtliches Erscheinungsdatum: Ende 2027/Anfang 2028.
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    Lesen Sie auch: Das große Gähnen

    Selten wurde eine an und für sich spannende Geschichte derart langweilig in Szene gesetzt wie Schätzings „Der Schwarm“ in der gleichnamigen ZDF-Miniserie, sagt Kolumnist Henning Hirsch. (Kolumne vom 10. Mär 2023)

  • Rechts-konservative und Links-progressive Moral

    Rechts-konservative und Links-progressive Moral

    Das politische Spektrum wird heute gern zwischen Links und Konservativ aufgespannt, was komisch klingt, weil das Gegenstück zu Links eigentlich Rechts wäre. Komischerweise will aber keiner Rechts sein. Das Gegenteil zu Konservativ wäre, wenn Konservativ etwas mit „Bewahren und Erhalten“ zu tun hat, vielleicht „Progressiv“, jedenfalls irgendwas mit Veränderung.

    Fortschreiten und Festhalten

    Progressiv klingt toll, wer will nicht progressiv sein, fortschrittlich und der Zukunft zugewandt. Seit Jahrhunderten denkt man sich, dass Veränderung und Entwicklung etwas Gutes ist und jeder will dabei sein. Natürlich sind auch die Konservativen oft sehr progressiv, sie befeuern den technischen Fortschritt und die Globalisierung und die weltweite Modernisierung und da ist dann die Frage, ob die Progressiven, die die Linken sein wollen, eigentlich auch diesem Fortschritt so begeistert folgen.

    Also konzentrieren wir uns lieber auf die gesellschaftlichen und die kulturellen Dinge, da ist die Sache auf den ersten Blick einfacher: Die Progressiven, die sich dann meist auch als Linke bezeichneten, wobei viele natürlich auch beanspruchen, eigentlich Mitte sein zu wollen, die meinen, dass die Welt sich ändern muss, dass die Gesellschaft eine andere werden muss, dass sich unser Umgang miteinander und der mit der Natur ändern muss, dass kulturelle und moralische Normen sich ändern müssen.

    Die Konservativen, die aus unerfindlichen Gründen nicht rechts, sondern Mitte sein wollen, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist, sie sehen keine Notwendigkeit der Änderung, weil eigentlich alles in Ordung ist, die Gesellschaft, die Moral, die Kultur.

    In einer Gesellschaft, die sich nunmal aber ohnehin immer verändert, wollen die Konservativen allerdings nicht, dass alles bleibt, wie es ist, sondern dass es wieder so wird, wie es mal war. In der Unzufriedenheit mit der Gegenwart sind sich Konservative und Progressive sogar einig, den Progressiven gehen die Veränderungen nicht weit genug, die Konservativen wollen alle Veränderungen rückgängig machen. Die Konservativen haben den Progressiven gegenüber den Vorteil, dass sie meinen, ihr Ideal zu kennen, sie können sich dran erinnern. Die Progressiven hingegen haben nur das Ideal, die Vision, eine Vorstellung von einer besseren Welt. Ob die wirklich besser wäre, ist ungewiss.

    Aber die Konservativen täuschen sich natürlich auch, denn auch ihre Erinnerung ist ja ein Ideal, eine Idealisierung. Sie wollen oft zu etwas zurück, was es nie gab. Vermutlich wollen die Progressiven hingegen etwas schaffen, was es nie geben wird. Eigentlich wollen beide die Welt verändern, beide natürlich zum Besseren und beide in Richtung eines vermutlich unerreichbaren Ideals.

    Der Unterschied ist, dass die Konservativen meinen, dass die Welt schon mal gut war, sie benötigen deshalb keine neuen Normen, keine neue Moral, sie meinen, dass ihre Moral, die sie ja aus der Vergangenheit übernommen haben, schon völlig in Ordnung sei. Die Progressiven hingegen finden, dass die Welt bisher eigentlich immer schlecht war, dass die bisherige Moral dazu geführt hat, dass die Welt noch immer schlecht ist, und dass es deshalb eine neue Moral braucht.

    Wo ist die Heimat der Moralapostel?

    Chris Kaiser war in ihrer Kolumne vor gut einer Woche irritiert davon, dass ich kurz zuvor geschrieben hatte, im linken, progressiven Spektrum würde man erwarten, dass Politiker moralische Vorbilder seien. Sie vertrat die Meinung, die Heimat der Moralapostel sei doch eher der konservative Teil der Gesellschaft. Das mag ja sein, genauer, Moralapostel sind wohl hier wie dort unterwegs, man unterscheidet sich nur darin, was man für moralisch gut hält. Die Konservativen haben eben eine konservative Moral, die progressiven eine progressive. Wobei nicht ausgemacht ist, welche von beiden dem Einzelnen die größere Freiheit gewährt, denn offensichtlich schränkt jede Moral die Freiheit auf irgendeine Weise ein.

    Mein Punkt war aber ein anderer, und der wird aus dem oben Gesagten nun auch verständlich: Die Konservativen sind ja der Meinung, dass sie die richtige Moral schon haben, einschließlich aller Freiheiten, etwa des ungezügelten Fleischkonsums, des zu schnellen Autofahrens. Sie brauchen und wollen keine Politiker, die besser sind als sie selbst. Alles, was sie sich selbst erlauben, gestatten sie natürlich auch den Politikern, dass er so sei wie sie selbst und so, wie auch die früheren schon waren, ist ihnen Garant dafür, dass er auch die Welt, die Kultur und die Moral so lässt, wie sie ist, oder so wieder herstellen will, wie sie mal war.

    Die Progressiven aber brauchen eben Vorbilder, sie brauchen den besseren Menschen an der Spitze, in der Öffentlichkeit – und möglichst nicht nur an der Spitze der eigenen progressiven Bewegung, sondern, so die Idee, sie wollen, dass alle Politiker und jeder, der irgendwie die Öffentlichkeit moralisch beeinflussen könnte, die Moral der Zukunft verkörpert. Das aber ist in einer Demokratie zu viel verlangt. Mögen die Progressiven an ihr eigenes politisches Personal die Anforderung stellen, dass sie Vertreter der angestrebten zukünftigen Moral seien, den Konservativen aber müssen sie es lassen, dass deren Politiker eben auch die Moral der Vergangenheit vertreten – auch wenn sie noch jung sind. Denn auch Junge können konservativ sein.

  • Wenn Angst nach Härte verlangt

    Wenn Angst nach Härte verlangt

    Aus der Serie: Die besten Bücher sind die, die man sich selbst zum Geburtstag schenkt.

    Wenn ich sage, Trumps Verbot von kritischer Literatur, das ist ja wie die Bücherverbrennung, unterstelle ich dann womöglich, dass da demnächst so etwas wie die Endlösung passiert? Natürlich nicht. Und deshalb scheint mir, dass wir auf einer übergeordneten, abstrakteren Ebene nach Definitionen des neuen Faschismus suchen müssen, die sowohl für vergangene aber auch gegenwärtige Mobilisierungen greifen.
    © Eva v. Redecker (im Interview mit ttt, 15.03.2026)

    Die Härte, die wir meinen, wenn wir „Realität“ sagen

    Es ist ein vertrautes Gefühl dieser Gegenwart:
    Dass irgendetwas verteidigt werden muss.

    Die eigene Wohnung.
    Der eigene Lebensstandard.
    Das „Eigene“ überhaupt.

    Und je diffuser die Bedrohung, desto entschlossener der Ton. Genau hier setzt Eva von Redecker an. Ihr neues Buch ist kein Beitrag zur historischen Einordnung des Faschismus. Es ist ein Versuch, die Stimmung zu fassen, die ihn heute wieder denkbar macht.

    Der Titel ist dabei fast zu harmlos. Dieser Drang nach Härte klingt wie eine Charaktereigenschaft. Was Redecker beschreibt, ist jedoch ein hochproblematischer gesellschaftlicher Aggregatzustand.

    Besitz ohne Boden

    Der schärfste und originellste Begriff des Buches ist der des Phantombesitzes.

    Gemeint ist damit nicht einfach Eigentum. Sondern etwas viel Instabileres:
    ein Anspruch, der sich absolut setzt, obwohl seine Grundlage längst brüchig ist.

    Redecker beschreibt – sinngemäß – eine Welt, in der Menschen so tun, als sei ihr Besitz unantastbar, obwohl alles darauf hinweist, dass er es nicht ist: ökologisch, ökonomisch, politisch. Der Lebensstil der Gegenwart basiert auf Voraussetzungen, die er gleichzeitig zerstört.

    Und genau daraus entsteht diese eigentümliche Härte.

    Denn was keinen festen Boden mehr hat, muss umso aggressiver verteidigt werden.
    Phantombesitz ist Besitz im Alarmzustand.

    Das zeigt sich konkret:

    • im Beharren darauf, dass Ressourcen „uns zustehen“, obwohl sie global längst umkämpft sind
    • im Widerstand gegen Klimapolitik, die als Enteignung empfunden wird
    • in der Vorstellung, Grenzen könnten den eigenen Wohlstand einfach konservieren.

    Der Clou besteht darin: Dieser Besitz ist nicht weniger verteidigungswert, weil er illusionär ist. Im Gegenteil. Gerade weil er nicht gesichert ist, wird er mit umso größerer Vehemenz behauptet.

    Härte als Antwort auf Kontrollverlust

    Redeckers Diagnose ist unangenehm präzise:
    Die neue Härte entsteht nicht trotz, sondern wegen der offensichtlichen Krisen.

    Die Welt zeigt ihre Grenzen – ökologisch, politisch, sozial. Und die Reaktion darauf ist nicht Anpassung, sondern Verhärtung.

    Sinngemäß formuliert sie:
    Die Realität wird nicht anerkannt, sondern als Zumutung zurückgewiesen.

    Das lässt sich derzeit überall beobachten:

    • Wenn Klimamaßnahmen als „Bevormundung“ gelten
    • wenn Migration primär als Störung gedacht wird
    • wenn politische Kompromisse als Schwäche erscheinen.

    Härte wird so zur Ersatzhandlung.
    Sie stellt eine scheinbare Kontrolle her, die real längst verloren gegangen ist.

    Oder anders gesagt:
    Der Homo autoritarius besteht auf Unnachgiebigkeit, weil er spürt, dass er nichts mehr sicher in der eigenen Hand hält.

    Der neue Faschismus kommt ohne Pathos aus

    Wer den heutigen Faschismus nur am Maßstab der NS-Zeit misst, verpasst seine neue Gestalt – und damit die Chance, ihn rechtzeitig zu erkennen.
    (c) Henriette Hufgard : Wer staunt, begeht den ersten Fehler. Rezension zu „Dieser Drang nach Härte“. In: taz vom 14.03.2026

    Redecker verwendet den Begriff des Faschismus bewusst – und riskiert damit Widerspruch. Zu Recht. Aber sie nutzt ihn nicht historisierend, sondern strukturell.

    Es geht ihr nicht um eine 1-zu-1 Wiederkehr von Hitlers Nationalsozialismus oder Mussolinis Faschismus. Sondern um etwas Unauffälligeres.

    Der neue Faschismus, den sie beschreibt, trägt keine Uniform.
    Er organisiert sich nicht notwendig in Massenparteien.
    Er braucht nicht einmal ein geschlossenes Weltbild.

    Was er braucht, ist bloß diese Haltung:
    dass das Eigene absolut gilt und alles andere relativ ist.

    Ein Beispiel, das Redecker indirekt aufruft, ist der Umgang mit Grenzen.
    Nicht mehr Expansion steht im Vordergrund, sondern radikale Abschottung. Die Gewalt verlagert sich:

    • in Verfahren,
    • in Zuständigkeiten
    • in das  bewusste Wegsehen.

    Menschen sterben dann nicht, weil jemand sie aktiv verfolgt, sondern weil man entschieden hat, dass ihr Leben nicht mehr in den Ordnungsrahmen der Mehrheitsbevölkerung passt.

    Das ist eine kühlere, leisere Form von Härte. Aber keineswegs eine harmlosere.

    Affekte: Die Moral der Gekränkten

    Was das Buch besonders stark macht, ist sein Gespür für die affektive Dimension.

    Redecker beschreibt keine Ideologie im engeren Sinne, sondern eine Gefühlslage:

    • das Gefühl, zu kurz zu kommen
    • die Überzeugung, dass andere bevorzugt werden
    • die stille Wut darüber, dass die Welt sich verändert.

    Daraus entsteht eine Logik, die sich ungefähr so zusammenfassen lässt:
    Wenn ich schon verliere, dann soll wenigstens die Ordnung hart bleiben.

    Oder schärfer:
    Dann sollen wenigstens die anderen es auch schwer haben.

    Das ist kein Zynismus von außen, sondern eine präzise Beschreibung einer Haltung, die politisch enorm wirksam ist. Sie erklärt, warum Härte oft gerade dort gefordert wird, wo sie den Fordernden objektiv schadet.

    Die Verwechslung von Freiheit und Verfügung

    Ein wiederkehrendes Motiv bei Redecker ist die Kritik an einem bestimmten Freiheitsbegriff.

    Freiheit erscheint in der von ihr beschriebenen Gegenwart oft als:
    die Möglichkeit, über etwas zu verfügen, ohne Rücksicht auf andere.

    Genau das aber wird im Zustand des Phantombesitzes zur Falle. Denn diese Form von Freiheit lässt sich nur aufrechterhalten, wenn man ständig Grenzen zieht und verteidigt.

    Die Alternative, die Redecker andeutet, bleibt bewusst leiser.
    Sie spricht von Verbundenheit, von Abhängigkeit, von einem Leben, das nicht auf Kontrolle basiert.

    Man kann das pathetisch finden. Oder notwendig.

    Ein Buch gegen die Selbstverständlichkeit der Verhärtung

    Was dieses Buch so lesenswert macht, ist nicht, dass es alles erklärt.
    Sondern dass es etwas verschiebt.

    Nach der Lektüre wirken viele Debatten plötzlich anders:

    • die Schärfe in Migrationsfragen
    • die Aggression in Klimadebatten
    • die merkwürdige Lust an Strenge und Ordnung.

    All das erscheint nicht mehr als Sammlung einzelner Konflikte, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Musters.

    Und dieses Muster hat einen Kern:
    den Versuch, etwas festzuhalten, das sich nicht mehr festhalten lässt.

    Was nach der Lektüre bleibt

    „Dieser Drang nach Härte“ ist ein unbequemes Buch.
    Nicht, weil es marktschreierisch daherkommt, sondern weil es kühl analysiert:

    Dass die Härte, die wir so gern bei anderen verorten,
    möglicherweise auch uns selbst bereits mehr, als uns lieb ist, ergriffen hat.

    Der Begriff des Phantombesitzes bringt das auf den Punkt.
    Er beschreibt eine Gesellschaft, die verteidigt, was sie nicht mehr begründen kann –
    und gerade deshalb nicht damit aufhört.

    Man kann Redecker vorwerfen, dass sie vieles nur anreißt.
    Dass ihre Begriffe und Zustandsbeschreibungen offen bleiben, sie häufig bloß an der Oberfläche kratzt, statt wissenschaftlich erxakt zu erklären.
    Dass ihre Gegenentwürfe vage sind.

    Aber vielleicht liegt genau darin die Stärke dieses Buches.

    Es liefert keine fertige Theorie.
    Es konfrontiert uns stattdessen mit einer Irritation.
    +++

    Eva von Redecker
    Dieser Drang nach Härte: Über den neuen Faschismus
    S. Fischer Verlage
    272 Seiten (Print)
    Erschienen: März 2026
    ISBN: 978-3103977240
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  • Habermas-Bashing: Faul, dumm und stolz darauf

    Habermas-Bashing: Faul, dumm und stolz darauf

    Selten zeigte sich die Dummheit im Netz so selbstbewusst wie an diesem Montag, an dem die Zeitungen voll waren von Nachrufen auf Jürgen Habermas und von Analysen seiner Bedeutung für die öffentlichen Debatten der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten. Auf die ausführlichen Würdigungen folgten bald tausende Postings von diesem und von jenem, die zum Besten gaben, dass sie ja niemals ein Wort von dem, was Habermas geschrieben hat, verstanden haben, und die sich sicher gaben, dass auch sonst niemand den Habermas, wie auch den Adorno und den Heidegger je verstanden habe, weil da ja auch gar nichts zu verstehen sei, weil das ja alles nur Gefasel, Geschwätz, verdrehtes Geschwurbel sei.

    Was ich nicht verstehe, muss unverständlich sein

    Es war wirklich erstaunlich, mit welcher Selbstgewissheit da Leute, die vorgaben, selbst Sozialwissenschaften, Politik oder ähnliches studiert zu haben, damit prahlten, dass sie nichts von dem, was sie da im Studium von diesen Leuten lesen mussten, je verstanden haben. Natürlich ist es nicht so selten, dass Studenten nicht wirklich verstehen, was sie als Prüfungsstoff doch pauken und dann im richtigen Moment herbeten und aufsagen können müssen. Auch Mathematik- und Physikstudenten kennen dieses Problem: sie pauken irgendwelche Sätze, lernen auswendig, wie sie die zusammenbringen sollen, trainieren einen Formalismus des Aufeinanderfolgens irgendwelcher Sätze und sind froh, wenn drei Wochen nach der Prüfung niemand mehr danach fragt. Aber keiner von ihnen wird später mit seinem Nichtwissen prahlen – allenfalls damit, trotzdem die Prüfung bestanden zu haben. Jedem ist klar, dass es nicht an Newton, Einstein, Bohr oder Heisenberg liegt, dass sie die Theorie nicht verstehen, sondern an ihnen selbst.

    Von einem Geisteswissenschaftler aber verlangen die Studierenden, dass er ihnen die Theorie in leichter Sprache serviert. Und sie meinen, dass diese Light-Version dann tatsächlich das Gleiche ist wie das, was Denker wie Kant, Hegel, Heidegger oder Habermas in ihren Hauptwerken entwickelt haben. Bestärkt werden sie darin von Karl Popper, der sich zwar auch immer beklagt hat, dass die, die ihm widersprochen haben, ihn bloß nicht verstehen, der aber in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ in schön einfachen Sätzen den Faulenzern und Ignoranten die Ausreden geliefert hat: Alles müsse man eben auch einfach ausdrücken können. Eine Meinung, die der junge Wittgenstein bekanntlich auch vertreten hatte, und für die er genauso geliebt wird von denen, die zu faul sind, komplexe Zusammenhänge und Theorieentwicklungen nachzuvollziehen, und die natürlich gern ignorieren, dass Wittgenstein das später beharrlich revidiert hat.

    Es ist anstrengend

    Aber die Dinge sind nun mal nicht einfach, schon gar nicht so simpel, wie ein Karl Popper es sich gedacht hat, und sie sind vor allem nicht einfach zu formulieren in einer Sprache, die mit Vorurteilen und missverständlichen Begriffen durchsetzt ist. Physiker, Chemiker und Mathematiker haben ja bekanntlich den Vorteil, dass sie sich einfach eine neue Sprache erfinden können, mit klaren Bedeutungen und Definitionen – Geisteswissenschaftler müssen nun mal eine Sprache benutzen, die auf Anhieb so aussieht wie die Alltagssprache, sie müssen an die Bedeutungen der Wörter anschließen, die die in dieser Alltagssprache haben, müssen Sätze hinschreiben, die die unpräzise und intuitive Logik des Alltags in sich tragen und müssen mit denen die komplexe Logik ihrer Gegenstände entwickeln, beschreiben und zu fassen kriegen.

    Das ist anstrengende Arbeit, und das Ergebnis kann man nur verstehen, wenn man sich selbst anstrengt, wenn man sich auf das einlässt, was der Denker da entwirft, wenn man seinen Denkweg mitgeht. Aber das ist offenbar zu viel verlangt von vielen, die meinen, dass man ihnen die Welt in verdaulichen, einfach handhabbaren Häppchen zu präsentieren habe. Das Schlimme ist, dass diese Leute inzwischen in den Lehranstalten selbst zu Lehrern geworden sind. Sie schreiben ihren Studenten die einfachen Merksätze hin – mehr noch, sie präsentieren der Öffentlichkeit gleiches in Sachbüchern, in Radio-Interviews, in Talkshows und Vorträgen. So entsteht der Eindruck, dass die Welt wirklich so einfach wäre, dass es keiner Anstrengung bedürfte, sie zu verstehen. Und wenn man sie doch nicht versteht, dann hat man ja die Experten, die einem alles „einordnen“ wie das neue Zauberwort der öffentlichen Debatte heißt, in denen die bescheidwissenden Experten dem schaudernden Publikum Bescheid geben, das verkünden, was sie wissen müssen, um das zu tun, was die Experten als das notwendige erkannt haben.

    Und dazu gehört natürlich das abfällige Lästern über die großen Denker, die nun zum Glück alle tot sind, die es sich selbst nicht leicht gemacht haben und die es ihren Lesern und Zuhörern nicht leicht machen konnten. Ihnen unterstellt man nun, dass sie sich ja nur so kompliziert ausgedrückt haben, um klug dazustehen und die anderen dumm dastehen zu lassen. Es ist genau umgekehrt: Sie haben gezeigt, wie schwierig alles ist und dass man es nur halbwegs durchschauen kann, wenn man die Anstrengung nicht scheut. Heute stehen die dumm da, die meinen, alles sei einfach – uns sie merken es nicht.

  • One Battle After Another – Die Revolution frisst ihre Kinder

    One Battle After Another – Die Revolution frisst ihre Kinder

    Vom sperrigen Film zum Oscar-Triumph

    Vor vier Monaten hatte ich One Battle After Another noch mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Unterhaltsam, gut besetzt, aber auch ein Film, der sich schwer entscheiden kann, was er eigentlich sein möchte. Gestern, nach der Oscar-Verleihung, wirkt diese Einschätzung fast wie ein Zwischenstand in einer deutlich längeren Geschichte. Denn Paul Thomas Andersons Werk – lose vom Roman „Vineland“ (Thomas Pynchon, 1990) inspiriert – hat bei den Academy Awards überraschend groß abgeräumt – und gehört damit endgültig zu den prägenden Produktionen des Kinojahres 2025.

    Eine Revolution mit Nebenwirkungen

    Die Handlung ist schnell erzählt: Pat Calhoun (Leonardo DiCaprio) ist Mitglied der revolutionären Gruppe „French 75“, die in den USA der Nullerjahre zahlreiche Aktionen (Befreiung von Mexikanern aus Abschiebehaft) und Anschläge (Lahmlegen der Stromversorgung, Bomben in Kreditinstituten hochgehen lassen u.ä.) verübt. Pat ist nicht nur der Sprengstoffexperte der militanten Aktivisten, sondern ebenfalls mit deren Anführerin, die auf den hübschen Namen Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor) hört, liiert. Perfidia unterhält zusätzlich zu Pat eine heimliche Beziehung mit Captain Lockjaw (Sean Penn), der eigentlich die Aufgabe innehat, ihr und ihrer Truppe das Handwerk zu legen, sie jedoch immer wieder entwischen lässt.

    Als Perfidia schwanger wird, kommen Pat erste Bedenken, ob das Aktivistenleben auf Dauer was für ihn ist. Nach der Geburt von Tochter Willa (Chase Infiniti) trennen sich deshalb die Wege des Paars: Pat geht auf in der Rolle des Vaters, Perfidia nimmt ihre alte Beschäftigung als Revolutionärin wieder auf. Ein Banküberfall läuft aus dem Ruder, es gibt Tote. Nach einer wilden Verfolgungsjagd wird Perfidia geschnappt. Ihr droht lebenslange Haft. Lockjaw rät ihr dazu, die Gruppe zu verraten und im Gegenzug ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden. Perfidia (nomen est omen) willigt ein und verpfeift ihre Genossen:innen. Viele werden geschnappt oder getötet, einigen gelingt im letzten Moment die Flucht – so auch Pat mit Tochter Willa.

    Nun springt die Handlung um 16 Jahre: Perfidia ist spurlos verschwunden (man vermutet sie auf Kuba oder in Libyen), Lockjaw inzwischen vom Captain zum Colonel aufgestiegen (jagt immer noch Mexikaner und Aktivisten), Pat und Willa leben unter anderem Namen in einer Kleinstadt im Norden von Kalifornien, wo die Tochter die High School besucht und der Vater den Tag mit Kiffen und Dosenbier vertrödelt. Nach anderthalb Jahrzehnten sollte eigentlich Gras über die Sache gewachsen sein, denken die damals auf den letzten Drücker Davongekommenen und fühlen sich halbwegs sicher. Doch das erweist sich als voreilig, denn der mittlerweile zum christlich-arischen (oder arisch-christlichen) Glauben bekehrte Lockjaw eröffnet die Hatz erneut. Sein Ziel = Willa. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Zwischen Action, Farce und politischer Satire

    Die Handlung oszilliert zwischen Liebesdrama, Action und Komödie. Gut besetzt: neben Leonardo DiCaprio und Sean Penn ist auch Benicio del Toro in einer Nebenrolle zu sehen. Mit zweieinhalb Stunden etwas lang geraten – hätte man auch kürzer erzählen können.

    Das war zumindest mein Eindruck nach dem ersten Sehen. Und ein Teil davon stimmt weiterhin. One Battle After Another ist kein schlanker Film, sondern ein ausufernder, manchmal widersprüchlicher Koloss. Anderson wickelt seine Geschichte nicht geradlinig ab, sondern mit zahlreichen Tonwechseln: hier eine Szene voller Slapstick, dort plötzlich ein brutaler Actionmoment, dann wieder ein melancholischer Dialog zwischen Vater und Tochter.

    Genau darin liegt allerdings auch die Eigenart des Films. Er wirkt manchmal wie drei Filme gleichzeitig – politischer Thriller, Familiensaga und Satire auf Amerikas ideologische Abgründe.

    DiCaprio überdreht, Penn fanatisch

    DiCaprio spielt Pat Calhoun, den ausgebrannten Alt-Revoluzzer. Früher Bombenbauer einer radikalen Gruppe, heute lethargischer Kiffer in der kalifornischen Provinz. Seine Darstellung hat eine leichte Tendenz zum Overacting, besonders im ersten Drittel der Handlung. Gleichzeitig passt dieses Überdrehen erstaunlich gut zur Figur: Pat ist jemand, der mit seiner eigenen Vergangenheit nicht mehr klarkommt. Die Revolution von einst ist von ihm längst zu einem alkoholgeschwängerten Brei aus Nostalgie, Schuldgefühl und Selbstironie vermischt worden.

    Sean Penn wiederum gibt den Antagonisten Lockjaw mit sichtlicher Lust an der Übertreibung. Sein Charakter ist weniger realistischer Polizist als vielmehr eine groteske Verkörperung autoritärer Besessenheit – ein Mann, der die Jagd auf Aktivisten und Migranten nicht mehr von religiösem Fanatismus unterscheiden kann.

    Das Herz des Films: Pat und Willa

    Das eigentliche emotionale Zentrum des Films bildet jedoch die Beziehung zwischen Pat und Willa. Ich hab’s für mich in die Kategorie „Vater-Tochter-Stück“ einsortiert: Der Schock der Ereignisse schweißt die beiden, die bis dahin durch eine Art Hassliebe miteinander verbunden waren, erst richtig zusammen. Resultat: heile Revolutionärswelt 2.0.

    Chase Infiniti füllt diese Rolle mit bemerkenswerter Präsenz. Ihre Willa ist keine klassische Teenagerfigur, sondern eine junge Frau, die langsam begreift, dass die Vergangenheit der Eltern nicht einfach verschwunden ist, nur weil 16 Jahre lang darüber eisern geschwiegen wurde. Während die Erwachsenen noch in alten Ritualen gefangen sind, wirkt sie wie eine Figur, die erst entscheiden muss, ob sie diesen Kampf überhaupt fortsetzen will.

    Amerika als ideologisches Schlachtfeld

    Interessant ist auch der politische Hintergrund der Geschichte. Anderson zeichnet ein Amerika, in dem Migranten als billige Arbeitskräfte geduldet, ansonsten aber verfolgt und eingesperrt werden. In meiner ursprünglichen Rezension schrieb ich: „erschreckend ist, dass die im Film plakativ gezeigte Unmenschlichkeit gegenüber Einwanderern von der MAGA-Realität mittlerweile überholt wurde.“ Dieser Satz wirkt heute, ein paar Monate später, leider kaum weniger aktuell.

    Der späte Triumph des Paul Thomas Anderson

    Vielleicht ist genau das der Grund, warum das Drama nun auch bei den Academy Awards so erfolgreich war. In der Nacht von Sonntag auf Montag (MEZ)  wurde One Battle After Another gleich mehrfach ausgezeichnet – unter anderem als bester Film des Jahres sowie beste Regie und bestes Drehbuch für Paul Thomas Anderson. Erstaunlicher Triumph eines Werks, das lange eher wie ein exzentrischer Außenseiter im Oscarrennen wirkte.

    Dass ausgerechnet ein derart sperriger Film zum großen Gewinner des Abends wurde, sagt vielleicht auch etwas über das gegenwärtige Kino aus. Anderson erzählt kein glattes Heldenepos, sondern bietet dem Zuschauer eine stellenweise holprige Story über alternde Revolutionäre, gescheiterte Ideale und eine Generation, die mit den politischen Ruinen ihrer Eltern aufwächst.

    Unterhaltsam – aber nicht ganz überzeugend

    Trotzdem wurde ich nicht komplett warm mit dem Werk. Wahrscheinlich, weil sich die Handlung nie dazu entscheidet, was sie eigentlich sein will: Liebesdrama (wo ist Perfidia abgeblieben?), Komödie (kiffender Ex-Aktivist muss plötzlich raus aus der Frührentner-Komfortzone) oder Gesellschaftssatire. Das alles garniert mit einer gehörigen Portion Action macht die Geschichte zwar unterhaltsam, aber dennoch überzeugt sie nicht vollends.

    Weder DiCaprios noch Penns bester Streifen, aber durchaus ansehbar.

    Oder anders gesagt: ein Film voller Widersprüche – genau deshalb aber auch einer, über den man endlos bei einer Dose Bier u/o einem Joint diskutieren kann.

    Bewertung

    Pros

    1. Starkes Vater-Tochter-Motiv
    Die Beziehung zwischen Pat und Willa bildet das emotionale Zentrum des Films und verleiht der ansonsten recht wilden Handlung eine nachvollziehbare menschliche Dimension.

    2. Eigenwilliger Genre-Mix
    Die Mischung aus Actionfilm, politischer Satire und Familiendrama macht den Film zumindest nie langweilig.

    3. Markante Figuren
    Besonders Sean Penns fanatischer Lockjaw bleibt im Gedächtnis – eine überzeichnete, aber wirkungsvolle Antagonistenfigur.

    4. Politischer Hintergrund
    Die Geschichte greift Themen wie Migration, staatliche Gewalt und religiöse Radikalisierung auf und verleiht dem Film damit eine aktuelle politische Ebene.

    5. Atmosphärische Inszenierung
    Paul Thomas Anderson schafft es erneut, eine sehr eigene Welt zu entwerfen – irgendwo zwischen amerikanischer Provinz, politischem Thriller und schwarzer Komödie.

    Cons

    1. Tonale Unentschlossenheit
    Der Film schwankt ständig zwischen Komödie, Drama und Action – und findet dabei nie ganz zu einer klaren Linie.

    2. Überlange Laufzeit
    Mit über zweieinhalb Stunden wirkt die Geschichte stellenweise unnötig aufgebläht.

    3. DiCaprios Overacting
    Leonardo DiCaprio neigt in einigen Szenen zur Übertreibung, was nicht immer zur Figur passt.

    4. Verschenktes Potenzial bei Nebenfiguren
    Interessante Figuren (z.B. innerhalb der Aktivistengruppe) bleiben letztlich eher skizzenhaft.

    5. Offene narrative Fäden
    Einige zentrale Fragen – etwa rund um Perfidias Verschwinden – werden nur unzureichend beantwortet.

    -> 6.5 Punkte

    Steckbrief

    Titel: One Battle After Another

    Herstellungsjahr: 2025

    Regie: Paul Thomas Anderson

    Drehbuch: Paul Thomas Anderson

    Produzenten: Paul Thomas Anderson, Sara Murphy, Adam Somner

    Hauptdarsteller: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Chase Infiniti, Teyana Taylor, Benicio del Toro

    Länge: 162 Minuten

    Produktionskosten: ca. 130–140 Mio. US-Dollar (Schätzungen reichen bis etwa 175 Mio. je nach Quelle)

    Starttermin: 25. Sept. 2025 (Deutschland, in den USA einen Tag später)

    Zuschauer: 20-25 Mio. weltweit (bis Jahresende 2025)

    Einspielergebnis: ca. 200 Mio. USD (Schätzung Jahresende 2025)

    Verleih: Warner Bros. Pictures
    +++

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    Stranger Things

  • Bei Hank im Wohnzimmer

    Bei Hank im Wohnzimmer

    „Du feierst alsbald ein Jubiläum“, sagt Gisela, unsere virtuelle Redaktionsassistentin.
    „Was für’n Jubiläum?“, frage ich verwundert.
    „Deine 250-ste Kolumne.“
    „WAS??? SO VIELE???“
    „Ja. Wir sind so stolz auf dich.“

    „Und nun soll ich bestimmt ne Jubiläums-Kolumne schreiben, mit ner Menge unsinnigem Jubiläumskram drin.“
    „Du könntest dich auf deine Wurzeln rückbesinnen.“
    „Das Bonner Westend, wo ich aufgewachsen bin?“
    „Nein, deine allererste Kolumne.“
    „Die ist lange her. Hilf mir auf die Sprünge.“

    „Du hast dich bei Bukowski ins Wohnzimmer gesetzt und mit deinem literarischen Idol unterhalten.“
    „Stimmt, erinnere mich dunkel. Hab ich damals noch getrunken?“
    „Du warst schon ein paar Jahre trocken.“
    „Dann waren weniger Tippfehler drin.“

    „Die Redaktion hat den Hut rumgehen lassen und zusätzlich die Kaffeekasse geplündert und spendiert dir 1 Nacht im Tropicana Motel. Das gefiel dir doch so gut.“
    „Damit ich mich nach all den Jahren wieder mit Hank verabrede? Wahrscheinlich hat der kurzfristig gar keinen Termin frei.“
    „Längst alles arrangiert. Du triffst dich übermorgen mit ihm in East Hollywood. Touristenvisum habe ich ebenfalls klargemacht … jetzt benötige ich bloß noch deine Kreditkarte“, flötet Gisela.
    „???“
    „Um die Flugtickets und den Mietwagen zu bezahlen. Für eine eventuell zweite Übernachtung müsstest selbstverständlich auch du aufkommen.“
    „War klar.“

    „Und lösche vor deiner Abreise vorsichtshalber alle Posts in Facebook, in denen du dich negativ über den US-Präsidenten geäußert hast. Andernfalls riskierst du …“
    „… 4 Wochen in einem ICE-Internierungslager … könntest du das bitte für mich tun? Bin in Eile: Will mir noch ein paar schlaue Fragen fürs Interview überlegen und muss vorher dringend zum Friseur.“
    „Ich lösche ALLE kritischen Posts von Henning“, sagt Gisela. Dann legt sie auf.
    +++

    In Hank’s Wohnzimmer

    48 Stunden plus 2 Dutzend Coke Zero & 5 Liter Kaffee und 1 AUSGIEBIGE Einreisekontrolle später: 5124 De Longpre Avenue, Los Angeles, CA 90027.

    Ich sitze wieder bei Hank.
    Im Wohnzimmer.
    East Hollywood.

    Der Bungalow döst in der Hitze wie ein altes Krokodil, das auf seine Verdauung wartet.

    Drinnen riecht es nach billigem Alkohol, Papier und schlechten Entscheidungen.

    Ein kleines Jubiläum

    Ich sehe mich um.
    Bierdosen.
    Papierstapel.
    Die alte Schreibmaschine.
    Alles noch da.

    Hank liegt auf dem Sofa.
    Bademantel.
    Offen.

    Er sitiert mich an.

    „Du siehst aus, als wärst du falsch abgebogen.“

    „Ich habe ein Jubiläum.“

    „Klingt nach 20 Jahre mit der falschen Frau zusammen.“

    „Meine 250ste Kolumne.“

    Er nimmt einen Schluck Bier.

    „Du zählst die?“

    „Manche Leute zählen Schritte. Unsere Redaktionsassistentin zählt Texte.“

    „Hübsch?“

    „Wer?“

    „Eure Redaktionsassistentin.“

    „Ist eine Maschine.“

    „Krasser Scheiß!“

    Was ist eigentlich eine Kolumne?

    „Als ich angefangen habe“, sage ich, „wusste ich nicht mal, was eine Kolumne ist.“

    „Das merkt man vielen Autoren auch nach Jahrzehnten noch an.“

    „Ich habe damals einen Kollegen gefragt.“

    „Das war dein erster Fehler.“

    „Ich fragte: Was ist eine Kolumne?“

    „Und?“

    „Der Kollege sagte: Eine Kolumne ist das, was du darunter verstehst.“

    Hank nickt.

    „Gute Antwort. Heißt: Keiner weiß es so genau.“

    Zwischen einem und einer Million Wörter

    „Dann fragte ich: Wie lang muss so ein Text sein?“

    „Du bist ganz offensichtlich Deutscher.“

    „Er sagte: Zwischen einem und einer Million Wörter.“

    Hank grinst.

    „Das nenne ich mal genügend Spielraum für kreative Freiheit.“

    Der Kerl, der sich bezahlen ließ

    „Ich fragte ihn: Welches Thema?“

    „Jetzt kommt der Teil, wo alles schiefgeht.“

    „Er antwortete: Schreib zuerst über Bukowski. Davon hast du doch ein bisschen Ahnung.“

    Hank setzt sich auf.

    Der Bademantel klafft weit auseinander. Ich bemühe mich, nicht hinzuschauen.

    „Ein bisschen Ahnung“, knurrt er.

    Er zeigt auf sich.

    „Ich habe jahrelang Kolumnen geschrieben.“

    „Ich weiß.“

    „Woche für Woche. „Notizen eines schmutzigen alten Mannes“ …

    … „Ich habe den Dreck aufgeschrieben.
    Die Bars.
    Die Pferde.
    Die Frauen.
    Die Rechnungen …

    … und weißt du, was der Unterschied zwischen uns ist?“

    „Du hast dich bezahlen lassen.“

    „Verdammt richtig.“

    Du sitzt seit Jahren in meinem Wohnzimmer

    „Nach meinem ersten Besuch hier“, sage ich, „habe ich meiner Kolumne eine Rubriküberschrift gegeben.“

    „Hoffentlich nicht was Deutsch-Verkopftes.“

    „Ich taufte sie: Bei Hank im Wohnzimmer.“

    Mein Gegenüber lässt den Blick durch den Raum wandern.

    Die Dosen.
    Das Sofa.
    Den Teppich.

    „Du sitzt also seit Jahren literarisch in meinem Wohnzimmer.“

    „So ungefähr.“

    Er hebt die Augenbraue.

    „Und ich sehe keinen Cent Miete.“

    Nach fünfzig Texten erlischt das anfängliche Feuer

    Ich zögere kurz, bevor ich weiterrede: „Spätestens nach der fünfzigsten Kolumne merkte ich, dass ich mich geirrt hatte.“

    „Womit?“

    „Mit der Vorstellung, dass man mit Texten die Welt besser machen kann.“

    Hank lacht.

    Es ist kein freundliches Lachen.

    „Du dachtest ernsthaft, Kolumnen retten die Welt?“

    „Vielleicht ein bisschen.“

    „Junge, was für ein romantischer Bullshit.“

    Er lehnt sich zurück.

    „Die Welt ist ein schmutziger Boxring. Und Kolumnisten sind bloß die Leute mit Notizblock am Rand.“

    Idealismus zahlt keine Rechnungen

    „Warum hast du deine Kolumnen geschrieben?“, frage ich.

    Er zuckt mit den Schultern, leert eine Dose warmes Bier auf ex.

    „Weil ich Material hatte. Und Rechnungen. Du hast mit Idealismus angefangen“, sagt er, „Ich mit Existenzangst.“

    „Und wer hatte Recht?“

    „Keiner. Aber ich wurde bezahlt.“

    Warum man trotzdem weiterschreibt

    Stille.

    Die Hitze hängt im Raum.

    „Was würdest du im 250sten Text schreiben?“, frage ich.

    Bukowski denkt kurz nach.

    „Schreib, dass du keine Ahnung hattest, was eine Kolumne ist. Schreib, dass man dir sagte: zwischen einem und einer Million Wörter. Schreib, dass du dachtest, du könntest mit deinen Texten etwas verändern. Und schreib, dass du nach fünfzig gemerkt hast, dass das kompletter Unsinn ist.“

    „Mehr hast du nicht auf Lager? Ich jette 12 Stunden oneway nach L.A., nur um von dir wiederholt zu bekommen, was ich dir selbst vor 5 Minuten erzählt habe? Da hätte ich mir die Reise echt sparen können für dieses  dünne Gelaber.“

    „Ja, du hättest stattdessen einen Zoom-Call vereinbaren können. Wäre kostengünstiger gewesen. Aber eure virtuelle Assistentin bestand auf einem persönlichen Treffen. Das wäre wichtig für dich, damit du mal rauskommst aus deinem eigenen Wohnzimmer. Von wegen Luftveränderung täte dir gut. Sehr charmant übrigens, die Dame; weshalb ich ihr den Wunsch nicht abschlagen wollte …  aber einen Hinweis habe ich noch für dich. Den wichtigsten.“

    „Welcher wichtige Hinweis soll das sein?“

    „Schreib, dass du trotzdem weitergemacht hast.“

    „Warum?“

    Er lehnt sich zurück, schließt die Augen.

    „Weil Schreiben nicht dazu da ist, die Welt zu retten. Die Welt hört sowieso nicht zu. Schreiben ist nur dafür da, dass du selbst nicht völlig verrückt wirst. Das ist der wahre Grund, weshalb du 250 Kolumnen geschrieben hast und nichts anderes.“

    „Da ist was dran“, sage ich.

    „Natürlich ist da was dran. Ich mach das seit über 80 Jahren. Und nun entschuldige mich: Ich muss meinen Rausch ausschlafen, mir dann Nachschub besorgen und will heute Abend noch 2 Kurzgeschichten tippen. 1 wird von einem orientierungslosen deutschen Kolumnisten handeln, der nach L.A. fliegt, um sich dort Rat von einem Profi zu holen und am Ende doch nichts verstanden hat … du weißt, wo die Tür ist .“ … „Hol dir unbedingt Hilfe, wenn du wieder in Deutschland bist! Das geht sonst nicht gut aus“, ruft er mir zum Abschied hinterher.
    +++

    Zurück am Schreibtisch in Bonn stelle ich fest, dass Gisela ALLE meine Posts in Facebook gelöscht hat.
    Ich rufe in der Redaktion an: „WO IST GISELA?“
    „Die hat sich diese Woche freigenommen. Dringende Wartungsarbeiten am System.“
    „Wusstet ihr, dass sie ALLE Posts von mir gelöscht hat?“
    „Sie sagte, du hättest ihr diesen Auftrag kurz vor deiner Abreise erteilt.“
    „Sie sollte bloß die kritischen Beiträge rausnehmen.“
    „Aus ihrer Sicht waren wahrscheinlich alle deine Beiträge kritisch.“
    „Was für eine Scheiße!“
    „Ärger dich nicht. Schreibst du halt neue Posts. Wofür bist du sonst Autor? … Wie war’s übrigens in L.A.? Hast du ein paar Tipps von Hank bekommen? Wäre schön, wenn du uns die in unserer internen Gruppe mitteilen würdest. Davon können wir alle profitieren und nicht nur du alleine. Sei zur Abwechslung mal ein Teamplayer und nicht das übliche Ich-hasse-meine-Kollegen-Arschloch.“
    „Ihr könnt mich alle mal!“
    +++

    Lesen Sie auch: Das Wiedersehen – Kapitel 1
    Das Wiedersehen
    Ein Interview mit Charles Bukowski für DieKolumnisten? Geht doch gar nicht, der ist doch tot? Natürlich geht das bei Henning Hirsch. (erschienen am 21. Jul 2017).

    Die beste Einstiegslektüre für Charles Bukowski ist sein Debütroman Post Office (dt. Der Mann mit der Ledertasche)